Gliederung
Gedicht /Prolog ___ 3
1 Einleitung ___ 5
2 Grundlagen zum Verständnis weiblicher Genitalverstümmelung ___ 9
2.1 Terminologie und Klassifikation ___ 9
2.2 Historische Entwicklung ___ 12
2.3 Geographische Einordnung, Verteilung, allgemeine Daten und Fakten ___ 13
2.4 Informationen zur konkreten Umsetzung der Operation ___ 16
2.5 Die Folgen weiblicher Genitalverstümmelung ___ 19
2.5.1 Gesundheitliche Folgen ___ 19
2.5.2 Seelische Folgen ___ 22
2.5.3 Folgen für die Sexualität ___ 25
2.5.4 Soziale Folgen ___ 26
3 Begründungen weiblicher Genitalverstümmelung ___ 28
3.1 Kultur ___ 28
3.2 Tradition und Ritual ___ 29
3.3 Sexualität und Ästhetik ___ 31
3.4 Religion ___ 32
3.5 Medizin und Hygiene ___ 34
3.6 Ökonomie ___ 35
4 Weibliche Genitalverstümmelung in Deutschland ___ 36
4.1 Statistik ___ 36
4.2 Migration und Tradition ___ 38
4.3 Zur Lebenssituation afrikanischer Migrantinnen ___ 39
4.4 Exkurs: Weibliche Genitalverstümmelung im deutschsprachigen Raum des 19. Jahrhunderts ___ 41
5 Intervention ___ 47
5.1 Möglichkeiten der Intervention Chancen und Grenzen ___ 47
5.2 Der lange Weg zur Anerkennung weiblicher Genitalverstümmelung als Menschenrechtsverletzung auf internationaler Ebene ___ 49
5.3 Übersicht über rechtliche Regelungen zu weiblicher Genitalverstümmelung ___ 52
5.3.1 Rechtliche Situation in Afrika ___ 52
5.3.2 Rechtliche Situation in Europa ___ 59
Seite 1
5.4 Detaillierte Darstellung aktuellen Rechtslage in Deutschland ___ 62
5.4.1 Das deutsche Strafrecht ___ 62
5.4.2 Das deutsche Asylrecht ___ 65
6 Prävention 70
6.1 Möglichkeiten von Prävention- Chancen und Grenzen ___ 70
6.2 Kurzfassung präventiver Maßnahmen ___ 73
6.2.1 Prävention in Afrika ___ 73
6.2.2 Prävention in Europa ___ 80
6.3 Nähere Betrachtung der Arbeit von TERRE DES FEMMES ___ 86
6.3.1 Hintergrundinformationen zu TERRE DES FEMMES ___ 86
6.3.2 Projekte in Afrika ___ 87
6.3.3 Engagement in Deutschland ___ 90
6.4 Beratungsstellen für afrikanische Migrantinnen in Deutschland ___ 92
6.4.1 Kurzcharakteristik der verschiedenen Einrichtungen ___ 93
6.4.2 Kritische Betrachtung der Beratungssituation in Deutschland ___ 97
7 Weibliche Genitalverstümmelung Neue Herausforderungen an die Soziale Arbeit? ___ 99
7.1 Auseinandersetzung mit dem Arbeitstitel der Diplomarbeit ___ 99
7.2 Berührungspunkte von Sozialer Arbeit und weiblicher Genitalverstümmelung ___ 100
7.2.1 Der indirekter Kontakt ___ 100
7.2.2 Der direkte Kontakt ___ 100
7.2.3 Konkrete Ansätze der Sozialen Arbeit mit genitalverstümmelten Frauen ___ 101
8 Schlussbetrachtung 105
9 Literaturverzeichnis ___ 107
Seite 2
Gedicht / Prolog
Pharao, der verflucht wurde von Gott
Der nicht den Worten Moses folgte
Der sich abwandte von der guten Thora
Die Hölle war sein Lohn!
Ertrinken war sein Schicksal!
