Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis II
1. Einleitung 1
2. Periphrasen 3
2.1. Was sind Periphrasen? 3
2.2. Periphrastisches Inventar der spanischen Sprache 5
2.2.1. Partizipialperiphrasen 6
2.3. Zusammenfassung 8
3. Wodurch lassen sich die beiden Periphrasen voneinander unterscheiden? 8
3.1. Syntaktische Kriterien 9
3.1.1. Trennbarkeit von Auxiliar und Auxiliado 9
3.1.2. Erweiterbarkeit der Partizipialform 11
3.1.3. Herauslösbarkeit der Fügung als Relativsatz 13
3.1.4. Erfragbarkeit der Fügung bzw. ihrer Bestandteile 14
3.1.4.1. Einfache Interrogation 14
3.1.4.2. Interrogation Qué Auxiliar hecho? 15
3.1.4.3. Interrogation mit Cómo? ohne Partizip 15
3.1.5. Objekt- und Subjektwahl 16
3.2. Paradigmatische Kriterien 19
3.2.1. Substitution der gesamten Periphrase 19
3.2.1.1. Substitution des Partizips durch ein Adjektiv 20
3.3. Semantische Kriterien 21
3.3.1. Die Nicht-Ableitbarkeit der Periphrase 22
3.3.2. Auxiliarität und Bleaching 23
3.3.3. Aspektualität 26
3.3.3.1. Durativer Aspekt 28
3.3.3.2. Resultativer Aspekt 28
3.3.3.3. Iterativer - wiederholender Aspekt 29
3.4. Zusammenfassung 30
4. Grammatikalisierung 31
4.1. Die Ebenen der Grammatikalisierung 33
4.2. Verfahren zur Ermittlung des Grammatikalisierungsgrades 37
4.2.1. Die Anwendbarkeit des Verfahrens von Lehmann
auf die beiden Periphrasen 41
4.3. Zusammenfassung 46
5. Schlussbetrachtung 46
Literaturverzeichnis III
II
1. Einleitung
Aufgrund einer Familienfeier hatte ich einige Einladungen zu schreiben. Im Laufe des Abends fragte mich meine Freundin, eine spanische Muttersprachlerin: ¿Cuántas invitaciones ya tienes escritas? Ich antwortete, dass es dreißig seien. In Gedanken dachte ich über ihre Frage nach. Warum hat sie statt zum Pretérito Perfecto Compuesto zu einer Konstruktion mit tener + Perfektpartizip gegriffen? Angetrieben von meiner Neugier stellte ich sie zur Rede und wollte von ihr wissen, warum sie ihre Wahl so traf und, was sie genau mit der Konstruktion ausdrücken wollte. Sie verstand mein Problem nicht, weil es ihrer Ansicht nach keinen Unterschied mache, ob Pretérito Perfecto Compuesto oder eine Konstruktion mit tener + Perfektpartizip gebraucht wird. Ich beließ es bei ihren Ausführungen und beschloss, in Grammatiken nach Antworten zu suchen. Mir wollte nicht einleuchten, dass es innerhalb einer Sprache tatsächlich zwei absolut identische und äquivalent zu benutzende grammatikalische Formen gibt. Meiner Meinung nach muss es einen Unterschied zwischen den Konstruktionen geben. Beim Sichten verschiedener spanischen Grammatiken bekam ich die Bestätigung, dass tatsächlich Klärungsbedarf besteht, was die Benutzung von haber + Perfektpartizip (im Folgenden: PP) und tener + PP betrifft.
