Inhalt
Einleitung 3
1. Das Groteske - Versuch einer Begriffsbestimmung 4
2. Groteske Pointen 7
2.1 Grausamkeiten. 7
2.2 Zerstörung der Superlative 8
2.3 Unverhältnismäßigkeit 9
3. Groteske Natur 11
3.1 Die Natur als Monster 11
3.2 Naturzustand als Perversion 12
4. Entstellung von Mensch und Gesellschaft 14
4.1 Der Mensch als des Menschen Wolf. 14
4.2 Mangelnde Krisenbewältigung 15
4.3 Gescheiterte Individuen. 16
5. Das Groteske in der Sprache 18
5.1 Sprache des Grauens 18
5.2 Bürokratie und nichtige Details. 19
5.3 Der „unendliche“ Satz. 20
Zusammenfassung. 22
Quellen - und Literaturverzeichnis. 23
Titelbild : Günter Brus: „Selig sind, die Erfolge leiden. “ Bilderzyklus von 24 Zeichnungen, Ausschnitt, in:
Pamela Kort (Hrsg.): Grotesk 130 Kunst der Frechheit, München u. a. 2003, 212.
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Einleitung
In der Geschichte „Ernst“ 1 wird ein Komiker „die lange erwartete Sensation“: Auf einem Felsvorsprung stehend, kündigt er einer Ausflüglergruppe an, „er werde sich, so wie er sei, in der Lederhose und dem Tirolerhut auf dem Kopf, in die Tiefe stürzen.“ Wie gewohnt brechen die Zuschauer in lautes Gelächter aus - dann stürzt sich der Komiker tatsächlich in die Tiefe. Die Geschichte erschien im Jahre 1978 als eine von 104 Kurz- und Kürzesttexten unter dem Namen „Der Stimmenimitator“, verfasst von Thomas Bernhard, der sie als „hundertvier freie Assoziationen und Denk-Erfindungen“ 2 bezeichnet.
Doch die Textsammlung wurde wenig gerühmt, als „glatte Enttäuschung“ 3 und als „Betriebsunfall“ 4 in Bernhards Prosawerk gesehen. Worin gründet dieses negative Urteil? Möglicherweise hilft hier ein Blick auf den Charakter der Geschichten: Sie berichten fast ausnahmslos von grausamen Geschehnissen, von Katastrophen, Mord und Todschlag.
Die negative Rezeption in der Öffentlichkeit hat sich auch auf die Forschung ausgewirkt, denn über kaum ein Werk Bernhards ist so wenig geschrieben worden, wie über den „Stimmenimitator“. 5 Und so wird in der Forschung auch nur nebenbei bemerkt, 6 was schon die Geschichte vom Selbstmord des Komikers zeigt: Bernhards „Denk-Erfindungen“ sind grotesk.
1 Thomas Bernhard: Der Stimmenimitator, Frankfurt am Main 1978, 48.
2 Peter Staengle: „Das könne er nicht.“, Zu Thomas Bernhards Der
Stimmenimitator,
in: Elmar Locher (Hrsg.): Die kleinen Formen der Moderne, Insbruck, Wien, München 2001, 284.
3 Zit. nach Schmidt-Dengler: Verschleierte Authentizität. Über Thomas Bernhards Der Stimmenimitator, in: Kurt Bartsch u. a. (Hrsg.): Thomas Bernhard, Königstein 1983, 125.
4 Peter Staengle: „Das könne er nicht.“, 281f.
5 Vgl. Ebd.
6 Vgl. Petrasch, Ingrid: Die Konstitution von Wirklichkeit in der Prosa Thomas Bernhards. Sinnbildlichkeit und groteske Überzeichnung, Frankfurt am Main 1987, 329f. Und ebenso: Ebyl, Franz M.: Thomas Bernhards „Stimmenimitator“ als Resonanz eigener und fremder Rede, in: Wolfram Beyer unter Mitarbeit von Claude Porcell (Hrsg.): Kontinent Bernhard. Zur Thomas-Bernhard-Rezeption in Europa, Wien, Köln, Weimar 1995, 39.
Worin aber liegt der groteske Gehalt des „Stimmenimitators“ genau? Dies zu bestimmen soll Ziel der hier angestellten Untersuchungen sein. Hierzu wird zunächst das Groteske an sich genauer bestimmt, dann das groteske Potenzial der Pointen im „Stimmenimitator, sowie die groteske Darstellung von Natur und Mensch darin. Zuletzt wird auch die sprachliche Gestaltung hinsichtlich ihrer grotesken Struktur betrachtet.
1. Das Groteske - Versuch einer Begriffsbestimmung
Der Versuch, das Groteske adäquat zu definieren, soll hier aus guten Gründen nicht begriffsgeschichtlich beginnen. Denn die etymologisch geprägten Definitionen können den modernen Begriff des Grotesken als Stilprinzip nicht vollständig beschreiben 7 - zu sehr hat sich die Bedeutung des Wortes im Laufe der Jahrhunderte gewandelt. Stattdessen soll zunächst die aktuelle Forschungsposition von Peter Fuß 8 dazu dienen, in die Begriffsbestimmung einzusteigen.
Nach Peter Fuß stellt das Groteske im Wesentlichen einen Bruch mit gesellschaftlichen bzw. kulturellen Konventionen dar. 9 Es zerstört etablierte Ordnungen und deren dichotomische Raster wie z.B. gut/böse, wahr/falsch und schön/hässlich. 10 Damit steht das Groteske in Opposition zum Klassischen, ja es existiert praktisch nur in dieser Relation. 11 Die jeweilige Konvention wird durch drei zentrale Operationsmethoden verändert: durch Verkehrung, Verzerrung und Vermischung. Diese Prinzipien sind keinesfalls neu, schon Kaiser nennt einige von ihnen. 12 Dem Prinzip der Verkehrung kann man alle Formen der Degradierung, bis hin zu Inversion, zuordnen. Die Verzerrung hat wesentlich Disproportionalität zu Folge und die Vermischung findet in der Mesalliance ihre
7 Anm. Wolfgang Kaisers Theorie etwa bleibt dem Ursprung zu sehr verhaftet, wie sein „Versuch einer Wesensbestimmung des Grotesken“ zeigt, Vgl. Wolfgang Kaiser: Das Groteske. Seine Gestaltung in Malerei und Dichtung, 2. Auflage. Oldenburg 1961, 134f.
