Gliederung
A. D. 9, 2, 15, 1 - 1 -
B. ÜBERSETZUNG - 1 -
C. INSKRIPTION. - 2 -
I. DIGESTEN - 2 -
II. AUTOR - 3 -
1. Ulpian. - 3 -
2. Julian. - 4 -
D. PARAPHRASE. - 4 -
E. INTERPRETATION - 6 -
I. DREI SACHVERHALTE IN D. 9, 2, 15, 1 - 6 -
II. DIE LEX AQUILIA - 6 -
1. Entstehung. - 6 -
2. Wortlaut - 7 -
a) 1. Kapitel - 7 -
b) 3. Kapitel - 8 -
3. Vergleich zwischen 1. und 3. Kapitel. - 8 -
4. Bezug zu D. 9, 2, 15, 1 - 9 -
III. HAFTUNG DES VERLETZERS NACH ULPIAN - 9 -
1. Zweiter Fall - 9 -
2. Dritter Fall - 10 -
3. Hauptfall. - 11 -
IV. RÖMISCHE JURISTEN ZU KAUSALITÄTSFRAGEN. - 11 -
V. „ÜBERHOLENDE KAUSALITÄT“ - 11 -
VI. ULPIAN ZUR „ÜBERHOLENDEN KAUSALITÄT“ - 12 -
VII. ÜBEREINSTIMMUNG MIT DER ANSICHT DES JULIAN? - 13 -
1. Wörtliche Übersetzung - 13 -
2. Gegenteilige Äußerung des Julian in D. 9, 2, 51 pr. - 13 -
3. Grundsätzliche Vergleichbarkeit der Digestenstellen. - 14 -
4. Ist Julian schlicht „unlogisch“? - 16 -
5. Interpretationsversuche einiger Romanisten - 16 -
6. Lösung über Korrektur der Interpunktion. - 16 -
7. Resümee - 18 -
F. VERGLEICH MIT DEM GELTENDEN RECHT - 19 -
I. GELTENDES ZIVILRECHT - 19 -
1. Probleme beim Vergleich mit dem geltenden Recht - 19 -
a) Beteiligung eines Sklaven - 19 -
b) Denkbare Abwandlung des Falles - 20 -
2. § 823 Abs. 1 BGB als zentrale Schadensersatznorm im Deliktsrecht - 21 -
a) Verletztes Rechtsgut: Eigentum - 21 -
b) Prüfung der Kausalität im geltenden Recht - 22 -
aa) Äquivalenz - 22 -
bb) Adäquanz - 23 -
cc) Schutzzweck der Norm - 23 -
c) Anwendung auf den Fall - 23 -
aa) Grundfall - 23 -
bb) Hauptfall (Problem der „überholenden Kausalität“) - 24 -
d) Fallgruppen bei „überholender Kausalität“ - 25 -
aa) Anlagefälle. - 25 -
bb) Hypothetische Verantwortlichkeit eines Dritten. - 25 -
cc) Verbleibende Fälle - 25 -
(1) Rechtsprechung. - 25 -
(i) Objektschäden - 25 -
(ii) Vermögensfolgeschäden. - 26 -
(iii) Rechtsfolgen für den Fall. - 26 -
(iv) Vergleich mit den römischen Juristen. - 27 -
II
(2) Gegenansicht........................................................................................................................- 27 -
(i) Generelle Beachtlichkeit von Reserveursachen. - 27 -
(ii) Rechtsfolgen der Gegenansicht - 28 -
(iii) Vergleich mit den römischen Juristen. - 28 -
e) Ergebnis - 28 -
3. Haftung nach § 823 Abs. 2 i.V.m. Schutzgesetz - 28 -
II. GELTENDES STRAFRECHT. - 29 -
1. Lösung bei Sachbeschädigung - 29 -
2. Lösung bei Körperverletzung / Tötung - 30 -
III
Literaturverzeichnis
Ankum, Hans Das Problem der „überholenden Kausalität“ bei der Anwendung der lex Aquilia im klassischen römischen Recht
in: De iustitia et iure, Festgabe für Ulrich von Lübtow Berlin 1980, S. 325 - 358 Herausgeber: Manfred Harder und Georg Thielmann (zitiert: Ankum, in: FG von Lübtow)
Behrends, Okko Corpus Iuris Civilis -Text und Übersetzung, Knütel, Rolf Band II (Dig. 1 - 10), Heidelberg 1995 Kupisch, Berthold (zitiert: Behrends/Knütel/Kupisch/Seiler, Corpus Iuris Civi- Seiler,Hans Hermann lis, Band II)
Beinart, Ben Once more on the origin of the lex Aquilia in: Butterworths South African Law Review 1956, S. 70 - 80
(zitiert: Beinart, Butterworths South African Law Review 1956)
Elster, Marianne Die Gesetze der mittleren Römischen Republik
