1. Einleitung
Schon immer standen Kulturen in Kontakt und Austausch mit anderen Kulturen, so dass es zu Berührungen, Überlagerungen und Vermischungen kam, die schließlich auch die geschichtliche Entwicklung der einzelnen Völker beeinflusste und voranbrachte. Auch heute kommen viele Entwicklungsimpulse für Kulturen von außen. Durch kulturellen Austausch wachsen Gemeinsamkeiten und Verständnis gegenüber anderen Kulturen, die helfen können Konfliktpotentiale zu verringern und Kompromisse zu erarbeiten. 1 Auch Entwicklungspolitik ist eine Form kulturellen Austauschs, bei der es durch interkulturellen (politischen) Dialoge zum Austausch von Wissen, Technologien, handelspolitischen Strategien aber auch Werten, wie beispielsweise der Demokratie und Rechtstaatlichkeit, kommt. Aus diesem Austausch resultiert schließlich ein kultureller Wandel (in der Empfängerkultur), bei dem es wichtig ist, dass er von der Gesellschaft getragen und mitbestimmt wird. Nach über einem halben Jahrhundert Entwicklungshilfe und Entwicklungspolitik besteht heute ein allgemeiner Konsens darüber, dass kein Kulturexport und -import betrieben werden darf, sondern eine nachhaltige Entwicklungspolitik einer angepassten Strategie und Geschwindigkeit bedarf, so dass die betroffene Bevölkerung den Veränderungen folgen kann und sie schließlich effektiv integrieren kann, denn „eine Gesellschaft, die zwar imstande ist, Farbfernseher zu produzieren, für diese dann aber keine eigenen Programme zustande bringt, dürfte auf die Dauer nicht als entwickelt gelten können“ 2 . Wirtschaftliche Entwicklung muss mit kultureller Entwicklung Hand in Hand gehen. Um dieses Ziel von Entwicklungspolitik zu erreichen, muss die Zusammenarbeit verschiedenen Kriterien gerecht werden. Diese Angepasstheit von entwicklungspolitischen Maßnahmen bezeichne ich im folgenden mit dem Ausdruck „kulturelle Verträglichkeit“. Ziel dieser Arbeit ist es, einige grundlegende dieser Kriterien zu erfassen und zu untersuchen, inwieweit die Entwicklungszusammenarbeit der Europäischen Union und den AKP-Staaten innerhalb der Lomé-Abkommen diesen Kriterien gerecht wird. Dabei werde ich mich aufgrund des Rahmens dieser Arbeit auf die Verfahrensvorschriften des IV. Lomé-Abkommens von 1990 beschränken. Zuvor soll Entwicklungspolitik allgemein als eine Form kulturellen Austauschs charakterisiert und dabei die Besonderheiten herausgestellt werden. In diesem Zusammenhang werden Kulturen als Nationalstaaten bzw. die Europäische Union als Gesamtheit, zugehörig zur westlichen Kultur, behandelt. Kulturen unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Werte, Orientierungen und Normen, was eben die Ursache dafür ist, dass
1 Vgl. Andreas von Below (Hrsg.): Die Dritte Welt und Wir. Probleme und Ansprüche einer zukunftsweisenden
Entwicklungspolitik, 5. Auflage, Stuttgart 1991, S. 104.
2 Vgl. ebd., S. 101.
2
Entwicklungsstrategien nicht Pauschalkonzepte sein dürfen, sondern für jede einzelne Kultur speziell angepasst werden müssen, um sich in dem jeweiligen kulturellen Kontext effektiv entfalten zu können.
