An Verweigerung, gar Auflehnung und all die anderen Verhaltensweisen, die gemeinhin als typisch für >die 68er< gelten, habe ich im realen Jahr 1968 keinen Augenblick gedacht. Denn ich wollte ja, als Einzelkind, quasi stellvertretend für meine Eltern, all das erreichen, von dem ich meinte, daß sie es erreicht hätten, wenn das Schicksal es besser mit ihnen gemeint hätte.
>Zweiter Bildungsweg<
Und doch, oder besser, gerade deshalb war >1968< für mich der Beginn eines verzögerten und zudem widersprüchlichen Emanzipations- und Politisierungsprozesses, von dem ich mich, auch heute, weder verabschieden noch distanzieren möchte. 1968 hatte ich mich schon über die ersten Hürden des damals sogenannten >Zweiten Bildungswegs< hinweggekämpft und gerade den Eintritt in die Institution der >Ingenieurschule< geschafft. Damals sah ich, und selbstverständlich auch alle anderen dort Studierenden, übrigens fast genauso aus, wie ich mir >die Studenten< immer vorgestellt hatte. Das waren nämlich in meiner Vorstellung jene höflichen und gebildeten jungen Männer, die in Heinz Mägerleins Quizsendung >Hätten Sie´s gewußt?<, die geforderte Siegpunktzahl (von 21) stets mit intellektueller Bravour und minimalem Zeitaufwand erreichten.
Ungerechterweise aber wurde ich schon nach wenigen Monaten nolens volens in eine ganz andere Rolle hineingedrängt. Als ich nämlich in den ersten Semesterferien in meinem Heimatort >auf der Ziegelei< zu arbeiten begann, identifizierten und - so muß ich zugeben - ärgerten mich die dortigen Arbeiter mit jenen revoltierenden Studenten, die ihnen allabendlich im Fernsehen und allmorgendlich in der >Bild-Zeitung< begegneten. Da sah ich mich natürlich bei meiner neo-studentischen Ehre gepackt und ließ meine Haare in den nächsten Monaten unmißverständlich um mindestens zwei Zentimeter wachsen. Zurück am Studienort Oldenburg war inzwischen ein einziger der dortigen Ingenieur-Dozenten in so große innere Unruhe versetzt worden, daß er die aktuellen Ereignisse in der Tschechoslowakei, die zur Zerschlagung des >Prager Frühlings< geführt hatten, wiederholt zu thematisieren versuchte. Der weißhaarige Privatgelehrte wurde daraufhin von den Wortführern der zukünftigen Vermessungsingenieure, für die (wie heute) nur >harte<, nämlich technologische Fakten etwas galten, gnadenlos lächerlich gemacht. Ich fühlte deutlich, wie es dem alten Herrn innerlich erging, wagte es aber, aufgrund meiner gesamten Sozialisation natürlich nicht, für ihn Partei zu ergreifen. Ein paar Wochen später nahm ich dann an einer von der Pädagogischen Hochschule und dem DGB initiierten Demonstration gegen die endgültige Verabschiedung der >Notstandsgesetze< teil. In der verschlafenen Oldenburger Innenstadt waren sämtliche Rolläden heruntergelassen worden. Und das rhythmische Skandieren des Rufs: >Bürger laßt das Gaffen sein, kommt herunter reiht Euch ein!< gab mir, wie man heute sagen würde, schon einen kleinen >Kick<. Vor allem aber war es ein schönes Gemeinschaftserlebnis.
>Aufbruch zu neuen Grenzen<
Ich erinnere mich nicht mehr, ob diese erste Demo der Anlaß war, in die SPD einzutreten. Auf jeden Fall begegnete ich wenig später jener jungen Frau, mit der ich noch heute - nach 25-jähriger Ehe - nächtelang leidenschaftlich >über Gott und die Welt<, aber vor allem über >Politik und Gesellschaft< diskutieren kann. Es war die Zeit, da Willy Brandt zum Bundeskanzler gewählt und er sein Regierungsprogramm der >inneren Reformen< und des >mehr Demokratie wagen< auf den Weg gebracht hatte, die Zeit, da uns auch gesellschaftlich ein bewußter Neubeginn und ein Aufbruch zu neuen Grenzen möglich erschien. Die Wahl Brandts signalisierte uns - ganz ähnlich wie heute Gerhard Schröders Kandidatur, freilich in ganz anderem Sinne - einen tiefgreifenden Bewußtseinswandel. Nicht nur ein Sozialdemokrat war in das wichtigste politische Amt aufgerückt; ein vaterloses, unehelich geborenes Arbeiterkind, ein durch Emigration standhaft - dem NS-Regime widerstehender linker Sozialist hatte nach langen Jahren der Diffamierung die für die Stabilisierung und Weiterentwicklung des (bundes-)republikanischen Bewußtseins so wichtige Anerkennung gefunden. Das alles hatte zur Konsequenz, daß ich mich nach dem Ingenieurabschluß, dem damaligen Zeitgeist, aber vor allem meinen eigentlichen persönlichen Neigungen nachgebend, auf das Studium der Berufspädagogik und der Politikwissenschaft warf, gebündelt in der (noch immer anstehenden) Aufgabe der Herstellung der Gleichwertigkeit von beruflicher und allgemeiner Bildung, also letztlich von Handarbeit und Kopfarbeit. Damals waren wir Berufspädagogik-Studenten in der Tat der Überzeugung, daß sich die Gesellschaft durch vernünftige Einsicht in die (ökonomischen) Verhältnisse und durch pädagogische Überzeugungskraft grundlegend verändern und verbessern ließen. Dieser Glaube hat sich im nachhinein natürlich als außerordentlich naiv erwiesen. Die größte Ironie der Situation aber lag wohl darin, daß wir (meine Frau, der körperliche Arbeit von Kindheit an vertaut war, ausgenommen) auf groteske Weise unsere hochgradig idealistische Absicht und den geradezu historischen Materialismus der deutschen Verhältnisse miteinander verwechselten. Wir hatten, in unserem damaligen Jargon gesprochen, >Basis< und >Überbau<, oder sagen wir es anders, >Mehrwert< und >Humboldt< miteinander vertauscht.
Heute könnte das natürlich kaum mehr geschehen: >Mehrwert< ist längst der Name einer Supermarktkette an der nächsten Ecke. Und >Humboldt<, welche Bedeutung hat er heute? Eine Antwort fällt in einer Zeit der Bits und Bytes und der Erosion der Schriftsprache, selbst >genuinen< Bildungsbürgern zunehmend schwerer. Ich bin da wesentlich zuversichtlicher und glaube nach wie vor daran, daß die Verhältnisse längerfristig ihre eigene, wenn auch manchmal eher komische Dialektik hervorbringen. Aufgewachsen in den 50er und zu Beginn der 60er Jahre, also in Zeiten der ersten - vor allem durch >1968< und seine Folgen überwundenen - >Bildungskatastrophe<, kannte den Namen >Humboldt< bereits, als ich der Schriftsprache noch gar nicht mächtig war: Es war der Name einer (inzwischen längst stillgelegten) Braunkohlengrube im übernächsten Nachbarort, der auf jedem Brikett stand, mit dem unsere Wohnküche geheizt wurde.
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Dr. Walter Grode, 1998, Mehrwert und Humboldt vertauscht - Erinnerungen an 1968, München, GRIN Verlag GmbH
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