Inhaltsverzeichnis:
I. Einleitung. 1-2
II. Die Entwicklung der Seelsorgebewegung und ihre Bedeutung
f ür die Seelsorge im Krankenhaus - ein kurzer Überblick. 2-5
III. Der Patient in der Institution Krankenhaus. 5
III.1. Die Rolle des Patienten im Krankenhaus. 6-9
III.2. Anthropologische und ethische Überlegungen zu den Begriffen
„Krankheit“ und „Gesundheit“ 9-11
III.3. Die Frage nach dem Sinn von Krankheit und der Umgang mit dem
Leiden - ein theologischer Zugang. 12-17
IV. Das Profil der Krankenhausseelsorge. 17-18
IV.1. Aufgaben und Funktionen der Seelsorge im Krankenhaus. 18-21
IV.2. Die Stellung der Seelsorge im Krankenhaus - systemische und
organisationale Aspekte. 21-30
V. Die Seelsorge im Krankenhaus aus Patientenperspektive. 30-33
VI. Perspektiven einer patientenorientierten Seelsorge im
Krankenhaus. 33-40
VII. Anhang - Grunddaten der Krankenhäuser 2006 41-42
VIII. Literaturverzeichnis 43-45
„Ich muss ins Bett! Ich darf aufstehen! Ich darf mich waschen...!“
Verlass mich nicht, mein Herr, eile mir zu Hilfe unter den Menschen.
Herr, nun liege ich hier
in der II. Klasse mit Telefon und besonderer Besuchsregelung,
Verlass mich nicht, mein Herr, eile mir zur Hilfe unter den Menschen.
Verlass mich nicht, mein Herr, eile mir zu Hilfe unter den Menschen.
Herr, nun liege ich hier
Und bitte dich: Dass nicht die sich freuen, die mich hier in Qualen sehen;
I. Einleitung
Jeder, der schon einmal schwerer erkrankt war weiß, was es bedeutet, ins Krankenhaus zu müssen. Seine Erfahrungen, die er dabei gemacht hat, wird er immer in Erinnerung behalten. Der Gang zum Krankenhaus wird von den meisten Menschen als belastend empfunden. Egal, ob der Kranke plötzlich oder geplant ins Krankenhaus muss - er wird immer aus seinem alltäglichen Leben und aus seinem persönlichen Umfeld herausgerissen. Bei einer leichten Erkrankung bedeutet ein Krankenhausaufenthalt nur eine kurzzeitige Beeinträchtigung seines Lebensvollzugs. Sobald der Mensch aber mit einer schweren und lang andauernden Erkrankung konfrontiert wird, bedeutet das für ihn, dass er sein Leben gänzlich darauf einstellen und einen Weg finden muss, trotz und mit dieser Krankheit ein sinnvolles und erfülltes Leben zu führen.
In der vorliegenden Arbeit soll es darum gehen, aufzuzeigen, was es für den Menschen heißt, krank zu sein und sich im Krankenhaus aufhalten zu müssen und welche Bedeutung die Seelsorge für den kranken Menschen hat bzw. haben sollte. Dabei wird der Fokus zunächst auf die Rolle des Patienten und seinen Umgang mit der Krankheit gelegt. Das schließt eine Beleuchtung der Begriffe Krankheit und Gesundheit mit ein.
Im Zuge der Technisierung der modernen Medizin verändert sich auch die Situation des Patienten im Krankenhaus. Auch wenn kaum einer den Fortschritt der modernen Medizin missen wollen wird, so bedeuten doch die vermehrt computergesteuerten, technisierten Diagnostiken und Therapien für den Patienten eine zunehmende Verunsicherung. Er fühlt sich immer mehr den Apparaten ausgeliefert. Des weiteren führen immer knapper werdende Finanzmittel im Gesundheitswesen dazu, dass es eine große Personalnot gerade im Pflegebereich gibt, was wiederum dazu führt, dass die Pflegenden immer weniger Zeit für die Versorgung der Patienten haben. Diese Entwicklung im modernen Gesundheitswesen bleibt auch für die Krankenhausseelsorge nicht ohne Folgen. Nicht nur, dass aufgrund von Einsparungen immer weniger hauptamtliche Seelsorger im Krankenhaus zur Verfügung stehen. Auch die immer kürzer werdenden Liegezeiten der Patienten im Krankenhaus führen dazu, dass Seelsorger immer mehr Menschen betreuen müssen. 1 Dies führt zwangsläufig zu Problemen und neuen