In der Grammatikographie wird die Konstruktion mit tener + PP nicht mit den Vergan-genheitstempora, die mit haber + PP gebildet werden, zusammen aufgeführt. In einigen Grammatiken, wie in der Standardgrammatik Spanisch von Langenscheidt 1 , wird die Periphrase tener + PP überhaupt nicht behandelt, andere Grammatiken führen die Periphrase in ein eigenem Kapitel auf. Beispiele hierfür sind einerseits die Grammatik von Jacques de Bruyne 2 und andererseits die deskriptive Grammatik der spanischen Sprache von Bosque und De Monte 3 . Die Konstruktionen werden jeweils nach anderen Kriterien in Grammatiken differenziert. Haber + PP findet sich bei den zusammengesetzten Tempora wieder, was eine semantische Zuordnung ist, und tener + PP findet sich häufig im Kapitel Partizipialperiphrasen wieder, was eine formale Zuordnung ist. Das belegt schon, dass in der Grammatikographie die beiden Periphrasen unterschiedlich behandelt werden. Der Rückgriff auf die Grammatikographie zeigt allerdings ebenfalls, dass keine Einigkeit darüber herrscht, wie im Besonderen die Periphrase tener + PP zu klassifizieren ist, da sie je nach Grammatik jeweils unterschiedlichen Kapiteln zugeordnet wird. Den Grammatiken ist jedoch soviel gemeinsam, dass sie die Periphrasen nicht in Zusammenhang mit der Periphrase haber + PP bringen.
1 Vgl. Rodríguez, T. (2004): Standardgrammatik Spanisch, Berlin.
2 Vgl. De Bruyne, J. (2002): Spanische Grammatik, Tübingen.
3 Vgl. Bosque, I., De Monte, V. (1999): Gramática descriptiva de la lengua española, Madrid, Bd.
2.
1
Dennoch liegt mit tener + PP im heutigen Spanisch eine Konstruktion vor, die scheinbar in Begriff ist, Kompetenzen von haber + PP zu übernehmen. Die beiden Konstruktionen scheinen in Konkurrenz zu stehen, was dazu führt, dass selbst Muttersprachler diese beiden Konstruktionen nicht zu unterscheiden wissen. Zentraler Gegenstand dieser Arbeit ist die Unterscheidung dieser beiden Periphrasen, was nicht nur Muttersprachler vor große Probleme stellt, sondern auch Lehrende der spanischen Sprache in Erklärungsnot bringt.
Die vorliegende Arbeit soll dabei zunächst illustrieren, was Periphrasen sind, um danach Unterschiede mithilfe syntaktischer Prüfmethoden zwischen den beiden Periphrasen herauzustellen. Es geht um die Frage, wie sich die beiden genannten Periphrasen unterscheiden lassen. Deshalb stützen sich die Argumente der vorliegenden Arbeit hauptsächlich auf die syntaktischen und paradigmatischen Überprüfungsmethoden, obgleich auch auf semantische Kriterien eingegangen wird, was aufgrund dessen, dass Grammatikalisierung auch immer die Semantik betrifft, notwendig ist. Die einzelnen Proben werden auf Beispielsätze aus der Literatur und aus dem Korpus CREA der Real Academia Española angewendet.
Danach soll geklärt werden, was Grammatikalisierung ist, wozu in die Grammatikalisie-rungstheorie eingeführt werden muss, da Periphrastizität als ein besonderes Phänomen der Grammatikalisierung verstanden wird und Grammatikalisierung dazu beitragen kann, weiterführende Differenzen zwischen den Konstruktion zu offenbaren. Grammatikalisierung kann aus zwei unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden. Wird der Versuch unternommen, Grammatikalisierung mit samt allen Auswirkungen bezogen auf historische Entwicklungen zu untersuchen, dann wird eine stringent diachrone Haltung eingenommen. Wird im Gegensatz dazu Grammatikalisierung in Hinblick auf des zurzeit vorliegenden Status Quo einer Sprache überprüft, dann wird eine synchrone Haltung zum Sachgegenstand eingenommen.
