Zur Freude von engagierten Aufklärern wie Gotthold Ephraim Lessing, der sich an der ersten national angelegten, so genannten „Hamburger“ Theaterreform versuchte und scheiterte, bietet das Theater der heutigen Zeit Vorzüge, von denen die Reformer des ausklingenden 18.Jahrhunderts nicht einmal zu träumen wagten.
Ein von staatlicher Zensur befreites, von der öffentlichen Hand sogar unterstütztes dauerhaftes Engagement von Schauspielensembles mit festem Publikum und Repertoire, wie es heutzutage in jeder mittleren Großstadt üblich ist, war in einer Zeit undenkbar, in der das Hoftheater des Feudaladels und wandernde Laientruppen die traditionelle Form der deutschen Bühnenkunst darstellten. In anderen europäischen Ländern war man bereits weiter, aber die fehlende nationale Einheit der zersplitterten deutschen Fürstentümer erschwerte es den reformorientierten Aufklärern und Bildungsbürgern, diesen Mangel in der Kulturlandschaft zu beheben. Auch von der mächtigen Kirche war für die freie Ausübung der Bühnenkunst kaum Hilfreiches zu erwarten.
In dieser gesellschaftlichen Ausgangssituation entschloss sich der Philosoph und Literat Karl Philipp Moritz (1756-1793) zu einem neuartigen Romanansatz. Mit seinem umfangreichen Hintergrundwissen, einer kenntnisreichen Mischung aus Literaturtheorie sowie pädagogischem und politischem Wissen gelingt es dem Verfasser, die eigene Biographie zu verarbeiten und mit dem vierbändigen „Anton Reiser“ einen „Versuch des Künstlerromans“ 1 zu schaffen. In dessen Verlauf wird von der Konfrontation eines künstlerischen und begabten jungen Menschen mit der kalten Rationalität der Alltagswirklichkeit und seiner Suche nach einer erfüllten, besseren Existenz erzählt. Die eigene Lebenserfahrung bringt Moritz auch in die Kommentare des Erzählers ein, der zu Beginn jedes Romanbandes die momentane Lage der Hauptfigur kurz darstellt und dem Leser mit einer kritischen Beurteilung zur differenzierten Betrachtung dient. Diese Möglichkeit selbstreflexiver Literatur, sich als Autor auf unterschiedliche Arten einzubringen, wird von den Bearbeitern missachtet, die den „Anton Reiser“ als rein autobiographisches Werk deuten und eine Identität von Moritz und Reiser hinein interpretieren.
Reisers Kindheit: Grundlegung der Theaterleidenschaft
In meiner Analyse des Zusammenhangs von Theater und Bildung gehe ich von einer klaren Trennung des Titelhelden und seines Schriftstellers aus. Jener teilt mit seiner Figur die
1 Marcuse S.24
2
genossene pietistische Erziehung, die spätere Vorliebe für Theater und das Reisen und sein künstlerisches Lebensgefühl, das in jungen Jahren zur Entfaltung drängt. Das erzählte Ich erlebt „seine Lebensgeschichte als biographisch eingebundenen Ausdruck der Theaterbegeisterung“ 2 seiner Jugend und ist dabei nicht nur Stellvertreter des einzelnen Autors, der in dieser Form seine erzieherischen Einsichten verarbeitet, sondern auch der bürgergesellschaftlichen Realität. Der Konflikt, der sich hier abzeichnet, und die damit verbundene Rebellion des inneren Selbst wurden von Goethe in den „Leiden des jungen Werthers“ bereits thematisiert, was die epochentypischen Motiven des Sturm und Drang hervorbrachte und zur Idolisierung durch eine ganze Lesergeneration führte.
In dem von Moritz gewählten Rahmen eines psychologischen Romans wirken sich soziale und religiöse Eindrücke und Prägungen der Kindheit, die in der spießig beengten, von den Traditionen des Kleinbürgertums und des sektiererischen Pietismus geprägten Umgebung stattfand, auf die spätere Persönlichkeit aus.
