Inhaltsverzeichnis
0 Einleitung. 1
1 Bedürfnisse von Kindern aus entwicklungspsychologischer Sicht. 7
2 Bedürfnisse von Kindern aus bindungstheoretischer Sicht. 13
2.1 Bindungstheorie 13
2.2 Bindungsmuster. 14
2.3 Anforderungen an das Verhalten der Eltern 17
3 Einordnung und Definition von Kindesvernachlässigung. 20
3.1 Körperliche Misshandlung. 24
3.2 Emotionale Misshandlung 27
3.3 Sexueller Missbrauch. 29
3.4 Sonderformen. 29
3.5 Abgrenzung von Vernachlässigung zu anderen Misshandlungen 31
4 Formen von Vernachlässigung 33
4.1 Körperliche Vernachlässigung 34
4.2 Emotionale Vernachlässigung 35
5 Häufigkeit von Vernachlässigung. 37
6 Ursachen von Kindesvernachlässigung. 41
7 Risikofaktoren für Kindesvernachlässigung 44
7.1 Allgemeine Risikofaktoren 44
7.2 Merkmale des Kindes. 47
7.3 Psychisch kranke Eltern. 49
7.4 Armut. 51
7.5 Schutzfaktoren / Resilienz. 53
8 Folgen von Vernachlässigung. 56
9 Intervention bei Kindesvernachlässigung. 60
9.1 Hilfen zur Erziehung 62
9.2 Sozialpädagogische Familienhilfe (SPFH) 64
9.3 Inobhutnahmen, Fremdunterbringung, Sorgerechtsentzug. 66
10 Prävention von Kindesvernachlässigung. 70
10.1 Familienhebammen. 72
10.2 Modellprojekt Familienhebammen. 74
10.3 Vorsorgeuntersuchungen. 76
i
10.4 Kinderbetreuung. 79
10.5 Vernetzung von Hilfen. 84
10.6 Soziale Frühwarnsysteme. 87
10.7 Situation in Chemnitz. 91
11 Zusammenfassung und Ausblick. 94
12 Abkürzungsverzeichnis. iii
13 Literaturverzeichnis. iv
14 Internetquellen. xii
ii
0 Einleitung
Das Mädchen Jessica ist am 1. März 2005 nach massiver, jahrelanger Unterernährung unter großen Qualen gestorben. Zum Zeitpunkt ihres Todes wog das siebenjährige Mädchen nur 9,6 Kilogramm. Davon entfielen noch knapp 900 Gramm auf einen verhärteten Kotballen im Darm. Mit einer Körpergröße von nur 105 Zentimetern entsprach das Kind damit etwa dem körperlichen Entwicklungsstand einer Dreijährigen. Etwa in diesem Alter hatte sie wahrscheinlich aufgehört zu wachsen. Die Obduktion hatte ergeben, dass das Mädchen wohl mangels anderer Nahrung sich in seiner Verzweiflung die eigenen Haare ausgerissen und zusammen mit Teppichfasern gegessen hatte.
Jessicas kleiner Körper litt aufgrund fehlender Flüssigkeitszufuhr unter einem Darmverschluss und einer eitrigen Nierenentzündung. Deshalb muss sie über einen langen Zeitraum starke, stechende Schmerzen gehabt haben. Bis kurz vor ihrem Tod war sie jedoch bei vollem Bewusstsein. Durch den Verschluss war der Darm nicht mehr im Stande, selbst kleinste Mengen verdauter Nahrung passieren zu lassen. Dies führte schließlich auch zu ihrem Tod. Jessica erbrach sich und erstickte durch das Einatmen der Dämpfe des Erbrochenen. Der Zustand ihrer Knochen ließ vermuten, dass sie sich in den letzten Monaten vor ihrem Tod nicht mehr auf zwei Beinen bewegen konnte. Wochenlang konnte sie allenfalls noch kriechen oder robben. Den polizeilichen Ermittlern hatte sich beim Eindringen in die Wohnung ein Bild des Schreckens geboten. Die Kleidung des toten Mädchens war zum Teil mit Kabelbindern fest an ihrem Körper verschnürt. Das Kinderzimmer war durch die Eltern in ein Verlies umgebaut worden. Auf dem ausgerissenen Teppichboden lagen überall Teppichflocken herum. Neben der verschlossenen Tür befand sich ein offener Lichtschalter ohne Abdeckung. Aus diesem hing noch ein zusätzlicher, nicht isolierter Draht. Nach Annahmen der Anklage sollte dieses blanke Kabel zusammen mit dem auf dem Boden entfernten Teppich als tödliche Stromfalle für die Siebenjährige dienen. Die Fenster waren mit schwarzer Verdunklungsfolie beklebt. Außerdem war die Heizung des kleinen Raumes ausgeschaltet. Die von ihren Eltern wie eine Gefangene gehaltene Tochter lebte über Jahre in Dunkelheit und Kälte. 1
1 vgl. Freiburg,F.: Das langsame Sterben der kleinen Jessica 13.9.2005 http://www.spiegel.de/panora-ma/justiz/0,1518,374485,00.html und
Friedrichsen, G.: Kinder sind wie Unkraut. In: Der Spiegel., Nr. 39/2005, S.77-80
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Der Tod des Mädchens Jessica in einem Hamburger Wohnhochhaus ist einer der spektakulärsten Fälle von Kindesvernachlässigung der letzten Jahre. Nachrichten und Berichte über tote oder verwahrloste Kinder konnte man jedoch in den letzten Jahren gehäuft in der Tagespresse lesen. Auf die Titelseiten der Tageszeitungen schafften es jedoch meist nur die besonders schweren Fälle von Kindesvernachlässigung oder die Fälle mit einem tödlichen Ausgang. Diese bilden aber nur die Spitze eines Eisberges der alltäglichen Gewalt gegen Kinder. Dahinter stehen viele weniger spektakuläre und damit unsichtbare Fälle. Studien gehen von einer tausendfachen Anzahl von Misshandlungen und Vernachlässigungen für jeden Todesfall aus. 2 Die Zahl der Nachrichten über Kinder, die von Vernachlässigung, Misshandlung und sexuellem Missbrauch bedroht sind, scheint zu wachsen. Meldungen über getötete, misshandelte und vernachlässigte Babys und Kleinkinder sind in erschreckendem Ausmaß fast schon alltäglich geworden. Gleichzeitig werden so intensiv wie schon lange nicht mehr die Probleme dieser Familien diskutiert. In den Diskussionen geht es insbesondere um Maßnahmen der Prävention für gefährdete Kinder, aber auch um das frühzeitige Erkennen von Risiken. Wenn ein Kind durch Verhungern oder Verdursten stirbt, sind alle erschrocken und empört. Das Bekanntwerden solcher Fälle löst bei den meisten Menschen ein Gefühl des Unverständnisses gegenüber den Eltern und großes Mitleid für die Kinder aus.