Dietrich verweist darauf, dass die perspektivierte Betrachtung aus synchroner oder diachroner Sicht immer nur zwei verschiedene Phänomene der Grammatikalisierung offenbart. So liefert die Synchronie den Unterschied zwischen grammatikalisierten Varianten und die Diachronie zeigt den Sprachwandel auf und offenbart, wie sich Sprachwandel bezogen auf die untersuchte Form ausgewirkt hat. Jiménez erklärt zurecht die Notwendigkeit zum besseren Verständnis der Grammatikalisierungsproblematik, dass: “Hemos de recordar que [...] una lengua no es un sistema fijado y cerrado, sino que constituye un instrumento de communicacíon en constante evolución y
2
transformación[…]. No estamos abogando por una mezcla indiscriminada y anárquica de los enfoques sincrónico y diacrónico, sino que creemos...en la necesidad de acudir a la historia para una mejor comprensión del funcionamiento sincrónico de las lenguas”. 4 Die Betrachtung der Grammatikalisierung aus beiden Perspektiven bringt weitaus mehr Licht ins Dunkel der Grammatikalisierung und der Periphrastizität. Es ist allerdings im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich, auf beide Perspektiven einzugehen. Das Augenmerk dieser Arbeit liegt vor allem auf der Synchronie.
2. Periphrasen
2.1. Was sind Periphrasen?
In der Literatur gibt es diverse Definitionsansätze. Pusch unternimmt den Versuch, den Terminus Periphrase über seine Etymologie zu erklären, „[…], aus der sich auch sein Gebrauch zur Bezeichnung der rhetorisch-explizierenden Umschreibung ergibt, lässt sich grammatische Periphrastizität als charakterisierend-umschreibender Ausdruck grammatischer Kategorien durch Kombination mehrerer lexikalischer und/oder morphologischer Formative fassen." 5 Das beschreibt eine grundlegende Voraussetzung für Periphrastizität, nämlich die Verbindung zweier Elemente, die zum Ausdruck grammatischer Funktionen zu einem Element verschmelzen. Dazu formuliert Pusch weiter: „Der Ausdruck temporaler, aspektueller, modaler und diathetischer Werte durch periphrastische Konstruktionen mit teilweise oder vollständig auxiliarisierten Verbalformen gilt als Charakteristikum aller romanischen Sprachen und wurde als solches seit dem Beginn der wissenschaftlichen Beschäftigung mit ihnen erkannt." 6 Für die hier behandelten Periphrasen bedeutet dies, dass sie als charakterisierendumschreibende Ausdrücke grammatischer Kategorien durch Kombination mehrerer morphologischer Formative zu betrachten sind. Gleichwohl ist die Periphrase mit haber + PP reiner Träger grammatikalischer Funktion, wohingegen tener + PP ganz klar auch noch als lexikalisches Formativ angesehen werden kann, denn tener kann eine selbständige, von Periphrastizität losgelöste, Verbalhandlung realisieren, was haber nicht kann. Darüber hinaus sind beide Periphrasen Träger temporaler, aspektueller, modaler und diathetischer Werte mit teilweisen oder vollständig auxiliarisierten Verbalformen.
4 Narbona Jiménez, A. (1989): Sintaxis española: Nuevos y viejos enfoques, Barcelona, S. 83.
5 Pusch, K.; Wesch, A. (2003): Verbalperiphrasen zwischen Grammatik, Lexikon und Pragmatik,
S.1.
6 Pusch, K.; Wesch, A. (2003): 1.
3
Gómez liefert eine Definition, die auf die von Pusch aufbaut und präziser auf die hier be-handelten Konstruktionen eingeht: „Una perífrasis verbal es la unión de dos o más verbos que constituyen un solo ‘núcleo’ del predicado. El primer verbo, llamado ‘auxiliar’, comporta las informaciones morphológicas de número y persona, y se conjuga en todas (o en parte de) las formas o tiempos de la conjugación. El segundo verbo, llamado ‘principal’ o ‘auxiliado’, debe aparecer en infinitivo, gerundio o participio, es decir, en una forma no personal." 7
Wenn also von einer Periphrase gesprochen wird, ist gemeint, dass keines der beiden in der periphrastischen Konstruktion vorkommenden Verben ohne das andere auskommt. Die eigentliche Bedeutung der jeweiligen Verben verblasst und rückt in den Hintergrund, während die periphrasenkonstituierenden Elemente zusammen einen neuen Kern des Prädikats bilden und zusammen etwas vollkommen anderes bedeuten als voneinander unabhängig betrachtet, so wie es auch bei den zusammengesetzten Tempora der Vergangenheit der spanischen Sprache der Fall ist. Beispiel: Los alumnos tienen que estudiar dos lecciones más.
