Inhalt
Vorbemerkung 3
I Einleitung. 4
1 Zur Themenwahl 4
2. Notwendige Einschränkungen 6
3. Aufbau und Ziel der Arbeit 7
II Hauptteil 7
1. Das pronominale Anredesystem im Deutschen 7
1.1. Kurze historische Darstellung 7
1.2 Zur heutigen Situation 10
1.2 Zur heutigen Situation 11
1.3 Faktoren, die das Anredeverhalten beeinflussen. 14
3. Das pronominale Anredesystem im Norwegischen. 20
3. Das pronominale Anredesystem im Norwegischen. 21
4. Das pronominale Anredesystem im Schwedischen 25
III Schluss 28
1. Ergebnisse der vergleichenden Betrachtung 28
2. Überlegungen zum DaF-Unterricht 30
Literatur 32
Verzeichnis der Abbildungen 33
2
Vergleich des pronominalen Anredeverhaltens in Deutschland und
Skandinavien
Vorbemerkung
Über das im Sommersemester 2005 abgehaltene Seminar „Gesprächsanalyse“ im DaF-Bereich der Universität Göttingen entwickelte sich ein zunehmendes Interesse an der kontrastiven Betrachtung der Anredekonventionen in verschiedenen europäischen Ländern.
Dieses Interesse möchte ich in der hier vorgelegten Hauarbeit vertiefen. Aufgrund verschiedener Arbeits- und Studienaufenthalte in Skandinavien, hauptsächlich in Norwegen, habe ich mich für einen Vergleich der Konventionen in Deutschland und 3 nordeuropäischen Ländern - Dänemark, Schweden und Norwegen - entschieden.
3
I Einleitung
1 Zur Themenwahl
Zuerst stellt sich natürlich die Frage, warum der Vergleich mit skandinavischen Sprachen?
Neben der persönlichen Nähe zum skandinavischen (Sprach-) Raum, war dies vor allen Dingen die Tatsache, dass es hinreichend Parallelen zum Anredeverhalten im Deutschen gibt - eine „spannende Verwandtschaft“, die Stoff für vielerlei linguistische Betrachtungen bietet.
In den vier betrachteten Sprachen ist, zumindest faktisch, eine Einordnung in das sogenannte T und V-Modell ( ausgehend vom lateinischen tu und vos 1 ) möglich, d.h. es gibt oder gab zumindest (diese Einschränkung ist mit Hinblick auf zu erwartende Tendenzen sicher nötig) eine Dichotomie zwischen eher vertraulicher und eher distanzierter Form im Bereich der pronominalen Anrede. Neben dem Faktum dieser Dichotomie, kann man hinsichtlich der zu vergleichenden Sprachen sogar eine weitgehende formale Homologie in den Konventionen der pronominalen Anrede (im Sg.) feststellen:
Auf funktionaler Ebene dagegen findet sich nur eine „kleinste gemeinsame Menge“ 2 . Gerade diese Unterschiede hinsichtlich formaler Homologie und funktionaler Homöologie 3 sorgen immer wieder für Schwierigkeiten in der interkulturellen Kommunikation, „insbesondere dann, wenn aufgrund der formalen Homologie auf eine funktionale geschlossen wird“ 4 .
1 Diese Differenzierung wurde von Brown/Gilman in ihrem Aufsatz „The Pronouns of Power and Solidarity“ erstmals eingeführt. Der Aufsatz basierte auf Umfragen mit ausländischen Studenten (franz.,ital., dt.).
2 Pieper, Ursula: Homologie, Homöologie und Heterologie im Anredeverhalten. Anrede im Deutschen, Dänischen und Polnischen. In: Zeitschrift für germanistische Linguistik, ZGL 18 (1990). Hrsg. von Helmut Henne u.a. S. 2.
3 Ursula Pieper führt den Begriff der Homöologie (für den Fall der Ähnlichkeit auf funktionaler Ebene) in ihrem vorher zitierten Aufsatz ein.
4 Liedtke, Horst: Zum Anredesystem im Deutschen und Dänischen. S.312.
4
Besonders wenn man davon ausgeht, dass Fehler (bzw. als solche wahrgenommene), die mit pragmatischen Sprachnormen zusammenhängen häufig viel negativer bewertet werden als grammatische oder lexikalische Fehler 5 , ist es interessant, Anredekonventionen verwandter Sprachen zu untersuchen. Unterstützt wurde dieses Interesse am „Fehler in der pragmatischen Norm“ durch eine Reihe persönlicher Erfahrungen sowohl mit skandinavischen Studierenden in Deutschland, als auch mit deutschen Studierenden in Skandinavien. Insbesondere Skandinavier berichten immer wieder von Problemen, die sie hinsichtlich der Verwendung der Anredepronomina in Deutschland haben, so z.B. in kürzlich durchgeführten Interviews mit norwegischen Studierenden an der Universität Göttingen.