2. Entwicklungspolitik als Rahmen kulturellen Austauschs
2.1. Formen Kulturellen Austauschs 3
Der Begriff des kulturellen Austauschs ist im Zusammenhang mit der zunehmenden „kulturellen Globalisierung“ 4 entstanden, schließt allerdings auch die nationalen Gegenbewegungen zurück zur Tradition ein. Der Inhalt des Begriffes war schon immer von Interesse, zum Beispiel beschäftigte sich Arnold J. Toynbee bereits vor einem halben Jahrhundert damit. Kultureller Austausch beschreibt eine doppelte Bewegung von De- und Rekontextualisierung, also die Anpassung des Entliehenen an Bedürfnisse des Entleihenden. Entliehen werden, können „externe Ideen, Gegenstände oder Praktiken“ 5 . Zunächst ist zu unterscheiden, ob es sich um eine einseitige Anleihe (Akkulturation), oder um einen Austausch nach beiden Richtungen (Transkulturation) handelt. Des weiteren lassen sich verschiedenen Formen kulturellen Austauschs hinsichtlich der Art und Weise des Entleihens unterscheiden: Die Rezeptionstheorie beschreibt den Vorgang, bei dem das Empfangene nach Maßen des Empfängers empfangen wird, bei der Nachahmung hingegen werden kulturelle Güter (im positiven oder negativen Sinn) kopiert. Die Aneignung im Sinne von „Plünderung“, also ein aktives Handeln des Empfängers, wird als Appropriation bezeichnet, das Gegenteil davon ist die Akkomodation, eine Anpassung also vom Standpunkt des Entleihenden aus (zum Beispiel Missionare). Des weiteren gibt es die Vorgänge des Mischens von eigenen und fremden kulturellen Gütern. Eine Form des Mischens ist die Synkretisierung, die sowohl eine positive als auch eine negative Wertung beinhalten kann (im Sinne von entweder „Mischmasch“ oder „Harmonisierung“). Eine andere Mischform ist die Hybridisierung, diese botanische oder rassenkundliche Metapher ist jedoch problematisch, da sie die negative Konnotation der Bastardisierung ein- und jegliches aktives Handeln ausschließt.
Weiterhin lassen sich verschiedene Formen kulturellen Austauschs hinsichtlich der Situationen und Schauplätze der kultureller Begegnungen differenzieren. Neben den verschiedenen Schauplätzen an sich ist es von Bedeutung, ob es sich bei dem Verhältnis von
3 Die gesamten Ausführungen in diesem Kapitel basieren auf: Peter Burke: Kultureller Austausch, in: Erbschaft
unserer Zeit. Vorträge über Wissensstand der Epoche, Band 8, Frankfurt am Main 2000.
4 Vgl. ebd., S. 10.
5 Vgl. ebd., S. 37.
3
Entleiher und Empfänger um ein gleichberechtigtes oder ein Mächteungleichgewicht handelt, und ob die empfangende Kultur eine schwache oder starke Tradition der Traditions-abwandlung durch Aneignung bzw. Übernahme kultureller Güter hat. Ein weiteres Unterscheidungskriterium sind die kurzfristigen Reaktionen und Konsequenzen für die Menschen. So können kulturelle Güter mit Wohlwollen bis hin zu Begeisterung empfangen werden, dann spricht man von Akzeptanz, es kann aber auch zu Widerstand oder Gegenreaktionen kommen, um die eigene Tradition zu verteidigen und die Identität zu wahren, dies wird als Abwehr bezeichnet. Außerdem gibt es die Möglichkeit der Segregation, bei der statt Widerstand und Verteidigung, versucht wird bestimmte Teilgebiete und Traditionen vor äußeren Einflüssen zu bewahren, was schließlich zu „Bikulturalität“ bzw. „kulturelle Apartheid“ führt, allerdings langfristig Instabilität hervorruft. Mögliche Ergebnisse kulturellen Austauschs sind zum einen Mischungen aus Alten und Neuen bzw. aus Eigenen und Fremden, was Bricolage genannt wird und zum anderen die Festigung und Neugliederung des angeeigneten kulturellen Gutes als Ergebnis des Prozesses des Gebrauchs, indem sich komplexe Strukturen herausbilden.
2.2. Kultureller Austausch im Rahmen von Entwicklungspolitik
Entwicklungspolitik ist die „Gesamtheit aller Institutionen, Mittel, Maßnahmen, und Bestrebungen, die vorrangig mit dem Anspruch eingesetzt werden, die wirtschaftliche, soziale und politische Entwicklung von Dritte-Welt-Staaten zu fördern.“ 6 Im Gegensatz zum Begriff Entwicklungshilfe, der bis Anfang der achtziger Jahre gebräuchlich war und im wesentlichen nur die Tätigkeiten der Geberländer oder -organisationen berücksichtigte, bezieht sich der Begriff Entwicklungspolitik auf die Entwicklungszusammenarbeit und umfasst damit die Tätigkeiten von sowohl Industrie- als auch Entwicklungsländern. 7 Entwicklungshilfe ist daher kultureller Austausch in eine Richtung, nämlich von Geber- zu Empfängerland und somit als Akkulturation, Entwicklungspolitik im heutigen Sinn jedoch als Transkulturation, als eine Art institutionalisierter Austausch zwischen den entwicklungspolitischen Hemisphären, mit dem Ziel, Lebens- und Produktivitätsstandards in den schwächer entwickelten Regionen der Erde zu verbessern, zu verstehen. 8 Dafür spricht auch, dass nicht allein die Interessen der Empfänger, sondern auch gebereigene Interessen im entwicklungspolitischen Dialog vertreten werden, denn Entwicklungszusammenarbeit ist kein
6 Vgl. Manfred G. Schmidt: Art. Entwicklungspolitik, in Schmidt, Manfred G.(Hrsg.): Wörterbuch zur Politik,
Stuttgart 1995, S. 269 - 270.