In diesem Satz lassen sich die Verben nicht voneinander trennen. Hier liegen zwar zwei Verben, tener und estudiar, vor, aber sie formen einen einzigen Kern eines Prädikats, wohingegen die Bedeutung des Satzes nicht über die periphrasenbildenden Elemente zu erschließen ist. Die Verben tragen auch keinerlei syntaktische Auslöser einer Unter-ordnung oder Beiordnung in sich. Dietrich wirft ein, "[u]nter "Periphrase" (dafür auch "zusammengesetzte", "umschriebene", "analytische Form", "periphrastische Konstruktion", u.ä.) wird im Allgemeinen eine Kombination von mindestens zwei autonomen sprachlichen Einheiten verstanden, die in einer bestimmten Weise eine Einheit bilden." 8 Es entsteht ein Syntagma, das ein neues Signefié hervorbringt und mit dem ursprünglichen Signefiés der periphrasenkonstituierenden Elemente nur wenig gemeinsam hat. Die semantische Grundbedeutung einer Periphrase ist nicht lexikalischer, sondern nur funktionaler bzw. instrumentaler Natur.
Im Rahmen dieser Arbeit wird unter einer Periphrase die Verbindung zwischen einem Hilfsverb (Auxiliar) und einem Infinitiv, Gerundium oder Partizip (Auxiliado) verstanden, die zusammen eine syntaktische Einheit bilden und einen einzigen Kern des Prädikats
7 Gómez Torrego, L. (1999): Los verbos auxiliares. Las perífrasis verbales de infinitivo in:
Bosque, I: Gramática descriptiva de la lengua española, Madrid, Bd. 2, S. 3325.
8 Dietrich, W. (1972): Der periphrastische Verbalaspekt in den romanischen Sprachen, S. 21.
4
bilden. Periphrasen sind grammatikalisierte Formen, die vor allem eine Funktion im Satzgefüge ausführen.
2.2. Periphrastisches Inventar der spanischen Sprache
Grundsätzlich lassen sich Periphrasen in Periphrasen mit Infinitiv, Gerundium und Partizipien einteilen. Periphrasen mit Infinitiv lassen sich wiederum in modale, aspektuelle und andere Verbalperiphrasen einteilen. Modale Verbalperiphrasen sind Periphrasen, die mit Modalverben als Auxiliar gebildet werden. Aspektuelle Verbalperiphrasen haben die Eigenschaft, dass das Auxiliar durch eine Präposition vom Auxiliado getrennt ist. Periphrastische Konstruktionen können in direkte (Verbindung direkt aneinander ohne Präposition) und indirekte (Verbindungen mit Präpositionen) Verbindungen unterteilt werden. Schließlich gibt es noch Verbalperiphrasen mit Infinitiv, die sich nicht klassifizieren lassen oder gar keine Periphrasen sind, sie formen die Gruppe der Verbalergänzungen. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie aus mehreren Wörtern bestehen, deren Zentrum immer ein Verb bildet. Die Konstruktion fungiert als syntaktische Einheit mit einem einzigen Kern des Prädikats. Gleichzeitig stellen diese Verbindungen feste lexikalische Einheiten dar, wie z.B.: - echar de menos; - caer en la cuenta; - tener en cuenta; - hacer polvo; - dar de sí (weiter werden > Pullover). Aber es gibt auch solche Verbalergänzungen, die wie Verbalperiphrasen aus zwei Verben bestehen: - dar que pensar (preocupar); - dar a conocer (comunicar); - dar a entender (insinuar dt. ‘andeuten’); - dar de mamar (amamantar dt. ‘stillen’); - dar de beber (abrevar); - dar de comer (alimentar); - hacer saber (comunicar); - hacer llegar (enviar); - echar a perder (estropear); - querer decir (significar); - dejar caer (tirar, extender, inclinar). Diesen Konstruktionen obliegt zwar ein gewisser periphrastischer Charakter, aber sie erfüllen die notwendige Bedingung für Periphrastizität nicht; sie sind nicht grammatikalisiert, weil sie weder normalerweise noch regelmäßig in Opposition zu bestehenden Paradigmen als funktionale, instrumentalisierte Einheit verwendet werden. Denn sie sind stark lexikalisiert und treten nur in bestimmten Kontexten auf. Hinzu kommt die Tatsache, dass das erste Verb kein Auxiliar darstellt, sondern stets ein Vollverb ist, wodurch die Forderung nach funktionaler Einheit vollends unerfüllt bleibt. 9
Grundsätzlich repräsentiert die Gerundialperiphrase den Verlauf einer Handlung, sie hat durativen Charakter. Damit von einer Gerundialperiphrase gesprochen werden kann, muss das Gerundium Verbalcharakter besitzen und nicht adverbial oder adjektivisch sein. Das Subjekt muss sich sowohl auf das Hilfsverb (Auxiliar) als auch auf das Gerun- 9 GómezTorrego, L. (1999): 3342.
