2
Gliederung
Einleitung 3
1 Bedeutung von Aufgaben für den Mathematikunterricht. 5
1.1 Funktionen von Aufgaben 5
1.2 Aufgabenkonstruktion 5
2 Kriterien für gute Aufgaben 7
2.1 Ebene der Didaktik 9
2.2.1 Inhaltsbezogen mathematische Kompetenzen 12
2.2.2 Allgemeine mathematische Kompetenzen 12
2.2 Ebene der Zielgruppenanalyse. 14
2.2.1 Analyse der Klasse 14
2.2.2 Analyse des Schülers. 16
2.2.2.1 Analyse des aktuellen Leistungsstandes 18
2.2.2.2 Analyse der Zone der nächsten Entwicklung. 19
2.3 Ebene der Methoden 20
3 Studie zur Vorgehensweise von Kindern beim Lösen
ausgew ählter Aufgaben 22
3.1 Planung der Studie 22
3.2 Gute Aufgaben: Studie zur Vorgehensweise von Kindern beim Lösen
ausgew ählter Aufgaben. 27
3.2.1 Aufgabe für Paul 27
3.2.2 Aufgabe für Ilhami und Roland 31
3.2.3 Tandemübung. 35
3.2.4 Aufgabe für Mehmet 38
3.2.5 Aufgabe für Leon, Maria, Robert und Lena 44
3.2.6 Klassenaufgabe. 52
3.2.7 Schreibgespräch. 59
4. Auswertung der Studie 64
Literaturverzeichnis 70
Einleitung
Beschäftigt man sich mit der Qualität von Mathematikaufgaben, so wird man schnell erkennen, dass es die gute, herausfordernde oder spannende, aber auch die schlechte Aufgabe de facto nicht geben kann. Ihre Existenz scheitert allein an der Individualität ihrer Empfänger und an deren unterschiedlichen Kompetenzen. Diese Tatsache ist jedoch nur Spiegelung des allgemeinen Problems, dass „Lehren“ nicht in der Weise als aktiver Vorgang verstanden werden kann, bei welchem einer Aktion der Lehrperson eine zu erwartende oder einschätzbare Reaktion des Lernenden folgt. „Lernen ist eine aktive Tätigkeit, die vom Lernenden immer nur selbst vollzogen werden kann und insofern durch Lehren nicht zu erzwingen ist. Lernen findet selbstverständlich auch ohne Lehren statt; umgekehrt wird dort wo gelehrt wird, nicht automatisch schon im intendierten Sinne gelernt“ (TERHART 2005, S. 132). Definiert man „Lehren“ als das Bereitstellen von Lernmöglichkeiten, die jeder Schüler 1 subjektiv wahrnimmt, zerfällt eben jenes Bild des „Nürnberger Trichters“, welches der Tätigkeit des Lehrens jene oben beschriebene Aktivität suggeriert.
Die von TERHART erarbeitete Definition von Lernen gilt es bei der Konstruktion von Aufgaben zu berücksichtigen. Ein und dieselbe Aufgabe kann für unterschiedliche Schüler gleichermaßen gut wie schlecht sein, abhängig von der Tatsache, ob und inwiefern sie dem einzelnen Schüler Lernmöglichkeiten bietet. Deshalb ist nach RUWISCH die Eigenschaft gut nicht Kennzeichen einer Aufgabe, sondern der „Beziehung von Aufgabenstellung und Problemlösenden“ (RUWISCH 2003, S. 5). In der praktischen Realisierung würde dies im idealen Falle eine didaktische und methodische Anpassung einer Aufgabe auf die Kompetenzen jedes einzelnen Schülers zur optimalen Steigerung von Lernqualität bedeuten - eine nahezu unausführbare Vorstellung, da jeder Schüler somit Anspruch auf Aufgaben hätte, die individuell auf seine Fähigkeiten abgestimmt wären. Dies könnte an mehreren Faktoren scheitern. 2 Vielmehr bedeutet es beim Auswählen oder Anfertigen
1 Gemeint sind Schülerinnen und Schüler. Aus Gründen der Leseflüssigkeit soll in dieser
Arbeit ausschließlich die männliche Form gewählt werden. Dies gilt auch für „Lehrerinnen“
und „Lehrer“.