_ _ _
Verflucht sei die pharaonische Beschneidung,
Brutales Schlachten, blutig,
Schnippeln, Nähen, Schneiden des Fleisches!
Der abscheulich Akt kam nie vom Munde des Propheten,
niemals bekannt bei den Hadithen(1),
Und nicht gepredigt im Koran.
_ _ _
Wenn ich noch denke an die Hochzeitsnacht
Als ich von Liebkosungen, süßen Küssen und Liebe träumte,
Nein, nichts von dem!
Schmerz und Leiden harrten meiner!
Da lag ich stöhnend und
Gekrümmt, wie ein verwundetes Tier,
Opfer des weiblichen Schmerzes.
_ _ _
Wenn die Furcht dann nach mir greift,
Wenn der Zorn sich auf mich stürzt,
Wenn der Hass zu meinem Gefährten wird,
Sagen sie es sei doch nur der Frauen Schmerz,
vergänglich wie der Frauen Los.
_ _ _
Die Reise geht weiter,
So wie die Ehe reift
S o wie ich mich ihr ergebe und die Trauer schwindet,
so schwillt auch meine Lebensmitte.
Ein Hauch Glückseligkeit,
Hoffnung auf ein Baby, ein neues Leben!
Ach, dieses neue Leben gefährdet meines.
Bringt den Tod mir nah und das Verderben!
____________________
(1) Arabische: Rede, Bericht. Es handelt sich bei den Hadithen um eine Textsammlung von überlieferten Aussprüchen des Propheten Mohammed und stellt neben dem Koran die zweite Quelle des islamischen Gesetzes dar. (SCHNÜLL, P. 2003: 44)
Seite 3
Es seien ihrer drei, so pflegte meine Großmutter zu sagen,
Der Tag der Beschneidung,
Die Hochzeitsnacht
Und die Geburt
Die drei Plagen einer Frau!
_ _ _
Ich flehe um Gnade, als mein geschundenes Fleisch reißt.
Es gibt sie nicht.
"Pressen!" So sagen sie,
"Es ist doch nur ein Frauenschmerz,
Vergänglich wie der Frauen Los!"
_ _ _
Doch der Mann, er brach den Bund,
Trennung, Scheidung und Verbannung.
Mit allen Wunden ganz allein...
_ _ _
Nun höret alle meinen Appell!
Appell für zerbrochne Träume,
Appell für das Recht auf Ganzheit,
Appell an alle Friedensliebenden:
_ _ _
Behütet und beschützt die Mädchen,
Die voller Unschuld und Vertrauen,
Gebt ihnen eine Welt voll Liebe,
Keine Welt voll Frauenplagen!(2)
____________________
(2) Ein Gedicht von Dahabo Elmi Muse, einer somalischen Dichterin und Aktivistin (LIGHTFOOD-KLEIN, H. 2003: 133f)
Seite 4
1 Einleitung
Nach Angaben mehrerer Menschenrechtsorganisationen wie unter anderem TERRE DES FEMMES, (I)NTACT , amnesty international werden weltweit fünf Mädchen pro Minute, 6000 Mädchen pro Tag, zwei Millionen Mädchen pro Jahr an ihren Genitalien verstümmelt. Insgesamt sind weltweit zwischen 100.000 bis 170.000 Frauen betroffen.
Wie so viele las ich "Die Wüstenblume" von Waris Dirie, als der autobiographische Roman im Jahr 2002 erschien und der gesamten westlichen Welt die Verstümmelung der Genitalien von Millionen Mädchen und Frauen ins Bewusstsein rief. Zuvor hatte ich von dieser Tradition noch nichts gehört und konnte das, was ich las, kaum fassen. Während eines einjährigen Aufenthalts in einem Dorf in Kenia verfestigte sich mein Interesse an dem "schwarzen Kontinent", kam jedoch mit der Thematik der weiblichen Genitalverstümmelung nicht in Berührung. Zurück in Deutschland besuchte ich eines Tages einen Vortrag von (I)NTACT, einer Organisation, die sich gegen diese Praktik engagiert, und erfuhr dort unter anderem, dass auch hier in Deutschland etwa 24.000 afrikanische Frauen von Genitalverstümmelung betroffen und rund 6.000 Mädchen bedroht sind. Zu diesem Zeitpunkt wurde mir bewusst, dass ich meine Diplomarbeit über dieses Thema schreiben möchte.
