Bilingualismus in der Familie
Schriftliche Hausarbeit vorgelegt im Rahmen der ersten Staatsprüfung
für das Lehramt an Grund- Haupt- Realschulen und den entsprechenden
Jahrgangsstufen der Gesamtschule
im Fach Englisch von Melissa Naase
Paderborn, den 07.07.2008
Bilingualismus in der Familie _______________________________________
ii
Bilingualismus in der Familie
Bilingualismus in der Familie _______________________________________
iii
INHALTSVERZEICHNIS
ABBILDUNGSVERZEICHNIS ...- I -
0
EINLEITUNG ...- 1 -
1
VOR- UND NACHTEILE DER BILINGUALEN FAMILIE ...- 4 -
2
RAHMENBEDINGUNGEN FÜR BILINGUALISMUS ...- 9 -
3
DAS BILINGUALE MENTALE LEXIKON ...- 12 -
4
VERSCHIEDENE PRINZIPIEN ZUR BILINGUALEN ERZIEHUNG...- 18 -
4.
1 OPOL-/ Partnerprinzip ...- 19 -
4.
2 Familiensprache = Nicht-Umgebungssprache (mL@H) ...- 26 -
4.
3 Späte Zweisprachigkeit...- 28 -
4.
4 Künstliche Zweisprachigkeit ...- 29 -
4.
5 Zeit- und Raumprinzip...- 36 -
5
SCHLUSSBEMERKUNG ...- 38 -
6
LITERATUR ...- 45 -
Bilingualismus in der Familie _______________________________________
ii
ABBILDUNGSVERZEICHNIS
Abbildung 1: Die Iceberg-Analogie, aus: BAKER, Colin: A Parents' and
Teachers' Guide to Bilingualism, Multilingual Matters Ltd, 1995, S.48...- 12 -
Abbildung 2: Parent to child language use patterns, aus: BARRON-
HAUWAERT, Suzanne: Language Strategies for Bilingual Families, The One
Parent-One-Language Approach. 1. Aufl.- Parents and Teachers' Guides No.
7 : Multilingual Matters Ltd, 2004, S.16...- 20 -
Abbildung 3: Comparison of parent's and children's language levels, aus:
BARRON-HAUWAERT, Language Strategies for Bilingual Families, a.a.O.,
S.83...- 21 -
Abbildung 4: Strategy depending on age of child, aus: BARRON-
HAUWAERT, Language Strategies for Bilingual Families, a.a.O., S.181...- 39 -
Abbildung 5: Children's profiency compared to parental strategy, aus:
BARRON-HAUWAERT, Language Strategies for Bilingual Families, a.a.O.,
S.181...- 40 -
0. Einleitung
- 1 -
0 Einleitung
In dieser Arbeit geht es um die bilinguale Familie. Genauer wird dabei ein
Blick auf die Kinder geworfen, die von ihren Eltern zweisprachig erzogen wer-
den und auf die Strategien, die die Eltern hierbei anwenden.
In der heutigen Welt ist Bilingualismus sicher keine Ausnahme, doch
vor allem bei Sprechern von Weltsprachen wie Englisch ist Bilingualismus e-
her seltener. Schätzungsweise gibt es 6000 Sprachen auf der Welt (Crystal,
1997), doch nur 150 Länder.
1
Laut Fishman (1967) spricht über die Hälfte der
Weltbevölkerung mehr als eine Sprache, in Ländern wie Südafrika oder Indien
ist Bilingualismus die Regel und Monolingualismus die Ausnahme.
2
Hierfür
gibt es ethnische und politische Gründe oder geographische Mobilität.
Bevor ein näherer Blick auf Bilingualismus in der Familie geworfen wird,
muss zunächst einmal geklärt werden, was unter Bilingualismus überhaupt
verstanden wird.
Eine feste Definition, was Zweisprachigkeit genau ist, gibt es nicht. Der
amerikanische Linguist Bloomfield versteht darunter ,,native-like control of two
languages", was soviel heißt, wie beide Sprachen so zu beherrschen, als sei-
en sie die Muttersprache
3
. Doch diese Definition lässt nicht zu, dass eine
Sprache in manchen Bereichen stärker ist, als die andere. Der Grad der jewei-
ligen Sprachbeherrschung muss nicht so hoch sein, dass man beide Spra-
chen gleichmäßig beherrscht, aber auch nicht so niedrig, als dass man in ei-
ner Sprache nur Dinge ,,verstehen" kann passiv bilingual ist. Der Grad der
Sprachbeherrschung liegt dazwischen, wichtig ist jedoch, dass man sich sei-
ner Zweisprachigkeit bewusst ist und sich zu beiden Sprachen verbunden
fühlt.