1 Siehe zu genaueren Zahlen und Statistiken im Anhang.
1
Herausforderungen für die Seelsorge im Krankenhaus. Daher soll im weiteren Verlauf dieser Arbeit dargestellt werden, welche Aufgaben und Funktionen die Seelsorge im Krankenhaus hat, mit welchen Schwierigkeiten sie konfrontiert wird und wie es demzufolge um ihre Stellung in der Institution Krankenhaus bestellt ist. Darauf folgend wird darzustellen sein, wie der Patient selbst der Seelsorge gegenüber steht. Was bedeutet es für den Patienten im Krankenhaus, das Angebot einer Seelsorge zu bekommen und welche Erwartungen hat er ihr gegenüber?
Am Ende der Arbeit werden schließlich Perspektiven einer patientenorientierten Seelsorge vorgestellt, die aufzeigen sollen, was eine Seelsorge im Krankenhaus leisten sollte, damit sich der Patient als Individuum und nicht nur als „Maschine Mensch mit Defekt“ anerkannt weiß.
Der einfacheren Lesbarkeit halber verwende ich in meiner Arbeit ausschließlich die maskuline Personalendung. So spreche ich z.B. vom „Seelsorger“ und nicht von der „Seelsorgerin“. Ich weise ausdrücklich darauf hin, dass die feminine Form damit automatisch eingeschlossen ist.
II. Die Entwicklung der Seelsorgebewegung und ihre
Bedeutung für die Seelsorge im Krankenhaus - ein kurzer
Überblick
Speziell im Bereich der Krankenhausseelsorge spiegeln sich Konzepte der allgemeinen Seelsorgelehre in ihrer geschichtlichen Entwicklung wider. Es soll im Folgenden, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, eine exemplarische Auswahl dargestellt werden, die besonders für die Seelsorge im Krankenhaus Auswirkungen hatten.
Das ausgehende 19. und beginnende 20. Jahrhundert war durch ein starkes Interesse an Fragen zur Seelsorgelehre und zur seelsorglichen Praxis gekennzeichnet. Zum einen begründete sich das in der Theologie F. Schleiermachers und der unter seinem Einfluss stehenden Theologen wie A. Schweizer und C.I. Nitzsch, zum anderen wurde es durch die Reaktion auf den gesellschaftlichen Übergang zur ‚modernen Welt’ und die sozialen Nöte der Zeit bestimmt. 2
2 Vgl. H. Eschmann, Theologie der Seelsorge, S. 5.
2
Die Wende, die sich nach dem 1. Weltkrieg in der protestantischen Theologie unter der Führung Karl Barths anbahnte und zu einem theologischen Umbruch führte, fand seine nachhaltigste Ausprägung in der Seelsorgetheorie Eduard Thurneysens. In der dialektischen Seelsorgetheorie Thurneysens wird der Absolutheitsanspruch der Verkündigung des Wortes Gottes über die Homiletik hinaus auch für die Seelsorgelehre postuliert und konkretisiert. „Das Theologoumenon von ‚Rechtfertigung allein aus Gnaden’ wird zum absoluten Kriterium jeder Seelsorgetheorie und -praxis erhoben und als ihr theologisches Ziel die Erkenntnis der Sündhaftigkeit im Kontrast zur alleinigen Gnade Gottes fixiert. Möglich ist dies nur aufgrund der Selbsterschließung Gottes in seinem Wort, da die absolute Diastase zwischen Gott und Mensch Ausgangspunkt dieses theologischen Ansatzes ist.“ 3 Im Gegensatz zur Predigt ist Seelsorge als Verkündigung des Evangeliums an die einzelne Person zu bestimmen. „Seelsorge findet sich in der Kirche vor als Ausrichtung des Wortes Gottes an den Einzelnen. Sie ist wie alles rechtmäßige Tun der Kirche begründet in der Lebendigkeit des der Kirche gegebenen Wortes Gottes, das darnach verlangt, in mancherlei Gestalt ausgerichtet zu werden.“ 4 Die Verkündigung ist als streng zielgerichtetes Gespräch definiert. Seelsorge zielt auf einen Erkenntnisprozess mit theologischem Vorzeichen: alles menschliche Denken, Wollen und Handeln wird durch das Wort Gottes dem theologischen Urteil unterstellt. „Die sich hier vollziehende Vertauschung der anthropozentrischen Ebene durch die theozentrische wird programmatisch als notwendiger Bruch in jedem Seelsorgegespräch bezeichnet.“ 5 Dieser kerygmatische Seelsorgeansatz wurde immer wieder kritisiert, vor allem wegen seiner mit Problemen behafteten praktischen Umsetzbarkeit. E. Naurath weist kritisch darauf hin, dass der der Immanenz verhaftete Mensch in seinen Gegebenheiten in diesem Seelsorgekonzept grundsätzlich entwertet werde. Gerade in der körperlichen und psychosomatischen Krisenerfahrung von Krankheit und Sterben führe dieser Ansatz zu einer faktischen Verdrängung der akuten Problemlage. Naurath ist der Ansicht, dass für Patienten, die von dieser Seelsorgepraxis betroffen waren, dies eine Verstärkung der Entfremdung vom eigenen Selbst bedeutete. „In der theologischen Verknüpfung von Krankheit und Sünde findet dieser Aspekt der Körperentfremdung seine dualistische Spitze. Es ist damit deutlich, dass dieser
