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Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG 4
2 REVOLUTION 6
3 ÖSTERREICH IN DER DOPPELMONARCHIE ÖSTERREICH-UNGARN 9
4 ÖSTERREICHS SOZIALDEMOKRATIE 11
4.1 AUFSTIEG DER SOZIALDEMOKRATISCHEN PARTEI 11
4.2 AUSTROMARXISMUS 14
4.3 DIE SOZIALDEMOKRATEN IM ERSTEN WELTKRIEG 16
5 1918: DAS JAHR DES UMBRUCHS 24
5.1 VOM JÄNNERSTREIK ZU WILSON 24
5.2 DIE SOZIALDEMOKRATISCHE PARTEI ÖSTERREICHS UND DIE GRÜNDUNG DEUTSCH-ÖSTERREICHS 30
6 BEWERTUNG DER GRÜNDUNG DEUTSCH-ÖSTERREICHS UNTER BESONDERER
BER ÜCKSICHTIGUNG DER ROLLE DER SOZIALDEMOKRATISCHEN PARTEI ÖSTERREICHS 41
7 ZUSAMMENFASSUNG/SCHLUSS 44
8 LITERATURVERZEICHNIS 46
1 EINLEITUNG
Viele Deutsche reisen Jahr für Jahr in das Nachbarland Österreich zum Sommer- oder Winterurlaub, doch ist die Geschichte des Nachbarlandes, auch die jüngere Geschichte, weitgehend unbekannt.
Das 20. Jahrhundert war für Österreich ein sehr turbulentes Jahrhundert, in dem im Land mehrere verschiedene Regierungsformen existierten, angefangen vom monarchistischen Vielvölkerstaat, über die erste Republik, den Ständestaat, die Auflösung des selbständigen Österreich und den Anschluss an das Deutsche Reich bis zur uns heute vertrauten zweiten Republik.
Dass aber das Jahr 1918 wohl den größten Einschnitt für das Land im 20. Jahrhundert bedeutete, ist dann schon weniger geläufig. Noch recht bekannt ist, dass in dem Jahr der Erste Weltkrieg endete, der Kaiser abdankte und Österreich Republik wurde. Wie jedoch genau die Reihenfolge der Geschehnisse war, was was bedingte und was wodurch ausgelöst wurde, ist kaum bekannt. Das Wissen darüber mischt sich häufig mit einer gewissen „k.u.k. Nostalgie“, angefangen bei Sissi und endend bei den Gassenhauern „Wie Böhmen noch bei Österreich war…“ und „Wenn Böhmen und auch Mähren nicht mehr zu uns gehören…“. Was einem in diesen beiden Liedern so locker über die Lippen kommt, beschreibt ein Hauptereignis des Jahres 1918, nämlich den Zerfall des Vielvölkerstaats Österreich-Ungarn. Winston Churchill hat das Ereignis und vor allem seine Folgen einmal so kommentiert:
„Durch Jahrhunderte hatte dieser überlebende Körper des heiligen Römischen Reiches einer ganzen Anzahl von Völkern ein gemeinsames Dasein mit Vorteilen und Sicherheit gewährt… allen diesen Völkern und Provinzen hat der Erwerb ihrer Unabhängigkeit Qualen eingebracht, die die alten Dichter und Gottesgelehrten den Verdammten vorbehalten hatten.“ 1
Was jedoch genau im Herbst 1918 in Österreich-Ungarn bzw. in Österreich geschah, war auch mir nicht im Detail geläufig. Umso interessanter fand ich es, auf dieses Thema gestoßen durch die Lektüre der Kurseinheit „Antikriegsbewegungen und Revolutionen“ im Kurs „The Great War: Der erste Weltkrieg im internationalen Zusammenhang und Vergleich“ der Frage nachzugehen, wie es dazu kommen konnte, dass das Vielvölkerreich am Ende des Ersten Weltkrieges zusammenbrach, dass schließlich ein ganz neuer Staat mit dem Namen Deutsch-Österreich gegründet wurde und was die genauen Ereignisse im November 1918
1 Wickenburg, Erik G. 1958: 158 f.
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in Österreich-Ungarn waren. Dies möchte ich in dieser Hausarbeit untersuchen und darstellen.