4
So kann sich bei bilingual erzogenen Kindern ein bestimmter Sprachbe-
reich schneller oder langsamer entwickeln, als in der anderen Sprache, da
manche Bereiche in der einen Sprache komplizierter sind oder soziale oder
persönliche Vorlieben für den Gebrauch einer bestimmten Sprache vorliegen.
1
Vgl. HARDING-ESCH, Edith; RILEY, Philip: The Bilingual Family, A Handbook for Parents.
2. Aufl. : Cambridge University Press, S. 28.
2
Vgl. SAUNDERS, George: Bilingual Children: From Birth to Teens. 2. Aufl. : Multilingual
Matters, S. 1.
3
Vgl. Ebd., S. 7.
4
Vgl. KIELHÖFER, Bernd; JONOKEIT, Sylvie: Zweisprachige Kindererziehung. 10. Aufl. Tü-
bingen : Stauffenberg-Verl., 1998, S. 11.
0 Einleitung
- 2 -
Es gibt oftmals eine ,,starke" und eine ,,schwache" Sprache, wobei die starke
Sprache in der Regel die Sprache der Gesellschaft des Umfeldes ist. Die-
se Sprache ist die, die mehr gesprochen und gehört wird.
In dieser Arbeit wird Bilingualismus der nach Weinreich als ,,Die Praxis,
abwechselnd zwei Sprachen zu gebrauchen, soll Zweisprachigkeit heißen, die
an solcher Praxis beteiligten Personen werden Zweisprachig genannt",
5
ver-
standen. Diese Definition schließt die ,,natürliche Zweisprachigkeit" ein, näm-
lich die, in der die Kinder die zwei verschiedenen Muttersprachen ihrer Eltern
erlernen und die ,,künstliche Zweisprachigkeit", die später genauer beschrie-
ben wird.
Worauf in dieser Arbeit nicht eingegangen wird, ist die Zweisprachigkeit, wie
sie bei Immigranten vorhanden ist, bei denen die zweite Sprache eine Fremd-
sprache ist, die die Muttersprache ersetzt. Bei Immigranten wird somit Mono-
lingualismus durch neuen Monolingualismus ersetzt.
6
Zunächst einmal werden in dieser Arbeit die Vor- und Nachteile be-
schrieben, die eine zweisprachige Erziehung mit sich bringt und das mentale
Lexikon des bilingualen Kindes wird genauer erläutert, um Vorurteile näher zu
untersuchen und Sprachstörungen und Interferenzen im Sprachgebrauch zu
durchleuchten. Inwieweit sind Sprachmischungen bei Bilingualen normal?
Bevor verschiedene Prinzipien zur Zweisprachigkeit vorgestellt werden
und auf deren entsprechende Vor- und Nachteile eingegangen wird, werden
Rahmenbedingungen betrachtet, ohne die eine bilinguale Erziehung nicht
funktionieren kann. Bei den Prinzipien zur bilingualen Erziehung steht beson-
ders das Partner- bzw. OPOL-Prinzip, bei dem immer ein Elternteil mit dem
Kind genau eine Sprache spricht, im Vordergrund.
Ein weiteres Augenmerk liegt auf der Frage der ,,künstlichen Zweispra-
chigkeit", was bedeutet, dass in einem einsprachigen Elternhaus eine ,,natürli-
che Zweisprachigkeit" nachgeahmt wird.
7
Hierbei wird die Frage geklärt, ob
eine "künstliche Zweisprachigkeit" sinnvoll ist, welche Vor- oder Nachteile sich
aus eben dieser ergeben, und welche Erfahrungen von Eltern, die ihre Kinder
so erzogen haben, gemacht wurden. Hierbei wird besonders auf die bekannte
Studie von George Saunders eingehen, der seine Kinder englisch-deutsch-
5
Ebd., S. 11.
6
Vgl. SAUNDERS, From Birth to Teens, a.a.O., S. 40.
7
Vgl. KIELHÖFER et al., Zweisprachige Kindererziehung, a.a.O., S. 14.
0 Einleitung
- 3 -
zweisprachig erzieht obwohl Deutsch weder seine Muttersprache ist, noch die
seiner Frau.
Abschließend wird die Frage geklärt, welche Prinzipien der zweispra-
chigen Erziehung besonders erfolgreich sind und von Eltern gewählt werden
sollten. Welche Rolle spielen bei der Wahl des Prinzips äußere Bedingungen?
Gibt es die eine bestimmte Erfolgsstrategie für zweisprachige Kindererzie-
hung?
