Inhaltsverzeichnis
S. 2
1. Einleitung
S. 3
2. Becher und der Kulturbund
2.1. Die Gründung des Kulturbunds 3
2.2. Die Wende 5
2.3. Bechers Bemühen um den PEN-Club 8
2.4. Der Kulturbund in den Anfangsjahren der DDR 10
S. 12
3. Der 17. Juni 1953
S. 14
4. Der Kulturminister Johannes R. Becher
4.1 Der XX. Parteitag der KPdSU 14
4.2 Der Ungarn-Aufstand und der Fall Janka 16
S. 19
5. Fazit
S. 20
Literaturliste
1
1. Einleitung
Die Biographie des Johannes Robert Becher, der heute der breiten Öffentlichkeit wohl vor allem als Texter der DDR-Nationalhymne bekannt sein dürfte, zeichnet sich durch verschiedene Phasen und einen bemerkenswerten Facettenreichtum aus. Dieses muss wohl in erster Linie mit der Vielzahl an politischen Ereignissen in Deutschland und Europa im Laufe des 20. Jahrhunderts erklärt werden, mit denen das Leben Bechers eng verknüpft gewesen ist. So reichen die Besonderheiten in Bechers Vita von persönlichen Tragödien in jungen Jahren, wie diversen Selbstmordversuchen und einer schweren Morphiumsucht, über ein bemerkenswertes, hoffnungsvolles Schaffen als expressionistischer Dichter, dem Eintritt in den Spartakusbund bzw. der KPD bis hin zur Flucht vor den Nationalsozialisten und dem damit verbundenen unfreiwilligen Aufenthalt im russischen Exil.
Diese Arbeit möchte sich die Beschäftigung mit der letzten bedeutenden Phase in Johannes R. Bechers Leben, seinem Schaffen als Kulturpolitiker in der SBZ/DDR nach Ende des Zweiten Weltkriegs, zur Aufgabe machen. Hierbei soll weniger auf den kulturproduzierenden Johannes R. Becher, also seine Rolle als Volksdichter des sozialistischen Teilstaates, sondern vielmehr auf sein Wirken als Politiker, sprich als Vorsitzender des Kulturbundes und später als Kulturminister der DDR, eingegangen werden.
In der Wissenschaft wird die Rolle des Politikers Becher in der SBZ/DDR heute kontrovers diskutiert. Gegenstand dieser Diskussion ist vor allem die Frage, wie viel Schuld Becher als Mitwisser und stiller Dulder diverser Repressalien des Staates gegenüber einiger Schriftstellerkollegen und als Verfechter des Stalinismus auf sich geladen hat? Mag es auf den ersten Blick so scheinen, als wäre Johannes R. Becher, der als Mitglied der Volkskammer und des Politbüros öffentlich nie an der politischen Linie der SED und Ulbrichts gezweifelt hat, von dieser auch persönlich restlos überzeugt gewesen, so ergibt sich vor allem nach der Lektüre seiner erst 1988 in der Zeitschrift „Sinn und Form“ erschienenen „Selbstzensur“, die eine „schonungslose Selbstkritik Bechers im Zusammenhang mit dem XX. Parteitag der KPdSU“ 1 darstellt, ein etwas differenzierteres Bild. Wider besseren Wissens hat Becher oft geschwiegen, auch wenn sich Unrecht direkt vor seinen Augen abgespielt hat. Zusammen mit dem Umstand, dass er gegen Ende seines Lebens politisch von den eigenen Genossen an den Rand gedrängt und kaltgestellt worden ist, ergibt sich hieraus die Frage, welche Möglichkeiten Becher überhaupt besaß, seine Ziele durchzusetzen und politisch Einfluss zu nehmen? Hierzu sollen
1 Lange (1989), S. 1641
2
die Handlungsspielräume und auch die Grenzen des Politikers Johannes R. Becher in der DDR anhand einer Analyse des damaligen politischen Geschehens bzw. einiger ausgewählter Ereignisse beleuchtet werden.