Die Ereignisse und Umwälzungen im November 1918 in Österreich werden oft als Revolution bezeichnet. Ob diese Bezeichnung gerechtfertigt ist und ob damals tatsächlich eine Revolution stattgefunden hat oder ob diese Bezeichnung unbegründet ist, werde ich darlegen, indem ich verschiedene Definitionen von Revolution und Revolutionstheorien darstelle.
Neben der Darstellung der Ereignisse des Jahres 1918 im Generellen wird das zweite wichtige Element der Blick auf die SDAP, die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Österreichs sein. Ich werde die Frage beantworten, welche Rolle sie beim Zusammenbruch der Doppelmonarchie und bei der Gründung der Republik Deutsch-Österreich gespielt hat. Außerdem betrachte ich ihre Entwicklung bis zum Jahr 1918, ihre Positionen zur bis 1918 aktuellen Nationalitätenfrage, zu der von vielen ihrer Anhänger gewünschten Räterepublik. Ein die Politik der SDAP vor dem Ersten Weltkrieg und in der Zeit darüber hinaus bestimmendes Element war der Austromarxismus. Die Inhalte dieser ideologischen Strömung stelle ich in einem eigenen Kapitel kurz dar.
Um das Ende der Doppelmonarchie besser einordnen zu können, gebe ich außerdem einen kurzen Überblick über die Organisation der Doppelmonarchie bzw. des Status Österreichs in dieser. Auch den Verlauf des Ersten Weltkrieges, an dessen Ende die Ereignisse des Jah- res 1918 standen, fasse ich kurz zusammen.
2 REVOLUTION
Die Ereignisse in Österreich-Ungarn am Ende des Jahres 1918 werden häufig als Revolution bezeichnet. Es ist aber durchaus angebracht, zunächst einmal die Frage zu stellen, ob es sich bei den Vorgängen tatsächlich um eine Revolution handelte oder ob dieser Terminus unberechtigt ist. Um darauf in Kapitel sechs eine Antwort geben zu können, ist es nötig zu klären, was man unter einer Revolution versteht, welche Definitionen von Revolution und welche Revolutionstheorien es gibt.
Zunächst einmal passiert eine Revolution nie isoliert, eine revolutionäre Phase über einen gewissen Zeitraum davor ist stets Vorraussetzung für eine Revolution. So eine revolutionäre Phase bzw. Situation ist gegeben, wenn das aktuelle System in einer Krise steckt und sich ein großer Teil der Bevölkerung nach einem Wandel der gesellschaftlichen, staatlichen und wirtschaftlichen Strukturen sehnt. 2 Dieser Wille zum Systemwechsel muss sich außerdem in „Überlegungen“, wie dieser zu erreichen sei, äußern, und eine Partei - in dem Fall der des Herbstes 1918 in Österreich wäre es interessant zu sehen, ob das auf die SDAP zutrifft - theoretisch in der Lage sein, sich an die Spitze der Revolution zu setzen. Das war so alles Ende 1918 nicht gegeben, man kann eher sagen, dass es in Österreich eine vorrevolutionäre Situation gab, die sich dadurch auszeichnete, dass große Teile der Arbeiter unzufrieden waren, aber nur unkonkret Änderungen forderten und dafür demonstrieren. 3
Für den Zeitgenossen Otto Bauer war jedoch klar, dass sogar eine doppelte Revolution stattgefunden hat, nämlich eine nationale Revolution, durch die die neuen Nationalstaaten entstanden, und eine politische Revolution, die den alten monarchistischen Staat zu Fall und eine demokratische Republik hervorgebracht hat. 4
Die Revolution in Österreich war allerdings keine „klassische“ nationale Revolution, angetrieben durch den Drang, einen Nationalstaat zu schaffen. Das trifft nur auf die anderen, sich zuerst losgesagten Nationen zu. Otto Bauer benutzt den Begriff für DeutschÖsterreich, im Bewusstsein, dass er nicht zutrifft, um den von ihm und der SDAP gewünschten Anschluss an das Deutsche Reich begründen zu können. 5 Beurteilt man die Frage nach der Revolution von der juristischen Seite, kommt man ebenfalls zu einem recht eindeutigen Ergebnis. Das Gesetz über die Staats- und Regierungsform
