1. Einleitung
Gewaltbegriff
Umgangssprachlich ist der Begriff Gewalt relativ eindeutig zu gebrauchen, weil im Grunde jeder aus eigener Erfahrung oder Auffassung weiß, was mit Gewalt gemeint ist. Dies gilt zumindest für den alltagsweltlichen Gebrauch des Begriffs und nur solange man nicht nach einer allgemein gültigen Begriffsbestimmung fragt.
Je mehr sich man mit dem Begriff ,,Gewalt“ beschäftigt, desto schwerer ist es eine exakte Definition für ihn zu finden. Der Gewaltbegriff zeigt sich als komplex und kaum eindeutig beschreibbar. Das Begriff ,,Gewalt“ zu erläutern bedeutet zuerst einmal zu versuchen, verschiedene Gewaltebenen zu differenzieren. Verschiedene Gewaltdefinitionen:
Im Allgemeinen wird umgangssprachlich unter dem Begriff Gewalt oft allgemein körperliche Gewalt verstanden, also Angriffe, welche die Täter auf den Körper des Opfers richten. Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Gewalt ist: Herrschaft über Sachen oder Menschen (z.B. Schlüsselgewalt, die Gewalt des Familienvaters, elterliche Gewalt). Heute verstehen wir unter Gewalt vielmehr verletzende Gewalt.
Gewalt - (ahd. (gi)walt, zu walten stark sein, herrschen) ist die Anwendung von phys.- und psych. Zwang gegenüber Menschen. Gewalt umfasst 1.) die rohe, gegen Sitte und Recht verstoßende Einwirkung auf Personen (lat.violentia) sowie 2.) das Durchsetzungsvermögen in Macht- und Herrschaftsbeziehungen (lat. potestas) (Brockhaus Enzyklopädie Band 8, S. 453). Aggression beim Menschen wird definiert als körperliches oder verbales Handeln, das mit der Absicht geführt wird, zu verletzen oder zu zerstören. Gewalt ist Aggression in ihrer extremen und sozial nicht akzeptablen Form( Zimbardo : Psychologie, S. 425).
1
Die Vielzahl der aufgezeigten Definitionen macht deutlich, dass es viele verschiedene Möglichkeiten gibt, über Gewalt nachzudenken oder Handlungen zu klassifizieren. In dieser Situation befinden sich jedoch die Sozialwissenschaften. Hier stößt man seit langem auf große Probleme, wenn man den Begriff genau fassen will.
Es wird zwischen eher engen und weiten Gewaltbegriffen unterschieden. Enge Gewaltbegriffe suggerieren viel mehr eine physische, personale Gewalthandlungen und blenden tendenziell Gewaltformen und -kontexte aus, die von weiten Gewaltbegriffen noch erfasst werden, etwa psychische Gewalt oder Gewalt innerhalb politisch-sozialer Systeme und Strukturen. Die Einstufung eines Gewaltbegriffes als eng oder weit hängt immer vom jeweiligen Diskussionsrahmen ab (Schröttle S. 19).
Nach dieser sehr allgemeinen Darstellung des Gewaltbegriffs werde ich mich in dieser Arbeit auf häusliche Gewalt beziehen. Im ersten Teil werden drei Bereiche von Kindesmisshandlung vorgestellt (physische- und psychische Gewalt, Vernachlässigung und emotionale Ausbeutung). Folgend möchte ich das Thema ,,Gewalt gegen Frauen in der Partnerschaft“ ansprechen.
2. Gewalt in der Familie
Begrifflicher, Gesellschaftlicher und theoretischer Rahmen der Häuslichen Gewalt
Gewalt in der Familie ist die am meist verbreitete Form von Gewalt. Dabei wird zwischen folgenden Gewaltformen unterschieden:
- Partnergewalt (Gewalt zwischen den (Ehe-)Partnern)
- Geschwistergewalt (Gewalt zwischen den Geschwistern)
- Kind - Eltern - Gewalt - Eltern - Kind - Gewalt (Lamnek/ Ottermann 2004,S.9). Nach Have- Herz sind die Familien kulturunabhängig. Dieses kennzeichnet sich durch ,,die Übernahme der Reproduktions- Sozialisationsfunktion“, ,,die Generationsdifferenzierung“ und ,,ein spezifisches Kooperations- und Solidaritätsverhältnis zwischen Familienmitgliedern“. Da von der Familie solche Leistungen wie Nachwuchssicherung, Physische Stabilisierung und
2
psychische Regeneration erwartet werden, kann es während der Realisierung dieser Leistungsaspekte oft zu gewaltförmiger Handlung kommen.
Solche Aspekte wie extreme Privatheit der Wohnverhältnisse und die Wertschätzung der Privatsphäre ermöglichen eine gute Basis für die Ausübung verschiedener Gewaltformen innerhalb des Familienkreises.
