Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis....................................................................................................................... 2
Einleitung 3
1. Bedeutende Figuren. 6
1.1 Ein Rückblick: Pibislav Hippe. 6
1.2 Aktuell: Madame Chauchat. 7
2. Psychoanalytisch: Betrachtung beider Figuren 9
3. Autobiographisches: Frühe homoerotische Erfahrungen. 10
3.1 Armin Martens 10
3.2 Williram Timpe 11
3.3 Literarisch verflochten: Schwerpunkt „Hippe“ 12
4. „Walpurgisnacht“ - die Erfüllung sublimierten Begehrens? 13
4.1 Thematik bei Goethes Faust I. 13
4.2 „Der Zauberberg“ - intern: Hans Castorp 14
4.3 „Extern“: Thomas Mann 15
5. Schlussbetrachtung. 17
Literatur. 19
2
Einleitung
Die tiefenpsychologische Betrachtungsweise der Werke Thomas Manns ist nicht neu, doch hinsichtlich des Romans Der Zauberbergs noch nicht ausgefeilt genug. Schon Dierks spricht in seiner Abhandlung Thomas Mann und die Tiefenpsychologie vom sogenannten
„Psychoanalyse-Kapitel im Zauberberg“ 2 und erwähnt in diesem Zusammenhang auch Sigmund Freud, es wird jedoch nicht explizit gesagt, welches Kapitel damit nun konkret gemeint ist. Dierks stellt heraus, daß die „erste Begegnung Thomas Manns mit der Psychoanalyse […] recht intensiv gewesen“ und „jedenfalls werkbiographisch - erhebliche
Folgen gehabt“ 3 haben muss. Seit 1911 war ihm das Konzept der Wiederkehr des Verdrängten von Freud vertraut und im Tod in Venedig fand sich Manns erste Behandlung dieses erotischen Motivs: „Ich hätte ohne Freud niemals daran gedacht, dieses erotische Motiv
zu behandeln […]“. 4 Thomas Mann muss durch Freuds Schriften auch ein gewisses Maß an Mut und Selbstsicherheit gewonnen haben, seine homophilen Neigungen endlich auch der Öffentlichkeit preiszugeben und damit für sich endgültig zu verarbeiten. Schließlich hatte sich Freud in seiner Beurteilung der Homosexualität - von ihm „Inversion“ genannt - im Gegensatz zu zahlreichen Psychiatern und Gerichtsmedizinern im deutschsprachigen Raum
zurückhaltend und vergleichsweise objektiv geäußert. 5
Betrachtet man das zu Anfang gewählte Zitat Thomas Manns und den Stellenwert des Romans, der sich dahinter verbirgt, so liegt die Vermutung nahe, dass Freud Thomas Manns
1 Vgl. Hinweis auf Tagebucheintrag von Thomas Mann am 12. März 1920 in: Kurzke, Hermann: Thomas Mann - Das Leben als Kunstwerk, 331
2 Vgl. Dierks, Manfred: Thomas Mann und die Tiefenpsychologie. In: Koopmann, Helmut (Hrsg.): Thomas-Mann-Handbuch, 284
3 ebd.
4 ebd., Zitat von Thomas Mann aus einem Interview mit La Stampa, 1925
5 Vgl. hier u.a. Auszug aus Freud, Sigmund: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, 3. Auflage, Leipzig/Wien:
Deuticke 1915, 76: „[…] Die psychoanalytische Forschung widersetzt sich mit aller Entschiedenheit dem Versuche, die Homosexuellen als eine besonders geartete Gruppe von den anderen Menschen abzutrennen. Indem sie auch andere als die manifest kundgegebenen Sexualerregungen studiert, erfährt sie, daß alle Menschen der gleichgeschlechtlichen Objektwahl fähig sind und dieselbe auch im Unbewußten vollzogen haben. ... . Im Sinne der Psychoanalyse ist also auch das ausschließliche sexuelle Interesse des Mannes für das Weib ein der Aufklärung bedürftiges Problem und keine Selbstverständlichkeit […]“
3
künstlerisches Tun insoweit beeinflusst hat, dass er im Zauberberg wiederholt psychoanalytisch arbeitet und auch hier - mehr denn je - ein erotisches Moment „behandelt“ - um welches es sich genau handelt, soll im Verlauf der Arbeit anhand des Kapitels Walpurgisnacht geklärt werden.
