Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Erweiterungen Wolframs und deren humoristische Aspekte 5
2.1 Naturerscheinungen. 5
2.2 Der Falke 8
2.3 Erweiterungen, das Personal betreffend. 10
3. Humoristische Gleichsetzungen von Personen und Tieren. 12
4. Schlussbemerkung. 15
5. Quellen- und Literaturverzeichnis. 16
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1. Einleitung
Welt ir nu hœren war sî komn Au matin ot mout bien negié; Parzivâl der Wâleis? Que froide estoit mout la contree. Von snêwe was ein niwe leis Et Percevaus la matinee des nahtes vast ûf in gesnît. Fu levez si come il soloit, ez enwas iedoch niht snêwes zît, Que querre et ancontrer voloit istz als ichz vernomen hân. Avanture et chevalerie Artûs der meienbære man, Et vint droit an la praerie, swaz man ie von dem gesprach, Qui fu gelee et annegiee,
Ou l’oz le roi estoit logiee. (4162ff 1 ). zeinen pfinxten daz geschach,
odr in des meien bluomenzît (281,10ff 2 ).
In dieser kleinen Synopse sind die einführenden Verse in die Blutstropfenszenen 3 bei Wolframs von Eschenbach Parzival und bei Chrétiens Le Conte du Graal gegenübergestellt. Es ist bekannt, dass Wolfram Chrétien als Quelle benutzt hat. Man weiß aber auch, dass er nicht einfach nur übersetzt hat. „Ungewöhnlich selbstständig geht er mit dem Text Chrétiens um, erweitert ihn, kürzt ihn, erfindet neue Personen, neue Szenen, neue Handlungsmotivationen“ 4 . Bezüglich obiger Szenen stellt sich kurz zusammengefasst der Handlungsablauf bei beiden mittelalterlichen Dichtern wie folgt dar: König Artus hat sich mit seinem gesamten Hof aufgemacht, um den Helden zu finden und an die Tafelrunde zu laden, der mehrere ruhmreiche Ritter geschlagen und an seinen Hof geschickt hatte. Als Artus Gefolgsleute einen fremden Ritter erblicken, der beinahe kontemplativ versunken drei Blutstropfen im Schnee betrachtet, die eine durch einen Falken verwundete Gans hinterlassen hat, machen sich nacheinander drei Ritter auf, um den Fremden zu Artus zu bringen. Nachdem Segramors/Sagremor und Kei/Keu gescheitert sind, gelingt es Gawan/Gauvain durch Abdeckung der Blutstropfen mit seinem Mantel, Parzival/Perceval aus seinem Traum zu reißen und zu Artus zu bringen.
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Die Belegstellen zu Chrétien
2 Die Belegstellen zu Wolframs „Parzival“ beziehen sich auf: Eschenbach, Wolfram von: Parzival. Studienausgabe. Mittelhochdeutscher Text nach der sechsten Ausgabe von Karl Lachmann. Übersetzung von Peter Knecht. Berlin/New York: de Gruyter 1998.
3 Bei Wolfram: Verse 281,12 - 305,8, bei Chrétien: Verse 4162 - 4505.
4 Nellmann, Eberhard: Produktive Missverständnisse. Wolfram als Übersetzer Chrétiens. In: Übersetzen im Mittelalter. Cambridger Kolloquium 1994. Herausgegeben von Joachim Heinzle (=Wolfram-Studien XIV). Berlin: Erich Schmidt 1996. S. 134.
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Auf den ersten Blick scheint diese Handlung bei beiden Autoren gleich zu sein - Bumke 5 stellt sogar fest, dass die Blutstropfenszene für den Handlungsablauf des gesamten Romans entbehrlich sei und sucht daher „die Bedeutung dieser Szene auf einer anderen Ebene“ 6 . Es gibt aber inhaltliche Erweiterungen bei Wolfram, die vor allem der Komik und der Handlungslogik dienen.
Neben den vielen möglichen Untersuchungsansätzen bezüglich der Blutstropfenszene soll in dieser Arbeit im Vordergrund stehen, was den Unterschied der Szenen bei Chrétien und Wolfram ausmacht, denn letztere zeigt das Bedürfnis, „das Geschehen in sich zu verdichten und beziehungsreicher zu machen“ 7 . Und dies verwirklicht er, indem er viele humoristische Elemente in seine Blutstropfenszene einfließen lässt. Dabei können weder die Minneexkurse 8 im Vordergrund stehen, noch die Spielarten des Humors „wie Komik, Groteskes, Burleskes, Sarkasmus oder Witz, Satire, Parodie, Travestie, [und] Schwank“ 9 voneinander beispielhaft abgegrenzt werden 10 . Deren gemeinsames Kennzeichen ist oftmals eine „überraschende, ungewöhnliche Abweichung von einer Erwartung, die In-Frage-Stellung einer Norm“ 11 . Der Humor unterscheidet sich von diesen Kategorien dadurch, dass bei ihm „Diskrepanzen in ein akzeptables, versöhnliches Licht gerückt sind, während [dies] bei den anderen in unterschiedlichen Aggressionsgraden oder überlegenen Distanzierungen präsentiert [wird]“ 12 . Dass Wolfram die Blutstropfenszene wichtig ist, zeigt der gegenüber Chrétien ungefähr auf das doppelte angewachsene Umfang: 343 altfranzösische Verse bei Chrétien stehen 715 mittelhochdeutschen Versen bei Wolfram gegenüber. Dabei sind nicht Wolframs Späße an sich erstaunlich, „sondern daß sie sich dieser ritterlichste und tiefsinnigste Erzähler des deutschen Mittelalters leistet“ 13 .
