gen werden. Als funktionales Äquivalent zu den Supermächten in der Zeit des Kalten Krieges erscheinen die so genannten Kernstaaten der großen Kulturkreise. Sie haben die Aufgabe, Ordnung zu schaffen: Im Innern ihres Kulturkreises durch Disziplinierung der kleineren Staaten, nach außen durch Verhandlungen mit den Kernstaaten der anderen Kulturkreise. Demnach beruht der Weltfriede im 21. Jahrhundert auf der Bereitschaft der Kernstaaten, ihre Einflußsphären wechselseitig zu respektieren: Der islamische Kulturkreis, warnt Huntington, habe hingegen keinen Kernstaat, sondern eine Anzahl von konkurrierenden Machtzentren, und deshalb sei er eine besondere Gefahrenquelle. Doch auch das westliche Sendungsbewußtsein sei eine große Konfliktquelle. Der Westen versuche in aller Welt, Demokratie und Menschenrechte als universalistische Prinzipien zu propagieren und heize damit den "Kampf der Kulturen" erst recht an: "Was für den Westen Universalismus ist, ist für den Rest der Welt Imperialismus". Abschließend handelt Huntington ausführlich den negativen Eventualfall eines "Kriegs der Kulturen" für das Jahr 20010 ab. Der Versuch, diesen Konflikt zu vermeiden, erfordert nach Huntington, dass Kernstaaten davon absehen, bei Konflikten in anderen Kulturen zu intervenieren. Das ist eine Wahrheit, schreibt Huntington, die zu akzeptieren manchen Staaten, besonders den USA, schwerfallen wird.
Das sich aus Huntingtons Überlegungen ergebende "Prinzip der Erhaltung" und die Abschottung der amerikanisch-europäischen Festung gegen die Migrantenflut hätten freilich zur Folge, dass den politisch Verfolgten in allen Kulturkreisen die Hoffnung auf den Westen - und damit vielleicht die letzte Hoffnung - genommen wird. Das wäre der Preis für das Überleben des Westens. Und ein zweites kommt hinzu: Durch die Implementierung von Abschottung und Enthaltung müßte der Westen, wie Huntington einräumt, den Charakter des abendländischen Menschen unterdrücken, der durch den universalen Anspruch auf individuelle Rechte und Freiheiten integriert ist. Und dieser Charakter bestimmt nach Huntington die Eigenart des abendländischen Kulturkreises. Abschottung und Enthaltung erscheinen gleichsam als wirksame Medikamente des Westens, deren Nebenwirkungen für den Patienten höchst gefährlich sind, weil sie seine Persönlichkeitsstruktur deformieren können. Dieses Problem kann Huntington nicht auflösen, weil er fest auf dem Boden eines liberalen und demokratischen Wertesystems argumentiert. Wenn Huntingtons Darlegungen diese Basis entzogen wird, dann allerdings sind seine
Ausführungen besonders dazu geeignet, politisch instrumentalisiert und in einen antiliberalen, antidemokratischen und speziell ausländerfeindlichen Kontext gestellt zu werden.
Huntington und Spengler
Huntingtons "Kampf der Kulturen" steht ideengeschichtlich in der Tradition des Werks Oswald Spenglers, der als Geschichtsphilosoph und politischer Schriftsteller fraglos als einer der ideologischen Wegbereiter des Nationalsozialismus betrachtet werden muss. Huntington bezieht sich explizit auf Spengler, den er zu "den hervorragendsten Historikern, Soziologen und Anthropologen" zählt, die sich in der Vergangenheit mit "Voraussetzungen, Entstehung, Aufstieg, Wechselwirkungen, Errungenschaften, Niedergang und Verfall der Kulturen" befasst haben.