8 Vgl. Peter Fuß: Das Groteske. Ein Medium des kulturellen Wandels, Köln, Weimar, Wien 2001.
9 Vgl. Ebd., 152.
10 Vgl. Ebd., 192f.
11 Vgl. Ebd., 152.
12 Vgl. Ebd.,137.
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schärfste Ausprägung. Man kann dann auch vom oxymoronischen Mischcharakter sprechen. 13
Nützlich bei Peter Fuß ist vor allem die Betonung auf dem grenzüberschreitenden Wesen des Grotesken, denn sie vereint auch die älteren Forschungsansätze. Diese sind, trotz ihres Alters, sehr bereichernd und haben ihre Gültigkeit keinesfalls verloren. Die wichtigsten seien hier genannt. Wolfgang Kayser 14 bezeichnet das Groteske als „entfremdete Welt“ 15 , an der „die Kategorien unserer Weltorientierung versagen“ 16 . An dieser Stelle findet sich ganz klar der Bruch mit den Konventionen: Es sind die Konventionen der vertrauten Welt die aufgehoben sind. Allein Kayser nennt als Urheber das unbestimmte „Es“ 17 - hier mangelt es seiner Theorie an Präzision. So liegt Kaysers Verdienst eher darin, den Grundstein der modernen Grotesk-Forschung gelegt zu haben. Seine Theorie ist nicht überholt, aber durch die folgenden Forschungen erheblich präzisiert und erweitert worden. Michail Bachtins 18 Untersuchungen zum grotesken Körper etwa sind bis heute unverzichtbar. Demnach, so Bachtin, sei der groteske Leib nie abgeschlossen, sondern entwickele sich weiter. Dieser „werdende Leib“ sei charakterisiert durch das Hervorstechende und Offene, stelle also auch das Leibesinnere dar. Als die wesentlichen Ereignisse im Leben des grotesken Leibes nennt Bachtin beispielsweise Essen, Trinken und ebenso Krankheit, Tod und Zerfetzung. 19 Auch hier verbirgt sich ein fundamentaler Konventionsbruch, denn ein solcher Körper ignoriert den sog. Leibeskanon der Neuzeit, den Bachtin ebenfalls beschreibt. In diesem ist der Körper fertig, abgeschlossen, abgegrenzt, unvermischt und ebenmäßig. 20
13 Vgl. Wolfgang Jansen: Das Groteske in der deutschen Literatur der Spätaufklärung, Hamburg 1979, 87.
14 Vgl. Kaiser: Das Groteske, 136.
15 Ebd., 137.
16 Ebd.
17 Ebd.
18 Michail M Bachtin: Die groteske Gestalt des Leibes, in: Otto F. Best (Hrsg.): Das Groteske in der Dichtung, Darmstadt 1980, 195-202.
19 Vgl. Ebd., 196f.
20 Vgl. Ebd., 199-202.
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Arnold Heidsieck 21 geht mit seiner Theorie in eine ganz andere Richtung, denn er sieht das Groteske als ein realistisches Gestaltungsprinzip. Das Groteske zeige hier die Entstellung der Wirklichkeit auf - eine vom Menschen selbst verübte Entstellung, die seinesgleichen lächerlich mache. 22 Hier lässt sich das Prinzip der Degradierung wieder erkennen. Und der Konventionsbruch liegt in der Verbindung von Grauen und Lächerlichkeit. Denn die ethische Perversion entstellt den Menschen und macht ihn lächerlich.
Für Carl Pietzcker 23 besteht das Groteske dagegen vor allem in einer radikalen Enttäuschung der Erwartungshaltung, etwa wenn ein als selbstverständlich geltender Sinn- bzw. Erwartungshorizont versagt. 24 Das Groteske hat hier die Struktur eines Bewusstseinsaktes 25 - das konfrontierte Individuum spielt also eine entscheidende Rolle. Nach Pietzcker ist es demnach immer eine Konstellation, die grotesk wirkt. 26 Aber auch hier bricht das Groteske mit einer Konvention, indem es die mentale Weltorientierung des Menschen angreift. Eine angemessene Umschreibung des Grotesken kann nur in der Kombination der hier zusammen getragenen Ansätze erfolgen. Denn sie ergänzen sich und können bei der Bestimmung des Grotesken alle hilfreich sein.
21 Arnold Heidsick: Das Groteske und das Absurde im modernen Drama. Stuttgart u.a. 1971.
22 Ebd., 16f.
23 Carl Pietzcker: Das Groteske, in: Otto F. Best (Hrsg.): Das Groteske in der Dichtung, Darmstadt 1980, S. 85-102.
24 Vgl. Ebd., 87.
25 Vgl. Ebd., 88.
26 Vgl. Ebd.
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2. Groteske Pointen
Die Geschichten im „Stimmenimitator“ weisen eine gewissen nähe zur Anekdote auf, weil sie oft eine Pointe haben. Jene Geschichte etwa, die der Textsammlung ihren Namen gab, 27 endet damit, dass der virtuose Künstler alle Stimmen imitieren kann - nur nicht seine eigene. Die Pointe findet sich hier am Ende und gibt der Geschichte im letzten Moment eine überraschende Wendung. Diese ist im konkreten Falle vergleichsweise harmloser Art, denn niemand kommt wirklich zu Schaden. Dies ist in Bernhards Textsammlung allerdings nur allzu selten der Fall. Die Pointe kann verschiedene Effekte erzeugen, beispielsweise einen komischen, tragischen oder grotesken. Je extremer die Pointe den Verlauf der Geschichte in Gegenteil verkehrt, desto grotesker kann sie potentiell werden. Ob eine Pointe einen komischen oder einen grotesken Effekt erzeugt, hängt wesentlich von zwei Faktoren ab: Wie stark ist die Enttäuschung der Erwartungshaltung und welche Kategorie wird dabei demontiert. 28
2.1 Grausamkeiten
Fast alle Geschichten weisen eine katastrophale Wendung auf und enden mit der Liquidation der Helden. 29 Die Menschen morden einander, gehen in den Freitod oder kommen durch Unfälle oder Naturkatastrophen ums Leben. Ganze 5000 Tote zählt David Axmann 30 im „Stimmenimitator“ - eine verheerende Bilanz. Besonders grausame Geschehnisse oder bestimmte Todesarten sind deshalb grotesk, weil sie den Menschen stark erniedrigen und seinen Körper entstellen. So ermordet ein Friseur in „Wissenschaftliche Zwecke“ einen adeligen Kunden, indem er ihm mit einem Rasiermesser den Kopf abschneidet 31 . Ein Panther ist dafür verantwortlich, dass sein Dompteur „vollkommen zerfleischt“ 32 wird,
27 Vgl. Ebd., 9f.
28 Vgl. Pietzcker: Das Groteske, 91f.
29 Vgl. Schmidt-Dengler: Verschleierte Authentizität, 140.
30 David Axmann: 5000 Tote, in: „Die Furche“ vom 27.10.1978. Zit. nach. Schmidt-Dengler: Verschleierte Authentizität, 127.