Zunächst wird auf die humoristischen Erweiterungen eingegangen, welche Naturerscheinungen, Tiere und das Personal der Szene betreffen. Anschließend folgen einige Überlegungen zu verschiedenen Gleichsetzungen zwischen Personen und Tieren, die sich aus
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Bumke, Joachim: Die Blutstropfen im Schnee. Über Wahrnehmung und Erkenntnis im
6 Bumke, J.: Die Blutstropfen im Schnee. S. 1.
7 Wehrli, Max: Wolframs Humor. In: Wolfram von Eschenbach. Hrsg. von Heinz Rupp (=Wege der Forschung 57). Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1966. S. 107.
8 Vgl. zum ‚Frou-Minne-Exkurs’ (291,1-293,16 und 294,1ff): Bumke, J.: Die Blutstropfen im Schnee. S. 122-130.
9 Schweikle, Günther: Humor und Ironie im Minnesang. In: Wolfram-Studien VII. Herausgegeben von Werner Schröder. Berlin: Erich Schmidt Verlag 1982. S. 55.
10 Hier muss verwiesen werden auf: Bertau, Karl: Wolfram von Eschenbach. Neun Versuche über Subjektivität und Ursprünglichkeit in der Geschichte. München: Beck 1983. (Hier: „Versuch über tote Witze bei Wolfram“. S. 60 - 109).
11 Schweikle, G.: Humor und Ironie im Minnesang. S. 55.
12 Schweikle, G.: Humor und Ironie im Minnesang. S. 55.
13 Wehrli, M.: Wolframs Humor. S. 110.
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den Anspielungen Wolframs ergeben. In einer Schlussbemerkung soll der Frage nachgegangen werden, warum Wolfram gegenüber Chrétien die Blutstropfenszene mit komischen Erweiterungen ausgestattet hat.
2. Erweiterungen Wolframs und deren humoristische Aspekte
2.1 Naturerscheinungen
Wie schon in den beiden Textauszügen aus der Einleitung anklingt, gibt es in der Blutstropfenszene Wolframs verschiedene Erweiterungen, die Naturphänomene betreffen. Das auffälligste Wetterphänomen ist der Schneefall, der bei beiden Dichtern zu finden ist, allerdings in unterschiedlicher Bedeutung und Gewichtung. Fast nur beiläufig erwähnt Chrétien, dass Artus auf einer Wiese lagert, auf der am Morgen Schnee liegt, weil das Land sehr kalt gewesen sei: „Au matin ot mout bien negié; / Que froide estoit mout la contree“ (4162f). Der Schneefall selbst hat also keine eigene Bedeutung und soll möglicherweise nur das Bild der Blutstropfen im Schnee vorbereiten. Chrétien geht nicht näher darauf ein, dass der Schnee eigentlich nicht zur Jahreszeit passt. Perceval aber reitet erst, nachdem er wie immer früh aufgestanden ist, auf das Wiesengelände mit dem Lager des Königs, welches gefroren und verschneit ist (Vgl. 4165f). Er scheint also die Nacht zumindest nicht im Schnee verbracht zu haben. Parzival hingegen musste bereits in der Nacht mit der Kälte und dem Neuschnee kämpfen: „von snêwe was ein niwe leis / des nahtes vast ûf in gesnît“ (281,12f). Es ist also Schnee gefallen, „Schnee, der dem lakonischen Kommentar des Erzählers nach gar nicht so recht zum topischen Auftreten des Maienkönigs Artus passen will“ 14 . Der Schneefall wird durch Wolfram mit einer weiteren Bedeutung aufgeladen. Bereits zu Anfang der Szene kündigt sich im Vergleich mit Chrétien eine „Erhöhung des Komisch-Humorvollen“ 15 an. Wolfram wendet sich eigens dem ungewöhnlichen Wetter zu, das für Artus völlig untypisch ist: „ez enwas iedoch niht snêwes zît, / istz als ichz vernomen hân. / Artûs der meienbære man, / swaz man ie von dem gesprach, / zeinen pfinxten daz geschach, / odr in des meien bluomenzît“ (281,14ff). Wolfram erläutert sehr genau, dass alles, was man über König Artus berichtet, eigentlich immer im warmen Frühling geschieht, und macht damit deutlich, dass die Blutstropfenszene in eine besondere Umwelt eingebunden ist. Wolfram schafft dafür sogar
14 Möhren, Markus: der snê dem bluote wîze bôt. Die Blutstropfenszene als Beispiel symbolisch-verdichtenden Erzählens in Wolframs ‚Parzival’. In: Als das wissend die meister wol. Beiträge zur Darstellung und Vermittlung von Wissen in Fachliteratur und Dichtung des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Walter Blank zum 65. Geburtstag. Herausgegeben von Martin Ehrenfeuchter und Thomas Ehlen. Frankfurt am Main u.a: Lang 2000. S. 155.
15 Johnson, Peter L.: Die Blutstropfenepisode in Wolframs ‚Parzival’: Humor, Komik und Ironie. In: Gärtner, Kurt (Hg.): Studien zu Wolfram von Eschenbach. Tübingen: Niemeyer 1989. S. 310.
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Arbeit zitieren:
David Hohm, 2007, Die 'Blutstropfenszene' im Parzival, München, GRIN Verlag GmbH
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