Danke… Franziska, dass du alles unternommen hast, um mich zu entlasten und zu unterstützen, ohne jemals die Geduld zu verlieren.
Anouk, dass du mich schon so aufbauen kannst. liebe Eltern, dass ihr mir Freiheit und Rückhalt gebt.
Chris und Jürgen, dass ihr mir so viel Gutes tut. Christian, dass du mir ein Freud, Weggefährte und kritischer Begutachter bist.
Prof. Gabriel, dass Sie mich nicht nur als Diplomand anspruchsvoll begleiten.
Axel, Anne und Steffi für die wertvollen Anmerkungen und Stunden des Lesens. liebe Freunde, dass Ihr in einer konzentrierten Zeit Rücksicht nahmt und mir Ausgleich gabt.
I Inhaltsverzeichnis
I INHALTSVERZEICHNIS
Seite
I
I Inhaltsverzeichnis
II Abkürzungsverzeichnis
III Abbildungsverzeichnis
VIII
IV Tabellenverzeichnis
1 EINLEITUNG 1
1.1 Epidemiologische Auswirkungen körperlicher Inaktivität 1
1.2 Historischer Kurzabriss der Lebensverlängerungsversuche
und der Thüringer Christoph Wilhelm Hufeland 5
1.3 Fragen, Hypothesen, Vorgehen und Ziele der vorliegenden Arbeit
1.4 Gegenwärtige Bedeutung der Verlängerung aktiver Lebensjahre 11
2 THEORIETEIL 15
2.1 Gesundheitswissenschaftliche Standortbestimmung 15
2.1.1 Gesundheit als Thema im 21. Jahrhundert 18
2.1.2 Gesundheitsmodelle und -begriffe, gesundheitspolitische
Probleme und Potenziale 23
2.1.3 Relevante Gesundheitsressourcen für die Gesundheitsförderung
2.2 Entwicklung einer medizinisch-anthropologischen Ethik 33
3 HAUPTTEIL 43
3.1 Christoph Wilhelm Hufelands Gesundheitsverständnis
3.1.1 Bilder der Gesundheit im Wandel der Zeiten
3.1.2 Hufelands Wirken zur Goethezeit
3.1.3 Entstehung und Inhalte von Hufelands „Makrobiotik“
3.1.4 Hufelands Lebensverlängerungs- und Lebensverkürzungsmittel
3.1.4.1 Lebensverkürzungsmittel und Risikofaktoren
3.1.4.2 Lebensverlängerungsmittel und Schutzfaktoren
3.1.5 Die Salutogenese als hufelandspezifische Gesundheitsvorstellung 73
I
I Inhaltsverzeichnis
3.2 Hufelands Erkenntnisse aus heutiger
wissenschaftlicher Perspektive 75
3.2.1 Der wissenschaftliche Erkenntnisprozess 75
3.2.2 EbM als Leitmodell praxisrelevanter klinischer Forschung 79
3.2.3 Evidenzbasierte Prüfung der Erkenntnisse Hufelands im
Spannungsfeld von Schlaf und körperlicher Bewegung 83
3.2.3.1 Schlaf
3.2.3.2 Körperliche Bewegung 103
3.2.4 Zusammenfassende Ableitungen von
Gesundheitsförderungsempfehlungen 119
4 ZUSAMMENFASSUNG 122
V Literaturverzeichnis IX
VI Anhang XXXII
II
II Abkürzungsverzeichnis
II Abkürzungsverzeichnis
$ Dollar
% Prozent
& und
~ etwa, ca.
§ Paragraph
€ Euro
A Anhang
A- Seitenbezeichnungspräfix des Deutschen Ärzteblattes
Abb. Abbildung
Abs. Absatz
ACTH Adenocorticotropes Hormon
al. andere
AOK Allgemeine Ortskrankenkasse
ARM Anforderungs-Ressourcen-Modell
Bd. Band
bspw. beispielsweise
bzw. beziehungsweise
ca. circa
Chr. Christus
d.h. das heißt
DGSM Deutsche Gesellschaft für Schlafmedizin
DNS Desoxyribonukleinsäure
Dr. Doktor
DSM Diagnostic Statistical Manual (of Mental Disorders)
ebd. ebenda
EbM Evidenzbasierte Medizin
ed. Herausgeber
etc. et cetera
EU Europäische Union
f. folgend
FIMS Fédération International de Médicine Sportive
ff. fortfolgend
III
II Abkürzungsverzeichnis
fMRT funktionelle Magnetresonanztomographie
FN Fußnote
GH Growth Hormone
GRR generalisierte Widerstandressourcen
h Stunde(n)
HAHS Harvard Alumni Health Study
HBSC „Health Behaviour in School-aged Children“ - Studie
HEPA Health-Enhancing Physical Activity
Hf Herzfrequenz
HPA Hypothalamic-Pituitary-Adrenal
Hrsg. Herausgeber
ICD International Classification of Diseases
ICSD International Classification of Sleep Disorders
IL Interleukin
J Journal
Jb. Jahrbuch
Jhd. Jahrhundert
jun. junior
kcal Kilokalorien
kmh -1
Kilometer pro Stunde
Med. Medizin(ische)
MET metabolische Equivalente
Min. Minuten
mind. mindestens
mod. modifiziert
Mrd. Milliarden
MRFIT Multiple Risk Factor Intervention Trial
multidiszipl. multidisziplinär
n. Chr. nach Christi Geburt
neg. negativ
NK-Zellen natürliche Killerzellen
NRW Nordrheinwestfalen
NSDAP Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei
P Irrtumswahrscheinlichkeit
IV
II Abkürzungsverzeichnis
PA Physical Activity
PET Positronen-Emmisions-Tomograghie
pos. positiv
Ps. Psalm
RB Regula Benedicti
RCT Randomized Controlled Trial
REM Rapid Eye Movement
s. siehe
S. Seite
s.o. siehe oben
SA Sachsen-Anhalt
SES Socioeconomic Status
SGB Sozialgesetzbuch
SGM Salutogenesemodell
spez. spezifische, spezielle
St. Sankt
subj. subjektiv
Tab. Tabelle
u. und
u.a. unter anderen / unter anderem
US United States
USA United States of America
v. von / vor
vgl. vergleiche
VO 2max maximale Sauerstoffaufnahme
vs. versus
WHO World Health Organisation
z.B. zum Beispiel
g/dl Mikrogramm pro Deziliter
V
III Abbildungsverzeichnis
III Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Pfaddiagramm zur Systematisierung weiterführender
Vorüberlegungen (S 10)
Abbildung 2: Verhältnis der Public Health zu den Gesundheitswissen-
schaften (S 16)
Abbildung 3: Bausteine verschiedener Gesundheitsdefinitionen (S 25)
Abbildung 4: Faktoren der Lebensdauer nach Hufeland (S 63)
Abbildung 5: Zuordnung der Verkürzungsmittel Hufelands zu den
Hauptdispositionsgruppen der Risikofaktoren (S 68)
Abbildung 6: Beziehung zwischen Gesundheitsförderung und
Prävention (S 72)
Abbildung 7: Subjektive Gesundheitskonzepte (S 74)
Abbildung 8: Eb-MVollzugsstufen (S 80)
Abbildung 9: Evidenzstufen der EbM (S 80)
Abbildung 10: Faktoren klinischer Expertise (S 81)
Abbildung 11: Belastungs- und Beanspruchungsrelation in reizorientierten
Stressmodellen (S 83)
Abbildung 12: Schematische GH- und Cortisolsekretion über die
Schlafphasen (S 88)
Abbildung 13: Cortisolspiegel am Abend (S 89)
Abbildung 14: Prävalenzen für Insomniesymptome (S 94)
Abbildung 15: Zusammenhang zwischen Schlafdauer und Mortalität (S 100)
VI
III Abbildungsverzeichnis
Abbildung 16: Gesundheitlicher Nutzen in Abhängigkeit von der körperlichen Ausgangsaktivität (S.105) Abbildung 17: Prozentuale Steigerung der maximalen Sauerstoffaufnahme in Abhängigkeit vom Belastungsumfang (S.112) Abbildung 18: Prozentuale Steigerung der maximalen Sauerstoffaufnahme in Abhängigkeit von der Belastungsintensität (S.112) Abbildung 19: Wöchentlicher Stundenumfang der sportlichen Aktivität von Frauen verschiedener Altersgruppen (S.114) Abbildung 20: Wöchentlicher Stundenumfang der sportlichen Aktivität von Männern verschiedener Altersgruppen (S.115) Abbildung 21: Durch körperliche Aktivität verhütete Erkrankungen (S.116) Abbildung 22: Beziehung zwischen Einkommen und Gesundheit (S.117) Abbildung 23: Beziehung zwischen SES und Mortalität (S.118)
VII
IIIV Abbildungsverzeichnis
IV Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Vergleichende Gegenüberstellung der 4 Hauptmodelle von
Gesundheit (S.24) Tabelle 2: Zuordnung der Verlängerungsmittel Hufelands zu den
Schutzfaktorengruppen (S.73) Tabelle 3: Schlafhygieneregeln Hufelands (S.86) Tabelle 4: Weltweites Schlafverhalten (S.92) Tabelle 5: Schlafhygienedefinitionen verschiedener Autorengruppen im
Vergleich zu Hufeland (S.97) Tabelle 6: Ausgewählte Begrenzungen der Einschätzung von Dosis-
Wirkungs-Beziehungen zwischen körperlicher Aktivität und ge
sundheitsbezogenen Effekten (S.110)
VIII
1 Einleitung
1 Einleitung
„[…] Hauptgrund der Makrobiotik ist der Mittelton in allen
Stücken, die aurea mediocritas. Alle Extreme […] hindern die Verlängerung des Lebens“ 1
1.1 Epidemiologische Auswirkungen körperlicher Inaktivität
Eine zunehmende Automatisierung, Technisierung und Motorisierung führte insbe- sondere die Menschen westlicher Industrienationen zu einer Reduzierung des Kalo- rienverbrauchs durch körperliche Arbeit bei gleichzeitiger übermäßiger Kalorienzu- fuhr durch die Ernährung 2 . HASKELL ET AL. nehmen an, dass der Rückgang des tägli- chen Energieverbrauchs in Größenordnung von ca. 30-40% einzuordnen ist 3 . Das Institut für Arbeit und Wissenschaft der Universität Bremen schätzte den Anteil sit- zender gegenüber stehender bzw. gehender Arbeitszeit auf 84% 4 . Dieser Mangel an Bewegung führt verstärkt zu psychosozialen Problemen, chronischen Krankheiten und Schmerzen sowie orthopädischen und internistischen Funktionseinschränkun- gen bzw. Erkrankungen mit erheblichen Folgen: In Deutschland sterben bspw. jähr- lich ca. 250.000 Menschen an den Folgen eines Herzinfarkts 5 . Trotz besserer Inter- ventionsmöglichkeiten wird bis zum Jahr 2010 eine Herzininfarktsteigerungsrate von 20% erwartet 6 . Ein ähnlicher Trend zeigt sich bei den Krebserkrankungen: Die Inzi- denz des Darmkrebses hat sich zwischen 1996 und 2000 um 30% und die des Pros- tatakrebses in 10 Jahren um 50% erhöht 7 .