3 E. Naurath, Seelsorge als Leibsorge, S. 46f.
4 E. Thurneysen, Die Lehre von der Seelsorge, S. 9.
5 E. Naurath, Seelsorge als Leibsorge, S. 48.
3
Ansatz - trotz der Betonung seiner ‚Ganzheitlichkeit’ - die Leiblichkeit des Menschen ignoriert oder sogar gezielt negiert. Dass er damit der spezifischen seelsorgerlichen Aufgabe am Krankenbett nicht gerecht werden kann, ist offensichtlich.“ 6
Aufgrund der wachsenden Kritik am kerygmatischen Ansatz kam es seit etwa 1950 zu einer Neuorientierung in der Seelsorgetheorie und -praxis, was sich besonders in der Krankenseelsorge zeigte. Hintergrund war die wachsende Verlagerung der Krankenseelsorge in die Institution Krankenhaus, verbunden mit einem Strukturwandel des Krankenhauses als Ort zunehmender Spezialisierung und Technisierung der medizinischen Diagnostik und Therapie. Das Problem der Funktions- und Beziehungslosigkeit der verkündigenden Seelsorge im Großbetrieb Krankenhaus führte dazu, dass die Seelsorge sich zunehmend von der Situation und Bedürfnislage der Patienten ableitete. Hieran anschließend setzte auch die Diskussion um verstärkte Integration psychologischer und psychotherapeutischer Erkenntnisse in die Seelsorgelehre ein. 7
Mit der Rezeption der amerikanischen Seelsorgebewegung Ende der sechziger Jahre vollzog sich in Deutschland endgültig ein grundlegender Wandel im Es trat nun, als strikte Abkehr vom Seelsorgeverständnis.
Verkündigungsmodell der kerygmatischen Seelsorgetheorie, der Aspekt der Lebenshilfe vor dem der Glaubenshilfe in den Vordergrund. Gerade das Krankenhaus wurde zum Brennpunkt der Notwendigkeit einer Neuorientierung, „weil hier angesichts eines breiten Spektrums von Menschen in der situativen Krise von Krankheit oder Unfall die Validität des theologischen Auftrags besonders zur Disposition stand. So begründet sich die Seelsorgebewegung aus dem [...] Ungenügen des mangelnden Praxisbezugs der theologischen Ausbildung und der institutionell vorgegebenen, strikten Trennung der Zuständigkeitsbereiche von Theologie und Medizin.“ So entstand schließlich das Programm des Clinical Pastoral Training. 8 Dieses Konzept der therapeutischen Seelsorge zeichnet sich dadurch aus, dass es in der Regel nicht-direktiv vorgeht und sich an dem klientenzentrierten Ansatz des humanistischen Psychologen C.R. Rogers, der die für den Aufbau einer helfenden Beziehung entscheidenden Therapeutenvariablen Echtheit, Wertschätzung und Empathie beschrieben hat, orientiert. Als