Warum betrachte ich im vorliegenden Vergleich mehrere skandinavische Sprachen? Zuerst einmal existieren zwischen den gewählten (skand.) Sprachen große Parallelen, und zum Zweiten habe ich mir vorgenommen, ganz bewusst nur einen kleinen Teil des Anredeverhaltens - nur die pronominale Anrede (und hier auch nur schwerpunktmäßig die singulären Formen) - zu betrachten, um auch evtl. Tendenzen innerhalb der drei skand. Sprachen verifizieren zu können. Es steht nicht der vollständige Vergleich des Anredeverhaltens eines Sprachenpaars im Vordergrund. Zur Quellenlage ist in diesem Zusammenhang zu sagen, dass es ein Übergewicht auf seiten vergleichender Untersuchungen zum Sprachenpaar dt.-dän. gibt. Das Angebot an entsprechenden Untersuchungen zu den anderen beiden skand. Sprachen ist geringer (insbesondere zum Sprachenpaar dt.-norweg.), dies könnte sich in der Arbeit tendentiell bemerkbar machen.
Ein weiterer Grund für die Wahl des Themas ist, dass es - gerade in Deutschlandimmer wieder zu recht unreflektierten Aussagen bezüglich einiger normativ divergierender Konventionen in den skand. Sprachen kommt. Hier meine ich in erster Linie, dass eine scheinbare größere Informalität automatisch und vermeintlich mangelnden Respekt, fehlende Höflichkeit und nicht vorhandene Hierarchie beinhaltet.
5 Vgl. Huneke, Hans-Werner; Steinig, Wolfgang: Deutsch als Fremdsprache. Eine Einführung. Berlin: Schmidt, 2002. S. 112.
5
2. Notwendige Einschränkungen
Es soll keinen rechtfertigenden oder gar aufbauschenden Charakter haben, dass ich den Aspekten, die diese Arbeit nicht leisten kann, einen eigenen Unterpunkt widme. Es erscheint mir einfach notwendig, um die Enge des Themas (gerade unter der Prämisse, vier Sprachen betrachten zu wollen) deutlich zu machen:
Eine Betrachtung der nominalen Anredekonventionen findet nicht statt (hierunter fallen auch Titelbezeichnungen).
Innerhalb der Betrachtung der pronominalen Anrede stehen die singulären Formen im Vordergrund.
Innerhalb der skand. Sprachen wird hier selbstverständlich das Finnische (andere Sprachfamilie) und das Isländische nicht berücksichtigt. Im Isländischen existiert die eingangs beschriebene tu/vos - Dichotomie nicht (mehr), hier hat eine vollständige Verdrängung der vos - Form stattgefunden 6 .
Ausnahmeerscheinungen in der Anrede, z.B. die verschiedenen Formen der Wir -Anrede (Lehrer- oder Krankenschwester - Wir: „Haben wir schon gefrühstückt?“) werden nicht berücksichtigt.
Armin Kohz hat, um „die Komplexität des Phänomens Anrede“ deutlich zu machen, den Begriff „Adversion“ eingeführt, der eine Differenzierung von Anreden und Ansprechen impliziert 7 . Ich betrachte hier dezidiert das Ansprechen, extra- und paralinguistische Merkmale von Kommunikation (also alle Bereiche der indirekten Kommunikation) spielen keine Rolle.
Die Arbeit hat keinen sprachsoziologischen Schwerpunkt, sicherlich spielen sozialkulturelle Gegebenheiten innerhalb der Betrachtung eine Rolle, aber rein soziologische Fragen, z.B. die nach Asymmetrie in der Anrede, um Standesunterschiede deutlich zu machen oder fehlende Solidarität auszudrücken, werden nicht thematisiert, hierunter fallen auch Dinge wie das diskriminierende Du. Ich gehe nicht auf Anredespezifika der beiden deutschen Systeme vor der Wiedervereinigung ein - politologisch/ideologisch eingefärbte Semantik gehört nicht zum Beobachtungsfeld der Arbeit.
6 Vgl. Kohz, Armin: Linguistsiche Aspekte des Anredeverhaltens: Unterscheidung am Deutschen und Schwedischen; mit einer selektiven Bibliographie zur Linguistik der Anrede und des Grusses. Tübingen: Narr, 1982. S. 52-60.
7 Ebd. S. 116.
6
3. Aufbau und Ziel der Arbeit
Ich werde zuerst das pronominale Anredesystem des Deutschen näher betrachten, anschließend - und in bereits vergleichender Perspektive zu den deutschen Gegebenheiten - das der drei skand. Länder.
Bei der Betrachtung des deutschen Systems werde ich mich - anhand des Anredepronomens Du - der Anrede auch historisch-kulturell annähern. Historisch in der Hinsicht erfahren und zeigen zu wollen, wie statisch oder dynamisch ein Anredesystem ist/ sein kann; kulturell in der Hinsicht, welche Faktoren (z.B. Alter, Geschlecht) auf das Anredeverhalten einwirken.