2 Unter anderem an personellen, zeitlichen und organisatorischen Faktoren.
Einleitung 4
von Mathematikaufgaben dem Schüler möglichst viele Chancen für die Entwicklung von Beziehungen zum mathematischen Inhalt zu bieten, auch wenn die Rezeption nicht garantiert ist. Der zuvor genannten Definition von „Lehren“ würde man jedoch gerecht bleiben.
In dieser Arbeit ist die Bezeichnung „gut“ nicht zwangsläufig gleichbedeutend mit „herausfordernd“ oder „spannend“. Das Adjektiv muss auch nicht unbedingt beschreiben, dass Aufgaben, die dieses Qualitätsmerkmal erhalten, einer „neuen Aufgabenkultur“ entstammen. Es verdeutlicht lediglich, dass solche Aufgaben einem Schüler Lernmöglichkeiten anbieten. Das kann unter gewissen Umständen auch eine banal wirkende Aufgabe leisten. Ein adäquates Synonym für „gut“ wäre demnach „geeignet“ oder „passend“. Im ersten Kapitel dieser Arbeit analysiere ich die Bedeutung von Aufgaben für den Mathematikunterricht. Darin inbegriffen ist das Konstruieren von Aufgaben als „Lehrerhandwerk“, sowie die Forderung nach einem Konzept, das einen strukturierten Einsatz von Aufgaben in einer Klasse rechtfertigt. Einen eigenen Vorschlag für ein mögliches Konzept mit dem Titel „Gute Aufgaben“ möchte ich im zweiten Kapitel vorstellen. Dabei werden auf drei zu berücksichtigenden Ebenen der Aufgabenkonstruktion Kriterien genannt, die das Erreichen von Lernzielen gewährleisten sollen. Wie Schüler mit Aufgaben, basierend auf meinen Überlegungen, vorgehen, die nach dem vorgestellten Konzept konstruiert wurden, und inwiefern dieses in der Praxis tragfähig ist, soll in einer empirischen Studie untersucht werden. Diese möchte ich im dritten Kapitel vorstellen und im vierten Kapitel auswerten.
1 Bedeutung von Aufgaben für den Mathematikunterricht
1.1 Funktionen von Aufgaben
Aufgaben sind das zentrale Medium, über das Kinder die Mathematik im Unterricht erfahren. Gleichwohl dienen sie dem Lehrer als Instrument, mit dessen Hilfe er die Schüler animieren kann, gesetzte Lernziele zu erreichen. Die Frage nach der Bedeutung von Aufgaben im Mathematikunterricht ist demnach davon abhängig zu machen, welche Zwecke sie erfüllen sollen. Im Groben lassen sich hierbei zwei Funktionsfelder unterscheiden, die Aufgaben bedienen können; lernen und leisten (vgl. BLUM 2006, S. 82f oder BÜCHTER 2005, S. 9).
In Lernsituationen soll der Schüler mathematische und allgemeine Kompetenzen entwickeln, die in Leistungssituationen überprüft und bewertet werden (vgl. BLUM 2006, S. 82). In ersteren gilt es, Lernwege zu ergründen. Das Begehen von Fehlern und deren Korrektur ist hierbei fester Bestandteil des Kompetenzerwerbs. In Leistungssituationen muss der Schüler Gelerntes durch sicheres Anwenden unter Beweis stellen und dabei Fehler vermeiden. Aufgaben für das Lernen mathematischer Fähigkeiten sind beispielsweise solche, die dem Erkunden, Entdecken und Erfinden, dem Sammeln, Sichern und Systematisieren oder dem Üben, Vernetzen und Wiederholen dienlich sind. Erfüllen Aufgaben Funktionen der Diagnose von Fähigkeiten und Vorstellungen oder der Überprüfung von Leistungen, sind sie hingegen dem Bereich der Leistungssituation zuzuordnen (vgl. BLUM 2006, S. 82f).
