Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1-2
2. Begriffserklärung
2
3. Diagnose
2-5
3.1 Zum Begriff
2-3
3.2 Die Diagnose bei ADHS
3-4
3.3 Kritik an der Diagnose
4-5
4. Ursachenzuschreibung
5-15
4.1 Der medizinisch- biologische Ansatz
5-6
4.1.1 Kritik an dem medizinisch- biologischen Erklärungsversuch
7-8
4.2 Die Lebenswelt der Kinder- tiefenpsychologisch individueller Diskurs
8-14
4.2.1 Die „Schnellfeuerkultur“
8-10
4.2.2 Die Anforderungen der Schule
10-12
4.2.3 Familiäre Strukturen
12-14
4.2 Gründe für die Anerkennung des medizinischen Modells
14-15
5. Medikation
15
5.1 Geschichtlicher Hintergrund
15-16
5.2 Wirkungsweise
16-17
5.3 Kritik an der Medikamentenvergabe
17-19
6. Die Gefahr der Stigmatisierung
20-21
7. ADHS und Schule- Umgangsmöglichkeiten
21-22
8 F a z i t
22-24
9 Q u e l l e n
25-26
10. Anhang
27-28
1. Einleitung
„Immer dann, wenn sich das Verhalten oder einzelne Verhaltensweisen eines Menschen erheblich von dem unterscheiden, was die Mitglieder der Gemeinschaft als akzeptabel und tolerierbar betrachten, wird diese Abweichung als „Störung“ vom „Normalen“ abgegrenzt und durch gezielte Maßnahmen zu korrigieren versucht.“ 1
Seit Mitte der 80er Jahre haben sich amerikanische Ärzte darauf geeinigt, die von der „Norm“ abweichende Ausprägung bestimmter Verhaltensweisen von Kindern, wie hohe Impulsivität, motorische Unruhe und mangelnde Aufmerksamkeit als eine spezifische Erkrankung zu bezeichnen. Als Ursache wurde eine angeblich genetisch bedingte Stoffwechselstörung im Gehirn verantwortlich gemacht. Diese Vorstellung wurde schnell von Psychiatern und Ärzten in vielen Ländern übernommen. Seitdem hat die Anzahl der Kinder, bei denen diese als Aufmerksamkeitsdefizit -, Hyperaktivitätsstörung (ADS bzw. ADHS) bezeichnete Erkrankung diagnostiziert wurde, explosionsartig zugenommen. Allein in den USA stieg die Anzahl der als behandlungsbedürftig eingeschätzten Kinder von unter einer Million im Jahr 1990 auf zehn Millionen im Jahr 2000. 2 Diese Zahlen zeigen das Ausmaß, welche die Verhaltensauffälligkeit in unserem Kulturkreis eingenommen hat.
Seitens vieler Wissenschaftler wird die Diagnose und Behandlungspraxis von ADHS heftig kritisiert. Sie sehen die Gefahr in einer Biologisierung sozialer Probleme, welche die tatsächlichen Ursachen für das Verhalten der Kinder und die Interessen hinter einer solchen Entwicklung verschleiern.
In dieser Arbeit möchte ich den derzeitigen ADHS Diskurs einer kritischen Analyse unterziehen und mich vor allem der Frage widmen, ob es sich bei dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom wirklich um eine durch einen Gendefekt verursachte Erkrankung handelt oder die auffälligen Verhaltensweisen vieler Kinder aus ihrer Lebenssituation resultieren.
Beginnen werde ich die Arbeit mit einer Begriffserklärung, um anschließend die Diagnose und die Ursachenzuschreibung von ADHS näher zu untersuchen und kritisch zu betrachten. Dabei möchte ich die zwei Hauptstränge des Diskurses abhandeln. Dies ist zum Einen der biologisch- medizinische Ansatz, welcher davon ausgeht, dass der Ursprung von ADHS in der Physiologie des Kindes liegt, und zum Anderen der individuumszentrierte Diskurs.
1 Hüther Gerald, 2005: 11
2 Ebd. S. 11
Wissenschaftler, die sich dem individuumszentrierten Diskurs anschließen gehen davon aus, dass der Ursprung von ADHS in der Lebenswelt des Kindes zu suchen ist. Sie forschen nach den psychosozialen Gründen der Auffälligkeiten, bezeichnen ADHS nicht als Krankheit, sondern als eine Reaktion der Kinder auf ihre Umwelt und ihre schwierige Lebenslage. Dabei möchte ich vor allem die scheinbar bewiesene biologische Ursache für ADHS kritisch betrachten, um anschließend auf die kulturelle Erzeugung von ADHS einzugehen. Des Weiteren möchte ich kurz auf die Therapie von ADHS in der gesellschaftlichen Praxis eingehen und dies kritisch beleuchten.
Anschließend analysiere ich die Folgen für die Kinder, welche entstehen können, wenn sie als krank abgestempelt werden. Dabei gehe ich kurz auf die Theorie des Labelling Approach ein.
Zudem werde ich zum Schluss Umgangsmöglichkeiten mit ADHS in der Schule aufzeigen und die Arbeit mit einem Fazit abschließen.
2. Begriffserklärung
ADHS steht für Aufmerksamkeits- Defizit- Syndrom mit Hyperaktivität. Kinder, bei denen ADHS diagnostiziert wird, zeigen Verhaltensweisen, die von hoher Ablenkbarkeit, motorischer Unruhe und Impulsivität geprägt sind. 3 Unter einem Syndrom versteht man in der Medizin ein Krankheitsbild, das sich aus dem Zusammentreffen verschiedener, charakteristischer Symptome ergibt. 4
3. Diagnose
3.1 Zum Begriff
Allgemein bezeichnet eine Diagnose das Ergebnis einer unterscheidenden Beurteilung. Erzeugt wird der Prozess durch eine vorausgehende Irritation darüber, dass ein Verhalten nicht den Erwartungen entspricht. Für eine Diagnose wird ein intersubjektives Kategoriensystem benötigt. Eine Diagnose ist demnach eine Zuordnung zu Kategorien von Exklusion und Inklusion. 5
Der Autor und Sozialwissenschaftler Matthias Wenke fasst dies wie folgt zusammen:
3 Raschendorfer Nicole, 2003: 7
4 Band 5: Das Fremdwörterbuch
5 Wenke Matthias, 2006: 40
„Wir, die Ärzte und die Gesellschaft als Ganzes haben es nötig, der Welt eine Ordnung zu geben, und wir tun dies unter anderem mittels Diagnosen. Diagnosen und diagnostische Instrumente sind Teil institutionalisierter Erklärungsroutinen. Man kann generell sagen, dass alle Formen von Beobachtung, also Diagnosen, aber auch Verstehensprozesse, auf Unterscheidungen und deren Benennung basieren und das mit diesen Unterscheidungen neue Figur- Grund- Verhältnisse im intersubjektiven Feld und somit neue Dinge geschaffen werden.“ 6
3.2 Die Diagnose bei ADHS
Die Symptome, die bei ADHS auftreten sind ein hohes Maß an Impulsivität, eine ununterbrochene Suche nach intensiver Stimulation, eine Neigung zu Rastlosigkeit und Ungeduld sowie eine sehr aktive, wechselnde Aufmerksamkeitsspanne. 7 Im DSM (Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen) werden unter dem Titel ADHS den drei Teilbereichen Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität verschiedene Verhaltensmerkmale zugeordnet. 8 (Liste s. Anhang)
Zudem müssen für das Aussprechen einer ADHS Diagnose noch vier weitere Kriterien erfüllt sein. Dazu zählt z.B., dass die Symptome unter zwei situativen Bedingungen, also intern (zu Hause) und extern (z.B. in der Schule) auftreten und das einige der auffälligen Verhaltensweisen bereits vor dem siebten Lebensjahr aufgetreten sind. ADHS gilt in der Medizin als Krankheit und trotzdem existiert kein medizinischer Test, mit dem ADHS eindeutig nachgewiesen werden kann. 9
Die ADHS Diagnose ist eine Ausschlussdiagnose, d.h. es müssen differential- diagnostisch alle anderen möglichen psychiatrischen (z.B. Depressionen, Psychosen oder Persönlichkeitsstörungen) oder organischen Ursachen (z.B. Hirnverletzungen) für das auffällige Verhalten ausgeschlossen werden, bevor das Etikett ADHS vergeben wird.
Eine Diagnose sollte prinzipiell in vier Schritten erfolgen 10 :
1. Anamnese (Vorgeschichte einer Krankheit) 2. organischer Befund 3. psychologische Tests 4. Verhaltensbeobachtungen
6 Wenke Matthias, 2006: 40
7 De Grandpre Richard, 2002: 18
8 Raschendorfer Nicole, 2003: 17
9 Raschendorfer Nicole, 2003: 17
10 Wenke Matthias, 2006:66
3.3 Kritik an der Diagnose
Aufgrund undurchsichtiger und fragwürdiger Verfahren wird vermehrt Kritik an dem Diagnoseverfahren für ADHS geübt. Kritisch wird vor allem das Fehlen eines eindeutigen Testverfahrens beäugt.