Abschließend erfolgt eine vergleichende Schlussbetrachtung, die es auch leisten soll, Rückschlüsse auf mögliche interkulturelle Probleme und den diese Probleme berücksichtigenden DaF-Unterricht aufzuzeigen.
II Hauptteil
1. Das pronominale Anredesystem im Deutschen
1.1. Kurze historische Darstellung
„Ganz am Anfang aber war nur das Du. Adam und Eva sprachen per Du mit Gott, und wir tun es bis heute im Gebet. Allein das Du gilt auch in einem der ältesten Textzeugen unserer Sprache ,dem Hildebrandslied. Hildebrant und Hadubrant reden sich mit Du an, wiewohl sie sich völlig fremd sind: hwellihhes cnuosles du sis (welchen Geschlechts du bist), (...).“ 8
In der 2. Hälfte des 9.Jh. „stoßen wir zum ersten Mal in der deutschen Sprache auf das Ihr“ 9 , welches sehr wahrscheinlich in einer „abendländischen Schrift- und Kulturtradition steht“ 10 (höchstwahrscheinlich wurden diese pluralistischen Höflichkeitsformen aus dem Lateinischen übernommen).
„Mit diesem Zweiersystem (Du/Ihr Anm. d. Verf.) kommen die Deutschen während des ganzen Mittelalters aus.“ 11
8 Besch, Werner: Duzen, Siezen, Titulieren: zur Anrede im Deutschen heute und gestern. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 1996. S. 89.
9 Ebd. S. 89.
10 Ebd. S. 91.
11 Ebd. S. 91.
7
Erst gegen Ende des 16.Jh. findet eine weitere Ausdifferenzierung des Anredesystems statt, das Er/Sie (3. Pers.Sg.) manifestiert sich (z.B. Hat Er einen Wunsch?):
„Das ist unter dem Einfluß des Absolutismus eine Steigerung der Höflichkeitsetikette, indem man nämlich die direkte Anrede (Du/Ihr) meidet zugunsten der Distanzform Er/Sie, (...).“ 12
Ca. ein Jahrhundert später etabliert sich dann unser heutiges Sie (3. Person Pl.):
„Man darf es als Steigerung der Er/Sie - Anrede in den Plural verstehen, wobei nun auch das Verb die Pluralform annimmt, bezogen auf nur eine Person: Haben Sie gut geschlafen Exzellenz? - wenn man so will, eine Art moderner ´ pluralis majestatis ´.“ 13
Gottsched unterschied in seiner Grammatik bereits 5 Anredegrade: natürlich (Du) althöflich (Ihr) mittelhöflich (Er/Sie) neuhöflich (Sie) Überhöflich (Dieselben) 14
Andere Zählweisen „kommen auf nicht weniger als acht gleichzeitig in Gebrauch stehende Anredepronomina“. 15
Friedrich Gedike bemerkte angesichts der (teilweise vom Ausland verspotteten) Anredevielfalt- und Verwirrung:
„Vielleicht halte ich es für vorteilhaft, wenn eine Sprache mehrere Formen der Anrede hat, nur muß sie deren nicht so viele haben, als bisher die Deutsche hatte.“ 16
Auch Jacob Grimm hatte seine liebe Mühe mit dem sich im 17./18. Jh. immer weiter ausdifferenzierenden Anredesystem im Deutschen. Insbesondere im (neuen) Plural - Sie saher die „schwüle Luft galanter Höflichkeit“ ins Widersinnige gesteigert. 17
12 Ebd. S. 91.
13 Ebd. S. 92.
14 Vgl. Besch, Werner: Duzen, Siezen, Titulieren... S. 92
15 Kretzenbacher, Heinz Leonhardt: Vom Sie zum Du - und retour? S. 25
16 Vgl. ebd. S. 25. Gedike tätigte diese Aussage im Rahmen eines Vortrags vor der Berliner Akademie der Wissenschaften im Jahre 1794.
17 Vgl. Besch, Werner: Duzen, Siezen, Titulieren... S. 93.
8
Jacob Grimm, „mit seiner Vorliebe für das Ältere, Ursprüngliche, für das altfränkische Du, tat sich schwer mit der differenzierenden Referenzskala deutscher Anredepronomen“ 18 , ganz richtig erkennt er den Hintergrund dieser Entwicklung:
„Die steigerung schwer zu sättigender höflichkeit ist freilich nicht aus dem volk, das sich zulängst dawider sträubte, hervorgegangen, sondern ihm von oben, durch die vornehmen stände zugebracht worden.“ 19
Im 18. Jh. scheint das Du vom Aussterben bedroht und nur noch „dem Pöbel, der Verschwisterung und der Kindheit überlassen“. 20
18 Ebd. S. 93.
19 Ebd. S. 93.
20 Kretzenbacher, Heinz Leonhardt: Vom Sie zum Du - und retour? S. 25
9
Arbeit zitieren:
Maik Hemmecke, 2005, Vergleich des pronominalen Anredeverhaltens in Deutschland und Skandinavien, München, GRIN Verlag GmbH
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