1. Einleitung 3
2. Abriss der gesellschaftspolitischen Situation in Deutschland zu Beginn des
20. Jahrhunderts 3
3. Jugendbewegung 4
3.1 Die allgemeine deutsche Jugendbewegung 4
3.2 Antisemitische Tendenzen in der deutschen Jugendbewegung 7
3.3 Postassimilation 9
4. Jüdische Jugendbewegung 10
4.1 Jüdische Autonomiebestrebungen - Selbsthilfe 12
4.2 Blau-Weiß 13
4.2.1 Entwicklung 14
4.2.2 Mitgliederstruktur 15
4.2.3 Freizeitaktivitäten 15
4.2.4 Zionismus 16
5. Resümee 17
6 L i t e r a t u r S 1 8
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1. Einleitung
Als im nationalsozialistischen Deutschland die Aufklärung in ihr Gegenteil - die Barbarei - umschlug, fielen sechs Millionen europäischen Juden dem systematisch geplanten und industriell durchgeführten Massenmord zum Opfer. Die Shoa wurde bis auf wenige Ausnahmen unwidersprochen von der gesamten deutschen Bevölkerung getragen. Von zentraler Bedeutung für die unmenschlichen Handlungen der Nationalsozialisten ist das antisemitische Ressentiment, welches eine lange Tradition hat. Der Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft führte nicht zuletzt zur Herausbildung einer eigenständigen jüdischen Jugendbewegung. Gegenstand dieser Arbeit ist, die Konstitutionsbedingungen für das Entstehen der Jüdischen Jugendbewegung zu beleuchten und deren soziale wie existenzielle Relevanz für jüdische Menschen aufzuzeigen. Meine Betrachtungen konzentrieren sich auf die Gründungsphase der jüdischen Jugendbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Im ersten Kapitel gebe ich einen Abriss der allgemeinen gesellschaftspolitischen Situation in Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Das zweite Kapitel wendet sich der Verfasstheit der allgemeinen deutschen Jugendbewegung zu und expliziert antisemitische Tendenzen innerhalb dieser. Daran anknüpfend beschreibe ich jüdische Reaktionen auf den erstarkenden Antisemitismus und fokussiere die Herausbildung postassimilatorischer Strömungen. Das letzte Kapitel ist der konkreten Betrachtung der Jüdischen Jugendbewegung gewidmet und stellt exemplarisch anhand des größten jüdischen Wanderbundes Blau-Weiß die Entwicklung einer zionistischen Jugendorganisation dar. Die Jugendbünde organisations- bzw. strukturgeschichtlich zu analysieren wird in dieser Arbeit nicht möglich sein, da die Bewegung im Gegensatz zu deutschen Vereinen oftmals auf Satzungen, Statuten etc. verzichteten und zudem sehr schnelllebig waren, sich deren Charakter innerhalb weniger Jahre stark veränderte.
