„Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten, und du sollst ihn lieben wie dich selbst.“ Lev. 19, 34a 1
1 Alle Bibelzitate stammen, sofern nicht anders erwähnt, aus der im Literaturverzeichnis aufgeführten Einheitsübersetzung der Bibel
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
INHALTSVERZEICHNIS 3
ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS 5
ABBILDUNGSVERZEICHNIS 6
EINLEITUNG 7
1. KLÄRUNG DER TRAGENDEN BEGRIFFE 10
1.1 KIRCHLICHE KINDER- UND JUGENDARBEIT 10
1.1.1 Innerkirchliche Kinder- und Jugendarbeit 10
1.1.2 Kirchliche Kinder- und Jugendsozialarbeit 10
1.1.3 Verhältnis zur Sozialen Arbeit 11
1.2 FAMILIEN MIT MIGRATIONSHINTERGRUND 11
1.3 DER KULTURBEGRIFF 12
1.4 MULTIKULTURALITÄT UND INTERKULTURALITÄT 12
1.5 INTERKULTURELLE ÖFFNUNG 13
1.6 INTERKULTURELLE KOMPETENZ 13
2. LEBENSBEDINGUNGEN VON KINDERN UND JUGENDLICHEN AUS FAMILIEN
MIT MIGRATIONSHINTERGRUND 15
2.1 WIRTSCHAFTLICHE LAGE DER FAMILIEN 15
2.2 WOHNSITUATION 16
2.3 DAS FAMILIÄRE NETZWERK 17
2.4 FREIZEIT 18
2.5 BILDUNG 19
2.6 DISKRIMINIERUNGS- UND BENACHTEILIGUNGSERFAHRUNGEN 21
2.7 HERAUSFORDERUNGEN FÜR DIE IDENTITÄTSENTWICKLUNG 23
3. BEGRÜNDUNG DER INTERKULTURELLEN AUSRICHTUNG KIRCHLICHER
KINDER- UND JUGENDARBEIT 25
3.1 KIRCHLICHES SELBSTVERSTÄNDNIS 25
3.1.1 Sozialer Auftrag 25
3.1.2 Religiöser Auftrag 27
3.2 INTEGRATIONSLEISTUNG INTERKULTURELL KOMPETENTER
KINDER- UND JUGENDARBEIT 27
3.2.1 Auseinandersetzung mit Sinnfragen 28
3.2.2 Religiöse Beheimatung 29
3.2.3 Gelebte Normen und Werte 31
3.2.4 Respekt vor Andersgläubigen 32
4. SCHWIERIGKEITEN DER ZUGÄNGLICHKEIT KIRCHLICHER ANGEBOTE FÜR
KINDER UND JUGENDLICHE AUS FAMILIEN MIT MIGRATIONSHINTERGRUND. 33
4.1 RELIGIONSKONFLIKT 33
4.1.1 Absolutheitsanspruch 33
4.1.2 Fundamentalismus 35
4.1.3 Reaktionsformen kirchlicher Kinder- und Jugendarbeit auf die veränderte
gesellschaftliche Situation 36
4.2 VORURTEILE 37
4.2.1 Entstehung 37
4.2.2 Funktion 38
3
Inhaltsverzeichnis
4.2.3 Folgen 39
4.2.4 Denkbare Vorurteile in kirchlichen Kinder- und Jugendgruppen 40
4.3 HOCHSCHWELLIGE ANGEBOTSSTRUKTUR IN DER JUGENDARBEIT 41
4.3.1 Thematische Orientierung 42
4.3.2 Gruppenorientierung 42
4.4 JUNGSCHAR - DIE KLASSISCHE FORM KIRCHLICHER KINDERARBEIT 44
4.4.1 Was ist Jungschar? 44
4.4.2 Erfolg trotz thematischer und gruppenzentrierter Orientierung? 45
4.4.3 Mögliche Schließungsmechanismen 46
5. BEISPIELE INTERKULTURELLER
KIRCHLICHER KINDER- UND JUGENDARBEIT 47
5.1 HAUSAUFGABENHILFE UND MITTAGSTISCH IN DER EVANGELISCH-METHODISTISCHEN
KIRCHE IN DER STADT K 47
5.2 JUGENDHAUS NORD DES CVJM ESSLINGEN 49
6. WICHTIGE ASPEKTE ZUR UMSETZUNG INTERKULTURELLER KOMPETENZ IN
DER KIRCHLICHEN KINDER- UND JUGENDARBEIT 52
6.1 TRANSPARENZ 52
6.2 UMGANG MIT ANDEREN RELIGIONEN 53
6.2.1 Neues Verständnis des religiösen Auftrags 53
6.2.2 Religiöse Begegnung mit Kindern und Jugendlichen 55
6.3 BEDARFSGERECHTE ANGEBOTSGESTALTUNG 56