6 E. Naurath, Seelsorge als Leibsorge, S. 64.
7 Vgl. ebd., S. 64f.
8 Vgl. ebd., S. 70.
4
Ausbildungskonzept in der Weiterbildung von Pastoren hat sich im Zuge der Seelsorgebewegung die sog. Klinische Seelsorgeausbildung (KSA) etabliert, die aus den USA über die Niederlande nach Deutschland kam. 9 Ihr Ziel ist es, in praxisorientierten und -begleitenden Kursen und mit Hilfe der Untersuchung von Seelsorgeprotokollen zu vertiefter Selbst- und Fremdwahrnehmung und dadurch zur Verbesserung der
Kommunikationsfähigkeit in der Seelsorge anzuleiten. 10
III. Der Patient in der Institution Krankenhaus
Im Zeitalter von Wissenschaft, Technik und Fortschritt zeichnet sich das Gesundheitswesen dadurch aus, dass es immer komplexer, kostspieliger und personalaufwendiger wird. Die konsequente Anwendung von
Naturwissenschaft und Technologie auf den Menschen hat zu großen Erfolgen geführt. Die Leistungen des gesamten medizinischen Apparates sind unverkennbar. Es werden immer bessere diagnostische Möglichkeiten durch immer präziser werdende operative Untersuchungsmethoden ermöglicht, die Qualität des therapeutischen Handelns durch Apparate und Medikamente der High-Tech-Medizin wird gesteigert. Infolgedessen können vormals heilungsresistente Krankheiten weitgehend überwunden werden und die durchschnittliche Lebenserwartung der Bevölkerung wird verlängert. Ebenso wird die Lebensqualität von chronisch kranken und behinderten Menschen entscheidend und nachhaltig verbessert. In dieser Entwicklung ist ein hohes Gut zu erkennen und kaum einer will die moderne Medizin noch missen. 11 In dem Zusammenhang ist nun aber zu fragen, wie sich diese Entwicklung auf den Patienten auswirkt. Daher soll im Folgenden dargestellt werden, was es für den kranken Menschen heißt, „Patient“ im Krankenhaus zu sein. In welcher Situation befindet er sich und welche Rolle nimmt er als Patient im Krankenhaus ein? Ebenfalls soll in diesem Kontext aufgezeigt werden, was das Kranksein für den Patienten als Individuum bedeutet. Das schließt eine Untersuchung der Begriffe „Krankheit“ und „Gesundheit“ wie auch die Frage nach Sinn von Krankheit und dem damit verbundenen Leiden mit ein.
9 Mit Dietrich Stollberg und seinem Konzept der „therapeutischen Seelsorge“ gab es
erstmals jemanden in Deutschland, der die amerikanische Seelsorgebewegung des
Pastoral Clinical Training kritisch rezipiert und damit den Wechsel vom verkündenden
zum klientenzentrierten Modell durchgesetzt hat.
10 Vgl. H. Eschmann, Theologie der Seelsorge, S. 15.
11 Vgl. J. Ziemer, Seelsorgelehre, S. 269f.
5
III.1. Die Rolle des Patienten im Krankenhaus
Soziologisch betrachtet, sind Organisationen bzw. Institutionen Einrichtungen, in denen bestimmte Ziele durch das gemeinsame Handeln mehrerer erreicht werden sollen. Zu den wichtigsten Koordinationsinstrumenten gehören Regeln und Routine, durch die festgelegt werden, welche Behandlungen von den Beteiligten in definierten Situationen zu erwarten sind. Regeln und Routinen erleichtern zwar den alltäglichen Umgang der Organisationsmitglieder miteinander, aber andererseits schränken sie auch den Handlungsspielraum des Einzelnen und seine Entscheidungsfreiheit ein. 12 Dieser Sachverhalt trifft auf das Krankenhaus zu. Wenn ein Patient ins Krankenhaus aufgenommen wird, bedeutet das für ihn, dass er seine vertraute Umgebung verlassen und sich in die Obhut des Krankenhauses begeben muss. Ab diesem Moment wird von ihm erwartet, dass er sich den ‚Spielregeln’ des Krankenhauses unterordnet.