1.2 Aufgabenkonstruktion
Schulbücher, eigene oder von Kollegen gesammelte Materialien, aber auch zunehmend das Internet bieten Lehrern einen großen Fundus an Aufgaben, die für den Mathematikunterricht Verwendung finden können. Die Auswahl, Abänderung oder Kreation von Aufgaben sollte für den Einsatz im
Mathematikunterricht nicht gedankenlos erfolgen. Denn der konzeptlose Gebrauch vorgefertigter Aufgaben lässt das Erreichen erwarteter Lernziele, insbesondere bei rechenschwächeren Schülern, mit aller Wahrscheinlichkeit fehlschlagen. Jede Klasse und alle in ihr befindlichen Kinder sind in punkto Lerngeschichte, Lern- und Leistungsvermögen, Lernbereitschaft, Lerntempo und Lerngewohnheiten einzigartig. Diese Umstände werden bei dem planlosen Gebrauch vorgefertigter Aufgaben nicht berücksichtigt. Aus diesem Grund umfasst der beschriebene konzeptlose Einsatz auch das mechanische Abarbeiten eines Schulbuches.
Die Profession des Lehrers besteht darin, Aufgaben methodisch und didaktisch den Klassen- und Schülerbesonderheiten entsprechend anzupassen und diesen somit gerecht zu werden. BÜCHTER bezeichnet in diesem Zusammenhang die Aufgabenkonstruktion, bzw. „die individuelle Erarbeitung guter Aufgaben“ als das „Handwerk“ des Lehrers (BÜCHTER 2005, S. 14f). „Aufgaben sind also die Steilvorlage für gelingendes, variantenreiches Lernen in einem guten Unterricht“ (Büchter 2005, S. 14). Aus diesem Zitat ergibt sich, dass der richtige Einsatz von Mathematikaufgaben auch in gewisser Weise die Qualität des Unterrichts beeinflusst. Es unterstreicht nochmals die Forderung nach einem Konzept, nach dem Aufgaben unter Berücksichtigung verschiedener Kriterien den Klassen- und Schülerbesonderheiten, sowie den Inhalten und Zielsetzungen entsprechend ausgewählt, angepasst oder kreiert werden müssen, um erwähnte „Steilvorlagen“ auch erfolgreich nutzen zu können. Die drei genannten Tätigkeiten sollen im Folgenden unter dem Begriff der Aufgabenkonstruktion zusammengefasst werden.
Kriterien für gute Aufgaben 7
2 Kriterien für gute Aufgaben „Wofür soll das gut sein?“
Nicht selten hinterfragen Schüler den Sinn eines mathematischen Themas. Als Lehrer auf diese Frage keine adäquate Antwort zu kennen, kann verheerende Auswirkungen auf die Motivation der Schüler haben, die eine solche Frage zumeist mit Erwartungshaltungen bezüglich einer klärenden Antwort stellen. Grundlage, jeder die Gestaltung von Unterricht betreffenden Überlegung, sind die Intention und die zu ihr passenden Inhalte. KLAFKI fordert dies mit dem Satz vom so genannten „Primat der Didaktik“ (vgl. KLAFKI 1971, S. 70f). Basis jeder Unterrichtsplanung ist die Frage, wozu Schüler durch den Unterricht befähigt werden sollen und welche Ziele dieser verfolgt. Diese Überlegungen umfassen nicht allein das Erwerben mathematischer, sondern auch weiterer Kompetenzen, wie beispielsweise das Erlernen von Verhaltensformen oder Lernstrategien.
Die einleitend genannte Frage „Wofür soll das gut sein?“ verdeutlicht mit der Verwendung des Wortes „gut“, dass sie eine Frage nach Qualität ist. Anders formuliert könnte sie heißen: „Inwiefern werde ich als Schüler durch den Unterricht zu etwas befähigt?“ Sie zielt explizit auf die oben genannten didaktischen Überlegungen ab und verdeutlicht auch das Interesse der Schüler an diesen.
Möchte man sich nun mit der Frage beschäftigen, welche Kriterien Aufgaben im Mathematikunterricht erfüllen müssen, um das Qualitätsmerkmal gut zu erhalten, ist dies eng verbunden mit der einleitend gestellten Schülerfrage, wofür sie gut sein sollen.
Nachdem die Lernziele bestimmt worden sind, gilt es, den Stand der Lernenden zu untersuchen. Alle weiteren Schritte bauen auf einer Analyse der Klasse und des Schülers als Individuum dieses sozialen Gebildes auf. WITZENBACHER unterscheidet bei der Analyse der Lernfähigkeit zwischen „Lernstand (Vorwissen und -können), der durch physisch-psychische
Kriterien für gute Aufgaben 8
Konstitution und Entwicklung bedingte sowie durch den bisherigen Unterricht erworbene Lernstil, die Lerngewohnheiten und das Lerntempo“ (WITZENBACHER 1994, S. 62).