6.4 PERSONELLE ASPEKTE 58
6.5 UMGANG MIT VORURTEILEN 59
SCHLUSSWORT 62
LITERATURVERZEICHNIS 63
4
Abb. Abbildung Apg. Apostelgeschichte (Bibel) Bd. Band
bspw. beispielsweise bzgl. bezüglich bzw. beziehungsweise
CVJM Christlicher Verein junger Menschen e.V. d.h.
ebd. EMK EKD Evangelische Kirche in Deutschland etc. et cetera f
ff hg. Hrsg. IGLU Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung Kap. Kapitel Lev. Levitikus (Bibel: 3. Buch Mose)
m.E. meines Erachtens o.ä.
OECD Development
PIRLS Progress in International Reading Literacy Study-
PISA sog. sogenannt SS
u.a. usw. vgl.
WS z.B. 5
Abb. 1 (S.20) Bildungsbeteiligung im Schuljahr 2004/2005 in Baden-
Abb.2 (S.44) Grafisches Gebilde einer Jungschar
Problemstellung / Anlass
Mit dem Caritas-Verband und der Diakonie stellen die beiden großen christlichen Kirchen die stärksten Wohlfahrtsverbände Deutschlands. Daneben bieten
Kirchengemeinden sowohl der beiden Amtskirchen als auch verschiedener Freikirchen eine große Bandbreite an Gruppen für Kinder und Jugendliche an. Sehr häufig befinden sich kirchliche Treffpunkte in Stadtgebieten mit vielen sozial benachteiligten Familien und einem hohen Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund. Trotzdem erreicht das Angebot nicht selten nur solche Kinder und Jugendliche, deren Familien in der Kirchengemeinde integriert sind. Sicherlich gibt es Ausnahmen, doch im Großen und Ganzen spiegeln die NutzerInnen der kirchlichen Angebote nicht den Stadtteil wieder, in dem sich die Kirche befindet. Gerade wenn sich Soziale Arbeit verstärkt am Sozialraum orientieren möchte, geht dabei eine wichtige Ressource verloren.
Eigener Zugang
Das oben angesprochene Problem ist mir u.a. in meiner Jungschararbeit aufgefallen. Die Familien der besuchenden Kinder sind in der Regel Kirchenglieder. Allenfalls bringen die Kinder außenstehende FreundInnen mit. Im Widerspruch hierzu steht das Stadtviertel, in dem sich die Kirche befindet. In der näheren Umgebung der Kirche wohnen viele Familien mit Migrationshintergrund, trotzdem kam es bisher kaum zu Kontakten. Während meiner mehrjährigen Erfahrung in der Leitung verschiedener anderer kirchlicher Gruppen für Kinder und Jugendliche habe ich öfters ähnliche Beobachtungen gemacht. Nur selten erlebte ich Gruppen, in denen auch Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund vertreten waren. Im WS 06/07 sowie SS 07 nahm ich im Rahmen meines Studiums am Projekt „Interkulturelle Sozialarbeit im Austausch der Regionen Istanbul und mittlerer Neckarraum“ teil. Hierbei beschäftigte ich mich verstärkt mit dem Thema „Erziehung im Islam“. Dabei interessierte mich u.a., ob für Gruppen in der Sozialen Arbeit bestimmte Herausforderungen durch die Begegnung mit muslimischen Familien entstehen. In dieser Bachelorarbeit möchte ich die hier gemachten Erkenntnisse weiter vertiefen und auf kirchliche Gruppenangebote erweitern.