Das Leben im Krankenhaus ist von einem festen zeitlichen Rhythmus gekennzeichnet. Dieser gilt für alle Patienten verbindlich, Ausnahmen sind nur nach vorheriger Absprache und mit der Zustimmung des Personals möglich. Daneben gibt es auch noch Arbeitsvollzüge, die zeitlich nicht festgelegt sind, die also ‚bei Gelegenheit’, ‚wenn der Arzt Zeit findet’ oder ‚wenn die Laborwerte eingetroffen sind’ durchgeführt werden. Das bedeutet für den Patienten, dass er ständig präsent und verfügbar sein muss, was nicht nur seine Bewegungs- und Kontaktmöglichkeiten begrenzt, sondern auch einen Großteil seiner Privatsphäre einfordert. 13 Diese neue Rolle des Patienten bedeutet aber nicht nur den Verlust seiner Selbständigkeit, sondern auch eine Umwertung seiner Person. Es ist jetzt nur noch sein Krankheitsbild und sein Genesungsverhalten interessant. Ein guter und pflegeleichter Patient ist dann, wer sich fügt und ohne zu murren bei allem mitmacht - also funktioniert. Damit heißt ein Krankenhausaufenthalt für die Patienten auch Einschränkung ihrer Persönlichkeit. Sie werden in verschiedene Gebäudeteile geschoben, in Funktionsabteilungen oft serienmäßig abgefertigt, als Nummern hintereinander untersucht und von Personen betreut, die sie nie wieder sehen werden. 14
12 Vgl. T. Kohlmann, Patient und Organisation, S. 391.
13 Vgl. T. Kohlmann, Patient und Organisation, S. 392; so auch J. Siegrist, Seelsorge
im Krankenhaus, S. 30.
14 Vgl. R. Gestrich, Das seelsorgerliche Gespräch in der Krankenpflege, S. 39; so auch
S. Allwinn, Krankheitsbewältigung als individueller, interaktiver und sozialer Prozess,
S. 74f.
6
Zu den organisatorischen Belastungen kommen noch weitere Belastungsmomente auf den Patienten im Laufe seines
Krankenhausaufenthalts zu. Das beginnt bereits mit der Aufnahme auf die Station. Die Situation der Patientenaufnahme wird von den Beteiligten unterschiedlich empfunden. Für die Patienten ist die Situation emotional aufgeladen. Sie haben unter Umständen Angst vor einer ‚schlechten’ Diagnose oder vor schmerzhaften oder schambesetzten Eingriffen. Es ist daher anzunehmen, dass Patienten in dieser Situation mehr oder weniger verunsichert sind. Für das medizinische Personal dagegen handelt es sich bei der Patientenaufnahme um Alltagsroutine. Oft geschieht das unter Zeitdruck, weil noch andere Patienten aufgenommen werden wollen bzw. andere Patienten, die schon da sind, versorgt werden müssen. So kann es dazu kommen, dass sich unter Umständen erst einmal niemand um die Neuankömmlinge bemüht oder dass sie von Personen angesprochen werden, die sich nicht vorstellen. Diese Situation verstärkt für die Patienten das Gefühl, dieser Institution ausgeliefert zu sein. 15
Ein weiterer Belastungsmoment für Patienten sind die Aufklärungsgespräche vor invasiven diagnostischen Maßnahmen oder Behandlungen.
Aufklärungsgespräche sind stark durch juristische Maßnahmen bestimmt. Es geht den Ärzten vor allem darum, die Einwilligung der Patienten zu erhalten, damit sie juristisch gesehen keine Körperverletzung begehen. Problematisch ist, dass die Gespräche meist erst dann mit dem Patienten geführt werden, wenn die Entscheidung zur Behandlung eigentlich schon gefallen ist. Dazu kommt, dass eine Risikoaufklärung für die Patienten in der ohnehin schon belastenden Situation eine zunehmende Verunsicherung bedeutet und die Patienten aus dieser Situation heraus die Fülle von Informationen noch schlechter verarbeiten können. Damit wird die Einwilligung nahezu zu einer Farce. Für die Ärzte ist das Gespräch meist eine Aufgabe, das sie unter Zeitdruck schnell noch ‚hinter sich bringen’. Daher werden Informationen schnell präsentiert und der Patient bekommt noch mehr das Gefühl, oft auch aus Unwissenheit, vom Arzt anhängig zu sein. Für den Patienten ist es aber nicht getan, ihn mit den notwendigsten Informationen über seinen Zustand und die gebotenen ärztlichen Maßnahmen zu versorgen. Denn hierbei wird übersehen, dass der Patient diese Informationen auch emotional verarbeiten
15 Vgl. S. Allwinn, Krankheitsbewältigung als individueller, interaktiver und sozialer
Prozess, S. 63; R. Gestrich, Das seelsorgerliche Gespräch in der Krankenpflege, S.
38f.; V. Gisbertz, Ist einer von euch krank, S. 22f.
7
Arbeit zitieren:
Christine Hoppe, 2008, Der Patient/Die Patientin in der evangelischen Krankenhausseelsorge - Theologische und seelsorgerliche Perspektiven, München, GRIN Verlag GmbH
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