Zudem ist die Formulierung der Kriterien für eine ADHS Diagnose äußerst ungenau definiert. So heißt es z.B. „Das Kind zappelt häufig mit Händen oder Füßen“ 11 An dieser Stelle stellt sich die Frage, wer definiert was häufig ist und was nicht. Der Arzt, welcher die ADHS Diagnose stellt, handelt demnach nach seinem bloßen subjektiven Empfinden. Oft werden die Diagnose Kriterien der „ADHS Liste“ nach einer einmaligen Beobachtung des Kindes in Form eines Fragebogens bloß abgehakt. In der Praxis sieht dies so aus, dass eine ADHS Diagnose bereits als gerechtfertigt gilt, wenn sechs Merkmale der Liste auf das Kind zutreffen. 12
Nicole Raschendorfer stellt sich an dieser Stelle die Frage, was so grundsätzlich anders an einem Kind sein kann, das sechs Merkmale zeigt (ADHS Positiv) im Vergleich zu einem anderen Kind, dass fünf Merkmale zeigt (ADHS negativ). 13 Bemerkenswert hierbei ist, sowie es Gerald Hüther betont, dass die Liste der ADHS Symptome in den letzten Jahren immer länger geworden ist. Mittlerweile umfasst diese Liste nahezu alles, was am Verhalten eines Kindes auffallen kann. 14 Des Weiteren ist zu bedenken, dass es von der Umwelt abhängt, in der sich ein Kind bewegt, ob sein Verhalten als störend empfunden wird. 15 So wird es in einer ländlichen Umgebung, in der sich das Kind frei bewegen kann, kaum von Belang sein, dass es sich nicht ruhig beschäftigen kann und impulsives Verhalten zeigt. In der eingeengten Stadt könnte dies allerdings zum Problem werden.
Die Ergebnisse, die über die ADHS Fragebögen erzielt werden, beschreiben demnach vielmehr den Belastungsgrad derjenigen Personen, die in Beziehung mit dem Kind stehen, als das tatsächliche Verhalten des Kindes. 16
Hinzu kommt noch, dass es zwischen den verschiedenen Ländern auffallende Unterschiede in der Diagnosepraxis gibt. Bedenkenswert ist, dass die ADHS Diagnose in Japan und China völlig unbekannt ist, in den USA hingegen etwa neun Prozent der Kinder (das sind viereinhalb Millionen) die Diagnose ADHS erhalten (Stand 1997). 17
11 Raschendorfer Nicole, 2003: 19
12 Ebd. S.19
13 Raschendorfer Nicole, 2003: 20
14 Hüther Gerald, 2002: 21
15 GEW Regional Köditz, Michael S. 11
16 Raschendorfer Nicole, 2003: 20
17 Wenke Matthias, 2006: 67
Dies zeigt eindrucksvoll, dass die ADHS Problematik in erster Linie sozial produziert wird. 18
Wenke ist der Ansicht, dass es sich bei ADHS um eine Modediagnose handelt, die oft in Minutenschnelle und in 80% der Fälle zu Unrecht gestellt wird. Zudem gibt Wenke zu bedenken, dass die Diagnose zum „Instrument eines Wolfsgesetzes“ der Leistungsgesellschaft werden kann, die jeden aussondert und als Krank abstempelt, der nicht als genügend standardisierbar erscheint. 19
Aufgrund der aufgeführten Tatsachen scheint es eindeutig angebracht zu sein, eine ADHS Diagnose äußerst skeptisch zu betrachten.
4. Ursachenzuschreibung
In der Debatte über Erklärungsansätze für das ADH Syndrom lassen sich deutlich zwei Hauptstränge ausmachen. Zum Einen gibt es den antiindividuellen biologisch- medizinischen Mainstream und zum Anderen den individuumszentrierten tiefenpsychologischen Diskurs. 20 Im Folgenden möchte ich das medizinische Erklärungsmodell darstellen und kritisch hinterfragen. Des Weiteren werde ich im Bezug darauf den tiefenpsychologischen Diskurs vorstellen und die Lebensbedingungen der Kinder beleuchten, welche ADHS typisches Verhalten hervorrufen können.
4.1 Der medizinisch- biologische Ansatz
Durch die Entwicklung neuer bildgebender Untersuchungsmethoden konnte in den vergangenen Jahren eine Vielzahl von Daten zu Stoffwechselprozessen im Gehirn gesammelt werden. Damit schien sich ein Traum vieler Wissenschaftler zu erfüllen, nämlich psychische Erkrankungen und Verhaltensauffälligkeiten auf organische Ursachen zurückführen zu können. 21
Wissenschaftler und Hirnforscher gehen davon aus, dass der Ursprung von hoher Ablenkbarkeit, motorischer Unruhe und Impulsivität in der Physiologie des Kindes zu suchen ist. Dabei richtet sich ihr Blick in erster Linie auf das Gehirn. Denn dort werden alle Reize, die über die Sinnesorgane aufgenommen werden, verarbeitet. Dabei spielen die so genannten Neurotransmitter eine entscheidende Rolle. Sie leiten die Reize weiter und übergeben somit Informationen von einem Nerv auf den anderen.
18 Wenke Matthias, 2006: 67
19 Ebd. S. 69
20 Wenke Matthias, 2006:82
21 Von Lüpke Hans, 2002: 43
Im Zusammenhang mit dem ADH Syndrom ist häufig von den Neurotransmittern Dopamin und Noradrenalin die Rede. 22
Eine mögliche Erklärung für ADHS lautet, dass bei den Kindern, die an einer Verhaltensstörung leiden, in bestimmten Gehirnregionen ein Mangel an Dopamin besteht und Nervenzellen, die mit diesem Botenstoff arbeiten, Reize deshalb nicht weiterleiten können. Wiederum andere Wissenschaftler gehen davon aus, dass es sich bei ADHS nicht um einen Mangel eines Botenstoffes handelt, sondern vielmehr eine Fehlfunktion des Transport- Systems vorliegt. Vermutet wird eine verminderte Dopamin- Ausschüttung, bei eigentlich ausreichendem Vorhandensein des Stoffes. 23
Als Ursache für diese Auffälligkeiten in der Gehirnregion werden zwei Möglichkeiten genannt. Zum Einen die genetische Disposition, die davon ausgeht, dass ein oder mehrere defekte Gene für die Veränderungen im Stoffwechsel des Gehirn zuständig sind. Verstärkt wurden diese Annahmen durch Familien-, Adoptions- und Zwillingsstudien. Das häufige Auftreten von ADHS bei mehreren Kindern in der Familie sowie bei Zwillingen scheint dafür zu sprechen, dass ADHS vererbt wird. 24 Jedoch wäre es an dieser Stelle auch angebracht zu überdenken, ob das Auftreten von ADHS bei Geschwisterkindern nicht an die gleichen Sozialisationsbedingungen, in welchen sie aufwachsen, geknüpft ist. Zum Anderen ziehen einige Wissenschaftler als zweite Ursache für die Entstehung von ADHS Schädigungen des Gehirns vor oder kurz nach der Geburt in Betracht. 25 Die Dopaminmangelhypothese wurde inzwischen durch alle möglichen Untersuchungen an betroffenen Kindern, an Tieren und Zellkulturen geprüft, modifiziert und erweitert. Somit hatte die Verhaltensstörung nun endlich eine klar definierte Ursache, ein Dopamindefizit im Gehirn, welcher sich scheinbar durch eine einfache Maßnahme, nämlich durch ein Medikament namens Ritalin beheben ließ. Das Störungsbild wurde fortan als Krankheit angesehen. 26
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Ursachen für ADHS in medizinischer Sicht als unveränderbar gelten. Eine wirkliche Heilung der Krankheit ist nach diesem Erklärungsmodell nicht möglich. 27
22 Raschendorfer Nicole, 2003: 12
23 Ebd. S. 13
24 Von Lüpke Hans, 2002: 43
25 Raschendorfer Nicole, 2003: 13
26 Hüther Gerald, 2002: 18
27 Raschendorfer Nicole, 2003: 13
4.1.1 Kritik an dem biologisch- medizinischen Erklärungsversuch
Dieser einseitige Biologismus wird heutzutage von einigen Wissenschaftlern vielfach kritisiert. Beanstandet wird vor allem, dass die Lebenswelt der Kinder unzureichend als mögliche Ursache für Verhaltensauffälligkeiten herangezogen wird. In vielen Fachbüchern und Ratgebern zu dem Thema ADHS wird fast ausschließlich der medizinisch- biologische Erklärungsansatz dargestellt und als einzig richtig deklariert (vgl. Holowenko, Henryk (1999): Das Aufmerksamkeitsdefizit- Syndrom, Ettrich, Christine und Murphy Witt, Monika (2003) ADS- So fördern sie ihr Kind) Vermutungen, dass das Kind, aufgrund traumatisierender und einschränkender Umweltfaktoren auffällige Verhaltensweisen zeigt, wird im biologischen Diskurs fast niemals erwähnt. 28 Laut Wenke wird durch den biologischen Ansatz, ADHS zu einem familienzerstörendem Etwas verdinglicht, das erst sekundär zu sozialen Problemen führt. Untersuchungen sprechen allerdings dafür, dass das Syndrom als sekundäre neuronale Anpassungsleistung an primäre Störungen der Lebenserfahrung zu sehen ist, denn durch Erfahrungen während der frühen Kindheit werden Gehirnsysteme organisiert. Somit scheint es plausibel zu behaupten, dass es nicht verwunderlich ist, Anomalien im Gehirn von ADHS Kindern zu finden, nachdem sie ihr Gehirn jahrelang anders benutzt haben, als Kinder die keine Verhaltensauffälligkeiten zeigen. 29 Das heißt, dass die Struktur des Gehirns abhängig ist von der Art und Weise wie es benutzt wird. Demnach ist es auch möglich, die Bilder und Befunde der veränderten Hirnstrukturen von Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten nicht auf eine genetische Ursache zurückzuführen, sondern auf frühkindliche Erfahrungen. Denn solange nicht bewiesen ist, welche Veränderungen im Gehirn zu Beginn einer Störung auftreten und welche erst im weiteren Verlauf entstehen, besteht immer die Gefahr, die erst später auftretenden und gut messbaren Folgen für die Ursachen der Störung zu halten. 30
