Gesellschaftlich aber ist diese Angst, und damit die Bereitschaft ethische Grenzen zu überschreiten jedoch zumindest ambivalent, wenn nicht gar töricht.
Denn was ist das für eine Gesellschaft, die Stärke, Schönheit und Reichtum auf ihre Fahnen geschrieben hat. deren neue Gesetzestafeln die Idee des aggressiven Wettbewerbs zwischen allen territorialen Gemeinschaften, allen Gesellschaftsgruppen, allen Individuen feiern ? Überall wird der Eindruck vermittelt, als ginge es ums Überleben: >Ihr müßt die Besten, die Stärksten, die Gewinner sein; seid ihr es nicht, werden andere es sein<, lautet die Botschaft an jedes Land, jede Region, an jeden Einzelnen. Flankiert wird das durch die von allen Medien kaum noch kaschiert lancierte Botschaft, nur schön und jung und koste es was es wolle, durchsetzungsfähig zu sein, sei die einzig lohnende Lebensform. Daß in dieser Perspektive jede Möglichkeit, das eigene und das fremde menschliche Leben zu manipulieren, dankbar aufgegriffen werden muß, ist eine Selbstverständlichkeit.
Eine solche auf dem sozialdarwinischen Kult des Stärksten basierende Gesellschaft produziert nicht nur systematisch behinderte Menschen, sie benötigt sie geradezu: In Sport und Politik, Unterhaltung und Alltag dürfen sie sich als besonderes motivierte Verfechter des >survival of the fittest< präsentieren. In der festen Erwartung, daß dies von den (Noch-)Jungen, (Noch-)Starken und (Noch-)Gesunden im rechten Sinne re-interpretiert wird.
Dieses >survival of the fittest< ist die unausgesprochene Grundlage fast allen Gengeschäfts. In einer solchen Gesellschaft wird auch der Hinweis nicht fruchten, daß auch in Zukunft selbst durch die bedingungslose Inanspruchnahme der Gentechnologie und das totale Niederwalzen allenfalls drei Prozent aller Behinderungen sicher ausgeschlossen werden können. Denn nur sie sind eindeutig genetischer Natur, der Rest aber ist erworben.Überwiegend als Teil des unvermeidlichen, gar nicht so selten aber eben auch als Teil des vermeidbaren Risikos: Am Anfang, in der Mitte und am Schluß des Lebens.Insbesondere schwer- und mehrfachbehinderte Menschen sind das genaue Gegenteil des von einer >Gesellschaft der Stärke< propagierten Bildes des isolierten Einzelkämpfers. Um ihre Qualitäten auch nur ansatzweise entfalten zu können, benötigen sie - wie grundsätzlich alle anderen Menschen auch - Unterstützung.
Des Anderen Helfer
Damit aber üben sie eine durchweg positive Wirkung auf ein Gemeinwesen aus, das von humanitär- en und christlichen Werten geprägt ist Gerade auch geistig behinderte Menschen bringen, allein
durch ihre pure Existenz, das unbewußte Bedürfnis nach Gemeinsamkeit, Humanität und Solidarität in die Welt, das in jedem von uns steckt: >Ich bin glücklich, wenn ich verstanden werde wenn ich auf andere zählen kann.<. >Der Mensch soll des anderen Helfer sein<, könnte eine humane Lebensmaxime lauten.
Behinderte bilden einen Kristallisationskern, um den herum sich (bewußt oder unbewußt) der potenzielle Widerpart zum Sozialdarwinismus bildet. Sie mindern, allein dadurch, daß man sie gesellschaftlich trägt und/ oder erträgt und nicht zuletzt dadurch, daß sie sich selbst und ihre eigenen Unzulänglichkeiten ertragen, den Normierungs- und Selbstanpassungsdruck der auf der ganzen Gesellschaft lastet. Und zwar sowohl im direkt anschaulichen Sinne als auch im abstrakt-normativen Sinne:
Jede moderne, rationale Konkurrenzgesellschaft bringt - weil sie die >Normalität< als allgemeinen Maßstab benötigt - ganz automatisch auch das Nicht-Normale, das Nicht Angepaßte, das Behinderte hervor. Würde dies z.B. durch die aktuell avisierten >Fortschritte< der Humangenetik, beseitigt, so würden zukünftig ganz neue, heute noch völlig >normale< Menschen an ihre Stelle treten, die dann als >unnormal< gelten würden.
Behinderte Menschen sind zudem der personifizierte Ausdruck all derjenigen Probleme und Lebenssrisiken, die beispielsweise die moderne Medizin und die Ernährungsindustrie, das Moblilitätsdenken und das Militär zu lösen vorgeben. Deshalb tragen sie, allein durch ihre gesellschaftliche Anwesenheit, dazu bei, daß soziale Problemlagen und Konflikte als solche identifiziert und nicht biologisiert werden können.
Das Leben von und mit Behinderten birgt ein Potential in sich, das auf ganz spezielle Weise die Gesetze der Markt- und Konkurrenzgesellschaft zu unterlaufen in der Lage ist. Es birgt - wie jeder bewußte Umgang mit existentiellen Lebenssituationen (Krankheit, Geburt und Tod) - das Potential, um einen ganz anderen Maßstab, sowohl für den Umgang mit der eigenen Natur, als auch den mit der gesellschaftlichen und natürlichen Umwelt zutage zu fördern: Weil es gezwungen ist, sich auf die eigenen (natürlich begrenzten) Ressourcen zu besinnen, vermag das Leben von und mit behinderten Menschen zugleich die eigenen Glücksversprechen und Hoffnungen zu bewahren. In der simplen Erkenntnis, daß es geradezu kontraproduktiv ist, alles uns mögliche (sofort) haben zu wollen und/oder (unverzüglich) tun zu müssen. So verstanden tragen behinderte Menschen dazu bei, dass >der Kältestrom, der unsere Ge- sellschaft durchfließt< (Oskar Negt) nicht noch eisiger wird.
Arbeit zitieren:
Dr. phil. Walter Grode, 2001, Widerpart zum Sozialdarwinismus. Eine menschliche Gesellschaft braucht die Behinderten, München, GRIN Verlag GmbH
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