Auch die Fragen, ob man das nicht hätte früher bemerken können und warum das Jugendamt nicht rechtzeitig eingegriffen hat, sind immer wieder zu hören. Nachrichten dieser Art schockieren stets von Neuem. Vielen Menschen scheint es unvorstellbar ein Kind unter solch schlechten oder unwürdigen Bedingungen aufwachsen zu lassen. Die Fragen, was man unter schlechten Bedingungen versteht, wo Vernachlässigung beginnt und was noch in der zu tolerierenden Spanne elterlicher Erziehung liegt, kommen da fast automatisch auf. Natürlich ist auch nicht nur der Tod durch Nahrungsentzug als Vernachlässigung zu betrachten. Vernachlässigung ist oft ein schleichender, fortdauernder Prozess mit vielen Facetten. Eine verständliche Definition von Vernachlässigung zu finden, scheint sehr schwierig zu sein. Vernachlässigung ist ein gesellschaftliches Sozialproblem mit vielen Gesichtern. In der beruflichen Praxis der sozialen Arbeit können Sozialarbeiter und Sozialpädagogen in nahezu jedem Arbeitsfeld den Erscheinungsformen der Kindesvernachlässigung begegnen. Um die Vielgestaltigkeit eines solchen Geschehens greifbarer werden zu lassen, be-
2vgl. http://www.unicef.de/3180.html 2
schäftigt sich diese Arbeit mit der Vernachlässigung von Kindern. Sie will sich mit den Ursachen und Symptomen von Kindesvernachlässigung auseinander setzen, Hintergründe erkennen und eventuelle Lösungsansätze skizzieren. Häufig sind Misshandlungen, Vernachlässigungen sowie sexueller Missbrauch Wiederholungstaten. Ein frühes Erkennen kann deshalb die Zahl schwerer, bleibender Schäden oder auch die Anzahl von Todesfällen verringern helfen. Dazu soll beim Thema der Vernachlässigung von Kindern auch auf bestehende und erst noch entstehende Möglichkeiten der Intervention und Prävention durch Sozialpädagogen und Sozialarbeiter eingegangen werden.
Nicht zuletzt werden im Jahr 2007 und in den folgenden Jahren von der Bundesregierung der Bundesrepublik Deutschland insgesamt 10 Millionen Euro für Projekte, welche sich mit dieser frühzeitigen Prävention von Kindesvernachlässigung und Misshandlung beschäftigen, bereitgestellt. 3 Somit ist das Problem vernachlässigter Kinder auch endgültig im politischen Tagesgeschäft angekommen. Eine Auseinandersetzung mit der Thematik und zielgerichtetes Handeln sollen beginnen. Die Vernachlässigungsproblematik ist nun für mehr als nur ein ungläubiges Kopfschütteln und Nachdenken gut.
Doch die allgemein bekannt gewordenen Fälle zeigen, dass trotz einer Ausdifferenzierung der Unterstützungsangebote für Familien im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe noch kein wirksamer Kinderschutz vorhanden ist. Da leider auch immer wieder einige Fälle mit Todesfolge auftreten, scheint die Früherkennung von riskanten Entwicklungen bei Kindern und ihren Familien in der Praxis noch immer nur unzureichend zu gelingen.
Die vorliegende Arbeit ist, wie schon aus dem Titel ersichtlich, in zwei große Teilbereiche gegliedert. Der erste Teil befasst sich mit den theoretischen Zusammenhängen zur Thematik der Kindesvernachlässigung. Der zweite Teil orientiert sich an der Praxis und basiert auf ihr. Er beschäftigt sich mit den Präventions- und Interventionsmöglichkeiten von Sozialpädagogen und Sozialarbeitern im Bereich der Vernachlässigung von Kindern.
Das erste Kapitel der Arbeit ist der Entwicklung von kindlichen Bedürfnissen aus entwicklungspsychologischer Sicht gewidmet. Im nächsten Kapitel werden die Bedürfnisse von Kindern auf Grundlage der Bindungstheorie nach Bowlby beleuchtet. Damit wird in den ersten beiden Kapiteln aufgezeigt, was Kinder in der heutigen Zeit für
3 vgl. BMFSFJ: Auszüge aus dem Koalitionsvertrag zum geplanten Frühwarnsystem 02.01.2006 http://www.bmfsfj.de/bmfsfj/generator/Kategorien/aktuelles,did=65480.html
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eine gesunde körperliche und seelische Entwicklung benötigen und unter welchen Voraussetzungen diese gelingen kann. Im Rahmen dessen wird sich auch mit den erforderlichen Fähigkeiten und Verhaltensweisen der Eltern beschäftigt. Diese sind bedeutsam um die kindlichen Entwicklungsbedürfnisse erfüllen zu können. Daraufhin wird im dritten Kapitel versucht, sich dem allgemeinen Konstrukt der Kin-desmisshandlung als Kindeswohlgefährdung anzunähern. Nach der separaten Darstellung von anderen Gewalthandlungen an Kindern wird im dabei die Besonderheit der Vernachlässigung herausgestellt. Durch diese Abgrenzung wird versucht einen eigenen Zugang zu dem Phänomen der Kindesvernachlässigung zu schaffen. Die Erörterung der einzelnen Misshandlungsformen scheint auch deshalb von großer Bedeutung, da die Vernachlässigung von Kindern nicht selten in Kombination mit anderen misshandelnden Verhaltensweisen vorkommt. Durch die anschließende vergleichende Darstellung verschiedener Definitionen von Vernachlässigung und die verschiedenen Vernachlässigungsformen wird im vierten Kapitel versucht, ein angemessenes Verständnis dieses Phänomens herauszustellen. Dies ist sehr bedeutsam, da die Vernachlässigung in verschiedenen Bereichen der kindlichen Lebensbedürfnisse bestehen und auch in unterschiedlicher Intensität auftreten kann. Danach erfolgt im fünften Kapitel eine Auseinandersetzung mit der Häufigkeit und aktuellen Fallzahlen von Kindesvernachlässigung. Dies geschieht, um das Ausmaß des Bereiches der Vernachlässigung von Kindern zu verdeutlichen. Im sechsten Kapitel sollen nunmehr Ursachen von Kindesvernachlässigung untersucht werden. Das anschließende siebente Kapitel behandelt Risikofaktoren der Familien, in denen die kindliche Vernachlässigung häufig vorkommt. Einige der Risiko-faktoren werden nochmals einzeln in den Blick genommen. Hierbei werden besondere Merkmale, Beziehungsmuster und Persönlichkeitsstrukturen der Risikofamilien erörtert. Die Suche nach den verschiedensten Hintergründen der Vernachlässigung von Kindern soll zeigen, unter welchen Umständen sich eine solche Deprivationslage entwickeln kann. Das Erkennen von Faktoren aus der individuellen Lebenswelt von Familien kann wichtige Anhaltspunkte für eine mögliche Intervention bei und Prävention von Vernachlässigung geben.
Des Weiteren werden die möglichen Auswirkungen und Folgen für die vernachlässigten Kinder im Kapitel acht näher beschrieben.
Am Anfang des zweiten Teils der Arbeit werden in Kapitel neun die derzeit bestehenden Möglichkeiten einer helfenden Einflussnahme unter den bestehenden rechtlichen
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Gesichtspunkten beschrieben. Hierbei werden insbesondere die bestehenden Hilfsmöglichkeiten durch Hilfen zur Erziehung nach §§ 28 bis 35 SGB VIII kurz vorgestellt. Es werden auch die Grenzen bestehender Interventionen bei Kindesvernachlässigung aufgezeigt.
Im anschließenden letzten Teil des Werkes soll ab Kapitel zehn das Augenmerk auf zukunftsweisenden Möglichkeiten der Prävention liegen. Hierbei wird zuerst das präventive Konzept der Familienhebammen erklärt. Anschließend wird sich mit der Einführung verpflichtender Vorsorgeuntersuchungen auseinandergesetzt. Nach diesen Konzepten zur Früherkennung von Vernachlässigung wird die Einflussnahme durch Kindertageseinrichtungen betrachtet. Daran schließt der Aspekt einer Vernetzung von Präventionsangeboten an. Es werden hierbei die von der Bundesregierung unterstützten Sozialen Frühwarnsysteme näher untersucht.