31 Vgl. Bernhard: Der Stimmenimitator, 53.
32 Ebd., 89.
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Kühe werden von einem Zug „völlig zerstückelt“ 33 , ein Jugendlicher wird beim Sturz in die Tiefe „vollkommen zerschmettert“ 34 und in einem Silo findet man „zwei völlig vermoderte menschliche Körper“ 35 auf. Die Menschen und Tiere sterben nicht einfach, sondern erleben ihr Ende auf grausamste Weise. So werden die Protagonisten in einer Weise degradiert und körperlich entstellt, die fraglos groteske Züge annimmt. Dies ist nicht zuletzt auch deshalb der Fall, weil derartige Körperzerstörungen radikal dem von Bachtin beschriebenen Leibeskanon zuwider laufen. 36
2.2 Zerstörung der Superlative
Das Konzept der Degradierung findet sich auch an andere Stelle wieder, nämlich dort, wo Superlative zerstört werden. Denn besagter Dompteur gehörte der Riege polnischer Tierbändiger an, die eigentlich für ihre Fehlerlosigkeit bekannt sind. 37 Seine Nummer ist berühmt und sogar der Bürgermeister von Krakau sitzt in der ersten Reihe. Es ist das Perfekte, das hier Betonung findetehe es nicht nur entzaubert, sondern im wahrsten Sinnes des Wortes vernichtet wird.
Und die Liste der zerstörten Superlative will im „Stimmenimitator“ kein Ende nehmen: Dem „berühmten Chirurg“ 38 versagen bei einem Routineeingriff die Nerven, die „intelligenteste, bedeutendste Dichterin“ des Jahrhunderts verbrüht in der Badewanne 39 und ein Vorarbeiter mordet plötzlich - obwohl man ihn „als den gutmütigsten und arbeitsamsten und […] zufriedensten“ gekannt hatte 40 . Weiterhin ereilt die Demontage auch Menschen hohen Standes, wenn Prinzen und Fürsten Selbstmord begehen. 41 Und an berühmten und geographisch exponierten Orten wie dem Großglockner oder der Pferdeschwemme in
33 Ebd., 93.
34 Ebd., 109.
35 Ebd., 126.
36 Vgl. Bachtin: Die groteske Gestalt des Leibes, 199.
37 Vgl. Bernhard: Stimmenimitator, 89.
38 Vgl. Ebd., 128.
39 Vgl. Ebd., 167f.
40 Ebd., 124f.
41 Vgl. Ebd., 131-134.
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Salzburg ereignen sich dramatische Todesfälle, 42 genauso wie in der „bekannte[n] Liechtensteinklamm“ 43 , in die ein Schüler springt. Immer wird das als perfekt Gepriesene, das als makellos und einzigartig Vorgeführte, auf drastische Weise entzaubert. Das Hohe wird nieder, wird profanisiert und degradiert. Auf diesem Wege entstehen groteske Pointen.
2.3 Unverhältnismäßigkeit
Viele Pointen bestehen außerdem darin, dass ein zumeist eher harmloses Ereignis am Ende verheerende Folgen hat. Grotesk wird die Pointe besonders dann, wenn dieses Missverhältnis zwischen Ursache und Wirkung besonders drastisch ausfällt.
So wird ein Schüler in „Naturgeschichte“ von seinem Professor taub geschlagen, nach eigenen Angaben völlig grundlos. 44 Und ein einstmals berühmter Tänzer landet deshalb im Rollstuhl, weil er „während eines Tanzes an die Kompliziertheit einer Schrittkombination“ 45 denkt. Aus einer scheinbaren Nebensächlichkeit, einer kurzen Unsicherheit, folgt eine lebenslange Behinderung. Ebenso unverhältnismäßig endet die Diskussion zweier Professoren: Jahrelang führen sie eine philosophische Auseinadersetzung derart verbittert, dass am Ende nicht nur ihr eigener Ruin steht, sondern auch der eines dritten Gelehrten samt aller Familien. Aus dem simplen Streitgespräch entwickelt sich ein bis zum Exzess geführter Konflikt, aus dem nicht etwa ein Fortschritt der Wissenschaft folgt, sondern allein der Untergang aller Beteiligten: Die Professoren sprengen sich und ihre Familien mit Dynamit in die Luft. 46 Der hier vorgeführte Exzess hat etwas Hypertrophes an sich, 47 er ufert aus und verliert jedes Maß.
Bei einer Messe in Brügge schließlich singt ein Chorknabe einen falschen Ton, wodurch die Königin das Bewusstsein verliert. Der König enthauptet darauf den
42 Vgl. Ebd., 42f. bzw. 48. Vgl. Schmidt-Dengler: Verschleierte Authentizität, 133.
43 Bernhard: Stimmenimitator, 107.
44 Vgl. Bernhard: Stimmenimitator, 106f.
45 Ebd., 76.
46 Vgl. Ebd., 160.
47 Anm. Bachtin nennt dieses groteske Phänomen auf der Körperebene „Hyperbolisierung“, vgl. Bachtin: Die groteske Gestalt des Leibes, 196.
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Knaben und massakriert nach dem Tod seiner Frau alle übrigen Chorknaben samt Organisten. 48 Weiter kann die Kluft zwischen Ursache und Wirkung kaum sein - so unangemessen ist das Verhalten des Königs und so grotesk die Konstellation.
So sind extreme Grausamkeit, Degradierung des Hohen und Unverhältnismäßigkeit die Signaturen der grotesken Pointe im „Stimmenimitator“. Viele Geschichten beinhalten gleich alle drei Kennzeichen, und steigern so ihren grotesken Gehalt. Allerdings steht die Pointe im „Stimmenimitator“ nicht zwangsläufig am Ende der Geschichte. Oftmals erfährt man sie schon zu Beginn und sie wird im weiteren Verlauf nur noch ausgeführt. Dies lässt die Vermutung zu, Bernhard ziele nicht allein auf den grotesken Effekt, sondern mehr auf den Widerspruch an sich.
