Inhaltsverzeichnis
1. Global-lokal - Lokal-global:
Herausforderungen in einer globalisierten Welt 3
2. Globalisierung - Glokalisierung 5
3. Global Cultural Flows 6
4. „The production of Locality“ - die Erzeugung
von Lokalität in einer deterritorialisierten
globalisierten Welt 12
4.1. Global Production of Locality 16
4.1.1. Nationalstaatliche Kontrolle der Nachbarschaften 16
4.1.2. Auseinanderbrechen von spatialem und sozialem Raum 17
4.1.3. Virtuelle Nachbarschaften durch elektronische Medien 18
4.2. Kontexte im Fluss der Landschaften 19
5. Habitus - sozialisierter und sozialisierender Körper
„Ich bin in der Welt enthalten, aber die Welt ist auch
in mir enthalten“ 20
6. Habitus und Globalisierung:
Zusammenh änge, Widersprüche, Folgen, Fragen 23
7. Nachtrag zum ersten Teil:
Globalisierung einer Krise - Wie sich
die Dimensionen der Globalisierung
äußern können
Beispiel : Birma 27
8. Literatur 29
2
1. Global-lokal - Lokal-global:
Herausforderungen in einer globalisierten Welt
Globalisierung ist überall. Alle reden davon. Die Medien sind voller Berichte über Globalisierungsfolgen. Eine kurze aktuelle Auswahl:
„Süßigkeiten werden teurer. […] Hintergrund seien massiv gestiegene Roh-5
stoffpreise, sagte ein Sprecher des Bundesverbandes der Deutschen Süßwa-
renindustrie (BDSI) in Köln. Die Globalisierung mache auch vor dem Süß-
warenregal nicht halt.“ (Focus online, 26.9.2007, 11.33 Uhr)
„Globalisierung kommt nach Mecklenburg-Vorpommern. ’Wir in Deutsch-
land können uns nicht aussuchen, ob wir die Globalisierung wollen oder
nicht. Wir können jedoch die großen Chancen, die sie bietet, aktiv nutzen.
Das Projekt 'Parchim International Airport' ist solch eine Chance. Machen
wir etwas daraus’, sagte IHK-Präsident Jörgen Thiele anlässlich der Eröff-nung der Frachtfluglinie zwischen Parchim und China am heutigen Mon-
tag.“ (MVregio, 24.09.2007)
„Vatikan: Nachdenken über Globalisierung.“ (Radio Vatikan, 24.09.2007)
Ob Süßigkeitenregal, die Mecklenburg-Vorpommern’sche Provinz oder der Va- 20
tikan, der Diskurs der Globalisierung schreibt sich in alle Bereiche ein und hat auch konkrete Auswirkungen:
Die Bevölkerungsstruktur ändert sich, weil Menschen in der globalisierten Welt gezwungener Maßen oder freiwillig wandern. Entweder zieht es sie in andere Räume, weil diese attraktiver erscheinen (vielleicht gibt es mehr Geld für glei- 25
che Leistung oder es gibt überhaupt etwas zu tun), oder ihr ursprünglicher Raum ist unbewohnbar geworden (sei es wegen kriegerischer Handlungen, ethnischer Auseinandersetzungen oder Umwelteinflüssen). (Vgl. dazu: Office of Official Publications of the European Communities: Push and Pull Factors of International Migration. 1 ) 30
1 Anhand dieser Publikation könnte deutlich gemacht werden, inwieweit ein entscheidender Pull-Faktor die medialen Bilder sind, die über Zielregionen von Migration erzeugt werden. Auch Push-Faktoren können mediale Imaginationen sein, insoweit, als dass aus einer medial-vermittelten imagined community geflüchtet wird. Vgl. dazu auch: Fn. 6.