Weibliche Genitalverstümmelung ist eine fundamentale Menschenrechtsverletzung! Lange genug hat es gedauert, bis sich diese Meinung auf internationaler Ebene durchgesetzt hatte. Seit 1995 werden nun auch Frauen die unveräußerlichen Menschenrechte auf Leben, Freiheit und Sicherheit gewährt sowie der Schutz vor grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung.
Der Vorwurf des Kulturimperialismus kann meiner Meinung nach definitiv zurückgewiesen werden. Bevor ich begann, mich mit der Thematik intensiv auseinanderzusetzen, hatte ich zwar bereits das Gefühl, dass es richtig und notwendig sei, sich in diesem Fall in fremde Kulturen "einzumischen", konnte dieses Gefühl jedoch nicht stichhaltig begründen. Ich wurde unsicher und fragte mich, ob man nicht doch andere Traditionen, so grausam sie auch scheinen mögen, respektieren müsse und nicht eingreifen dürfe eine Veränderung wird sich dann abzeichnen, wenn die Menschen selbst so weit sind. Ich erkannte jedoch, dass nicht erst mit dem Engagement der Menschen aus der westlichen Welt ein "Stein ins Rollen gebracht wurde", sondern dass es bereits Initiativen von Afrikanerinnen gab, die sich gegen die Verstümmelung von Mädchen und Frauen aussprachen und sich für die Abschaffung dieser Tradition einsetzten. Da es ihnen jedoch an finanziellen Mitteln fehlte, konnten sie sich nicht effizient und organisiert genug gegen dieses Ritual einsetzen. Aus diesem Grund und der Feststellung heraus, dass es sich bei der weiblichen Genitalverstümmelung um Gewalt gegen Frauen und eine Verletzung der universell geltenden Menschenrechte handelt, kann es nur richtig sein, sich gegen die Beibehaltung dieser Tradition auszusprechen auch als nicht betroffene Frau der als Mann! Im Kampf gegen diese Praktik hat jeder seine Aufgabe: die "reichen Länder"
Seite 5
stellen die finanziellen und logistische Unterstützung zur Verfügung, damit die regional Aktiven so effektiv und erfolgreich wie möglich arbeiten können.
Da ich mich in dieser Arbeit nicht an betroffene Frauen wende, die den Begriff "Verstümmelung" als verletzend und erniedrigend empfinden könnten, habe ich bewusst den Terminus "weibliche Genitalverstümmelung" gewählt, da der Ausdruck "weibliche Beschneidung" der teilweise vollständigen Amputation der weiblichen Genitalien in keiner Weise gerecht wird. Weibliche Genitalverstümmelung wird in mindestens 28 afrikanischen Ländern durchgeführt, die sich in einem breiten Band nördlich des Äquators entlang ziehen, sowie in einigen Ländern Südostasiens, Südamerikas und des mittleren Ostens. Aufgrund der "Übermacht" Afrikas und der fehlenden Informationen zu dem Brauch in den anderen Ländern, werde ich meine Ausführungen lediglich auf den afrikanischen Kontinent beziehen.