48 Vgl. Bernhard: Stimmenimitator, 90.
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3. Groteske Natur
3.1 Die Natur als Monster
Es fällt auf, dass auch die natürliche Umwelt im „Stimmenimitator“ einen erheblichen Anteil am Grauen der Geschichten hat. Ihre Wirkung auf den Menschen ist ausschließlich negativ, wie immer wieder deutlich wird. Der Großglockner ist es beispielsweise, der in der Geschichte „Schöne Aussicht“ 49 einem Professor zum Verhängnis wird. Der Mann stürzt „tödlich getroffen zu Boden“ und zwar schlicht beim Anblick des Berges. Dieses Verhältnis von Natur und Mensch ist beispielhaft für Bernhards „Stimmenimitator“: Die Natur präsentiert sich nicht, wie vielleicht üblich, als touristische Sensation, sondern verkehrt ihre Rolle ins Gegenteil und wird zum Antagonist des Menschen. 50 Alle positiven, idealisierenden Naturvorstellungen werden zerstört.
Wenig besser ergeht es anderen Protagonisten. Mal erfriert ein ehemaliger Bauer, 51 mal ist es ein Bibliothekar, dem das Wetter zum Verhängnis wird. Vom Staat an den persischen Golf versetzt hat, findet er dort ein „tödliches Klima“ vor, das ihn systematisch zerstört. 52 Die Bedrohung der Natur wird mitunter noch folgenschwerer: Etwa zweieinhalbtausend Opfer fordert ein Erdbeben in Bukarest, 53 und die Geschichte „Frühzug“ erinnert an eine ganze Schulklasse, die auf dem Weg zu einem Wasserfall einst tödlich verunglückte. 54 Die Natur zeigt ihr gefährliches Gesicht. Eine Reisegesellschaft wird auf einer Pilgerfahrt von einem Erdrutsch verschüttet 55 und ein Trupp Höhlenforscher verschwindet für immer in einer Höhle, samt aller nachfolgenden Suchmannschaften. 56 Nirgendwo wird das Bild von der monströsen Natur deutlicher. Sie verschlingt den Menschen förmlich. Da bildet auch die Tierwelt keine Ausnahme, wie der schon genannte Panther zeigt. Er tötet den Dompteur, ebenso wie auch ein Stier einen Mann
49 Vgl. Bernhard: Stimmenimitator, 42f.
50 Vgl. Schmidt-Dengler: Verschleierte Authentizität, 140.
51 Vgl. Bernhard: Stimmenimitator, 91f.
52 Vgl. Ebd., 144-146.
53 Vgl. Ebd., 142.
54 Vgl. Ebd., 141.
55 Vgl. Ebd., 112. Vgl. Ebd., 23f. 56
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zerfleischt. 57 Und die toten Hunde in Portugal sind in der Geschichte „Fruchtbarkeit“ 58 sogar nützlich: Sie werden dort nicht begraben, sondern stattdessen unter Orangenbäume geworfen. Auf diese Weise sollen die Bäume mindestens den doppelten Ertrag bringen. Während also die lebenden Tiere den Menschen zerstören, gereichen ihm die toten Tiere zum Vorteil. Diese Inversion zeigt noch einmal die Rolle der Natur, die auf groteske Weise ihrem Idealbild widerspricht.
Die Natur macht auch den Menschen selbst zum Täter, etwa wenn einige Engländer auf einem Gipfel über das „von der Natur Gebotene derart enttäuscht“ 59 sind, dass einer von ihnen den Bergführer erschlägt. Und das schwüle Wetter wird als ein Grund genannt, für den Mord eines Familienvaters an seinen Kindern. 60
3.2 Naturzustand als Perversion
Umso grotesker aber ist die Tatsache, dass viele der Untaten im „Stimmenimitator“ schlicht als natürlich, im Sinne des Normalen, bezeichnet werden. Tatsächlich findet sich in etwa einem Drittel der Geschichten das Wort „naturgemäß“ wieder. 61
Naturgemäß verlangen Anwälte hohe Honorare 62 und ebenso naturgemäß scheitert die berühmteste Dichterin Österreichs an ihrer Umwelt. 63 Sogar ein ganzer Staat wird vom Präsidenten „naturgemäß folgerichtig in den absoluten Ruin geführt“ 64 . Und in „Vorurteil“ 65 berichtet der Erzähler vom eigenen Versagen: Auf nächtlicher Fahrt missachten er und seine Familie das Hilfegesuch eines Mannes, weil sie ihn für ein zwielichtiges „Subjekt“ halten. So stirbt „der beste Arbeiter und treueste Mensch“, den der Onkel des Erzählers
57 Vgl. Bernhard: Stimmenimitator, 122f.
58 Vgl. Ebd., 139.
59 Ebd., 51.
60 Vgl. Ebd., 49.
61 Schmidt-Dengler: Verschleierte Authentizität, 140.
62 Vgl. Bernhard: Stimmenimitator, 20.
63 Vgl. Ebd., 168.
64 Ebd., 158f.
65 Vgl. Ebd., 34-36.
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jemals besaß. Der Erzähler vertuscht seine Mitschuld an der Tragödie, wiederum „naturgemäß“.
So wird im „Stimmenimitator“ die Natur nicht länger als idealisierter Lebensraum betrachtet, sondern hat sich ins Gegenteil verkehrt. Sie ist zum Feind des Menschen geworden, zur Anti-Natur. 66 Und geradezu beharrlich wird alles Negative und Schreckliche als natürlich vorgestellt 67 - eine groteske Inversion. Amoral und menschliches Versagen sind nicht mehr nur Ausnahmeerscheinungen sondern Normalität.
66 Vgl. Guoqing Feng: Kreisel für Erwachsene. Zur Kürzestprosa in der Gegenwartsliteratur in Österreich: Thomas Bernhard, Elias Canetti und Erich Fried, Frankfurt am Main 1993,137. Feng meint, der „Stimmenimitator“ stehe in bester Bernhardscher Anti-Natur-Tradition. Vgl. auch: Wendelin Schmidt-Dengler: Elf Thesen zum Werk Thomas Bernhards, in: Ders: Der Übertreibungskünstler. Zu Thomas Bernhard, 3. Auflage 1997, 149. Schmid-Dengler spricht von „Anti-Idylle“.
67 Anm. Eine Ausnahme findet sich z.B. in der Geschichte „Ausgeliefert“, 65f. Eine Gemeinde unterstützt „naturgemäß“ einen Mann beim Versuch seine Frau zu retten.