Zudem betont Gerald Hüther, dass die „Dopoaminmangelhypothese“ allein auf der Tatsache beruht, dass die Gabe von Substanzen, welche die Dopaminfreisetzung im Gehirn anregt, zu einer Verringerung der Symptomatik führte. Bis heute ist es nicht gelungen, den vermuteten Dopaminmangel im Gehirn von verhaltensauffälligen Kindern nachzuweisen. 31
Eine weitere Gefahr des medizinischen Erklärungsversuchs sehen die Kritiker in der Tatsache, dass häufig nach einer ADHS Diagnose alle weiteren Probleme der Kinder im
28 Wenke Matthias, 2006: 86
29 Hüther Gerald, 2002: 61
30 Hüther Gerald, 2002: 58
31 Hüther Gerald, 2002: 54
Alltag ebenfalls auf die „Krankheit“ zurückgeführt werden und diese somit ihrem angeblich biologischen Schicksal selbst überlassen werden. 32 Die häufig anzutreffenden verhaltenstherapeutischen Ratschläge und die zahlreichen Belege für besonders günstige Ergebnisse bei der Einbeziehung elterlicher Intervention zur Behandlung von ADHS sind schwer mit dem biologischem Erklärungsmodell zu vereinbaren. Da es sich bei dem ADH Syndrom angeblich um eine unveränderbare Krankheit handelt scheint es bei diesem Erklärungsmodell nämlich nur eine Lösung zu geben, und das ist die Verabreichung eines vielfach umstrittenen Medikaments. 33 Wenn Eltern und Pädagogen erst einmal der Auffassung sind, dass die Störung der Kinder auf einer unveränderbaren genetischen Ursache beruht, wird die Suche nach einer dauerhaften Lösung aufgegeben. Nach De Grandpre ist die Folge dann eine „self- fulfilling prophecy“ denn wenn nach keiner nicht medikamentösen Lösung gesucht wird, bleiben die Störungen unangetastet und erscheinen in der Tat als unlösbar und körperlich bedingt. 34
Durch die biologische Erklärung wird somit eine Wahrheit konstruiert die es nicht gibt. Zusammenhänge wie den Sinn des Verhaltens der betroffenen Kinder und ihre individuelle Lebensgeschichte bleiben außen vor. 35
ADHS wird somit häufig als Erklärung und nicht als Beschreibung psychischer Probleme angesehen.
Auf der Basis dieser Kritikpunkte, gehen einige Wissenschaftler davon aus, dass die Symptome bei ADHS in erster Linie durch die Lebenslagen der Kinder hervorgerufen werden. Auf diese Ansicht soll im Folgenden näher eingegangen werden.
4. 2 Lebenswelt der Kinder- tiefenpsychologischer individueller Diskurs
DeGrandpre und einige weitere Wissenschaftler und Autoren sind der Meinung, dass es in erster Linie kulturelle Einflüsse sind, die ADHS typisches Verhalten hervorbringen. DeGrandpre beschreibt unsere Gesellschaft als „Schnellfeuer Kultur“. Eine Gesellschaft, die auf dem Dauerkonsum von Sinnesreizen beruht. Mit seiner Theorie von der optimalen Suche nach Sinnesreizen, versucht er zu erläutern, wie es in unserer Gesellschaft dazu kommt, dass einige Kinder ADHS typische Verhaltensweisen entwickeln.
Da ADHS häufig in der Schule und im Familienleben auftritt, möchte ich des Weiteren kritisch auf die Institutionelle Beschaffenheit der Schule, sowie auf die familiären Strukturen
32 Wenke Matthias, 2006: 87
33 Wenke Matthias, 2006: 84
34 De Grandpre Richard, 2002: 158
35 Wenke Matthias, 2006: 8
in unsere Gesellschaft eingehen und diese im Hinblick auf die soziokulturelle Erzeugung von auffälligen Verhaltensweisen analysieren.
4.2.1 Die „Schnellfeuer Kultur“
DeGrandpre beschreibt das Kind von heute als unbeabsichtigtes Opfer eines enormen Drucks. Dieser Druck resultiert aus dem schnellen, verwirrenden sozialen Wandel und den stetig wachsenden Erwartungen an die Kinder. 36
Hinzu kommt, dass die Kinder daran gewöhnt sind, ständig unterhalten zu werden. Das Ausmaß an Stimulation, welches die Kinder u.a. durch die digitalen Medien Tag für Tag erfahren, ist immens. Nach DeGrandpre sind die Kinder, die mit dem Etikett ADHS abgestempelt werden, innerlich vollkommen leer und unruhig, weil sie an eine ständige Stimulation gewöhnt sind. 37 Wie bereits erwähnt, bezeichnet DeGrandpre unsere Gesellschaft als „Schnellfeuer Kultur“. Die beschleunigte Zeitstruktur der Erwachsenenwelt und der Medien kollidiert mit den Bedürfnissen der Kinder und führt zu ihrer Vernachlässigung und späteren Ablenkungsbereitschaft. 38
Zudem leben wir in einer Welt, die vollständig von Reizen überflutet ist. Ein Schwall von Gerüchen und visuellen Reizen überfordert tagtäglich unseren Organismus. 39 Beruhend auf dieser Annahme entwickelt DeGrandpre seine Theorie von der Sucht nach Sinnesreizen im Hinblick auf die Entstehung von Verhaltensauffälligkeiten. 40 Der Psychologe geht davon aus, dass sich ein Kind mit ADHS bei einem ausreichenden Stimulationsniveau von einem „normalen“ Kind nicht unterscheidet. Sobald die Reize nachlassen, werden die Kinder mit den größeren Reizbedürfnissen sich zurückziehen und sich ausklinken oder sie werden zu einem anderen selbststimulierenden Verhalten übergehen. 41 In diesem Zusammenhang nennt DeGrandpre den Begriff der optimalen Stimulation. 42 Das Reizbedürfnis einiger Menschen wird so groß, dass es nicht ausreichend befriedigt werden kann. Wie dies zustande kommt erklärt der Autor wie folgt:
Durch unsere Gesellschaft, in der alles so schnell wie möglich passieren muss, passen wir uns der Intensität der Stimuli unserer Umwelt an. Unsere Anpassung an schnelle und viele Reize führt zu überhöhten Reizerwartungen im Alltag. Wir suchen stetig nach noch intensiveren Reizen (z.B. in Filmen und Videospielen), welche unsere Erwartungen allerdings nur am Anfang befriedigen, da wir uns auch wieder an diesen Reizfluss gewöhnen. Als Beispiel
36 DeGrandpre, Richard 2002: 20
37 Ebd. S. 21
38 Ebd. S. 52
39 DeGrandpre, Richard 2002: 69
40 Ebd. S. 175
41 Ebd. S. 174
42 Ebd. S. 176
nennt DeGrandpre an dieser Stelle die Geschichte elektronischer Stimulationsquellen. Filme und Videospiele, die vor einigen Jahren noch überwältigend waren, sind bald überholt und schnell langweilig. Sie werden dann durch neue, aufregendere Erlebnisträger ersetzt und der Zyklus beginnt von neuem. Eine Studie belegt, dass Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten deutlich mehr Zeit vor dem Fernseher und mit Videospielen verbringen als andere Kinder. 43 Dies wäre eine Erklärung wieso manche Kinder reizabhängiger sind als andere. Durch die übersteigerte und immer größere Intensität der Stimuli in unserer Umgebung leiden wir unter langsamen und reizarmen Phasen, wie z.B. während den Hausaufgaben oder in der Schule. 44
Zur Bestärkung seiner Theorie, nämlich dass die ADHS Symptome durch unsere schnelllebige und reizsuchende Gesellschaft erzeugt werden, führte DeGrandpre Untersuchungen mit Kindern die an ADHS leiden und „normalen“ Kindern durch. Die Untersuchungen zeigten, dass ADHS- diagnostizierte Kinder bei einer Konzentrationsaufgabe schlechter abschnitten als andere Kinder. Sobald allerdings ein aufregender Stimulus hinzukam, z.B. dass die Kinder Geld bekommen, wenn sie richtig und schnell antworten, war kein Unterschied in der Arbeitsweise der Kinder festzustellen. Des Weiteren zeigte eine Studie, dass die Verhaltensauffälligkeiten von Kindern unter freien Spielbedingungen nicht auftraten. 45 Diese Ergebnisse zeigen deutlich, dass die Störungen unter optimalen Stimulationsbedingungen nachlassen bzw. gar nicht mehr feststellbar sind. Dies weist für DeGrandpre darauf hin, dass Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten nach optimaler Stimulation suchen, welche sie vor allem in der Schule, bei Hausaufgaben, während dem Mittagessen etc nicht bekommen.