2 Butterwegge, Christoph 1991: 203
3 Kulemann, Peter 1979: 218 f.
4 Arbeitsgemeinschaft für die Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung (Hrsg.) 1976: 201
5 Kaufmann, Fritz 1978: 111
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von Deutsch-Österreich vom 12. November 1918 ist als Bruch der Rechtskontinuität zu deuten, weil es nicht auf einer existierenden Verfassung beruht, sondern komplett neu geschaffen wurde. Die Republik beruht juristisch gesehen also auf einem revolutionären Gründungsakt. 6
Alle weiteren Gesetze wurden allerdings weitgehend eins zu eins aus dem Kaiserreich übernommen. 7
Es wurde nicht für nötig erachtet, die ehemalige kaiserliche Verwaltung, Polizei und Justiz zu reformieren, nur die k.u.k. Armee wurde durch die Volkswehr ersetzt. Daher war die Revolution nicht vollständig, sie beschränkte sich allein auf die politische Situation. Die staatlichen Institutionen galten auch den Revolutionären als Wert an sich, losgelöst von den jeweiligen Machthabern. 8
Weniger eindeutig wird die Situation, vergleicht man sie mit den gängigen Revolutionsthe-orien.
Die „klassische“ sozialistische Revolution bedeutet einen Übergang der Macht an die Arbeiter, die Änderung der Produktionsverhältnisse und den Sturz der herrschenden Klasse. Die Macht haben die Arbeiter aber höchstens indirekt durch die Regierungsbeteiligung der Sozialdemokraten erhalten, und die Produktionsverhältnisse blieben unverändert. 9 Eine andere Revolutionstheorie ist die, dass ein plötzlicher Gewaltausbruch die alte Welt in eine bessere neue Welt überführt. Revolution wird als gesellschaftlicher Wandel verstanden, der zu einem Zeitpunkt stattfindet, an dem er quasi überfällig ist und von allen Menschen mitgetragen wird. Gewaltanwendung ist aber nicht zwingend erforderlich, zumal sie inkonsequent wäre, ist doch die etablierte Gewalt fast immer das, was durch die Revolution bekämpft werden soll. Realistischer ist aber die Ansicht, dass Revolutionen keine plötzlichen Gewaltausbrüche, sondern langwierige Prozesse sind. Jede Revolution hat eine Vorgeschichte, in der die lange herrschende Gesellschaftsschicht mehr und mehr an Einfluss und Kraft verliert, während die revolutionären Schichten erstarken. Findet dieser Prozess sehr stetig statt, ist eine plötzliche explosive Revolution kaum denkbar und auch nicht notwendig. In einem funktionierenden Staat ist also quasi ständig Revolution, wird doch stets durch die Politik alles den momentanen Bedingungen und Bedürfnissen angepasst. 10 Innerhalb dieser Theorie über den Prozess der Revolution kann man ihre Ergebnisse, also die Änderung der bestehenden staatlichen und rechtlichen Verhältnisse, weiter differenzie-
6 Konrad,Helmut / Schmidlechner, M. (Hrsg.) 1991: 19
7 Kaufmann, Fritz 1978: 117
8 Butterwegge, Christoph 1991: 217
9 Kulemann, Peter 1979: 218
10 Koch, Nikolaus 1973: 113 ff
ren. Es gibt die Differenzierungen in die „politische Revolution“, bei der die Regierungs-form, und die „soziale Revolution“, bei der die Gesellschaftsordnung geändert wird. Eine Änderung der Regierungsform fand durchaus im November 1918 statt. Allerdings hat die alte kaiserliche Regierung dem Staatsrat alle Staatsgeschäfte freiwillig übergeben, und selbst Kaiser Karl I. hat in seinem Manifest vom 11. November erklärt, dass er den Schritt seiner Untertanen zur Republik akzeptiert. 11
Auch langfristig lassen sich keine Anzeichen für eine erfolgreiche Revolution finden. Bei den Wahlen im Februar 1919 erzielten die Sozialdemokraten über 40% der Stimmen. Bei den nachfolgenden Wahlen verloren sie jedoch wieder Stimmenanteile. Die Revolution hatte also nur den politischen und konstitutionellen Bereich verändert, aber keine neue „sozialdemokratische Republik“ hervorgebracht. Österreich wurde vielmehr zu einem bürgerlichen, von den Christlichsozialen dominierten Land. 12
Die Sozialdemokraten selber hatten übrigens eine gespaltene Sichtweise auf die Frage, ob eine Revolution stattfand. Sie wollten sich von der russischen Revolution abgrenzen, bei der, im Gegenteil zu Österreich das Parlament ausgeschaltet wurde. Für sie besteht das Revolutionäre darin, dass sie plötzlich in Machtpositionen gelangten und dadurch und durch den Druck der Demonstranten sozialpolitische Änderungen erzwingen konnten. 13
