Inhalt
Die moralische Leerstelle. 1
I. Einleitung. 3
II. Iser und der Akt des Lesens 4
1. Voraussetzungen 4
2. Der implizite Leser 5
3. Textrepertoire. 6
4. Thema und Horizont 7
5. Zwischen Retention und Protention 9
6. Die Leerstellen. 10
7. Negation 12
III. Siegfried Lenz: Der seelische Ratgeber 14
1. Analyse 14
2. Die Sinnkonstitution und ihre Bedeutung 22
IV. Siegfried Lenz: Die Flut ist pünktlich 27
1. Analyse 27
2. Die Sinnkonstitution und ihre Bedeutung 36
V. Judith Hermann: Ruth (Freundinnen) 39
1. Herangehensweise 39
2. Störfaktoren im Figurenverhältnis. 40
3. Ursachenforschung. 42
4. Die Lösungsstrategien der Ich-Erzählerin 45
5. Die Sinnkonstitution und ihre Bedeutung 47
VI. Was soll ich tun? - Die Erzählungen im Überblick. 50
VII. Grenzen der Rezeptionsästhetik 51
Literaturverzeichnis 54
2
I. Einleitung
Wenngleich es literarische Texte seit geraumer Zeit gibt, so ist die Art und Weise des Umgangs mit ihnen, d. h. insbesondere ihre Interpretation seit je her umstritten. Nicht nur die Literaturwissenschaft ist sich bis heute uneins in der Auslegung von Texten, sondern auch die „gewöhnliche“ Leserschaft kommt zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen, was die Bedeutung von Texten anlangt. Seit den Bemühungen der Konstanzer Schule und ihren Hauptvertretern Wolfgang Iser und Hans Robert Jauß, das Verhältnis von Text und Leser in einer Theorie der Rezeptionsästhetik neu zu definieren, hat der etwas starre Interpretationsbetrieb aus Hermeneutik und Strukturalismus in den 1970er Jahren neue Bewegung erfahren. Iser und Jauß zeigen in ihren Ausführungen die Verwechslung zwischen Bedeutung und Sinn auf. Wer Texte nur auf ihre Bedeutung hin liest, läuft also nicht nur Gefahr, Bedeutung mit Sinn zu verwechseln, sondern auch über den Sinn eines literarischen Textes hinweg zu lesen und somit die Grundlage für die mögliche Bedeutung von Texten außer Acht zu lassen. Könnten Texte allein über die Denotate ihre Wörter erschlossen werden, so stellt sich die Frage, warum die Bedeutung eines Textes, die sich dem Zugriff des Lesers gezielt und beinahe böswillig entzieht, immer erst „gefunden“ werden muss. Inwieweit dieser Auffassung ein Missverständnis innewohnt und inwieweit es sich lösen lässt, zeigt Wolfgang Iser anhand seiner rezeptionsästhetischen Theorie in „Der Akt des Lesens“ 1 , die im Anschluss an eine knappe Darstellung auf drei Erzählungen angewendet werden soll. Über die Anwendung hinaus möchte ich zeigen, dass Isers „Leerstellen“ in den ausgewählten Erzählungen insbesondere von moralischer Bedeutsamkeit sind, wenngleich die Rezeptionsästhetik eine Vielzahl von möglichen Interpretationen annimmt.
Von den für eine rezeptionsästhetische Analyse verwendeten Texten stammen zwei von Siegfried Lenz und ein weiterer von Judith Hermann. Obwohl beide Autoren unterschiedlichen Generationen entstammen, eint sie der Umstand, im Anschluss an einen gesellschaftlichen Umbruch Literatur produziert zu haben. Während Lenz als einer der großen deutschen Nachkriegsautoren gelten kann, ist das Leben von Judith Hermann durch die Deutsche Wiedervereinigung geprägt. Ähnlich wie der junge Lenz schreibt auch Judith Hermann Kurzgeschichten, die ihr Sinn- und Bedeutungspotential auf wenigen Seiten verdichten. Da Lenz’ Texte nochmals kürzer sind als die von Hermann, wird die