Durch die Beschaffenheit unserer Gesellschaft entwickeln sich Reizabhängigkeiten, die bei einigen Kindern bei ungenügender Stimulation zu innerer Ruhelosigkeit, Angst und Impulsivität führen. 46
4.2.2 Die Anforderungen der Schule
Der Autor und Sozialwissenschaftler Wenke betont, dass sich Verhaltensauffälligkeiten besonders dort bemerkbar machen, wo das Kind gezwungen wird, sich mit einer neuen gesellschaftlichen Institution wie der Schule auseinandersetzen zu müssen. In der Schule, wo der Leistungsdruck immer stärker wird, fallen einige Kinder aus dem Rahmen, weil sie mit
43 DeGrandpre, Richard 2002: 113
44 Ebd. S. 175 f
45 Ebd. S.178
46 Ebd. S. 181
dem Druck, der auf ihnen lastet, nicht umgehen können. 47 Diese Tatsache lässt sich allerdings nicht allein auf eine biologische Ursache zurückführen. Welche Anpassungsleistung die Schule von jungen Kinder erwartet und wie sich hinsichtlich dieser Überforderung ADHS typisches Verhalten ausbilden kann, soll im Folgenden kurz aufgezeigt werden. Generell sind die Kinder zu Schulbeginn der Institution gegenüber weitestgehend positiv eingestellt. Die meisten Kinder freuen sich auf die Schule, sind neugierig und wissensdurstig. Es lässt sich durchaus behaupten, dass eine grundsätzliche Bereitschaft bei Schulanfängern besteht, sich auf die Anforderungen der Schule einzulassen. 48
Deshalb sollten die Ursachen für Schwierigkeiten, welche häufig in der Schule auftreten nicht primär bei den Schülern gesucht werden, sondern in der Struktur der Institution selbst. Mit Schulbeginn erhält das Kind eine weitere Rolle („Schülersein“). Es muss lernen seine eigenen Bedürfnisse in der Gruppe zurückzustellen und sich an die Regeln und Ordnungen der Institution anzupassen. 49
Eine Vielzahl neuer Erwartungen werden an das Kind gestellt. Neben den Erwartungen von Lehrern und Eltern, worunter der Leistungsdruck und die Konkurrenz zählen, entstehen neue Anforderungen in motorischer Hinsicht. Die Kinder werden enorm in ihrem Bewegungsdrang eingeschränkt, müssen teilweise zwei Stunden am Stück ruhig und konzentriert arbeiten. Zudem dürfen sie nicht mehr sprechen, wenn sie wollen.
Nur wer etwas zum Unterrichtsgeschehen beitragen will darf sprechen, und das auch nur, wenn er sich vorher gemeldet hat. Bedürfnisse des einzelnen Kindes zählen plötzlich nicht mehr. Im Gegenteil,
es wird von den Schülern erwartet, dass sie ihre natürlichen Bedürfnisse, wie z.B. Bewegungsdrang, perfekt ausschalten können.
In diesem Zusammenhang scheint es wenig verwunderlich, wenn einige Kinder ständig Flüchtigkeitsfehler machen, nicht konzentriert arbeiten und nicht zuhören und „reinplatzen“, wenn andere Kinder sprechen.
Kinder, die es nicht schaffen, sich dermaßen unterzuordnen und den Leistungserwartungen der Lehrer und Eltern gerecht zu werden, erfahren somit schon früh eine Ablehnung der eigenen Person. Die Kinder werden selektiert und als „krank“ abgestempelt. Der Autor Wenke nennt in diesem Zusammenhang ein sehr passendes Beispiel. „ Lässt man Wasser aus einem See, wird es eng für die Fische, die viel Platz brauchen; sie müssen entweder als deviant selektiert oder normalisiert werden.“ 50 Wenke kritisiert in diesem Kontext, dass die
47 Wenke Matthias, 2006: 75
48 Schorch Günther, 1998: 81
49 Schorch Günther, 1998: 82
50 Wenke Matthias, 2006: 75
Schulen zu wenig Heterogenität tolerieren. Kinder, die nur in geringem Maße aus dem Leistungsrahmen fallen, werden als krank deklariert. 51
Die Anpassungsleistung, welche die Institution Schule von den Kindern erwartet, stellt für einige Kinder eine Überforderung dar, mit welcher sie nicht umgehen können. Fehlt dann noch die nötige Zuwendung und Hilfe des Elternhauses, scheint es leicht möglich, dass die Kinder Verhaltensweisen wie motorische Unruhe und Hyperaktivität entwickeln. In diesem Zusammenhang bestätigt sich auch die Theorie von DeGrandpre. In der Schule müssen die Kinder dem häufig reizarmen Unterricht konzentriert folgen. Allerdings sind sie durch ihre schnelllebig und von Reizen überfüllte Umwelt gewöhnt, ständig stimuliert zu werden. Lassen sie sich dann von äußeren Reizen leicht ablenken, kann man dies nicht als krank bezeichnen, sondern als natürliches Resultat ihrer Lebenswelt.
4.2.3 Familiäre Strukturen
Des Weiteren lohnt sich in diesem Zusammenhang ein Blick auf die familiären Strukturen zu werfen, in denen einige Kinder heute aufwachsen.
Bereits seit den 90 er Jahren ist in Deutschland ein Strukturwandel der Familie erkennbar. Seit 1994 wird in der BRD etwa jede dritte Ehe geschieden, Tendenz steigend. 52 Die Ein- Eltern-Familien und sog. Patchwork Familien stellen eine verbreitete und stetig wachsende Familienform dar. 53 Die aus biologischer Mutter, Vater und Kind bestehende Ursprungsfamilie ist für viele Kinder von begrenzter Dauer. 54 Aus diesen sich wandelnden Familienstrukturen resultieren auch veränderte Bedingungen des Aufwachsens von Kindern. Das Leben in einer Ein- Eltern Familie, Stieffamilie oder Patchwork Familie steht im Widerspruch zu den Grundbedürfnissen eines Kindes, welche als Voraussetzung einer gesunden Persönlichkeitsentwicklung gelten. Zu diesen Bedürfnissen zählen eine verlässliche personale Beziehung, dauerhafte Gefühlsbindungen und stabile äußere Verhältnisse. 55 Mit der Trennung der Eltern löst sich in der Regel der gemeinsame Haushalt auf. Dieser Trennungsprozess ist insbesondere für die Kinder begleitet von heftigen Verlustsängsten, Streitigkeiten, Trauer und Wut. Dies führt zu schweren Lebenskrisen und wirkt sich ohne Zweifel auf die Persönlichkeitsbildung und das Selbstkonzept von Kindern aus. Schon früh erfahren die Kinder dadurch unsichere emotionale Bindungen. 56 Zudem werden die Kinder
51 Wenke Matthias, 2006: 75
52 http://www.rosenkrieg-magazin.de/statistik.htm Stand: 12.05.08; 11:45 Uhr
53 Stein- Hilbers Marlene, 1994: 61
54 Ebd. S. 62
55 Ebd. S. 67
56 Ebd. S. 153
während der Scheidungsphase enorm vernachlässigt, die häuslichen Strukturen und Gewohnheiten brechen zusammen, die Kinder verbringen viel Zeit alleine. 57 Hinzu kommt, dass eine Trennung der Eltern, meist den Verlust des Vaters für das Kind bedeutet. Die Vaterabwesenheit wird als nicht zu unterschätzendes Sozialisationsdefizit betrachtet. 58 Kinder aus vaterlosen Familien werden als delinquenter und moralisch „unreifer“ eingeschätzt. Zudem seien sie häufig in der Schule auffälliger, haben Schwierigkeiten, langzeitige Verpflichtungen einzugehen und entwickeln ein geringes Maß an Selbstkontrolle. 59 Dies sind Verhaltensweisen, die auch bei einer ADHS Diagnose in Erscheinung treten.
