Ruhr-Universität Bochum Germanistisches Institut SS 2002 Hauptseminar: „Iwein“
Hausarbeit: Die Funktionen des Musterkampfes im „Iwein“
Kerstin Gabauer
Fächer: Deutsch/ Geschichte Sek. I + II Semesterzahl: 10
Inhaltsverzeichnis
I. Einführung 3
II. Die Auswirkungen der „Aufklärung des 12. Jahrhunderts“
auf die Rechtsthematik 4
1. Die rechtliche Grundlage des Gerichtskampfes 4
1.1 Das Gottesurteil (Ordal) 4
1.2 Die „Aufklärung des 12. Jahrhunderts“ und daraus resultierende 5
rechtliche Moralvorstellungen
1.3 Abaelards Gesinnungsethik und ihr Einfluss auf die Rechtssprechung 6
III. Die Diskussion um die Gesinnungsethik am Beispiel der
Gerichtskampfszene im Iwein 8
1. Das Motiv des Verstehens und Erkennens 8
2. Gottesgerichtliche Zweikampfszenen im Iwein 9
2.1 Der Kampf der Freunde im Diskurs der Rechtsproblematik 10
IV. Fazit: Die Funktionen des Musterkampfes im Iwein 14
Literaturverzeichnis 18
2
I. Einführung
Der gerichtliche Zweikampf zwischen Iwein und Gawein kann als erster Höhepunkt vor dem Kniefall der Laudine in Hartmanns „Iwein“ angesehen werden. Hartmann hebt die Episode strukturell heraus und verweist mit seiner elaborierten Darstellungsform auf die Wichtigkeit der Szene für den Handlungs- und Deutungszusammenhang. Der Gerichtskampf schlägt einen Bogen zwischen der Gâchheits-Diskussion und der Intentio-Problematik und eröffnet dem Leser diverse Interpretationsmöglichkeiten im Hinblick auf die Funktion der Episode innerhalb des Romanzusammenhangs. Verfolgt man die Forschungsliteratur zu der Funktion des Iwein-Gawein-Kampfes, so lassen sich zwar unterschiedliche Interpretationsansätze ausmachen, doch ein Konsens findet sich nicht. Der Forschungsdiskurs verdeutlicht einmal mehr, dass es sich bei Hartmann um einen außergewöhnlichen Autor handelt, dem es gelingt, innerhalb eines Werkes nicht nur einen einzigen Normenbereich aufzublenden 1 , sondern teilweise differierende Normenkomplexe mit neuen Entwicklungen in Herrschafts- und Rechtspraxis zu vergleichen und in Frage zu stellen.
Ich möchte mit meinen Überlegungen genau an diesem Punkt ansetzen und zunächst erarbeiten, welche Auswirkungen die sog. „Aufklärung des 12. Jahrhunderts“ auf die Rechtspraxis und deren Darstellung im höfischen Roman hatte. Die im 12. Jh. von Peter Abaelard wieder aufgegriffene Gesinnungsethik führt neben Umwälzungen in der Kirchen- und Rechtspolitik zu einem Verbot des Ordals, das u.a. durch den gerichtlichen Zweikampf zu Zwecken der Urteilsfindung abgelöst wird. Hartmann greift im „Iwein“ den vermutlich öffentlich geführten Diskurs zwischen Gottesurteil und Gerichtskampf auf, indem er die Entwicklung der Iwein-Figur in den Zusammenhang zur Intentio-Problematik rückt und gegen Ende des Romans mit Hilfe des Musterkampfes Stellung bezieht. Ob die Darstellung des gerichtlichen Zweikampfes Hartmann dazu dienen soll, Kritik an den Normen des Artushofes oder dem mittelalterlichen Ordal zu üben, ob der Autor hier höfische Normen der Rechtspraxis entgegensetzen möchte, oder ob der Gerichtskampfszene eine noch größere Bedeutung für das Gesamtgefüge des Romans beigemessen werden kann, kann an dieser Stelle noch nicht geklärt werden. Ich möchte aber versuchen, die Notwendigkeit und Zulässigkeit des Zweikampfes in den Romanzusammenhang zu stellen, um die Darstellungsform Hartmanns mit der rechtlichen Ethik und der höfischen Norm zu
1 Vgl. dazu Hartmanns „Erec“
3
vergleichen. Dieser Vergleich wird mir helfen, die Funktionen des Gerichtskampfes im „Iwein“ zu erschließen.