1 Iser, Wolfgang: Der Akt des Lesens. Fink, München, 4 1994.
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rezeptionsästhetische Analyse von „Der seelische Ratgeber“ 2 und „Die Flut ist pünktlich“ 3 deutlich detaillierter ausfallen, um die möglichen Vorgänge im Leser während der Lektüre Schritt für Schritt aufzeigen zu können. Entsprechend verläuft die Analyse von Hermanns „Ruth (Freundinnen)“ 4 großflächiger und vor allem retrospektiv, sodass der Leser zusätzlich von einer allzu theoretischen Betrachtung entlastet wird.
II. Iser und der Akt des Lesens
1. Voraussetzungen
Geht man wie Iser von einer Kommunikationsstruktur aus, die jedem literarischen Text eingeschrieben ist, so erweisen sich Text und Leser als die beiden Pole dieser Kommunikation. Der vom Autor verfasste Text nimmt in dieser Kommunikation den künstlerischen Pol, der Leser den der Konkretisation ein. 5 Da der dem Text eingezeichnete Code nicht identisch mit dem vom Leser verwendeten ist, muss dieser vom Leser zunächst konstituiert werden. Dies geschieht im Fortschritt der Lektüre, sodass die Konkretisation des Gesagten nicht nur erst im Leserbewusstsein stattfindet, um sich zu einer Sinngestalt zu verdichten, sondern sich dort auch entsprechend als eine Wirkung des Textes darstellt, die Prozess- und Ereignischarakter besitzt. Somit wird der Sinn eines Textes dadurch „empfangen“, dass der Leser ihn konstituiert. Ausgehend von diesem Grundriss wird deutlich, dass dem Text immer auch eine pragmatische Komponente eingezeichnet ist, die diesen Konstitutionsakt bedingt. Diese Komponente erfüllt ihre Funktion also nicht im Text, sondern im Leser. Darüber hinaus beschränkt sich dieser konstitutive Prozess nicht auf eine reine Dekodierung des Gesagten, was auf diese Weise nichts weiter wäre als eine rein semantische Analyse der im Text enthaltenen Wörter, sondern nimmt in der Aufforderung zur Konstitution die kognitiven Fähigkeiten sowie die Affektion des Lesers in Anspruch, sodass die je unterschiedlichen Leserdispositionen maßgeblich an der Konstitution und Konkretisation beteiligt sind.
2 Lenz, Siegfried: Der seelische Ratgeber. In: SL: Jäger des Spotts. Geschichten aus dieser Zeit. dtv, München, 26 2002, S. 86-91.
3 Lenz, Siegfried: Die Flut ist pünktlich. In: SL: Jäger des Spotts. Geschichten aus dieser Zeit. dtv, München, 26 2002, S. 103-108.
4 Hermann, Judith: Ruth (Freundinnen). In: JH: Nichts als Gespenster. Erzählungen. Fischer, FFM, 4 2003, S. 11-59.
5 Vgl. Iser, Wolfgang: Der Akt des Lesens. Fink, München, 4 1994, S. 7.
4
In genau diesem Beziehungsgeflecht zeigen sich nun die von Iser angenommenen Kommunikationsstrukturen zwischen Text und Leser, jedoch gilt es noch zu zeigen, durch welche Mittel ein Text diese Kommunikation antreibt. Daher ist es nötig, im Folgenden diese Mittel näher zu beschreiben und ihre Funktionsweise zu analysieren.