Besonders negativ wirkt sich die Vaterabwesenheit auf die Entwicklung von Jungen aus. Ihnen fehlt ein geeignetes Rollenvorbild und Identifikationsobjekt zur Ausbildung ihrer Geschlechterrolle. 60 Interessant hieran ist, dass es vor allem Jungen sind, welche ADHS typisches Verhalten zeigen. 61
Festhalten lässt sich, dass nicht nur die Trennung, sondern auch der Verlust einer elementaren Bezugsperson für die Kinder mit heftigen Trennungsschmerzen verbunden ist und zu mehr oder weniger langfristigen Verhaltensstörungen führen kann. 62 Hinzu kommt, dass immer mehr Mütter, ob allein erziehend oder nicht, aus finanziellen Gründen zum Teil ganztags arbeiten gehen müssen. 63 Dabei sind die Kinder gezwungen sich an die Obhut Fremder zu gewöhnen bzw. viel Zeit alleine verbringen. Die psychischen Bedürfnisse der Kinder kommen dabei zu kurz und sie leiden nach DeGrandpre alleine aus diesem Grund zunehmend unter emotionaler Vernachlässigung und Verhaltensproblemen. 64 Zudem fehlt vielen Kindern ein strukturierter und stressfreier Tagesablauf in den Familien. Oft beginnt der Stress früh morgens und endet für alle Beteiligten erst beim „Zu Bett gehen“. Nach Degrandpre können die Kinder dadurch keine Strukturen der Selbstorganisation und der Selbstkontrolle ausbilden, welche auch typische Anzeichen von ADHS sind. 65
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es nicht zwangsläufig bedeutet, dass zerbrochene Familienstrukturen ADHS typisches Verhalten erzeugen, es jedoch insofern begünstigen, da sie dazu beitragen, dass Kinder durch fehlende emotionale Bindung dazu neigen Verhaltensauffälligkeiten zu entwickeln. Die unter 4.2 genannten Punkte sind einzelne Faktoren, welche neben zahlreichen anderen individuellen Einflüssen aus dem Leben eines
57 Stein- Hilbers Marlene, 1994: 154
58 Ebd. S. 120
59 Ebd. S. 124
60 Ebd. S. 124
61 Wenke Matthias, 2006: 78
62 Ebd. S. 71
63 DeGrandpre Richard, 2002: 64
64 Ebd. S. 64
65 Ebd. S. 67
Kindes dazu beitragen, dass Kinder im Alltag Verhaltensauffälligkeiten zeigen. Angst, Stress, ständige Reizüberflutung, mangelnder Selbstschutz, unsichere emotionale Bindungen, Über-, und Unterforderung prägen das Leben der Kinder und hindern sie an einer gesunden Persönlichkeitsentwicklung. 66
4.3 Gründe für die Annerkennung des medizinischen Modells
Trotz all dieser Kritikpunkte und alternativen Entwürfen über mögliche Ursachen des ADH Syndroms, besteht in der Öffentlichkeit eine allgemeine Anerkennung des biologischen Erklärungsmodells. In diesem Anschnitt möchte ich einige Gründe nennen, welche für die öffentliche Haltung augenscheinlich ausschlaggebend sind.
Die Bereitschaft das medizinische Erklärungsmodell als das einzig richtige zu akzeptieren zeigen vor allem Ärzte und die Eltern der betroffenen Kinder. Die Ärzte haben einen deutlichen finanziellen Vorteil, wenn psychische Störungen als Krankheit definiert werden.
Aber auch amerikanische Familien und Schulen verdienen zum Teil erheblich an einer ADHS Diagnose. Amerikanische Schulen erhalten einen jährlichen Zuschuss von 400 Dollar pro Kind, das die Diagnose ADHS erhalten hat. Des Weiteren werden Familien, deren Kind vom ADHS betroffen ist, in einigen amerikanischen Bundesstaaten monatlich mit je 450 Dollar bezuschusst. In diesen Regionen verzeichnete man sogar einen Anstieg an ADHS- Diagnosen von 5% auf 25%. 67 So ist es auch weniger verwunderlich, dass es bis zum Herbst 2001 mehr als eine halbe Million Berichte über medizinische Behandlungen vom ADHS gegeben hat, lediglich aber nur ca. 3000, die sich mit einer Psychotherapie befassten. 68
Hinzu kommt die psychische Entlastung für Eltern, wenn ADHS als Krankheit anerkannt wird. Denn Eltern haben augenscheinlich lieber kranke als unglückliche Kinder. 69 Es gibt viele verzweifelte und ratsuchende Eltern, für die es eine unheimliche Erleichterung und Entlastung darstellt, wenn die Probleme, die sie und andere Menschen mit ihrem Kind haben auf einen genetischen Defekt zurückgeführt werden. Die Schuld muss somit nicht länger bei ihnen bzw. in der Lebenswelt der Kinder gesucht werden. 70 Viele sind dankbar, wenn etwas Irritierendem endlich ein Namen gegeben werden kann. Aussagen wie „Endlich hat das Problem einen Namen und es ist nicht meine Schuld“ oder „Die ADHS Diagnose hat uns
66 Wenke Matthias, 2006: 80
67 Hüther Gerald, 2002: 14
68 Ebd. S. 76
69 Wenke Matthias, 2006: 78
70 Hüther Gerald, 2002: 55
unser Leben zurückgegeben“ sind daher keine Seltenheit. 71 Häufig definieren sich gerade die Mütter über die Leistung ihrer Kinder.
Deshalb lastet auf Frauen oft ein großer Druck, dass ihr Kind richtig „funktioniert“. Dies zeigt nur allzu deutlich, warum die Diagnose ADHS häufig eine Entlastung darstellt. Auch die Machthaber der Gesellschaft haben ein Interesse daran Verhaltensauffälligkeiten auf einen biologischen Ursprung zurückzuführen. Die bestehende Gesellschaftsstruktur wird somit legitimiert. Denn die Kinder sind zwar krank und brauchen Hilfe, aber nicht durch etwas in der Außenwelt, dass man ändern müsste. 72 Die Krankheitsdiagnose nimmt somit eine beschwichtigende Funktion ein, die von der Lebenswelt der Kinder ablenkt. 73 Ein weiterer Legitimationsgrund, die biologische Erklärung als die einzig richtige zu deklarieren, bietet die medikamentöse Behandlung des Syndroms, welche im Folgenden ausführlich behandelt wird.
5. Medikation
Als Lösung all dieser Probleme, die bei der ADHS Symptomatik auftreten, wird in der Praxis häufig auf Psychopharmaka zurückgegriffen.
Psychopharmaka sind Substanzen, die auf das zentrale Nervensystem einwirken und damit Einfluss auf Verhalten und Emotionen haben. 74
Kinder bei denen ADHS diagnostiziert wurde, werden häufig mit Methylphenidat behandelt, bekannter unter dem Namen Ritalin. 75
Im Folgenden werde ich einen kurzen geschichtlichen Überblick über das Medikament Ritalin geben und anschließend die Effektivität und die Auswirkungen des Medikamentenkonsums kritisch beleuchten.
5.1 Geschichtlicher Hintergrund
Um die massive und schnelle Verbreitung dieses Medikamentes begreifen zu können, lohnt sich ein Blick in die Geschichte.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts entdeckte ein Mediziner, dass sich die Verhaltenstörungen von Kindern gravierend verbesserten, nachdem er ihnen ein Aufputschmittel aus der Gruppe der Amphetamine verabreichte.
71 De Grandpre Richard, 2002: 222
72 De Grandpre Richard, 2002: 105
73 Wenke Matthias, 2006: 78
74 Raschendorfer Nicole, 2003: 25
75 Ebd. S. 25
Da auch bei Parkinson- Patienten mit „L- Dopa“ beeindruckende Ergebnisse erzielt wurden, probierte man in den 50er und 60er Jahren alles aus, um das so genannte „Zappelphilipp- Syndrom“ in den Griff zu bekommen.
