Inhaltsverzeichnis
1. Fragestellung 1
2. Historische Grundlagen 3
2.1 Die Französische Revolution 3
2.2 Die Ausgangssituation im Deutschen Reich um 1789 4
3. Auswirkungen der Französischen Revolution 6
3.1 Direkte Auswirkungen der Französischen Revolution 6
3.1.1 Die Koalitionskriege 6
3.1.2 Die Mainzer Republik 1792/93 6
3.1.3 Die Preußischen Reformen 8
3.2 Indirekte Auswirkungen der Farnzösischen Revolution 11
3.2.1 Die Herrschaft Napoleons über Mitteleuropa 11
3.2.3 Die Entstehung eines deutschen Nationalismus 14
4. Fazit 19
Literatur 21
1. Fragestellung
Seit der Französischen Revolution gehört der Begriff der Nation zum Wortschatz der politischen Sprache. Die meisten Länder verstehen sich als moderner Nationalstaat, und man geht gemeinhin von der Nation als einer Voraussetzung für die Souveränität eines Staates aus. Eine Definition der Nation liefert Otto Dann in seinem Werk Nation und Nationalismus in Deutschland 1770-1990, indem er die Nation als eine Solidargesellschaft charakterisiert, in der die Gesellschaft auf Grund ihrer gemeinsamen geschichtlichen Herkunft politische Interessengemeinschaften bilden 1 . Die moderne Nation geht von der vollständigen Rechtsgleichheit ihrer Mitglieder aus. Die Französische Revolution von 1789 kann, der Definition von Otto Dann folgend, als jenes Ereignis bezeichnet werden, welches die Geschichte auf dem Weg in die Moderne maßgeblich geprägt hat. Rolf Reichardt bezeichnet sie als „Schlüsselvorgang an der Schwelle zur Moderne“ 2 . Die Errungenschaften der einher gehenden Ereignisse haben nicht nur für das Bewusstsein der Franzosen eine tief greifende Bedeutung 3 . Mit der Erklärung der allgemeinen Menschen- und Bürgerrechte am 26.8.1789, die den Forderungen der französischen Revolutionären nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit entsprachen, wurden erstmals in Europa jene Prinzipien bekräftigt, die auf den Grundsätzen der Aufklärung 4 und der generellen Freiheit eines jeden Menschen im Land aufbauten und somit die absolutistischen Monarchien in Europa in Frage stellten 5 und wichtige Entwicklungen zur Modernisierung des Staatswesens und des Menschenbildes im einsetzenden 19. Jahrhundert einleiteten. Mit der Errichtung des ersten demokratisch legitimierten Nationalstaates und der Zerstörung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation 1806 „erschütterten und veränderten die Vorgänge in Frankreich das gesamte europäische Staatensystem
1 Vgl Dann, Otto. Nation und Nationalismus in Deutschland 1770-1990. 3. überarb. und erw. Aufl. Verlag C.H. Beck. München. 1996. S.12.
2 Aus: Reinalter, Helmut. Die Französische Revolution und das Projekt der Moderne. Braumüller Verlag. Wien. 2002. S. 5.
3 Vgl. Teervooren. Die Mainzer Republik 1792/ 93. Bedingungen, Leistungen und Grenzen eines bürgerlich- revolutionären Experiments in Deutschland. Verlag Peter Lang. Frankfurt am Main/ Bern. 1982. S.41.
4 Vgl. Reinalter, Helmut. Die Französische Revolution und Mitteleuropa: Erscheinungsformen und Wirkungen des Jakobinismus; seine Gesellschaftstheorien und politischen Vorstellungen. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main. 1988. S. 13.
5 Vgl. Reinalter, Helmut. Die Französische Revolution und Mitteleuropa: Erscheinungsformen und Wirkungen des Jakobinismus; seine Gesellschaftstheorien und politischen Vorstellungen. S. 12.
grundlegend“ 6 und bewirkten gleichermaßen vielfältige Veränderungen innerhalb der kontinentalen Staaten.
Die Französische Revolution bewirkte, dass sich die Formen der Auseinandersetzung mit dem politischen System auch in den deutschen Staaten massiv veränderten. War der Diskurs über die geltenden politischen Systeme vor den Ereignissen um 1789 Bestandteil einer kleinen Gruppe im Reich, so wurde während der Revolution erstmals die breite Masse der deutschen Bevölkerung politisiert. Im Zug von persönlicher Stellungnahme zu den Ereignissen im Nachbarstaat bildeten sich,ähnlich wie dort, die ersten Vorläufer politischer Parteien 7 . Schon Zeitzeugen erkannten in den Entwicklungen im Zug der Französischen Revolution die gewaltige Kraft der Umwälzung des geltenden Systems und die Unvergleichbarkeit mit anderen bis dahin gekannten Volkserhebungen; so auch Ernst Ludwig Woltmann im Jahr 1800 in seiner Zeitschrift Geschichte und Politik: „Die Französische Revolution war für die Welt eine Erscheinung , welche aller historischer Weisheit Hohn zu sprechen schien, und täglich entwickelten sich aus ihr mehr Phänomene, über welche man die Geschichte immer weniger zu befragen verstand“. 8
Ziel dieser Arbeit ist es, die weitreichenden Entwicklungen auf nahezu allen Ebenen der deutschen Gesellschaft während der Folgejahre der Französischen Revolution aufzuschlüsseln und zu erörtern. Den politischen und gesellschaftlichen Ereignissen der Französischen Revolution und der französischen Besatzung während der Kaiserzeit Napoleons folgte eine nie gekannte Wahrnehmung des Individuums als Bürger innerhalb der deutschen Staaten. Sie soll als Ausgangs- und Entwicklungspunkt für die Entstehung eines alldeutschen nationalen Gemeinschaftsbewusstseins aller Schichten hergeleitet und erarbeitet werden. Können die von der Revolution 1789 eingeleiteten Veränderungen in Mitteleuropa als der Ausgangspunkt zur Entstehung eines geeinten deutschen Staates gesehen werden?
6 aus. Reinalter, Helmut. Die Französische Revolution und das Projekt der Moderne. S. 1.