Besonders alarmierend ist allerdings der Anstieg des Diabetes Mellitus Typ 2. In Deutschland wurde zwischen 1988 und 2001 eine Steigerung um 43% auf 6 Millio-
1 C.W. Hufeland (1995): Die Kunst das Menschliche Leben zu verlängern, Insel Verlag, Frankfurt am M., S.81. 2 W. Hollmann, H.K. Strüder, J. Diehl (2006): Körperliche Aktivität und Gesundheit. Der Mann, 3, S.11. 3 W.L. Haskell (2000): Sport, exercise, and health. Toward the next century. Der Orthopäde, 29, S.930f. 4 Institut für Arbeit und Wissenschaft der Universität Bremen: abgerufen am 9.3.07 unter http://www.iaw.uni- bremen.de/ergo-time/seiten/pageskap1/5blanges_sitzen.htm.
5 Summe aus akutem und rezidivierendem Myocardinfarkt sowie ischämischer Herzkrankheit, Zahlen für 2002, Statistisches Jahrbuch 2004 für die Bundesrepublik Deutschland, S.234.
6 R. Apitz, F.S. Winter (2004): Potenziale und Ansätze der Prävention, Internist, 45, S.140. 7 Diese Zunahme hängt jedoch auch mit der anwachsenden gesellschaftlichen Überalterung zusammen (Anm. des Autors), H. Wahl (2006): Wo bitte bleibt die Prävention in der großen Strukturveränderung?, Diabetologe,
3, S.284.
1
1 Einleitung
nen Diabeteserkrankte verzeichnet 8 . Weitere etwa 2 Millionen leiden zusätzlich an einem unentdeckten Diabetes Mellitus. Zwischen 1995 und 2025 wird weltweit eine Verdopplung der Zahl der Betroffenen zu erwarten sein 9 . Bis zu 25% aller Ausgaben im Gesundheitssystem werden für diese Patientengruppe aufgebracht 10 . Damit stellt der Diabetes Mellitus neben den Herz-Kreislauf-Erkrankungen eine der größten ge- sellschaftlichen und gesundheitspolitischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts dar.
Auch in der Kölner Deklaration der WHO und FIMS aus dem Jahr 1994 mit dem Titel „Physical Activity and Health“ wurde konstatiert, dass überwiegendes Sitzen mit der Minderung muskulärer Belastungen und einer Reduktion des Kalorienverbrauchs verbunden ist 11 . Mit dem gemeinsamen Aufruf der FIMS und der WHO an die Regie- rungen der Erde, körperliche Aktivität und Fitness zum festen Bestandteil öffentlicher Gesundheitspolitik zu machen, tägliche körperliche Aktivität als lebenslanges Ritual und Grundlage eines gesunden Lebensstils zu etablieren, Behinderten und chronisch Kranken besondere Unterstützung bei der Erarbeitung von Bewegungsprogrammen zukommen zu lassen, Frauen spezifische Möglichkeiten körperlichen Trainings an- zubieten und Ältere zur aktiven Lebensführung zu ermutigen 12 , wurde die Bedeutung körperlicher Aktivität für die Gesundheit besonders hervorhoben.
Publikationen der HARVARD-ALUMNI-HEALTH-STUDY (HAHS) 13 aus dem Jahr 1995 ha- ben zeigen können, dass ein wöchentlicher Mehrverbrauch von ca. 2000 kcal das Herzinfarktrisiko 14 bei Männern erheblich senkt. Unter der Vorraussetzung 30- minütiger moderater körperlicher Belastung mit dynamischem Einsatz großer Mus- kelgruppen bei mindestens 50% der maximalen Leistungsfähigkeit, liegt die ge- schätzte Lebenserwartungssteigerung bei fünf Jahren 15 . Allerdings berücksichtigt die
8 Positionspapier des Nationalen Aktionsforums Diabetes mellitus (2005): abgerufen am 10.4. um 10:45 Uhr unter:http://www.forumpraevention.org/forum-praevention_1234/images//downloads/ Download_20Diabetes_20Positionspapier.pdf.
9 H. King, R.E. Aubert, W.H. Herman (1998): Global burden of diabetes, 1995-2025. Diabetes Care, 21, S.1414- 1431.
10 H. Hauner, I. Köster, L. von Ferber (2003): Prävalenz des Diabetes Mellitus in Deutschland 1998-2001, Dtsch Med Wochenschr, 128, S.2633.
11 Kölner Deklaration (1994): Gesundheit und körperliche Aktivität – Erklärung von Weltgesundheitsorganisa- tion und Weltsportärzteverband in Köln, Dtsch Z Sportmed 45, S.170.
12 Ebd.
13 I.M. Lee, C.C. Hsieh and R.S. Paffenbarger Jr. (1995): Exercise intensity and longevity in men The Harvard Alumni Health Study, JAMA 273, S.1179-1184.
14 Nach chronisch ischämischer Herzkrankheit zweithäufigste Todesursache 2005 in Deutschland, Statistisches Bundesamt Deutschland, abgerufen am 14.4.2007 unter: http://www.destatis.de/basis/d/gesu/gesutab20.php. 15 vgl. I.M. Lee, C.C. Hsieh and R.S. Paffenbarger Jr. (1995): Exercise intensity and longevity in men The Har- vard Alumni Health Study, JAMA 273, S.1179-1184.
2
1 Einleitung
HAHS aufgrund des Probandenklientels 16 von ausschließlich Harvard Absolventen
nur unzureichend sozioökonomische Einflussfaktoren auf die Lebenserwartung. Dennoch sind im Rahmen der „30 minutes or more of moderate-intensity […] on most, preferably all, days of the week“ 17 37% der Schweizer 18 und sogar 60% der Amerika- ner 19 als körperlich inaktiv einzustufen.
Bei einer weltweit zu verzeichnenden körperlichen Gesamtinaktivität von durch- schnittlich 18,8 % (mit der Spannweite von 13,4 - 28,7%) 20 ist die Einsicht in die Not-
wendigkeit gesundheitsfördernder körperlicher Aktivität (HEPA) nicht nur aus indivi- dueller Sicht 21 dringend erforderlich. In den USA bewirkt Inaktivität jährliche Gesund- heitskosten in Höhe von 24,3 Mrd. Dollar 22 . In der Schweiz verursacht jede inaktive Person jährliche Kosten in Höhe von 2595 SFr 23 . Insgesamt belaufen sich die Folgen
des Bewegungsmangels in der Schweiz auf geschätzte 1,4 Millionen Erkrankungen, 2000 Todesfälle (~sechs Todesfälle täglich) und 1,6 Milliarden Franken direkte Be- handlungskosten pro Jahr 24 .
Dem Statistischen Bundesamt Deutschlands zufolge, betrugen die besonders durch Inaktivität hervorgerufenen Kosten von Herz-Kreislauferkrankungen und Erkrankun- gen des Muskel- und Skelettsystems im Jahre 2002 25,8% der Gesundheitsgesamt- kosten 25 . Die Krankheitskosten pro Kopf beliefen sich im Durchschnitt auf 2710 € 26 .
16 Harvard Absolventen entwickeln im Lebensgang einen vergleichsweise hohen sozioökonomischen Status. 17 R.R. Pate (1995): Pate RR, Pratt M, Blair SN et al. (1995) Physical activity and public health: a recommenda- tion from the Centers for Disease Control and prevention and the American College of Sports Medicine. J Am Medical Association 273, S.402.
18 B.W. Martin, M. Lamprecht, R. Calmonte, P.A. Raeber, B. Marti (2000): Körperliche Aktivität in der Schwei- zer Bevölkerung. Niveau und Zusammenhänge mit der Gesundheit. Gemeinsame wissenschaftliche Stellung- nahme von Bundesamt für Sport (BASPO), Bundesamt für Gesundheit (BAG), Bundesamt für Statistik (BFS) und Netzwerk Gesundheit und Bewegung Schweiz, Zeitschrift für Sportmedizin und Sporttraumatologie, 48,
2, S.87-88.
19 I.M. Lee, H.D. Sasso, R.S. Paffenbarger, jr. (2000): Physical activity and coronary heart disease in men. Does the duration of exercice episodes predict risk?, Circulation, 102, S.981.
20 F.C. Bull, S. Ham, A. Neiman (2002): Global estimates of physical inactivity, Medicine & Science in Sports & Exercise, 34, 5, S.216.
21 Hier ist besonders die Zunahme der Lebensqualität, Wohlbefinden, aktiven Lebensjahre und sozialer Vernet- zung zu betonen.
22 Entspricht 2,4% aller Krankenkosten in 1995: A.G. Colditz (1999): Economic costs of obesity and physical inactivity, Medicine & Science in Sports & Exercise, 31, 11, S.663.
23 A. Smala, I. Beeler, T.D. Szucs (2001): Die Kosten der körperlichen Inaktivität in der Schweiz. S.9, abgerufen am 10.3.2007, unter: http://www.hepa.ch/gf/reports/Bericht_Volkswirtschaft.pdf.
24 B.W. Martin, I. Beeler, T. Szucs, A.M. Smala, O. Brügger, C. Casparis, R. Allenbach, P.A. Raeber, B. Marti (2001): Volkswirtschaftlicher Nutzen der Gesundheitseffekte der körperlichen Aktivität: erste Schätzungen für die Schweiz. Gemeinsame wissenschaftliche Stellungnahme von Bundesamt für Sport BASPO, Bundesamt für Gesundheit BAG, Schweizerischer Beratungsstelle für Unfallverhütung bfu, Schweizerischer Unfallversiche- rungsanstalt SUVA, Abteilung für medizinische Ökonomie des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin und des Universitätsspitals Zürich sowie Netzwerk Gesundheit und Bewegung, Zeitschrift für Sportmed Sport- traumatol, 49, 2, S.84-86.