Spenglers Hauptwerk "Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte" erschien [1918 und 1922] ebenfalls in einer Zeit großer weltpolitischer Umbrüche. Das zweibändige Werk machte nach dem Ersten Weltkrieg Furore. Spenglers These vom "Untergang der westlichen Kultur" ist für Huntington durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts quasi empirisch bestätigt, wenn auch noch nicht voll realisiert worden: "Der Vorgang selbst hat sich über den größten Teil des Jahrhunderts erstreckt. Denkbar ist jedoch, daß er sich beschleunigt", schreibt Huntington. Abgesehen von vielen expliziten Belegen erinnern auf den ersten Blick viele Aussagen Huntingtons an Spenglers "Untergang des Abendlandes". Ein direkter Vergleich fördert aber auch wichtige Unterschiede zutage, die aber wohl als Adaptionen an die politische Wirklichkeit des ausgehenden 20. Jahrhunderts interpretiert werden müssen. Auf einige dieser Differenzen soll im folgenden hingewiesen werden. Spengler vertrat die Auffassung, daß Hochkulturen gleichsam Organismen mit vorbestimmter Lebensdauer und garantierten Ende seien. Er unterschied acht Hochkulturen, nämlich eine ägyptische, babylonische, indische, chinesische, antike, arabisch-magische, mexikanische und die abendländisch-faustische. Sie alle Monaden, die nicht miteinander kommunizieren könnten. Beim Ablauf jeder Hochkultur unterschied Spengler zwei aufein-
anderfolgende Stadien, nämlich ein Zeitalter der Kultur und ein Zeitalter der Zivilisation, wobei letzteres als Verfallerscheinung definiert wurde. Seine These vom "Untergang des Abendlandes" ist doppeldeutig: Einerseits bezieht sie sich auf den Übergang von der Kultur zur Zivilisation, andererseits betrifft sie das Ende der Zivilisation. Erst durch diesen zweiten Untergang bricht die Hochkultur endgültig zusammen. Solch schematisierten Abläufe spielen bei Huntington kaum eine Rolle. Spenglers Geschichtsphilosophie hat durch ihren starren Determinismus einiges von ihrer Überzeugungskraft verloren. Huntington ist flexibler: >Der Kampf der Kulturen< hat den Vorzug, daß der künftige Verlauf der Geschichte als offen betrachtet wird: "Kulturen können sich reformieren und erneuern, und sie haben es getan. Die entscheidende Frage für den Westen lautet: ob er, von äußeren Herausforderungen einmal abgesehen - fähig ist, die inneren Verfallsprozesse aufzuhalten und umzukehren. Doch kann der Westen sich erneuern, oder wird anhaltende innere Fäulnis einfach sein Ende und/oder seine Unterordnung unter andere, wirtschaftlich und demographisch dynamischere Kulturen beschleunigen?
Im "Kampf der Kulturen" werde der Westen durch die demographische Entwicklung bedroht, die in Europa und in den USA zu niedrigen Geburtenraten und in der übrigen Welt zu einem starken, wenn auch regional unterschiedlichen Bevölkerungswachstum geführt hat. Zu einem Ventil für das Bevölkerungswachtum in fremden Kulturkreisen sei die Emigration, vornehmlich in den Westen, geworden. Während die Emigration in die USA heute primär aus Asien, Lateinamerika und speziell Mexiko komme, seien in Europa Anfang der neunziger Jahre zwei Drittel aller Migranten Muslime gewesen. Auch unter diesem Aspekt erweist sich also für Huntington der islamische Kulturkreis als besonders gefährlich. Huntington schließt zwar nicht aus, daß die Integration von Menschen aus fremden Kulturkreisen in der westlichen Welt möglich ist, aber er hält diesen Fall für eher unwahrscheinlich und vor allem für kein Massenphänomen. Der Westen stehe heute vor der Frage, ob bzw. wie die Einwanderung aus fremden Kulturkreisen zu stoppen sei. Wiederum nimmt er insbesondere islamische Gruppen ins Visier: "Eine anhaltende substantielle Ein-wanderung ist daher geeignet, Länder in eine christliche und eine muslimische Gemeinschaft zerfallen zu lassen."
Wenn diese spezifisch westlichen Kulturmuster nicht über kurz oder lang von den Im-
migranten und ihren Nachkommen verläßlich mitgetragen werden, dann kommt es zur Fragmentierung und möglicherweise zur Zestörung der westlichen Welt. Dem "Kampf der Kulturen" entspricht bei Spengler - in späteren Schriften ["Der Mensch und die Technik" (1931); "Jahre der Entscheidung" (1933) - die Konfrontation der abendländischen Zivilisation mit der "weißen" und der "farbigen" Weltrevolution. Als "Weiße" bezeichnet Spengler die in der abendländischen Zivilisation verbundenen Gruppen, alle anderen fallen unter die Residualkategorie der "Farbigen". Spengler geht davon aus, daß in der abendländischen Zivilisation eine immer kleiner werdende Gruppe von "Weißen" an den überlieferten, jedoch immer weniger bestimmenden Werten des Abendlandes festhält, während eine immer größer werdende Gruppe zur Persönlichkeitsstruktur von "Urmenschen" tendiert.
Steht die amerikanisierte Kultur vor dem Kollaps?
Spenglers Horrorszenario, einer immer größer werdenden Gruppe von "Weißen", deren Personlichkeitsstruktur sich der von "Urmenschen" annähere, hat sich aus der Perspektive des amerikanischen Kultur- und Gesellschaftskritikers Morris Berman längst erfüllt. Berman sieht speziell in den USA, die in dieser Perspektive allerdings nur Vorreiter sind, einen völligen "Kollaps der Kulturen".