7 Vgl. Reinalter, Helmut. Die Französische Revolution und Mitteleuropa: Erscheinungsformen und Wirkungen des Jakobinismus; seine Gesellschaftstheorien und politischen Vorstellungen. S.27.
8 aus. Reinalter, Helmut. Die Französische Revolution und das Projekt der Moderne. S. 28.
2. Historische Grundlagen
2.1 Die Französische Revolution
Um die nachhaltigen Veränderungen in Europa und gerade innerhalb der deutschen Staaten erläutern zu können, wird zu Anfang ein kurzer Abriss der Französischen Revolution gegeben.
Am 5.5.1789 traten in Versailles die Generalstände zu Beratungen der Staatslage zusammen 9 . Die Vertreter des Dritten Standes der Generalstände erklärten sich am 17.6.1789 zur Nationalversammlung. Dies wird als der Beginn der Französischen Revolution gesehen. Zunächst schlossen sich Adel und Klerus der Nationalversammlung an, mussten sich jedoch im Zuge der Radikalisierung der Ereignisse bald zurückziehen. Am 14.7.1789 10 stürmten die Revolutionäre die Pariser Bastille und befreiten die Inhaftierten, bei denen es sich zumeist um politische Gefangene handelte. Die Anhänger der Revolution forderten die Entmachtung des in der absolutistischen Monarchie übermächtigen Adels. Im Zuge der Augustbeschlüsse 1789 wurden die Vorrechte des Adels, wie zum Beispiel Steuerprivilegien, abgeschafft. Gleiches gilt für Feudalherrschaft und Leibeigenschaft. Die Macht des Königs wurde bis auf ein minimales Vetorecht bei Entscheidungen der Nationalversammlung geschmälert. Durchgesetzt werden konnten die Forderungen nach Gleichheit aller Bürger vor dem Gericht. Als Folge der Augustbeschlüsse wurden am 26.8.1789 11 die allgemeinen Menschen-und Bürgerrechte proklamiert.
1791 wurde der entmachtete König zeitweilig in einer konstitutionellen Monarchie wieder eingesetzt. Im Verlauf des Jahres 1792 wurde der König durch die erstarkende Fraktion der Jakobiner unter ihrem Anführer Robespierre festgenommen und am 21.1.1793 12 hingerichtet. Es folgte die Zeit des grande terreur, die Schreckensherrschaft Robespierres, der viele Franzosen zum Opfer fielen.
Am 10.11.1799 13 errang Napoleon Bonaparte durch einen Staatsstreich die Macht in Frankreich. Dies gilt als das Ende der Französischen Revolution.
2.2 Die Ausgangssituation im Deutschen Reich um 1789
Nachdem Preußen den 7-jährigen Krieg 1763 erfolgreich beendete, war es nunmehr neben Frankreich, England, Österreich und Russland zur fünften europäischen Großmacht aufgestiegen. Dieser Aufstieg Preußens bedeutete gleichzeitig die Ursache für den preußisch-österreichischen Dualismus um die Vorherrschaft im Heiligen Römischen Reich. Abbildung 1 verdeutlicht die territoriale Ausgangssituation der deutschen Staaten um 1789.
Abb.1: Mitteleuropa im Kartenbild 1789-1990. Das Heilige Römische Reich
Im Jahr 1786, nach dem Tod Friedrichs II, wurde Friedrich Wilhelm II (1786-1797) zum neuen deutschen König gekrönt. Im Unterschied zu Frankreich waren die Voraussetzungen für grundlegende Umwälzungen in der Staatsform nicht in jenem Maße gegeben. „Deutschland“, als Gemeinschaft betrachtet, wies starke nationale Zersplitterungen in verschiedene souveräne und halbsouveräne Territorien auf 14 . Ein revolutionärer Mittelpunkt und eine daraus folgende Massenbewegung (levée en masse) wie in Frankreich wären wohl schwerlich herzustellen gewesen. Des weiteren konnte sich das deutsche Bürgertum durch das vorwiegend agrarisch strukturierte 15 Deutsche Reich erst mit einiger Verzögerung herausbilden. Die entscheidenden Träger der demokratischen Umwälzungen fehlten also lange Zeit. Die Ideen der Französischen Revolution wurden durch die kaum vorhandene Bürgerschicht nur von wenigen rezipiert und diskutiert 16 . Dennoch wurde die Französische Revolution in Preußen vom erstarkenden Bildungsbürgertum zumeist positiv aufgenommen 17 . Georg Forster, späterer Publizist, resümierte es als „des Jahrhunderts edelste Tat“ 18 Die monarchischen Staatsoberhäupter der beiden einstigen Rivalen Österreich und Preußen jedoch näherten sich im Zuge der Revolutionsbewegung einander an. So wurde am 7.2.1792 ein Verteidigungsbündnis zwischen Österreich und Preußen geschlossen. Im April 1792 erklärte Frankreich Österreich und Preußen den Krieg.
14 Vgl. Teervooren. Die Mainzer Republik 1792/ 93. Bedingungen, Leistungen und Grenzen eines bürgerlich- revolutionären Experiments in Deutschland. Verlag Peter Lang. Frankfurt am Main/ Bern. 1982. S.28.
15 Vgl. Teervooren. Die Mainzer Republik 1792/ 93. Bedingungen, Leistungen und Grenzen eines bürgerlich- revolutionären Experiments in Deutschland. Verlag Peter Lang. Frankfurt am Main/ Bern. 1982. S.28.
16 Vgl. Reinalter, Helmut. Die Französische Revolution und Mitteleuropa: Erscheinungsformen und Wirkungen des Jakobinismus; seine Gesellschaftstheorien und politischen Vorstellungen. S. 61.
17 Vgl. Dann, Otto. Nation uns Nationalismus in Deutschland 1770-1990. 3. überarb. Aufl.. C.H.Beck Verlag. München. 1996. S.63.
18 aus. Teervooren. Die Mainzer Republik 1792/ 93. Bedingungen, Leistungen und Grenzen eines bürgerlich- revolutionären Experiments in Deutschland. S.74.