Gesellschaftliche und wissenschaftliche Relevanz
Sozialraumorientierung ist ein Strukturelement lebensweltorientierter Sozialer Arbeit. 2 Soziale Arbeit soll im Stadtteil stattfinden und dessen Ressourcen nutzen. Die kirchlichen Angebote für Kinder und Jugendliche stellen vielerorts solch eine mögliche Ressource dar bzw. könnten als solche genutzt werden, wenn Schließungsmechanismen überwunden würden. Stadtteile, in denen gehäuft Familien unter sozial benachteiligten Bedingungen leben, weisen aufgrund schlechter Integrationsbedingungen 3 in Deutschland in der Regel einen hohen Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund auf. Die Entwicklung einer interkulturellen Kompetenz in den Kirchengemeinden ist gerade in diesen Stadtteilen sehr wichtig.
Sicherlich gibt es eine Reihe von Ausarbeitungen zum Thema interkulturelle Kompetenz, interkulturelles Lernen etc., allerdings ist die Übertragung auf kirchliche Kinder- und Jugendarbeit wissenschaftlich bisher kaum erarbeitet. Für die Entwicklung interkultureller Kompetenz in Kirchengemeinden, sollte dieser Themenbereich wissenschaftlich mehr beleuchtet werden, damit entsprechende Konzepte und
2 vgl. Althaus SS 2007, Folie 31 ff
3 vgl. Kapitel 2
7
Fortbildungsangebote entwickelt werden können. Die vorliegende Bachelorarbeit beleuchtet Schließungsmechanismen und stellt am Ende Aspekte heraus, die bei Konzept- und Fortbildungsentwicklungen beachtet werden sollten.
Erkenntnisinteresse / Ziele der Arbeit
Mit der vorliegenden Arbeit möchte ich darstellen, wie Kirchen Schließungsmechanismen überwinden und sich für Kinder und Jugendliche aus Familien mit Migrationshintergrund öffnen können. Somit würden sie zu einem wichtigen Partner der Sozialen Arbeit bzw. könnten selbst professionelle Kinder- und Jugendarbeit anbieten. Hierzu sind folgende erkenntnisleitende Fragen von Bedeutung:
Unter welchen Lebensbedingungen leben Kinder und Jugendliche mit
Wieso sollten sich Kirchen überhaupt für diese Zielgruppe öffnen? Was
Welche Schließungsmechanismen verhindern für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund den Zugang zu kirchlichen Angeboten? Wie kann eine Kirche fremden Kulturen und Religionen begegnen, um sich für die genannte Zielgruppe zu öffnen?
Welche Aspekte sollte kirchliche Arbeit beachten, wenn sie sich interkulturell öffnen möchte?
Eingrenzungen
Im Mittelpunkt der Ausarbeitung steht die Öffnung für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund. Am Ende kann kein allgemeingültiges Konzept zur interkulturellen Öffnung kirchlicher Kinder- und Jugendarbeit stehen. Die Gegebenheiten in den verschiedenen Kirchen und Stadtteilen sind zu unterschiedlich, als dass sie hinreichend allgemeingültig beschrieben werden könnten. Stattdessen sollen wie bereits erwähnt die Aspekte herausgestellt werden, die grundsätzlich bei der Entwicklung einer interkulturellen Kompetenz in kirchlicher Kinder- und Jugendarbeit von Bedeutung sind und in die Entwicklung von Konzepten und Fortbildungsangeboten einfließen sollten. Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund haben häufig einen anderen religiösen Hintergrund als MitarbeiterInnen und die üblichen NutzerInnen der kirchlichen Kinder- und Jugendarbeit. Auf jede mögliche religiöse Erscheinung einzugehen würde den Rahmen der Arbeit sprengen. Im Speziellen beschränke ich mich daher auf das Verhältnis von Christentum und Islam, da Kinder und Jugendliche mit muslimischem Hintergrund einen Großteil der genannten Zielgruppe stellen. Ebenso beziehe ich mich insbesondere auf die Lage von türkischstämmigen Kindern und Jugendlichen, da ihre Familien den größten Teil der zugewanderten Bevölkerung in Deutschland stellen. Bezüglich der Kirchen spreche ich sowohl von Freikirchen als auch von den beiden Amtskirchen. Ich gehe nicht auf die Strukturen und Besonderheiten in den einzelnen Kirchen ein.