Nach Jahren des wirtschaftlichen Wohlstands, so Bermans Diagnose, schliddern die Vereinigten Staaten in ein soziales Chaos. Die Kluft zwischen Armen und Reichen, das Verschwinden der Mittelklasse, der Einbruch des Erziehungswesens auf allen Ebenen, sinkende Produktivität und geistige Verarmung sind nach Ansicht von Berman die alarmierenden Anzeichen eines kulturellen Niedergang: 21% der Amerikaner, zitiert Berman Gallup Poll und National Science Foundation, glauben, die Sonne kreise um die Erde, weitere 7% wissen nicht, was um was kreist, 40% der erwachsenen Amerikaner wissen nicht, wer der Feind im Zweiten Weltkrieg war, 42% können Japan auf einer Weltkarte nicht ausfindig machen, 15% sind noch nicht einmal in der Lage, die USA zu lokalisieren. 120 Millionen Amerikaner sind Analphabeten oder zumindest funktionale Analphabeten:
Erwachsene, die nicht besser als Schüler der 5. Klasse lesen. Berman beschreibt scharfsinnig die kulturelle Entwicklung, die er in der heutigen amerikanischen Gesellschaft beobachtet. Mit einer Fülle von Beispielen, von klassischer Geschichte bis zur modernen Science Fiction von Toquceville bis Bradbury, zeigt er die Frustration der sogenannten "Elite" - dieser immer kleiner werdenden Gruppe von Menschen, die wissen, daß es im Leben mehr gibt als nur Geld, Videospiele und Großraumkinos. Jedoch, ob es um politische Korruption, die Aushöhlung kultureller Marken ("Republik" im Fall des Römischen Reiches, "Demokratie" im Falle Amerikas), populäre Unterhaltung oder das Bildungssystem geht - die Gesellschaft insgesamt kann der Massenkultur wenig entgegensetzen.
Wirkliche Veränderung verspricht sich Berman vor allem vom Widerstand jedes einzelnen, der unspektakulär, mit den Idealen der Aufklärung im Hinterkopf, abseits der konventionellen Gesellschaftsordnung handelt.
Gibt es "weiße" Kulturen ?
Zu den nachhaltigsten Denkfehlern des Spenglerschen Modells des Untergangs, wie des Huntingtonschen vom Krieg der Kulturen gehört meines Erachtens die Vorstellung von rundum abgedichteten >totalen Kulturkreisen< mit einer (sämtliche) Gruppen von Menschen bestimmenden >Wesensart<.
Kulturen jedoch sind weder pysikalisch noch biologisch begründbar, noch zeitlich strikt voneinander trennbar, sondern stehen in einem lebendigen Beziehungs- und Austauschverhältnis zueinander.
Das wissen wir alle! Denn egal, auf welche Form von Humanität sich unsere eigene Kultur auch gründet, so haben sich die allabendlichen Fernseh-Gewaltverhältnisse noch nicht so weit entwickelt, dass sie uns den Blick verstellen könnten, für das Wesen unserer eigenen >Kulturaliation<:
Längst ist Spenglers Angst vor der Weltrevolution obsolet und doch ist aus unserer Kultur eine "farbige" geworden. Selbst dann, wenn sie nicht ohnehin ihren sozialen Ursprung in der Wohnküche hatte, in der Humboldt allenfalls ein Name war, der auf den Briketts
stand, ist sie (bewußt oder unbewußt) von einer Melange aus Beat und Bach, (Super-) Markt und Marx, (Coca Cola und Champagner), Camping und Kunsthalle, Osterei und Ökumene geprägt worden.
Sicherlich ist es nicht klug, eine solche Kultur mit irgendeiner Farbe zu belegen, sei sie nun "weiß", "grün", "rot" oder "bunt". Viel entscheidender ist das Ziel: die Wohlfahrt aller Menschen. Da dieses Ziel aber ein schier unerreichbarer Fluchtpunkt am sozialen Horizont bleiben wird, ist die Form des Umgangs miteinander fast noch wichtiger: die des Interessenausgleichs und der Toleranz.
Denn Zivilisation und Selbstzivilisation (!) sind nun einmal - weder an Raum und Zeit gebundene - nicht abschließbare und nicht endende Prozesse. Und diese Humanisierung ist auch gesellschaftlich - das beweist die bundesdeutsche Nachkriegsgeschichte - viel leichter über den produktiven Umgang (und vermeintlichen Umweg) mit der eigenen Schwäche und dem eigenen Fremdsein zu bewerkstelligen, als mit der Un-Kultur des Erst- und Ge- genschlags.
Arbeit zitieren:
Dr. phil. Walter Grode, 2002, Medizin mit Nebenwirkungen. Der Kampf der Kulturen und der Untergang des Abendlandes bei Huntington und Spengler, München, GRIN Verlag GmbH
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