Ich möchte mit dieser Arbeit keine einseitigen Verurteilungen und undifferenzierte Wertungen vornehmen, weshalb ich die Grundlagen zum Verständnis weiblicher Genitalverstümmelung sowie die Gründe für die Befolgung der Tradition bewusst ausführlich gestaltet habe. Diese jahrtausende alte Tradition ist dermaßen vielschichtig und komplex, dass es, will man der Problematik einigermaßen gerecht werden, nicht mit ein paar knappen Worten getan ist. Im zweiten Kapitel werde ich grundlegende Informationen zum Verständnis der weiblichen Genitalverstümmelung geben. Dies bedeutet neben der grundsätzlichen Definition des Begriffes (Kapitel 2.1) auch einen Blick auf die vermuteten Anfänge und die weitere Entwicklung der Tradition (Kapitel 2.2) sowie die Darstellung der aktuellen Situation in Hinblick auf die geographische Verteilung und das Ausmaß der weiblichen Genitalverstümmelung (Kapitel 2.3). Nicht zuletzt folgt eine Darstellung der Rahmenbedingungen, der Akteure und der Betroffenen (Kapitel 2.4), die für eine sensible Herangehensweise an die Thematik unabdingbar ist. Die Folgen der Operation in Kapitel 2.5 werde ich umfassend gestalten, da diese das Leben einer verstümmelten Frau bestimmen und gestalten. Häufig haben die Frauen ihr gesamtes Leben mit den gravierenden Konsequenzen des Eingriffes zu kämpfen, die ihren Körper, ihre Seele, ihre Sexualität und ihre soziale Integration betreffen und somit die gesamte Lebensqualität der Frauen drastisch beeinträchtigen können. Weibliche Genitalverstümmelung kann nicht pauschalisierend auf eine "patriarchale Unterdrückung der Frauen" zurückgeführt werden. Um die Zusammenhänge begreifen zu können, muss man erkennen, dass der Brauch tief verwurzelt ist im soziokulturellen Gefüge, dem sich die Einzelne nicht entziehen kann. Neben der Funktion zur Kontrolle der weiblichen Sexualität, beschreibe ich in Kapitel 3 das Geflecht aus kulturellen, traditionellen, religiösen, medizinischen und ökonomischen Begründungen, die für die Ausübung und das Fortbestehen dieser Praktik ausschlaggebend sind. In Folge der weltweiten Migration ist die Tradition der weiblichen Genitalverstümmelung längst kein afrikanisches Problem mehr, sondern ist inzwischen auch in allen westlichen Ländern zu finden auch in Deutschland. In Kapitel 4 möchte ich nach einer Darstellung der aktuellen Situation in Deutschland (Kapitel 4.1) den Zusammenhang von Migration und Tradition näher beleuchten (Kapitel 4.2).
Seite 6
Welche Auswirkungen kann das Leben in der Fremde auf die Traditionen haben, die Migrantinnen aus ihrem Herkunftsland mitbringen? Geschieht eine Anpassung an die hiesigen Werte und Normen oder eine bewusste Ablehnung dieser? Diese Fragen führen zum nächsten Punkt, der die Lebenssituation afrikanischer Migrantinnen in Deutschland beschreibt (Kapitel 4.3). Es wird deutlich, dass Migrantinnen mit einer Vielzahl von Problemen zu kämpfen haben, die ihnen den Aufbau einer neuen Existenz in Deutschland massiv erschweren. Ihre Verstümmelung stellt ein Problem unter vielen dar. Diese Erkenntnis ist insbesondere in Bezug auf die präventiven Maßnahmen, die zur Bekämpfung weiblicher Genitalverstümmelung ergriffen werden, von großer Bedeutung. Dass es sich bei dem Brauch nicht um ein "barbarisches Ritual unzivilisierter Völker" handelt, wie viele Menschen der "zivilisierten Welt" urteilen, wird anhand eines Exkurses in die Medizingeschichte des 19. Jahrhunderts nur allzu deutlich (Kapitel 4.4). Auch in Deutschland wurden Klitoridektomien vorgenommen, um Frauen von diversen "Frauenkrankheiten" wie Masturbation, Hysterie und Nervosität zu heilen. Die westliche Medizin ging sogar noch weiter: Entfernungen der Eierstöcke und der Gebärmutter kamen in Mode und auch heute noch werden erschreckend viele Operationen ohne medizinische Indikation an Frauen vorgenommen. Eine Afrikanerin drückte es auf einem Treffen westlicher und afrikanischer Aktivistinnen treffend aus: "Wir beschneiden unsere Frauen nur ihr weidet sie aus." Damit wird weibliche Genitalverstümmelung nicht legitimiert, sondern das Bewusstsein für die eigenen schädlichen Traditionen und Entwicklung geschärft werden, die in der westlichen Welt zumeist viel subtiler verfolgt werden.