II. Die Auswirkungen der „Aufklärung des 12. Jahrhunderts“ auf die Rechtsthematik
1. Die rechtliche Grundlage des Gerichtskampfes
1.1 Das Gottesurteil (Ordal)
Eidesunfähigen Personen (Frauen oder unfreien Hintersassen) stand als prozessuales Beweismittel das noch aus der vorkarolingischen Zeit stammende Gottesurteil zur Verfügung, das etwa vom 9. Jh. an mit christlichen Ritualen verbunden wurde. Die Beklagten konnten ihre Unschuld beweisen, indem sie durch göttliche Hilfe eine Probe bestanden (Abwehrordal) oder sie galten bei Nichtbestehen als überführt (Ermittlungsordal). Am häufigsten vertreten waren „Elementordale“ (Feuerprobe, Wasserprobe, Bahr- oder Blutprobe, Rasengang, Bissenprobe, Giftprobe, Kerzenprobe, Kreuzprobe).
Eidesfähige Personen konnten sich auch einem Reinigungsschwur (purgatio canonica) unterwerfen, der auf heilskräftige Gegenstände abgelegt wurde. Man vertraute darauf, dass im Falle eines Meineids Gott selbst oder ein missbräuchlich angerufener Heiliger den Schwörenden vernichten würde. Im frühen Mittelalter hatte die Kirche dem Ordal noch durch reinigende Riten (Fasten, Gebete, Messe, Kommunion) assistiert. Doch sprachen sich schon im 9. Jh. Kirchenobere gegen das Gottesurteil aus. Agobard, Bischof von Lyon 816-840, äußerte sich in dem „Liber (...) contra damnabilem opinionem putantium, divini judicii veritatem igne vel aquis vel conflictu armorum patefieri“ 2 für eine Abschaffung des Ordals aus.
Nachdem auf dem 4. Laterankonzil (1215) unter Innozenz III. die Kirche offiziell gegen das Gottesurteil Stellung bezogen hatte, kam es allmählich aus dem Gebrauch und wurde durch die Folter und durch rationale Beweisverfahren verdrängt. Im Hexenprozess blieben allerdings ähnliche Praktiken noch bis ins 16. Jh. gebräuchlich.
2 „Das Buch gegen die verdammungswürdige Meinung derer, die meinen, dass die Wahrheit des
Gottesurteils durch Feuer, Wasser oder Zweikampf offenbar wird.“
4
Der gerichtliche Zweikampf zur Streitentscheidung stand Waffenfähigen, aber auch Frauen seit dem frühen Mittelalter zur Verfügung. Auch diese Form prozessualer Urteilsfindung wurde den Gottesurteilen zugerechnet.
Es muss in diesem Zusammenhang noch einmal betont werden, dass das Gottesurteil ausschließlich den Beweis oder die Widerlegung eines Schuldanwurfs bezweckte und nicht, wie das Gottesgericht, das Abstrafen Schuldiger vorsah. Das traditionelle Recht durfte Zweikämpfe und Gottesurteile zur Grundlage des gerichtlichen Urteils machen. Befanden sich zwei Personen im Rechtsstreit, so konnte der Richter durch einen Zweikampf auf Leben und Tot eine als Gottesurteil verstandene Entscheidung herbeiführen. Diese Rechtsgrundlage findet sich auch im „Iwein“. Iwein und Gawein werden jeweils von den Schwestern vom Schwarzen Dorn gebeten, sie in einem Zweikampf um Erbstreitigkeiten zu vertreten, was in dem Gerichtskampf am Ende des Romans endet.
Seit dem 12. Jahrhundert entwickelte sich das Gerichtsverfahren zum Inquisitionsprozess, in dem das Gericht den der Klage zugrunde liegenden Sachverhalt erforschen musste. Wichtigstes Beweismittel war das Geständnis des Angeklagten.