1. Auflage, Darmstadt 2003
(zitiert: Elster, Die Gesetze der mittleren Römischen Republik)
Esser, Josef Schuldrecht Schmidt, Eike 8. Auflage, Heidelberg 1995 (zitiert: Esser/Schmidt, Schuldrecht)
Hausmaninger, Herbert Das Schadensersatzrecht der lex Aquilia
5. Auflage, Wien 1996
(zitiert: Hausmaninger, Das Schadensersatzrecht der lex Aquilia)
Heumann, Hermann G. Handlexikon zu den Quellen des römischen Rechts Seckel, Emil 9. Auflage, Jena 1907
(zitiert: Heumann/Seckel, Handlexikon zu den Quellen des römischen Rechts)
IV
Honoré, Tony Ulpian - Pioneer of Human Rights Second Edition, Oxford / New York 2002 (zitiert: Honoré, Ulpian - Pioneer of Human Rights)
Honsell, Heinrich Römisches Recht
6. Auflage, Zürich 2005 (zitiert: Honsell, Römisches Recht)
Joecks, Wolfgang Strafgesetzbuch - Studienkommentar
7. Auflage, München 2007 (zitiert: Joecks, StGB)
Kahrs, Hans Jürgen Kausalität und überholende Kausalität im Zivilrecht Hamburg 1969
(zitiert: Kahrs, Kausalität und überholende Kausalität im Zivilrecht)
Kaser, Max Römisches Privatrecht - ein Studienbuch
11. Auflage, München 1979 (zitiert: Kaser, Römisches Privatrecht)
Kruse, Constantin Alternative Kausalität im Deliktsrecht - Eine historische und vergleichende Untersuchung Münster 2006
(zitiert: Kruse, Alternative Kausalität im Deliktsrecht -Eine historische und vergleichende Untersuchung)
Lange, Hermann Schadensersatz Schiemann, Gottfried 3. Auflage, Tübingen 2003 (zitiert: Lange/Schiemann, Schadensersatz)
Lawson, Frederick H. Negligence in the civil law Oxford 1962
(zitiert: Lawson, Negligence in the civil law)
Lenel, Otto Palingenesia iuris civilis, Band 2 Graz 1960
(zitiert: Lenel, Palingenesia iuris civilis, Band 2)
V
Leptien, Ulrich Utilitatis Causa - Zweckmäßigkeitsetscheidungen im Römischen Recht Freiburg 1967 (zitiert: Leptien, Utilitatis Causa)
Lübtow, Ulrich von Untersuchungen zur lex Aquilia de damno iniuria dato Berlin 1971
(zitiert: von Lübtow, Untersuchungen zur lex Aquilia de damno iniuria dato)
MacDonell, John Great jurists of the world Manson, Edward London 1913
(zitiert: MacDonell/Manson, Great jurists of the world)
Medicus, Dieter Bürgerliches Recht 21. Auflage, Köln 2007 (zitiert: Medicus, BR)
Mommsen, Theodor Corpus Iuris Civilis, Volumen Primum Krüger, Paul Editio Decima Octava Lucis Ope Expressa, Berlin / Zürich 1965
(zitiert: Mommsen/Krüger, Corpus Iuris Civilis, Volumen Primum)
Nörr, Dieter Causa mortis - Auf den Spuren einer Redewendung München 1986 (zitiert: Nörr, Causa mortis)
Nörr, Dieter Kausalitätsprobleme im klassischen römischen Recht: ein theoretischer Versuch Labeos in: Festschrift für Franz Wieacker Göttingen 1978, S. 115 - 144 Herausgeber: Okko Behrends (zitiert: Nörr, in: FS Wieacker)
Palandt, Otto Bürgerliches Gesetzbuch - Kommentar 67. Auflage, München 2008 (zitiert: Palandt)
Pugsley, David Causation and confessions in the lex Aquilia
VI
in: TR 38 (1970), S. 163 - 174 (zitiert: Pugsley, TR 38, 1970)
Röhle, Robert Zur Frage der sogenannten verdrängenden Verursachung im Römischen Recht in: SD 31 (1965), S. 305 ff. (zitiert: Röhle, SD 31, 1965)
Schebitz, Bernhard Die Berechnung des Ersatzes nach der lex Aquilia Berlin 1987