Arbeitsweise
Bei der Ausarbeitung stütze ich mich vor allem auf Literatur aus dem Bereich interkulturelles Lernen und interkulturelle Kompetenz. Dabei untersuche ich diese auf die Übertragbarkeit auf die kirchliche Kinder- und Jugendarbeit. Illustrativ ziehe ich zwei Interviews mit Einrichtungen kirchlicher Kinder- und Jugendsozialarbeit heran. Ebenso
8
werden Ergebnisse aus oben erwähnter Projektarbeit mit einbezogen, beispielsweise Auszüge aus einem Interview, das ich seiner zeit mit muslimischen Jugendlichen führte.
Aufbau
Im ersten Kapitel werden zunächst die tragenden Begriffe präzisiert und definiert, die für das weitere Verständnis der Arbeit von Bedeutung sind. Im zweiten Kapitel geht es um die Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen aus Familien mit Migrationshintergrund. Dabei stehen solche Familien im Vordergrund, die mit sozial benachteiligten Bedingungen umgehen müssen. Die Lebensbedingungen äußern sich in der jeweiligen wirtschaftlichen Lage, der Freizeitgestaltung und Bildung. Hier gibt es viele Parallelen zu deutschen Familien in ähnlichen Verhältnissen. Daneben gibt es jedoch weitere Besonderheiten, die sich durch den Migrationshintergrund ergeben. Kinder und Jugendliche aus zugewanderten Familien sind stärker von Diskriminierungs- und Benachteiligungserfahrungen betroffen. Insgesamt ergeben sich besondere Herausforderungen für Kinder und Jugendliche aus Familien mit Migrationshintergrund.
Im dritten Kapitel wird aufgezeigt, dass Sozialraumorientierung nicht das einzige Argument ist, das die Notwendigkeit der interkulturellen Öffnung von Kirchen begründet. Die Öffnung lässt sich zum einen vom kirchlichen Selbstverständnis her begründen. Zum anderen muss sich kirchliche Kinder- und Jugendarbeit der Frage stellen, welchen Wert ihr Einsatz für die AdressatInnen eigentlich überhaupt hat. In der kirchlichen Kinder- und Jugendarbeit können verschiedene Schließungsmechanismen verhindern, dass Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund die Ressourcen der kirchlichen Arbeit zur Verfügung stehen. Hierum geht es im vierten Kapitel. Kinder- und Jugendliche aus Familien mit Migrationshintergrund haben häufig einen anderen religiösen Hintergrund. Fast jede Religion beansprucht von der Lehre her, die einzig Wahre zu sein. Kirchliche Kinder- und Jugendarbeit konfrontiert diese Zielgruppe somit mit einem anderen Absolutheitsanspruch als dem in der Familie vertretenen. Doch nicht der Absolutheitsanspruch an sich stellt den Konflikt dar, wenn er auch die Grundlage hierzu bildet. Der Konflikt begründet sich in der Hauptsache dort, wo Toleranz- und Dialogfähigkeit Mangelware sind. Religion ist jedoch nicht das einzige Hindernis, das der interkulturellen Öffnung von Kirchengemeinden im Weg steht. Ebenso können Vorurteile oder eine hochschwellige Angebotsstruktur den Zugang erschweren.