In der Vielzahl von Interpretationen zum Roman Der Zauberberg stößt man zwangsläufig mindestens einmal auf das Kapitel Walpurgisnacht, das aber meist nur sehr geheimnisvoll umschrieben wird. So wird dieses Stück im Roman als die „entscheidende Episode“ deklariert, es ist weiterhin von der „Lehre der Walpurgisnacht“ die Rede. An keiner Stelle wird jedoch explizit erklärt, worin eben diese Lehre besteht, was genau dieses Kapitel zu dem doch so Entscheidenden macht. An diesem Punkt herrscht Klärungsbedarf, es muss hinreichend erläutert werden, welche Funktion das Kapitel innerhalb des Romans Der Zauberberg übernimmt. Es ist nicht zu übersehen, dass das Kapitel Walpurgisnacht in Thomas Manns Roman auf dem ersten Blick Parallelen zum gleichnamigen Kapitel Walpurgisnacht in Goethes Faust I aufweist. Thomas Mann bedient sich hierbei seines vielfach verwendeten stilistischen Mittels der Zitiertechnik und übernimmt hier nun ein gesamtes Kapitel, wobei keine strukturelle Analogie zum Faust zu erkennen ist, sondern lediglich ein thematischer Bezug. Betrachtet man nun den Stellenwert des Kapitels Walpurgisnacht in Goethes Faust I, so ist festzuhalten, dass dieses Kapitel keine gravierende Bedeutung für den Gesamtverlauf des Romans an sich trägt. Anders hingegen bei Mann: hier soll bewiesen werden, dass das Kapitel sogar einen Höhepunkt für den Gesamtroman und eine der wohl zentralsten Funktionen innerhalb des Romans darstellt. Hinsichtlich der Funktionen des Kapitels lassen sich folgende Hypothesen aufstellen. Betrachtet man den Roman im Sinne eines Bildungsromans, so besteht eine Funktion darin, dass der Hauptakteur Hans Castorp einen ihn in seiner psychischen und sexuellen Identität wesentlich beeinflussenden Prozess durchlebt. Betrachtet man weiterhin die autobiographische Komponente, so könnte die Funktion des Kapitels darin bestehen, eine Art Maske für Thomas Manns eigentliche homosexuelle Orientierung darzustellen. Reichhaltigen Materialien und Dokumenten zufolge fand sich Thomas Mann oftmals zum gleichen
Geschlecht hingezogen 6 und musste, wie im Einzelnen noch aufgezeigt wird, aus gesellschaftlichen Gründen seine Bedürfnissen in den Hintergrund stellen. Karl Werner Böhm wies bereits nach, wie tiefgreifend Manns Homosexualität Struktur, Handlung und Stimmung seines Werkes beeinflusst und richtete den Fokus hier auf die homosexuellen Elemente der
6 Vgl. Mayer, Hans: Thomas Mann. Frankfurt a. M. 1980, 477: „Daß sich seine tieferen erotischen Neigungen stets auf das männliche Geschlecht gerichtet haben, ist heute wohl unbestritten. Selbst ohne die Tagebücher war es an den Erzählwerken abzulesen“
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Castorp/Chauchat - Konstellation und ihrer vielfachen Verschleierung. 7 Das Ziel seiner Arbeit bestand darin, etwas über jene Masken und Taktiken in Erfahrung zu bringen, mit denen Thomas Mann seine Homosexualität zu verbergen verstand. Die letzte Hypothese befasst sich „einfach“ mit dem Punkt höchster Leidenschaft und Erotik, die Hans Castorp in der Karnevalsszene erfährt. Allen Hypothesen ist der Prozess der Sexualisierung gemeinsam und keine Hypothese schließt die andere aus. Der Punkt der Sexualisierung darf auch nicht ausgeklammert werden, da der gesamte Roman ganz im Zeichen der Verschmelzung von sinnlicher Anziehungskraft und Faszination durch Zerfall und Tod steht. Nicht ohne Grund findet, ob nur verschleiert dargestellt oder nicht, die Vereinigung mit gerade eben der Person statt, die diese Elemente am stärksten verkörpert und die in der vorliegenden Arbeit genauer analysiert werden muss: Madame Chauchat. In dieser Arbeit soll in diesem Hinblick noch geklärt werden, ob das erotische Erlebnis Hans Castorps mit Pibislav Hippe als Vorbereitung mit der eigentlichen Begegnung Madame Chauchats zu verstehen ist - als „Auftakt zu Größerem“ - oder ob Chauchat letztlich „nur“ dazu dient, die bei Hippe unterdrückten Triebe ausleben zu können. In diesem Zusammenhang muss auch noch einmal Hippe zum einen als Charakter und zum anderen in Beziehung zu Castorp reflektiert werden. Rückblickend auf die eingangs erwähnte tiefenpsychologische Betrachtungsweise werden autobiographische Elemente des Autors in dieser Arbeit stark mit einbezogen, mit dem Ziel, der Walpurgisnacht eine weitaus übergeordnetere Funktion zuzuschreiben: der Versuch einer Selbsttherapie Thomas Manns, sublimierte Bedürfnisse und Emotionen aus der Kindheit endgültig zu verarbeiten.