3
Wie Globalisierung mittlerweile in politischen Kreisen diskutiert wird, zeigt der Anfang der Berliner Rede des deutschen Bundespräsidenten Horst Köhler am 1. Oktober 2007:
„Hier in Berlin prangt auf einigen Stadtbussen die Werbung: ‚Incredible In-dia - nur sieben Stunden entfernt’. In Wahrheit liegt Indien natürlich viel 5
näher, denn die sieben Stunden sind ja nur die Flugzeit für Reisende. In
Wahrheit ist uns Indien längst so nah wie die meisten anderen Länder: bloß
einen Mausklick entfernt, eine Tastenfolge auf dem Telefon, eine E-Mail
von Kontinent zu Kontinent. Im 21. Jahrhundert sind fast alle Nationen für-
einander Nachbarn geworden. Sie werden verbunden durch rasch wachsende 10
Ströme von Menschen, Wissen, Bildern, Waren und Geld.“
(Bundespräsident Horst Köhler)
Um einen differenzierten Blick auf Globalisierung bzw. die Auswirkungen der Prozesse der Globalisierung auf das Lokale zu erhalten, wird diese Arbeit versuchen, Globalisierung zunächst zu definieren ohne auf die umfangreiche Dis- 15
kursgeschichte des Begriffs tiefer einzugehen. Im Anschluss wird das Modell der Global Cultural Flows des Globalisierungstheoretikers Arjun Appadurai ausgebreitet.
Mit dem bereits durch die weitreichende Definition vorbereiteten Zusammenhang zwischen Globalen und Lokalen in der globalisierten Welt untersucht die- 20
se Arbeit die Produktion von Lokalität unter den von Appadurai beschriebenen Bedingungen der globalisierten Welt.
Im Anschluss daran soll untersucht werden, inwieweit ein Zusammenhang zwischen dem Habitus, wie er durch den französischen Soziologen Pierre Bourdieu beschrieben wurde, herstellbar ist. 25
4
2. Globalisierung - Glokalisierung
Die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) definiert Globalisierung als
„Prozess, durch den Märkte und Produktion in verschiedenen Ländern im-
mer mehr voneinander abhängig werden - dank der Dynamik des Handels 5
mit Gütern und Dienstleistungen und durch die Bewegung von Kapital und
Technologie.“ (in: von Plate.)
Eine Reduzierung der Globalisierung auf rein wirtschaftliche und evtl. technologische Aspekte ist gängig und weit verbreitet. Doch Globalisierung ist weitreichender. Dies ergibt sich aus den wirtschaftlichen Veränderungen und aus den 10
technischen Möglichkeiten moderner Verkehrs- und Kommunikationstechnologie, die gesellschaftliche und politische Veränderungen nach sich ziehen. Entsprechend hat sich auch die Soziologie mit dem Thema Globalisierung beschäftigt.
Die Zunahme weltweiter Vernetzung als Globalisierung versteht Anthony Gid- 15 dens als
„eine Intensivierung weltweiter sozialer Beziehungen, durch die entfernte
Orte in solcher Weise miteinander verbunden werden, dass Ereignisse an ei-
nem Ort durch Vorgänge geprägt werden, die sich an einem viele Kilometer
entfernten Ort abspielen und umgekehrt“ (Giddens: 24f.) 20
Bei Ulrich Beck findet sich die Unterscheidung zwischen Globalität, der Vorstellung, dass wir längst in einer Weltgesellschaft leben, in der die Vorstellung geschlossener Räume fiktiv wird und der Globalisierung, als Kumulation von Prozessen, in deren Folge die Nationalstaaten und ihre Souveränität durch transnationale Akteure unterlaufen werden und so zu Globalität führen. Außerdem 25
den Globalismus als Ideologie, dass Globalisierung ein Sachzwang sei. An Robertson anknüpfend bringt Beck den Zusammenhang zwischen Globalität und Lokalität mit dem Begriff Glokalisierung zum Ausdruck (vgl. Beck: 26ff.).
Die Globalisierung durchkreuze, so Robertson, durch transnationale Interdependenzen und Bewegungen von Personen und Dingen die Gleichsetzung von 30
Nationalstaat und Nationalstaatsgesellschaft (vgl. Beck: 88), deswegen müsse das „Lokale als Aspekt des Globalen verstanden werden“ (Beck: 90, 19f.), es schließe sich keinesfalls gegenseitig aus. „Globalisierung heißt auch: das Zu-
5
sammenziehen, Aufeinandertreffen lokaler Kulturen, die in diesem ‚clash of localities’ (Robertson) inhaltlich neu bestimmt werden müssen“ (Beck: 90, 21ff.). Mit dieser Bestimmung geht ein Perspektivenwechsel einher.
