Inhaltsangabe
0. Vorbemerkung 3
0.1. Die Sprache der Sinti 3
0.2. Orthographische Festlegungen 4
0.3. Glossierungsregeln mit Abkürzungsverzeichnis 6
1. Theorien zum Code Switching 7
1.1. Das Äquivalenzmodell 8
1.2. Das generative Phrasenstrukturmodell 8
1.3. Das Rahmen-Prozessmodell 9
1.4. Das Dependenzmodell 10
1.5. Das Konzept der Auflösefunktion 10
1.6. Die Morphemhypothese 11
2. Darstellung und Analyse der Untersuchungsergebnisse 12
2.1. Hybridität im Lexikon 13
2.2. Hybridität in der Syntax 14
3. Schlussfolgerungen 17
3.1. Wann wechselten die Untersuchungsprobanden? 17
3.2. Diskussion der Anwendbarkeit der Theorien zum Code Switching 19
4. Bibliographische Angaben 21
2
0. Vorbemerkung
Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist das Romnes, die Sprache der deutschen Zigeuner. Nachdem in den einleitenden Vorbemerkungen einige Worte zum Untersuchungsgegenstand, dem Romnes, zu orthographischen Festsetzungen und Glossierungsregeln, die in dieser Arbeit Anwendung finden werden, gesagt werden, befasst sich diese Arbeit vornehmlich und insbesondere mit den Phänomenen des Code Switchings.
Zuerst werden Definitionen der verschiedenen Code Switching-Typen dargestellt und diese anschließend auf ihre Anwendbarkeit beim vorliegenden Problem überprüft. Vermutlich werden die gewöhnlichen Code Switching-Typen nicht ohne Weiteres zutreffend sein, weshalb sich der letzte Punkt dieser Arbeit damit beschäftigt, wie jenes Definitions- oder Anwendungsproblem zu lösen sein könnte.
0.1. Die Sprache der Sinti
Die Eigenbezeichnung der deutschen Zigeuner lautet Sinti 1 . Ihre Sprache heißt Romnes 2 und leitet sich aus dem Wort rom 3 Ã(Ehe-)0DQQ 0HQVFKµ DE VRGDVV IU GDV :RUW romnes frei EHUVHW]WHLQH%HGHXWXQJÃPHQVFKOLFKµXQGLP%H]XJDXIGLH6SUDFKHGLH %HGHXWXQJÃ6SUDFKH GHU 0HQVFKHQµ angesetzt werden kann. Rom geht auf die indische Kastenbezeichnung ²RP 4 zurück.
Ä'LH +HUNXQIW >GHU 6LQWL@ DXV ,QGLHQ JLOW DXIJUXQG YRQ (UJHEQLVVHQ GHU KLVWRULVFKHQ Sprachwissenschaft als erwiesen. Über Details der Abwanderung, d[as] h[eißt] deren genauen
1 Sint-i als Eigenbezeichnung deutscher Zigeuner ist sowohl der Plural von Sint-o ÃPlQQOLFKHU =LJHXQHUµ DOV
auch die Singularform des Femininums Sint-i Ã=LJHXQHULQµ *HEUlXFKOLFKHU ]XU %H]HLFKQXQJ HLQHU ZHLEOLFKHQ
Zigeunerin ist wohl die Variante Sintitsa, die zwar den Unterschied zum maskulinen Plural deutlicher markiert,
aber mit einem Femininum markierenden ±a Suffix sicherlich eine bedeutend jüngere Form ist. Die Lexeme mit
femininem Genus des Erbwortschatzes des Romnes enden in der Regel auf ±i.
2 Romnes JHVSURFKHQ >R'PQ-V@ ZLUG DXFK Romenes, Romanes oder in Anlehnung an englischsprachige
Forschungsliteratur ± jedoch meist mit Bezug auf den im Balkan vertretenen Stamm der Roma ± Romani
genannt. Gelegentlich erscheint auf dem anlautenden
Hatschek nicht durchgängig gesetzt und zum anderen seine Bedeutung für die Modifikation der Aussprache
nicht erklärt. Da Allophone des [r]-Lautes ohnehin im Romnes nicht bedeutungsunterscheidend sind, wird im
Folgenden keine Rücksicht auf die Schreibung mit Hatschek genommen.