2. Der implizite Leser
Zunächst geht Iser von einem impliziten Leser aus, der als ein möglicher unter vielen Empfängern immer schon vorausgedacht und in der Textstruktur eingezeichnet ist, sodass sich der Sinn eines Textes erst - und in Bezug auf das oben dargestellte kommunikative Modell - in seinem Gelesenwerden konstituieren lässt. 6 Wenn der Text nun in seiner Struktur ein Leserkonstrukt vorausdenkt, so hält er für den je konkreten Leser ein Rollenangebot bereit. Aufgrund der unterschiedlichen Leserdispositionen wird der jeweilige konkrete Leser diese Rolle allerdings unterschiedlich besetzen, sodass die Sinnkonstitution immer entsprechend anders auszufallen vermag, wenngleich sie durch den Text teilweise vorstrukturiert bleibt. Ein totales Aufgehen des Lesers in der vom Text angebotenen Rolle schließt Iser aus, da spätestens am Ende der Lektüre die Erfahrungen, die im Lesen gemacht wurden, auf den Horizont der dem Leser eigenen Ansichten bezogen werden. 7
Die Leserrolle umfasst nun eine Textstruktur und eine Aktstruktur. Erstere kann als eine „[...] perspektivische Hinsicht des Autors auf Welt“ 8 gelten, die sich in den verschiedenen im Text angebotenen Perspektiven manifestiert. Letztere bezeichnet die Besetzung dieser Rolle durch den Leser, sodass er die gebotenen Perspektiven und ihre Inhalte als die Gegenstände seines Blickpunkts wahrnimmt. Dieser Blickpunkt muss so angelegt sein, dass der Leser die verschiedenen Perspektiven am Horizont seines Blickpunkts in ihrem gegenseitigen Verweisungszusammenhang erkennen und verbinden kann 9 , der Blickpunkt wandert also durch die vom Text entworfenen Perspektiven. 10 Erst dadurch wird der Leser in die Lage versetzt, den Sinn des Textes zu konstituieren. Da der Sinn als solcher nicht im
6 Vgl. Iser, Wolfgang: Der Akt des Lesens. Fink, München, 4 1994, S. 60f.
7 Vgl. ebd., S. 65.
8 Iser, Wolfgang: Der Akt des Lesens. Fink, München, 4 1994, S. 61.
9 Vgl. Iser, Wolfgang: Der Akt des Lesens. Fink, München, 4 1994, S. 63.
10 Vgl. Iser, Wolfgang: Der Akt des Lesens. Fink, München, 4 1994, S. 177ff.
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Text vorhanden ist, sondern erst durch den Zusammenschluss der Perspektiven durch den Leser zustande kommt, ist er etwas Nicht-Gegebenes, das erst vorgestellt werden muss. Als Vorgestelltes bleibt der Sinn wiederum von den Dispositionen des Lesers abhängig, da diese die Gestaltung des Sinns auf unterschiedliche Art und Weise beeinflussen, sodass es zu einer subjektiven, aber nicht willkürlichen Sinnbildung kommt.
3. Textrepertoire
Die vom Text angebotenen Perspektiven beherbergen nicht nur in ihrer Darstellung, sondern ebenso in ihrer Sprachlichkeit immer auch einen Verweis auf den soziokulturellen Kontext, aus dem diese Elemente entnommen sind, um die vom Text entworfenen Welt zu stabilisieren. Die Summe dieser Elemente nennt Iser das Textrepertoire. Da die Elemente dieses Repertoires ihrem ursprünglichen Kontext enthoben und im Text in einen neuen eingebettet sind, entsteht eine Welt, die nicht deckungsgleich mit der realen Welt sein kann, da die Elemente weder an den alten, noch an den neuen Kontext vollständig gebunden sind. Gerade dieser Umstand des Dazwischen konturiert die Elemente zu einem ästhetischen Phänomen. Deshalb zeigt sich für Iser hierin der ästhetische Wert, der
[...] als solcher nicht greifbar [ist]. Er kann weder aus dem Text ausgemendelt noch als eine positive Größe
beschrieben werden, da er sich nur in der Umorganisation außertextueller Realität, und das heißt, in der Veränderung ihres Bekanntseins manifestiert. 11
Entsprechend erfolgt im Text - als Reaktion auf seine Umwelt - eine Umcodierung der Geltung dieser außertextuellen Normen, die der Leser motivieren muss, da der Text zwar die „Richtung“ vorgibt, nicht aber das Ziel, denn der konkrete Leser und seine konkrete Umwelt sind der Textstruktur eben nicht eingezeichnet. Neben diesen Wertstrukturelementen finden sich im Repertoire des Textes auch intertextuelle Verweise auf vorangegangene Literatur. Wie das Normenrepertoire dient auch das literarische Verweisungsrepertoire einer Funktionalisierung, indem es einen Hinweis darauf gibt, „[...] wie die vom Text vermeinte Antwort [auf die Fragen, die durch das herrschende System