„‚Globale Kultur’ kann nicht statisch, sondern nur als kontingenter und dia-
lektischer (und gerade nicht ökonomisch auf seine scheinbar einsinnige Ka-5
pitallogik reduzierbarer) Prozess verstanden werden - nach dem Muster
‚Glokalisierung’, in dem widersprüchliche Elemente in ihrer Einheit begriffen entschlüsselt werden.“ (Beck: 91, 11ff.) 2
Das in anderen Ansätzen außerhalb der bestehenden symbolischen Systeme 3 entstehende und in die Systeme eindringende Globale wird konkret vor Ort in 10
seinen Auswirkungen sichtbar, mehr noch: erst durch die Äußerung im Lokalen wird das Globale existent.
3. Global Cultural Flows
Der Globalisierungstheoretiker Arjun Appadurai benennt fünf Dimension der 15
Global Cultural Flows (in etwa: „weltweite kulturelle Strömungen“): ethnoscapes, technoscapes, financescapes, mediascapes und ideoscapes. In Anlehnung an den englischen Begriff landscape für Landschaften enden die Dimensionen mit dem Suffix -scape 4 .
„These terms […] indicate that these are not objectively given relations that 20
look the same from every angle of vision but, rather, that they are deeply
perspectival constructs, inflected by the historical, linguistic, and political
situatedness of different actors.“ (Appadurai: 33,14ff.) Diese Global Cultural Flows mit ihrem fließenden Charakter tauchen in unterschiedlichen Erscheinungsformen auf, sie verdecken sich, verdichten sich im 25 individuellen Akteur 5 .
2 Hervorhebungen im Original.
3 Wenn hier von System gesprochen wird, ist kein in sich geschlossenes, sondern ein offenes System, eher ein symbolisches Gefüge zu verstehen. Ein geschlossenes System widerspräche dem fließenden Charakter von Kultur, wie er in dieser Arbeit beschrieben wird.
4 Wenn im Folgenden von den fünf Dimensionen der Global Cultural Flows gesprochen wird, werde ichwie Appadurai den englischen Begriff landscapes benutzt - teilweise von Landschaften sprechen, teilweise werde ich sie als Dimensionen bezeichnen.
5 „[…] the individual actor is the last locus of this perspectival set of landscapes“ (Appadurai: 33, 21f.).
6
In Anlehnung an das Konzept der imagined communities von Benedict Andersson 6 formen diese Landschaften
„a blocks of what […] [Appadurai] would like to call imagined worlds, that
is the multiple worlds that are constituted by the historical situated imaginations of persons and groups spread around the globe” 7 (Appadurai: 33, 5
25ff.).
An anderer Stelle spricht Appadurai von „landscapes of images“ (Appadurai: 35, 14), was als Konkretisierung des Begriffs hilfreich erscheint. Dies verdeutlicht, dass es sich weniger um konkrete gegebene Tatsachen, als um (diskursive) Konstruktionen von Personen oder Gruppen handelt. 10
Die im Folgenden beschriebenen Dimensionen enthalten Elemente der Vorstellung („Images“), die die sozialen Praktiken der Menschen im Alltag antreiben:
„Imagination gewinnt eine einzigartige Macht im Alltag der Menschen […].
Mehr Personen in mehr Teilen der Welt erträumen, erwägen eine größere
Spannbreite ‚möglicher’ Leben, als sie dies jemals zuvor taten. Eine zentrale 15
Quelle dieser Veränderung sind die Massenmedien, die ein reichhaltiges,
dauernd sich veränderndes Angebot für solch ‚mögliches Leben’ bereithal-ten.“ (Beck: 99, 6ff.)