Diese Arbeit möchte für das Thema der Vernachlässigung von Kindern sensibilisieren. Es sollen ihre spezifischen Eigenschaften gegenüber anderen Formen der Gewalt, denen Kinder ausgesetzt sind, herausgearbeitet werden. Ein Verständnis für die Komplexität des Vernachlässigungsgeschehens soll erzeugt werden. Dabei sollen auch die gesellschaftlichen Hintergründe, welche zu Vernachlässigung führen, begutachtet werden. Noch wichtiger erscheint in diesem Zusammenhang die Prävention von Kindesvernachlässigung. Dazu werden einige schon bestehende Hilfsmöglichkeiten für Familien mit Kindern erläutert und bewertet. Diese Ausarbeitung soll auch eine Aufforderung für jeden Leser sein, Fachwissen in diesem Bereich zu erweitern und selbstständig zum Wohle von Kindern aktiv zu werden. Eine abschließende Zusammenfassung und ein Ausblick sollen eine perspektivische Ausrichtung für sozialpädagogische Fachkräfte diesem Arbeitsfeld bieten. Bei den Ausführungen wird bevorzugt auf kleine Kinder im ersten Lebensjahr oder bis zum dritten Lebensjahr eingegangen. Eine Vielzahl der Beispiele und wesentliche Schwerpunkte konzentrieren sich auf das Lebensalter der frühen Kindheit. Diese Differenzierung wird gewählt, da die Folgen von Vernachlässigung gerade im Säuglings- und Kleinkindalter besonders gravierend sind. Viele Themen des Komplexes der Vernachlässigung treten bei kleinen Kindern gehäuft auf. Auch bei den staatlich unterstützten Präventionsprogrammen stehen besonders Kinder bis zu einem Lebensalter von etwa 3 Jahren im Mittelpunkt. 4 Eine alleinige Eingrenzung auf die frühe
4 vgl. BMFSFJ: Frühe Hilfen für Eltern und Kinder und soziale Frühwarnsysteme 27.11.2007 http://ww-w.bmfsfj.de/bmfsfj/generator/Politikbereiche/Kinder-und-Jugend/fruehe-hilfen,did=86930.html
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Kindheit wiederum reicht nicht aus, um mit dem zur Verfügung stehenden Material ausführlich genug zu arbeiten.
Die Benutzung der männlichen Berufsbezeichnungen im Text erfolgt nur um eine bessere Überschaubarkeit und ein flüssigeres Lesen des Textes zu ermöglichen. Ich möchte damit keinesfalls Unterschiede in Fachlichkeit und Arbeitsweise zwischen Männern und Frauen implizieren. Die weiblichen Formen der Berufsbezeichnungen sind vollkommen gleichwertig einsetzbar.
Die Vernachlässigung von Kindern ist ein fachübergreifendes Problem. An seiner Er-forschung und Verhinderung arbeiten verschiedenste berufliche Professionen mit, beispielsweise Ärzte, Psychiater, Psychotherapeuten, Psychologen, Juristen, Erzieher und Lehrer. Die Prävention von Kindesvernachlässigung ist ein Bereich, in dem alle Professionen zum Wohle der Kinder zusammen arbeiten müssen. Im zweiten Teil der Arbeit soll gezielt auf die Möglichkeiten von Sozialpädagogen eingegangen werden. Diese bestehen jedoch oft erst bei einem Verdacht oder schon bestehender Kindesvernachlässigung. Bei einer Prävention am Beginn eines Kinderlebens können eher medizinische Berufe verstärkten Einfluss nehmen. Somit werden auch einige Aspekte eines eher medizinischen Arbeitsfeldes betrachtet. Allerdings ist das berufliche Spektrum von Sozialpädagogen wiederum so breitgefächert, dass sie in vielen Arbeitsbereichen mit der Kindesvernachlässigung in Berührung kommen. Durch die erfolgte Rechtschreibreform werden im Text sowohl die alte, als auch die neue Rechtschreibung angewendet. Dies geschieht entsprechend der Entstehungszeit von Literatur und Zitaten.
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1 Bedürfnisse von Kindern aus entwicklungspsychologischer
Sicht
Um die Problematik vernachlässigter Kinder besser zu verstehen, soll die Betrachtung vom Kind aus beginnen. Kinder sind kleine menschliche Wesen mit ihren eigenen Bedürfnissen und Vorstellungen. Wenn diese Bedürfnisse gestillt werden, geht es dem Kind gut und es kann sich gesund entwickeln. So ein kleines, aber schon so vielfältiges Wesen hat viele Bedürfnisse an seine Eltern und seine Umwelt. Die Erfüllung dieser Bedürfnisse ist wichtig für eine gesunde körperliche und seelische Entwicklung des Kindes. Für eine positive Persönlichkeitsentwicklung ist das Erfüllen dieser Bedürfnisse eine wichtige Grundvoraussetzung. Man könnte also davon ausgehen, das vernachlässigte Kinder nicht in ihren Bedürfnissen befriedigt werden. Was unter kindlichen Bedürfnissen zu verstehen ist, hängt in hohem Maße von geltenden Normen und vom jeweiligen Lebensstandard ab. 5 In den letzten 200 Jahren haben sich in unserer Gesellschaft menschliche Werte wie Liebe und Verständnis, Verlässlichkeit und Kontinuität, Schutz und Geborgenheit als Voraussetzungen für eine gelingende Erziehung entwickelt. Für die Interaktion zwischen Eltern und Kind scheinen dies wichtige Faktoren zu sein, wie auch für ein sonstiges menschliches Miteinander. Daher ist es als besonders alarmierend zu werten, das Kindesvernachlässigung wieder eine verschärfte Brisanz erhält. 6 Im sozialpädagogischen Handbuch Kindeswohlgefährdung des ASD werden nur drei elementare kindliche bzw. menschliche Bedürfnisse beschrieben. Hier hat das Kind das Bedürfnis nach Existenz, das Bedürfnis nach sozialer Bindung und Verbundenheit und das Bedürfnis nach Wachstum. Die genannten Bedürfnisse werden als grundlegend und gleichrangig betrachtet. 7 Allerdings sind Wachstum und Existenz derart umfassende Begriffe, dass sie noch weiter differenziert werden müssen. Sie stellen eher Bedürfniskategorien dar. Die zugrunde gelegte Theorie von Alderfer versuchte die Theorie von Maslow zusammenzufassen und zu modifizieren. Seine Wei-
5vgl. Engelbert, A.: Vergessene Kinder? Gesellschaftliche Hintergründe von Kindesvernachlässigung. In: Landesstelle Jugendschutz Niedersachsen (Hrsg.): Vernachlässigung. Erscheinungsformen -Hintergründe - Hilfen.2. Auflage. Hannover: Eigenverlag, 2000, S.6
6 vgl. Schone, R.; Gintzel, U.;Jordan, E.; Kalscheuer, M.; Münder, J.: Kinder in Not. Vernachlässigung im frühen Kindesalter und Perspektiven Sozialer Arbeit. Münster: Votum Verlag, 1997, S. 23
7 vgl. Werner, A.: Was brauchen Kinder um sich altersgemäß entwickeln zu können? In: Kindler, H.; Lillig, S.; Blüml, H.; Meysen, T.; Werner, A. (Hrsg.): Handbuch Kindeswohlgefährdung nach § 1666 BGB und Allgemeiner Sozialer Dienst (ASD). München: DJI e.V., 2006,Kapitel 13
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terentwicklung der Maslowschen Theorie war auf Bedürfnisse in Organisationen und Unternehmen ausgerichtet. Vielleicht ist sie deshalb nicht die geeignetste Variante, um kindliche Bedürfnisse besser zu verstehen. In den näheren Erklärungen werden die drei Bedürfnisse auch weiter differenziert. Es werden grundsätzlich auch alle Bedürfnisse aus der fünfstufigen Maslowschen Bedürfnishierarchie genannt. Diese wird auch heute noch gern zur Erklärung der menschlichen Bedürfnisse verwendet. Nach dem amerikanischen Psychologen Maslow wird der Mensch und somit auch das Kind in seinem Verhalten von hierarchisch strukturierten Bedürfnissen geleitet. Diese lassen sich als Pyramide darstellen. An ihrer Basis befinden sich die grundlegenden körperlichen Bedürfnisse. An der Spitze steht das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung. Dazwischen befinden sich Sicherheitsbedürfnisse, Zugehörigkeits- und Liebesbedürfnisse (soziale Bedürfnisse) sowie Wertschätzungs- und Geltungsbedürfnis. Wird das unterste Bedürfnis nach physiologischer Befriedigung nicht erfüllt, können sich die höheren Bedürfnisse gar nicht erst entwickeln. Das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung kann demnach erst dann realisiert werden, wenn alle grundlegenderen, niedrigrangigeren Bedürfnisse befriedigt sind. 8 Die ersten vier werden auch Mangel- oder Defizitbedürfnisse genannt. Das Selbstverwirklichungsbedürfnis dagegen wird als ein Wachstumsbedürfnis bezeichnet.