5
dium beziehen. In bestimmten Kontexten verlieren Verben, wie z.B.
estar, ir, venir, andar
ihre Unabhängigkeit, um stattdessen einen komplexen Verbkern in Verbindung mit dem Gerundium herauszubilden, wodurch sie mindestens semantische Entleerung erfahren, was mit dem Verlust der Fähigkeit des Gerundiums, seine Subjekte und Objekte auszuwählen, einhergeht. Die Verben bekommen in Verbindung mit einem Gerundium eine Funktion. Ihre Funktion ist die Realisierung von Person, Tempus, Modus und Aspekt. Das Hilfsverb leistet aber dennoch seinen Beitrag zur Semantik einer Periphrase. Es gibt sogar Periphrasen, in denen die volle Semantik des Hilfsverbs erhalten bleibt. "Son verbos cuyo significado léxico no consiste en una referencia directa a la realidad extralingüística, sino en una modificación aportada a un proceso".
10
Das bezieht sich auf die Verben
seguir, continuar, empezar, acabar.
Die übliche Stellung
Gerundialperiphrasen lassen sich in zwei Gruppen einteilen: 1. die strikt semantischen Gerundialperiphrasen mit estar, andar, ir, venir und llevar + Gerundium, aber nicht seguir und continuar, weil diese Verben intuitiv mehr semantischen Gehalt in sich tragen, sie bilden daher die so genannten Semiperiphrasen und 2. die syntaktischen Gerundialperiphrasen mit acabar, seguir, continuar, terminar, empezar, comenzar + Gerundium, aber nicht quedar(se) und salir + Gerundium.
2.2.1. Partizipialperiphrasen
Die Unterscheidung, was eine Partizipialperiphrase ist und was nicht, ist nicht eindeutig geklärt. Wie auch bei den anderen Periphrasenarten ist eine Grundvoraussetzung dafür, dass eine Periphrase auch als solche deklariert werden kann, dass das Auxiliar und das Partizip einen einzigen Kern des Prädikats bilden und sich beide Elemente auf dasselbe Subjekt beziehen. Das Partizip muss Verbalcharakter besitzen. Das Hauptproblem der Identifizierung von Partizipialperiphrasen ist, dass das Partizip einen adjektivischen Charakter konserviert hat, wodurch nicht immer ist eindeutig zu belegen, ob das Partizip rein partizipial oder adjektivisch ist.
Die Periphrasen mit Perfektpartizip (PP) drücken das Resultat eines vorangegangen oder simultan zum Sprechzeitpunkt stattfindenden Prozesses aus. Yllera führt dazu an:
10 Yllera, A. (1999): Las perífrasis verbales de gerundio y participio in: Bosque, I.: Gramática
descriptiva de la lengua española, Madrid, S. 3393 ff.
6
”La mayor o menor consideración de la acción verbal que causó el estado depende del auxiliar empleado, de la base léxica del participio y del contexto." 11 Das Partizip bildet hier die lexikalische Einheit. Wie die Gerundialperiphrasen, lassen die Partizipialperiphrasen ebenfalls zwei Lesarten zu, weil das Partizip in manchen Fällen adjektivisch aufzufassen ist und in anderen Fällen als Bestandteil einer syntaktischen Einheit in Form eines Partizips.