25 Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes vom 6. Juli 2004, abgerufen am 10.3.2007, unter: http://www.destatis.de/presse/deutsch/pk/2004/krankheitskosten_2002i.pdf.
3
1 Einleitung
Nach einer Untersuchung des Robert Koch-Institutes treiben in Deutschland 37,3% der Männer und 38,4% der Frauen über 18 Jahren keinen Sport. 20,9% der Männer und 28,4% der Frauen treiben wöchentlich weniger als 2 Stunden Sport. Diese Befunde sprechen einerseits für eine auffallende Distanzierung gegenüber dem „Mittelton in allen Stücken, der aurea mediocritas“ körperlicher Aktivität, und an- dererseits für die Dringlichkeit einer Renaissance ganzheitlicher diätetischer Vorstel- lungen im Sinne Hufelands Makrobiotik.
Sollte diese sukzessive Umstellung unserer Lebensbedingungen nicht gelingen, hät- ten in der Konsequenz unsere Kinder diese Bürde zu tragen.
Morbus Nintento, Morbus Microsoft und Morbus Sedens 27 sind nur einige Schlagwor- te, die den pathologischen Wert langer Bildschirm- und Sitzzeiten mit erheblichen gesundheitlichen Auswirkungen bildhaft auf den Begriff bringen: Motorische Schwä- chen mit erhöhtem Unfallrisiko, Übergewicht und Altersdiabetes schon in Kindesjah- ren.
BÖS ET AL. konnten eine Minderung der motorischen Leistungsfähigkeit in den letzten
25 Jahren um durchschnittlich mehr als 10% nachweisen 28 . Eine britische Studie be-
richtete über einen allgemeinen Rückgang des zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurück- gelegten Weges um bis zu 26%, und einer schottischen Untersuchung zufolge be- trägt die Sitzzeit Drei- bis Fünfjähriger schon 76% 29 .
Nach Ergebnissen der internationalen „Health Behaviour in School-aged Children“ - Studie (HBSC) sind in Deutschland lediglich 18% der 11-, 13- und 15-jährigen Mäd- chen und 29% der Jungen an mindestens 5 Tagen der Woche körperlich aktiv 30 . Die Prävalenz von Adipositas im Kindesalter hat sich in Großbritannien in den letzten beiden Dekaden verdoppelt 31 . Zwischen 1985 und 2001 ist auch die Zahl adipöser
26 Die Prokopfkosten der Frauen betrugen 3160 € und die der Männer 2240 €, Kinder unter 15 Jahren beanspru- chen 1000 € und Personen mit 85 oder mehr Jahren 12430 €, vgl.: Ebd.
27 Dieser allegorische Vergleich von Computerspielen, Bildschirm- und Sitzzeiten mit Krankheiten ist besonders in gesundheitsbezogenen Vorträgen oder gelegentlich in den Medien zu finden.
28 Besonders deutlich sind die Unterschiede in der Laufausdauer und in der Beweglichkeit, weniger deutlich bei Aktionsschnelligkeit und Schnellkraft und keine Unterschiede zeigen sich bei den Situps, die als Indikator für die Kraftausdauer herangezogen wurden. Bei Körpergröße und Körpergewicht zeigen sich Trends zu einer früheren Akzeleration, zunehmendes Übergewicht (höherer BMI) bestätigt sich nicht. Siehe dazu: K. Bös (2003): Motorische Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen, in: W. Schmidt et al. (Hrsg.): Erster deutscher Kindes- und Jugendsportbericht, Verlag Karl Hoffmann, Schorndorf, S.17.
29 U. Walter, S. Kramer, M. Röbl (2005): Körperliche (In)aktivität in Kindheit und Jugend, Deutsche Medizini- sche Wochenschrift, 130, 50, S.2876.
30 A. Langness, M. Richter, K. Hurrelmann (2005): Gesundheitsverhalten im Jugendalter. Ergebnisse der interna- tionalen „Health Behaviour in School-aged Children“-Studie, Gesundheitswesen, 67, 6, S.426.
31 S. Chinn, R.J. Rona (2001): Prevalence and trends in overweight and obesity in three cross sectional studies of British children, 1974–1994, British Medical Journal, 322, S.24-26.
4
1 Einleitung
Vorschulkinder in Berlin von 3% auf 13% 32 gestiegen. Insgesamt ist, mit steigender Tendenz, bereits jedes 5. Schulkind in Deutschland übergewichtig 33 und 85% dieser adipösen Kinder weisen darüber hinaus einen Hyperinsulinismus, eine beeinträchtig- te Glukosetoleranz, einen veränderten Lipidmetabolismus oder eine Hypertonie auf 34 . Aus übergewichtigen Kindern werden übergewichtige Erwachsene 35 mit hohem Risi- ko für das Auftreten von Typ-2-Diabetes-mellitus, kardiovaskulären und orthopädi- schen Erkrankungen 36 . Die WHO bezeichnet die Adipositas bereits als besorgniser- regende Epidemie und globales Problem 37 .
Bemühungen um eine Stärkung körperlicher Freizeit- und vor allem Alltagaktivitäten mit dem Ziel der Verlängerung des aktiven Lebens (active life expectancy) von hoher Lebensqualität setzen eine komplexe Verbindung von Programmen und Strategien voraus.
1.2 Historischer Kurzabriss der Lebensverlängerungsversuche und der
Thüringer Christoph Wilhelm Hufeland
Geschichtlich betrachtet haben die Bestrebungen zur Lebensverlängerung weit zu- rückreichende Ursprünge:
Schon aus 4000 Jahre alten chinesischen Papyrusrollen geht hervor, dass sich Men- schen mit der Lebensverlängerung beschäftigten 38 . So setzten die Chinesen bspw. zunächst besondere Hoffnung in „lebensverjüngende“ Heilpflanzen wie Ginseng. Die Inder hingegen strebten vor allem eine Langlebigkeit auf geistigem Gebiet an – Vorstellungen, die besonders auf Buddhas Lehren (6. Jhd. v. Chr.) zurückgehen.
32 D. Delekat, A. Kis (2001): Gesundheitsberichterstattung Berlin – Zur gesundheitlichen Lage von Kindern in Berlin, Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales und Frauen, S.51-66.
33 C. Roth, M. Lakomek, H. Müller, K.J. Harz (2002): Adipositas im Kindesalter, Ursachen und Therapiemög- lichkeiten, Monatsschr Kinderheilkd, 150, S.329.
34 G. Csabi, K. Torok, S. Jeges, D. Molnar (2000): Presence of metabolic cardiovascular syndrome in obese children, Eur J Pediatr, 159, S.91-94.
35 Nur etwa die Hälfte der Deutschen haben einen BMI unter 25 kg/m 2 , siehe: C. Graf, B. Koch, S. Dordel, S. Coburger, H. Christ, W. Lehmacher, P. Platen, B. Bjarnason-Wehrens, W. Tokarski, H.G. Predel (2003): Prä- vention von Adipositas durch körperliche Aktivität – eine familiäre Aufgabe, Deutsches Ärzteblatt, 100, 47, S.3112.
36 Dem Bundesamt für Statistik zufolge liegen die akkumulierten Prokopf-Kosten im Jahre 2004 für Erkrankun- gen des Kreislaufsystems bei 430 €, die des Muskel-Skelettsystems bei 300 € und die von Endokrine- / Ernäh- rungs- und Stoffwechselerkrankungen bei 140 €, zusammengenommen also bei nahezu 900 €, abgerufen am 14.4.2007 unter: http://www.destatis.de/basis/d/gesu/gesutab23.php.
37 World Health Organisation (2000): WHO Technical Report. Obesity: preventing and managing the global epidemic, WHO Report of a WHO Consulting 2000, S.894.
38 H. Franke (1985): Auf den Spuren der Langlebigkeit, Schattauer Verlag, Stuttgart/New York. S.15
5
1 Einleitung
Buddha selber vertrat allerdings die Ansicht, der Mensch solle nicht älter als 100 Jah- re werden 39 .
Eine der Makrobiotik Hufelands ähnliche Vorstellung mit diätetischen Elementen und auf „Mäßigung in allen Dingen“ beruhende Kunst der Lebensführung, entwickelte nachweislich erstmalig der Arzt HIPPOKRATES (5. Jhd. v. Chr.). Neben der Vermei- dung von Schädlichkeiten, standen insbesondere regelmäßige Übungen zur Stär- kung der körperlichen und seelischen Kräfte im Mittelpunkt seiner Betrachtungen 40 . Der griechische Philosoph ARISTOTELES (4. Jhd. vor Chr.) betonte in seinem „Orga- non“ das schicksalsmäßig unbeeinflussbare höhere Alter der Menschen und sprach so den bis heute bedeutenden genetischen Aspekt maximaler Lebenslänge an 41 . Um ein hohes Alter zu erreichen, empfahl der griechisch-römische Arzt GALEN (2. Jhd. n. Chr.) erstaunlicherweise eine Reduktion der Nahrungszufuhr und nahm so eine Erkenntnis unserer Gegenwart vorweg: den Gedanken der Kalorienrestriktion 42 . Bei den Germanen und im frühen Mittelalter lassen sich in den Quellen keine konkre- ten individuell-praktischen Handlungsempfehlungen zur Verlängerung des Lebens nachweisen.
Der englische Naturphilosoph Roger BACON (13. Jhd.) empfahl in seinem „Opus Majus“ die menschliche Lebensdauer dadurch zu verlängern, dass man bspw. als Greis ein junges Mädchen umarme. HUFELAND fasste diese Überlegung später unter dem Begriff der „Gerokomik“ 43 .
PARACELSUS, der berühmteste Arzt des Mittelalters (16. Jhd.), räumte zwar die Mög- lichkeit einer Lebensverlängerung ein, allerdings nur als Folge einer Alchimie von Geheimmitteln wie Perlen aus Ochsengalle, Gold, Antimon, Schwefel und Quecksil- ber. Die mögliche Altersobergrenze setzte er bei 140 Jahren fest 44 . In der Renaissance besann man sich wieder bestimmter diätetischer Vorstellungen des Altertums, jedoch erst während der Aufklärung entstand durch Hufeland ein mo- dernes und ganzheitliches Konzept der Lebensverlängerung.