Möchte man sich nun mit der Frage beschäftigen, welche Kriterien Aufgaben im Mathematikunterricht erfüllen müssen, um das Qualitätsmerkmal gut zu erhalten, ist dies eng verbunden mit Frage, wie gut sie an die jeweilige Zielgruppe angepasst ist und diese anzusprechen vermag. Wenn man die Lernziele gesetzt und die Klassen- und Schülersituation analysiert hat, hat man -metaphorisch gesprochen- Ziel und Start festgelegt. Nun gilt es Wege zu schaffen, welche diese miteinander zu verbinden im Stande sind. Es müssen mit Hilfe der Erkenntnisse aus den vorangestellten Analysen folgerichtige Schlüsse gezogen und Begegnungen von Inhalt und Schüler arrangiert werden. Dabei werden Interessen am Lerngegenstand entfacht, „kurzum: Lernprozesse in Gang setzt(en).“ (WITZENBACHER 1994, S. 92)
Möchte man sich nun mit der Frage beschäftigen, welche Kriterien Aufgaben im Mathematikunterricht erfüllen müssen um das Qualitätsmerkmal gut zu erhalten, ist dies eng verbunden mit der Frage, wie gut die methodische Konzeption der Aufgabe den Schüler an die ausgewählten Inhalte und Lernziele führen kann.
Es gibt demnach drei Wirkungsebenen, unter deren Berücksichtigung eine Aufgabe den Bedingungen entsprechend abgestimmt werden muss; die Ebene der Didaktik, der Zielgruppenanalyse und der Methode. Alle drei Ebenen gut bedienen zu können muss eine Aufgabe zu leisten im Stande sein, um auch im Generellen das Prädikat gut zu verdienen. Um den engen Bezug der einzelnen Ebenen zueinander zu verdeutlichen, soll nochmals auf die Start-Weg-Ziel Metapher hingewiesen werden, da sie das Zusammenspiel bei einer sinnvollen Aufgabenkonstruktion der drei Ebenen veranschaulicht. Will man innerhalb eines begrenzten zeitlichen Rahmens ein bestimmtes geographisches Ziel erreichen, muss man dieses zuerst ausfindig machen,
Kriterien für gute Aufgaben 9
beispielsweise durch das Verwenden einer Landkarte. Anschließend gilt es den Ort des Starts festzulegen und die Art des Reisens zu wählen. Hierbei muss beispielsweise ein Fahrradfahrer nach anderen Wegen suchen, die vom Ausgangspunkt zum Zielort führen, als ein Pkw-Fahrer oder ein Fußgänger beispielsweise. Die Beachtungen aller Bedingungen ist Vorraussetzung für das sichere Erreichen des Zieles. 3
Es obliegt also dem Lehrer, für seine Schüler Standorte zu bestimmen (Zielgruppenanalyse, Leistungsdiagnose), anhand einer Landkarte (evtl. Rahmenplan, Bildungsstandards) Ziele (Lernziele) festzulegen und geeignete Reisemöglichkeiten (Methoden) zu wählen.
Demnach zeigt die Metapher, dass es der pädagogischen Verantwortung des Lehrers unterliegt, das Erreichen gewisser Ziele für die Schüler zu planen, zu gestalten und zu realisieren. In manchen Unterrichtsmodellen wird diese Verantwortung partiell an den Schüler übergeben, z. B. durch die Verwendung von Lerntagebüchern oder Portfolios, in welchen über eigene Lernfortschritte und Defizite reflektiert werden soll. Dies beeinflusst allerdings nicht die Tatsache, dass die Konstruktion geeigneter Aufgaben, die jene Ziele erreichbar machen, in allen Fällen zum Tätigkeitsbereich des Lehrers zählt. Die drei dafür zu berücksichtigenden Ebenen, die Ebene der Didaktik, der Zielgruppenanalyse und der Methode, sollen im Folgenden genauer beschrieben werden.