1 Vor- und Nachteile der bilingualen Familie
- 4 -
1 Vor- und Nachteile der bilingualen Familie
Der größte Vorteil der zweisprachigen Kindererziehung ist, dass die Kinder
spielend leicht die zweite Sprache erlernen, während andere Kinder später in
der Schule viel mehr Mühe dazu aufwenden müssen.
8
Sie lernen durch Spiel
und haben keine Angst Fehler zu machen.
9
Außerdem sollen sie sowohl
sprachgewandter und sprachinteressierter, flexibler, anpassungsfähiger und
sogar intelligenter sein als einsprachige Kinder.
10
Inwieweit dies Vorurteile
oder Tatsachen sind, stellt sich im Folgenden heraus.
Dass Kinder spielend und einfacher die zweite Sprache erlernen ist ein-
leuchtend, denn sie lernen über die Welt und wie Dinge funktionieren. Dabei
lernen sie die zweite Sprache fast von selber, da sie nicht auf das Erlernen
der Sprache an sich konzentriert sind. Im Gegensatz zu einem Erwachsenen
ist dies viel leichter, da der Erwachsene Sprache zu einem völlig anderen
Zweck benutzt, nämlich um Zustände zu beschreiben, nicht um sie zu begrei-
fen.
11
Generell weit verbreitet ist die Annahme, dass Kinder eine zweite Spra-
che leichter lernen können als Erwachsene. Einer der Hauptunterschiede ist,
dass Kinder noch über die Welt lernen und sich die Sprache dabei eher spie-
lend aneignen, um Dinge zu verstehen. Bei Erwachsenen hingegen geht es
um das Sprachlernen an sich. Sie stehen den Kindern darin nach, dass sie die
Aussprache nicht so akzentfrei beherrschen werden. Nach Rod Ellis (1995) ist
das akzentfreie Erlernen einer Sprache nur bis zum sechsten Lebensjahr
möglich, wenn die Sprache in ihrer normalen Umgebung dargeboten wird.
12
ist nach einer Studie aus dem Jahr 2001 von Hamers & Blanc das optimale
Alter um eine Sprache zu lernen bis zur Pubertät.
13
Festgehalten wird hier, dass es nicht schwerer, ist als Erwachsener
zweisprachig zu werden im Vergleich zum Kindesalter, da ältere Kinder oder
Erwachsene schon besser mit neuen Informationen umgehen können und
8
Vgl. KIELHÖFER, et al., Zweisprachige Kindererziehung, a.a.O., S. 9.
9
Vgl. BAKER, Colin: A Parents' and Teachers' Guide to Bilingualism. Multilingual Matters
Ltd, 1995, S. 39.
10
Vgl. KIELHÖFER et al., Zweisprachige Kindererziehung, a.a.O., S. 9.
11
Vgl. HARDING-ESCH et al., The Bilingual Family, a.a.O.,S. 6.
12
Vgl. BARRON-HAUWAERT, Suzanne: Language Strategies for Bilingual Families, The One
Parent-One-Language Approach. 1. Aufl.- Parents and Teachers' Guiedes No. 7 : Multilingual
Matters Ltd, 2004, S. 24.
13
Vgl. Ebd., S. 23.
1 Vor- und Nachteile der bilingualen Familie
- 5 -
bessere Gedächtnisstrukturen haben. Verglichen mit der Zeit, die sie benöti-
gen, um eine zweite Sprache zu erlernen, sind Erwachsene sogar effizienter.
Wobei sie sich schwerer tun ist Aussprache. Es fällt ihnen oftmals schwer,
zum Beispiel einen ganz neuen Laut zu adaptieren.
14
Als Nachteil der frühen Zweisprachigkeit ist die Befürchtung vieler El-
tern zu sehen, dass die Kinder keine der beiden Sprachen richtig erlernen,
oder überfordert sind. Das könnte dazu führen, dass die Kinder sprachlich
verspätet sind.
15
Dies wurde 1992 von den Forschern Pearson, Fernandez
und Oller widerlegt, die eine Studie an englisch-einsprachigen Kindern und
Englisch-Spanisch-zweisprachigen Kindern im Alter von 8 bis 30 Monaten
durchführten. Hierbei wurden die Eltern jeweils befragt, welche Ausdrücke und
Wörter ihre Kinder schon kannten und dabei stellten sie fest, dass die bilin-
gualen Kinder genauso schnell lernten wie die monolingualen.
16
Hierbei ist zu
bedenken, dass nur das mentale Lexikon der Kinder überprüft wurde und kei-
ne grammatischen Strukturen.