Der 1762 im thüringischen Bad Langensalza geborene Christoph Wilhelm Hufeland gilt medizinhistorisch als Begründer eines ganzheitlichen medizinischen Aufklä-
39 Ebd.
40 Ebd.
41 Ebd.
42 Vgl. FN 49.
43 C.W. Hufeland (1995): S.20.
44 H. Franke (1985): S.16.
6
1 Einleitung
rungsgedankens, als bedeutender Universalmediziner des 18. und 19. Jahrhundert und erfolgreicher Publizist der Goethezeit 45 .
Seine medizinischen Wurzeln liegen in Jena: hier weilte er als Student und angese- hener Professor.
Durch Hofkontakte seines im Weimarer Land praktizierenden Vaters trat er schon in jungen Jahren mit Goethe in Verbindung. Dieser Kontakt sollte sich in den folgenden Jahren sogar vertiefen. Goethe war in inhaltlicher und rhetorischer Hinsicht von Hufe- lands Disputationen fasziniert und lud ihn im Jahre 1793 in seine freie Akademie, die „Freitagsgesellschaft“, ein. Der ebenfalls dort anwesende Kurfürst CARL AUGUST war von Hufeland in einer Weise beeindruckt, dass er ihn nach Jena zum Professor be- rief 46 .
Neben etwa 400 verschiedenen eigenen Veröffentlichungen bis zu seinem Tode im Jahre 1836 und der Herausgabe seines „Journals für praktische Arzneykunde und Wundarzneykunst“ erregte seine „Makrobiotik“ aus dem Jahre 1797 besondere Auf- merksamkeit: Sie gilt als sein Haupt- und Lebenswerk 47 .
Der Schwerpunkt dieses Werkes liegt auf der Beschreibung von Verkürzungs- und Verlängerungsmitteln des Lebens. Umfassend kennzeichnete Hufeland dabei Verhal- ten, das entweder lebensverlängernd oder lebensverkürzend wirken kann. Hufeland schaffte damit eine Lebensordungslehre bzw. ein diätetisches Standardwerk der ganzheitlichen Medizin mit naturheilkundiger Ausrichtung ohne schulmedizinische Errungenschaften unberücksichtigt zu lassen 48 . Hufeland ging kritisch und empirisch vor. LICHTENBERG, ein bekannter Experimentalphysiker und der Doktorvater Hufe- lands, prägte Hufeland in seiner Göttinger Zeit maßgeblich in Richtung rationaler Empirie 49 . Dieses wissenschaftliche Vorgehen ist die Grundlage dafür, dass Hufeland als Wegbereiter einer evidenzbasierten gesundheits- und hygieneorientierten Auf- kklärungsbewegung gelten kann, die bis heute kaum an Aktualität eingebüßt hat 50 .
45 F. Lindner/ G. Hufeland (2004): Christoph Wilhelm Hufeland. Sein „höchster Glanzpunkt“, in: C. Fleck / V.Hesse/ G. Wagner (Hrsg): Wegbereiter der modernen Medizin. Jenaer Mediziner aus drei Jahrhunderten: Von Loder und Hufeland zu Rössle und Brednow, Verlag Dr. Bussert & Stadeler, Jena/ Quedlinburg. 46 Ebd.
47 C. W. Hufeland (1797): Die Kunst das menschliche Leben zu verlängern, Akademische Buchhandlung, Jena. 48 K. Pfeifer (2000): Medizin der Goethezeit. Christoph Wilhelm Hufeland und die Heilkunst des 18. Jahrhun- derts, Böhlau Verlag, Köln, Weimar, Wien.
49 F. Lindner/ G. Hufeland (2004). S.40.
50 G. Reitz (2000): Ärzte zur Goethezeit, Verlag und Datenbank für Geisteswissenschaften, Weimar.
7
1 Einleitung
1.3 Fragen, Hypothesen, Vorgehen und Ziele der vorliegenden Arbeit
Nach nunmehr über 200 Jahren des Bestehens der Makrobiotik Hufelands haben sich aus heutiger gesundheitsfördernder und -wissenschaftlicher Sicht für die vorlie- gende Arbeit sechs Kernfragestellungen herausgebildet. Diese bilden die Grundlage für die Ausarbeitung der im Anschluss formulierten Hypothesen. Zunächst die essen- ziellen Fragen:
1. Ist eine Wiederbelebung diätetischer Gedanken im Sinne Hufelands für
gegenwärtige nachhaltige Gesundheitsförderungsbemühungen sinnvoll und denkbar?
2. Welche gesellschaftlichen sowie gesundheitspolitischen Probleme und Poten-
ziale liegen der möglichen Implementierung einer „neuen Lebensstillehre“ zu Grunde?
3. Wie hat sich der Gesundheitsbegriff unter historischen Einflüssen verändert?
4. Wie gestaltet sich unter Berücksichtigung der EbM-Stufen der wissen-
schaftliche Erkenntnisprozess?
5. Unter welchen zeithistorischen Bedingungen entstand Hufelands Makrobiotik?
6. Sind Hufelands exemplarische Ausführungen zu gesundheitsfördernden Effek-
ten bezogen auf Schlaf und körperliche Bewegung nach heutigem Kenn- tisstand haltbar?
Die vorliegende Arbeit ist als ein geistes-, kultur- und naturwissenschaftliches En- semble angelegt. Medizinhistorische und andere Quellen wurden nicht im Fließtext, sondern in den Fußnoten ausgewiesen. Auf diese Weise kann der inhaltlichen Präzi- sion und Nachvollziehbarkeit verwendeter Werke angemessener nachgekommen werden. Die Artikel für die evidenzbasierte Prüfung der Erkenntnisse Hufelands wur- den sowohl per zusammenhängender als auch separierter Keywordsuche via Scien- ce Direct, PubMed und Medline recherchiert. Einige Themenschwerpunkte konzent- rierten sich allerdings in bestimmten Journalen. In diesen Fällen erfolgte zusätzlich eine interne Zeitschriftenrecherche über die Elektronische Zeitschriftenbibliothek der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek.
Morphologisch gliedert sich die vorliegende Arbeit in zwei Kernbestandteile und ori- entiert sich an der Gliederung Hufelands Makrobiotik.
Der Theorieteil umfasst einen Längsschnitt durch medizinhistorisch-anthropologische Grundauffassungen im Kontext der Bedeutsamkeit von Gesundheitsbestrebungen im
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1 Einleitung
21. Jahrhundert. Die sich daraus entwickelnden gesundheitlichen Modellvorstellun-
gen werden im Zusammenhang mit gesundheitspolitischen Problemen und Potenzia- len diskutiert. Die für die Gesundheitsförderung relevante Gesundheitsressourcen sind exepmplarisch untersucht worden. Ziel des Theorieteils ist eine allgemeine ge- sundheitswissenschaftliche Standortbestimmung Deutschlands.
Im ersten Abschnitt des Hauptteils wird der Versuch unternommen, die Entstehung und Inhalte der Erkenntnisse aus Hufelands Makrobiotik im biographischen und zeit- historischen Kontext vorzustellen. Dabei soll vor allem die Entwicklung der Gesund- heitsvorstellungen im Wandel der Zeiten von der Antike bis Ende des 20. Jhds. um- fassend dokumentiert werden. Anschließend werden Hufelands Verlängerungs- bzw. Verkürzungsmittel den Risikofaktoren- und Schutzfaktorengruppen zugeordnet. Die Gegenüberstellung der Überlegungen Hufelands mit Aaron Antonovskys Salutoge- nesemodell bildet den Abschluss der historischen Einordnung und inhaltlichen Rah- menbildung.
Im darauf folgenden zweiten Abschnitt des Hauptteils werden am Beispiel der Le- bensverlängerungsmittel „Schlaf“ und „körperliche Bewegung“ Hufelands Vorstellun- gen aus heutiger wissenschaftlicher Perspektive im Spannungsfeld von Belastung und Erholung kritisch geprüft.
Unter welchen Einflüssen wissenschaftliche Erkenntnisse entstehen und entwickelt werden, soll unter Berücksichtigung des EbM-Modells praxisrelevanter klinischer Forschung grundlegend diskutiert werden.
Aus der Beurteilung der Erkenntnisse zum „Schlaf“ und zur „körperlichen Bewe- gung“ werden am Ende des zweiten Abschnitts des Hauptteils überwiegend individu- ell-praktische Gesundheitsförderungsempfehlungen abgeleitet. Diese Schlussfolge- rungen bilden das anwendungsorientierte Ergebnis der vorherigen Auseinanderset- zungen.
Mit „Schlaf“ und „körperlicher Bewegung“ werden zwei denkbar bedeutungsvolle Ge- sundheitsressourcen exemplarisch untersucht. Möglichkeiten einer im Sinne der Ge- sundheitsförderung vorstellbaren Umsetzung der Ergebnisse der Betrachtung von „Schlaf“ und „körperlicher Bewegung“ werden angedacht, können jedoch im Rahmen dieser Arbeit nicht vollständig diskutiert werden. Auch eine Untersuchung aller Le- bensverlängerungs- und -verkürzungsmittel Hufelands im Hinblick auf ihre evidenzbasierte Wertigkeit und ge- sundheitsfördernde Implementierungschancen ist an dieser Stelle nicht leistbar.
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1 Einleitung
Dennoch beinhaltet die vorliegende Arbeit im Wesentlichen den Versuch, das Thema durch die im Theorieteil einbezogenen politischen, anthropologischen, psychologi- schen, wirtschaftlichen, philosophischen und medizinischen Hintergründe ganzheit- lich zu bearbeiten.
Aus den Vorüberlegungen und Fragestellungen entwickelten sich folgende sechs Hypothesen, auf die im Verlauf der Arbeit eingegangen wird.
1. Hufeland kann als ein Wegbereiter der evidenzbasierten Medizin gelten.
2. Hufelands Makrobiotik spiegelt sich am sinnfälligsten im Modell der „Saluto-
genese“ wider.
3. Mäßigung ist ein Leitmotiv in der Medizingeschichte in Zusammenhang mit
der Gesunderhaltung.