2. Abriss der gesellschaftspolitischen Situation in Deutschland zu Beginn des
20. Jahrhunderts
Die deutsche Gesellschaft durchlebte um die Jahrhundertwende eine Phase der Umbrüche und Neustrukturierung die mit Veränderungen weiter Teile der
3
Gesellschaft einherging. Diese politisch unruhige Epoche begann 1870/1871 mit der Gründung des Deutschen Reiches (Der Erste Weltkrieg, die Weltwirtschaftskrise) und endete 1933 mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler. Die deutsche Bevölkerung war in dieser Zeit mit ständig wechselnden politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen konfrontiert und reagierte im Allgemeinen mit stärkerer Verunsicherung. 1 In diesem Klima der Verunsicherung und der damit verbundene Drang nach einer persönlichen wie gruppenbezogenen Identitätsfindung entwickelte sich eine rasante gesellschaftliche Dynamik, die u.a. die Gruppierungen der deutschen Jugendbewegung hervorbrachte. Die junge Generation wandte sich gegen überkommene gesellschaftliche Normen der wilhelminischen Gesellschaft. Mit der „Revolution“ 1918 vollzog sich ein staatsstruktureller Wandel in der deutschen Gesellschaft, in der Mentalität der deutschen Bevölkerung lebten die alten Strukturen jedoch fort - so auch das traditionelle antisemitische Vorurteil. Zwar waren Juden wieder weitgehend in die deutsche Gesellschaft integriert 2 und begriffen sich selbst als Teil der deutschen Nation. Diese formalrechtliche Gleichstellung korrespondierte jedoch nicht mit der Einstellung eines Großteils der deutschen Gesellschaft. Mit dem Scheitern der Revolution und den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise erhielt der manifeste Antisemitismus zunehmend Auftrieb. 3
3. Jugendbewegung
3.1. Die allgemeine deutsche Jugendbewegung
Im neunzehnten Jahrhundert versuchten Jugendorganisationen mittels
Vereinsgründungen stärkeren Einfluss auf die Jugend zu nehmen und deren Aktivitäten in einen organisatorischen Rahmen zu überführen, welcher ermöglichen sollte die Jugendlichen zu kontrollieren und zu lenken. Diverse
Jugendorganisationen konkurrierten um Einflussnahme auf die Jugendlichen. So wurden bspw. Jünglingsbünde, Schülerbibelkreise, Christliche Vereine Junger Männer oder der Bund deutscher Wanderer gegründet. Um 1900 warben
1 Vgl. Hetkamp 1994, S. 16ff.
2 Die Weimarer Verfassung gestand Juden alle bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte
zu.
Artikel 136, Abs. 2 regelte die Rechtsgleichheit unabhängig vom religiösen Bekenntnis.
Damit war die jüdische Religionsgemeinschaft der christlichen gleichgestellt.
3 Vgl. Herzig 2005, S. 210 ff.
4
Jugendorganisationen der Parteien um die Jugend. Gegen diese von Erwachsenen getragenen jugendpflegerischen Organisationen formierte sich um 1900 eine von Jugendlichen und Studenten getragene und geprägte Bewegung. 4 Die Jugendbewegung wurde als geistige Bewegung gegen die Bevormundung durch die Erwachsenen begriffen, wandte sich aber gleichzeitig gegen bürgerliche Werte und lehnte z.T. eine Intellektualisierung der eigenen Erlebniswelt ab. Die deutsche Jugendbewegung war Teil einer Gegenbewegung, die sich in der Endphase des Kaiserreiches gegen veraltete Normen der Gesellschaft und moderne Verfremdungen des Lebens erhoben. Die Gruppen der Jugendbewegung bzw. deren Repräsentanten grenzten sich in ihren Selbstdarstellungen ab von der bürgerlichen Gesellschaft, stellten sich gegen das Elternhaus 5 und Schule. Die Jugendlichen fühlten sich verbunden durch die verschiedenen Formen des Protests, des Kampfes, der Kritik gegen die herrschende Ordnung der Gesellschaft und erfuhren diese kollektiven Momente bei gemeinsamen Veranstaltungen. Ihre Aktivitäten richteten sich gegen Konventionen und Entfremdung, dabei waren Freiheit und Gemeinschaft in der Natur von höherer Bedeutung als häusliche Geborgenheit. Sie waren getrieben vom Drang Neues zu ergründen, verblieben aber nicht selten in romantisierender Schwärmerei. Die deutsche Jugendbewegung war keine revolutionäre Bewegung, vielmehr blieb sie in Herkunft und Verlauf in ihrer Gesellschaft (der bürgerlichen Gesellschaft) verhaftet und bildete deren strukturelle Verfasstheit ab.
Auf der Suche nach neuer Identität entwickelten die Jugendbewegten eigene Stile in formaler Abgrenzung zu den Normen der älteren Generation. So bildeten sich vielfältige stilistische Details heraus, wie Haartracht, Kleidung, Ausrüstung, Form der Treffpunkte und Zusammenkünfte und Aktionen.