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4. Entstellung von Mensch und Gesellschaft
Wenn im „Stimmenimitator“ fehlerhaftes Verhalten für natürlich erklärt wird, dann stellt sich die Frage nach dem grotesken Potential des Menschen. Und eine erste Antwort ist schon gegeben worden: Grotesk ist ein Menschenbild, das die Untaten und das Versagen des Menschen als „natürlich“ deklariert - also zum üblichen, normalen Verhalten macht. Dieses Menschenbild zerstört das Ideal vom Menschen als humanem Wesen. Der Mensch ist nicht länger die Krone der Schöpfung, er wird in seiner Rolle fundamental entstellt und degradiert.
4.1 Der Mensch als des Menschen Wolf
Grotesk wird das Verhalten des Menschen dort, wo sein Fehlverhalten besonders drastisch ist, wie in der Geschichte „Lichtbildner“ 68 deutlich wird: Ein Fotograf wird des Kindesmissbrauchs beschuldigt, muss sein Geschäft darauf zumachen und begeht Selbstmord. In Wahrheit ist der Mann völlig unschuldig, denn das Gerücht stammt von einem anderen Fotografen, der sich so einen Vorteil verschaffen wollte. Die heimtückische Verleumdung kostet ein Menschenleben und der Mensch entpuppt sich als des Menschen Wolf. Auch in „Staatsgeschichte“ 69 finden sich skrupellose Menschen, die nur auf ihren eigenen Vorteil aus sind. Der korrupte Staatspräsident wird vom eigenen Vertrauten hinterrücks erschossen, dieser bringt alle möglichen Konkurrenten zur Strecke. Am Ende aber wird auch er von seinem Vertrauten umgebracht. In hypertropher Weise reiht sich Mord an Mord, des reinen Machthungers wegendas „Urbild der Staatsgeschichte“ 70 . Auch in der „Weißnäherin“ 71 offenbart sich eklatantes menschliches Fehlverhalten: Ein Transportunternehmer erschlägt einen Wahrsager, weil der ihm fälschlicherweise den Tod der Ehefrau prophezeit hatte. Der Täter mordet also allein aus einem Grund: Er ist wütend, dass seine Frau, entgegen der Ankündigung, nicht stirbt. So wird der Wahrsager „erschlagen“ und „eingemauert“ - aus den niedersten Beweggründen heraus. In den genannten Geschichten sucht man Humanität vergebens. Der edle Mensch hat sich ins Gegenteil verkehrt: Auf seine niedersten Wesenszüge
68 Vgl. Bernhard: Stimmenimitator, 69.
69 Vgl. Bernhard: Stimmenimitator, 158f.
70 Ebd., 159.
71 Vgl. Ebd., 94f.
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reduziert, ist er zum Unmensch geworden, ist nur noch nur noch ein groteskes Zerrbild seiner selbst.
4.2 Mangelnde Krisenbewältigung
Gewiss ist das Grauen im „Stimmenimitator“ schon an sich grotesk genug. Dennoch ist der groteske Gehalt dort erheblich größer, wo es um den Umgang des Menschen mit dem Grauen geht. 72
Der Vater des Schülers, der in „Naturgeschichte“ 73 von seinem Professor taub geschlagen wird, wollte aus seinem Sohn eigentlich einen „berühmten Architekten“ machen und rechnet nach der Untat nur den entstandenen Schaden der Tat aus. Ein „behördlich beeidete[r] Schätzmeister“ erstellt ein Gutachten und beziffert den Schaden auf „zweiunddreißig Millionen Schilling“. So wird der Wert des Sohnes nur am Gelde gemessen, seinem Leid mit bürokratischer Pedanterie begegnet. Und der Friseur, der den Adeligen enthauptet hat, wird seinen Kopf der Wissenschaft überlassen, und so womöglich einen Nobelpreis einbringen. 74 So könnte aus einem Mord die höchste Auszeichnung erwachseneine Inversion par excellence.
Der Bibliothekar in „Staatsdienst“ 75 wird zwar vom Wetter zerstört, Schuld aber hat die Regierung: Der Bibliothekar wurde an den persischen Golf versetzt, weil er einen Aufsatz gegen die deutsche Rechtsordnung veröffentlicht hatte. So verfährt der Staat mit Kritikern. Er schafft sie fort. Und fortgeschafft wird auch ein Mann, der behauptet, Goethe habe „mehr nicht! und nicht mehr Licht!“ 76 gesagt. Er kommt ins Irrenhaus und der verantwortliche Arzt erhält für die Einweisung die Goetheplakette.
Nachdem die Höhlenforscher in der Höhle verschwunden sind und auch die Rettungstrupps darin verschwunden sind, weiß das zuständige Amt keinen Rat mehr und lässt die Höhle zumauern. 77 Das Problem wird nicht gelöst - sondern weggeschlossen. Man wendet sich von dem Grauen ab und tabuisiert es. So wird
72 Vgl. Ebyl: Thomas Bernhards „Stimmenimitator“, 32. Ebyl bezieht sich auf eine Aussage von Huntemann.
73 Vgl. Bernhard: Stimmenimitator, 106f.
74 Vgl. Bernhard: Stimmenimitator, 53.
75 Vgl. Ebd., 144-46.
76 Ebd., 58.
77 Vgl. Ebd., 23f.
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auch eine Magd schreiend zurückgelassen, deren Kühe von einem Zug getötet wurden. Die Gleise werden freigemacht, der Zug fährt weiter und man kehrt dem entstandenen Desaster einfach den Rücken. 78 Das Schicksal der Magd spielt offensichtlich keine Rolle.
Und so schlimm das Erdbeben in „Entscheidung“ 79 mit den tausenden Toten auch sein mag - wirklich grotesk daran ist der Umgang der Behörden, denn ein Beamter verzichtet aus „Kostengründen auf die Rettung von ungefähr fünfhundert verschütteten Gästen“ eines zerstörten Hotels. Und es wird noch grotesker: Der Beamte hat eine Beförderung zu erwarten. So zieht sich das Motiv der mangelnden Krisenbewältigung wie ein roter Faden durch den „Stimmenimitator“. Die Menschen schieben Probleme beiseite, mauern sie zu oder kehren ihnen den Rücken. Der Umgang mit den Problemen ist auf groteske Weise unangemessen.