Ohne ein Ergebnis vorwegnehmen zu wollen, kann es nicht überraschen, dass diese Grenzen immer von dem allgemein herrschenden politischen Klima und der politischen Entwicklung in der DDR abgehangen haben.
Becher, Ulbricht, Janka, Harich... - sie alle lebten 1956 nicht im luftleeren
Raum, jede Handlung war spezifisch motiviert und hatte ihr Bedingungsgefüge. 2
2. Becher und der Kulturbund
2.1. Die Gründung des Kulturbunds
Als Becher 1945 aus dem russischen Exil nach Berlin zurückkehrt, findet er eine völlig zerstörte Stadt vor. Er ist erschüttert über den Grad der Zerstörung und bemerkt in einem Brief an seine Frau:
Es ist sehr schwer, den Eindruck zu schildern. Die Autofahrt durch ein Ruinenviertel erschütternd. Vom Flughafen sieht das alles wie Gerümpel aus, aber bei der Fahrt durch die Stadt erheben sich nun rechts und links gespensterhaft, kilometerlang die Fassaden, wie bereit zum Einsturz, die Trümmerberge und Schutthalden, [...]. [...]. Aber Berlin - wirklich zum Heulen. 3
Doch Becher lässt sich von diesen widrigen Umständen in seinem Tatendrang nicht bremsen und schon bald nach seiner Ankunft bereitet er mit einer Reihe von Schriftstellern und Künstlern aber auch Wissenschaftlern in seiner Dahlemer Wohnung die Gründung des Kulturbundes vor. Er ist bestens vorbereitet um einen kulturellen Neubeginn in der Stadt zu forcieren.
Darauf hatte er sich vorbereitet und genau zu diesem Zweck war er von Stalin
nach Berlin beordert worden. 4
2 Knoth 1991, S. 502
3 Gansel 1991, S. 31f.
4 Behrens 2003, S. 225
3
Schon am 3. Juli 1945 findet im Berliner Funkhaus die Gründungskundgebung des Kulturbundes statt, nachdem der sowjetische Kommandant Shukow eine Genehmigung für alle vier Sektoren erteilt hat und Becher übernimmt dessen Vorsitz. Begünstigt wird dieser rasche Fortgang der Dinge sicherlich durch den Umstand, dass die sowjetischen Sieger in den ersten Monaten nach dem Krieg ein kulturell und politisch vielfältiges Leben in ihrem Sektor erblühen lassen, wie es auch größte Optimisten nicht zu hoffen gewagt hatten. So werden sehr schnell politische Organisationen zugelassen und auch kulturelle Ereignisse wie Konzerte und Theateraufführungen finden in einer Vielzahl statt. Der Kulturbund dieser Zeit kann nicht mit den gewöhnlichen kommunistischen Massenorganisationen gleichgesetzt werden. So ist das zentrale Gründungskriterium des Kulturbundes seine Überparteilichkeit gewesen und der Anspruch des Bundes hat sich in dieser ersten Zeit auch auf die westlichen Besatzungszonen und somit auf Gesamtdeutschland bezogen. Zwar hat sich der Bund sicherlich an der Kulturpolitik der KPD und später SED orientiert, „mit ihr gleichgesetzt werden kann er nicht.“ 5 Und auch Behrens bemerkt:
Politische Unabhängigkeit genoß der Kulturbund freilich nie. Auf allen Ebenen
des öffentlichen Lebens beanspruchte die KPD eine führende Rolle, und das war im Bund grundsätzlich nicht anders. [...].Gleichwohl war der Bund in seinen Anfängen kein politisches Instrument der KPD- und späteren SED-Führung. 6
Dieses wird unter anderem durch die Tatsache unterstrichen, dass der Kulturbund personell parteiübergreifend besetzt gewesen ist.