Was man Mitte der 70er Jahre feststellte, gilt bei einigen Medizinern bis heute, nämlich dass nichts so gut wirkt wie das in der Mitte der 50er Jahre eingeführte Medikament Ritalin auf Basis des Amphetamins Methylphenidat. 76 In den USA wurden vor den Sechzigerjahren Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsstörungen kaum diagnostiziert und nur sehr selten medikamentös behandelt. Erst seit 1961 wurde der Einsatz von Ritalin durch die „Food and Drug Administration“ legitimiert. Im Jahr 1975 bekamen dann bereits 150.000 Kinder in den USA das Medikament verabreicht. Seitdem hat sich bis zum Jahre 2000 die Anzahl auf ungefähr zwei Millionen Kinder erweitert, die in den USA mit Ritalin behandelt wurden. 77 Bis 2003 stieg die Anzahl der Kinder die wegen ADHS medikamentös behandelt wurden nochmals um 49 Prozent an. Genauere Untersuchungen lassen zudem darauf schließen, dass die behandelten Kinder immer jünger werden. Zwischen 2000 und 2003 stieg die Anzahl der Verschreibungen an Kinder unter fünf Jahren um 369 %. 78 Auch in Deutschland ist der Verbrauch von Ritalin und ähnlich wirkenden Stimulanzien seit 1993 um das 14 fache gestiegen. Das Medikament steht auf Platz sechs der meist verkauften Psychopharmaka. 79
5.2 Wirkungsweise
Ritalin, das in den USA in 90 Prozent aller ADHS Diagnosen verabreicht wird, ist ein sehr starkes Stimulans, mit spezieller Wirkung auf das Herz, die Blutgefäße und das Gehirn. Stimulanzien erhöhen den Wachheitsgrad und verhindern Ermüdungserscheinungen. Würde Ritalin auf die gleiche Art und Weise wie Kokain eingenommen werden, hätte es pharmakologisch und psychisch die gleiche Wirkung. 80
Die genaue Wirkungsweise von Ritalin und der Einfluss auf das Gehirn bleiben allerdings weiterhin ungeklärt. Der Hersteller von Ritalin beschreibt das Medikament als ein sanftes Stimulans des zentralen Nervensystems. 81
Methylphenidat hat bei vielen Kindern mit vermutetem ADHS den für ein Stimulans paradoxen Effekt, nämlich dass es Unruhe mildert und Aufmerksamkeit fokussiert. 82
76 Hüther Gerald, 2002: 16
77 De Grandpre Richard, 2002: 17
78 Raschendorfer Nicole, 2003: 25
79 De Grandpre Richard, 2002: 17
80 Ebd S. 17
81 De Grandpre Richard, 2002: 134
82 Raschendorfer Nicole, 2003: 31
Einige Kinder sind jedoch auch weniger begeisterungsfähig und ängstlicher. 83 Zudem werden Signale der psychophysischen Regulation, wie Müdigkeit und Erschöpfung nicht mehr wahrgenommen, körperliche Reserven lassen sich über die eigentliche Leistungsgrenze hinaus ausschöpfen. Wie sich dies auf den Körper der Kinder auswirkt ist noch ungenügend untersucht. 84
Auch auf Grund der Tatsache, dass Ritalin so einschlägige Ergebnisse erzielt hat, geht man wie bereits erwähnt davon aus, dass das Gehirn eines an ADHS- erkrankten Kindes normalerweise zu wenig Dopamin freisetzt. Obwohl die Wirkungsmechanismen noch unzureichend geklärt sind, sind viele Wissenschaftler der Meinung, dass bei der Einnahme von Ritalin vermutlich das Defizit an Dopamin ausgeglichen wird und das betroffene Kind im Prinzip für ein paar Stunden ruhig gestellt wird ohne zappelig und unkonzentriert zu sein. 85
Legitimiert wird die Einnahme von Ritalin dadurch, dass es sich bei ADHS angeblich um eine Störung im Gehirn handelt, welche einer medikamentösen Behandlung bedarf. Häufig werden zur Legitimation auch Parallelen zu anderen Krankheiten gezogen. So wird behauptet, dass ein Kind, mit Konzentrationsstörungen ein organisches Problem hat und somit sein Ritalin genauso braucht wie ein Diabetiker sein Insulin. Die Wirkung von Insulin auf den menschlichen Körper lässt sich allerdings nicht mit dem eines Stimulans vergleichen. Insulin ergänzt lediglich einen Stoff, den der Körper selbst nicht ausreichend produzieren kann. Der Wirkstoff von Ritalin hingegen wird nicht vom Körper selbst hergestellt. Zudem würden Diabetiker ohne die Insulinzufuhr sterben, Kinder mit Aufmerksamkeitsstörungen sterben nicht, wenn sie kein Ritalin einnehmen. 86 Da Langzeitstudien über die Einnahme von Ritalin fehlen, bleibt unklar, welchen Einfluss das Medikament auf die sich entwickelnde Hirnstruktur hat. 87
5.3.Kritik an der Medikamentenvergabe
Die Einnahme von Ritalin wird vor allem von den Forschern kritisiert und skeptisch betrachtet, die die hirnorganische Störung nicht als hauptsächliche Ursache ansehen. 88 Kritisiert wird vor allem, dass die tatsächlichen Ursachen einer Aufmerksamkeitsstörung verschleiert werden und somit Interventionsmöglichkeiten verhindert werden.
83 Wenke Matthias, 2006: 73
84 Hüther Gerald, 2002: 75
85 Hüther Gerald, 2002: 55
86 Raschendorfer Nicole, 2003: 31
87 Wenke Matthias, 2006: 73
88 Köditz Michael S. 12
Denn wie Raschendorfer es in ihrem Buch betont, zeigt ein Kind viele Verhaltensweisen, an denen etwas geändert werden soll, unter dem Einfluss einer Droge nicht. Die Notwendigkeit einer Veränderung im Umfeld der Kinder oder in ihrer Beziehung zu ihren Mitmenschen wird somit häufig nicht mehr wahrgenommen, obwohl jene Bedingungen maßgeblich zu ihrem Verhalten beitragen. 89 Wenke stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, wie ein Kind lernen soll, sein eigenes Verhalten zu kontrollieren, wenn ihm die Steuerung durch ein Medikament abgenommen wird. Durch Ritalin werden gerade die Verhaltensweisen, die der Aufmerksamkeit der Umwelt bedürften, maskiert. Die Probleme, die aus der Lebenswelt der Kinder resultieren, bleiben im Verborgenen und unverändert. 90
Von einigen Wissenschaftlern wird hingegen behauptet, dass Ritalin wirkt und den Kinder in ihrer Lebenslage hilft und deshalb auch eingenommen werden sollte. Jedoch wirkt das Medikament eben nur situativ und wendet nicht die langfristigen Aussichten der Kinder auf schulische Leistungen, psychisches Wohlbefinden und soziales Verhalten zum Positiven. 91
Zudem wird der Sinn, der sich hinter dem gezeigten Verhaltens verbirgt, nicht hinterfragt. Denn für das Kind ist dieses Verhalten das Beste, was es sich in diesem Moment denken kann. Für viele erscheint das Verhalten unangemessen zu sein, aber für das Kind selbst ist es die beste Problemlösung die es in seiner Lebenssituation finden kann. 92
Wie bereits erwähnt wird die Wirkung von Ritalin bei Kindern oft als Beweis dafür herangezogen, dass das Kind tatsächlich an einer organischen Störung leidet, welche einer medikamentösen Behandlung bedarf. Dem Medikament wird somit die Funktion eines ADHS Tests zugeschrieben. Jedoch wurde bereits bewiesen, dass Ritalin dieselbe Wirkung bei Kindern ohne Aufmerksamkeitsdefizite zeigt.
Auch sie reagierten mit einer Verminderung ihrer körperlichen Aktivität, mit besserer Aufmerksamkeit sowie mit verbesserten Leistungen in einem Mathematiktest. Die Wirkung von Methylphenidat ist demnach unabhängig davon, ob eine Aufmerksamkeitsstörung vorliegt oder nicht. 93
Jener Irrtum von der Wirkung auf die Ursache zu schließen, führt oft dazu, dass sich betroffene Familien und Ärzte einseitig für die „Ritalin-Lösung“ entscheiden. 94 Bedenklich ist zudem, dass Ritalin in den USA oft als Droge missbraucht wird.
89 Raschendorfer Nicole, 2003: 37
90 Wenke Matthias, 2006: 74
91 De Grandpre Richard, 2002: 161
92 Raschendorfer Nicole, 2003: 45
93 Raschendorfer Nicole, 2003: 30
94 De Grandpre Richard, 2002: 163
Da die orale Einnahme einer Droge den Wirkungsbeginn verlangsamt und somit die unmittelbare Erfahrung der Droge schwächt, umgehen diejenigen, die Ritalin als Freizeitdroge missbrauchen diese Einschränkung, indem sie die Pille zerstoßen und schnupfen bzw. sie sich in einer Lösung injizieren. 95 Aufgrund seiner Wirkungsweise ist Ritalin in den USA ein populäres Rauschgift auf den Schulhöfen und auf dem Campus. Ritalin wird vor allem als Aufputschmittel bei längeren Lernzeiten benutzt. Das Zitat eines Harvard Studenten lautet wie folgt: „ Ehrlich gesagt habe ich seit meinem dritten Jahr in der High School keine einzige Facharbeit ohne Ritalin geschrieben. Ich habe sogar mein Essay für Harvard damit geschrieben. Es hält einen wach, wenn man müde ist, und macht einen viel konzentrierter.“ 96 Da sich Ritalin relativ einfach besorgen lässt, wird es für viele eine gute Option, die sich mit Drogen amüsieren wollen. Einige Kinder verkaufen ihr Ritalin in den Pausen an ihre Mitschüler. Da erscheint es mehr als grotesk, wenn an amerikanischen Schulen die Kinder aus dem „Keine Macht der Drogen“ Unterricht kommen und in der anschließenden Mittagspause ihre Ritalin einnehmen. 97 An dieser Stelle stellt sich auch die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass Ritalin einen solchen Aufschwung erlebt und wer davon profitiert, wenn Millionen von Kindern mit Ritalin ruhig gestellt werden.
Zum einem dient es natürlich den Menschen, die in direkter Beziehung zu dem Kind stehen. Das Verhalten des Kindes wird durch das Medikament kontrolliert und Eltern und Lehrer sind davon befreit sich ernsthaft mit der Situation des Kindes auseinanderzusetzen. Zudem stehen hinter der Vergabe eines Medikaments auch Interessen der Pharmaindustrie, der sich mit der medikamentösen Behandlung von Verhaltensstörungen im Kindesalter ein neuer Markt eröffnet. Jedoch wäre es zu einfach allein dem Profitinteresse der Pharmaindustrie dem ernormen Zuwachs des Ritalinverbrauches zuzuschreiben. Vielmehr muss auch eine Bereitschaft in der Gesellschaft bestehen, störende Verhaltensweisen als krankhaft anzuerkennen und diese medikamentös zu behandeln. 98 Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Vergabe von Ritalin kritisch betrachtet werden sollte, da sie die Aufmerksamkeitsstörung nicht heilen kann und es sich um eine Droge handelt, unter deren Einfluss die Kinder nur vorübergehend ruhiger und konzentrierter bleiben. Die tatsächlichen Probleme unter denen die Kinder zu leiden haben werden verschleiert und bleiben unangetastet.