3. Auswirkungen der Französischen Revolution
3.1 direkte Auswirkungen
3.1.1 Die Koalitionskriege
Die praktizierte französische Außenpolitik und der zunehmende Imperialismus Frankreichs mitsamt der daraus folgenden Ausbreitung der Revolution bedrohte nicht nur das europäische Mächtegleichgewicht, sondern auch die Machtstellung der jeweiligen Herrscher Europas.
Aus diesem Grund versuchten preußische und österreichische Truppen unter der Führung des Herzog von Braunschweig im Zuge des Ersten Koalitionskrieg (1792-1797), die revolutionären Bestrebungen in Frankreich einzudämmen oder gänzlich niederzuschlagen und die absolutistische Monarchie unter der Herrschaft König Ludwigs XVI wieder herzustellen, wobei hervorgehoben werden muss, dass dieser Krieg am 20.4.1792 von Frankreich mit der Kriegserklärung an Preußen und Österreich begonnen wurde.
Das Vorhaben scheiterte, als die Koalitionstruppen Preußens und Österreichs am 20.9.1792 in der Kanonade von Valmy von den französischen Revolutionstruppen an einem weiteren Vordringen gehindert wurden. Im nun folgenden französischen Gegenangriff unter dem Befehl von General Adam Philippe de Custine gelang den Franzosen im September 1792 ein Vordringen in die Pfalz und am 21.10.1792 die Besetzung der Stadt Mainz 19 . Der dort herrschende königstreue Kurfürst Friedrich Karl Joseph von Erthal floh bereits vor der Besetzung aus der Stadt. Die französische Besetzung bildete die Grundlage für die Entstehung der Mainzer Republik.
3.1.2 Die Mainzer Republik 1792/93
Die Mainzer Republik war neben der Cisrheanischen Republik das erste auf bürgerlichen Grundsätzen beruhende Staatswesen auf deutschem Boden. Sie be-stand unter dem Schutz französischer Revolutionsgruppen von März bis Juli 1793 auf dem Gebiet des heutigen Rheinhessen und der Pfalz 20 .
19 Schneider, Peter. Mainzer Republik und Französische Revolution. Verlag Hermann Schmidt. Mainz.1990. S.9.
20 Vgl. Reinalter, Helmut. Die Französische Revolution und das Projekt der Moderne. S. 18.
In seiner Proklamation an die Mainzer Bevölkerung am 23.10.1792 brachte Custine das Ziel zum Ausdruck, Mainz möge „la boulevard de la liberte“ 21 aller Völker im deutschen Reich sein.
Bereits zwei Tage nach der französischen Besetzung von Mainz gründete sich dort ein deutscher Jakobinerklub, die Gesellschaft der Freunde der Freiheit und Gleichheit aus allen Ständen 22 . Zu den Gründungsmitgliedern, die ihren Bezugspunkt in den Forderungen der Französischen Revolution hatten, gehörten unter anderem Georg Forster, Georg Wedekind und der Philosoph Andrea Josef Hoffmann 23 . Schnell schlossen sich Professoren der Universität, aber auch Kaufleute und sogar Beamte wie Franz Konrad Macke, damaliger Polizeikommissar, dem Jakobinerklub an. Im Dezember 1792 waren bereits etwa 500 Mitglieder im Jakobinerklub verzeichnet 24 . Die grundlegende Forderung der Mainzer Jakobiner bestand in der Errichtung einer, im Sinn der Aufklärung begründeten, deutschen Republik unter der Berücksichtigung der Ideale der Französischen Revolution; Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit 25 .
Die Mitglieder der Jakobinerklubs warben massiv für die Ideen der Französischen Revolution und der französischen Jakobiner. Im Dezember 1792 ergab eine Umfrage in 40 umliegenden Gemeinden, dass etwa 75% der ansässigen Bevölkerung eine Umgestaltung der vorherrschenden Staatsform nach französischem Vorbild befürwortete 26 .
Bereits kurz nach der Gründung des ersten deutschen demokratischen Konvents am 17.3.1792 drangen alliierte, insbesondere preußische, Koalitionstruppen unter schweren Bombardements der Stadt wieder nach Mainz vor und belagerten die Stadt 27 . Nach dem Abzug der französischen Truppen am 24.7.1793 und der Besetzung von Mainz durch preußische Truppen wurden Anhänger der Mainzer
21 Aus. Schneider, Peter. Mainzer Republik und Französische Revolution. Verlag Hermann Schmidt. Mainz.1990. S.12.
22 Vgl. Schneider, Peter. Mainzer Republik und Französische Revolution. Verlag Hermann Schmidt. Mainz.1990. S.19.
23 Vgl. Reinalter, Helmut. Die Französische Revolution und Mitteleuropa: Erscheinungsformen und Wirkungen des Jakobinismus; seine Gesellschaftstheorien und politischen Vorstellungen. S. 62.
24 Vgl. Dumont, Franz. Die Mainzer Republik von 1792/ 93. Studie zur Revolutionierung in Rheinhessen und der Pfalz. Verlag der Rheinhessischen Druckwerkstätte. Alzey. 1982. S.109.
25 Vgl. Dumont, Franz. Die Mainzer Republik von 1792/ 93. Studie zur Revolutionierung in Rheinhessen und der Pfalz. Verlag der Rheinhessischen Druckwerkstätte. Alzey. 1982. S.67.
26 Vgl. Reinalter, Helmut. Die Französische Revolution und Mitteleuropa: Erscheinungsformen und Wirkungen des Jakobinismus; seine Gesellschaftstheorien und politischen Vorstellungen. S. 66.
27 Vgl. Schneider, Peter. Mainzer Republik und Französische Revolution. Verlag Hermann Schmidt. Mainz.1990. S.9.
Republik und deutsche Jakobiner massiv verfolgt, misshandelt und gefangen genommen sowie ihr Eigentum beschlagnahmt. Diese Verfolgungswelle endete erst mit dem wiederholten Vordringen Frankreichs in das linksrheinische Gebiet, dem eine 20-jährige Angliederung des gesamten Gebietes an Frankreich folgte.