Die in Frage kommenden Auxiliare, die mit einem Partizip eine Verbalperiphrase bilden können, sind begrenzt. Die Auxiliare bringen entweder nur Periphrasen mit transitiven Verben mit direktem Objekt oder Periphrasen mit transitiven Verben oder reflexiven Verben hervor. Partizipialperiphrasen bilden vor allem die Auxiliare ir, andar und seguir und die Verben llevar, tener, traer und dar bilden Periphrasen mit direktem Objekt. Von den genannten Verben bilden besonders llevar und tener stark grammatikalisierte Konstruktionen.
Fente unterteilt die Partizipialperiphrasen in aspektuelle Gruppen: 1. perífrasis incoativas (einleitende Periphrasen), 2. perífrasis terminativas (abschließende Periphrasen), 3. perífrasis durativas (andauernde Periphrasen), 4. perífrasis acumulativas (kumulative Periphrasen), 5. perífrasis frecuentativas o iterativas o repetitivas (iterative oder wiederholende Periphrasen). Darüber hinaus nennt Fente noch drei weitere Typen: 6. perífrasis aproximativa (annähernde Periphrasen), 7. perífrasis exagerativas o hiperbólicas (übersteigernde Periphrasen), 8. perífrasis obligativas (Pflichtperiphrasen). 12 Die Partizipialperiphrasen können aber auch hinsichtlich formaler Eigenschaften gruppiert werden:
1. Partizipialperiphrasen mit intransitiven Verben; bei diesen Periphrasen ist der Zustand als Ergebnis einer Aktion anzusehen, die vom Subjekt initiiert wurde. Wenn Agens und Patiens übereinstimmen, dann handelt es sich um eine rückbezügliche Handlung, unterscheiden sie sich aber voneinander, dann geht es um eine Handlung, die passivisch ausgedrückt wird, wie das bei estar, ir + Partizip der Fall ist.
2. Partizipialperiphrasen mit transitiven Verben, wo das Ergebnis die Konsequenz eines Prozesses ist, der sich auch auf das Subjekt auswirkt und das direkte Objekt beeinflusst, wie bei tener, llevar + Partizip.
11 Yllera, A. (1999): 3393 ff.
12 Vgl. Fente, R., Fernández, J., Feijóo, L.G., (1997): Perífrasis verbales, S. 62.
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2.3. Zusammenfassung
Periphrasen sind Konstruktionen, die aus mindestens zwei Verben bestehen, wovon ein Verb ein Hilfsverb (Auxiliar) und das andere Verb ein Infinitiv, Gerundium oder Partizip (Auxiliado) darstellt. Zusammen bilden die Elemente der Periphrase eine syntaktische Einheit und bringen einen einzigen Kern des Prädikats hervor, die Semantik des Auxiliars ist verblasst. Die Bedeutung der Periphrase lässt sich nicht über die Bedeutung der periphrasenkonstituierenden Elemente ableiten. Die hier behandelten Periphrasen mit span. haber + PP und span. tener + PP sind Partizipialperiphrasen, die selbst scheinbar von Muttersprachlern nicht auseinander gehalten werden können. Sie verwenden die Periphrasen als gäbe es zwischen ihnen keinen Unterschied in deren Semantik und Benutzung. Der Blick in einschlägige Grammatiken zeigt, dass beide Periphrasen nicht als gleichwertig beurteilt werden, da sie unterschiedlichen grammatischen Kategorien zuge-ordnet werden.
Partizipialperiphrasen drücken das Resultat einer in der Vergangenheit stattgefundener Handlung aus und lassen zwei verschiedene Lesarten zu, da je nach Kontext und Satzstellung mal der Adjektiv- und mal der Partizipialcharakter dominiert. Im Unterschied zur Periphrase tener + PP, die nur mit transitiven Verben Partizipialperiphrasen realisieren kann, kann haber + PP sowohl mit transitiven Verben als auch mit intransitiven Verben Partizipialperiphrasen bilden.