Das fünfte Kapitel zeigt Beispiele auf, bei denen Kirchen den Versuch gestartet haben, sich über die eigenen Grenzen hinaus zu öffnen und sozialarbeiterische Angebote entwickelt haben. Soziale Arbeit meint bei diesen Angeboten solche, die auf die auf die sozialen Bedürfnisse der Zielgruppe eingehen und Hilfestellung zur Überwindung sozialer Benachteiligung geben. Aufgezeigt wird dies sowohl anhand eines ehrenamtlichen (Hausaufgabenhilfe der evangelisch-methodistischen Kirche K.) als auch anhand eines hauptamtlich (Jugendhaus Nord des CVJM Esslingen) betreuten Angebots. Als Ergebnis der vorangegangenen Kapitel werden im sechsten Kapitel schließlich Aspekte erarbeitet, die bei der Umsetzung interkultureller Kompetenz in konkreten Konzepten, Angeboten und Strukturen beachtet werden sollten. Hierzu gehört ein entsprechend transparenter Umgang mit Religion. Daneben muss die Arbeit bedarfsgerecht gestaltet werden. Es ist des Weiteren zu überlegen, ob die Einsetzung professioneller Mitarbeitender notwendig ist oder die Fortbildung ehrenamtlicher genügt. Ebenso gilt es, eventuell bestehende Vorurteile zu erkennen und ihnen angemessen zu begegnen.
9
1.1 Kirchliche Kinder- und Jugendarbeit
Kirchliche Kinder- und Jugendarbeit bezeichnet im Allgemeinen Angebote von Kirchen an Kinder und Jugendliche. In der vorliegenden Arbeit bezeichnet dieser Begriffin Abgrenzung zu Angeboten der kirchlichen Wohlfahrtsverbände- solche Angebote, die Kirchengemeinden als Träger haben. Kirchliche Kinder- und Jugendarbeit findet auf verschiedenste Weise statt. Zum einen kann sie sich stark innerkirchlich konzentrieren oder Kinder- bzw. Jugendsozialarbeit leisten.
1.1.1 Innerkirchliche Kinder- und Jugendarbeit
Innerkirchliche Kinder- und Jugendarbeit bezeichnet solche Angebote von Kirchen, die vorrangig Kinder und Jugendliche aus Mitgliederfamilien erreicht. In der Regel stammen sie aus Familien mit mittlerem bzw. höherem Bildungsniveau. Aufgrund von Gruppenzentriertheit und thematisch starker Ausrichtung auf den christlichen Glauben sind diese Angebote für Kinder- und Jugendliche aus bildungsfernen Schichten mit/ohne Migrationshintergrund kaum zugänglich. 4 Dazu gehören Angebote wie Jungscharen, Teeny- oder Jugendkreise. 5
1.1.2 Kirchliche Kinder- und Jugendsozialarbeit
Der Begriff kirchliche Kinder- und Jugendsozialarbeit setzt sich aus mehreren Komponenten zusammen: Kinder- bzw. Jugendsozialarbeit und kirchlich. Zunächst soll geklärt werden, was unter Jugendsozialarbeit im Allgemeinen zu verstehen ist:
Bei kirchlicher Jugendsozialarbeit findet diese im kirchlichen Rahmen statt. Meist handelt es sich um offene Angebote (Jugendhaus, Mittagstisch etc.). Denkbar sind aber auch andere Formen von Jugendhilfe.
Der Begriff kirchliche Kindersozialarbeit bezieht sich parallel hierzu auf Kinder. Dabei sind Angebote gemeint, die besonders für Kinder aus sozial benachteiligten Schichten offen sind (bspw. Öffnungszeiten eines Jugendhauses für Kinder, Errichtung eines Kinderhauses, Hausaufgabenhilfe etc.). In der vorliegenden Arbeit bezieht sich der Begriff insbesondere auf Kinder ab dem Schulalter.