3.1.3 Die Preußischen Reformen
Die Preußischen Reformen werden gemeinhin als Reaktion auf die Niederlage Preußens gegen Napoleon in der Schlacht bei Jena und Auerstedt im Jahr 1806 verstanden 28 . Mit dieser Niederlage gingen große Gebietsverluste sowie erdrückende Reparationszahlungen an das Napoleonische Frankreich einher 29 . Gleichermaßen war Preußen unter seinem König Friedrich Wilhelm II bestrebt, die gewonnene Stellung im Kreis der fünf Großmächte aufrecht zu erhalten und die faktische Kontrolle Frankreichs über Preußen zu schwächen. Diese Lage nötigte die preußische Staatsführung 1807 dazu, aufwendige Modernisierungen unter Anderem im Bildungs- Verwaltungs-, Militär- und Agrarwesen in dem bis dahin absolutistisch geprägten Staatssystem durchzuführen, die auf dem Gedankengut der Aufklärung beruhten. Die Gefahr einer Revolution im eigenen Land stellte die wichtigste Veranlassung für die Obrigkeit dar, Modernisierungen zu erlassen 30 . An Stelle dieses gegenwärtig wenig effektiven Systems sollte ein Staat mit Mitwirkungsmöglichkeiten der Bürger auf der Grundlage von persönlicher Freiheit und Gleichheit vor dem Gesetz entstehen, die gleichzeitig den Willen verdeutlichen, die französischen Errungenschaften der Augustbeschlüsse von 1789 in einen deutschen Staat einzugliedern 31 . Diese Reform hatte für die treibenden Kräfte hohe Priorität, hatte es doch bislang keinen einheitlichen Staat gegeben. Die einzelnen Länder, Provinzen und Staaten wurden zu einem nicht geringen Teil nur durch die Person des Landesoberhauptes zusammengehalten.
Zu den von Karl Freiherr von Stein, August Neidhardt von Gneisenau und Karl August Fürst von Hardenberg ab 1808 entwickelten Reformen, gemeinhin als
28 .http://web.fu-berlin.de/akip/preussenforum/chronik/RefBef17861815/index.html Stand: 22.4.2008
29 vgl. Harold, James Deutsche Identität 1770-1990. Campus Verlag. Frankfurt/ New York. 1991. S.49.
30 Vgl. Reinalter, Helmut. Die Französische Revolution und das Projekt der Moderne. S. 24.
31 Vgl. Reinalter, Helmut. Die Französische Revolution und das Projekt der Moderne. S. 25.
Revolution von oben bezeichnet 32 , zählte auch eine staatliche Neuordnung der Verwaltung 33 . Zentraler Punkt dieser Reformen war die Möglichkeit des Mitwirkens der Bürger im Staat durch die Einführung einer Selbstverwaltung in Provinzen, Kreisen und Kommunen, wobei diese nach Steins Vorstellungen noch auf dem Ständesystem beruhte 34 . Auch im Bereich des Agrarwesens sollten weitreichende Änderungen durchgeführt werden, denen die preußische Bauernbefreiung folgte. Die Bauernbefreiung war ein Vorgang, der sich in unterschiedlichen Phasen und Ausprägung in ganz Europa vollzog. Hierfür waren verschiedene Gründe ausschlaggebend. Moralisch war die Leibeigenschaft schon seit Ende des 18. Jahrhunderts anstößig geworden, ökonomisch wuchsen zu Anfang des 19. Jahrhunderts die Zweifel an der Zweckmäßigkeit der bisherigen agrarischen Ordnung. Folglich wurden die altbekannten feudalen, aber auch genossenschaftlich Agrarstrukturen im Zuge der Preußischen Reformen abgeschafft. Bis zum Jahr 1807 waren Bauern durch ihre Erbuntertänigkeit leibeigen, zudem wurden sie durch Frondienste und Ernteabgaben belastet. Nach dem Oktoberedikt von 1807 wurde die Situation der Bauern, dem Französischen Beispiel von 1789 folgend, rapide verbessert, wobei die vorherrschende Machtposition des Adels noch bis 1848, dem Jahr der Deutschen Revolution, hingenommen werden musste 35 . Sie erhielten ihre persönliche Freiheit und das volle Eigentum an Boden. Die Erbuntertänigkeit wurde abgeschafft, gleichzeitig fielen die Berufsbeschränkungen. Frondienste und feudale Verpflichtungen wurden gänzlich aufgehoben. Damit eng verbunden waren nunmehr das Recht auf freien Eigentumserwerb und die Freiheit der Berufswahl 36 . Das Regulierungsedikt von 1811 vervollständigte die bäuerliche Freiheit. Das Edikt bestimmte sie zu den Eigentümern ihrer Höfe. Anstelle einer zumeist unmöglich zahlbaren Ablösesumme wurden die Bauern zu einer Entschädigungszahlung an die ehemaligen Gutsherren verpflichtet. Diese bestand aus einer Abtretung des bewirtschafteten Gebietes um bis zu zwei Dritteln an den ehemaligen Eigentümer. Kleinere Besitzungen wurden von dieser Bestimmung ausgeschlossen um dem Entstehen von
32 http://web.fu-berlin.de/akip/preussenforum/chronik/RefBef17861815/index.html.Stand: 22.4.2008.
33 Vgl. Dann, Otto. Nation und Nationalismus in Deutschland 1770-1990. S.70.
34 Vgl. Reinalter, Helmut. Die Französische Revolution und das Projekt der Moderne. S. 25.
35 Vgl. Reinalter, Helmut. Die Französische Revolution und das Projekt der Moderne. S. 27.
36 vgl. Harold, James. Deutsche Identität 1770-1990. Campus Verlag. Frankfurt/ New York. 1991. S.50.
Bauernhöfen, die nicht genug Ertrag zum Überleben der Besitzer abwarfen, entgegenzuwirken.