11 Vgl. ebd., S. 117.
6
aufgeworfen sind] zu konstituieren sei.“ 12 Da die Elemente beider Repertoires als Bestandteile der im Text entworfenen Welt wiederkehren, im Text aber aufgrund ihrer Neueinbettung bzw. Umorganisation entpragmatisiert sind, ist der vom Leser zu konsituierende Sinn ein pragmatischer Sinn, denn er überantwortet dem Leser die Verarbeitung der durch die Repertoireelemente aufgerufenen Bezugssysteme. Der pragmatische Sinn richtet sich aber nicht nur auf deren Neuorganisation, sondern auch auf „[...] die imaginäre Bewältigung defizitärer Realitäten“ 13 , da der Erfahrungshaushalt des Lesers, den dieser in die Lektüre einbringt, von der Umorganisation gleichermaßen betroffen ist. Textrepertoire und Bezugssystem bzw. die Textwelt und die Leserwelt reiben aneinander, sodass nur eine Neustrukturierung im Leserbewusstsein den harmonisierenden Ausgleich herstellen kann.
4. Thema und Horizont
Wenn nun Elemente aus einer dem Leser „fremden“ Welt aus ihrem Kontext enthoben und im Text neu eingebettet sind, so zeigen diese Elemente dennoch ihr Bezugsfeld an. Das Bezugsfeld bildet also den Hintergrund für dieses Element, vor dem diese stehen. Damit wird das Element selbst zum thematischen Objekt, und der Hintergrund liefert die Bedingung für sein Erkennen als solches. 14 Wenn nun die Selektion der Elemente das Erfassen steuert, wird damit der Zugang zu der vom Text entworfenen Welt möglich. Die Kombination dieser Elemente steuert entsprechend das Auffassen bzw. ihre Synthetisierung. Ähnlich wie die Elemente des Repertoires können auch die verschiedenen vom Text angebotenen Innenperspektiven kombiniert werden. 15 Ihre Anordnung kann von Text zu Text sehr variieren und vermag den Leser daher ganz eigentümlich durch den Text zu lenken. Die Perspektiven mögen zwar ab und an denselben Gegenstand fokussieren, den Gegenstand als Ganzes repräsentiert eine jede einzelne von ihnen aber nicht, sie zeigen den Gegenstand vielmehr von unterschiedlichen Standpunkten aus, sodass frühere, spätere oder einfach nur andere Standpunkte selbst zum Gegenstand der Perspektivierung werden