In den ersten Jahren ist der Kulturbund eine wirkliche Bereicherung des kulturellen Lebens in Deutschland. So setzt sich vor allem Becher dafür ein, dass auch die bürgerlichen Schriftsteller, die während des Dritten Reiches überwiegend nicht emigriert waren, ihren Platz im Bund erhalten. Als Grundkonsens wird im Bund nicht die Parteizugehörigkeit sondern der Antifaschismus angesehen und so entwickelt sich über den Kulturbund eine lebhafte Diskussion zwischen der intellektuellen Linken und dem liberal-konservativen bildungsbürgerlichen Lager.
Als Stärke der Organisation hatte sich ihre Fähigkeit erwiesen, beträchtliche Teile
der sogenannten alten Intelligenz, die zur kritischen Abrechnung bereit mit dem Nationalsozialismus bereit waren, mit aktiven Gegnern des Dritten Reiches zusammenzuführen und den Zusammenprall ihrer Erfahrungen und Wertungen zum Element des Wiederaufbaus einer demokratischen Öffentlichkeit zu machen. 7
5 Schiller 2000, S. 9
6 Behrens 2003, S. 227
4
Auch ist es Becher ein persönliches Anliegen, eine Brücke zwischen innerer und äußerer Emigration zu bauen. Schon zur Zeit seines russischen Exils hat Becher „die Trennung zwischen äußerer und innerer Emigration nicht mitvollzogen.“ 8 Er hat immer daran geglaubt, dass sich auch in Nazideutschland ein humanistischer Geist in vielen Köpfen verwahrt hat. Becher, der als einer der ersten der ca. 250 emigrierten Schriftsteller heimgekehrt war, „kam nicht als einer, der es schon immer besser wusste, [...].“ 9 Stattdessen hat er immer versucht zwischen den Lagern zu vermitteln, obwohl auch Becher nach seiner Rückkehr hat auffallen müssen, dass er während seiner Jahre im russischen Exil „Widerstand und Resistenz gegen das Hitlerregime bei den Geistesschaffenden“ 10 überschätzt hatte. Trotzdem greift er unter anderem in die Auseinandersetzung zwischen Walter von Molo, Frank Thieß und Thomas Mann ein, und versucht „den Angriffen ein wenig gegenzusteuern.“ 11 Thomas Mann umwirbt er bis zu dessen Tod und versucht ihn zu einer Rückkehr nach Deutschland zu bewegen. Es bleibt festzuhalten, dass die Arbeit des Kulturbundes bis ungefähr 1947 durch die anfänglich sehr liberale Politik der SMAD in der Nachkriegszeit ideologisch nicht sehr stark beeinflusst worden ist. Stattdessen hat der Vorsitzende Johannes R. Becher die Möglichkeit gehabt, eine Kulturpolitik nach seiner Vorstellung zu betreiben, was er auch intensiv genutzt hat. Der Kulturbund selbst hat in dieser Zeit eine herausragende kulturelle Bedeutung für ganz Deutschland besessen.
Seine Überparteilichkeit gab dem frühen Kulturbund Gewicht und öffentlichen
Einfluss. Beides ging verloren, als in den Konfrontationen des Kalten Krieges die Glaubwürdigkeit dieses Selbstverständnisses fraglich wurde. 12
2.2. Die Wende
In der wissenschaftlichen Literatur wird im allgemeinen das Jahr 1947 genannt, in dem erste Anzeichen einer politischen Richtungsänderung eine Weiterführung der bisherigen, oben dargestellten, Arbeit des Kulturbundes erschweren bzw. ganz unmöglich machen. Doch darf ein ganz entscheidender Aspekt im Zuge dieser Betrachtungen nicht vernachlässigt werden: Nach der Zwangsvereinigung von KPD und SPD im April 1946 und dem anschließenden Sieg
7 Schiller 2000, S. 9
8 Schiller 2000, S. 12
9 Dwars 1998, S. 508
10 Schiller 2000, S. 12
11 Behrens 2003, S. 233
12 Schiller 2000, S. 10
5
Arbeit zitieren:
Jan Piekarski, 2006, Johannes R. Becher - Handlungsspielräume und Grenzen eines Kulturpolitikers in der SBZ/DDR, München, GRIN Verlag GmbH
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