2.1 Ebene der Didaktik
Die Didaktik beschäftigt sich mit der Frage „wer was wann mit wem wo wie womit warum und wozu gelernt hat“ (JANK/MEYER 1994, S. 16). Diese Auslegung soll die zum Teil verbreitete Definition berichtigen, der zufolge sich Didaktik lediglich um die Frage nach dem „Was?“ des Unterrichts beschäftige, während Methodik der Frage nach dem „Wie?“ nachgehe. Methodik ist demnach eine Dimension der Didaktik.
3 Die Verwendung dieser geographischen Metapher in ähnlicher Form lässt sich auch in
Phrasen wie „Wer nicht weiß, wohin er will…“ (WITZENBACHER S. 77) oder „den Schüler da
abholen, wo er steht“ wieder finden.
Kriterien für gute Aufgaben 10
Didaktische Prinzipien sind „durchgängige Leitvorstellungen des Lernen und Lehrens“, die Organisation und Inhalte des Unterrichts „in allen Phasen“ rechtfertigen (KRAUTHAUSEN 2003, S. 122). Didaktische Prinzipien können niemals „dogmatische Bedeutung“ (OEHL 1965, S. 42) erreichen, da sie Erkenntnissen aus „lernpsychologischen und erkenntnistheoretischen Theorien“ entstammen, die unterschiedlichen Veränderungen 4 unterliegen (KRAUTHAUSEN 2003, S. 122). Verschiedene didaktische Leitvorstellungen stehen sich allerdings nicht unbedingt kontrovers entgegen, oftmals ergänzen sie sich. Es ist letztendlich der Entscheidung des Lehrers überlassen, Unterrichtskonzeptionen unter Berücksichtigung der jeweils am sinnvollsten erscheinenden didaktischen Prinzipien anzulegen.
Verbindlich für den Unterricht 5 sind allerdings die jeweiligen Lehrpläne der Bundesländer. Der Rahmenplan für die Grundschule in Hessen beispielsweise nennt auf insgesamt achtundzwanzig Seiten fachdidaktische Grundsätze des Mathematikunterrichts, sowie dessen Inhalte und Ziele, welche den Arbeitsbereichen Mengen und Zahlen, Größen und Geometrie zugeordnet sind (vgl. Rahmenplan Grundschule- Hessen 1995, S. 144-172). Die im Schuljahr 2005/2006 landesweit eingeführten Bildungsstandards haben aufgrund ihrer noch jungen Geschichte einen sehr aktuellen didaktischen und somit auch mathematikdidaktischen Bezug zur heutigen Unterrichtsrealität, in der sie mehr und mehr Berücksichtigung finden. Sie legen für den Mathematikunterricht die Kompetenzen fest, die Schüler mit Abschluss der vierten Jahrgangsstufe erreicht haben sollen (vgl. WALTHER 2007, S. 18f). Der Rückschluss, dass die Entstehung der Bildungsstandards auch die Geburtsstunde der Frage nach konkret formulierten Bildungszielen darstellt, ist jedoch falsch. Die Forderung nach zentralen mathematischen Ansprüchen kann in der Mathematikdidaktik auf eine längere Geschichte zurückblicken. Bereits 1975 forderte WINTER, allgemeine Lernziele für den Mathematikunterricht einzuführen. Verwirklicht wurde diese Forderung zuerst 1985 in dem Lehrplan für die Grundschule in Nordrhein Westfalen, dann folgten Lehrpläne in weiteren Bundesländern Realisierung fand (ebd. S. 24).
4 z. B. gesellschaftlich oder geschichtlich.
5 Und daraus resultierend auch für die Aufgabenkonstruktion.
Kriterien für gute Aufgaben 11
Die in den Bildungsstandards formulierten Leitideen sind folglich nicht als unbedingt neu zu betrachten. Sie entstanden bereits in einer schon lange geführten mathematikdidaktischen Auseinandersetzung und wurden zum Teil „direkt“, zum Teil „modifiziert“ aus dieser übernommen (ebd. S. 25). Fortschrittlich jedoch ist, dass diese auf administrativer Ebene formuliert wurden und somit landesweit konkreten Einzug in den Mathematikunterricht gefunden haben. Daher ist die Berücksichtigung der Bildungsstandards bei der Konstruktion von Mathematikaufgaben in heutiger Unterrichtswirklichkeit unablässig.