4.3 Gescheiterte Individuen
Eine derart versagende Gesellschaft produziert zwangsläufig weitere Tragödien. Wenn Bernhard über die Stadt Salzburg sagt, sie habe „alle, deren Verstand sie nicht mehr verstehen konnte, ausgestoßen“ 80 , so wird dieser Vorwurf im „Stimmenimitator“ zur allgemeinen Anklage. Immer wieder scheitern Künstler, Einzelgänger und Individuen an der Gesellschaft, in der sie leben. Allzu oft nimmt dieses Scheitern groteske Züge an.
Im „Auszügler“ 81 stirbt ein Mann - einst mir dem eisernen Kreuz erster Klasse ausgezeichnet - in der Einsamkeit. Monatelang von seinen Verwandten allein gelassen, geht ihm das Holz zum Heizen aus. Schließlich wirft er sein Holzbein ins Feuer, erfriert am Ende dennoch. Seine Auszeichnung steht im krassen Widerspruch zur Ignoranz seiner Umwelt, die den Tod verschuldet. So ist der Mann gezwungen, quasi seinen eigenen Leib zu verfeuern - eine groteske Parallele zu Christian Andersens Märchen vom „Mädchen mit den Schwefelhölzchen“.
78 Vgl., 93.
79 Vgl. Ebd., 143f.
80 Thomas Bernhard: Die Ursache. Einer Andeutung, Salzburg 1975, 62.
81 Bernhard: Stimmenimitator, 91f.
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Genies werden missachtet, wie der Holzknecht, der in „Natürlich“ 82 eines Abends tatsächlich „die Welt erklärt“ aber von seiner Umwelt verkannt wird und sogar noch am Grabe auf groteske Weise oberflächlich und klischeehaft eingeschätzt wird.
Und ein eigenwilliger Autor dreht durch und jagt jedem Zuschauer, der an der falschen Stelle lacht, „einen tödlichen Schuß in den Kopf“ 83 . Am Ende sind alle Zuschauer tot. So reagiert der Autor in grotesker Manier auf die Tatsache, dass alle Zuschauer sein Stück offensichtlich falsch verstanden haben. Immer wieder wird im „Stimmenimitator“ ein Menschen- und Gesellschaftsbild propagiert, dass jede Humanität verloren hat. Der Mensch tut seinesgleichen kaum zu steigernde Grausamkeiten an, ist unfähig Problemen angemessen zu begegnen und schiebt Andersartige beiseite - eine vernichtende Kritik an Mensch und Gesellschaft. Hier wird die eigentliche Funktion des Grotesken im „Stimmenimitator“ deutlich: Es zeigt die Entstellung der Wirklichkeit auf. 84 Mit grotesker Überzeichnung wird hier auf die außerliterarische Realität verwiesen 85 - ein Realität, die allen Idealen auf fürchterliche Weise zuwider läuft. 86 Nur ein einziges Mal wird diese Entstellung im „Stimmenimitator“ reflektiertin der Geschichte „Widerspruch“ 87 . Dort treffen sich ein Exkönig und ein Kommunistenführer, 88 schmeicheln einander fortwährend und loben das politische Konzept des anderen. Monarchie und Kommunismus - üblicherweise die antagonistischen politischen Systeme schlechthin - werden auf groteske Weise vermischt, ihre Unterschiede nivelliert. Die Reaktion auf dieses Gebaren kommt von der Straße: Ein Schrei der aufgebrachten Massen, der als „ein pervers-politischer Widerspruch“ bezeichnet wird - zweifelsohne ein grotesker Widerspruch.
82 Vgl. Ebd., 103f.
83 Ebd., 119f.
84 Vgl. Heidsieck: Das Groteske und das Absurde im modernen Drama, 17.
85 Vgl. Ebyl: Thomas Bernhards „Stimmenimitator“, 39.
86 Vgl. Petrasch: Die Konstitution von Wirklichkeit, 330.
87 Vgl. Bernhard: Stimmenimitator, 138.
88 Anm. Es handelt sich hierbei um zwei historische Persönlichkeiten.
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5. Das Groteske in der Sprache
5.1 Sprache des Grauens
Auch die Sprache steigert den grotesken Gehalt im „Stimmenimitator“. An vielen bereits genannten Beispielen wird deutlich, dass die Menschen und Tiere nicht einfach „nur“ sterben. Das verwendete Wortmaterial ist in verschiedener Hinsicht unangemessen und degradiert die Opfer. Wird von diesem gesagt, es sei „vollkommen zerfleischt“ 89 oder „völlig zerstückelt“ 90 worden, so ist diese Sprache auf groteske Weise pietätlos. Sie widerspricht der verhüllenden Sprache, die das Sprechen über den Tod üblicherweise verlangt. Worte wie „zerfleischen“, „zerstückeln“ oder „aufplatzen“ 91 weisen ferner en detail auf den extrem zerstörten, offenen Körper hin - auch das ist ein Tabubruch gegen Leibeskanon und Redekultur 92 .
Oft findet eine Degradierung des Menschen durch die Sprache statt, indem die gewählten Worte die Art des Todes in unübliche Sinnbereiche verschieben. Wird etwa von einem Menschen gesagt, er sei vermodert, 93 so wirkt dies deshalb grotesk, weil Menschen nicht vermodern sondern verwesen. Da üblicherweise nur Pflanzen vermodern, wird der Mensch auf die pflanzliche, rein organische Ebene reduziert. Und das Wort „zerschmettern“ 94 beschreibt eigentlich das Zerbrechen eines harten Gegenstandes. Hier wird der Mensch sogar auf die unbelebte, gegenständliche Ebene degradiert. Auch wie die Leichen der tödlich verunglückten Reisegruppe 95 beschrieben werden, kommt einer pietätlosen, grotesken Sinnverschiebung gleich: Über sie heißt es, sie seien „noch gut erhalten“ gewesen. Solche Worte würde man eigentlich von einem Archäologen erwarten, der sich freut, einen guten Fund gemacht zu haben.