4. Körperliche Bewegung ist von jeher zentraler Bestandteil diätetischer Konzep-
tionen.
5. Die Rolle des Schlafes für die Gesundheit ist aus gesundheitsfördernder Sicht
bislang unzureichend untersucht worden.
6. Schlaf und körperliche Bewegung bilden wichtige Voraussetzungen für den
Erhalt und die Wiedererlangung von Gesundheit.
Die Entstehung und Auswahl der Hypothesen orientierten sich an der Systematisie- rung weiterführender Vorüberlegungen und den oben formulierten Kernfragen mit folgenden Assoziationen (siehe Pfaddiagramm Abb.1):
ABBILDUNG 1: Pfaddiagramm zur Systematisierung weiterführender Vorüberlegungen
Dieses Pfaddiagramm stellt neben den Fragestellungen und Hypothesen eine Über- sicht zentraler Elemente der vorliegenden Arbeit dar.
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1 Einleitung
1.4 Gegenwärtige Bedeutung der Verlängerung aktiver Lebensjahre
Mit dem Thema „Über die Bedeutung der Lebensverlängerungs- und Verkürzungs- mittel aus CHRISTOPH WILHELM HUFELANDS „Makrobiotik“ für die gegenwärtige Ge- sundheitsförderung“ wird das in der Natur der Menschen tief verankerte Bedürfnis nach Gesundheit, Wohlbefinden, Lebensqualität und Langlebigkeit berührt. HIPPO-
KRATES Worte „ars longa, vita brevis“ 51 stehen einerseits exemplarisch für die Medizin
als überdauernde Wissenschafts-, Kunst- und Könnensform in ihrer langen histori- schen Entwicklung und betonen andererseits den der Geburt innewohnenden Keim des Todes und das mit der Kürze des Lebens verbundene Bestreben der Menschen nach Lebensverlängerung und Gesunderhaltung.
Welche Maßnahmen sich für eine wirksame Gesundheitsförderung mit dem Ziel ei- nes langen gesunden Lebens aus evidenzbasierter Sicht eignen, kann die Medizin allein jedoch nicht beantworten.
BINSTOCK ET AL. empfiehlt bspw. für Anti-aging 52 -Forscher, insbesondere Biogeronto-
logen, eine engere Zusammenarbeit mit der Medizin, den Sozial- und Verhaltenswis- senschaften und der Anthropologie 53 . Die Hoffnung bisheriger vorwiegend biomedizi- nischer Anti-Aging-Bemühungen beruht überwiegend auf Ergebnissen einer mortali- tätsorientierten Forschungsausrichtung, bspw. der Gen- oder Stammzellenforschung, sowie auf kalorischen Restriktionsversuchen (im Tierexperiment bei Mäusen, Ratten und Affen) 54 . Eine stärkere Betonung des Konzeptes der „aktiven Lebensjahre“ (acti- ve life expectancy) zur Beurteilung des Gesundheitszustandes von Bevölkerungen könnte den gesundheitspolitischen Vorrang der Ausrichtung an Vermeidung von Mor- talität in Frage stellen 55 .
Ganzheitliche Gesundheitsmodellvorstellungen unter Berücksichtigung sozial- und verhaltensbezogener Faktoren wie Handlungs- und Leistungsbeeinträchtigung 56 kä- men einer auf „aktive Lebensjahre“ ausgerichteten Modellvorstellung näher. Solche 51 zitiert in: W. Schlicht, H.-H. Dickhuth (1999): Gesundheit für alle. Fiktion oder Realität?, Schattauer Verlag, Stuttgart, S.16.
52 Der Begriff Anti-Aging birgt einen Fehlschluss im Verständnis von Alterungsprozessen. Eine mit steigendem Alter zunehmende Involution psychischer und physischer Funktionsreserven lässt sich prinzipiell nämlich nicht verhindern. Eine Frage aller wissenschaftlichen Teildisziplinen der Alterungsforschung kann lediglich sein, welchen Verlauf die Involution in Abhängigkeit welcher Faktoren nimmt.
53 R.H. Binstock (2004): Anti-Aging Medicine and Research. A realm of conflict and profound Societal Implica- tions, Journal of Gerontology, 59, 6, S.531.
54 V.L. Asiminov (2001): Lifespan extension and cancer risk. Myths and Reality, Experimental Gerontology, S.17.
55 L. Pientka (2001): Erkenntnisse zur Verlängerung behinderungsfreier Lebenszeit, Z Gerontol Geriat, 34, S.40. 56 T. Klein, R. Unger (2002): Aktive Lebenserwartung in Deutschland und in den USA. Kohortenbezogene Ana- lysen auf Basis des Sozio-ökonomischen Panel und der Panel Study, Z Gerontol Geriat, 35, S.537.
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Betrachtungsweisen würden bei der Formulierung von Gesundheitszielen und der Schwerpunktsetzung von gesundheitsbezogenen Forschungsaktivitäten nützlich sein. Eine zusätzlich auf „erfolgreiches Altern“ ausgerichtete Gesundheits- und Gesund- heitssystemforschung könnte so die Qualität und Quantität der Lebenszeit im Gan- zen und insbesondere der behinderungsfreien Lebenszeit erhöhen und viele von ho- her Lebensqualität geprägten Jahre ermöglichen. Aus ethischer und theologischer Sicht ist jedoch eine unbedingte Anerkennung der Begrenztheit des Lebens und ei- ner damit verbundenen Begrenztheit präventiver und therapeutischer Maßnahmen erforderlich 57 .
Holistische Betrachtungen der für die Gesundheit und Langlebigkeit relevanten Fak- toren mit dem Ziel einer möglichst multidisziplinär agierenden Gesundheitswissen- schaft scheinen jedoch in Anbetracht einer zunehmenden Ausdifferenzierung der in den Gesundheitssektor involvierten hochspezialisierten Fachdisziplinen zunehmend problematischer zu werden 58 .
Eine Rückbesinnung auf ganzheitliche aber personenzentrierte Betrachtungsversu- che von Gesundheit unter Berücksichtigung unterschiedlicher Menschenbilder und Lebensziele im Sinne Hufelands wäre jedoch gerade angesichts einer zunehmenden Individualisierung und des Wandels traditioneller Sinngebungsstrukturen 59 (Tradition, Religion, Familiensinn, Einbindung in eine regionale Gemeinschaft) besonders wich- tig.
Bei Jugendlichen, für die Unabhängigkeit wichtiger ist als traditionelle Werte (Leis- tung und Religion), konnten z.B. korrelierende Befunde nachgewiesen werden, die auf ein erhöhtes gesundheitliches Risikoverhalten hindeuten 60 .
Dieser Werte- bzw. Sinngebungswandel kann schon im Kindes- und Jugendalter zu einer Zunahme psychischer und emotionaler Befindlichkeitsstörungen führen, die eine adäquate Entwicklung von Identität und Kohärenz in Bezug auf Selbst- und Weltbild erschweren 61 .
57 J. Schuster (2001): Grenzfragen der Lebenserhaltung – Lebensverlängerung. Moraltheologischer Standpunkt, Zentralblatt für Chirurgie, 126, S.716.
58 T. von Uexküll, zitiert in: W. Greive (1995): Neurowissenschaften und ganzheitlich orientierte Medizin, Evangelisch Akademische Loccum. Reburg-Loccum, S.10.
59 K. Hurrelmann, U. Laaser, O. Razum (Hrsg.): Handbuch Gesundheitswissenschaften, Juventa Verlag, Wein- heim, München, S.153.
60 M. Pinquard, R.K. Silbereisen (2002): Gesundheitsverhalten im Kindes und Jugendalter. Bundesgesundheitsbl – Gesundheitsforsch – Gesundheitsschutz, 45, S.876.
61 H. Wydler et al. (2002): Salutogenese und Kohärenzgefühl, Juventa Verlag, Weinheim, S.13f.
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1 Einleitung
Aufgrund der individuell verschiedenen Lebensziele und Wertehorizonte sollte die Gesundheitsförderung jedoch nicht zur sozialideologischen Normbildung staatlich vereinheitlicht und instrumentalisiert werden 62 .
Inwiefern ein auf das Wohl der Menschen gerichtetes interdisziplinäres Agieren ge- sundheitsbestimmender wissenschaftlicher Disziplinen möglich sein wird, hängt auch von der Kooperationswilligkeit und -fähigkeit der mitwirkenden Akteure ab. Die anvi- sierte Kompetenz zur Zusammenarbeit setzt wiederum mindestens das Erkennen der Notwendigkeit einer auch auf das Verhalten gerichteten mehrdimensional orien- tierten Lebensstillehre unter Einbeziehung vieler Gewährleistungsträger (Verein, Schule, Familie, Gemeinde, private Anbieter, Kirche, Peergruppen) voraus. In der Public-Health-Forschung, speziell der Sozial- und Jugendforschung, haben sich bspw. mehrdimensionale Lebenstilkonzepte entwickelt, die es ermöglichen, ge- sundheitsrelevante Verhaltensweisen makroanalytisch zu untersuchen. Diese Kon- zepte verbinden die drei Dimensionen: Verhalten, Orientierung und Ressourcen und legt deren wechselseitige Abhängigkeiten zugrunde 63 . Es berücksichtigt auch Dis- krepanzen zwischen Kompetenz und Performanz, denn „das menschliches Verhalten folgt nicht einfach erworbenen kognitiven Strukturen, also ist nicht nur danach ausge- richtet, was ein Individuum an Erkenntnissen besitzt, sondern wird zu einem erhebli- chen Teil von Motivationen, Einstellungen und Gefühlen getragen.“ 64 In der Gesundheitspsychologie werden für Jugendliche so genannte Life-Skills- Programme empfohlen, die u.a. auf eine Förderung der Ressourcen Selbstsicherheit, Kontaktfähigkeit, allgemeine Problemlösungsfähigkeit sowie eine Stärkung des Selbstwerts abzielen 65 .
Der Logik der OTTAWA CHARTA 1986 folgend, zielt Gesundheitsförderung auch im Erwachsenenalter auf eine Ressourcen stärkende Vermittlung und die Ermöglichung von Selbstbewusstsein, Selbstwirksamkeit, Bildung, Einkommen, Information, Trans- parenz, Handlungswissen, Verhaltensspielräume, Einbindung in soziale Netzwerke und Erholung ab.