Auf dieses Modell baut auch der Kinderpsychotherapeut Schmidtchen auf. Er erweitert die elementaren Grundbedürfnisse für eine gesunde seelische und körperliche Entwicklung von Kindern auf insgesamt sechs. Ähnlich wie bei Maslow sind auch diese hierarchisch strukturiert. Er fügt noch das Bedürfnis nach Anregung, Spiel und Leistung ein. Es befindet sich unterhalb des höchsten Bedürfnisses der Selbstverwirklichung. Bei vernachlässigten Kindern werden die unterschiedlichsten Bedürfnisse nicht adäquat erfüllt. Für die Erklärung kindlicher Bedürfnisse aus entwicklungspsychologischer Sicht scheint deshalb die vielfältigste Bedürfnisauswahl nach Schmidtchen am geeignetsten. Außerdem ist bei ihm das Bedürfnis nach Anregung und Spiel enthalten. Dieses stellt im allgemeinen Verständnis ein besonders kindertypisches Bedürfnis dar. Die von Schmidtchen genannten Bedürfnisse sollen hier noch etwas detaillierter erklärt werden.
Um das Leben und Überleben eines Kindes überhaupt zu ermöglichen, müssen seine physiologischen Bedürfnisse befriedigt werden. Diese körperlichen Bedürfnisse
8 vgl. Maslow, A.H.: Eine Theorie der menschlichen Motivation. In: Maslow, A.H.: Motivation und Persönlichkeit. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag,1981, S. 62-87
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sind Bedürfnisse nach Essen, Trinken, Ausscheidungen, Schlaf, Wach-Ruhe-Rhythmus und Sexualität. 9
Das neugeborene Kind ist in diesem Bereich fast völlig abhängig von seinen Eltern. Ein Kind braucht eine angemessene Ernährung mit Essen und Trinken. Die Eltern müssen dafür sorgen, dass das Kind ausreichend mit Essen und Trinken versorgt wird. Sie sollten also seine Ernährung sicherstellen. Die Nahrung sollte in Zusammensetzung und Nährwert dem jeweiligen Bedarf des Kindes angepasst sein. Für Kinder im ersten halben Lebensjahr ist beispielsweise die Muttermilch die am besten geeignetste Nahrungsversorgung. Später können Kinder zwar selbstständig Nahrung zu sich nehmen, jedoch müssen der Zeitpunkt der Nahrungsaufnahme und die angemessene Menge noch durch die Eltern vorgegeben werden. Das Zubereiten und Bereitstellen von Nahrung durch das Kind selbst, ist erst in einem deutlich höheren Alter möglich. Es vergehen also viele Jahre, in denen die Versorgung mit Nahrung durch die Eltern geschehen muss.
Des Weiteren benötigt das Kind eine ausreichende Körperhygiene. Kleine Kinder können ihre Ausscheidung von Urin und Kot noch nicht selbständig kontrollieren. Deshalb müssen sie gewindelt werden. Das Windeln muss auch sehr regelmäßig geschehen, da sonst die Verdauungsrückstände die empfindliche Haut des Babys angreifen. Auch das Waschen und Baden muss bei Kindern häufig erfolgen. Wenn kleine Kinder im Freien spielen, machen sie sich schnell dreckig. Mit dem Erscheinen der ersten Zähne gehört auch die Zahnpflege mit dazu. Auch kleine Zähne sind schon von Krankheitserregern bedroht.
Besonders Kinder brauchen auch viele Stunden Schlaf. Dieser wird benötigt, um sich von der täglichen Vielzahl an Sinneswahrnehmungen zu erholen und diese zu verarbeiten.
Was unter kindgerechter Pflege, Versorgung und Förderung zu verstehen ist, variiert jedoch je nach Schichtzugehörigkeit deutlich. 10 Eigentlich müssten diese grundlegenden Kenntnisse über menschliche Bedürfnisse im Repertoire von Müttern und Vätern vorhanden sein. In Fällen von Vernachlässigung ist dies aber häufig nicht der Fall. Die Befriedigung von Schutzbedürfnissen als nächste Stufe erscheint genauso wichtig und selbstverständlich. Kinder benötigen Schutz vor körperlichen und seelischen
9 vgl. Schmidtchen, S. Kinderpsychotherapie - Grundlagen, Ziele, Methoden. Stuttgart, Berlin, Köln: Kohlhammer,1989, S. 106
10 vgl. Engelbert, A. : Vergessene Kinder? Gesellschaftliche Hintergründe von Kindesvernachlässigung. In: Landesstelle Jugendschutz Niedersachsen (Hrsg.): Vernachlässigung. Erscheinungsformen -Hintergründe - Hilfen. 2. Auflage Hannover: Eigenverlag, 2000, S. 6
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Krankheiten, Gefahren, Unbilden des Wetters wie Kälte und Wärme, Schutz im Straßenverkehr und vor schädigenden Umwelteinflüssen und materiellen Unsicherheiten. 11
Um vor den Naturelementen geschützt zu sein, müssen Kinder von ihren Eltern mit entsprechender Kleidung angezogen werden. Sie sollte der Körpergröße des Kindes entsprechen, zu kleine oder zu große Kleidung ist nicht geeignet. Außerdem muss die Bekleidung einen ausreichenden Schutz vor den jeweiligen Temperaturen und Niederschlägen bieten.
Das Wohnumfeld von Kindern sollte vor Gefahren gesichert sein. Kinder sollten keine Möglichkeiten haben mit elektrischem Strom in Berührung zu kommen. Es darf auch keinen Zugang zu gesundheitsgefährdenden oder gar giftigen Stoffen für Kinder geben. Beim Auftreten von Verletzungen oder Unfällen sollte ein Arzt aufgesucht werden. Bei einem Aufenthalt außerhalb der Wohnung sollte immer eine Begleitperson in der Nähe des Kindes sein.