Dem folgten die von Wilhelm von Humboldt seit seiner Amtsantritt 1808 als Leiter der Abteilung für Kultur und Unterricht im Innenministerium betriebenen Bildungsreformen. Sie nahmen in Preußen eine Schlüsselstellung ein. Voraussetzung der Durchführung war ein neuer Bürgertypus, der selbstverantwortlich handeln sollte. Die Erziehung und Bildung einer ganzen Nation sollte die Voraussetzung zum Funktionieren des neuen Systems werden. Im Gegensatz zur Staats-reform, die anfänglich noch vom ständischen Denken geprägt wurde, schlossen die Bildungsreformen von Beginn an jeden Preußen ein. Humboldt ging es bei der Konzeption seiner Bildungsreformen vorrangig um die Entwicklung einer Art Allgemeinbildung. Seiner Meinung nach müsste die Bevölkerung erst politisch und allgemein gebildet sein, um politische Entscheidungen mittragen zu können 37 . Weiterentwickelt wurde das Konzept von Johann Gottlieb Fichte, der vorrangig eine Nationalerziehung forderte, die der nationalen Behauptung gegen den übermächtig scheinenden Napoleon und der französischen Fremdherrschaft dienen sollte. Durchgeführt wurde die Bildungsreform in Form von staatlichen Schulen, gegliedert in Volksschule, Gymnasium und Universität. Der Staat führte die Aufsicht über die Schulen und setzte die allgemeine Schulpflicht durch. Staatlich anerkannte Prüfungen konnten von jedem Schüler, unabhängig vom Stand, abgelegt werden. Dies führte erstmalig zu einer Möglichkeit der Überwindung vormals geltender Standesschranken. Praktisch war dies, auch auf Grund des Widerstands der ansässigen Adeligen, zunächst nur in wenigen Fällen durchsetzbar.
Vorrangiger Aspekt der von Gerhard von Scharnhorst und Hermann von Boyen eingeleiteten Militärreformen war die Aufhebung der Schranken zwischen Armee und Gesellschaft. Ziel sollte eine auf den Patriotismus des Staatsbürgers aufgebaute Armee sein 38 . Zu diesem Zweck wurde die Stellung der einfachen Soldaten angehoben, indem die Soldatengesetze dem bürgerlichen Recht angepasst wurden. Zudem wurde das Adelsprivileg abgeschafft. Dies ermöglichte erstmals auch Bürgern eine Karriere beim Militär. Die zentrale Reform lag in der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht 39 , die 1813 trotz Widerstandes des
37 Vgl. Reinalter, Helmut. Die Französische Revolution und das Projekt der Moderne. S. 25.
38 Vgl. Reinalter, Helmut. Die Französische Revolution und das Projekt der Moderne. S. 25.
39 Vgl. Dann, Otto. Nation und Nationalismus in Deutschland 1770-1990. S.75.
Adels umgesetzt werden konnte und 1814 mit dem Wehrgesetz gesichert wurde. Kosequenz dieser patriotischen Militärreformen war ein für sein Vaterland kämpfender Bürger 40 .
3.2 Indirekte Auswirkungen der Französischen Revolution
3.2.1 Die Herrschaft Napoleons über Mitteleuropa
Napoleon Bonaparte wurde für das nationale Schicksal Deutschlands zu Beginn des 19. Jahrhunderts zur entscheidenden Gestalt 41 . Innerhalb kürzester Zeit erreichte er eine nahezu komplette Neuordnung der mitteleuropäischen Landkarte 42 , hatte die einzelnen deutschen Territorien vollständig in den französischen Staat eingegliedert und den Rest des mittleren Reichsgebiets zu einem Verbund französischer Satellitenstaaten zusammengefasst 43 und stellte somit eine Art „Pufferzone“ gegen das habsburgische Österreich und Russland dar, die Frank- reichvor gegenrevolutionären Bewegungen schützen sollte 44 . Dies war das vorläufige Ende der deutschen Präsenz auf der politischen Landkarte Europas, was anhand der Karte von 1812 verdeutlicht werden kann.
40 Vgl. Dann, Otto. Nation und Nationalismus in Deutschland 1770-1990. S.75.
41 Vgl. Reinalter, Helmut. Die Französische Revolution und das Projekt der Moderne. S. 20.
42 Vgl. http://www.fes.de/fulltext/historiker/00671003.htm Stand: 19.4.2008.
43 Vgl. Dann, Otto. Nation und Nationalismus in Deutschland 1770-1990. S.67.
Der Pathos des freien Volkes der Französischen Revolution gehörte zu Herrschaftszeiten Napoleons schon weitgehend der Vergangenheit an, dennoch bemühte sich Napoleon während seiner Regierungszeit um eine Angleichung des dort üblichen Systems der ihm unterliegenden Gebiete an die Französische Staats- und Gesellschaftsordnung, um eine Steuerung dieses weitreichenden Kaiserreiches gewährleisten zu können. Auf Veranlassung Napoleons wurden in dieser Zeit die ersten modernen Verfassungen entwickelt 45 , aber auch weitreichende Reformen, die sogenannte bürgerliche Umwälzung 46 im Bereich der Rechts- und Verwaltungspolitik durchgesetzt, der sogenannte Code civil.