6 Benedict Anderson identifiziert vier Eigenschaften, des Konzepts Nation: (1) Die Nation ist „vorgestellt [...] weil die Mitglieder selbst der kleinsten Nation die meisten anderen niemals kennen [...] werden, aber im Kopf eines jeden die Vorstellung ihrer Gemeinschaft existiert. [...] In der Tat sind alle Gemeinschaften, die größer sind als die dörflichen mit ihren Face-to-face-Kontakten, vorgestellte Gemeinschaften.“ (Anderson: 15, 30ff.). Hier hebt er den durch Imagination einer über die konkrete Nachbarschaft (um Appadurais Begriff aufzugreifen) hinausgehenden Charakter hervor. Jedem Konzept von Nation liegt eine Vorstellung, ein (mentales) Image zugrunde, das als ordnende Kraft die Praktiken der Akteure national ausrichtet bzw. das als ordnende Kraft in die - um wieder Appadurais Begriff der face-to-facecommunities aufzugreifen - Nachbarschaften eindringt und für Ordnung im Sinne der Imagination von Nation sorgt. Die Nation wird als „begrenzt vorgestellt [...], weil selbst die größte von ihnen [...] in genau bestimmten, wenn auch variablen Grenzen lebt, jenseits derer andere Nationen liegen. [...] Selbst die glühendsten Nationalisten träumen nicht von dem Tag, da alle Mitglieder der menschlichen Rasse ihrer Nation angehören werde“ (Anderson: 16, 27ff.). Dadurch unterscheidet sie sich von anderen Gemeinschaften - wie religiösen Gemeinschaften. Gleichzeit ist mit dieser Dimension verbunden, dass es einen Raum gibt, mit dem die gegrenzte Nation verbunden ist, bzw. einen Raum, der eine Nation beinhaltet. Weiter wird die Nation als „(…) souverän (vorgestellt), weil ihr Begriff in einer Zeit geboren wurde, als Aufklärung und Revolution die Legitimität der als von Gottes Gnaden gedachten hierarchischdynastischen Reiche zerstörten.“ (Anderson: 16, 36ff.). Schließlich ist das Konzept Nation so angelegt, dass sie nicht nur vorgestellt ist, sondern als Gemeinschaft vorgestellt ist, „weil sie, unabhängig von realer Ungleichheit und Ausbeutung, als ‘kameradschaftlicher’ Verbund von Gleichen verstanden wird.“ (Anderson: 17, 10ff.). Die beschriebene Vorstellung einer Gemeinschaft wurde möglich durch den „Print-Kapitalismus“ (Anderson): Um die Auflage zu maximieren, wurden Druckwerke in den Volkssprachen produziert, sodass den Leser bewusst wurde, dass sie eine Sprache sprechen. (vgl. Dazu auch: Jonson)
7 Hervorhebung im Original.
7
Ethnoscapes sind die Landschaften, die durch den weltweiten Fluss von Personen die Welt verändern. Die Personengruppen sind z.B. Immigranten, Flüchtlinge, Gastarbeiter, Exilanten und Touristen, aber auch Diplomaten, Politiker und zeitweilig im Ausland arbeitende Personen, die alle ihre Vorstellungen mitbringen und durch diese Vorstellungen zum Reisen animiert werden/wurden/ 5
worden sind. Dieser Fluss der Menschen beeinflusst die Beziehungen von Staaten untereinander und kann politische Entscheidungen hervorrufen. (Vgl. Appadurai: 33, 33 - 34, 11.) Appadurai betont, dass er dieses Konzept gegen die Idee konstruiert hat, dass Gruppenidentitäten „imply that cultures need to be seen as spatially bounded, historically unselfconscious, or ethnically homoge- 10
nous forms“ (Appadurai: 183, 13ff.).
Technoscapes entstehen durch die „global configuration […] of technology and the fact that technology […] moves at high speeds across various kinds of previously impervious boundaries“ (Appardurai, 34, 11ff.). Technologien fließen über Grenzen hinweg in andere Räume; das beginnt mit dem Fluss (oder bes- 15
ser: der Verbreitung) von Maschinen (z.B. Computer) und geht bis zum weltweiten Fluss der Software bzw. deren Entwicklung, die
„increasingly driven not by any obvious economies of scale, of political
control, or of market rationality but by increasingly complex relationships
among money flows, political possibilities, and the availability of both un-20
and highly skilled labor“ (Appadurai: 34, 18ff.). Eng mit dieser Dimension hängt die nächst Dimension zusammen. (Vgl. Appadurai: 34, 11-36.)
Financescapes entstehen durch den globalen Kapitalfluss, der immer mysteriöser, schneller und schwieriger nachvollziehbar wird, da der Zugang zu Geld-, 25
Aktien- und Rohstoffmärkten in der ganzen Welt möglich wird und an den Kapitalmärkten alles mit allem zusammenzuhängen scheint. Durch moderne Kommunikationsmedien können innerhalb von Sekunden ungeheure Geldmengen überall auf dem Globus bewegt werden 8 . (Vgl. Appadurai: 34, 37 - 35, 2.)
8 Diverse Börsencrashs belegen, wie der Abzug von Kapital aus den Kapitalmärkten bestimmter Länder und Regionen auch gesellschaftliche Auswirkungen haben kann.
8
Arbeit zitieren:
BA Michael Kempmann, 2007, Die Erzeugung von Lokalität in einer globalen Welt, München, GRIN Verlag GmbH
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