Kirchlich meint in diesem Zusammenhang sowohl Angebote der beiden großen Amtskirchen als auch solche von Freikirchen. Freikirchen sind von den Amtskirchen unabhängige christliche Gemeinschaften. In ihnen findet sich das gesamte denkbare theologische Spektrum (liberal, konservativ, fundamentalistisch etc.) wieder. Sie zeichnen sich gegenüber den Amtskirchen durch eine recht hohe Verbindlichkeit nahezu aller Mitglieder aus, da die Mitgliedschaft erst zu einem Zeitpunkt eingegangen wird, an dem
4 vgl. Kap. 4.3
5 vgl. Bäumler u.a. 1994, 71; Friese u.a. 2001, 7 - Auch Müssig beschreibt diese schwierige Zugänglichkeit im Interview
6 Faltermeier, 530
10
über sie eigenständig und bewusst entschieden werden kann (Freiwilligkeitsprinzip). Amtskirchen und ein Großteil der Freikirchen arbeiten auf verschiedenen Ebenen zusammen (z.B. ACK - Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Deutschland). 7
1.1.3 Verhältnis zur Sozialen Arbeit
Zwischen innerkirchlicher Kinder- und Jugendarbeit und der Sozialen Arbeit bestehen in der Regel wenig Berührungspunkte. Die Leitung kirchlicher Gruppen übernehmen meist ehrenamtlich arbeitende Kirchenmitglieder oder kirchliche Angestellte. Im Gegensatz hierzu steht kirchliche Kinder- und Jugendsozialarbeit in einem engeren Bezug zur Sozialen Arbeit. Oft haben die hier Angestellten sogar einen sozialarbeiterischen Hintergrund. Somit besteht hier schon allein aus der personellen Besetzung ein Bezug zur Sozialen Arbeit. Zum anderen sind die Angebote häufig in das soziale Netzwerk der Stadt eingebunden. Zusammenarbeit findet mit Schule, Sozialem Dienst und anderen sozialarbeiterischen Einrichtungen statt.
Im Rahmen der Sozialraumorientierung als einer Strukturmaxime
lebensweltorientierter Sozialer Arbeit besteht ein weiterer möglicher Berührungspunkt zwischen kirchlicher Kinder- und Jugendarbeit und Sozialer Arbeit. Ziel von Sozialraumorientierung „ist die verstärkte Einbindung und Aktivierung vorhandener sozialer Infrastruktur und informeller Netzwerke bei gleichzeitiger Berücksichtigung der Lebenswelt der Adressatinnen und Adressaten.“ 8 Auch innerkirchliche Kinder- und Jugendarbeit kann als Ressource im Stadtteil genutzt werden. Dazu müssen diese Angebote so gestaltet sein, dass für Kinder und Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund aus sozial benachteiligten Familien Zugang besteht. Die Bezeichnung „innerkirchlich“ wäre in diesem Fall dann nicht mehr passend. Kirchliche Kinder- und JugendmitarbeiterInnen können sowohl als ehrenamtliche als auch als hauptamtliche Mitarbeitende in Stadtteilgremien mitwirken und so aktiv den Sozialraum mitgestalten.
1.2 Familien mit Migrationshintergrund
Viele der einst zugewanderten Familien in Deutschland sind schon über 20 Jahre hier ansässig. Teilweise leben diese Familien bereits in der zweiten oder gar dritten Generation in Deutschland. Man kann davon ausgehen, dass 2/3 der Kinder aus den zugewanderten Familien in Deutschland geboren sind. 9 Trotzdem:
Die Ausgrenzung, die von dem Begriff „Ausländer“ ausgeht 11 , bezieht sich nicht nur auf die Nachkommen der ehemaligen GastarbeiterInnen, es gilt ebenso für alle anderen in Deutschland lebenden einst zugewanderten Familien. Um einer solchen Ausgrenzung entgegenzuwirken, möchte ich in der vorliegenden Arbeit mit dem Begriff Migrationshintergrund arbeiten.