Das Kapitel "Intervention" habe ich bewusst dem Kapitel "Prävention" vorangestellt. Begründet darin, dass ich gesetzliche Verbote gegen weibliche Genitalverstümmelung und die Ächtung dieser Praktik als Menschenrechtsverletzung zwar als sehr wichtig erachte, jedoch den Möglichkeiten der Prävention mehr nachhaltigen Erfolg und Veränderung zuspreche. Rechtliche Regelungen müssen getroffen werden, um die Präventionsarbeit zu fundieren, zu legitimieren und diese zu begleiten, die wirkliche Arbeit jedoch leisten die engagierten Menschen vor Ort (Kapitel 5.1). Der Anerkennung der weiblichen Genitalverstümmelung als Menschenrechtsverletzung auf internationaler Ebene (Kapitel 5.2) gebe ich viel Raum, da diese Feststellung eine Wende im öffentlichen Bewusstsein darstellte und somit von fundamentaler Bedeutung war. Nach einer Darstellung der rechtlichen Situation in Afrika und Europa bezüglich der Genitalverstümmelung von Frauen (Kapitel 5.3) wende ich mich der aktuellen Rechtslage in Deutschland zu, welche eine Betrachtung der Strafrechts sowie des zum 1.1.2005 geänderten Asylrechts einschließt (Kapitel 5.4). In Kapitel 6 werde ich nach einer Prüfung von Prävention auf Chancen und Grenzen (Kapitel 6.1), einen Überblick über mögliche präventive Maßnahmen in Afrika und in Europa schaffe (Kapitel 6.2). Ich möchte hierbei nicht zeigen, in welchen Ländern und Regionen welche Methoden zum Tragen kommen, sondern möchte die Vielfältigkeit der Möglichkeiten aufzeigen. AktivistInnen benötigen neben finanziellen Mitteln Mut, Kreativität, Phantasie, Sensibilität, Kenntnisse der lokalen Strukturen sowie viel Fingerspitzengefühl, um die richtigen Maßnahmen zum richtigen
Seite 7
Zeitpunkt am richtigen Ort durchzuführen. Mit der Betrachtung der Arbeit von TERRE DES FEMMES in Kapitel 6.3 wird die praktische Umsetzung der präventiven Maßnahmen deutlich gemacht. Abschließend werde ich eine Methode der Prävention in Deutschland vorstellen: die Einrichtung von Beratungsstellen für AfrikanerInnen. Diese werde ich daraufhin einer kritischen Betrachtung unterziehen (Kapitel 6.4). Bezug nehmend auf die Relevanz der Thematik insbesondere für die Soziale Arbeit, werde ich in Kapitel 7 untersuchen, welche Einsatzmöglichkeiten es für die Soziale Arbeit bei der Bekämpfung weiblicher Genitalverstümmelung in Deutschland geben kann. Voranstellen möchte ich zunächst eine Auseinandersetzung mit dem Arbeitstitel meiner Arbeit (Kapitel 7.1), um im nächsten Kapitel auf potentielle Berührungspunkte einzugehen (Kapitel 7.2). Ein theoretisches Konstrukt für eine gelungene Bekämpfung der Praktik mit Hilfe der Sozialen Arbeit anhand der Gemeinwesenarbeit stelle ich in Kapitel 7.3 vor. Mit einer persönlichen Stellungnahme in der Schlussbetrachtung werde ich meine Arbeit beschließen (Kapitel 8).
