Universität Leipzig
Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft
Lehrstuhl Öffentlichkeitsarbeit/Public Relations
Seminar
Systemtheorie und Organisationskommunikation
Sommersemester 2005
Politisches Entscheiden: Zwei Modelle
Gesa Lüß
Kommunikations- und Medienwissenschaft (Magister, Hauptfach)
9. Studiensemester
8. Fachsemester KMW
Abgabe: 28. November 2005
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
II
1
Einleitung und Begriffsdefinition
1
2
Teil A: Muddling Through
3
2.1
Root- vs. Branch-Methode: Lindbloms Modell politischen
Entscheidens
3
2.2
Soziologische Grundlagen für Lindbloms Theorie
8
2.3
Kritik an der Kritik: Für und wider Rational Choice
12
3
Teil B: Policy Window
14
3.1
Policy-Making: Ein linearer oder zyklischer Prozess?
14
3.2
A Garbage Can Model of Organizational Choice
18
3.3
Das Policy Window Modell
19
3.4
Kritik am Muddling Through Modell
20
4
Fazit: Vergleich der beiden Ansätze
23
Literaturverzeichnis
25
II
1 Einleitung und Begriffsdefinition
Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Prozess des politischen Entscheidens. Dieser wird vor allem anhand zweier Modelle dargestellt: dem ,,Muddling Through" von Charles Lindblom und dem ,,Policy Window" von John W. Kingdon, einer Übertragung des ,,Garbage Can Model of Organizational Choice" von Michael D. Cohen, James G. March und Johan P. Olsen auf den politischen Bereich.
In den englischsprachigen Originaltexten wird dieser Prozess auch als ,,Policy-Making" bezeichnet. Es wird also auf die in der Politikwissenschaft übliche Unterteilung des Politikbegriffs in die drei Dimensionen ,,Polity", ,,Politics" und ,,Policy" zurückgegriffen. Polity umfasst dabei die für die Politik relevanten Normen und Institutionen und bildet somit den formalen Ordnungsrahmen für politisches Handeln. Mit Politics wird der Prozess der politischen Wil ensbildung bezeichnet, in dem Konflikte ausgetragen werden. Policy schließlich meint ,,die Inhalte gesamtstaatlicher oder bereichsspezifischer verbindlicher Entscheidungen"1 und bildet damit die Dimension, die in dieser Arbeit genauer untersucht werden soll. Policy-Making und politisches Entscheiden werden daher im Folgenden synonym gebraucht. Zur näheren Erläuterung der beiden Entscheidungsmodelle werden auch allgemeinere Konzepte der Organisations-, Entscheidungs- und Systemtheorie herangezogen.
Diese Seminararbeit ist vor allem eine literaturanalytische Arbeit und wil die Entwicklung der wissenschaftlichen Modellbildung politischer Entscheidungsprozesse von den späten 1950er Jahren bis Mitte der 1990er Jahre anhand zweier prominenter Beispiele umreißen.
Der erste Teil der Arbeit befasst sich mit dem Muddling Through Modell. Der Ansatz wird vorgestellt (Kapitel 2.1.), seine soziologischen Grundlagen erläutert (Kapitel 2.2.) und einige Kritikpunkte aufgezeigt (Kapitel 2.3.). Im zweiten Teil geht es um das Policy Window Modell. Dafür ist zunächst ein kleiner Exkurs zur Systemtheorie in der Politikwissenschaft nötig (Kapitel 3.1.). Daraufhin wird das Garbage Can Model Of Organizational Choice in aller Kürze dargestellt (Kapitel 3.2.), das die Grundlage für das Policy Window Modell bildet, das in Kapitel 3.3. ausführlicher beschrieben wird. In Kapitel 3.4. erfolgt ein Rückbezug auf das Muddling Through, indem aufgezeigt wird,
1 Naßmacher 1991, S.15
1
welche Kritik Kingdon an Lindbloms Ansatz übt und was das Neue im Policy Window Model ausmacht. Dies wird durch eine zusammenfassende Gegenüberstellung und Beurteilung beider Theorien abgeschlossen (Kapitel 4).
2
2
Teil A: Muddling Through
2.1
Root- vs. Branch-Methode: Lindbloms Modell politischen
Entscheidens
In seinem 1959 erschienen Artikel ,,The Science of ,,Muddling Through"" stellt Charles Lindblom zwei Entscheidungsmethoden beim Policy-Making gegenüber: die Rational Comprehensive Methode (oder Root-Methode) und die Successive Limited Comparisons Methode (oder Branch-Methode). Sie unterscheiden sich in folgenden Punkten:
1. Bestimmung von Werten und empirische Analyse von Alternativen
2. Verhältnis von Zielen und Mitteln zur Zielerreichung
3. Evaluation der Entscheidung
4. Umfang der Analyse (der Situation, der Alternativen und ihrer Auswirkungen und der Werte)
5. Nutzung von Theorie
Die Namen sind bei beiden Methoden jeweils Programm: Die Root-Methode versucht, ein Problem ,,an der Wurzel zu packen", sie ist ,,always prepared to start completely from the ground up"2. Das heißt, es werden zunächst Werte formuliert, an denen sich die Entscheidung orientieren soll und diese werden hierarchisch geordnet. Aus diesen Werten lässt sich ein klares Ziel der Entscheidungshandlung ableiten. Erst dann werden die zur Verfügung stehenden Mittel zur Erreichung des Ziels einer empirischen Analyse unterzogen: Inwiefern sind sie zur Verwirklichung des Ziels geeignet?
Welches Mittel erweist sich in dieser Hinsicht als optimal? Die Analyse ist dabei umfassend (comprehensive), das heißt es dürfen keine Handlungsalternativen, mögliche Auswirkungen oder Werte außer Betracht gelassen werden. Um die Entscheidung zu fällen, wird oft auf Theorie3 zurückgegriffen. Eine Entscheidung kann nur dann als ,,gut" evaluiert werden, wenn das bestgeeignete Mittel zur Zielerreichung verwendet wurde. Ganz anders hingegen funktioniert das Entscheiden nach der Branchä-Methode: wie ein Zweig nur aus einem festen Baumstamm wachsen kann, erwächst auch die Entscheidung aus etwas fest vorgegebenem, nämlich aus
2 Lindblom 1959, S.81
3 Eine Theorie ist nach Lindbloms eigener Definition die Kategorisierung und Generalisierung
von Erfahrungen. (Lindblom 1959, S.86)
3
der gegenwärtigen Situation. Es wird nicht bei Null angefangen, es werden nicht erst Werte aufgestellt oder ein Ziel formuliert, sondern gleich die Handlungsalternativen analysiert und verglichen. Die Analyse ist dabei stark beschränkt: es werden ausschließlich Alternativen in Betracht gezogen, die nur geringfügige Änderungen der aktuel en Situation mit sich bringen. Es werden auch nicht alle möglichen Konsequenzen der so verbliebenen Optionen bedacht und nicht alle Werte, die diese in sich tragen, berücksichtigt. Durch mehrere aufeinander folgende Vergleiche (succesive comparisons) wird ein Bezug auf Theorie weitestgehend überflüssig. Eine Entscheidung gilt als ,,gut", wenn in ihr al e am Entscheidungsprozess beteiligten Parteien übereinstimmen und es keine bessere Alternative gab.
Die Unterschiede sind in folgender Tabel e noch einmal übersichtlich zusammengefasst: [...]
4
Arbeit zitieren:
M.A. Gesa Lüß, 2005, Politisches Entscheiden, München, GRIN Verlag GmbH
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