62 W. Schoene (1964): Zur sozialen Funktion und zur soziologischen Problematik des „Gesundheitsideals“, in: Soziale Welt, 14, S. 109ff.
63 H. Hackauf (2002): Gesundheit und Lebensstile Jugendlicher, Bundesgesundheitsbl – Gesundheitsforsch – Gesundheitsschutz, 45, S. 880.
64 R. Erben (1983): Auf dem Wege zur konkreten Utopie. Entwicklung und Perspektiven der Gesundheitserzie- hung in Europa, Phil.-Diss., Berlin.
65 A. Reese, R.K. Silbereisen (2001): Allgemeine versus spezifische Prävention jugendlichen Risikoverhaltens, in: T. Freund, W. Lindner (Hrsg.): Prävention. Zur kritischen Bewertung von Präventionsansätzen in der Jugendarbeit, Verlag Leske & Budrich, Opladen, S. 139f.
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1 Einleitung
Auf diese Weise können psychische und physische Bewältigungsmöglichkeiten, Handlungsspielräume zur Überwindung gesundheitlich belastenden Verhaltens und gesundheitsrelevante Handlungskompetenzen erhöht werden 66 . Gesundheitsförde- rung ist demnach ein wesentlicher Aspekt moderner Gesundheitssicherung 67 .
66 R. Rosenbrock (2004): Prävention und Gesundheitsförderung. Gesundheitswissenschaftliche Grundlagen für die Politik, Gesundheitswesen, 66, S.147.
67 Ebd.
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2 Theorieteil
2 Theorieteil
2.1 Gesundheitswissenschaftliche Standortbestimmung
Gesundheitswissenschaftliche Entwicklungen zielten in Deutschland bisher insbe- sondere auf die öffentliche Gesundheitssicherung. Individuelle Maßnahmen des Ge- sundheitsschutzes sind dagegen vorwiegend den medizinischen Disziplinen vorbe- halten geblieben 68 .
Das häufigste Umsetzungsmodell institutioneller Repräsentanz der Gesundheitswis- senschaften ist das Integrationsmodell 69 . Salutogenetische Betrachtungen sind in
diesem Modell strukturell nachgeordnet. Dennoch wird darin eine „krankheits- und gesundheitswissenschaftliche Symbiose“ 70 für denkbar erklärt. Demgegenüber steht das Souveränitätsmodell 71 . Zentrale Teildisziplinen der Gesundheitswissenschaften
stehen in diesem Modell arbeitsteilig, gleichberechtigt und in einheitlicher Wissen- schaftsorganisation zueinander. Im Falle geringer biomedizinischer Anbindung blei- ben allerdings die Gesundheitswissenschaften in der Forschungsgemeinschaft unter- repräsentiert.
Die Hauptarbeitsfelder der Gesundheitswissenschaften umfassen die Gesundheitsfor- schung 72 und Gesundheitssystemforschung 73 mit dem Ziel, die Trennung zwischen
biomedizinisch-klinischer Forschung und Verhaltens-, Sozial-, Organisations- und Versorgungsforschung zu überwinden, um personen-, bevölkerungs- und systembe- zogene Analysen von Gesundheits- und Krankheitsprozessen durchzuführen, sowie
68 A. Labisch, W. Woelk (2006): Geschichte der Gesundheitswissenschaften, in: K. Hurrelmann, U. Laaser, O. Razum (Hrsg.): Handbuch Gesundheitswissenschaften, Juventa Verlag, Weinheim, München, S.49f. 69 Eingliederung der Gesundheitswissenschaften in medizinische Fakultäten: Dieses Modell ist bspw. an den Universitäten, Düsseldorf, Dresden, Hannover und München in Anwendung.
70 K. Hurrelmann, U. Laaser, O. Razum (2006): Entwicklungen und Perspektiven der Gesundheitswissenschaften in Deutschland, in: K. Hurrelmann, U. Laaser, O. Razum (Hrsg.): Handbuch Gesundheitswissenschaften, Ju- venta Verlag, Weinheim, München, S.30f.
71 Dieses Modell ist z.B. in Bielefeld und Bremen vorzufinden. Der Fächerkanon orientiert sich dort stark an dem amerikanischen Public Health Modell.; vgl. dazu: U. Laaser, P. Wolters (1989): das Gesundheitswissen- schaftliche Graduiertenstudium an der Universität Bielefeld im Rahmen vergleichbarer Bestrebungen, Huma- nities, Social science and Law and Medicine, 84, S.223.
72 Analyse der körperlichen, seelischen und sozialen Bedingungen und Kontexte der Gesundheits- und Krank- heitsbalance und Feststellung des Gesundheits- / Krankheitsstatus der Bevölkerung mit Ableitung des Versor- gungsbedarfs, vgl. dazu: K. Hurrelmann, U. Laaser, O. Razum (Hrsg.): Handbuch Gesundheitswissenschaften, Juventa Verlag, Weinheim, München, S.36.
73 Analyse der Versorgungsbereiche: Gesundheitsförderung, Prävention, Kuration und Pflege und deren inhaltli- che Verzahnung sowie Ableitung von Modellen der Steuerung und Finanzierung des Versorgungssystems und Beratung der Gesundheitspolitik, vgl.: Ebd.
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2 Theorieteil
bedarfsgerechte Versorgungsstrukturen abzuleiten und zu evaluieren 74 . Begrifflich stehen die Gesundheitswissenschaften der Konzeption der Public Health 75 sehr nahe und werden gelegentlich irrtümlicherweise als Synonyme aufgefasst. Gesundheitswis- senschaften sind richtigerweise dem international verwendeten Begriff „Health scien- ce“ zuzuordnen, der die Public Health als „Lehre zur politischen Lösung von Gesund- heitsproblemen“ 76 untergeordnet ist. (siehe Abb.2).
ABBILDUNG 2: Verhältnis der Public Health zu den Gesundheitswissenschaften (Hurrelmann 2006)
Eine interdisziplinäre Zusammenführung der Sozial- und Verhaltenswissenschaften einerseits und der biomedizinischen Wissenschaften andererseits ist aus gesund- heitswissenschaftlicher Sicht besonders vor dem Hintergrund zwingend, dass sozial- und verhaltenswissenschaftliche Disziplinen „extraordinary records of accomlish- ments in the understanding, treatment and prevention of disease“ 77 besitzen. „Single- discipline researchs“ weisen hingegen konzeptionelle, methodologische und admi- nistrative Begrenztheiten für die Untersuchung gesundheitsrelevanter Effekte auf, da biologische sowie sozial- und verhaltensbezogene Prozesse Abhängigkeiten hervor- rufen 78 .
Die WHO als Weltdachverband für Gesundheit unter der neuen Führung von Dr. Lee Jong-Wook hat die weltgesundheitspolitische Landschaft und die Gesundheitssituati-
74 K. Hurrelmann, U. Laaser, O. Razum (2006): S.28.
75 Die Public-Health-Definition ist auf den angelsächsichen Raum zurückzuführen und im „Oxford Textbook Public Health“ von Detels und Breslow festgeschrieben: „Public Health is the process of mobilizing and en- gaging local, state, national and international resources to assure the conditions in which people can be healthy“, zitiert in: ebd.: S.26.
76 Ebd.
77 N.B. Anderson (1998): Levels of Analysis in Health Science: A Framework for Integrating Sociobehavioral and Biomedical Research, in: Annals of the New York Academy of science, 840, S.564 78 Ebd.
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2 Theorieteil
on der Welt nachhaltig beeinflusst 79 . Mit dem angewachsenen Gesamtbudget (zwi- schen 2002 und 2006 von 2,27 Mrd. US$ auf 3,31 Mrd. US$ 80 ) und mehreren ge- sundheitswissenschaftlichen Arbeitsschwerpunkten 81 ist eine weltweit zunehmende Gesundheitsstabilisation zu erwarten. Auch im europäischen Rahmen findet Ge- sundheitsforschung seit 1984 zunehmend Beachtung. Mit dem jüngst diskutierten 7. Rahmenprogramm für Forschungsförderung der EU wurde die Förderzeit für Ge- sundheitsforschung gegenüber dem 6. Rahmenprogramm von vier auf sieben Jahre erhöht und das Fördervolumen verdoppelt 82 . Gefördert werden keine Institutionen, sondern nur Konsortien unter Beteiligung mehrerer Mitgliedstaaten (mindestens drei). Gesundheitsforschung besitzt dabei über „the whole range of research actions“ oberste Priorität 83 .
Generell lassen sich in den Gesundheitswissenschaften drei Kausalpfade unter- scheiden 84 :
1) naturwissenschaftlich-somatische
2) sozio-psychosomatische
3) verhaltensbedingte.
Eine Verknüpfung der aus den verschiedenen Kausalpfaden gewonnenen Daten ist besonders im Hinblick auf die Vielfältigkeit der Einflussfaktoren von Gesundheit und Krankheit erforderlich.
Im Wesentlichen sind bislang Befunde zu Gesundheits- bzw. Krankheitsdeterminan- ten wie soziale Ungleichheit, Alter, Geschlecht, Stress, soziale Unterstützung, Le- bensgewohnheiten, Sozialkapital, Persönlichkeit und neurowissenschaftliche Grund- lagen gewonnen worden 85 .
79 L.M. Dafa (2005): Die Weltgesundheitsorganisation – Stärken und Schwächen ihrer Aufgabenwahrnehmung – Entwicklungsperspektiven. Abschlussarbeit eines Graduiertenstudiums an der Deutschen Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer.
80 inklusive Sonderprogramme, vgl. dazu: H.J. Diesfeld, A. Jahn (2006), in: K. Hurrelmann et al. (2006): S.1215. 81 proposed programme budget 2004-2005: 27 Areas of work: 7: Health promotion, 9: Mental Health and sub- stance abuse, 10: Child and adoleszent health, 11: Research and programme in reproductive health, 13: women’s health, 17: Health and Environment, 23: Evidence for health policy, Health information manage- ment, 27: Resource mobilisation, aufgeführt in: Ebd.