(zitiert: Schebitz, Die Berechnung des Ersatzes nach der lex Aquilia)
Schindler, Karl-Heinz Ein Streit zwischen Julian und Celsus - zum Problem der überholenden Kausalität in: SZ 74 (1957), S. 201 - 233 (zitiert: Schindler, SZ 74, 1957)
Zimmermann, Reinhard The law of obligations - Roman foundations of the civilian tradition Cape Town 1990
(zitiert: Zimmermann, The law of obligations)
VII
A. D. 9, 2, 15, 1 1
ULPIANUS libro octavo decimo ad edictum
§ 1. Si servus vulneratus mortifere postea ruina vel naufragio vel alio ictu maturius perierit, de occiso agi non posse, sed quasi de vulnerato, sed si manumissus vel alienatus ex vulnere periit, quasi de occiso agi posse Iulianus ait. haec ita 2 tam varie, quia verum est eum a te occisum tunc cum vulnerabas, quod mortuo eo demum apparuit: at 3 in superiore non est passa ruina apparere, an sit occisus. sed si vulneratum mortifere liberum et heredem esse iusseris, deinde decesserit, heredem eius agere Aquilia non posse,
B. Übersetzung
ULPIAN im 18. Buch zum Edikt
§ 1. Ist ein tödlich verletzter Sklave später durch Gebäudeeinsturz, Schiffbruch oder irgendeinen anderen Unglücksfall schneller zu Tode gekommen, so kann, wie Julian sagt, nicht wegen der Tötung des Sklaven, sondern nur wegen der Verletzung geklagt werden 4 ; ist er aber nach Freilassung oder Veräußerung an der Verletzung gestorben, so kann man wegen Tötung klagen. Diese [letzten] 5 Fälle werden deswegen so abweichend entschieden, weil es richtig ist, dass er von dir getötet wurde, indem du ihn damals verletzt hast; dies klärte sich jedoch erst durch seinen Tod. Im ersten Fall verhinderte der Gebäudeeinsturz die Klärung, ob [infolge der Tödlichkeit der Verletzung] eine Tötung vorlag. Hast du aber den tödlich verletzten Sklaven testamentarisch freigelassen und zu deinem Erben eingesetzt und ist dieser hierauf [nach dem Erbfall] gestorben, so kann sein Erbe nicht nach der lex Aquilia klagen 6 ,
1 Mommsen/Krüger, Corpus Iuris Civilis, Volumen Primum.
2 ideo Kuebler.
3 at om. F.
4 Vgl. D. 9, 2 ,11, 3; D. 9, 2, 51 pr.
5 Ergänzungen nach Behrends/Knütel/Kupisch/Seiler, Corpus Iuris Civilis, Band II.
6 Vgl. D. 9, 2, 36, 1.
- 1 -
C. Inskription
I. Digesten
Die zu untersuchende Textstelle stammt aus den Digesten des Kaisers Justinian I. (527 - 565), welcher diese im Jahre 533 in Konstantinopel als Gesetzbuch verkündete.
Die Justinianischen Digesten sind eine Zusammenstellung von Auszügen aus den Werken römischer Rechtsgelehrter - Justinian berichtet in C. 1, 17, 2, 1 davon, dass der verantwortliche Jurist Tribonian aus fast 2000 Büchern klassischer Juristen das Beste ausgewählt habe 7 - und bilden den wichtigsten von vier Teilen der heutigen Überlieferung des Römischen Rechts, des Corpus Iuris Civilis, dessen andere Teile die Institutionen, der Codex und die Novellen waren. 8 Die Digesten Justinians waren neben ihrer Funktion als Gesetzbuch gleichzeitig der Stoff für das 2. - 4. Studienjahr der damaligen Juristen. 9 Die in den Justinianischen Digesten zitierten Juristen bezeichneten zum Teil selbst ihre Sammlungen als „Digesten“. Es muss also unterschieden werden zwischen den Justinianischen Digesten und den „Digesten“ der früheren Juristen.