In moderner Gesellschaft werden körperliche und psychische Misshandlungen in Familien als soziales Problem angesehen und werden durch formelle soziale Kontrolle (Polizei, Rechtspflege, Jugendämter etc.)in Grenzen gehalten. Jedoch erfüllt diese Kontrolle nur eine geringe Schutzfunktion, da die modernen Partnerschaften durch ihren stark emotionalen und intimen Charakter ein relativ geschlossenes soziales System darstellen(Lamnek/ Ottermann 2004,S.8f). .
3. Arten von Gewalt gegen Kinder
3.1 Physische Gewalt
Die physische Gewalt gegen Kinder charakterisiert sich durch alle Arten körperlicher Gewalt, die in Form körperlicher Verletzungen ausgeführt wird. Kinder werden meistens ins Gesicht, auf den Kopf oder auf den Po geschlagen. Teilweise wird auch einfach nur über den ganzen Körper des Kindes hinweg geschlagen. Die Misshandlungen werden mit den Händen, Fäusten, aber auch mit Gegenständen wie z.B. Stöcken, Gürteln, Besen, Peitschen und anderen Gegenständen ausgeführt. Kinder werden gegen Möbel geschleudert, mit heißem Wasser begossen, unter die eiskalte Dusche gestellt oder in eiskaltes Wasser getaucht, mit brennenden Zigaretten gequält, müssen hungern. Sie müssen die Nacht über im Haus auf- und ablaufen, stundenlang stehen, knien oder sogar schwere Gegenstände halten. Die Phantasie der Eltern kennt hierbei keine Grenzen(Lehner-Hartmann 2002, S.116). In schweren Fällen erfordern die Verletzungen meist eine ärztliche Versorgung.
3
3.2 Psychische Gewalt
Die Form der psychischen/emotionalen Gewalt ist eine schwierig zu definierende Art der Misshandlung. Auf Grund der Probleme bei ihrer Messbarkeit auch Gegenstand von wenigen wissenschaftlichen Untersuchungen (Lehner-Hartmann 2002, S.115). Obwohl Psychische Gewalt keine sichtbaren „Narben“ hinterlässt, wie es z.B. bei der physischen Gewalt der Fall sein kann, kann diese für das Kind tragische Folgen haben. Die psychische Gewalt wird meist durch Drohung, Liebesentzug, verletzende verbale Äußerungen und Redensarten, Abwendung und Ablehnung, Zwänge, emotionales Erpressen, besonders im Bereich der sexuellen Gewalt auch mit einem Schweigegebot gekennzeichnet. Anstatt der körperlich sichtbaren Spuren, wie es bei physisch missbrauchten Kindern der Fall ist, wird bei emotional missbrauchten Kindern oft eher ein Fehlverhalten wie z.B. besondere Angst oder ein trotziges Verhalten festgestellt. Dieses lässt sich wiederum auf verschiedene andere Ursachen zurückführen indem das Umfeld des Kindes nicht zwangsläufig auf eine psychische Gewaltanwendung aufmerksam wird. Häufig werden die traumatischen Erlebnisse der Kindheit von den Betroffenen verdrängt und treten erst Jahre später, beispielsweise im Zusammenhang von Krisen ganz plötzlich im späteren Leben und wirken in Form schwerer psychischer Schäden. Da der Grund der Probleme, die in der Kindheit erlebten Misshandlungen, bereits viele Jahre zurück liegt, verbinden die Betroffenen, wie auch Freunde/Verwandte, die aktuellen Probleme nicht mit der in der Kindheit erlittenen Gewalt (Rauchfleisch 1992, S.67ff). Die Grenzen zwischen gesellschaftlich akzeptierten Erziehungspraktiken und den verschiedenen Maßnahmen, welche Eltern und Erzieher im Sinne der psychischen Misshandlung anwenden, sind fliesend. Nun stellt sich die Frage, ob Anmerkungen wie „Aus dir wird nie was“, Vergleiche mit anderen ,,besseren Kindern“ oder der Versuch, das Kind durch Drohungen zur Vernunft zu bringen, noch als „normale Erziehungspraktik“ einzuordnen ist, oder schon als psychische Misshandlung gilt (Rauchfleisch 1992, S.66f).
3.3 Vernachlässigung
Vernachlässigung stellt einen Zustand dar, in dem den kindlichen Bedürfnissen (Ernährung, Pflege, Fürsorge, Geborgenheit, Anregung und Abwechslung) nicht oder nicht genügend nachgekommen wird. Dieses kann aus Unkenntnis oder aus Absicht erfolgen. Die Vernachlässigung eines Kindes kann sowohl den körperlichen als auch den emotionalen
4
Bereich betreffen. Körperliche Vernachlässigung wird meist durch beispielsweise nicht richtige Ernährung zugefügt (das Kind verhungert oder verdurstet), durch Unterlassung der nötigen medizinischen Hilfe im Krankheitsfall, oder der Körperpflege, was Haut- und andere
Erkrankungen als Folge mit sich bringen kann. So wird die Entwicklung des Kindes durch solche Unterversorgung behindert bzw. gestört, im schlimmsten Fall kann sie zum Tod des Kindes führen. Die emotionale Vernachlässigung ist gegeben, wenn dem Kind das Gefühl der Nähe, Geborgenheit, des Geliebtseins, des Trostes und der Anerkennung nicht ausreichend oder gar nicht geboten werden (Lehner-Hartmann 2002, S.117).