82 H.J. Diesfeld, A. Jahn (2006), in: Hurrelmann et al. (Hrsg.): S.1227.
83 siehe Atikel 2, Abs. 2, in: Decision of the European Parliament and the Council concerning the 7th framework programme of the European Community for research, technological development and demonstration activities (2007-2013), S.10, abgerufen unter: http://cordis.europa.eu/fp7/faq.htm#3, am 22.11.06, 15:15 Uhr. 84 B. Badura, O. Iseringhausen, P. Strodtholz (2006): Soziologische Grundlagen in den Gesundheitswissenschaf- ten, in: K. Hurrelmann et al. (2006): S.192.
85 Ebd., S.192ff.
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2 Theorieteil
Im Profil bilden Gesundheitswissenschaften die Wissenschaften, die Gesundheit un- ter Berücksichtigung individueller und öffentlicher Faktoren beschreiben, erklären und gestalten 86 .
2.1.1 Gesundheit als Thema im 21. Jahrhundert
„Gesundheit für alle bis zum Jahr 2000“ 87
Dieses Leitmotiv wurde Anfang der achtziger Jahre zum Weltgesundheitstag für ei- nen Realisierungszeitrahmen von 20 Jahren gefasst.
Gesundheit ist de facto das höchste Gut des Menschen, vor Familie und Liebe 88 , und ein elementar menschliches Anliegen. Die Bewertung von Gesundheit ist allerdings bildungsabhängig. 50% der Volksschulabsolventen mit niedriger Bildung empfinden gegenüber 18% der Hochschulabsolventen mit hoher Bildung Gesundheit als Ge- brauchswert, der einem nichtbeeinflussbaren Verschleiß unterliegt 89 . Generell liegen in bildungsschwächeren Schichten geringere Präventionsorientierung, Symptomauf- merksamkeit, Kontroll- und Selbstwirksamkeitsüberzeugungen vor 90 . Trotz dieser bildungsbedingt schwankenden Beurteilung gilt Gesundheit für jedes Individuum als Kapital und unschätzbare Ressource.
Nach der Deklaration der WHO von Alma-Ata 1978 wurde Gesundheit sogar zu ei- nem grundlegenden Menschenrecht erklärt 91 . In der Jakarta-Erklärung von 1997 wurde diese rechtliche Bestimmung nochmals festgeschrieben und darüber hinaus Entwicklungen und Möglichkeiten der Gesundheitsförderung im Kontext der Globali- sierung betrachtet 92 .
86 A. Labisch, W. Woelk (2006): Geschichte der Gesundheitswissenschaften, in: Hurrelmann et al. (2006): S.79. 87 Motto des Weltgesundheitstages 1981, zitiert in: B. Geue (1990): Therapieziel Gesundheit, Springer Verlag, Berlin, S.4.
88 Statistisches Bundesamt 2002.
89 M. Buchmann (1985): Krankheitsverhalten. Die Bedeutung von Alltagsvorstellungen über Gesundheit und Krankheit, in: Schriftenreihe der Schweizerischen Gesellschaft für Gesundheit und Politik, S.71-9. 90 Ebd., S.75.
91 M. Bischof (2000): „Für eine bürgerschaftliche Gesundheitsbewegung und eine neue Gesundheitskultur“, in: Gesundheitsakademie (Hrsg.): Salutive. Beiträge zur Gesundheitsförderung und zum Gesundheitstag 2000, Mabuse-Verlag, Frankfurt am Main, S.191.
92 Jakarta-Erklärung (1997): abgerufen am 16.4.07 unter: http://www.dngfk.de/files/19/1997_Jakarta- Erklaerung.pdf, mit folgenden Prioritäten für die Gesundheitsförderung im 21. Jhd.: 1) Förderung sozialer Verantwortung für Gesundheit, 2) Ausbau der Investitionen in die Gesundheitsentwicklung, 3) Festigung / Ausbau von Partnerschaften für Gesundheit, 4) Stärkung gesundheitsfördernder Potenziale von Gemeinschaf- ten und Handlungskompetenzen der Einzelnen und 5) Sicherstellung einer Infrastruktur für die Gesundheits- förderung.
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2 Theorieteil
Gesundheit ist per se jedoch nicht direkt diagnostizierbar. Bei einem Gesundheits- check oder einer Tauglichkeitsuntersuchung wird Gesundheit lediglich indirekt über den Ausschluss von Krankheiten bestimmt 93 . Die neue Gesundheitswissenschaft wendet sich mit Begriffen wie „Salutogenese“, „Gesundheitskassen“, „Gesundheits- diagnostik“ und „Public Health“ allerdings zunehmend von dieser „pathogenetischen“ Betrachtungsweise ab. Mit lebensstilbezogenen Gesundheitsimperativen, wie intakte Sozialbeziehungen, körperliche Bewegung, Verzicht auf übermäßigen Alkohol- und Tabakkonsum sowie Ernährungskontrolle, wird angesichts einer wachsenden Zahl chronischer Erkrankungen in der präventiven Praxis geworben.
Während in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts noch die Hälfte der Menschen akuten Krankheiten, wie Infektionen zum Opfer fielen, waren in den Neunzigern schon mehr als drei Viertel der Todesfälle auf chronische Leiden zurück- zuführen 94 .
Auf dem 9. Kolloquium der medizinischen Psychologie in Paris wurde bereits im Jah- re 1966 eine neue Richtung des medizinischen Denkens skizziert: „Es geht darum eine Veränderung der Alltagsgewohnheiten herbeizuführen, einen neuen Lebensstil zu schaffen, wenn wir es wagen würden, fast eine neue Moral […] 95 “. Trotz dieser wertvollen 40 Jahre alten Erkenntnis mit hohem Aktualitätswert, lässt sich aus den Ergebnissen dieser Arbeit resümieren, dass eine gesundheitsfördernde Modifikation des Alltagsverhaltens und der alltäglichen Verhältnisse bislang nur unzureichend ge- lang.
Jeder Mensch hat seine individuelle, häufig untransparente und nur schwer be- schreibbare Realität. Leben und Erleben werden subjektiv gedeutet, gewertet und gewichtet 96 .
Der Hauptgrund für das Scheitern wirksamer Gesundheitserziehung liegt in der man- gelnden Kenntnis von Motiven und Einstellungen des zu „erziehenden Publikums“ 97 . Bevor Interventionsmodelle vorgestellt und umgesetzt werden können, muss zu- nächst Klarheit über die psychosoziale Motivlage des Klientels vorliegen. Eine große Diskrepanz hinsichtlich Gesunderhaltung liegt zwischen der Wertschätzung von Ge- sundheit und dem tatsächlichen Verhalten. Nur 6% der Bevölkerung bringt ihr Verhal-
93 W. Schlicht (1999): S.36.
94 B. Geue (1990): S.6.
95 H. Ernst (1992): Gesundheit ist, was Spaß macht, Kreuz Verlag, Stuttgart, S.14.
96 B.Geue (1990): S.23.
97 Ebd., S.19.
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ten mit gesundheitsschädigenden Effekten in Verbindung 98 und dennoch ist ein Grund für verstärkt auftretende chronische Erkrankungen individuelles Mißverhalten. Einerseits besteht das Problem in Nicht- bzw. falschem Wissen und daraus resultie- renden mangelnden Handlungsnormativen, andererseits existiert ein Missverhältnis zwischen Wissen und Handeln. Ein wirksames Gesundheitsbewusstsein umspannt demnach immer die Bereiche der Kompetenz und der Performanz gesundheitsrele- vanten Verhaltens 99 . Denn das Ziel lebensverlängernder Maßnahmen liegt eben nicht nur in der schlichten Erhöhung der Lebensjahre, sondern im Zugewinn an Le- bensjahren von hoher Lebensqualität ohne chronische Erkrankungen 100 .
Folgender Status lässt sich zu Beginn des 21. Jahrhundert in Bezug auf die Gesund- heitsförderung zusammenfassen:
1) Es gibt ausreichend epidemiologische Befunde über Zusammenhänge ge- sundheitsrelevanten Verhaltens.
2) Es gibt ausreichend Befunde über den subjektiv empfundenen Wert von Ge- sundheit.
3) Es gibt nur unzureichende Erhebungen zur psychosozialen Motivlage des ge- sundheitsgefährdenden Verhaltens des Klientels.
4) Die Notwendigkeit präventiver Maßnahmen ist politisch nur unzureichend an- erkannt.
5) Die pathozentrierte Betrachtungsweise ist gegenüber einer die Gesundheit ins Zentrum rückende noch zu dominant.
6) Es gibt kaum Befunde zu individuellen Schutzfaktoren gegen die Krankheit.
7) Es gibt nur unzureichende Befunde über tatsächlich verfügbares gesundheits- relevantes Wissen.
8) Es gibt nur unzureichende Befunde zur Sicherung überdauernder Verhaltens- änderungen.
9) Es besteht nur eine unzureichende Vernetzung der gesundheitsrelevanten In- stitutionen.
10) Es besteht kein etabliertes pädagogisches Informationssystem zur Gesund- heitsprävention in Kindergärten, Schulen und Vereinen.
98 B. Geue (1990): S.13.
99 C. Pohle (1988): Gesundheitsbewusstsein. Theoretische und empirische Analysen zur subjektiven Repräsenta- tion von Gesundheit, Diplomarbeit an der Fakultät für Psychologie der Ruhr Universität Bochum. 100 „Nicht dem Leben Jahre, sondern den Jahren Leben zu geben“, WHO Slogan, zitiert in: J. v. Troschke (2003): Die Rolle des Arztes in unserer Gesellschaft, Deutsche Med. Wochenschrift, 128, S.2608-2611.
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2 Theorieteil
Neben der Bedeutung von Gesundheit zur Sicherung individuell wertvoller Lebens- qualität und volkswirtschaftlich wirksamen „Humankapitals“, stellen sich darüber hin- aus Fragen zur ökonomischen Effizienz der infolge des medizinischen Fortschritts wachsenden Gesundheitskosten. Trotz steigender absoluter medizinischer Kosten, von 186,5 Mrd. Euro 1995 und 234 Mrd. Euro 2004 101 , ist der prozentuale Anteil für die Gesundheitsausgaben am Bruttoinlandsprodukt nahezu gleich geblieben. Eine Polemisierung der öffentlichen Debatte bezüglich zunehmender Gesundheitsausga- ben ist unter Berücksichtigung ausgabensteigernder Effekte des medizinischen Fort- schritts 102 angesichts wachsender Produktivitätssteigerungen unnötig und kontrapro- duktiv.