Die Justinianischen Digesten gliedern sich in 50 Bücher. Diese Bücher sind wiederum unterteilt in Titel, die Titel in Fragmente (auch leges genannt), die Fragmente in Paragraphen. Die vorliegende Textstelle D. 9, 2, 15, 1 stammt also aus dem 9. Buch, 2. Titel, 15. Fragment, 1. Paragraph.
7 Vgl. Honsell, Römisches Recht, § 3 III, S. 18.
8 Honsell, Römisches Recht, § 3 III, S. 18.
9 Honsell, Römisches Recht, § 3 III, S. 18.
- 2 -
II. Autor
1. Ulpian
Domitius Ulpianus 10 , kurz Ulpian, wurde um 170 wahrscheinlich in Tyros, einer der - im heutigen Südlibanon gelegenen - wichtigsten Städte der Phönizier, ge-boren und ist 228 in Rom ermordet worden.
Zusammen mit Paulus war Ulpian ab 204 Assessor im Auditorium des praefectus praetorio Papinian und Berater des Septimius Severus. Als magister libellorum war er um 211 unter Caracalla für Eingaben an den Kaiser zuständig. In der Zeit Kaiser Elagabals war Ulpian für die Lebensmittelversorgung zuständig, soll jedoch von Elagabal aus Rom verbannt worden sein. Von dessen Nachfolger, Severus Alexander, wurde Ulpian 222 zum praefectus praetorio gemacht. In dieser Funktion trat Ulpian im Konsilium des Severus Ale-xander als dessen Hauptratgeber und als eine Art Vormund des damals erst dreizehnjährigen Kaisers auf. Dieser bezeichnete Ulpian als Vater („parens meus“) und als Freund („amicus meus“), sodass von einer sehr engen und persönlichen Beziehung zwischen dem Kaiser und Ulpian ausgegangen werden kann. 11 Als praefectus praetorio gewann Ulpian zunächst einen Machtkampf gegen Flavianus und Chrestus, welche hingerichtet wurden. Dieser Vorfall sowie die Streichung etlicher Privilegien, die Elagabal der Prätorianergarde gewährt hatte, führten schließlich dazu, dass Ulpian in den Palast des Severus Alexander flüchten musste. Der minderjährige Kaiser konnte ihn aber nicht schützen, sodass er von der Prätorianergarde 228 ermordet wurde. Ulpian gilt als ungemein fruchtbarer Schriftsteller 12 und ist Verfasser von etwa 280 Büchern 13 , die fast alle im Zeitraum von nur 6 Jahren (211 - 217) unter Caracalla veröffentlicht wurden, größtenteils allerdings auf früherer Sammelarbeit aufgebaut sind.
Zu seinen Hauptwerken zählen Ad Masurium Sabinum (51 Bücher), Ad edictum praetoris (81 bzw. 83 Bücher), Monographien über die Leges-Abschnitte der Digestenordnung (zusammen 33 Bücher), kasuistische Schriften (10 Bücher),
10 Zu Ulpian vgl. Honoré, Ulpian - Pioneer of Human Rights, Second Edition; Heumann/Seckel, Handlexikon zu den Quellen des römischen Rechts, S. 600 (Ulpianus), MacDonell/Mason, Great jurists of the world, S. 32 - 44.
11 MacDonell/Mason, Great jurists of the world, S. 36.
12 Heumann/Seckel, Handlexikon zu den Quellen des römischen Rechts, S. 600 (Ulpianus).
13 Eine ausführliche Auflistung der Werke Ulpians findet sich bei Honoré, Ulpian - Pioneer of Human Rights, Second Edition, S. xii/xiii.
- 3 -
Arbeit zitieren:
Thomas Blum, 2008, Digestenexegese - D. 9, 2, 15, 1, München, GRIN Verlag GmbH
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