Ein Schutz vor materiellen Unsicherheiten ist sehr individuell einzuordnen. Vernachlässigte Kinder leben oft unter katastrophalen Wohnbedingungen. Die Familien vernachlässigter Kinder haben oft starke finanzielle Probleme. Dagegen besteht die Gefahr einer Reizüberflutung in unserer heutigen, modernen Gesellschaft wahrscheinlich für fast jedes Kind. Die Bedürfnisse nach physiologischer Befriedigung und Schutz stellen elementare Bedürfnisse dar.
Auch die weiteren Bedürfnisse nach einfühlendem Verständnis und sozialer Bindung an eine Person (Vater, Mutter, Freund etc.) sind zentrale Grundbedürfnisse von Kindern und Erwachsenen. Seelisches Einfühlungsvermögen (Empathie) einer Bezugsperson ist wichtig, damit Kinder überhaupt in einen entwicklungsfördernden Dialog mit anderen Personen finden können. 12 Das Bedürfnis nach sozialer Bindung wird ausführlich im nächsten Kapitel mit der Bindungstheorie nach John Bowlby erklärt. Des Weiteren besteht ein Bedürfnis nach seelischer und körperlicher Wertschätzung. Kinder wollen um ihrer selbst Willen geliebt werden und sehnen sich nach bedingungsloser Anerkennung als seelisch und körperlich wertvoller Mensch. 13 Vernachlässigte Kinder werden dagegen von ihren Eltern oft nur wenig wahrgenommen. Sind
11 vgl. Schmidtchen, S. Kinderpsychotherapie - Grundlagen, Ziele, Methoden. Stuttgart, Berlin, Köln: Kohlhammer,1989, S. 107
12 vgl. Schmidtchen, S. Kinderpsychotherapie - Grundlagen, Ziele, Methoden. Stuttgart, Berlin, Köln: Kohlhammer,1989, S. 108
13 vgl. Schmidtchen, S. Kinderpsychotherapie - Grundlagen, Ziele, Methoden. Stuttgart, Berlin, Köln: Kohlhammer,1989, S. 110
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Kinder unerwünscht oder haben Missbildungen und Behinderungen fällt die Annahme des Kindes den Eltern nicht immer leicht. „Wer als Kind zu selten erlebt hat, daß er positive Affekte bei seinen Bezugspersonen auslösen kann, wer also nicht gelernt hat, liebenswert zu sein, entwickelt auch keine Selbstwahrnehmung und entsprechend kein Selbstwertgefühl.“ 14
Schon Säuglinge und Kleinkinder benötigen vielfältige Anregungen aus ihrer Außenwelt. Die Bedürfnisse nach Anregung, Spiel und Leistung müssen natürlich passend zu den Fähigkeiten der Kinder in ihrer jeweiligen Altersstufe sein. 15 Kinder müssen herausgefordert werden ihre Umwelt zu erkunden. Bei der Entwicklung ihrer motorischen Fähigkeiten wird Unterstützung und Herausforderung benötigt. Das gemeinsame Spiel mit Kindern stellt eine hohe zeitliche Anforderung an die Eltern. Eltern müssen sich also intensiv mit ihrem Nachwuchs beschäftigen und auseinander setzen. Ein Kind kann sich noch nicht über längere Zeit selbst beschäftigen. Die Hospitalis-musforschung von Spitz hat gezeigt, dass die Interaktion mit anderen Personen überlebenswichtig ist.
Das höchst stehende Bedürfnis nach Selbstverwirklichung und Bewältigung existentieller Lebensängste ist für den Bereich der Kleinkinder nicht gut erforscht. Obwohl Kinder es meist nicht bewusst erfassen können, werden auch sie den mit den existentiellen menschlichen Erfahrungen konfrontiert. 16 Dazu gehören die Themen Tod, Krankheit und Alleinsein, die Frage nach dem Sinn des Lebens und viele weitere. Da in diesem Bereich sehr viel philosophisches Gedankengut einfließt, wird dieses Bedürfnis in der Regel erst bei älteren Kindern aufkommen. Dieses Bedürfnis entsteht der Theorie nach auch nur, wenn die niedriger angesiedelten Bedürfnisse befriedigt sind.
Die Aufzählung der verschiedensten Bedürfnisse zeigt, dass Vernachlässigung nicht zwangsläufig nur ein Problem von Familien aus der Unterschicht ist. Die Vernachlässigung oder Versagung physiologischer Bedürfnisbefriedigung führt nach einer gewissen Zeit zum Tod. Die Befriedigung der höheren Bedürfnisebenen verträgt dagegen einen Aufschub, ohne die Existenz des Kindes zu gefährden. 17 Die Vernachlässi-
14Motzkau, E.: Was braucht ein Kind? Hintergründe und Folgen der Vernachlässigung von Kindern. In: Landesstelle Jugendschutz Niedersachsen (Hrsg.): Vernachlässigung. Erscheinungsformen - Hintergründe - Hilfen. 2. Auflage Hannover: Eigenverlag, 2000, S. 35
15 vgl. Schmidtchen, S. Kinderpsychotherapie - Grundlagen, Ziele, Methoden. Stuttgart, Berlin, Köln: Kohlhammer,1989, S. 111
16 vgl. Schmidtchen, S. Kinderpsychotherapie - Grundlagen, Ziele, Methoden. Stuttgart, Berlin, Köln: Kohlhammer,1989, S. 112/113
17 vgl. Schone, R.; Gintzel, U.;Jordan, E.; Kalscheuer, M.; Münder, J.: Kinder in Not. Vernachlässigung im frühen Kindesalter und Perspektiven Sozialer Arbeit. Münster: Votum Verlag, 1997, S. 25
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gung höher gestellter Bedürfnisse betrifft vielmehr eine psychische Dimension. Für eine gesunde körperliche und seelische Entwicklung von Kindern sind also auch diese Bedürfnisse keinesfalls zu vernachlässigen. Eine Vernachlässigung dieser Bedürfnisse kann jedoch auch in jeder Familie der Mittelschicht und der Oberschicht stattfinden.
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2 Bedürfnisse von Kindern aus bindungstheoretischer Sicht
2.1 Bindungstheorie
Bei der Erfassung von Vernachlässigungen wird besonders der vom englischen Kinderpsychiater John Bowlby aufgestellten Bindungstheorie eine sehr große Bedeutung beigemessen. Es wird angenommen, dass ausgehend vom Bindungsmuster und dem Verhalten des Kindes, Rückschlüsse auf seine Situation und eventuelle Vernachlässigungen zu ziehen sind. 18 Es deutet viel auf einen Zusammenhang zwischen verschiedenen Bindungsmustern und der Situation von Kleinkindern hin. Ein Säugling baut im Laufe des ersten Lebensjahres eine starke emotionale Bindung zu einer Hauptbezugsperson auf. Diese Bezugsperson sucht das Kind bei Gefahr oder Schmerz als Erstes auf. In den meisten Fällen ist diese wichtige Bezugsperson seine leibliche Mutter. Bis etwa zur Vollendung des dritten Lebensjahres braucht es diese Person stets in seiner erreichbaren Gegenwart. 19 Kleinkinder ab etwa einem Jahr zeigen bei innerer Belastung (Krankheit, Schmerz, Müdigkeit, Hunger) oder äußerer Bedrohung (Trennung, Unsicherheit, Reizüberflutung) Verhaltensweisen wie Suchen der Bindungsperson, Weinen, Rufen, Festklammern oder Nachfolgen. 20 Darüber versuchen sie Nähe zu ihrer wichtigen Bezugsperson herzustellen. Ist die Hauptbindungsperson für das Kind nicht erreichbar, können ersatzweise auch andere Bezugspersonen aufgesucht werden. Wenn eine enge Beziehung zum Kind aufgebaut ist, kann dies beispielsweise der Vater sein. Aber auch die Großeltern und Geschwisterkinder, beziehungsweise später ein Erzieher im Kindergarten sind mögliche Ersatzpersonen. Entsprechend hat das Weinen eines kranken Kindes zum Ziel, dass die Mutter in seiner Nähe bleibt. Das Anklammern am Hosenbein des Vaters unter fremden Menschen gibt Sicherheit.