Seite 8
2 Grundlagen zum Verständnis weiblicher Genitalverstümmelung
Im folgenden Kapitel werde ich einige grundlegende Informationen über weibliche Genitalverstümmelung darstellen. Zunächst werde ich eine Definition vornehmen, einschließlich der unterschiedlichen Formen der Verstümmelung, um dann die Ursprünge dieser Tradition kurz darzustellen und einen Überblick über die geographische Verteilung und das Ausmaß der Praktik zu geben. des Weitern werde ich die Rahmenbedingungen und den Ablauf der Operation beschreiben und abschließend auf die Folgen für die Mädchen und Frauen eingehen.
2.1 Terminologie und Klassifikation
Laut WHO(3) versteht man unter weiblicher Genitalverstümmelung "jede teilweise oder völlige Beseitigung der äußeren weiblichen Geschlechtorgane oder eine andere Verletzung von weiblichen Geschlechtsorganen, sei es aus kulturellen oder aus anderen nicht-therapeutischen Gründen." (WHO/ UNICEF/ UNFPA(4) 1997: 3) Der Begriff "weibliche Genitalverstümmelung" (auch Female Genital Mutilation, FGM, genannt) löste den lange verwendeten Ausdruck "weibliche Beschneidung" in den 90er Jahren ab. Afrikanische Aktivistinnen hatten die Umbenennung gefordert, da ihrer Meinung nach der Begriff "weibliche Beschneidung" verharmlosend war und der Eingriff somit auf eine Stufe mit der Beschneidung bei Männern gestellt wurde(5). Festzuhalten und zu betonen ist, dass der Eingriff irreparabel ist und mit keinen Mitteln der modernen Chirurgie rückgängig gemacht werden kann. (EKD-TEXTE 1999: 15)
Der Begriff wurde 1990 vom IAC(6) übernommen und kurze Zeit später auch von den Vereinten Nationen. (RICHTER, G. u. P. SCHNÜLL 2003: 16) Neben der Bezeichnung FGM hat sich noch der Begriff Female Genital Cutting (FGC) etabliert, der jedoch in der Literatur viel seltener auftaucht und nur schwer zu übersetzen ist. (PRANGE, A. 2005: 17)
Oftmals wird darauf hingewiesen, dass man im direkten Kontakt mit Betroffenen das Wort "Beschneidung" verwenden sollte, da der Begriff "Verstümmelung" als beleidigend und
____________________
(3) Word Health Organisation (Weltgesundheitsorganisation)
(4) United Nations Population Fund (Bevölkerungsfond der Vereinten Nationen)
(5) Dabei wäre das Pendant zur weiblichen Genitalverstümmelung (die milde Sunna ausgenommen) die teilweise oder vollständige Amputation des Penis.
(6) "Inter-African Committee on Traditional Practices Affecting the Health of Women and Children". Das IAC wurde 1984 in Dakar/Senegal zur Bekämpfung traditioneller Traditionen, die der Gesundheit von Frauen und Kindern schaden, sowie zur gleichzeitigen Erhaltung positiver Traditionen gegründet. (PARMAR, P. u. A. WALKER 1996: 156)
Seite 9
würdigend empfunden werden kann. (RICHTER, G. u. P. SCHNÜLL 2003: 16; F.I.D.E.(7) 2004: 3)
Es existieren unterschiedliche Formen der Verstümmelung, die in unterschiedlichem Ausmaß in unterschiedlichen Ländern vorkommen, worauf ich später noch zurückkommen werde. Diese Klassifikation ist nur als eine Art Richtschnur zu verstehen, da keine einheitliche Terminologie besteht und es zudem noch viel mehr Varianten gibt. (SCHNÜLL, P. 2003: 27)
Ich werde mich im folgenden Abschnitt auf Petra Schnüll (2003: 26ff), Annette Peller (2002: 88ff), Helga Ettenhuber (2000: 20ff) und auf die Text des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche in Deutschland (1999: 15) beziehen(8).
