Inhaltsverzeichnis
1 Einführung. 3
2 Die Zivilisationstheorie von Norbert Elias 5
2.1 Soziogenese und Psychogenese 6
2.2 Herzstück und Funktionalität der Zivilisationstheorie 8
2.2.1 Rationalisierung 9
2.2.2 Scham und Peinlichkeit 10
2.2.3 Affekt und Trieborganisation. 12
2.2.4 Differenzierung und Verflechtung 12
2.3 Elias´ Psychogenesekonzept 13
2.3.1 Psychoanalytische Psychogenese 15
2.3.2 Angst als Fremd- und Selbstzwang 17
3 Georg Simmel: Scham in der Emotionssoziologie 19
4 Hans Peter Duerr. 22
4.1 Duerrs Verflechtungstheorie. 23
4.2 Duerrs "Theorie" der Körperscham. 25
5 Cas Wouters: Informalisierung und Scham. 26
6 Fazit. 28
7 Diskussion: Georg W. Oesterdiekhoffs alternatives Psychogenesemodell 30
Zivilisation und Piagets Stadientheorie 31
Moderne und Vormoderne - Psychische Entwicklung 32
8 Schluss 34
9 Literaturverzeichnis 35
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1 Einführung
Norbert Elias erörtert in seinem Hauptwerk „Über den Prozess der Zivilisation“, das zu den Standardwerken der Soziologie zählt, eine prozesshafte Wechselwirkung von Psyche und Gesellschaft. Er unterstreicht damit den Anspruch der Soziologie Modernisierung und gesellschaftliche Entwicklung auf der Makroebene zu erklären 1 , indem er psychische Funktionen und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft analysiert. Die hohe Aussagekraft der Zivilisationstheorie (im Folgenden mit ZT abgekürzt) ist auf ihre interdisziplinäre Ausrichtung 2 und ihren Prozesscharakter zurückzuführen. Sie ermöglicht es, langfristige kulturgeschichtliche Vorgänge zu verstehen und zu erklären. Dies unterscheidet sie von der zeitgenössischen soziologischen Theorie und der Beschreibung von Gegenwartstendenzen, die einen engeren Bezugsrahmen wählen. Die Emotion Scham ist in Elias´ ZT ein zentraler Indikator. Sie ermöglicht es zwei Diagnosen zu stellen. Zum einen verrät sie das Ausmaß der in Selbstzwänge verwandelten Ängste und gibt damit Aufschluss über psychische und kognitive Strukturen (vgl. Elias 1997b: 456). Zum anderen spiegelt sie den Grad der gesellschaftlichen Differenzierung und Integration, also die Verflechtungsdichte zwischen den Individuen, wieder (vgl. Elias 1997a: 10f). Die Analyse von Schamschwellen liegt deshalb im Fokus der empirischen Arbeit von Elias und seinen Schülern. In seinem fünfbändigen Werk „Der Mythos vom Zivilisationsprozess“ übt Hans Peter Duerr eine fundamentale Kritik an der Eliasschen ZT. Sein Ziel ist dabei kein geringeres als die gänzliche Falsifizierung der ZT. Duerr behauptet, dass Scham- und Peinlichkeitsaffekte keiner evolutionären Entwicklung in Richtung eines zunehmenden Standards unterliegen, obwohl er ihre Pluralität in historischen und geographischen Räumen nicht bestreitet (vgl. Duerr 1999: 358). Seine Kritik setzt bei der Prozesshaftigkeit der ZT an. Methodisch versucht er diese anhand einer Vielzahl empirischer Beispiele zu widerlegen, indem er Schamschwellen verschiedener Gesellschaften in Vergangenheit und Gegenwart analysiert. So werden Beispiele für unzivilisiertes Verhalten in modernen Gesellschaften und zivilisiertes Verhalten in archaischen Gesellschaften aufgezeigt. Zudem macht Duerr Tendenzen der Verschiebung von Af-fektstandards ausfindig, die in ihrer Entwicklung eine entgegengesetzte Richtung als
1 Dieser Anspruch findet sich durchgängig bei den Klassikern der Soziologie, namentlich bei Comte, Spencer, Tönnies, Simmel, Pareto, Durkheim, Marx und Weber und wird in der Nachkriegssoziologie kaum noch formuliert (vgl. Oesterdiekhoff 2000: 49ff).
2 Die ZT verbindet die Soziologie mit Geschichtswissenschaft, Ethnologie, Anthropologie, Psychologie, Rechtswissenschaft und Kulturwissenschaft.
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die von der ZT postulierte aufweisen. In Duerrs Ausführungen ist die Scham der zentrale Indikator wider die ZT.