12 Iser, Wolfgang: Der Akt des Lesens. Fink, München, 4 1994, S. 133.
13 Ebd., S. 143.
14 Vgl. Iser, Wolfgang: Der Akt des Lesens. Fink, München, 4 1994, S. 157.
15 Vgl. ebd., S. 162.
7
können. So können nicht nur die jeweils fokussierten Gegenstände thematisch werden, sondern auch ein abweichender Blick auf die Gegenstände kann zum fokussierten Thema werden. Dadurch, dass der Blickpunkt des Lesers in immer wieder neue Perspektiven gelenkt wird, kann, was eben noch Thema war, nun Horizont sein. Auf diese Weise kann der gesamte Text als geschichtet angesehen werden, wobei die Schichten den Blick sowohl auf ihren Inhalt als auch auf andere, bereits im Zuge der Lektüre sedimentierte Schichten und deren Inhalte gewähren können. Der Text wird somit zum perspektivischen Gebilde, durch das der Leser während der Lektüre - kontrolliert durch die jeweilige Innenperspektivik - wandert. Gleichzeitig kann sich die Betrachtung der jeweils fokussierten Gegenstände im Lektüreverlauf ändern, sodass sich ein kohärentes Bild meist erst gegen Ende des Textes einstellt. Dieses kann aber oft nur dann hervorgebracht werden, wenn die einzelnen Horizonte untereinander angeschlossen werden, denn andernfalls bliebe immer nur eine ungeordnete Menge von Gestaltpunkten, von denen der Leser nicht weiß, wie er sie zu einer „Figur“ zusammenschließen soll. Insofern sind auch der Kombinierbarkeit der Perspektiven Grenzen gesetzt 16 , denn es soll nicht irgendeine Gestalt gezeichnet werden, sondern der intentionale Gegenstand. Da der Leser zu Beginn der Lektüre aber nicht wissen kann, was der intentionale Gegenstand ist, müssen er und der Text die Kombinationsmöglichkeiten bis zum Ende der Lektüre flexibel halten. Hiervon sind nicht nur konkrete Gegenstände betroffen, sondern insbesondere auch abstrakte bzw. intentionale, wie der Handlungszusammenhang oder der Sinn. Für die Gestaltung des letzteren ist besonders wichtig, dass die vom Text angebotenen Perspektiven bzw. Horizonte zusammengeschlossen werden, da er sich erst im Ineinanderstrahlen der Perspektiven in einem Horizont abschattet. Die Perspektiven in Beziehung zueinander zu setzen, bietet dem Leser die Möglichkeit, die Sinngestalt im Bewusstsein zu konturieren. Thema und Horizont erweisen sich somit als „[...] die Struktur der Vorstellungstätigkeit.“ 17
Der Sinn ist also nicht konkret im Text enthalten, sondern entspringt aus der Inanspruchnahme der kognitiven Fähigkeiten, sprich: der Vorstellungstätigkeit des Lesers, zu der ihn der Text auffordert. Da die Vorstellungstätigkeit des Lesers nicht darauf beruht, real vorhandene Gegenstände und ihre Denotate abzubilden, gilt es, das Hauptaugenmerk auf die Satzkorrelate zu richten, insofern diese den intentionalen Gegenstand im Bewusstsein des Lesers entwerfen.
16 Vgl. Iser, Wolfgang: Der Akt des Lesens. Fink, München, 4 1994, S. 170.
17 Iser, Wolfgang: Der Akt des Lesens. Fink, München, 4 1994, S. 169.
8
5. Zwischen Retention und Protention
Geht man in einem Text bis auf die Satzebene hinunter, so werden die einzelnen Sätze die Funktion einer Aussage, Behauptung oder Information erfüllen. Da es aber nicht um die reinen Denotate solcher Sätze geht, insofern sie seit ihrer kontextuellen Enthebung keine reale Referenz mehr haben (also entpragmatisiert sind) gelangen sie nur dadurch wieder zu einer pragmatischen Relevanz, dass sie auf etwas verweisen, das jenseits der im Text enthaltenen Sätze liegt. Ihre pragmatische Funktion zielt also auf die entsprechenden intentionalen Satzkorrelate, die sich im Leserbewusstsein bilden. Sie sind damit „[...] Anweisungen auf Kommendes [...]“ 18 , sodass sich ein Horizont im Leserbewusstsein eröffnet, in dem das Kommende vorgestellt werden kann. Da es sich als Kommendes einer konkreten Anschauung entzieht, entsteht eine Art Leervorstellung. 