„Auftrag der Grundschule ist die Entfaltung grundlegender Bildung. Sie ist Basis für weiterführendes Lernen und für die Fähigkeit zur selbständigen Kulturaneignung. Dabei ist die Förderung der mathematischen Kompetenzen ein wesentlicher Bestandteil dieses Bildungsauftrags“ (KMK 2004, S. 6; Hervorhebung SB). Die vorgenommenen Hervorhebungen sollen die primäre Zielsetzung des Mathematikunterrichts in der Grundschule akzentuieren, nämlich die Vermittlung mathematischer Grundbildung, die dem Schüler als Basis für weiterführendes Lernen dient und ihn zur selbständigen Kulturaneignung befähigt. Dies geschieht im Einzelnen durch die Förderung der mathematischen Kompetenzen. Hierbei unterscheiden die
Bildungsstandards zwischen allgemeinen mathematischen Kompetenzen und inhaltsbezogenen mathematischen Kompetenzen, sie betonen jedoch den engen Bezug beider Bereiche zueinander.
Wohl wissend, dass allgemeine mathematische und inhaltliche mathematische Kompetenzen auf den Ebenen der Didaktik, der Methodik und der Zielgruppenanalyse wirken 6 , sollen sie im Expliziten in diesem Kapitel ausführlich dargestellt werden. Dies liegt darin begründet, dass das Wissen über allgemeine und inhaltliche mathematische Kompetenzen für das Erstellen von Lernzielen unablässig ist. Die Frage nach Lernzielen wiederum ist im Konkreten der Didaktik zuzuordnen und übernimmt bei der Konstruktion von Mathematikaufgaben eine elementare Rolle.
6 Beispielsweise fordern Aufgaben die Kompetenz des Problemlösens nur dann, wenn der
Schüler das beschriebene Problem auch wirklich als ein solches wahrnimmt, was die Wirkung
der Kompetenzen auf die Ebene der Zielgruppenanalyse zeigen würde.
Kriterien für gute Aufgaben 12
2.2.1 Inhaltsbezogen mathematische Kompetenzen
Um oben genannte Zielsetzung besser erreichbar zu machen, wurden nicht die traditionellen, zusammenhangslos erscheinenden, mathematischen Sachgebiete Mengen und Zahlen, Geometrie, und Größen, sondern die in ihnen implizierten „zentralen Leitideen“ formuliert, da diese „untrennbar aufeinander bezogen“ sind (KMK 2004, S. 6). Die Schüler sollen das vernetzte Wesen der Mathematik erkennen, was die Nachhaltigkeit des Lernens zu gewährleistet. Die inhaltsbezogenen mathematischen Kompetenzen orientieren sich an fünf zentralen Leitideen, denen eine „fundamentale Bedeutung“ für den Mathematikunterricht zugesprochen wird (KMK 2004, S. 8):
Zu den einzelnen Leitideen und von diesen entnommen werden die inhaltsbezogenen mathematischen Kompetenzen formuliert, wie beispielsweise für die Leitidee Raum und Form die Kompetenzen „sich orientieren im Raum“, „geometrische Figuren erkennen, benennen und darstellen“, „einfache geometrische Abbildungen erkennen, benennen und darstellen“ und „Flächen-und Rauminhalte vergleichen und messen“ (vgl. KMK 2004, S. 10).
2.2.2 Allgemeine mathematische Kompetenzen
„Allgemeine mathematische Kompetenzen zeigen sich in der lebendigen Auseinandersetzung mit Mathematik und auf die gleiche Weise, in der tätigen Auseinandersetzung, werden sie erworben.“ (KMK 2004, S. 7) Demnach resultiert bereits aus der Beschäftigung des Schülers mit einer allgemeinen mathematischen Kompetenz deren Förderung. Die Bildungsstandards nennen fünf Kompetenzen, welche in diesem Zusammenhang eine tragende Rolle spielen:
Kriterien für gute Aufgaben 13
Problemlösen 7
Die allgemeine mathematische Kompetenz des Problemlösens wird in den Bildungsstandards durch die drei folgenden Unterpunkte konkretisiert: Mathematische Kenntnisse, Fertigkeiten und Fähigkeiten bei der Bearbeitung problemhaltiger Aufgaben anwenden; Lösungsstrategien entwickeln und nutzen; Zusammenhänge erkennen, nutzen und auf ähnliche Sachverhalte übertragen.