45 Vgl. Dann, Otto. Nation und Nationalismus in Deutschland 1770-1990. S.67.
46 Vgl. Bleiber, Helmut (Hrsg.). Bourgeoisie und bürgerliche Umwälzung in Deutschland 1789- 1871. Berlin. 1984.
3.2.2 Die Entwicklung eines französischen Feindbildes Im Zusammenhang mit den Revolutionskriegen entstand eine mehr und mehr nationale Orientierung, die gegen das revolutionäre Frankreich akzentuiert war. Christian Jansen und Henning Borggräfe konstatieren hierzu in ihrem Buch „Nation-Nationalität-Nationalismus“, dass bereits die Anfänge des deutschen nationalistischen Denkens eine antifranzösische Richtung einschlugen und so die Wahrnehmung der Französischen Revolution wie auch der französischen Besatzung und des Napoleonischen Zeitalters maßgeblich prägte 47 . Es entwickelte sich ein konservativer Reichspatriotismus. Diese frühe Form des Nationalismus wird zumeist mit dem Begriff des Patriotismus belegt und nach Otto Dann als „ein gesellschaftlich-politisches Verhalten“ verstanden, „bei dem nicht die eigenen Gruppeninteressen im Vordergrund stehen, sondern die Gesellschaft als Ganzes, der Staat, die Umwelt, (…)“ 48 . So findet sich zum ersten Mal ein deutscher Nationalismus in der Form, die Deutschland einst prägen sollte: anti-modernistisch, antirevolutionär, religiös-fundamentalistisch, anti-französisch 49 . Als Gegenpol dieser Entwicklungen entstanden auch in anderen Teilen des deutschen reiches Anhänger des Jakobinischen Gedankenguts, die sich in ihrem politischen Denken der Maxime der Französischen Revolution anschlossen und sich ein geeintes freies Deutschland erhofften (Professor Carl Friedrich Cramer: „Deutschland, ein Volk! Eine Brüdernation! Nach gleichen Rechten durch Volks- repräsentationund ein freiwillig erwähltes, eingeschränktes Oberhaupt regiert!...“) 50 . Dennoch ist für fast ganz Deutschland, wenn auch zu unterschiedlichen Zeitpunkten, ein Entfremdungsprozess gegenüber Frankreich festzustellen, welcher je nach Region und Bildungsstand die verschiedenen Bevölkerungsschichten berührte und betraf. Teilweise kann man sogar von der Entwicklung eines „Franzosenhasses“ in der Bevölkerung sprechen, der noch bis ins 20. Jahr- hunderthinein thematisiert und auch nach dem Ende des Ersten Weltkriegs immer wieder nationalistisch aufgeladen wurde 51 . Der Schriftsteller Arndt resümierte in seinem Vaterlandslied: „Das ist des Deutschen Vaterland, wo Zorn
47 Vgl. Jansen, Christian, Börggräfe, Henning. Nation- Nationalität- Nationalismus. Campus Verlag. Frankfurt/ New York. 2007. S.27.
48 Zitat Otto Dann aus: Jansen, Christian, Börggräfe, Henning. Nation- Nationalität- Nationalismus. Campus Ver- lag. Frankfurt/ New York. 2007. S.33.
49 Vgl. Dann, Otto. Nation und Nationalismus in Deutschland 1770-1990. S.65.
50 aus. Dann, Otto. Nation und Nationalismus in Deutschland 1770-1990. S.66.
51 Vgl. Dann, Otto. Nation und Nationalismus in Deutschland 1770-1990. S.81.
vertilgt den welschen Tand, wo jeder Franzmann heißet Feind, wo jeder Deutsche heißet Freund“ 52 .
Die von Frankreich seit 1790 annektierten linksrheinischen Gebiete, die auf Grund der Abhängigkeit aber auch der bestehenden wirtschaftlichen Vorteile dieser Nähe zu Frankreich eher geneigt waren, die Fremdherrschaft zu akzeptieren, ereilte die Entwicklung erst etwas verzögert 53 . Je nach dem Grad der vorhandenen Abhängigkeit von Nahrungsmitteleinfuhren, konstanter Währungskurse und Zollvereinbarungen der annektierten deutschen Gebiete schein es also nicht verwunderlich, dass sich eine antifranzösische Stimmung im Bildungsbürgertum entwickelte. Ohne Frage betrafen die Restriktionen auch die unteren Bevölkerungsschichten des Reiches. Die Entwicklung eines gemeinsamen Feind- bildes,welches für alle „Deutschen“ gleichermaßen herhält, scheint also nicht verwunderlich. Neben Sachsen gehörten auch Ostpreußen und die Hansestädte zu den frankreichfeindlichsten Gebieten im Deutschen Reich. Namentlich der Rest Preußens blieb zunächst neutral. Auf unterschiedliche Weise verstärkte sich die Distanz zur Besatzungsmacht immer mehr. Im Fall Bayerns ist der Zusammenhang zwischen den von außen aufgezwungenen Prohibitivzöllen und der Abwendung vom Bündnis mit Napoleon offenkundig. Auch für die anderen Rhein-bundstaaten gab es im Herbst 1813 gute Gründe, einen Versuch zu unternehmen, die Napoleonische Herrschaft zu beenden und sich am militärischen Kampf gegen Frankreich zu beteiligen.
3.2.3 Die Entstehung eines deutschen Nationalismus
Im Zug der antinapoleonischen Widerstandsbewegungen, deren Agitatoren vorrangig Angehörige der Bildungsschichten waren, die ihr patriotisches Engagement in den Dienst des Widerstandes gegen die französische Fremdherrschaft zu stellen begannen 54 , bildete sich zum ersten Mal in der Geschichte eine Weiterentwicklung von deutschem Patriotismus, die deutsche Nationalbewegung 55 . Sie wurde zunächst im Wesentlichen von bürgerlichen und adligen Bildungsschichten getragen, die schon ein nationales Bewusstsein besaßen.
52 aus. Dann, Otto. Nation und Nationalismus in Deutschland 1770-1990. S.81.
53 http://www.fes.de/fulltext/historiker/00671003.htm Stand: 19.4.2008.