19 In dem Maße, in dem sich die Erwartung in den folgenden Satzkorrelaten erfüllt, wird der kommende Gegenstand konkreter. Werden die Erwartungen vom Text nicht eingehalten, sodass sich die Konkretisation verschiebt, kann der Leser in einem Akt der Erinnerung an entsprechender Stelle seine alten und noch diffusen bzw. ungesättigten Vorstellungen aufrufen und mit den „neuen“ Satzkorrelaten verbinden. Die Leserperspektive befindet sich also oftmals zwischen der Erwartungshaltung (Protention) gegenüber und seinen sedimentierten Erinnerungen (Retention) an die intentionalen Satzkorrelate. Wann immer der Leser in einem durch den Text bedingten retentionalen Akt die sedimentierten Schichten und ihre Korrelate aufruft - was immer auch von den Dispositionen des Lesers abhängt -, so erscheinen diese nicht isoliert, sondern eingebettet in die momentane Textsituation und werden sich auch auf die Erwartungshaltung des Lesers gegenüber dem Text auswirken. 20 Da diese Verstrickung des Lesers in den Text nicht dem Text selbst entspringt, sondern gerade in seiner ständigen Modifikation im Leserbewusstsein virtuellen Charakter hat, wird dieses Geflecht „nur“ ein Äquivalent des Textgeflechts sein, das von den Leserdispositionen und seiner Selektion abhängig ist. 21 Dementsprechend vermag sich auch die Sinngestalt je nach Leser anders zu bilden, denn jeder Leser wird unterschiedlich auf die Möglichkeiten des Textes, die Gestaltbildung zu befördern, zu unterbrechen oder sie gar destruktiv zu stören, eingehen: „Im Prinzip ist daher jede Sinngestalt immer von
18 Iser, Wolfgang: Der Akt des Lesens. Fink, München, 4 1994, S. 180f.
19 Vgl. Iser, Wolfgang: Der Akt des Lesens. Fink, München, 4 1994, S. 169.
20 Vgl. ebd., S. 190ff.
21 Vgl. das Beispiel: Iser, Wolfgang: Der Akt des Lesens. Fink, München, 4 1994, S. 197f.
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den Möglichkeiten überschattet, die die Entscheidung geweckt, aber nicht gewählt hat.“ 22 Das illusionäre Moment, das zur Gestaltbildung beiträgt macht den Leser aufgrund seiner Beteiligung aber insofern befangen, als seine Dispositionen wesentlich an der Gestaltbildung beteiligt sind. Folglich schwankt der Leser zwischen Illusionsbildung und Illusionsdurchbrechung, sodass in der Texterfahrung Ausgleichoperationen nötig werden, um die Konsistenz der Erfahrungen während der Lektüre zu gewährleisten. 23 Der Leser reagiert also nicht nur auf den Text bzw. seine Instruktionen, sondern auch auf seine eigens entwickelten Vorstellungen und gerät somit über die Beteiligung am Gestaltungsprozess mitten in die Welt des Textes. Entsprechend rückt auch sein Erfahrungshaushalt in einen Horizont, der zum Gegenstandsbereich von fortwährender Bildgebung, -modifikation undaufgabe wird, von Prozessen also, die interagieren, um das hervorzubringen, was durch den Text zwar vorstrukturiert, aber selbst nicht gegeben ist und auch nur hervorgebracht werden kann, wenn der Leser sich auf das Textangebot, seine ihm zugedachte Rolle einlässt. Daraus lässt sich folgern, dass die Leserrolle oftmals in einer Weise angelegt ist, die auf den Leser und seine Dispositionen zurückwirkt, indem sie durch die Aufforderungen zur Umschichtung der Erfahrungselemente und der Einlösung durch den Leser den eingebrachten Erfahrungshaushalt neu zu konstituieren vermag. 24
6. Die Leerstellen
Die vorangegangenen Kapitel haben vorwiegend die beiden Pole der Kommunikationsstruktur im Text beleuchtet. Nun gilt es, die Mittel, mit denen der Text den Leser zu den zuvor genannten Operationen veranlasst, näher zu analysieren. Wenn der Zeichenkomplex eines Textes immer auf etwas verweist, das ihm selbst nicht eingeschrieben ist, vom Leser also erst gebildet werden muss, so weist die Textstruktur eine Dialektik von Zeigen bzw. Andeuten und Verschweigen auf. 25 Der Textcode regelt dabei zunächst die Vorstellung der Satzkorrelate. Ihre gegenseitige Perspektivierung durch den wandernden Leserblickpunkt macht die Horizonte transparent, in dem sie die