95 De Grandpre Richard, 2002: 138
96 De Grandpre Richard, 2002: 141
97 Ebd. S. 141
98 Raschendorfer Nicole, 2003: 28
6. Die Gefahr der Stigmatisierung
Ein als unpassend deklariertes und auffälliges Verhalten als Krankheit zu bezeichnen, bringt immer die Gefahr der Stigmatisierung mit sich.
Stigmatisierung bezeichnet in diesem Zusammenhang einen Prozess, in dessen Verlauf innerhalb einer Gesellschaft bestimmte Merkmale von Personen und Gruppen, in diesem Fall auffälliges Verhalten, mit negativen Bewertungen belegt und die Betroffenen, als die „ADHS Kranken“ in eine Randgruppenposition gedrängt werden. Stigmatisierte Personen werden somit bei gesellschaftlichen Interaktionen primär über diese „negative“ Eigenschaft wahrgenommen. Eine Lehrerin z.B. nimmt nur noch selektiv die Verhaltensweisen des Schülers wahr, welche das ADH Syndrom bestätigen. Andere Verhaltensweisen werden ausgeblendet.
Ein stigmatisierter Mensch ist diesem Prozess meistens hilflos ausgeliefert und wird die ihm zugeschriebene negative Bewertung im Normalfall allmählich verinnerlichen. 99 Wenke betont, dass die Stigmatisierung oft bereits mit der Diagnose beginnt. Sobald die Diagnose ausgesprochen und von den Eltern und dem Kind angenommen wird, wird sie zu einem dokumentierten Teil der eigenen Persönlichkeit. Eine solche Diagnose bringt oft lebenslange Folgen mit sich, vor allem, wenn die Krankheit als unheilbar eingestuft wird. 100
Für das Kind bedeutet das häufig eine schwere Verletzung des Selbstwertgefühls. Die Identität des stigmatisierten Kindes verändert sich. Das von Anderen als störend empfundene Verhalten wird in sein Selbstkonzept übernommen und führt zwangsläufig zu einer Missbilligung der eigenen Person, da es den normalen Identitätsstandards nicht zu entsprechen scheint. 101 Der Theorieansatz des Labbeling Approach geht noch einen Schritt weiter und behauptet, dass es sich bei abweichendem Verhalten um einen Zuschreibungsprozess handelt. Erste Voraussetzung für die Klassifikation als abweichendes Verhalten ist demnach erst einmal die Normsetzung. Durch die Anwendung von Normen wird Verhalten als abweichend oder konform deklariert. 102 Im engen Rahmen der Schule stört es z.B., wenn ein Kind häufig einfach aufsteht. Im freien Spiel in der Natur hingegen, wird dieser Bewegungsdrang eher nicht als abweichend empfunden. Wegen der Zuschreibung des Abweichens bilden sich abweichende Selbstdefinitionen heraus, die zu einer Identität der Person führen, die die
99 http://www.sign-lang.uni-hamburg.de/projekte/slex/seitendvd/KonzeptG/L54/L5402.htm
Stand: 16.05.08; 14:55 Uhr
100 Wenke Matthias, 2006: 47
101 Wenke Matthias, 2006: 48
102 Lamnek Siegfried, 2007: 224
Übernahme der zugeschriebenen abweichenden Rolle übernimmt und somit entsprechend handelt. 103
Erst durch die Diagnose wird ein Kind zum „ADHS Kind“ und erfüllt seine Rolle, indem es die ihm zugeschriebenen Persönlichkeitsmerkmale erfüllt und umsetzt. Ein Teufelskreis aus dem nur schwer wieder herauszufinden ist, beginnt. Zudem wird durch das Stigma ADHS dem Kind jegliche Selbstverantwortung für sein Handeln genommen. Durch die Zuschreibung erhält das Kind das Gefühl, dass es an seinem Verhalten nicht selbst etwas ändern kann und dass ihm durch einen angeblichen Gendefekt jegliche Kontrolle über sein Verhalten versagt bleibt. Verstärkt wird die Entsagung von der Verantwortung des eigenen Handelns noch durch die Medikamentenvergabe. Denn durch die Einnahme des Medikamentes, wird nach Wenke dem Kind noch einmal bestätigt, dass es wirklich ein „destruktiv- sadistisches Monster in Menschengestalt ist, das nur durch Medikamente im Zaum gehalten werden kann“ ( vgl. Wenke 2006: 96)
Dies kann ich persönlich aus eigener Erfahrung in der pädagogischen Praxis bestätigen. Ein Kind, welches als ADHS krank stigmatisiert wurde, ist der Ansicht, dass es ohne sein Ritalin sein Verhalten nicht mehr kontrollieren könne und bei Nicht- Einnahme unausstehlich wird. Der Junge macht sein eigenes Handeln, welches er selbst im Griff hat, von der Einnahme eines Medikamentes abhängig. Dieser Junge ist ein gutes Beispiel dafür, dass Kinder das Etikett ADHS annehmen und verinnerlichen. Durch die Verinnerlichung kommt es zwangsläufig zu einer self-fulfilling-prophecy. Hätte der Junge sein Ritalin nicht bekommen, wäre sein Verhalten höchstwahrscheinlich wirklich unausstehlich geworden.
7. ADHS und Schule- Umgangsmöglichkeiten
Da es den Rahmen meiner Arbeit überschreiten würde, möchte ich an dieser Stelle hauptsächlich auf Umgangsmöglichkeiten mit ADHS in der Schule eingehen. Weitere Therapiemöglichkeiten werde ich deshalb nur kurz anschneiden.
Damit für alle Kinder eine angenehme Lernatmosphäre in der Schule herrscht, sind Umstrukturierungen des Unterrichts nötig. Die Probleme und Unzufriedenheiten, welche aus Selektion und dem Leistungsdruck resultieren, bestehen natürlich weiterhin und sorgen auch bei einer Umstrukturierung des Unterrichts für auffällige Verhaltensweisen.
103 Lamnek Siegfried, 2007: 225
Dennoch wäre es ein erster Schritt und eine Erleichterung für Kinder, die mehr Schwierigkeiten haben, als ihre Mitschüler, sich in dem engen Rahmen der Schule einzufügen, wenn der Unterricht anders konzipiert wäre. Die Frage wie diese Umstrukturierung aussehen könnte, ist in diesem Zusammenhang nicht pauschal zu beantworten. Nötig wären in jedem Falle offene und differenzierte Unterrichtsformen. Kinder, die ADHS typisches Verhalten zeigen, können sich genauso wie ihre Mitschüler mit komplexen und langfristigen Arbeiten auseinandersetzen, solange die Aufgaben interessant gestaltet sind und sie die Aufmerksamkeit der Kinder über einen längeren Zeitraum halten können. Wichtig wäre auch, dass sich die Kinder im Unterricht bewegen können, sei es bei einer Stationsarbeit oder bei Erkundungen in der freien Natur. Des Weiteren sollten mehr Phasenwechsel in den Unterricht mit eingebaut werden. Dies erhöht die Aufmerksamkeit der Kinder. Zudem ist es sinnvoll mit den Kindern klare Regeln und Strukturen zu erarbeiten. Kinder, deren Verhalten auffällig ist, fehlt es häufig in hohem Maße an Orientierung und klaren Strukturen. Deshalb sollte der Unterricht klaren Regeln folgen, an denen sich die Schüler orientieren können. 104 Wichtig wäre zudem eine gute Zusammenarbeit mit den Eltern, denn sie kennen ihr Kind am besten und es können sinnvolle Strategien im Umgang mit den Kindern ausgetauscht werden.
Des Weiteren gibt es die Möglichkeit verschiedener Therapieformen in Hinblick auf die Behandlung von ADHS.
Grundsätzlich zeigen Therapien bei Verhaltensauffälligkeiten große Erfolge. Dabei gibt es unterschiedliche Therapieformen, die im Hinblick auf das ADHS ihre Anwendung finden können. Psychotherapeutische Therapieformen des ADHS sollen dem Kind helfen, durch verschiedene Ansätze sich selbst besser verstehen zu lernen und somit das eigene Handeln besser beeinflussen zu können. Dabei wird das Verhalten des Kindes oftmals indirekt und unbemerkt beeinflusst. Mögliche Therapieformen sind, Verhaltenstherapie,
Familientherapie oder auch eine Ergotherapie. 105
8. Fazit
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass es zahlreiche Gründe gibt, die Plausibilität des biologischen Erklärungsmodells anzuzweifeln und kritisch zu hinterfragen. Es wurde deutlich, dass stichhaltige Beweise für das Vorliegen eines Dopamindefizits als Ursache für ADHS fehlen. Zudem berücksichtigt das medizinische Modell nur in unzureichendem
104 Hüther Gerald, 2002: 53
105 http://www.dr-gumpert.de/html/adhs_therapie.html Stand: 21.05.08 12:00 Uhr
Maße den Einfluss der Umwelt auf die Entwicklung des Gehirns und somit auf das Verhalten der Kinder.