Problemlöseaufgaben charakterisieren sich dadurch, dass der Schüler für deren Bearbeitung keine adäquaten schematisierten Lösungsverfahren anwenden kann. Er muss anhand bestehender Kenntnisse, Fertigkeiten und Fähigkeiten selbständig Strategien zum Lösen des Problems entwickeln und diese auf ihre Tauglichkeit prüfen.
BLUM nennt in diesem Zusammenhang sechs Prinzipien, die beim Lösungsversuch Verwendung finden können; das Zerlegungsprinzip („In welche Teilproblem lässt sich das Problem zerlegen?“), das Analogieprinzip („Habe ich ähnliche Probleme bereits gelöst?“), das Vorwärtsarbeiten („Was lässt sich alles aus den gegebenen Daten folgern?“), das Rückwärtsarbeiten („Was wird benötigt, um das Gesuchte zu erhalten?“), das systematische Probieren 8 und die Veranschaulichung durch eine mathematische Figur, Tabelle oder Skizze (vgl. BLUM 2006, S. 39). Wichtig bei der Bearbeitung von Problemlöseaufgaben ist, dass die Schüler tatsächlich eigene
7 Anstatt die enge Beziehung der fünf genannten allgemeinen mathematischen Kompetenzen
zueinander darzulegen, soll aus ökonomischen Gründen lediglich eine Kompetenz
exemplarisch, aber in ausreichender Länge, erläutert werden.
8 BÜCHTER unterscheidet zusätzlich auch das ungerichtete Probieren.
Kriterien für gute Aufgaben 14
Entscheidungsgewalt über die Wahl ihrer Lösungsstrategie besitzen und nicht vom Lehrer gelenkt oder gegängelt werden. Offenheit ist somit wichtiger Bestandteil einer Problemlöseaufgabe (vgl. BÜCHTER 2005, S. 30). Das selbstständige Lösen eines Problems lässt Zusammenhänge zwischen dem mathematisch Bekannten und dem neu zu erlernenden Sachverhalt erkennen und schafft somit kognitive Vernetzungen.
Der Wert unterschiedlicher Lösungsansätze sollte jedoch von den Schülern erkannt werden, was die Unablässigkeit einer Reflektion über verwendete Heuristiken als festen Part des Problemlösens rechtfertigt. Zwischenfazit:
Mathematikaufgaben und deren Konstruktion unterliegen auf der didaktischen Ebene den jeweils administrativen Anforderungen. Inwiefern man Aufgaben, die den Anforderungen des Rahmenplans und der Bildungsstandards gerecht werden, auf der didaktischen Ebene als gut bezeichnen kann, unterliegt der Frage, ob und inwiefern diese Anforderungen im Allgemeinen als gut bezeichnet werden können. 9 Deshalb muss an dieser Stelle auf deren Qualität vertraut werden.
Demnach gelten Aufgaben auf didaktischer Ebene als gut, bei deren Konstruktion die vom Rahmenplan und von den Bildungsstandards beschriebenen Ziele 10 berücksichtigt werden.
2.2 Ebene der Zielgruppenanalyse 11
2.2.1 Analyse der Klasse
Eine Klasse kann im Hinblick auf den jeweiligen Lerngegenstand u. a. anhand folgender Kriterien untersucht werden: Größe, Zusammensetzung,
9 Eine Frage, der in dieser Arbeit nicht nachgegangen werden kann.
10 Im Konkreten die Förderung der inhaltsbezogenen und allgemeinen mathematischen
Kompetenzen.
11 Bei dieser Analyse richten sich Überlegungen auf die Zielgruppe von Mathematikunterricht
und -aufgaben. Diese umfasst nicht nur die Schüler im Einzelnen, sondern auch die Klasse als
soziales Gebilde, weshalb ich beide Bereiche in diesem Kapitel behandeln möchte.
Arbeit zitieren:
Sebastian Bäcker, 2008, Gute Aufgaben im Mathematikunterricht der Grundschule , München, GRIN Verlag GmbH
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