Die milde Sunna
Nur diese Beschneidungsform ist vergleichbar mit der männlichen Beschneidung und könnte als Zirkumzision(9) bezeichnet werden. "Sunna" bedeutet im Arabischen "Tradition" und geht irrtümlich auf die Lehren Mohammeds zurück. Hierbei wird die Vorhaut der Klitoris geritzt, eingestochen oder entfernt. Man kann wohl davon ausgehen, dass dieser Typus extrem selten praktiziert wird. (PELLER, A. 2002: 89)
Die Klitoridektomie (auch Klitorektomie) oder modifizierte Sunna
Die Klitoridektomie umfasst die teilweise oder vollständige Entfernung der Klitoris. (SCHNÜLL, P. 2003: 27) Die Bezeichnung "Sunna" wird von vielen Völkern fälschlicherweise für diese Form der Verstümmelung benutzt, deshalb prägte Hanny Lightfood- Klein
den Begriff der "modifizierten Sunna".
Die Exzision(10)
Hierbei handelt es sich um die teilweise oder vollständige Amputation der Klitoris sowie die teilweise oder vollständige Entfernung der inneren Labien (Schamlippen).
Häufig entsteht bei dieser Form der Verstümmelung ein Narbengewebe, das so groß sein kann, dass es den Introitus(11) verdeckt. (LIGHTFOOD-KLEIN, H. 1996: 49) Eine Variante dieser Form der Verstümmelung stellt die zusätzliche Introcision (Ausschaben von Haut und [...]
____________________
(7) AG F.I.D.E. ist die "Arbeitsgemeinschaft Frauengesundheit in der Entwicklungszusammenarbeit", ein Zusammenschluss von ÄrztInnen, die über berufliche Erfahrungen im Bereich von Gynäkologie und Geburtshilfe in Entwicklungsländern verfügen.
(8) Die Klassifikation der WHO ist wie folgt: Typ I: Exzision der Klitorisvorhaut mit oder ohne Exzision eines Teils oder der ganzen Klitoris; Typ II: Exzision der gesamten Klitoris mit einem Teil oder den kompletten kleinen Schamlippen; Typ III: Infibulation; Typ IV: Bezeichnet die verschiedenen Formen beziehungsweise Variationen der Verstümmelung, welche nicht näher klassifiziert werden können. Auch Formen, die nicht typischerweise unter die Typen I-III fallen, werden dem Typ IV zugerechnet. (Zerm, Ch. 2004: 1) Im Wesentlichen stimmt diese Klassifikation mit der von mir dargestellten überein, ich wollte die verschiedenen Formen jedoch etwas detaillierter darstellen.
(9) Zu lateinisch "circumcidere": "um-, beschneiden". Ringförmige Entfernung der Vorhaut des männlichen Gliedes.
(10) Zu lateinisch "excidere": "herausschneiden". Das Herausschneiden von Gewebe (zum Beispiel einer Geschwulst) aus dem Körper
(11) Zu lateinisch "introire": "hineingehen". Hier: Scheideneingang
Seite 10
Quote paper:
Diplom-Sozialarbeiterin Marion Lenz, 2005, Möglichkeiten der Bekämpfung von Genitalverstümmelung im internationalen und nationalen Kontext, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 25 Pages
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 35 Pages
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 15 Pages
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 25 Pages
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 20 Pages
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Termpaper, 14 Pages
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Script, 46 Pages
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 39 Pages
Marion Lenz's text Möglichkeiten der Bekämpfung von Genitalverstümmelung im internationalen und nationalen Kontext is now available as a printed book
Marion Lenz has published the text Möglichkeiten der Bekämpfung von Genitalverstümmelung im internationalen und nationalen Kontext
Marion Lenz has uploaded a new text
International and National Prosecution of Crimes Under International L...
Current Developments
Horst Fischer, Claus Kreß, Sascha R. Lüder
Unternehmensführung im internationalen Kontext
mit Fallstudien, Übungsaufgabe...
Thomas R. Hummel
Logistik im Kontext internationaler Katastrophenhilfe
Entwicklung eines logistischen...
Philippe Tufinkgi
Mitarbeiterführung im internationalen Kontext
Stand der Forschung und Klassi...
Nadine Ringwald
0 comments