Die Titelfigur Anton Reiser wird von einem großteils lieblos agierenden Elternhaus zum Rückzug in die eigene Phantasiewelt bewegt, da sein sich verhaltendes Ich von der Umwelt nicht akzeptiert und häufiger Missachtung ausgesetzt wird. Deshalb weicht der Knabe mit dem sensiblen Gemüt lieber in seine eigene Traumwelt aus, die ihm nicht rational motivierte Tätigkeiten erlaubt und gleichzeitig seinen Geltungstrieb bestätigt. 3 Zusätzlich gereicht sie Reiser manchmal zum Vorteil wie im Haus des Freiherrn F., wo er im Schubkarren das imaginierte Jesukind spazieren fährt und für seinen religiös engagierten, moralischen Charakter gelobt wird. Hier lernt er bereits die andauernde Selbstbeobachtung, sich selbst permanent auf den rechten moralischen Weg hin zu kontrollieren, denn dabei zählte für ihn „zu der Gottseligkeit und Frömmigkeit (…) vorzüglich die Aufmerksamkeit auf jeden seiner Schritte und Tritte, auf jedes Lächeln, und auf jede Miene, auf jedes Wort, das er sprach, und auf jeden Gedanken, den er dachte“ (S.181)
Eindeutig stellt er sich selbst mit einer Relevanz dar, die ihm sein gesellschaftliches Umfeld nicht zuerkennt. In der Lehre beim Hutmacher L. wird dieser innere Drang weiter verstärkt, wenn er von seinem Meister nur Anerkennung findet, indem er dessen religiösen Wahn teilt und sich durch seine eingebildeten Erlebnisse in den Mittelpunkt einer mystischen Traumwelt stellt.
2 Selbmann S.43
3 Vgl.Mahoney S.28f
3
Während dieser Zeit entdeckt er seine Leidenschaft für das öffentliche Predigen beim Pastor P., der ihm auf rhetorisch mitreißende Weise neue Möglichkeiten vormacht, seine üblicherweise vor der Umwelt verborgenen Emotionen zu kommunizieren. Bei Reiser erwacht dabei die Sehnsucht, sich dergestalt zu öffnen, und durch seinen Mitteilungsdrang andere zu begeistern. Doch dabei „reizt ihn nicht der Gegenstand, sondern die nach außen gewendete Nabelschau des Individuums“ 4 Und bald erkennt er die Schwierigkeiten, die mit seiner unprivilegierten Herkunft verbunden sind, und das Fehlen einer Herzensreligion. Er beginnt wieder, mit sich selbst zu hadern. So ist schematisch angelegt, dass für Reiser jedes Mal, wenn er sich für eine Tätigkeit begeistern und sich darin glorifizieren kann, die Selbstmythisierung mit einem Rückschlag endet. 5 Eine dauerhafte Verwirklichung bei der Ausübung dieser Tätigkeiten, seien es das Predigen, die repräsentativen Aufgaben am Lyceum oder ein Bühnenengagement, findet nicht statt.
Die Jugendjahre: Kunsttheorie und Künstlerdilemma
Der Erzähler kritisiert auch Reisers Einbildungskraft als die phantastisch übersteigerte Empfindsamkeit, die nach Ventilen sucht. Catholy kennzeichnet Reisers Wesen als „in hohem Maß passiv, empfängerisch, weiblich“ 6 Als ursächlich dafür wird neben der fehlleitenden Erziehung und der Ständeproblematik zu Beginn des vierten Bandes vom Erzähler das Fehlen eines aus innerer Motivation gewählten Berufs angeführt.
Deshalb gelingt es Reiser auch nicht, sich einen Platz in der Welt zu erarbeiten, wo er sich zugehörig fühlt, was aber Voraussetzung wäre für eine Anpassung an seine bürgerliche Umwelt. Wie es die Romantiker der späteren Epoche als Künstlerdilemma noch vielfach beschrieben haben, bliebe ihm andererseits nur das ausschließliche Leben für seine Kunst, doch dazu fehlt ihm wiederum das künstlerische Genie.
Für eine weitere Entfaltung seiner Persönlichkeit müsste Reiser dauerhaft Erfolg haben in seinem Streben nach einer innerlichen und äußeren „Erhebung in eine reinere, höhere künstlerische Welt“ 7 . Dazu eröffnet sich ihm tatsächlich die Chance beim Lesen von literarischen Werken, insbesondere nach seiner Lektüre des Shakespeare. Er macht hierbei zum ersten Mal die Erfahrung des allgemein verbindlichen Mitgefühls, wenn er bei den Figuren mitleidet wie viele andere Rezipienten auch.
4 Selbmann S.50
5 Oelker S.84f
6 Catholy S.86
7 Marcuse S.27
4
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Markus Koch, 2007, Kritische Diskussion über den den Zusammenhang von Theater und Bildung in Karl Philipp Moritz' "Anton Reiser" unter Einbezug von Goethes "Wilhelm Meister", Munich, GRIN Publishing GmbH
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