Fachbereich: Romanistik
Hauptseminar: "Witz, Wortspiel und Werbung:
Linguistische Analysen"
SS 1997
WITZ UND WORTSPIEL UND DAS
SPRACHENLERNEN
vorgelegt von:
Christel Gisch
2
I. Einleitung
1
II. Strukturelle Aspekte des Witzes
2
1.1. Die Bedeutung des Wortes "Witz"
2
1.2. Unterschied zwischen "Witz"- Erzählungen und Alltagserzählungen
3
1.3. Funktion von Witzen
4
(1) Kommunikative Funktion
4
(2) Interaktive Funktion
5
1.4. Unterschiedliche Bedingungen der Witzproduktion
5
1.5. Das Wesen des Witzes
7
(1) Moment des unerwarteten, überraschenden Zusammenhangs
7
(2) Moment des Komischen
8
III. Das Wortspiel als verwandte Textsorte
9
1.1. Abgrenzung zur Textsorte Witz
9
1.2. Funktion des Wortspiels
9
1.3. Markierungen von Wortspielen
10
IV. Die didaktische Bedeutung von Witz und Wortspiel
für den Fremdsprachenunterricht (FU) am Beispiel des Französischen
11
1.1. Lernzielbestimmung des FU
11
1.2. Die Anwendbarkeit des Witzes im FU
12
(1) Der Witz als Unterrichtsgegenstand zur Schulung des Leseverstehens 12
(2) Der Witz als Unterrichtsgegenstand zur Förderung der Erzählbereitschaft und
-fähigkeit13
(3) Der Witz als Unterrichtsgegenstand zur Vermittlung interaktiven Handelns 15
(4) Die Anwendung des Witzes im Grammatikunterricht
17
3
1.3. Die Anwendung des Wortspiels im FU
19
(1) Wortspiele und Wortschatzunterricht
19
(2) Wortspiele in Werbespots
21
(3) Wortspiele und Ausspracheübungen
22
V. Das Verlan als wortspielerische Sonderform des Französischen 24
VI. Literaturverzeichnis
25
4
I. EINLEITUNG
Überblickt und untersucht man die gängigen in der schulischen Praxis eingesetzten al gemeinen Unterrichtslehrwerke darauf, inwieweit die Kategorie des Witzes eingesetzt wird, und folgt man den Bestandsaufnahmen unterschiedlicher Autoren, so wird deutlich, daß der Witz in diesen Lehrwerken bisher lediglich eine sehr untergeordnete und bescheidene Rolle spielt.1
Dies ist um so erstaunlicher, als daß der Witz ausweislich entsprechender Untersuchungen in unserer gegenwärtigen Gesellschaft
"die wichtigste und am meisten lebendige Gattung der Volkserzählung ist".2 Aufgrund seiner Lebendigkeit und großen Beliebtheit ist der Witz geradezu prädestiniert, im Bereich der Didaktik genutzt zu werden.
Die Gründe für diese Abstinenz dürften sehr vielfältig sein und in dieser Vielfalt zusammenwirken. Sicherlich spielte und spielt eine wichtige Rolle die vielfach so empfundene geringe Seriösität und Trivialität des Witzes, die dem an akademischen Maßstäben orientierten Selbstverständnis von Fach und Lehrern in der Regel wenig entspricht.3
Andererseits erleichtert die vergleichsweise nur "punktuelle"
Einsetzbarkeit die Verwendung in auf längere Abschnitte ausgelegten didaktischen Konzepten auch nicht. Schließlich dürfte die hier besonders geforderte Kreativität und zuweilen auch Aktualität des didaktischen Ansatzes in der schulischen Praxis bremsend wirken.
Trotzdem ist gerade in jüngster Zeit die didaktische Bedeutung des Witzes entdeckt
und der Witz als Unterrichtsgegenstand aufgewertet worden. Insbesondere im Bereich des Sprachunterrichts kann der Witz als sprachbedingtes Kulturprodukt den Lernenden mit den Finessen der Sprache und der Kultur vertraut machen und zur Herausbildung schriftlicher und mündlicher Kommunikationsfähigkeiten genutzt werden.
Aber wenn schon in muttersprachlichen didaktischen Konzepten die Verwendung von Witzen eindeutig unterrepäsentiert ist, um wieviel
mehr gilt dies für den fremdsprachlichen Unterricht, hier das Französische. Eine
entsprechende Bestandsaufnahme derzeit gängiger Unterrichtswerke zeigt dies ganz eindeutig4.