3 Matras (2003), S. 232.
4 :ROIÄAind. oma m. Mann niederer Kaste, der vom Singen und Musizieren lebt³
3
Zeitraum, das Gebiet ihrer Herkunft und die Gründe für das Verlassens Indiens besteht jedoch NHLQHVZHJV(LQLJNHLWXQWHUGHQ=LJDQRORJHQ³ 5
Das Romnes ist eine indogermanische Sprache, die trotz der zeitlichen und der räumlichen Disparitäten noch heute eine hohe Ähnlichkeit zum Alt- und Mittelindischen aufweist. Zwar beruht diese Ähnlichkeit weniger auf Vielfältigkeit und Symmetrie der syntaktischen Formen und Konstruktionen, wie sie das Vedische und das Sanskrit aufweisen, jedoch in sehr großem Maße im lexikalischen Bereich.
Das Romnes Äteilt frühe phonologische Erneuerungen mit den zentralindischen Sprachen; dabei handelt es sich um Entwicklungen aus dem Übergang von Alt- zum Mittelindischen. Es zeigt sich aber in einigen Zügen konservativer als die zentralen Sprachen, selbst noch in der mittelindischen Phase (vgl. ai. pattra, mi. patta aber Romani patrin Ã%ODWW¶'LHHUVWH6WXIH des Ur-Romani kann daher in der Übergangszeit vom Alt- zum Mittelindischen [etwa am Beginn des ersten Jahrtausends] angesiedelt werden, denn schon in dieser Phase zeigte die Sprache eigene charakteristische Merkmale.³ 6
Alle Sprachbeispiele, die in dieser Arbeit tragende Rollen spielen, wurden vom Verfasser selbständig gesammelt und stammen von einer Semi-Sprecherin und einem Semi-Sprecher des Romnes aus Oberbayern und Schwaben.
0.2. Orthographische Festlegungen
Da Romnes als seit jeher ungeschriebene Sprache keine festen Orthographieregeln besitzt und auch in der Forschung keine Einigkeit über die Rechtschreibung besteht 7 , wird in diesem Rahmen ein eigenes System verwendet, das zum einen eine strikte Phonem-Graphem-Beziehung aufweist und zum zweiten zusätzlich den Wortakzent markiert. Aufgrund mangelnden Raumes, der zur Explikation der einzelnen Besonderheiten benötigt würde, sei hier auf weitere Ausführungen verzichtet und lediglich in tabellenartiger Form dargebracht, welche graphische Widerspiegelung die Phoneme des Romnes finden.
5 Holzinger (1993), Seite 1.
6 Matras (2003), Seite 237f.
7 Um nur eines von unzähligen Beispielen zu nennen, soll an dieser Stelle Sigmund A. Wolfs Großes
Wörterbuch der Zigeunersprache angeführt werden. Unter dem Stichwort raklo Ã.QHFKW 'LHQHU¶ VLQG QHEHQ
jener Form
rachljo, rakoro>.
4
Diese Tabelle zeigt die romn. Grapheme in Beziehung zu ihrem Phonem. Das Alphabet lehnt sich an das Internationale Phonetische Alphabet an. 9 Weicht die Schreibweise von den Symbolen des IPA ab, so ist das Graphem in Klammern hinter dem IPA-Symbol angezeigt. Laute, die allophonische Varianten sind, also keine eigentlichen Phoneme im distinktiven Sinne, werden mit demselben Graphem wiedergegeben, sodass ein Graphem in der Tabelle an verschiedenen Stellen erscheinen kann. Bei zwei Lauten mit derselben Artikulationsstelle und demselben Artikulationsmodus ist jeweils der rechte stimmhaft, der linke Laut hingegen stimmlos. 10
Akut in der ersten Silbe weggelassen, da das Romnes in der Regel initialakzentuiert. 11 Die Gespanntheit bzw. Länge der Vokale wird durch ein Längungszeichen angezeigt. 12
8 Dass der glottale Plosiv als distinktiv gilt, somit einen Phonemstatus einnimmt und daher durch ein eigens
bezeichnendes Graphem dargestellt werden muss, veranschaulicht folgendes Minimalpaar: naqa ÃQHLQµXQGQDD
ÃQDFNWEORµ
9 Im Vergleich zur IPA-Tabelle fehlen in der vorliegenden Tabelle drei Artikulationsorte (Dental, Pharyngeal,
Epiglottal). Dies hat zur Ursache, dass im Romnes an diesen Stellen keine Laute produziert werden und die
Spalten damit ökonomischer Weise ausgelassen werden können.