1.2 Die „Aufklärung des 12. Jahrhunderts“ und daraus resultierende
rechtliche Moralvorstellungen
Das Gottesurteil wurde, wie oben bereits erwähnt, ab dem 11. Jh. von Theologen, aber auch Rechtsgelehrten und den nach politisch-rechtlicher Unabhängigkeit strebenden Ministerialen kritisiert. Das Zurückdrängen des Ordals lässt sich zum einen mit dem veränderten, nun reflektierten Gottesbild erklären, welches den Menschen das Erkennen der Absichten Gottes absprach und damit folglich untersagte, von Gott eine Entscheidung zu verlangen. Die Zentralisierung und Hierarchisierung der Kirche im 13. Jh. ermöglichte, dass nun auch Vorbehalte in die Rechtspraxis umgesetzt werden konnten. Als weitere Gründe kann man die seit dem Ende des 12. Jh.s aufblühende Rechtwissenschaft nennen, die sich auf der allgemeinen Tendenz zu rationalem Denken und Handeln begründet und einher geht mit der Herausbildung der Wissenschaften Recht, Naturwissenschaft und Theologie. Die Umsetzung des Ratio-Gedankens findet sich ebenso in der kirchlichen, feudalen und städtischen Friedensbewegung. Es galt, die Gewalt in den Städten durch vermehrte verbale Auseinandersetzungen einzuschränken.
5
Arbeit zitieren:
Kerstin Gabauer, 2002, Die Funktionen des Musterkampfes im Iwein, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Beschäftigungspolitik in Frankreich
Politik - Internationale Politik - Region: Westeuropa
Hausarbeit (Hauptseminar), 25 Seiten
Schottland - Hightech am Rande Europas - Silicon Glen - Aufstieg, Glan...
Geowissenschaften / Geographie - Wirtschaftsgeographie
Hausarbeit (Hauptseminar), 20 Seiten
Der Lotse geht von Bord - Dropping the pilot
Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus
Quellenexegese, 7 Seiten
Der poetische Realismus - dargestellt an Theodor Fontanes Roman Effi B...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 10 Seiten
Interpretation von Georg Trakls Gedicht "Die schöne Stadt"
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 17 Seiten
Die geschichtliche Entwicklung der deutschen Rechtschreibung - bis zur...
Ein Kurzvortrag
Seminararbeit, 10 Seiten
Das britische Parlament - Geschichte, Überblick, Vergleich
Anglistik - Kultur und Landeskunde
Hausarbeit, 19 Seiten
Karsterscheinungen - Zu Entstehungsbedingungen, Formen und Merkmalen
Geowissenschaften / Geographie - Phys. Geogr., Geomorphologie, Umweltforschung
Hausarbeit (Hauptseminar), 22 Seiten
Vorsatz, Erbsünde und Erlösung - die Schuldfrage in Hartmanns von Aue ...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Seminararbeit, 15 Seiten
Endogene Geomorphologie / Theorie der Plattentektonik
Geowissenschaften / Geographie - Phys. Geogr., Geomorphologie, Umweltforschung
Seminararbeit, 15 Seiten
Sprachwissenschaftliche Analyse eines Unterrichtsabschnittes
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Hausarbeit, 49 Seiten
Parteien und Parteiensystem im Kaiserreich
Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus
Hausarbeit (Hauptseminar), 21 Seiten
Realismus als literaturwissenschaftliche Epoche
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Essay, 15 Seiten
Widerstand in der literarischen Umsetzung von Bertolt Brechts "Fu...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 19 Seiten
Globalisation - opportunity or thread?
Politik - Internationale Politik - Region: Westeuropa
Hausarbeit, 19 Seiten
Kerstin Gabauer hat den Text Die Funktionen des Musterkampfes im Iwein veröffentlicht
Kerstin Gabauer hat einen neuen Text hochgeladen
Microsoft Excel: Formeln & Funktionen - Das Maxibuch
Einführung in die Nutzung von ...
Bodo Fienitz, Egbert Jeschke, Eckehard Pfeifer, Helmut Reinke, Sara Unverhau, Jens Bock
Orthographieerwerb und die Entwicklung von Sprachbewusstheit. Zu Genes...
Zu Genese und Funktion von ort...
Sven Nickel
Microsoft Office Excel 2007 Formeln und Funktionen 1
Funktionen und ihre Anwendung
Bernd Held
Training Realschule. Mathematik. Funktionen. 8.-10. Klasse Bayern
Wahlpflichtfächergruppen I und...
Vorlesungen über Allgemeine Funktionentheorie und Elliptische Funktion...
Adolf Hurwitz, Richard Courant
Abitur-Training Mathematik Exponential- und Logarithmusfunktionen, Geb...
Grundlagen und Aufgaben mit Lö...
Walter Czech
0 Kommentare