3. Wodurch lassen sich die beiden Periphrasen voneinander unterscheiden?
Zentraler Gegenstand, wie eingangs schon erörtert, ist die Frage nach der Unterscheidung der beiden Periphrasen, welche über syntaktische, paradigmatische und semantische Kriterien erfolgen kann. Die syntaktischen und paradigmatischen Kriterien ermöglichen die objektive Beurteilung der Periphrasen durch operationalisierbare Proben, die einheitliche und miteinander vergleichbare Ergebnisse liefern.
Die semantischen Kriterien, wie das so genannte Bleaching, das eng mit Auxiliarität verknüpft ist, und die Aspektualität, beruhen auf subjektiver Beurteilung, d.h. es lassen sich keine operationalisierbare Verfahren angeben. Dennoch liefert auch dieses Kriterium weit reichende Erkenntnisse über Unterschiede in der Bedeutung der beiden Periphrasen.
8
3.1. Syntaktische Kriterien
Um die Periphrastizität und Grammatikalisierung einer Konstruktion verifizieren zu können, reichen semantische Kriterien nicht aus, da sie auf subjektive Beobachtungen fußen und zu theoretisch sind ohne, dass einheitliche, standardisierte Verfahren zur Überprüfung herangezogen werden. Deshalb ist es sinnvoll, sich syntaktischer Kriterien zu bedienen. Es sollen aus dem Abgleich der syntaktischen Kriterien mit den Periphrasen im Idealfall konsistente und vergleichbare Ergebnisse herauskommen, die objektiv interpretierbar sind.
Unter syntaktische Kriterien werden grammatikalische Kriterien, auf die hin eine Konstruktion untersucht wird, verstanden, die durch grammatikalische Veränderungen eines Satzes einheitliche Ergebnisse liefern. Die hier untersuchten Periphrasen werden auf die Trennbarkeit von Auxiliar und Auxiliado, Erweiterbarkeit der Partizipialform, Herauslösbarkeit der Fügung als Relativsatz und Erfragbarkeit der Fügung bzw. ihrer Bestandteile syntaktisch untersucht.
3.1.1. Trennbarkeit von Auxiliar und Auxiliado
Die Trennbarkeit von Auxiliar und Auxiliado, auch Fügungsenge genannt, ist ein Kriterium von Lehmann mit dem sich feststellen lässt, ob eine Konstruktion, bestehend aus Auxiliar und Auxiliado, eine syntaktische Einheit bildet. Es geht um die Autonomie der periphrasenkonstituierenden Elemente innerhalb der Periphrase. Je autonomer, bzw. je beweglicher auf syntagmatischer Ebene das Auxiliar und das Auxiliado ist, desto weniger periphrastisch ist die Konstruktion. 13 Mit anderen Worten: Es wird gefragt, wie eng, bindend oder zwingend die Verbindung zwischen Auxiliar und Auxiliado ist. Dazu werden die periphrasenkonstituierenden Elemente voneinander getrennt. Beispiel: Los señores López siempre han deseado vivir en un barrio tranquilo. * Los señores López siempre han vivir en un barrio tranquilo deseado. Beim vorangegangenen Beispiel fällt auf, dass sich die syntaktische Einheit zwischen haber und seinem Perfektpartizip nicht aufbrechen lässt. Das Auxiliado benötigt das Auxiliar, andernfalls entsteht ein nicht grammatischer Satz, der syntaktisch nicht zulässig ist und dessen Bedeutung nicht klar zu erschließen ist. Wie sieht die Fügungsenge bei der Konstruktion mit tener + PP aus?
13 Vgl. Lehmann, Ch. (1985): Grammaticalization: Synchronic Variation and diachronic change in:
Lingua e Stile 1985 20.3, S. 306.
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Bachelor of Arts Alexander Malek, 2007, Die Funktionsbereiche der spanischen Periphrasen mit haber + PP und tener + PP, München, GRIN Verlag GmbH
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