Die Auseinandersetzung zwischen Duerr und Elias ist in der wissenschaftlichen Diskussion aufgegriffen und erörtert worden 3 . Eine Arbeit, die sich explizit mit dem Schambegriff Elias´ im Licht der Kritik Duerrs auseinandersetzt, steht bislang noch aus. Hierzu soll an dieser Stelle ein erster Schritt unternommen werden. Die Leitfrage der vorliegenden Arbeit lautet: Ist Elias´ Schamkonzept auch in Anbetracht der Kritik Duerrs und im Vergleich mit anderen Theorien der Scham haltbar? Wäre dies der Fall, so bedeutete das eine klare Zurückweisung von Duerrs Kritik der ZT, denn seine Kritik steht und fällt mit dem Schambegriff. Ist dies nicht der Fall, ergibt sich die Notwendigkeit einer Entkoppelung von Scham und ZT. Die These dieser Arbeit ist, dass die Mehrdimensionalität der Scham Elias´ Schamkonzept sprengt und damit jene Notwendigkeit der Entkoppelung von Scham und ZT besteht. Um die Position der Scham innerhalb der ZT zu lokalisieren, ist es unumgänglich ein Schema der ZT zu entwerfen. Jenes soll Funktionszusammenhänge, Systematik und Motoren der Theorie verdeutlichen. Dies soll im zweiten Kapitel geschehen. Hierbei wird im besonderen Elias´ Psychogenesekonzept kritisch reflektiert. Ein Exkurs zur Bedeutung der Scham in Georg Simmels Emotionssoziologie im Vergleich zu Elias´ Schamkonzept im dritten Kapitel soll hierbei einen Ausblick über die ZT hinaus und Anregungen zu Ergänzungen bieten. Das vierte Kapitel dient der Erörterung der Duerrschen Kritik. Es werden dort Duerrs Argumentation und Methodik sowie die Aufnahme der Kontroverse in der wissenschaftlichen Öffentlichkeit behandelt. Besonderes Augenmerk wird hierbei auf Duerrs Verständnis der Scham, seine Verflech-tungstheorie und sein Entwurf einer „Theorie der Körperscham“ gelegt. Ein fünftes Kapitel widmet sich der Bedeutung der Informalisierungsthese Cas Wouters´ für Elias´ Schamkonzept. Im Fazit werden die Entwürfe der behandelten Autoren bilanziert, sodass die Leitfrage beantwortet werden kann. In einem abschließenden sechsten Kapitel werden die Vorschläge von Georg W. Oesterdiekhoff zur Reformierung der ZT diskutiert, wobei besonders auf die Abkehr von der Scham hin zu einem neuen Kriterium zur Charakterisierung von Zivilisationsprozessen eingegangen wird. Die Rezeption und Bewertung des Themas, insbesondere der Kritik der ZT, wird von Au-tor zu Autor höchst kontrovers vorgenommen. Eine Beschäftigung mit dem Thema erfordert daher Positionierungen und Abgrenzungen, da es nicht möglich ist auf ei-
3 DarunterHinz 2002, Oesterdiekhoff 1999, Temberski 2007.
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nen wissenschaftlichen common sense zurückzugreifen. Es wird deshalb bereits in den Abhandlungen der Theorien kritisch Stellung bezogen.
2 Die Zivilisationstheorie von Norbert Elias
Das bereits 1939 erschienene zweibändige Werk „Über den Prozess der Zivilisation“ ist das dominierende Manifest der ZT. Die Theorie errang jedoch erst nach einer Neuauflage des Buches 1969 ihren Durchbruch in Soziologie und Sozialpsychologie 4 . Die ZT ist weder von Elias selbst, noch von einem seiner zahlreichen Schüler in ihren Hauptfunktionen substanziell weiterentwickelt, oder in ihren Wirkungsmechanismen systematisiert zusammengefasst worden (vgl. Duerr 1999: 364f; Oesterdiekhoff 2000: 74), wiewohl Elias durchaus kontrovers interpretiert wird. Die Arbeiten, die Michael Hinz (2002: 43ff) in seinem Kapitel Weiterentwicklung der Zivilisationstheorie vorstellt, können treffender als Anwendungen und Interpretationen der ZT aufgefasst werden. Es finden hierin lediglich Übertragungen derselben Theorie auf verschiedene räumliche, zeitliche oder soziale Kontexte statt. Die darin implizierten Wirkungsmechanismen der ZT bleiben die gleichen. Die in den folgenden Kapiteln dargestellten Funktionsstrukturen, die bereits Elias´ „Prozess-Bänden“ zugrunde liegen, wenn auch in äußerst verstreuter und unzusammenhängender Form (vgl. Oesterdiekhoff 2000: 77f), bleiben im Prinzip seit 1939 unberührt, weshalb diese Arbeit bei der Analyse der ZT hauptsächlich auf das Hauptwerk Elias´ zurückgreift. Elias selbst würde der nun folgenden Zusammenfassung der ZT widersprechen. In seinem Verständnis ist die ZT stets vorläufig (vgl. Elias 1997: 12), nicht festlegbar und kann deshalb nur unzureichend und fehlerhaft systematisiert werden (vgl. Hinz 2000: 29).