7 vgl. Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Freikirche (Stand:10.09.2007)
8 vgl. Deutscher Verein der öffentlichen und privaten Fürsorge: http://www.deutscher-verein.de/03-events/2007/gruppe2/F283 (Stand 18.09.07)
9 vgl. Böhm u.a. 1999, 21; Lang-Kway u.a. 2006, 26; Braun 2002, 644
10 Böhm u.a. 1999, 36
11 vgl. Lang-Kway u.a. 2006, 25
11
1.3 Der Kulturbegriff
Die jeweilige Kultur gibt der/dem Einzelnen Handlungssicherheit und Orientierung im Alltag. Sie nimmt bedeutenden Einfluss auf die Identitätsbildung von Kindern und Jugendlichen. Sie umfasst das ganze Leben eines Menschen, prägt ihn u.a. im Denken, sowie in der Art und Weise der Deutung von Situationen und Begriffen. 12
Eine eindeutige Definition von Kultur ist dennoch schwierig. Das Konzept des interkulturellen Lernens geht davon aus, dass Kulturen voneinander unterschieden werden können, ansonsten würden Fragen nach dem WIE des Umgangs miteinander überflüssig werden. Kultur kann aber nur bedingt an Ethnie, Sprache, Wertesystem etc. festgemacht werden. In unterschiedlichen Lebenszusammenhängen gelten jeweils andere Normen, Werte etc.. 13
Nieke definiert Kultur allgemein als „die Gesamtheit der kollektiven Deutungsmuster einer Lebenswelt.“ 14 Kulturunterschiede bestehen in erster Linie nicht aufgrund ethnischer Herkunft. Auch innerhalb eines Staates gibt es mehrere Kulturen (Teilkulturen, Subkulturen, Milieus, Lebenswelten). 15 Menschen leben selbst innerhalb von Landesgrenzen niemals gleich. Das Leben eines Hartz IV-Empfängers, der in einem dichtbesiedelten Wohngebiet wohnt, in dem sich soziale Benachteiligung häuft, ist nicht vergleichbar mit dem einer Anwältin aus einem Wohngebiet mit Einfamilienhäusern. 16 Genauso wenig das kulturelle Leben von in Fanclubs organisierten Fußballfans und OpernbesucherInnen.
Verschiedene Kulturen sind nicht streng voneinander abgegrenzt, sondern beeinflussen sich gegenseitig. Man kann dies auf die Kurzformel bringen: „Kulturen prägen Menschen und Menschen prägen Kulturen.“ 17 Dabei ist Kultur nichts Statisches, sondern entwickelt sich unentwegt weiter.
Kulturstandards beschreiben „das typische kulturelle Orientierungssystem einer Kultur.“ 18 Dabei wird davon ausgegangen, dass dieses System, das bestimmte Denk- und Handlungsweisen beinhaltet, von allen Mitgliedern mitgetragen wird. 19 Die Vielfalt und Individualität des Einzelnen wird aber nicht berücksichtigt. Trotzdem ist es natürlich unumgänglich gewisse Vereinbarungen zu treffen, die ein Miteinander ermöglichen. In Deutschland sind solche grundlegenden Übereinkünfte u.a. im Grundgesetz beschrieben, an das sich jeder in Deutschland Lebende zu halten hat.
1.4 Multikulturalität und Interkulturalität
Die Begriffe multikulturell und interkulturell werden in der Praxis schnell ohne ausreichende Abgrenzung miteinander in Verbindung gebracht. In den beiden Begriffsbestandteilen „multi-“ und „inter-“ stecken jedoch unterschiedliche Bedeutungen, die Gogolin u.a. wie folgt definieren:
„Mit dem Begriffsbestandteil ‚multi...’ wird nach weitgehender Übereinkunft eine beschreibende Perspektive eingenommen, während in ‚inter...’ eine programmatische Dimension mitschwingt.[...]“ 20
12 vgl. Böhm u.a. 1999, 29 ff
13 vgl. Arbeitskreis Interkulturelles Lernen 2001, B-10
14 Nieke zitiert in: Arbeitskreis Interkulturelles Lernen 2001, B-10
15 vgl. Arbeitskreis Interkulturelles Lernen 2001, B-10
16 vgl. Böhm u.a. 1999, 34
17 vgl. Arbeitskreis Interkulturelles Lernen 2001, B-7
18 Lang-Kway u.a. 2006, 14