54 Vgl. Dann, Otto. Nation und Nationalismus in Deutschland 1770-1990. S.70.
55 Vgl . Dann, Otto. Nation und Nationalismus in Deutschland 1770-1990. S.72.
Jedoch gelang es im Verlauf der Befreiungskriege ab 1813, auch andere soziale Schichten für die Nationalismusidee zu begeistern. Im Gegensatz zum individuell verstandenen Patriotismus stellte der Nationalismus oder nationale Patriotismus einen ernst zu nehmenden politischen Faktor dar. Es bildeten sich verschiedene organisierte Vereine, wie z. B. der 1810 von Friedrich Friesen und Friedrich Ludwig Jahn, auch bekannt als Turnervater, gegründete Deutsche Bund, die 1811 gegründete Deutsche Tischgesellschaft oder auch der sogenannte Tugendbund (Gesellschaft zur Übung der öffentlichen Tugenden), der 1808 ins Leben gerufen wurde 56 . Des weiteren wurde auch in literarischen Gesellschaften, Historikerverbänden oder Sängergemeinschaften 57 über die Zukunft der nationalen Identität diskutiert. Vereine solcher Art trugen durch die Ausweitung auf größere Teile der Bevölkerung maßgeblich zur „Vergesellschaftung“ der nationalen Ideen bei und trugen die Idee auch in die unteren Bevölkerungsschichten 58 . Auch die seit 1815 vermehrt gegründeten Burschenschaften 59 spielten bei der Verbreitung nationalistischen Gedankengutes eine wichtige Rolle, waren doch die Mitglieder, junge Studenten, der intellektuelle Nachwuchs der deutschen Staaten. Preußen ist, sich beziehend auf den ausgeprägt vorhandenen Patriotismus 60 , als das Kerngebiet dieser Nationalbewegung zu sehen. Charakteristisch ist dort die hohe Dichte der Patrioten innerhalb der Regierung. Von diesem dominierenden Zentrum der Nationalbewegung gingen die entscheidenden Impulse aus 61 , die nach der Entwicklung eines Widerstandsmodells gegen Napoleon im preußischen Kriegsdepartment 1813 letztendlich im Preußischen Befreiungskrieg gipfelten 62 . Dieses Ereignis ist als wichtiger Schritt auf dem Weg der Entstehung einer deutschen Nationsbildung anzuerkennen, da die Deutschen erstmals als gemeinsames Volk agierten 63 .
56 Vgl . Dann, Otto. Nation und Nationalismus in Deutschland 1770-1990. S.72.
57 Vgl. Jansen, Christian, Börggräfe, Henning. Nation-Nationalität-Nationalismus. Campus Verlag. Frankfurt/ New York. 2007. S.22.
58 Vgl. Jansen, Christian, Börggräfe, Henning. Nation-Nationalität-Nationalismus. Campus Verlag. Frankfurt/ New York. 2007. S.22.
59 Vgl. Jansen, Christian, Börggräfe, Henning. Nation-Nationalität-Nationalismus. Campus Verlag. Frankfurt/ New York. 2007. S.44.
60 vgl. Harold, James Deutsche Identität 1770-1990. Campus Verlag. Frankfurt/ New York. 1991. S.48.
61 Vgl. Dann, Otto. Nation und Nationalismus in Deutschland 1770-1990. S.77.
62 Vgl. Dann, Otto. Nation und Nationalismus in Deutschland 1770-1990. S.73.
63 Vgl. Dann, Otto. Nation und Nationalismus in Deutschland 1770-1990. S.83.
3.2.4 Die Preußischen Befreiungskriege
Die Befreiungskriege, auch Freiheitskriege genannt, benennen die kriegerischen Auseinandersetzungen, die Deutschland, Italien und Spanien von 1813 bis 1815 von der französischen Fremdherrschaft durch Napoleon befreiten und gleichzeitig das Zeitalter des französischen Kaiserreichs beendeten. Die Befreiungskriege waren Teil der seit 1806 andauernden Koalitionskriege in Europa 64 . Der Ausdruck Befreiungskriege bezeichnet die Intention dieses Kriegs. Vor allem Deutschland verstand diesen Krieg als Befreiungsschlag gegen die seit Jahren andauernde Fremdherrschaft Frankreichs. Als solch ein Befreiungsschlag betraf er alle Schichten der nationalen Gemeinschaften. Das Ziel war die Wiederherstellung einer Unabhängigkeit der deutschen Einzelstaaten, die bislang entweder Frankreich angegliedert oder zu Satellitenstaaten erklärt worden waren 65 . Träger dieses Befreiungskrieges waren vorrangig die in Kapitel 6 erläuterten bürgerlichen Schichten. Nicht stark genug, um allein agieren zu können, sah sich Preußen gezwungen, auf eine für sich günstige Konstellation der internationalen Lage zu hoffen 66 , um das Ziel der Beseitigung der Fremdherrschaft anzugehen. Diese Situation schien im Jahr 1813 gegeben. Nach der Niederlage Frankreichs im Krieg gegen das Zaristische Russland 67 erklärte Preußen Frankreich den Krieg. In diesem Befreiungskrieg erhoffte sich Preußen eine Stärkung der eigenen Position durch ein Bündnis mit Österreich und Großbritannien. Vor allem in der Zeit bis zum ersten Waffenstillstand zeichnete sich dieser Befreiungskrieg durch seinen starken nationalpolitischen Charakter aus, der sich von allen Vorhergegangenen unterschied. Dieses patriotische Engagement hatte den stärksten Rückhalt im Preußischen Heer unter der Führung von General Blücher und General Gneisenau. Bis zum August 1814 hatten sich bereits 30.000 Preußen freiwillig zum Kampf, der als nationaler Kampf empfunden wurde, gemeldet 68 . General Blücher ging es vorrangig um die Herstellung Deutschlands 69 . Die Koalition gegen Frankreich, das seinen Hauptstützpunkt in der Nähe von Dresden angesiedelt hatte, stellte nunmehr im sogenannten Herbstfeldzug drei
Heere auf. In der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 wurden Napoleons Truppen besiegt 70 und die französische Armee musste sich über den Rhein hinaus zurückziehen. Die napoleonische Hegemonialpolitik brach in Folge dieser Niederlage zusammen, die Rheinbundstaaten wurden aufgelöst und Napoleon musste sich zu Friedensverhandlungen bereit erklären. Im Frieden von Paris wurde die deutschfranzösische Grenze von 1792 weitestgehend wieder hergestellt. Während die fünf Großmächte 1815 auf dem Wiener Kongress über die Friedensverträge ver-handelten, zog Napoleon am 20.3.1815 in Paris ein, um seine Herrschaft wieder herzustellen. Die gegen ihn aufgestellte britisch-deutsch-niederländische Armee konnte das Napoleonische Zeitalter in der Schlacht bei Waterloo endgültig beenden 71 .
Ziel des Wiener Kongresses 1815 war, eine Neuordnung der deutschen Gebiete und des europäischen Staatensystems nach Napoleon zu entwickeln. Vorrangig sollte wieder ein Gleichgewicht zwischen den europäischen Staaten hergestellt werden 72 . Als Ergebnis der Verhandlungen wurde 1815 der Deutsche Bund gegründet. In der folgenden Karte kann man erkennen, dass die deutschen Staaten einen Schutz vor einer Hegemonialmacht in Mitteleuropa darstellen, sowohl vor einer westlich von Frankreich oder England ausgehenden Bedrohung, als auch vor östlich von Österreich oder Russland ausgehenden imperialistischen Begehren 73 .