Das eingangs zitierte Motto der Weltgesundheitstage 1981 ist in Anbetracht des Po- tenzials des erworbenen und noch zu erwerbenden Wissens keinesfalls utopisch, sondern sollte vielmehr als ein Leitmotiv der weltweit agierenden gesundheitsrele- vanten Institutionen des 21. Jahrhunderts dienen.
In Anlehnung an das Motto der Weltgesundheitstage hat das WHO-Regionalbüro für Europa auf der Tagung vom 14.-18. September 1998 die in Kooperation mit 51 euro- päischen Mitgliedsstaaten entworfene neue Politik „Gesundheit für alle“ mit 21 defi- nierten Zielen für das 21. Jahrhundert verabschiedet. Folgende Ziele sind dabei for- muliert worden 103 :
Ziel 1: Solidarität für die Gesundheit in der Europäischen Region Ziel 2: Gesundheitliche Chancengleichheit Ziel 3: Ein gesunder Lebensanfang Ziel 4: Gesundheit junger Menschen Ziel 5: Altern in Gesundheit Ziel 6: Verbesserung der psychischen Gesundheit Ziel 7: Verringerung übertragbarer Krankheiten Ziel 8: Verringerung nicht-übertragbarer Krankheiten Ziel 9: Verringerung von Schäden aufgrund von Gewalteinwirkung und Unfällen Ziel 10: Eine gesunde und sichere natürliche Umwelt Ziel 11: Gesünder leben Ziel 12: Verringerung der durch Alkohol, Drogen und Tabak verursachten Schäden
101 Bundesamt für Statistik, abgerufen am 14.4.07 unter: http://www.destatis.de/themen/d/thm_gesundheit.php. 102 T. Kopetsch (2000): Der medizinsche Fortschritt und Grenzen der Finanzierbarkeit, List-Forum für Wirt- schafts- und Finanzpolitik, 26, S.33-50.
103 übersetzt von M. Rieländer (2003): abgerufen am 12.11.2006, unter:
http://www.gesundheit-psychologie.de/gfa21/ges21.htm.
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2 Theorieteil
Ziel 13: Settings zur Förderung der Gesundheit
Ziel 14: Multisektorale Verantwortung für die Gesundheit Ziel 15: Ein integrierter Gesundheitssektor Ziel 16: Qualitätsbewusstes Management der Versorgung Ziel 17: Finanzierung des Gesundheitswesens und Ressourcenzuweisung Ziel 18: Qualifizierung von Fachkräften für gesundheitliche Aufgaben Ziel 19: Forschung und Wissen zur Förderung der Gesundheit Ziel 20: Mobilisierung von Partnern für gesundheitliche Belange Ziel 21: Konzepte und Strategien zur „Gesundheit für alle“ Mindestens die Hälfte der Ziele 104 liessen sich durch eine ganzheitlich-multisektoral organisierte und realisierte Lebensstillehre verwirklichen. Diese wesentlichen Hand- lungsaspekte bzw. Ziele für eine wirksame Gesundheitsförderung leiten sich aus fol- genden Bereichen ab 105 :
1) Gesundheit und Umwelt (gesundheitliche Effekte infolge von Umweltprozes- sen)
2) Sicherheitspolitische Situation (humanitäre Hilfe, postakute Zusammenarbeit)
3) Wirtschaftspolitische Veränderungen (Projektionen der Globalisierung auf Ge- sundheit, z.B. Handel gesundheitsschädlicher Produkte, Kontamination…)
4) Information, Wissen und Monitoring (schnelle Aufbereitung und Verbreitung von Wissen via Internet) Nach LALONDE tangieren alle „Gesundheit 21“-Ziele nur vier auf die Gesundheit der Bevölkerung einwirkende Bereiche 106 :
1) die Biologie der Menschen
2) die Lebensweisen der Menschen 107
3) die Umwelt der Menschen
4) die Gesundheitsversorgung der Menschen In Deutschland steht eine politische Ausrichtung entsprechend definierter Gesund- heitsziele noch am Anfang. Seit 1995 orientieren sich wenige Bundesländer (NRW: 104 Kursiv markierte Ziele stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit Hufelands Ideen bzw. der Intention der
vorliegenden Arbeit.
105 Hurrelmann et. al (2006): S.55.
106 H. Waller (2002): Gesundheitswissenschaft. Eine Einführung in Grundlagen und Praxis von Public Health,
Kohlhammer, Stuttgart, S.126f.
107 hier spiegeln sich besonders die Vorstellungen Hufelands wider.
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2 Theorieteil
1995, SA: 1997 108 ) gesundheitspolitisch verstärkt an den WHO-Zielen „Gesundheit 21“. Richtungsweisende gesundheitspolitische Entscheidungen sind nicht nur zum Wohle des Einzelnen und der Solidargemeinschaft zu treffen, sondern senken zu- dem direkte und indirekte volkswirtschaftliche Kosten. Eine Gesundheitsförderung, die über ein hohes Maß an Struktur-, Planungs-, Prozess- und Ergebnisqualität ver- fügt, wird sich durch Selbstverantwortlichkeit, Effizienz, Nachhaltigkeit, Interdiszipli- narität, Kooperation, Bürgernähe, Partizipation und Kommunalisierung auszeichnen. Zu diesem Zweck sollte eine global denkende und lokal handelnde „Politik für Ge- sundheit“ entstehen, abseits von ökonomischen Interessengegensätzen, Konkurrenz um Einflusssphären, monopolistischen und politisch-ideologischen Differenzen 109 .
2.1.2 Gesundheitsmodelle und -begriffe, gesundheitspolitische
Probleme und Potenziale
Für eine wissenschaftlich fundierte Erforschung der Einflussfaktoren auf die Gesund- heit sind Modellvorstellungen notwendig 110 . In der Gesundheitswissenschaft haben sich 4 Modelle 111 mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung etabliert. Die inhaltlichen Kernpunkte der Modelle lassen sich nach BECKER 112 in 9 Kriterien vergleichend ge- genüberstellen (siehe Tab.1)
108 ebd.: S.127.
109 Ebd.: S.132.
110 P. Becker (2001): Modelle der Gesundheit. Ansätze der Gesundheitsförderung, in: S. Höfling, O. Gieseke (Hrsg.): Gesundheitsoffensive Prävention. Gesundheitsförderung und Prävention als unverzichtbare Bausteine effizienter Gesundheitspolitik, Atwerb-Verlag, München, S.41.
111 Trotz ihrer geringeren Resonanz sind noch zwei weitere Modelle zu erwähnen: das Sozialisationstheoretische Gesundheitsmodell von Hurrelmann (ähnlich dem ARM, SGM) und das Madala-Modell von Hancock (wenig elaboriert, bindet aber stärker Ansatzpunkte der Gesundheitsförderung und -politik ein), vgl dazu: H. Waller (2002): S.29-32.
112 P.Becker (2001): S.41.
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2 Theorieteil
TABELLE 1: vergleichende Gegenüberstellung der 4 Hauptmodelle von Gesundheit
Welches Modell für eine effektiv wirksame Gesundheitsförderung den größten Be- deutungsgehalt besitzt, ist abschließend nicht zu klären. Es lassen sich jedoch ver- schiedene den jeweiligen Modellen zugrunde liegende Paradigmen oder Begriffsbe- stimmungen von Gesundheit erkennen: VON TROSCHKE sortierte 1978 zusammenge- tragene Gesundheitsdefinitionen nach mono- und interdisziplinären Aspekten 113 , AN-
DERSON erkannte 1984 verschiedene Hauptdimensionen der Gesundheit 114 und GÖ-
CKENJAN schlug 1991 drei Kategorien von Gesundheit 115 vor (siehe Abb. 3).
113 J. von Troschke (1978): Gesundheit ist lernbar, Roccom Verlag, Basel.
114 R. Anderson (1984): Gesundheitsförderung. Ein Überblick, Europäische Monographien zur Forschung in Gesunderziehung, S. 63f.
115 G. Göckenjan (1991): Stichwort: Gesundheit, in: H.-J. Deppe (Hrsg.): Öffentliche Gesundheit, Suhrkamp Verlag, Frankfurt, S.15f.
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2 Theorieteil
ABBILDUNG 3 Bausteine verschiedener Gesundheitsdefinitionen
Die in den letzten Jahren gewonnenen Erkenntnisse über komplexe Wirkmechanis- men und Zusammenhänge zur Sicherung der Gesundheit werden zunehmend in Modellvorstellungen eingebunden und im Sinne eines gesundheitsorientierten Ge- sundheitswesens nutzbar gemacht. Dennoch liegt der Erklärungsanteil speziell des Gesundheitswesens auf die Lebenserwartung aufgrund transsektoraler Einflussgrö- ßen nach internationalen vergleichenden Studien nicht über 40% 116 . Mittels koopera- tiver interministerieller Beschlüsse könnte ein effizienteres Einwirken auf gesund- heitssystemische Outcomes erzielt werden 117 . Dazu ist eine an klar formulierten Ge- sundheitszielen - ähnlich der „Gesundheit 21-Ziele“ - ausgerichtete Gesundheitspoli- tik erforderlich. Im Jahre 2000 konnte durch WISMAR 118 und GEENE/LUBER 119 gezeigt werden, dass 16 nationale und regionale Gesundheitszielprogramme hinsichtlich ih- rer politischen Strategien zur Definition und Implementierung der Gesundheitsziele die Akteure vor Ort nur unzureichend einbanden, sich die Ressourcen nicht den Zie- len unterordneten sowie keine schlüssigen Anreizsysteme und Sanktionsmechanis- men bestanden.
116 Zitiert in: H. Waller (2002): Gesundheitswissenschaft. Eine Einführung in Grundlagen und Praxis von Public Health, Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart, S.125.
117 Ebd.
118 M. Wismar (2000): Gesundheitsziele für Deutschland und Niedersachsen. Impulse, Newsletter zur Gesundheitsförderung, 23, S.2.
119 R. Geene, E. Luber (2000): Gesundheitsziele. Planung in der Gesundheitspolitik, Mabuse Verlag, Frankfurt.
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Lars Donath, 2007, Über die Bedeutung der Lebensverlängerungs- und Lebensverkürzungsmittel aus Christoph Wilhelm Hufelands „Makrobiotik“ für die gegenwärtige Gesundheitsförderung, Munich, GRIN Publishing GmbH
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