Erstmals öffentlich wahrnehmbar wurde die neue Jugendbewegung mit der Gründung des ersten deutschen Wanderbundes. Der Wandervogel entstand 1986 im Umfeld des Gymnasiums Berlin-Steglitz als Wanderbewegung von Schülern. Der Wandervogel betonte die Selbständigkeit der Jugend und praktizierte diese bei
4 Vgl. Lassar 2001, S. 22ff.
5 Die Abgrenzung gegenüber der Kultur der Erwachsenen sowie der studentischen
Trinkkultur wird deutlich an zwei ersten ideologischen Sätzen der Meißnerformel (1913),
denen zugefügt wurde: „Alle gemeinschaftlichen Veranstaltungen der Freideutschen Jugend
sind alkohol- und nikotinfrei.“ (Knud Ahlborn, Das Meißnerfest der Freideutschen Jugend
1913 (1913), in: Dokumentation I, S. 109.)
5
gemeinsamen Wanderausflügen, wobei sich die Jugendlichen ihre Wanderwege selbst suchten anstatt sich an vorgegebenen Tourismusrouten zu orientieren. Die Wandervögel wandten sich gegen alle konventionellen Formen und Inhalte des Zusammenlebens, wie die Art des Wanderns, des Kleidungsstils, der Unterkunft oder Mahlzeitzubereitung, und entwickelten dafür neue eigenständige Stile. Der deutsche Wandervogel war ein betont erlebnisorientierter Zusammenschluss. In der Freizeitpraxis der Jugendlichen spiegelt sich deren mentale Verfassung wieder. Bei ihren ländlichen Wanderungen kompensierten sie ihr Unbehagen in der sich rasant verändernden urbanen Kultur und verliehen ihrem Drang nach Authentizität, die sie in der „Natur“ zu finden glaubten, Ausdruck. Die Aktivitäten zielten stark auf ein kollektives Gruppenempfinden, welches sich in der gemeinsamen Ablehnung der bürgerlichen Gesellschaft (deren Teil sie unweigerlich waren) zentrierte. In den Schilderungen ehemaliger Jugendbewegter „drückt sich ein Bedürfnis nach Sinnerfüllung, aber auch nach Überhöhung des Lebens und das Verlangen nach einem umfassenden Zusammengehörigkeitsgefühl aus, die die wilhelminische Gesellschaft nicht zu erfüllen vermag: aufgeschlossene Bedürfnisbefriedigung, Gewinnstreben, hohles Pathos, formale Autorität, Konkurrenzdenken,
Klassenkampf, Isolierung, Banalität.“ 6 Neubauer konstatiert, dass der stark emotionale Charakter „viele Angehörige der deutschen. Jugendbewegung Anfällig für eine umfassende Volksgemeinschaft und für die Beschwörung einer großen Gefahr, die es rechtfertigt zu kämpfen, zu töten und das eigene Leben zu Opfern.“ 7 Angehörige der jüdischen Jugendbewegung, aber auch parteipolitisch engagierte Akteure der Jugendbewegung äußerten sich weniger in dieser Weise, zumindest aber distanzierter oder ironisch. 8 In dieser verfassungsmäßigen Differenz deutet sich bereits ein zentraler Entstehungszusammenhang der jüdischen Jugendbewegungderen Motivation auf eine psychisch wie physische Existenznot zurückgeht - in Abgrenzung zur explizit deutschen Jugendbewegung an.
Den organisatorischen Rahmen der Jugendbewegung bildeten Vereine, Bünde und Verbände welche in unterschiedlich engem Verhältnis zueinander standen. Immer wieder gab es Bestrebungen zu einer einheitlichen Organisation, wodurch sowohl zu verschiedene Zusammenschlüsse und Kooperationen als auch zu Konflikten und Spaltungen führte. Die Diskussionen hatten Themen zum Gegenstand, wie
6 Neubauer 1990, zit. n. Schulze, S. 252.
7 Ebd., S. 252.
8 Vgl. Ebd., nach Schulze S. 252f.
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Arbeit zitieren:
Martin Hilpert, 2007, Die jüdische Jugendbewegung, München, GRIN Verlag GmbH
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