7 Vgl. ebd.
8 Vgl. Thomas Kesselring: Ethik der Entwicklungspolitik. Gerechtigkeit im Zeitalter der Globalisierung, in:
Vittorio Hösle: Ethik im Technischen Zeitalter, München 2003, S. 204.
4
Ausdruck von Altruismus, sondern zielt auch auf eigene Gewinne ab, wie beispielsweise die Schaffung neuer Absatzmärkte oder die Sicherung von Rohstoffen. Im Rahmen von Entwicklungspolitik stellt kultureller Austausch einen fruchtbaren (politischen) Dialog zwischen verschiedenen Kulturen bzw. Kulturkreisen, einschließlich eines daraus hervorgehenden Lernprozesses dar. Diesem Dialog sollten zwei Grundüberzeugungen zu Grunde liegen: zum einen müssen sich die Akteure der Unterschiedlichkeit der einzelnen Kulturen und deren Unverwechselbarkeit als Ausdruck der Geschichte der jeweiligen Völker bewusst sein, zum anderen von der Gleichwertigkeit aller Kulturen überzeugt sein. 9
Nur indem versucht wird die jeweils fremde Weltanschauung zu begreifen, können Lösungen für Probleme gefunden werden, die mit dem jeweiligen gesellschaftlichen Modell vereinbar sind. 10
2.2.1. Art und Weise des kulturellen Austauschs
Bis in die achtziger Jahre basierte Entwicklungshilfe auf den Prinzipien der Nachahmung und Akkomodation, denn es herrschte der Konsens, dass Entwicklung durch Modernisierung der Gesellschaft hin zu einem von Technologie geprägter Lebensstil, durch Kapitalismus mit wettbewerbsorientierter Wirtschaft, durch Rechtsstaatlichkeit und repräsentative Demokratie, wie sie der privilegierten Minderheit der Weltbevölkerung zu Wohlstand verholfen hat auch die Entwicklung der benachteiligten Mehrheit der Weltbevölkerung voranbringen werde. 11 Heute hingegen herrscht allgemeiner Konsens, dass die Kulturen der Industriestaaten Produkte von Entwicklung sind, die über Jahrhunderte stattgefunden hat und dass diese Entwicklung nicht kurzfristig und schnell durch Nachahmung nachzuvollziehen ist. 12 Wirtschaftliche Entwicklung muss Hand in Hand mit kultureller Entwicklung gehen, wobei die kulturelle Entwicklung nicht nur einen Vorgang neben der wirtschaftlichen Entwicklung darstellen darf. 13 Nachhaltige Entwicklungspolitik sollte somit im Sinne der Rezeptionstheorie oder der Synkretisierung geschehen, indem Maßnahmen und Projekte, die auf Erfahrung und Know-how des Geberlandes beruhen, hinsichtlich ihrer „kulturellen Verträglichkeit“ 14 geprüft werden, denn die vorgefundene Tradition muss Ausgangspunkt für
9 Vgl. Andreas von Below (Hrsg.): Die Dritte Welt und Wir. Probleme und Ansprüche einer zukunftsweisenden
Entwicklungspolitik, 5. Auflage, Stuttgart 1991, S. 103.
10 Vgl. ebd., S. 103.
11 Vgl. Thomas Kesselring: Ethik der Entwicklungspolitik. Gerechtigkeit im Zeitalter der Globalisierung, in:
Vittorio Hösle: Ethik im Technischen Zeitalter, München 2003, S. 205.
12 Vgl. Andreas von Below (Hrsg.): Die Dritte Welt und Wir. Probleme und Ansprüche einer zukunftsweisenden
Entwicklungspolitik, 5. Auflage, Stuttgart 1991, S. 103.
13 Vgl. ebd., S. 101.
14 Vgl. ebd., S. 102.
5
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Christin Kießling, 2005, Entwicklungspolitik als Form kulturellen Austauschs, München, GRIN Verlag GmbH
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