Einige Ursachen, die ADHS typisches Verhalten verstärken bzw. auch hervorrufen können, wurden genannt. Sie reichen von gesellschaftlichen Beschleunigungstendenzen, den zunehmenden Medienkonsum, der strukturellen Beschaffenheit der Schule bis hin zu frühen Bindungsstörungen, die eine Belastung für Kinder darstellen können und eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung beeinträchtigen. Ich denke, dass diese Faktoren vor allem dann zum Problem werden und zu Verhaltenauffälligkeiten führen können, wenn verschiedene ungünstige Einflüsse zusammenwirken und von den Bezugspersonen nicht ausgeglichen werden können. Zudem besteht immer die Gefahr, dass die Folgen solcher Einflüsse mit deren Ursache verwechselt werden. Dann liegt es nahe, das medizinische Erklärungsmodell als das einzig richtige anzusehen, weil es eben sehr einfach und im ersten Moment auch einleuchtend erscheint. Ebenso verhält es sich mit der Verabreichung der Medikamente. Auf den ersten Blick scheinen sie dem Kind zu helfen und die Probleme, welche im Alltag auftreten zu mindern. Was allerdings nicht mit den Medikamenten erreicht werden kann, ist die eindeutig zwingend notwendige Veränderung der Verhältnisse unter denen einige Kinder heute aufwachsen müssen. Die Medikamente können nicht heilen und verschleiern durch ihre Wirkung die existenten Probleme und Lebenskrisen der Kinder, die durch die scheinbare Lösung der Probleme durch Ritalin nicht behandelt und sogar eher verstärkt werden.
Mit Sicherheit gab es schon immer Kinder, die Symptome wie Konzentrationsschwäche und unruhiges Verhalten zeigten. Zu ADHS Kindern konnten sie jedoch erst abgestempelt werden, nachdem das medizinische Erklärungsmodell entwickelt und als allein gültig deklariert wurde.
Es ist auch denkbar, dass einige Kinder von Natur aus impulsiver sind und mehr Energie haben als andere. Dies ist aber nicht das Problem, sondern die Umgebung und die Struktur die dieses Verhalten nicht zulässt. Treffend fand ich in diesem Zusammenhang das Beispiel von Lüpke, der betont, dass ein ADHS Kind in einer kinderfreundlichen freien Umgebung nicht auffallen würde. Vielmehr sind es die Umgebung und die Strukturen und Eigenschaften der Gesellschaft, welche die Kinder einengen und auch die Eltern unter Druck setzen, dass sich ihr Kind ruhig und angepasst verhält.
Deutlich wird in der ganzen Diskussion um ADHS vor allem, wie sehr bereits junge Kinder in die Prinzipien der Leistungsgesellschaft eingegliedert sind. Die Debatte um Hilfen und Ursachenforschung zeigen sehr deutlich, dass es eigentlich nicht primär um das
Wohl des Kindes geht, sondern darum wie es am besten wieder funktionieren kann und leistungsfähig in allen Bereich wird. Auch Kinder erfahren heutzutage schon sehr früh, dass sie von der Gesellschaft selektiert und abgelehnt werden, wenn sie sich nicht angepasst verhalten. Der Druck, der auf Kindern lastet, ist somit sehr groß. Fehlt zudem noch die Unterstützung und die Akzeptanz der primären Bezugspersonen, die natürlich auch unter einem enormen Leistungsdruck stehen, ist es leicht vorstellbar, dass sich die Kinder auffällig verhalten.
Ist von einem Kind die Rede, dass sich auffällig verhält und als krank abgestempelt wird, steht meistens im Mittelpunkt, dass soziale Forderungen von den betroffenen Kindern nicht erfüllt werden. Die sozialen Forderungen werden allerdings nicht hinterfragt. Die Kinder erfüllen ihre hohen sozialen Anforderungen nicht, und werden prompt als krank abgestempelt, weil die Mehrzahl der Kinder sich den Erwartungen beugt. Allerdings stellt sich die Frage, ob wirklich die Kinder krank sind und nicht eher die Gesellschaft, die solche Erwartungen an die Kinder und auch die Eltern stellt. Hinterfragt werden sollten meines Erachten die hohen sozialen und intellektuellen Anforderungen an die Kinder, wenn sich herausstellt, dass anscheinend immer mehr Kinder diesem Druck nicht gewachsen sind.
Quellen
SDeGrandpre, Richard (2002): Die Ritalin-Gesellschaft. ADS: Eine Generation wird krankgeschrieben. 2. unveränderte Auflage. Weinheim: Beltz Verlag
SDuden Band 5: Das Fremdwörterbuch. 3. neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Bibliographisches Institut Mannheim, Wien, Zürich: Dudenverlag
SProf. Dr. Med. Ettrich, Christine; Murphy- Witt, Monika (2003): ADS- So fördern sie Ihr Kind. München: Gräfe und Unzer Verlag GmbH.
SHolowenko, Henryk (2002): Das Aufmerksamkeitsdefizit- Syndrom. Wie Zappelkindern geholfen werden kann. Weinheim: Beltz Verlag
SHüther, Gerald; Bonney, Helmut (2005): Neues vom Zappelphilipp. ADS: verstehen, vorbeugen und behandeln. 6. Auflage. Düsseldorf und Zürich: Patmos Verlag GmbH & Co. KG.
SKöditz, Michael: Zur Problematik hyperaktiven Verhaltens. In: GEW Regional, S. 11-14.
SLamnek, Siegfried (2007): Theorien abweichenden Verhaltens I. Klassische Ansätze. 8. überarbeitete Auflage. Paderborn: Wilhelm Fink Verlag
SLüpke, Hans: AD(H)S: Ist alle wirklich so klar?. Zur Diskussion um die Medikamentenverschreibung. In: Pädagogik 1/02, S.43-46.
SWenke, Matthias (2006): ADHS: Diagnose statt Verständnis?. Wie eine Krankheit gemacht wird. Eine phänomenologische Kritik. 1. Auflage. Frankfurt am Main: Brandes & Apsel Verlag GmbH.
SRaschendorfer, Nicola (2003): ADHS- Und wenn es das gar nicht gibt?. Handlungsalternativen und Strategien für den Alltag. Mühlheim an der Ruhr: Verlag an der Ruhr.
SSchorch, Günther (1998): Grundschulpädagogik - Eine Einführung. Bad Heilbrunn: Klinkhard
SStein- Hilber, Marlene (1994): Wem gehört das Kind. Frankfurt am Main: Campus Verlag
Shttp://www.rosenkrieg-magazin.de/statistik.htm Stand: 12.05.08; 11:45 Uhr
S http://www.sign-lang.uni-hamburg.de/projekte/slex/seitendvd/KonzeptG/L54/L5402.htm
Stand: 16.05.08; 14:55 Uhr
Shttp://www.dr-gumpert.de/html/adhs_therapie.html Stand: 21.05.08 12:00 Uhr
Anhang
Liste der ADHS Merkmale nach dem DSM- IV ( Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen)
Im DSM-IV werden unter dem Titel Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung den drei Teilbereichen Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität folgende Verhaltensmerkmale zugeordnet:
Zur Unaufmerksamkeit gehört, dass das Kind
Shäufig Einzelheiten nicht beachtet oder Flüchtigkeitsfehler bei den Schularbeiten, bei der Arbeit oder bei anderen Tätigkeiten macht,
Soft Schwierigkeiten hat, längere Zeit die Aufmerksamkeit bei Aufgaben oder beim Spielen aufrechtzuerhalten,
Shäufig nicht zuzuhören scheint, wenn andere es ansprechen, Shäufig Anweisungen anderer nicht vollständig durchführt und Schularbeiten, andere Arbeiten oder Pflichten am Arbeitsplatz nicht zu Ende bringen kann, Shäufig Schwierigkeiten hat, Aufgaben und Aktivitäten zu organisieren, Ssich häufig nur widerwillig mit Aufgaben, die länger andauernde geistige Anstrengungen erfordern (wie Mitarbeit im Unterricht oder Hausaufgaben), beschäftigt, sie häufig vermeidet oder eine Abneigung dagegen hat, Shäufig Gegenstände verliert, die für Aufgaben oder Aktivitäten benötigt werden, Ssich oft leicht durch äußere Reize ablenken lässt, Sbei Alltagstätigkeiten häufig vergesslich ist.
Merkmale der Hyperaktivität sind, dass das Kind
Shäufig mit Händen oder Füßen zappelt oder auf dem Stuhl herumrutscht, Sin der Klasse oder in anderen Situationen, in denen Sitzenbleiben erwartet wird häufig aufsteht,
Shäufig exzessiv in Situationen herumläuft oder klettert, in denen dies unpassend ist, Shäufig Schwierigkeiten hat, ruhig zu spielen oder sich mit Freizeitaktivitäten ruhig zu beschäftigen,
Shäufig „auf Achse“ ist oder oftmals handelt als wäre es „getrieben“, Shäufig übermäßig viel redet.
Die Impulsivität wird mit der Hyperaktivität zu einem Punkt zusammengefasst. Dazu zählt, dass das Kind
Shäufig mit den Antworten herausplatzt, bevor die Frage zu Ende gestellt ist, Snur schwer warten kann, bis er/ sie an der Reihe ist, Sandere häufig unterbricht und stört.
Arbeit zitieren:
Christina Happ, 2008, ADHS - eine kritische Bestandsaufnahme, München, GRIN Verlag GmbH
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