11 Kaufmann, Fritz 1978: 116 f.
12 Carsten, Francis L. 1988: 33
13 Konrad, Helmut / Schmidlechner, M. (Hrsg.) 1991: 20
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3 ÖSTERREICH IN DER DOPPELMONARCHIE ÖSTER-REICH-UNGARN
Österreich war ein Teilstaat in der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn. Auch wenn beide Länder oft als Staatseinheit betrachtet wurden und werden, hatten sie in vielen Fragen Handlungsfreiheit für sich allein. Nur wenige Angelegenheiten wurden gemeinsam geregelt. In Kapitel drei stelle ich in einen knappen Überblick den Staatsaufbau der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn sowie die Struktur der Armee, mit der die Doppelmonarchie 1914 in den Krieg zog, dar.
So wie Österreich-Ungarn bis zu seinem Zerfall Ende 1918 existierte, existierte es seit dem „Ausgleich“ zwischen Österreich und Ungarn von 1867. Der Ausgleich hatte die Gemeinsamkeiten der beiden Länder neu geregelt. Gemeinsam waren ihnen seitdem der Herrscher, jeweils als Kaiser von Österreich und König von Ungarn, sowie die kaiserlichen und königlichen Reichsministerien für Äußeres, Krieg und Finanzen. Die Reichsminister handelten unter der Aufsicht von Delegationen, die sich aus Mitgliedern des österreichischen und des ungarischen Parlaments zusammensetzten. Die schwierigste Frage in den Verhandlungen zwischen beiden Ländern war stets, wie gemeinsame Ausgaben, aber auch Gewinne anteilig auf beide Länder aufgeteilt wurden. Obwohl beide Länder in gemeinsamen Fragen gleichberechtigt waren, übernahm Österreich 70% der Ausgaben. 14 Die offizielle Bezeichnung dieser Doppelmonarchie war seit dem Ausgleich „Österreich-Ungarn“, wobei der Name Österreich nur in dieser Doppelbezeichnung existierte. Bis 1915 hieß die österreichische Reichshälfte offiziell „die im Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder“. 15
Zu diesen, die auch mit Cisleithanien, also Land diesseits der Leitha bezeichnet wurden, gehörten neben dem Gebiet, das später Deutsch-Österreich wurde, Böhmen, Mähren, Schlesien, Galizien, Südtirol, Triest, Istrien, Slowenien, Dalmatien und die Bukowina. 16 Die einzelnen Landesteile waren sehr unterschiedlich geprägt. Dem industriell geprägten Westen stand der landwirtschaftlich geprägte Osten gegenüber. Die daraus folgenden wirtschaftlichen Unterschiede brachten Konflikte zwischen den verschiedenen sozialen Gruppen und Nationalitäten mit sich, was wiederum zu Boykotten von Produkten aus anderen Landesteilen, denen zum Teil sogar ausländische Waren vorgezogen wurden, führte. Um dem entgegenzuwirken, wurde in wirtschaftlich benachteiligten Gebieten ebenfalls Indust- 14 Zöllner,Erich 1984: 412
15 Wickenburg, Erik G. 1958: 147
16 Kulemann, Peter 1979: 40
Arbeit zitieren:
Sebastian Brüninghaus, 2006, Von Österreich-Ungarn nach Deutsch-Österreich, München, GRIN Verlag GmbH
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