18 vgl. Strauß, B.: Vernachlässigung und Misshandlung aus der Sicht der Bindungstheorie. In: Egle, U.T.; Hofmann, S.O.; Joraschky, P. (Hrsg.): Sexueller Missbrauch, Misshandlung, Vernachlässigung. Erkennung, Therapie und Prävention der Folgen früher Stresserfahrungen. 3.,vollständig aktualisierte und erweiterte Auflage Stuttgart: Schattauer, 2005, S. 105
19 vgl. Bowlby, J.: Frühe Bindung und kindliche Entwicklung. 5., neu gestaltete Auflage München, Basel: Ernst Reinhardt Verlag, 2005, S. 50
20 vgl. Christ, H.: Dissoziative Bindung und familiale Traumatisierung. In: Zenz, W.M.; Bächer, K.; Blum-Maurice, R. (Hrsg.): Die vergessenen Kinder. Vernachlässigung, Armut und Unterversorgung in Deutschland. Köln: PapyRossa, 2007, S. 90
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Derartiges Verhalten nannte Bowlby Bindungsverhalten. Er ging davon aus, dass Bindungsverhalten angeboren ist. Dieses Verhalten bietet für das Kleinkind in gefährlichen Situationen Schutz durch vertraute Erwachsene und ist damit wichtig für sein Überleben. Dieses Bindungssystem entwickelt sich im ersten Lebensjahr. Es bleibt während des gesamten Lebens aktiv bestehen. Auch ältere Kinder und Erwachsene suchen in gefährlichen oder schwierigen Situationen die Nähe von Personen, von denen sie Schutz oder Hilfe und Unterstützung erwarten.
Zusätzlich zum Bindungsverhalten gibt es noch eine weitere Gruppe an kindlichen Verhaltensweisen. Sie kennzeichnen das neugierige Auskundschaften und Erkunden der Umgebung. Die selbstständige Entdeckung von Neuem und Unbekannten ist eine wichtige Voraussetzung für das Lernen und die Entwicklung des Kindes. Dieses Verhalten bezeichnete Bowlby als Explorationsverhalten. Es wird von den Kindern dann gezeigt, wenn sie sich sicher fühlen. Seine Verhaltensweisen treten abwechselnd mit dem Bindungsverhalten auf.
Nach dem Modell von Bowlby suchen Kinder immer dann die Nähe zur Mutter, zum Vater oder zu einer anderen wichtigen Bezugsperson, wenn sie unsicher sind oder sich unwohl fühlen. Wenn sie dagegen sicher sind und sich wohl fühlen, bewegen sie sich von der Bezugsperson weg und erkunden ihre unbekannte Umgebung. Die beiden Verhaltensweisen stehen also im ständigen Wechsel. Die erwachsene Bezugsperson wird als sichere Basis genutzt. 21
2.2 Bindungsmuster
Heute unterscheidet man im Bindungsverhalten vier verschiedene Bindungsmuster. Man differenziert zwischen der sicheren Bindung und der unsicheren Bindung. Die unsichere Bindung tritt in den zwei Formen der unsicher-ambivalenten Bindung und der unsicher-vermeidenden Bindung auf. Des Weiteren unterscheidet man noch die desorganisierte Bindung. Sie wird auch als hoch unsichere Bindung beschrieben. Die Kanadierin Ainsworth untersuchte zusammen mit ihren Forscherkollegen die beschriebene Bindungstheorie von Bowlby. Sie beobachtete dazu das Bindungsverhalten von einjährigen Kindern mit ihren Müttern. Sie führte lange Feldbeobachtungen von Müttern und Kindern in natürlicher Umgebung durch. Danach entwickelte sie
21 vgl. Zweyer, K.: Bindung im Kindergartenalter
http://www.familienhandbuch.de/cmain/f_Fachbeitrag/a_Kindheitsforschung/s_1509.html (14.03.2008)
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eine standardisierte Methode der Verhaltensbeobachtung, die „Fremde Situation“. Deren Untersuchungsanordnung gleicht einem Spielzimmer, wie es häufig in Beratungsstellen zu finden ist. Die einjährigen Kinder werden von der Mutter für kurze Zeit getrennt. Die unbekannte Umgebung des Spielzimmers stellt somit eine Belastung dar und soll das Bindungsverhalten auslösen. Bei Anwesenheit der Mutter dagegen sollen die Kinder sich sicher fühlen. Sie sollen in der Lage sein, die Umgebung zu er-kunden. Insgesamt fanden Ainsworth und ihre Kollegen drei unterschiedliche Gruppen von Kindern.
Bei einer Gruppe von Kindern zeigt sich genau das von Bowlbys Theorie vorhergesagte Wechselspiel zwischen Nähe suchen und Erkundung. Die Kinder nutzen ihre Mutter als sichere Ausgangsbasis. Dieses Bindungsmuster wird als sichere Bindung bezeichnet.
Bei den anderen Gruppen scheint jeweils entweder das Bindungsverhalten oder das Explorationsverhalten besonders ausgeprägt zu sein. Einige Kinder beschäftigen sich sehr stark mit der Erkundung ihrer Umgebung und den vorhandenen Spielsachen. Sie scheinen wenig unter der Trennung von der Mutter zu leiden. Beim Wiedersehen mit der Mutter suchen sie kaum Nähe und Kontakt zu ihr. Sie zeigen also kaum das Bindungsverhalten. Diese Kinder vermeiden den Körper- und Blickkontakt zur Mutter. Deshalb wird dieses Bindungsmuster als unsicher-vermeidend bezeichnet.
Im Gegensatz dazu gibt es Kinder, welche kaum Explorationsverhalten zeigen. Diese Kinder sind vor allem damit beschäftigt, die Nähe und den Kontakt zur Mutter aufrecht zu erhalten. Solche Kinder sind kaum in der Lage sich von der Mutter zu lösen. Es fällt ihnen schwer die Umgebung zu erkunden oder einfach frei zu spielen. Die Kinder leiden sehr stark unter einer Trennung von der Mutter. Sie suchen nach einer Trennung sofort wieder engen Kontakt zur Mutter. Gleichzeitig zeigen sie aber Wut und Ärger gegenüber ihrer Mutter, weil diese nicht zur Verfügung stand. Das Suchen der Nähe der Mutter und das teilweise Zeigen von Wut und Ärger gegenüber der Mutter sind gegensätzliche Verhaltensweisen. Das Bindungsmuster dieser Kinder wird als unsicher-ambivalent bezeichnet.