89 Bernhard: Stimmenimitator, 89.
90 Ebd., 93.
91 Ebd., 21.
92 Vgl. Bachtin: Die groteske Gestalt des Leibes, 199.
93 Bernhard: Stimmenimitator, 126.
94 Ebd., 109.
95 Vgl. Ebd., 112.
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5.2 Bürokratie und nichtige Details
Das zuletzt genannte Beispiel zeigt auch, dass über viele Tode in einem betont kühlen, mitliedlosen Erzählduktus berichtet wird. Die Bemerkung vom Erhaltungszustand der Leichen offenbart einen völlig distanzierten Erzählstil. 96 Von einer Trauer über die zahlreichen Toten ist keine Spur. Eine solche Distanz entsteht auch dort, wo schreckliche Ereignisse mit unnötigen Zusatzinformationen angereichert werden. Während solche Informationen bei Kleist noch als bürokratischer „Protokollstil“ zur Steigerung der Glaubwürdigkeit dienen, 97 kann man beim „Stimmenimitator“ eine solche Strategie nicht erkennen. Staengle bezeichnet dies als Persiflage von journalistischen Argumentations- und Beglaubigungstechniken. 98 Doch damit ist das Phänomen nicht ausreichend erklärt, wie hier gezeigt werden soll. In der Geschichte „Angst“ 99 liest man nicht nur vom Mord eines Tirolers an einem Schulkind, sondern erfährt zusätzlich allerlei Details. Über den Täter heißt es:
„der Schriftsetzer, der tatsächlich aus Schwaz gebürtig gewesen ist und dessen Vater als Innungsmeister der Tiroler Fleischhauer in Tirol zu höchstem Ansehen gekommen war“ 100
Und über den Wahrsager, der erschlagen und eingemauert wurde, liest man: „Der berühmte Gerichtsmediziner Breitenegger aus Wien hatte den Zeitpunkt des eingetretenen Todes Grubers nach immerhin acht Wochen noch auf die Minute feststellen können.“ 101
Beide Beispiele zeigen, was im „Stimmenimitator“ fast immer der Fall ist: Mit dokumentarischer Nüchternheit werden Details aneinandergereiht, die die Geschichten unnötig aufblähen und so die eigentliche Tragödie in den
96 Anm. In diesem Fall stammt die Formulierung allerdings von einer Zeitung, wie es heißt.
97 Vgl. Feng: Kreisel für Erwachsene, 173.
98 Vgl. Peter Staengle: „Das könne er nicht.“, Zu Thomas Bernhards Der Stimmenimitator, in: Elmar Locher (Hrsg.): Die kleinen Formen der Moderne, Insbruck, Wien, München 2001, 296.
99 Vgl. Bernhard: Stimmenimitator, 112.
100 Ebd.
101 Ebd., 94f.
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Hintergrund treten lassen. So entsteht eine bürokratische Distanz, die dem Grauen in keiner Weise angemessen ist. Die mitgelieferten Zusatzinformationen sind überdies geradezu „pedantisch nichtssagend“ 102 , sie stehen ob ihrer Nichtigkeit, im grotesken Widerspruch zum Grauen der einzelnen Tat.
5.3 Der „unendliche“ Satz
Weiterhin werden die schrecklichen Mordtaten verharmlost, weil sie oft in überlangen Sätzen untergehen. Zwei Beispiele sollen dies verdeutlichen. Zunächst sei hier das schon genannte Massaker eines Königs an den Chorknaben angeführt. Die Tat wird wie folgt beschrieben:
„Der König soll ein Gelübde abgegeben haben, daß er, wenn die Königin nicht mehr zu sich komme, nicht nur diesen einen schuldigen Brügger Chorknaben, sondern auch alle übrigen Brügger Chorknaben und den Organisten der Kathedrale enthaupten lassen wird, was er auch getan hat, nachdem die Königin aus ihrer Ohnmacht nicht mehr aufgewacht und gestorben ist.“ 103
Und in der Geschichte „Nebenverdienst“ heißt es:
„Der Mann, Vorarbeiter in einer in Vorchdorf ansässig gewordenen Zinkgießerei, welcher jeden Tag um sechs Uhr früh aus dem Haus gegangen ist, um nach Vorchdorf zur Arbeit zu fahren und um sechs Uhr am Abend wieder von um Vorchdorf zurückgekommen ist, um den Abend mit seiner Frau und seinen zwei Kindern zu verbringen und von welchem auch die Feuerwehr, der er naturgemäß seit seinem zehnten Lebensjahr angehört hatte, immer nur in höchstem Lobe gesprochen hat, genauso wie der Pfarrer, der ihn sehr oft zu natürlich kostenlosen Reparaturen in der Kirche heranziehen hatte können, hat vor ein paar Tagen eine sogenannte Magnetiseurin, die in der Nähe von Vorchdorf ansässig und weitum bekannt und beliebt ist, umgebracht, weil sie ihn beim Einbruch in jenes Zimmer ihres an der Hauptstraße gelegenen Hauses überrascht hatte, in welchem der Mann die Gelder vermutete, die von der Magnetiseurin und also Heilpraktikerin im Laufe der Zeit von ihrer Klientel eingenommen und gehortet wurden.“ 104
102 Staengle: „Das könne er nicht“, 296.
103 Bernhard: Stimmenimitator, 90.
104 Bernhard: Stimmenimitator, 124f.
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Die Stellen, an denen von den Mordtaten die Rede ist, wurden hier hervorgehoben, um das groteske Missverhältnis erkennbar zumachen: In den überlangen Sätzen verlieren sich die Gräueltaten. Sie werden in kleine Nebensätze verwiesen, verschwinden in einem Wust von „sprachlichem Unrat“. So werden sie zu Nebensächlichkeiten degradiert. Außerdem sind derartige „Polypensätze“ 105 oftmals extrem umständlich aufgebaut, wie auch die Geschichte „Piccadillycircus“ 106 zeigt. In endlos langen Sätzen wird ausführlich und umständlich von einem Touristen berichtet, der von der Londoner U-Bahn begeistert ist. Mal wird im Imperfekt, Plusquamperfekt oder Perfekt erzählt, dann wieder in indirekter Rede. So entsteht eine überkomplizierte, langatmige Prosa, die dem dann geschilderten Massentod nicht gerecht wird: In der U-Bahn gehen die Türen auf und heraus fallen die Fahrgäste - „vollkommen steif und tot“.
Die Sprache im „Stimmenimitator“ geht ihre eigenen, verschnörkelten Wege und erinnert dabei an jene Ornamente, die den Begriff „grotesk“ begründeten. Schmid-Dengler bemerkt über diese Sprache: „Die Realia scheinen in der Künstlichkeit der Sprache zu verschwinden und damit ihre Relevanz zu verlieren.“ 107 Eine Antwort auf das „Warum“ einer solchen Sprache bleibt Schmid-Dengler allerdings schuldig. 108 Was aber zeichnet die Realia im „Stimmenimitator“ aus? Sie werden vom blanken Grausen bestimmt. Und wenn die künstliche, verworrene Sprache das Grauen fast verschwinden lässt, so marginalisiert sie es. Dieses Prinzip hat im „Stimmenimitator“ Methode und schafft in den Geschichten ein groteskes Missverhältnis zwischen Sprache und Inhalt.