S.48.
Abb.3: Mitteleuropa im Kartenbild 1789-1990. Der Deutsche Bund 1815. Vgl. Dann, Otto. Nation und Nationalismus in Deutschland 1770-1990. S.413.
Die Ausmaße dieses Krieges stellte für viele deutsche Soldaten einen Akt der deutschen Emanzipation dar und führte zu einem neuen Selbstverständnis der Deutschen. Der Krieg war ein nationalbildendes Ereignis, ein Befreiungsschlag aller Schichten 74 , der die Bindung an den Einzelstaat und den herrschenden Landesfürsten zu Gunsten eines deutschen Vaterlandes verringerte. Die hohe Zahl der Kriegsfreiwilligen belegen, wie hoch die nationale Begeisterung und wie Stark der Hass auf die französische Besatzermacht ausgeprägt war 75 . Die deutsche Nation insgesamt wurde größer und politisch bewusster, der Ruf nach einem gemeinsamen Nationalstaat immer lauter 76 , wie schon 1812 Freiherr von Stein konstatierte „Es ist mir leid, dass sie in mir den Preußen vermuten; ich habe nur ein Vaterland, das heißt Deutschland“. 77
4. Fazit
Moderne Forschungsansätze sehen die Französische Revolution häufig als den Beginn der politischen Demokratie und des Liberalismus. Dabei darf der Ablauf der Revolution nicht verkannt werden, sie verlief nicht linear und konnte ihre Forderungen nicht umgehend umsetzen, was beispielsweise durch die zeitweilige Wiedereinsetzung von Ludwig XVI verdeutlicht wird. Auch war sie während ihres Verlaufs häufig durch innenpolitische Gegenbewegungen von Anhängern der Monarchie bedroht 78 . Dennoch ist die Französische Revolution das Ereignis, welches eine völlig neue politische Kultur in Europa hervorgebracht hat, die die vorherrschenden Staatsvorstellungen des 19. Jahrhunderts entscheidend verändert und bis in die heutige Zeit geprägt hat. Der sich vollziehende gesellschaftliche Wandel ist nicht nur der Revolution geschuldet, auch darf die Epoche der napoleonischen Herrschaft über Europa in diesem Kontext nicht unterschätzt werden.
Der Übergang von der absolutistischen Monarchie zu einer demokratischen Staatsform ging in den deutschen Staaten langsamer vonstatten als in den westlichen Nachbarstaaten. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass es „Deutschland“ an einem politischen Mittelpunkt, wie ihn bspw. Paris für Frankreich bildete, fehlte. Goethe und Schiller erkannten 1797 „Deutschland? Aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden. Wo das Gelehrte beginnt, hört das politische auf“. 79 Durch die starke nationale Zersplitterung in mehr als 300 verschiedene Einzelstaaten 80 und ihren verschiedenen politischen wie ökonomischen Voraussetzungen konnten sich einheitliche Strukturen und größere Oppositionsbewegungen erst zeitverzögert entwickeln 81 .
Nachdem sich der Druck auf deutsche Fürstenhäuser in den 1790er Jahren durch die zunehmende Angst vor einer Revolution im eigenen Land drastisch erhöhte, setzte eine Reformperiode nie gekannten Ausmaßes ein, die auch oder gerade wegen der Fremdherrschaft Frankreich im Zeitalter Napoleons vorangetrieben
78 Vgl. Reinalter, Helmut. Die Französische Revolution und Mitteleuropa: Erscheinungsformen und Wirkungen des Jakobinismus; seine Gesellschaftstheorien und politischen Vorstellungen. S. 66.
79 aus. Dann, Otto. Nation und Nationalismus in Deutschland 1770-1990. S. 66.
80 Vgl. Harold, James. Deutsche Identität 1770-1990. Campus Verlag. Frankfurt/New York. 1991. S.48
81 Vgl. Reinalter, Helmut. Die Französische Revolution und Mitteleuropa: Erscheinungsformen und Wirkungen des Jakobinismus; seine Gesellschaftstheorien und politischen Vorstellungen. S. 61.
wurde. Vermehrte Chancengleichheit auf Grund der zahlreichen und umfangreichen Reformen im Agrar-, Militär- und Bildungssektor zogen eine Wahrnehmung der Gemeinschaft nach sich, es begann eine allmähliche Annäherung der einzelnen Schichten aneinander.
Es wurde aufgezeigt, dass diese Reformperiode als eine direkte Auswirkung der Französischen Revolution auf Deutschland als ein Hauptgrund für die folgende nationale Emanzipation der einzelnen deutschen Staaten und die Verbreitung nationalistischen Gedankenguts gesehen werden kann. Als indirekte Auswirkung der Französischen Revolution im Zuge des Preußischen Befreiungskriegs stieß dieser Nationalismus erstmalig auf breite Resonanz. Die Befreiung vom verhassten Frankreich wurde zum Identifikationspunkt der gemeinsam kämpfenden deutschen Bevölkerung und zog ein Gefühl von Zusammengehörigkeit nach sich, welches zuvor auf Grund von Zugehörigkeit und ergebener Treue zu verschiedenen Fürstenhäusern sowie unterschiedlicher Landesinteressen wohl kaum möglich gewesen wäre. Der universalistische Charakter der Französischen Revolution wie auch die universalistische französische Außenpolitik unter Napoleon führten zu Rufen nach Veränderung in der gesamtdeutschen Bevölkerung, die nicht an den Grenzen der Fürstentümer endeten. Durch das gemeinsame Erleben der Revolutionsjahre 1789-1792, sowie den gemeinsamen Befreiungskrieg Preußens ebnete die Französische Revolution und auch die Herrschaft Napoleons so den Weg zu einer vereinten Deutschen Nation.
„Der Zustand Deutschlands 1789. Die reine Sackgasse- nur von außen konnte
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http://lexikon.meyers.de/meyers/Befreiungskriege Stand: 17.4.2008
http://www.historicum.net/themen/franzoesische-revolution/zeitleiste/
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