19 vgl. Arbeitskreis Interkulturelles Lernen 2001, B-9
20 Gogolin u.a. 2006, 110
12
Bezüglich Multikulturalität „geht es [...] darum, eine kulturell und sprachlich plurale Lage mit ihren Chancen und Risiken überhaupt als solche wahrzunehmen.“ Hingegen meint Interkulturalität „ [...] theoretische und praktische Ansätze zu ihrer Bewältigung - mit Blick auf Spannungsfelder, aber gleichermaßen auf die Ressourcen und Potenziale der Pluralität.“ 21
1.5 Interkulturelle Öffnung
„Eine interkulturelle Öffnung ist die notwendige Reaktion unserer Gesellschaft und all ihrer Institutionen auf die multikulturelle Zusammensetzung unseres Gemeinwesens. Öffnung bedeutet zunächst ganz elementar, dass diese Gesellschaft offen ist für Einwanderung und ihre Institutionen für alle hier lebenden Menschen öffnet. Öffnung impliziert aber auch, von Migrantinnen nicht eine bedingungslose Anpassung [...] zu fordern. Öffnung heißt [...] offen zu sein für eine kritische und konstruktive Auseinandersetzung über Unterschiede und Gemeinsamkeiten, um darin notwendige gesellschaftliche Übereinkünfte immer wieder neu zu bestimmen. Jede Gesellschaft ist - wenn wir Kultur nicht nur ethnisch definieren- auch schon ohne Migration multikulturell und muss daher interkulturell geöffnet werden.“ 22
Kirchen sind Institutionen innerhalb der Gesellschaft. Interkulturelle Öffnung ist somit auch für sie notwendig um den Bedürfnissen einer multikulturellen Gesellschaft gerecht werden zu können. Interkulturelle Öffnung kirchlicher Angebote für Kinder und Jugendliche aus Familien mit Migrationshintergrund meint somit bestimmte theoretische und praktische Ansätze, wie ein multikultureller Zugang ermöglicht und Schließungsmechanismen abgebaut werden können. 23
1.6 Interkulturelle Kompetenz
In der Fachwelt besteht kein genereller Konsens darüber, was unter interkultureller Kompetenz zu verstehen ist. Die folgende Definition von Simon-Hohm fasst den weitgehensten gemeinsamen Konsens zusammen:
„Interkulturelle Kompetenz beschreibt Kenntnisse, sowie Fähigkeiten und Fertigkeiten, die für kompetentes Handeln in einer Einwanderungsgesellschaft benötigt werden. Interkulturelle Kompetenz beinhaltet ein komplexes Bündel von (Teil-) Kompetenzen, die Reflexionsvermögen und Handlungsfähigkeit in kulturellen Überschneidungssituationen ermöglichen.“ 24
Interkulturelle Öffnung und interkulturelle Kompetenz sind direkt voneinander abhängig. Interkulturelle Öffnung kann nur geschehen, wo AkteurInnen über interkulturelle Kompetenz verfügen. Andererseits braucht interkulturelle Kompetenz interkulturelle Öffnung um sich (weiter) zu entwickeln. 25 Interkulturelle Kompetenz wird nicht nur in formellen Fort- und Ausbildungsprozessen erworben, sondern gerade auch im Alltag. Dieser bietet eine Vielzahl an multikulturellen Erfahrungs- und Kontaktmöglichkeiten. Auernheimer nennt die so erworbenen Kompetenzen „interkulturelle Alltagspraxis“ 26 .
21 Gogolin u.a. 2006, 110
22 vgl. Arbeitskreis Interkulturelles Lernen 2001, A-3
23 vgl. Kap. 6 zum Abbau von Schließungsmechanismen als kirchliche Aufgabe
24 Simon-Hohm 2004, 91
25 vgl. Simon-Hohm 2004, 91
26 Auernheimer 1994 in Simon-Hohm 2004, 91
13
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Rebecca Brohm, 2007, Wenn Vladimir und Aysche in die Kirche gehen... - Überlegungen zur Entwicklung interkultureller Kompetenz für die kirchliche Kinder- und Jugendarbeit, Munich, GRIN Publishing GmbH
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