3.4 Emotionale Ausbeutung
Die emotionale Ausbeutung steht im absoluten Gegensatz zur emotionalen Vernachlässigung. Bei der emotionalen Ausbeutung „unter den unter dem Deckmantel der Liebe Kinder für die Bedürfnisse Erwachsener missbraucht, deren Befriedigung sie bei weitem überfordert. In diesem Fall wird das Kind zum einzigen Lebensinhalt des Erwachsenen und muss diesem den Lebenssinn geben. Dies macht sich besonders in manchen Mutter-Sohn-Beziehungen bemerkbar. Das Endergebnis ist, dass sich das Kind bis hin zum Erwachsenenalter nur sehr schwer, falls überhaupt, von der Mutter trennen kann und im schlimmsten Fall auch auf eine Partnerin verzichtet, um sich ganz der Fürsorge um die Mutter zu widmen. Entstehungsorte für emotionale Ausbeutung sind Ehen/ Partnerschaften, in denen ein Teil unglücklich mit dem Partner ist oder im Fall einer Scheidung. Hier wird das Kind als „Spielfigur“ missbraucht, als Komplize oder auch als Partnerersatz. Oft wird das Kind dazu gezwungen, die Rolle des Erwachsenen zu übernehmen. Außerdem müssen die Kinder bei Problemen, denen sie noch nicht gewachsen sind, dem Elternteil mit Rat und Tat zur Seite stehen, den Erwachsenen Trost und Geborgenheit spenden. So werden sie in die Position des erwachsenen Partners gedrängt und somit wird ihnen ihre Kindheit entzogen(Lehner-Hartmann 2002, S.118).
5
Arbeit zitieren:
Olga Herbel, 2006, Gewalt gegen Frauen und Kinder, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Familiäre Gewalt gegen Kinder: Begriff, Ursachen, Auswirkungen
Psychologie - Sozialpsychologie
Hausarbeit, 20 Seiten
Chancengleichheit im Bildungssystem
Pädagogik - Berufserziehung, Berufsbildung, Weiterbildung
Seminararbeit, 15 Seiten
Wenn Kinder trauern - Trauerarbeit und Bewältigungshilfen
Pädagogik - Pädagogische Psychologie
Hausarbeit, 25 Seiten
Gewalt in der Familie: Gewalt gegen Kinder, Gewaltformen und ihre Ursa...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Hausarbeit, 15 Seiten
Konzepte der Heimerziehung im Wandel
Vom Mittelalter bis heute
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Hausarbeit, 45 Seiten
Die Rolle der Frau im Wandel der Zeit von 1871 bis heute
Frauenstudien / Gender-Forschung
Facharbeit (Schule), 19 Seiten
Alternative Schulsysteme: Montessori und Waldorf
Pädagogik - Geschichte der Päd.
Hausarbeit (Hauptseminar), 15 Seiten
Gewalt gegen Frauen - Ursachen, Formen, Gegenmaßnahmen
Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter
Seminararbeit, 25 Seiten
Interventionsmöglichkeiten bei Gewalt gegen Frauen in der Familie
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Hausarbeit, 31 Seiten
Derivation von Substantiven im Deutschen
Hausarbeit (Hauptseminar), 26 Seiten
Psychologie - Persönlichkeitspsychologie
Referat (Ausarbeitung), 12 Seiten
Eingangsrechnungen sachlich und rechnerisch prüfen (Groß- und Aussenha...
AdA Kaufmännische Berufe / Verwaltung
Unterweisung / Unterweisungsentwurf, 8 Seiten
Schiller, Friedrich - Kabale und Liebe - Literarische Erörterung
Referat / Aufsatz (Schule), 12 Seiten
Olga Herbel hat den Text Gewalt gegen Frauen und Kinder veröffentlicht
Olga Herbel hat einen neuen Text hochgeladen
Aggression und Gewalt von Kindern und Jugendlichen
Ein Ratgeber für Eltern, Lehre...
Günther Deegener
Mobbing und Gewalt unter Kindern und Jugendlichen
Herausforderung für Erziehung ...
Andreas Neider
Biografische Selbstentwürfe und Weiblichkeitskonzepte aggressiver Mädc...
Mirja Silkenbeumer
Aggressivität und Gewalt bei Kindern und Jugendlichen
Steuerung fremdgefährdenden Ve...
Andreas Dutschmann
Inszenierte und dokumentierte Gewalt Jugendlicher
Eine qualitative Untersuchung ...
Judith Hilgers
0 Kommentare