10
11 Akute stehen demnach nur dort, wo die Wortakzente durch morphologische Prozesse (sowohl Derivation als
auch Flexion) von der ersten Silbe nach hinten gleiten. Beispielweise wird bei YJR Ã:DJHQµGHU,QLWLDODN]HQW
5
0.3. Glossierungsregeln mit Abkürzungsverzeichnis
In der vorliegenden Arbeit ist es unabdingbar Äußerungen in deutscher Sprache und Äußerungen in Romnes einander gegenüberzustellen. Um übersichtlichere Darstellungen zu ermöglichen, sind weiter Glossierungen von Nöten. Glossiert wird strikt nach den Leipzig-Glossing-Rules, wobei einige Modifikationen vorgenommen werden. 13 In aller Kürze sind im Folgenden die wichtigsten Glossierungsregeln und eine Auswahl der wichtigsten Abkürzungen angeführt.
Zuerst steht eine Äußerung in Romnes (L1-Zeile), dann folgt in der zweiten Zeile eine wortwörtliche interlineare Glosse und zuletzt schließt sich eine freiere und sinngemäße Übersetzung in Deutsch (L2-Zeile) an. Entgegen der traditionellen Darstellungsweise werden in der L1-Zeile alle Morpheme, die aus dem Romnes stammen, fett gedruckt, wobei die Morpheme deutscher Herkunft nicht fett gedruckt werden. Diese Markierung ist dringend nötig, da der Gegenstand der vorliegenden Arbeit Code Switching ist, in dessen Natur es liegt Morpheme aus verschiedenen Sprachen zu mischen. Durch diese Art der Markierung kann eine übersichtlichere Darstellung erfolgen.
Segmentierbare Morpheme werden in der Glosse durch Bindestriche voneinander abgetrennt. Klitisch angelehnte Wörter werden durch Gleichheitszeichen (=) abgetrennt. Im Sprachbeispiel (L1-Zeile) und in der Glosse befindet sich exakt dieselbe Anzahl an Morphemen. Ausgelassene Morpheme oder Nullmorpheme in der L1-Zeile werden durch eine gestrichene Null (Ø) sichtbar gemacht. Lexikalische Bedeutungen werden in der Glosse soweit möglich (oder nötig) in ganzen Wörtern ausgeschrieben. Bei Substantiven, Adjektiven, Adverbien und Verbstämmen ist dies beispielsweise der Fall. Die Funktionen von Derivations- und Flexionselementen hingegen werden in Majuskeln durch Abkürzungen angezeigt. Morpheme, die wie zum Beispiel Portmanteau-Morpheme mehrere kategorische &KDUDNWHULVWLND LQ VLFK YHUHLQHQ ]% Ä$NNXVDWLY³ Ä'XDO³ ÄIHPLQLQ³ ZHUGHQ DXFK weiterhin als ein einziges Morphem behandelt, ihre Funktionen aber durch einen Punkt getrennt.
Im Folgenden sind die wichtigsten, in der vorliegenden Arbeit verwendeten Abkürzungen aufgelistet.
nicht durch einen Akut angezeigt, während das Derivat YDJpUR Ã)DKUHU :DJHQOHQNHUµ HLQHQ $NXW DXI GHU
betonten zweiten Silbe trägt.
12 Insgesamt mögliche VokaO]HLFKHQVLQGIROJOLFKDHLRXipty~¯ À Ì!
13 Leipzig Glossing Rules nach Lehmann, Christian (1982).
6
Arbeit zitieren:
Jesse Lehmann, 2008, Irrungen, Wirrungen im Dialekt der Sinti, München, GRIN Verlag GmbH
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