7 Vgl. Böhm, Karl Werner: Die homosexuellen Elemente in Thomas Manns „Der Zauberberg“ in: Kurzke, Hermann (Hrsg.): Stationen der Thomas-Mann-Forschung, S. 107
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1. Bedeutende Figuren
Im Wesentlichen bezieht sich die Handlung in der Walpurgisnacht auf die beiden Akteure Madame Chauchat und Hans Castorp. Für die Darbietung einer tiefenpsychologischen Betrachtung und um wichtige Parallelen und Abweichungen aufzuzeigen, müssen zunächst zwei Charakterisierungen erfolgen: Pibislav Hippe im Rückblick (außerhalb des eigentlich zu behandelnden Kapitels) und Madame Chauchat.
1.1 Ein Rückblick: Pibislav Hippe
Die Begegnung Hans Castorps mit Pibislav Hippe findet im Roman im vierten Kapitel statt, als sich Castorp für die folgende Zeichenstunde auf dem Schulhof eines Katharineums einen Bleistift von Hippe, dem Sohn eines Gymnasialprofessors, mit blaugrauen Kirgisenaugen und hochsitzenden Backenknochen, leihen will - natürlich ein Vorwand, sich dem Angebeteten endlich zu nähern:
[…] und mit einem freudigen Aufschwunge seines Wesens beschloß er, die Gelegenheit - eine Gelegenheit nannte er es - zu benutzen und Pibislav um einen Bleistift zu bitten. 8 […]
Und endlich steigert sich die Euphorie Castorps beinah ins Unermessliche in Gedanken daran, Hippe erneut zwecks Rückgabe aufzusuchen:
Aber vergnügter war Hans Castorp in seinem Leben nie gewesen als in dieser Zeichenstunde, da er mit Pibislav Hippe´s Bleistift zeichnete, - mit der Aussicht obendrein, ihn nachher seinem Besitzer wieder einzuhändigen, was als reine Dreingabe zwanglos und selbstverständlich aus dem Vorhergehenden folgte. 9
Nun folgt die „berühmte“ Bleistiftleihe, die auch im weiteren Verlauf eine bedeutende Rolle spielt - was später noch näher erläutert wird:
„Entschuldige, kannst du mir einen Bleistift leihen?“ Und Pibislav sah ihn mit seinen Kirgisenaugen über den vorstehenden Backenknochen und sprach zu ihm mit seiner angenehm heiseren Stimme, ohne Verwunderung oder doch ohne Verwunderung an den Tag zu legen. „Gern“, sagte er. „Du musst ihn mir nach der Stunde aber bestimmt zurückgeben.“ Und zog sein Crayon aus der Tasche, ein versilbertes Crayon mit einem Ring, den man aufwärts schieben musste, damit der rot gefärbte Stift aus der Metallhülse wachse. Er erläuterte den einfachen Mechanismus, während ihre beiden Köpfe sich darüberneigten. 10
Die zitierten Textstellen geben - mal mehr, mal weniger direkt - den Sexualakt zwischen Castorp und Hippe wieder und sowohl die Ausleihe, als auch die Rückgabe des „Crayon“ dienen hier somit als poetische Maskierungen. Und wenn auch nicht in direktem Zusammenhang gebraucht, so ist dennoch vom „intimen Verkehr“ die Rede:
8 Vgl. Mann, Thomas: Der Zauberberg, 171
9 ebd., 172
10 ebd., 171
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Arbeit zitieren:
Christina Wiesenrode, 2007, Die Funktion des Kapitels „Walpurgisnacht“ in Thomas Manns „Der Zauberberg“, München, GRIN Verlag GmbH
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Eichendorff, Joseph - Lockung - Gedichtsanalyse
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