105 Zit. nach Schmidt-Dengler: Verschleierte Authentizität, 141.
106 Vgl. Bernhard, Stimmenimitator, 83f.
107 Schmidt-Dengler: Verschleierte Authentizität, 128.
108 Vgl. Ebd., 141f. Für Schmidt-Dengler erklärt dies mit der Mimesis der Zeitungssprache.
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Zusammenfassung
Die hier angestellten Untersuchungen haben zu zeigen versucht, dass der „Stimmenimitator“ in verschiedener Hinsicht grotesk ist. Die Pointen sind grotesk, weil sie so grausam sind, alle Superlative zerstören und völlig unverhältnismäßig enden. Die Natur zeigt nur noch ihr monströses Gesicht, die Unnatur ist Normalität. Die Menschen zerstören einander, in einer Gesellschaft, die jede Menschlichkeit verloren hat. Und die Sprache verharmlost das Grauen und degradiert die Opfer zusätzlich.
Evident aber ist vor allem der Bezug zur Realität geworden. Die Kritik ist total, macht von keiner Türe halt und fokussiert das Grauen unerbittlich. Bernhard zeigt die Entstellung der Realität auf 109 - eine zumeist vom Menschen selbst verübte Entstellung 110 . Auf diese Realität antwortet er mit grotesker Überzeichnung. 111 Das ist die Funktion des Grotesken im „Stimmenimitator“. 112 Angesichts dieser totalen Demontage erklärt sich der Selbstmord des Richters in „Exempel“ 113 , der dem „menschlichen Elend und seiner Absurdität“ nicht länger standhält. Doch stimmt es, was die Dichterin behauptet, wenn sie über die Menschen meint, sie seien eine „stumpfsinnige, geistlose, rücksichtslose Masse, mit welcher tatsächlich nur zu brechen ist.“ 114 ?
Nur selten gibt es Anlass zur Hoffnung, 115 und so mutet der „Stimmenimitator“ reichlich nihilistisch an. Wenn Jansen aber über das Groteske meint, es sei die schärfste Ausprägung von Gesellschaftskritik, 116 so kann man von Nihilismus nicht sprechen. Denn wer kritisiert, der hat den Glauben an eine Besserung der Verhältnisse nicht verloren. Dies bestätigt sich auch in einer Aussage Bernhards,
109 Vgl. Oliver Georgi: Das Groteske in Literatur und Werbung, Stuttgart 2003. 151. Georgi spricht von dem Grotesken als „Ausdrucksmittel einer Ambivalenz der Welt“.
110 Vgl. Heidsieck: Das Groteske, 16f.
111 Ingrid Petrasch: Die Konstitution von Wirklichkeit, 329f. Petrasch bezeichnet dies als „zentrales Konstitutionsprinzip in der Prosa Thomas“. Allerdings ist der „Stimmenimitator“ bei ihrer Untersuchung nicht berücksichtigt worden.
112 Anm. Hier zeigt sich, wie aktuell die Untersuchungen von Heidsieck sind.
113 Vgl. Bernhard: Stimmenimitator, 29.
114 Bernhard: Stimmenimitator, 167f.
115 Vgl. etwa die Geschichte „Im Frauengraben“, 86f.
116 Jansen: Das Groteske, 76f.
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wenn er sagt: „Schauspieler kriegen Blinddarmentzündungen und sterben. Buchstaben sterben nicht. 117
Quellen- und Literaturverzeichnis
Quellen
Bernhard, Thomas: Der Stimmenimitator, Frankfurt am Main 1978.
Bernhard, Thomas: Die Ursache. Eine Andeutung, Salzburg 1975.
Literatur
Bachtin, Michail M.: Die groteske Gestalt des Leibes, in: Otto F. Best (Hrsg.): Das Groteske in der Dichtung, Darmstadt 1980, 195-202.
Ebyl, Franz M.: Thomas Bernhards „Stimmenimitator“ als Resonanz eigener und fremder Rede, in: Wolfram Beyer unter Mitarbeit von Claude Porcell (Hrsg.): Kontinent Bernhard. Zur Thomas-Bernhard-Rezeption in Europa, Wien, Köln, Weimar 1995.
Feng, Guoqing: Kreisel für Erwachsene. Zur Kürzestprosa in der Gegenwartsliteratur in Österreich: Thomas Bernhard, Elias Canetti und Erich Fried, Frankfurt am Main 1993.
Fuß, Peter: Das Groteske. Ein Medium des kulturellen Wandels, Köln, Weimar, Wien 2001.
Georgi, Oliver: Das Groteske in Literatur und Werbung, Stuttgart 2003.
Heidsieck, Arnold: Das Groteske und das Absurde im modernen Drama, Stuttgart u. a. 1971.
Hofmann, Kurt: Aus Gesprächen mit Thomas Bernhard, Salzburg 1988.
Jansen, Wolfgang: Das Groteske in der deutschen Literatur der Spätaufklärung, Hamburg 1979.
Kayser, Wolfgang: Das Groteske. Seine Gestaltung in Malerei und Dichtung, Oldenburg ²1961.
117 Kurt Hofmann: Aus Gesprächen mit Thomas Bernhard, Salzburg 1988, 78.
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Petrasch, Ingrid: Die Konstitution von Wirklichkeit in der Prosa Thomas Bernhards. Sinnbildlichkeit und groteske Überzeichnung, Frankfurt am Main 1987.
Pietzcker, Carl: Das Groteske, in: Otto F. Best (Hrsg.): Das Groteske in der Dichtung, Darmstadt 1980, S. 85-102. (1971)
Schmidt-Dengler, Wendelin: Elf Thesen zum Werk Thomas Bernhards, in: Ders: Der Übertreibungskünstler. Zu Thomas Bernhard, Wien ³1997.
Ders.: Vgl. Schmidt-Dengler: Ders.: Verschleierte Authentizität. Über Thomas Bernhards Der Stimmenimitator, in: Kurt Bartsch u. a. (Hrsg.): Thomas Bernhard, Königstein 1983.
Staengle, Peter: „Das könne er nicht.“, Zu Thomas Bernhards Der Stimmenimitator,
in: Elmar Locher (Hrsg.): Die kleinen Formen der Moderne, Insbruck, Wien, München 2001.
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