Erschwerend für die Einsetzbarkeit dürfte zu den oben genannten Gründen hier noch hinzukommen, daß
neben der natürlich unabdingbaren fremdsprachlichen Mindestkompetenz auch technische Gründe (Acquisition von französischen Witzen) eine nicht unbedeutende Rolle spielen.
Aber wenn es richtig ist, daß der Witz wie oben formuliert einen spezifischen Zugang zur Fremdsprache und dem durch sie repräsentierten Kulturkreis darstellt, dürfte ein
1 Ulrich, Winfried: Der Witz im Deutschunterricht; Braunschweig, 1980; S.
5 ; sowie : Reger, Harald: Der Witz als Textkategorie und seine didaktische Bedeutung für den Literaturunterricht; in: Muttersprache 85; S. 409
2 Ders. S. 5
3 Ders. S. 5
4 Durchgesehen wurden folgende Lehrwerke: Lebendiges Französisch 1, München 1978; A votre service, Frankfurt a. Main 1977; Espaces 1 u. 2, Paris
1990; Archipel, Bd.1 1982 / Bd.2 1983/ Bd. 3, 1987; Mosaïque 1, Paris
1994; Bonne route 1, Paris 1988; Avec plaisir, Bd.1 1986 / Bd.2 1987; Echanges, Edition longue 2-4, Stuttgart 1984; Découvertes 1, Stuttgart
1994;
5
stärkerer Einsatz des Witzes im fremdsprachlichen Unterricht nicht nur ein Gewinn sein, sondern geradezu zu einem Postulat werden, das es auszufüllen gilt.
In den nachfolgenden Ausführungen wird deshalb versucht, auf der Grundlage einer zusammenfassenden Analyse des Witzes als einer "komisch" wirkenden Aussage seine Funktion und die situationalen Bedingungen seiner Realisierung herauszuarbeiten sowie seine Struktur aufzuzeigen, um dann auf dieser Grundlage die didaktische Relevanz des Witzes im fremdsprachlichen Unterricht des Französischen abzuleiten.
II. STRUKTURELLE ASPEKTE DES WITZES
1.1.
DIE BEDEUTUNG DES WORTES "WITZ"
Witze bieten einen vielseitigen Untersuchungsgegenstand. Dabei stehen vor allem im Mittelpunkt die Fragen, was die Gattung der Witze, bzw. des humoristischen Diskurses auszeichnet und worin die Ursachen für die besondere Wirkung des Witzes liegen. Hier geht es insbesondere darum, welche Merkmale es dem Hörer ermöglichen,
einen echten Witz von anderen scherzhaften oder spaßigen Erzählung zu unterscheiden.
Nach der neusten Ausgabe des Duden-Wörterbuches kann das Wort "Witz" sowohl
in der Einzahl, als auch in der Mehrzahl gebraucht werden. Mit den jeweiligen
Formen verknüpfen sich historisch entstandene Bedeutungsunterschiede.
- "Witz" in der Einzahl gebraucht meint die "Gabe, sich geistreich, witzig, in Witzen
äußern zu können"5, also eine individuelle Denk- und Formulierungskompetenz, die beispielsweise in Äußerungen wie "sie hat echten Mutterwitz" erkennbar wird.
-
In der Mehrzahl gebraucht, also im Sinne dessen, was wir als "Witze" bezeichnen,
definiert Duden den Begriff als "kurze, prägnant und geistreich formulierte Geschichte mit einer unerwarteten Wendung, einem überraschenden Effekt, die zum Lachen reizen soll."6
Witze im hier interessierenden Sinne lassen sich somit definieren als kurzgefaßte
sprachliche Gebilde, die mittels verschiedenartiger Tricks Pointen erzeugen und
damit den Hörer oder Leser zum Lachen bringen.
Diese Definition bringt klar zum Ausdruck, daß der Witz in allererster Linie ein Sprachgebilde ist, im Unterschied zu "witzigen" Darstellungen, deren Lachanlaß durch eine bestimmte Handlung entsteht, der "witzige" Effekt sich also aus der Situationskomik ergibt, wie beispielsweise in Charlie Chaplin Filmen zu sehen ist. Während bei solchen Darstellungen
die komische Wirkung durch die Analyse der Handlungskomik transparent wird, geht es im folgenden um Erscheinungsformen von Textkomik. Der Witz stellt
somit einen komischen Text dar, der nicht durch den Gegenstand seiner Aussage definiert ist, sondern al ein durch die Art und Weise des Aussagens.