Oftmals ist die schwache Sprache ein wenig lückenhaft. Die Kinder stottern,
es kommt zu Sprachmischungen. Dies ist kein Nachteil des Bilingualismus
selbst. Viel eher stellt sich die Frage, ob die wichtigsten Spracherziehungs-
prinzipien eingehalten wurden, die im Folgenden beschrieben werden.
Sprachmischungen sind außerdem heutzutage gut erforscht und wie Meisal
(1994) herausstellte, kein Zeichen von verspäteter Sprachentwicklung. Mitt-
lerweile befassen sich fast alle Fallstudien mit Sprachmischungen und es
wurde gezeigt, dass fast alle zweisprachig aufwachsenden Kinder durch eine
solche Phase gehen. Sprachmischungen entstehen oftmals unabsichtlich, da
Kinder das bestimmte Wort in der einen Sprache nicht kennen, es in der an-
deren Sprache ähnlich ist, oder es sich in der anderen Sprache einfacher
aussprechen lässt.
17
Die Fälle der Sprachmischungen werden im Kapitel 3
beschrieben.
Viele Eltern haben die Befürchtung, dass eine doppelte Halbsprachig-
keit (Semilingualismus) eintritt. Besonders bei Migranten ist dies zu beobach-
ten, wenn ein qualitativer und quantitativer Sprachkontakt nicht gegeben ist
14
Vgl. BAKER, A Parents' and Teachers' Guide to Bilingualism, a.a.O., S. 40f.
15
Vgl. KIELHÖFER et al., Zweisprachige Kindererziehung, a.a.O., S. 9.
16
KING, Kendall; MACKEY, Alison: The Bilingual Edge: Why, When, and How to Teach Your
Child a Second Language, 1. Aufl. : Collins, S. 208.
17
Vgl. BARRON-HAUWAERT, Language Strategies for Bilingual Families, a.a.O., S. 10f.
1 Vor- und Nachteile der bilingualen Familie
- 6 -
oder ein mangelndes Sozialprestige mit der Sprache verknüpft ist. Doch die-
ses Beispiel ist nicht auf den Bilingualismus übertragbar, da die psychosozia-
len Faktoren zu stark abweichen.
18
Aspekte für gute Vorraussetzungen der
erfolgreichen zweisprachigen Erziehung werden im Folgenden beschrieben.
Laut Wieczerkowski und Weinreich gehen die Nachteile der Zweispra-
chigkeit soweit zurück, dass zweisprachige Kinder phantasielos und gefühls-
arm sind, einen niedrigeren Intelligenzquotienten haben als Einsprachige,
Minderwertigkeitsgefühle oder gespaltene Persönlichkeiten entwickeln. Doch
dies sind Vorurteile, da sich keine empirische Basis dafür findet.
19
Sicherlich
gibt es trotzdem nicht nur Vorteile für die bilinguale Familie, sondern auch
Nachteile. In besonderem Interesse steht hierbei der Intelligenzquotient bilin-
gualer Kinder.
Im Jahr 1923 führte Saer in Wales eine Studie durch, in der er 1400
Kinder im Alter zwischen sieben und elf auf ihren Intelligenzquotienten über-
prüfte. Die Kinder waren alle zweisprachig mit Englisch und Walisisch und die
Ergebnisse wurden in die Gruppen ,,städtische Region" und ,,ländliche Region"
eingeteilt.
Stadt
Ländliche Region
Einsprachige Kinder
99
96
Zweisprachige Kinder
100
86
Tabelle 1: Intelligenzquotienten der Kindergruppen in Bezug zu Wohnort, aus:
SAUNDERS, George, S.15ff.
Wo sich der Intelligenzquotient von Stadtkindern mit einem Durchschnittswert
von 99 bei Einsprachigen und 100 bei Zweisprachigen kaum unterscheidet,
fällt der IQ von Kindern in ländlichen Regionen, die zweisprachig erzogen
wurden, deutlich niedriger aus als bei ihren einsprachigen Altersgenossen.
20
Nun könnte davon ausgegangen werden, dass Wieczerkowski und
Weinreich mit ihrer These Recht hatten, dass bilinguale Kinder nicht so intelli-
gent sind wie monolinguale, doch es lässt sich vermuten, dass die bilingualen
Kinder aus den ländlichen Regionen weniger Kontakt mit der zweiten Sprache
18
Vgl. KIELHÖFER et al., Zweisprachige Kindererziehung, a.a.O., S. 91f.
19
Vgl. Ebd., S. 11.
20
Vgl. SAUNDERS, From Birth to Teens, a.a.O., S. 15ff.
0 Kommentare