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Zur frühen Rezeptionsgeschichte der Prozess-Bände vgl. Goudsblom 1979: 17ff und Goudsblom 1984: 305ff.
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2.1 Soziogenese und Psychogenese
Das folgende Schaubild verdeutlicht den Zusammenhang von Psychogenese und Soziogenese als Wechselwirkungsprozess, der sich auf eine Vielzahl dialektischer Begriffspaare projizieren lässt.
Abbildung 1: Das Dreiebenenmodell der Zivilisationstheorie - Soziogenese und Psychogenese
„Mit der Differenzierung des gesellschaftlichen Gewebes wird auch die soziogene, psychische Selbstkontrollapparatur differenzierter, allseitiger und stabiler“ (Elias1997b: 330).
Die Oberfläche der ZT erscheint als prozesshafte Wechselwirkung von Psychogenese und Soziogenese. Strukturelle Veränderungen der Gesellschaft (Soziogenese) unterliegen ebenso wie strukturelle Änderungen von Psyche und Habitus (Psychogenese) einem Wandlungsprozess. Zudem sind Psychogenese und Soziogenese aneinander gekoppelt (vgl. Elias 1997a: 82; vgl. auch Elias 1997b: 452). Beide streben in die Richtung zunehmender Verflechtung und Integration mittels Veränderungen in Institutionen und menschlichen Beziehungen (vgl. Elias 1997b: 445f). Soziogenese und Psychogenese bilden gemeinsam eine Funktion mit Hilfe derer der Schluss und der Umkehrschluss von Institutionen auf menschliche Beziehungen und kognitive Muster entwickelt werden kann. Jeder Kultur wohnt ein bestimmter Geist inne, jede gesellschaftliche Funktion erfüllt auch eine psychische. Findet man in einer Gesellschaft die Institution des Menschenopfers, so kann allein dieses einzelne Indiz Aufschluss über Gefühle, Psyche und Rationalität ihrer Mitglieder geben. Umgekehrt
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lässt sich beispielsweise von affektlastigen und wenig differenzierten kognitiven Strukturen auf der psychischen Ebene auf das Vorhandensein eines archaischen, rächenden Strafrechts schließen.
Die zentrale Aussage der ZT ist die These der fortschreitenden Differenzierung von Psyche und Gesellschaft. Auf der psychogenetischen Seite macht sich Differenzierung durch eine Verwandlung von Fremdzwängen in Selbstzwänge bemerkbar. So ist der Mensch einer archaischen Zivilisationsstufe durch die Auseinandersetzung mit der Natur als externe Gewalt geprägt. Es besteht hier die Notwendigkeit auf Gefahren direkter physischer Bedrohung sofort und im Affekt zu reagieren. Erst mit der Etablierung größerer zwischenmenschlicher Verflechtungs- und Interdependezketten wird eine hohe Selbstkontrolle für die Formen des Zusammenlebens gefordert. Affekte, und in einem zweiten Schritt menschliche Verrichtungen, müssen zunehmend kontrolliert werden. Ebenso wie sie zunächst von öffentlichen- auf private Schauplätze verschoben werden, findet eine Internalisierung von externen Zwängen statt, wie sie anhand der Beschaffenheit von Schamschwellen zu beobachten sind (vgl. Elias 1997b: 324). In der Soziogenese ergibt sich der Zwang zur Differenzierung durch die Verflechtung einer immer größeren Anzahl der Gesellschaftsmitglieder. Die Gesellschaft übernimmt also in steigendem Umfang Funktionen, die vormals den Individuen oblagen. Sie übernimmt eine Organisationsfunktion und reguliert Handlungsstränge. Funktionen werden stärker aufgeteilt und die Interdependenzketten verlängern sich (vgl. Elias 1997b: 327ff). Die gegenseitige Befruchtung von Soziogenese und Psychogenese vollzieht sich in einem zwanghaft fortschreitenden Prozess, bei dem es jedoch auch zu Stagnationen oder Gegenbewegungen kommen kann (vgl. Elias 1997a: 14).
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Arbeit zitieren:
Sebastian Theodor Schmitz, 2008, Scham im Zivilisationsprozess, München, GRIN Verlag GmbH
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