In weiteren Studien wurde neben den drei beschriebenen Gruppen noch eine vierte, zusätzliche Gruppe von Kindern entdeckt. 22 Sie kommt vor allem in Stichproben mit
22 vgl. Zweyer, K.: Bindung im Kindergartenalter
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vielen psychosozialen Risikofaktoren vor. Diese Bindung ist typisch für Familien, in denen Vernachlässigung von Kindern vorkommt. 23
Die Beziehungserfahrungen von Kindern mit der hoch unsicheren Bindung unterscheiden sich deutlich von den anderen Beziehungsmustern. Kinder dieser vierten Gruppe haben kurze Momente, in denen sie weder Bindungsverhalten noch Explorationsverhalten zeigen. Sie wirken teilweise wie erstarrt, verstecken sich und führen begonnenes Verhalten nicht zu Ende. Oft zeigen sie auch gleichzeitig oder kurz hin-tereinander stark widersprüchliches Verhalten. Die Kinder weisen für kurze Zeit keine organisierte Verhaltensstrategie auf. Das Bindungsmuster dieser Gruppe wird deshalb als desorganisiert bezeichnet.
Vermutlich entsteht diese Verhaltensform dadurch, dass die erwachsene Bezugsperson bei den Kindern Angst auslöst. Die Bindungsperson reagiert teilweise, durch eigene unverarbeitete Traumata, geängstigt auf das Kind. Das Kind wird nicht durch die externe Situation, sondern durch die Bezugsperson selbst in einen Alarmzustand versetzt. Angst einflößendes oder ängstliches Verhalten der Bezugsperson bringt Kinder auf ihrer Suche nach Schutz in eine unlösbare Situation. Die Person, die das Kind schützen soll, ist selbst Quelle von Angst. Möglicherweise führt dies zu den beobachteten kurzen Momenten desorganisierten Verhaltens. Die betroffenen Kinder haben einfach keine Strategie mit dem elterlichen Verhalten umzugehen. Traumatische Erfahrungen wie eine Vernachlässigung können zur Bindungslosigkeit beziehungsweise Bindungsstörung führen. Sie werden einerseits als Reaktion auf, andererseits als Folge von, Vernachlässigung aufgefasst. 24 In vielen Studien wurde weltweit untersucht, wie häufig die einzelnen Bindungsgruppen bei Kleinkindern vorkommen. In einem Überblick über deutschsprachige Studien war die sichere Mutter-Kind-Bindung die häufigste Bindungskategorie. Etwa 45 Prozent der Kinder gelten als sicher gebunden. Bei 28 Prozent der Kinder liegt das unsicher-vermeidende Bindungsverhalten vor. Nur sieben Prozent der Kinder wurden als unsicher-ambivalent gebunden eingestuft. Etwa ein Drittel aller Kleinkinder entwickelt somit eine Form einer unsicheren Bindungsbeziehung. Bei der überwiegenden Mehr-
23vgl. Christ, H.: Dissoziative Bindung und familiale Traumatisierung. In: Zenz, W.M.; Bächer, K.; Blum-Maurice, R. (Hrsg.): Die vergessenen Kinder. Vernachlässigung, Armut und Unterversorgung in Deutschland. Köln: PapyRossa, 2007, S. 95
24 vgl. Gloger-Tippelt, G.; König, L.: Bindungsentwicklung bei Kindern und Jugendlichen mit Misshandlungs- und Missbrauchserfahrung. In: Deegener, G.; Körner, W. (Hrsg.): Kindesmisshandlung und Kindesvernachlässigung. Ein Handbuch. Göttingen: Hogrefe, 2005, S. 350
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zahl der Studien liegt der Anteil der Kinder mit desorganisiertem Bindungsverhalten bei rund 20 Prozent. 25
2.3 Anforderungen an das Verhalten der Eltern
Eine entscheidende Bedeutung für die psychische Entwicklung des Kindes hat die Fähigkeit der Eltern zur Empathie für ihr Kind. Empathie oder Einfühlungsvermögen bedeutet, dass sie in der Lage sind, die wechselnden Bedürfnisse ihres Kindes wahrzunehmen. Die Bedürfnisse und das Erleben des Kindes können den eigenen Wünschen der Eltern auch völlig zuwiderlaufen. Zusätzlich muss den Eltern bewusst sein, dass ein Kind unter gewissen Aspekten des Elternverhaltens leiden kann. Diese selbstreflexive Funktion ist bei gesunden Eltern vorhanden. Sie ist Grundlage zur Ausprägung einer sicheren Bindung. 26 Vernachlässigte Kinder kennen dieses Erfüllen ihrer Bindungsbedürfnisse und eine sichere Basis nicht. „Sie sorgt dafür, dass Eltern dann Hilfe holen, wenn sie den Bedürfnissen ihres Kindes allein nicht gerecht werden können.“ 27
Ainsworth definierte mütterliche Feinfühligkeit mit den folgenden vier Merkmalen: ● Der Wahrnehmung der Befindlichkeit des Säuglings, das heißt, die Mutter muss das Kind aufmerksam im Blick haben und darf keine zu hohe Wahrnehmungsschwelle haben.
● Der richtigen Interpretation der Äußerungen des Säuglings, und zwar aus der Lage des Kindes heraus und nicht nach ihren eigenen Bedürfnissen. ● Einer unmittelbaren Reaktion darauf, damit das Kind eine Verbindung zwischen seinem Verhalten und einem Effekt der mütterlichen Handlung knüpfen kann. Dies vermittelt dem Kind ein Gefühl von Effektivität gegenüber seiner sonstigen Hilflosigkeit.
● Der Angemessenheit der mütterlichen Reaktion, die nicht mehr, aber auch nicht weniger beinhalten soll, als was vom Kind verlangt wurde. Diese sollte im Einklang mit seinen Entwicklungsprozessen stehen. 28
25 vgl. Gloger-Tippelt, G.; Vetter, J.; Rauh, H.: Untersuchungen mit der „Fremden Situation“ in deutschsprachigen Ländern: Ein Überblick. In: Psychologie in Erziehung und Unterricht, Nr. 2/2000, S. 93
26 vgl. Deneke, C.: Misshandlung und Vernachlässigung durch psychisch kranke Eltern. In: Deegener, G.; Körner, W. (Hrsg.): Kindesmisshandlung und Kindesvernachlässigung. Ein Handbuch. Göttingen: Hogrefe, 2005, S. 149
27 Deneke, C.: Misshandlung und Vernachlässigung durch psychisch kranke Eltern. In: Deegener, G.; Körner, W. (Hrsg.): Kindesmisshandlung und Kindesvernachlässigung. Ein Handbuch. Göttingen: Hogrefe, 2005, S. 149
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Ainsworth und ihre Kollegen stellten bei ihren Untersuchungen fest, dass sich nicht nur die Kinder, sondern auch ihre Mütter unterschiedlich verhalten. Die Mütter der Kinder mit sicherer Bindung gehen einfühlsam und feinfühlig auf das Bindungsverhalten ihrer Kinder ein. Sie gewähren ihnen Nähe und Schutz, wenn die Kinder es brauchen. Gleichzeitig unterstützen sie entwicklungsangemessen ihre Kinder beim Erkunden der Umwelt.
Mütter von Kindern mit vermeidender Bindung wehren das Bedürfnis ihrer Kinder nach Nähe und Kontakt in neuen Situationen häufig ab. Sie geben selbst an, dass ihnen enger Körperkontakt eher unangenehm ist. Die Kinder scheinen sich dem Verhalten der Mutter anzupassen. Sie legen ihre Aufmerksamkeit vermehrt auf ihre Sachumwelt und weniger auf den Kontakt zur Mutter.