22 Iser, Wolfgang: Der Akt des Lesens. Fink, München, 4 1994, S. 206ff.
23 Vgl. Iser, Wolfgang: Der Akt des Lesens. Fink, München, 4 1994, S. 209f.
24 Vgl. ebd., S. 244ff.
25 Vgl. Iser, Wolfgang: Der Akt des Lesens. Fink, München, 4 1994, S. 265.
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fokussierten Gegenstände, ihre Vorzüge und Mängel von unterschiedlicher Warte aus zeigt. Ihre Umschichtung und Verschmelzung mit den Lesererfahrungen ist zwar angezeigt und wird in eine dritte Dimension zwischen Text und Leser verwiesen, jedoch ist ihre noch zu bildende und einzulassende Gestalt nicht klar vorgegeben. Sie kann es auch nicht sein, da der Text die vielen unterschiedlichen Leserdispositionen nicht im Vorfeld kalkulieren kann. Die Gestaltbildung erfolgt durch eine adäquate Anschließung der Darstellungsperspektiven des Textes. Diese Anschließung wird wiederum maßgeblich durch die Dispositionen des Lesers gesteuert, weshalb sich im Text zwischen den einzelnen Darstellungsperspektiven eine Leerstelle befinden muss, um dem Leser den nötigen Freiraum bei ihrer Verbindung zu gewähren. Iser bringt diesen Sachverhalt wie folgt auf den Punkt:
Die Leerstellen sparen die Beziehungen zwischen den Darstellungsperspektiven des Textes aus und ziehen
dadurch den Leser zur Koordination der Perspektiven in den Text hinein: sie bewirken die kontrollierte
Betätigung des Lesers im Text. Die Negationspotentiale rufen Bekanntes oder Bestimmtes auf, um es
durchzustreichen; als Durchgestrichenes jedoch bleibt es im Blick und verursacht angesichts seiner
gelöschten Geltung Modifizierungen in der Einstellung: die Negationspotentiale bewirken damit die
Situierung des Lesers zum Text. Durch die Leerstellen sowie die Negationen des Textes gewinnt die
Asymmetrie von Text und Leser entspringende Konstitutionsaktivität eine bestimmte Struktur, die den Interaktionsprozeß aussteuert. 26
Wenngleich der Leser das Nicht-Gegebene mit seinen Vorstellungen auffüllt, so dürfen die Leerstellen in einem Text nicht mit solchen Vorstellungen besetzt sein, denn die Leerstellen regulieren lediglich die Anschließbarkeit der Darstellungsperspektiven. Entsprechend zeigen sie dem Leser nur die möglichen Verbindungsstellen an, ohne diese Verbindung bereits selbst vorzunehmen. Als „Pausen des Textes“ 27 sind sie im Hinblick auf die Konstitutionsleistung des Lesers ein Anreiz, die aneinander stoßenden Textsegmente zu verbinden und eine „Ordnung des Textes“ herzustellen, die von vorübergehender Dauer ist und an der nächsten Leerstelle erneut geleistet werden muss. Diese Form der Leerstelle ist also auf der syntagmatischen Achse angelegt. Die Möglichkeit einer Anschließung wird aber immer ein Stück weit von der Perspektivenführung des Textes gelenkt, sodass es nicht zu einer vollkommen willkürlichen Verbindung und in der Folge zu einem willkürlichen Sinn kommen kann. Nun werden aber die Darstellungsperspektiven nicht nur durch die Leerstelle getrennt,
26 Iser, Wolfgang: Der Akt des Lesens. Fink, München, 4 1994, S. 267.
27 Ebd., S. 302.
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Arbeit zitieren:
Frank Schmitz, 2008, Die moralische Leerstelle - Siegfried Lenz und Judith Hermann aus rezeptionsästhetischer Perspektive, München, GRIN Verlag GmbH
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