5 Duden. Wörterbuch; Bd. VI, 1981; S. 2894
6 Ders. S. 2894
6
Selbstverständlich läßt sich ein Witz nur auf der Basis einer bestimmten Denk- und Vorstellungsstruktur produzieren, das Witzige an sich aktualisiert sich jedoch durch eine spezifische Aussagetaktik, d.h. es wird al ein durch die Sprache konkretisiert. Fehlt diese Aussagetaktik, so ist die Pointe verkorkst.7 Folgt man den Ausführungen von Marfurt und Preisendanz, so soll das nicht bedeuten, daß bei der Formulierung eines Witzes der Text nicht in abgewandelter Form wiedergegeben werden darf; doch grundsätzlich bleibt auch in den Fällen, wo man den Text verändern kann, ein Idealtext, eine Grundstruktur der Formulierung, die sich nur oberflächlich variieren läßt, und die unbedingt bestimmend bleiben muß, wenn die Pointe erhalten bleiben soll.8
Euler dagegen sieht die Festlegung auf einen Idealtext aus linguistischer Sicht nicht gegeben; sie geht davon aus, daß ein "idealer Text" wegen seiner Bindung an den jeweiligen kommunikativen Kontext und der Individualität des jeweiligen Sprechers nicht wiederholbar ist. Die zur adäquaten Realisierung eines Witzes notwendigen, vorgegebenen Kriterien reduziert sie auf Inhalt, Aufbau und Pointe, während die sprachliche Ausgestaltung dem Erzähler überlassen bleibt.9
1.2.
UNTERSCHIED ZWISCHEN "WITZ"-ERZÄHLUNGEN UND ALLTAGSERZÄHLUNGEN10
Versucht man die Erzählung von Witzen von sonstigen Alltagserzählungen signifikant zu unterscheiden, so fällt insbesondere die weitestgehende Situationsneutralität auf: Witze sind raum- , zeit- und personenunabhängig11. Dabei ist ein großer Teil seiner strukturellen Merkmale von vorne herein festgelegt und kann nicht verändert werden. Der unmittelbare Wahrheitsgehalt des im Witz Ausgesagten ist dabei irrelevant, gerade das Unwahrscheinliche, die Übertreibung oder Überspitzung kann den Witz ausmachen. Der Hörer seinerseits hat die Fiktivität des Witzes als solche akzeptiert.
Die zentrale Funktion des Witzeerzählens ist deshalb in erster Linie die der Unterhaltung, informative Anteile sind dagegen in Witzen nicht enthalten. Aus diesem Grunde ist der Erfolg des vollzogenen Handlungsmusters auch in entscheidender Weise vom Gelingen der Handlung Witzeerzählen abhängig. Dagegen ist bei Alltagserzählungen ein vol ständiges Mißlingen schon deshalb ausgeschlossen, weil ihnen immer noch ein bestimmter Informationswert hinsichtlich realer Begebenheiten bleibt.
7 Preisendanz, Wolfgang: Über den Witz; Konstanz, 1970; S. 17f
8 Ders. S. 18f ; sowie Marfurt, Bernhard: Textsorte Witz. Möglichkeiten
einer sprachwissenschaftlichen Textsortenbestimmung; Tübingen, 1977; S.
52
9 Euler, Bettina: Strukturen mündlichen Erzählens: parasyntaktische und
sententielle Analysen am Beispiel des englischen Witzes; Tübingen, 1991;
S. 27
10 Schülting, Thomas: "Soll das ein Witz sein?". Exemplarische Analyse des
Handlungsmusters "Witzeerzählen"; in: Klein, Eberhard / Pouradier Duteil,
Francoise / Wagner, Karl-Heinz (Hrsg.): Betriebslinguistik und Linguistikbetrieb. Akten des 24. Linguistischen Kolloquiums, Universität Bremen.
4.-6. September 1989. Tübingen. Band 2; S. 228
11 Ausgenommen hiervon sind Witze, die sich auf reelle bzw. historische Personen oder Ereignisse beziehen.
Quote paper:
M.A. Christel Gisch, 1997, Witz und Wortspiel und das Sprachenlernen, Munich, GRIN Publishing GmbH
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