Die Mütter der Kinder mit ambivalenter Bindung reagieren unterschiedlich. Auf der einen Seite gehen sie feinfühlig auf die Bindungsbedürfnisse ihrer Kinder ein. In anderen Momenten weisen sie ihre Kinder zurück. Die Kinder können sich dementsprechend nie sicher über die Reaktion ihrer Mutter sein. Die Kinder richten demnach ihre vermehrte Aufmerksamkeit auf den Kontakt zur Mutter. Sie zeigen ein verstärktes Bindungsverhalten. 29
Je nach Verhalten der Mütter entwickeln Kinder also unterschiedliche Strategien. Sie passen ihr Bindungs- und Explorationsverhalten entsprechend der mütterlichen Reaktionen an. 30 Auch wenn die sichere und die unsicheren Bindungsbeziehungen unterschiedliche Auswirkungen auf die weitere sozial-emotionale Entwicklung des Kindes haben, so sind doch alle Strategien als Ausdruck einer normalen Verschiedenartigkeit von Bindungserfahrungen zu verstehen. 31
Die hoch unsichere desorganisierte Bindung dagegen ist typisch für Risikofamilien, in denen Vernachlässigung stattfindet. 32 Vernachlässigte Kinder zeigen auch häufig in besonders intensiver Weise ein unsicheres Bindungsverhalten des vermeidenden
28 vgl. Grossmann,K.E. et al: Die Bindungstheorie. Modell, entwicklungspsychologische Forschung und Ergebnisse. In: Keller,H. (Hrsg.): Handbuch der Kleinkindforschung, 2., vollständig überarbeitete Auflage Bern, Göttingen, Toronto, Seattle: Verlag Hans Huber, 1997, S. 62
29 vgl. Brisch, K. H.: Bedeutung von Vernachlässigung und Gewalt gegenüber Kindern aus der Sicht der Bindungstheorie. In: Finger-Trescher, U.; Krebs, H. (Hrsg): Mißhandlung, Vernachlässigung und sexuelle Gewalt in Erziehungsverhältnissen. Gießen: Psychosozial-Verlag, 2000, S. 92
30 vgl. Zweyer, K.: Bindung im Kindergartenalter
http://www.familienhandbuch.de/cmain/f_Fachbeitrag/a_Kindheitsforschung/s_1509.html und
31 vgl. Brisch, K. H.: Bedeutung von Vernachlässigung und Gewalt gegenüber Kindern aus der Sicht der Bindungstheorie, In: Finger-Trescher, U.; Krebs, H. (Hrsg): Mißhandlung, Vernachlässigung und sexuelle Gewalt in Erziehungsverhältnissen. Gießen: Psychosozial-Verlag, 2000, S. 94
32 vgl. Christ, H.: Dissoziative Bindung und familiale Traumatisierung in: Zenz, W.M.; Bächer, K.; Blum-Maurice, R. (Hrsg.): Die vergessenen Kinder Vernachlässigung, Armut und Unterversorgung in Deutschland, Köln,PapyRossa, 2007 S. 95
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Typs. In der Regel haben sie Eltern, welche in besonders geringem Maße auf sie reagieren und emotional sehr zurückgezogen sind. 33
Auch Bindungsstörungen als „reaktive Bindungsstörung des Kleinkinalters“ oder „Bindungsstörung des Kindesalters mit Enthemmung“ können bei vernachlässigten Kindern auftreten. Mit der ersten Störung werden Kinder beschrieben, welche in ihrer Bindungsbereitschaft gegenüber fremden Personen sehr gehemmt sind und mit Ambivalenz und Furchtsamkeit reagieren. Kinder des zweiten Types weisen ein entgegengesetzes Verhalten auf. Ihre Kontaktbereitschaft gegenüber anderen Personen ist ungehemmt und distanzlos. Sie äußern Bindungsbedürfnisse nach Nähe und Trost unterschiedslos auch gegenüber vollkommen fremden Personen. Beide Störungen mit ihren Verhaltensweisen werden als Folge von extremer emotionaler und/oder körperlicher Vernachlässigung angesehen. 34
33 vgl. Ziegenhain, U.: Kindesvernachlässigung aus bindungstheoretischer Sicht. In: IKK-Nachrichten. Nr. 2/2001, S. 7
34 vgl. Brisch, K. H.: Bedeutung von Vernachlässigung und Gewalt gegenüber Kindern aus der Sicht der Bindungstheorie, In: Finger-Trescher, U.; Krebs, H. (Hrsg): Mißhandlung, Vernachlässigung und sexuelle Gewalt in Erziehungsverhältnissen. Gießen: Psychosozial-Verlag, 2000, S. 96
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3 Einordnung und Definition von Kindesvernachlässigung
Wenn man von den vorangegangenen Kapiteln zu einer Definition von Vernachlässigung finden will, könnte man sagen, Vernachlässigung ist ein Nichtbeachten kindlicher Entwicklungs- und Bindungsbedürfnisse. Diese Aussage wird jedoch der Komplexität des Themas weder gerecht, noch kann man damit eindeutig arbeiten. Außerdem könnte ein derart weiter Vernachlässigungsbegriff zur Annahme führen, dass eigentlich alle Eltern ihre Kinder vernachlässigen. Alle Bedürfnisse von Kindern sind von keinen noch so pädagogisch erfahrenen Eltern umfassend und zum richtigen Zeitpunkt zu befriedigen.
Die Vernachlässigung von Kindern einzuordnen ist recht schwierig und uneindeutig. Bei der Beschäftigung mit der Problematik lässt sich feststellen, dass es auch in der Fachliteratur nicht die eine Definition gibt.
In sehr allgemeinen Ansätzen wird der Begriff „Gewalt gegen Kinder“ verwendet. Gewalt meint alle Formen von Handlungen, Einwirkungen, Akten und Unterlassungen, welche als negativ bewertet werden. In erster Linie wird unter Gewalt physische Gewalt verstanden. Als Gewalt wird solches Verhalten bezeichnet, bei dem schädigende Reize auf einen Organismus einwirken. Bei Gewalt geht es darum, dass Anderen etwas gegen ihre Bedürfnisse, gegen ihren Willen geschieht. Von Gewalthandlungen geht man allgemein aus, wenn sozial mächtigere Personen gegen schwächere Personen handeln. 35 Es existiert also oft der Oberbegriff Gewalt gegenüber dem Kind um dieses Themenfeld zu charakterisieren.
Ein Grund für die Vernachlässigung des Begriffes Vernachlässigung ist, dass Kindesvernachlässigung in der Kinderschutzliteratur oftmals mit unter dem Begriff der Kin-desmisshandlung erfasst wird. 36 Dadurch fehlt ein eigenständiger Problemzugang. Weiter erschwert wird die Begriffsbestimmung durch ein generelles Forschungs- und Informationsdefizit. Vernachlässigung hat weder in der öffentlichen noch in der fachlichen Diskussion so viel Aufmerksamkeit wie Kindesmisshandlung und sexueller Missbrauch. Es gibt bisher nur sehr wenig deutschsprachige Literatur zu diesem Themengebiet. Insgesamt ist das Phänomen einer Vernachlässigung relativ „unsichtbar“. Vernachlässigung vollzieht sich nicht laut und spektakulär, sondern eher still
35 vgl. Selg, H., Mees, U.,Berg, D.: Psychologie der Aggressivität. 2., überarbeitete Auflage Göttingen, Bern, Toronto, Seattle: Hogrefe, 1997, S.8
36 vgl. Schone, R.; Gintzel, U.;Jordan, E.; Kalscheuer, M.; Münder, J.: Kinder in Not. Vernachlässigung im frühen Kindesalter und Perspektiven Sozialer Arbeit. Münster: Votum Verlag, 1997, S. 18
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Thomas Morgenstern, 2008, Vernachlässigung von Kindern – sozialpädagogische Präventions- und Interventionsmöglichkeiten, München, GRIN Verlag GmbH
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