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Inhaltsverzeichnis
Einleitung 3
1 Gewalt in deutschsprachigen Selbstzeugnissen des Dreißigjährigen Krieges 3
1.1 Zum Begriff der „Gewalt“ in der Frühen Neuzeit 3
1.2 Der Dreißigjährige Krieg als Schreibmotivation 4
1.3 Schreibende Söldner 5
2 Gewalt im Leben des unbekannten Söldners 5
2.1 Versuch einer Lebensbeschreibung 5
2.2 Militärische Gewalt 6
2.3 Zivile Gewalt 6
3 Die Bewertung der Gewalt 6
3.1 Legitimation und Delegitimation 7
3.2 Gewalt abseits moralischer Bewertung 7
4 Die Sprache der Gewalt 8
4.1 Dokumentarischer Stil 8
4.2 Verrohung und Zynismus 8
4.3 Verdrängungsmechanismen 9
Zusammenfassung 10
Quellen- und Literaturverzeichnis 11
Quellenverzeichnis 11
Literaturverzeichnis 11
Einleitung
In wohl keinem einem anderen Säkulum wurde das Leben der Menschen so sehr von Gewalt bestimmt, wie im 17. Jahrhundert. 1 Dass vor allem der Dreißigjährige Krieg vielerorts zur „kulturbedrohenden Grenzerfahrung“ 2 für die Bevölkerung wurde, geht aus vielen zeitgenössischen Selbstzeugnissen 3 hervor. Aber wie sieht es mit der Täterperspektive aus? Sie ist seltener. Das von Jan Peters edierte Tagebuch eines unbekannten Söldners 4 bietet eine solche Perspektive. Über 25 erlebte Kriegsjahre legt dieser Söldner Zeugnis ab und gibt so einen aufschlussreichen Einblick in seine Lebenswelt und die Bedeutung der Gewalt darin. Welche Rolle die Gewalt im Tagebuch des Söldners genau spielt, steht im Mittelpunkt dieser Arbeit. Nach einer einleitenden Schärfung des frühneuzeitlichen Gewaltbegriffs sowie einer knappen Hinführung zum Thema, soll vor allem die Bedeutung der Gewalt im Leben des unbekannten Söldners zur Sprache kommen, ferner die Strategien mit denen er diese rechtfertigt oder missbilligt und abschließend die sprachliche Realisierung der Gewalt im Tagebuch.
1 Gewalt in deutschsprachigen Selbstzeugnissen des Dreißigjährigen Krieges 240 Selbstzeugnisse liegen aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges vor,
und in den meisten davon ist der Krieg zentrales, ja alles beherrschendes Thema. 5 Aber wie sieht das frühneuzeitliche Verständnis von „Gewalt“ aus? Und warum schrieb man über selbige? Diesen Fragen widmen sich die folgenden Ausführungen.
1.1 Zum Begriff der „Gewalt“ in der Frühen Neuzeit
Im Gegensatz zu heute verstand man in der Frühen Neuzeit unter „Gewalt“ in erster Linie die Durchsetzung von Herrschaft (lat. potestas) und damit ein legitimes Machtmittel. 6 Dagegen wurde Gewalt, die sich dieser Herrschaft widersetzte, als rechtswidrige und zu
1 Vgl. Ralf Pröve: Gewalt und Herrschaft in der Frühen Neuzeit. Formen und Formenwandel von Gewalt, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 47, 1999, 792-806, hier 792.
2 Johannes Burkhardt: Der Dreißigjährige Krieg, Frankfurt/Main 1992.
3 Vgl. Benigna v. Krusenstjern: Was sind Selbstzeugnisse? Begriffskritische und quellenkundliche Überlegungen anhand von Beispielen aus dem 17. Jahrhundert, in: Historische Anthropologie, 1994, Heft 3, 462-471.
4 Vgl. Jan Peters (Hg.): Ein Söldnerleben im Dreißigjährigen Krieg. Eine Quelle zur Sozialgeschichte, Berlin
1993.
5 Vgl. Benigna von Krusenstjern: Buchhalter ihres Lebens. Über Selbstzeugnisse aus dem 17. Jahrhundert, in: Klaus Arnold u.a. (Hg.): Das dargestellte Ich. Studien zu Selbstzeugnissen des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit, Bochum 1999, 139-146, hier 139-143.
6 Vgl. Pröve: Gewalt und Herrschaft, 796.
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sanktionierende Gewalt (lat. violentia) gedeutet. 7 Diese Unterscheidung zwischen legitimer
und illegitimer Gewalt ist für das Verständnis frühneuzeitlichen Gewaltauffassung zentral. 8
Sie zeigt, dass Gewalt nicht von vornherein als gut oder schlecht, richtig oder falsch bewertet
wurde, sondern in hohem Maße kontextabhängig war 9 und immer einer Legitimation
bedurfte. 10 Ob gewalttätiges Handeln als legitim oder illegitim anzusehen war, entschied
zuallererst die Beziehungskonstellation: Wer auf der „hierarchischen Leiter“ höher stand, übte
prinzipiell die legitime potestas aus. 11 Allerdings war die Grenze zwischen potestas und
violentia fließend 12 und illegitime Gewalt bedeutete zuweilen nur ein höheres Maß an
physischer Gewalt. 13 Man kann also von einer Toleranzschwelle ausgehen, die
unterschiedlich hoch ausfallen konnte. 14
1.2 Der Dreißigjährige Krieg als Schreibmotivation
Wenn in den Selbstzeugnissen des Dreißigjährigen Krieges von Gewalt die Rede ist, dann
besonders häufig im Sinne der illegitimen violentia. 15 Dieser Umstand verwundert nicht
angesichts der verheerenden Auswirkungen, die der Krieg vielerorts hatte. So forderte dieser
Krieg (wie vermutlich alle Kriege gleichermaßen) zum Schreiben heraus - sei es zur
Verarbeitung des Erlebten oder schlicht, um Zeugnis für die Nachwelt abzulegen. 16 Und
diesem Bedürfnis folgten keineswegs nur akademische Kreise, denn auch Nonnen und Bauern
brachten ihre Eindrücke zu Papier. 17 Daneben ist freilich zu bemerken, dass speziell das
Schreiben über Gewalt nicht selten auch der reinen Propaganda diente: 18 Die geschilderten
Grausamkeiten sollten Gegengewalt legitimieren oder den Feind verunglimpfen.
7 Vgl. ders.: Violentia und Potestas. Perzeptionsprobleme von Gewalt in Söldnertagebüchern des 17.
Jahrhunderts, in: Markus Meumann / Dirk Niefanger (Hg.): Ein Schauplatz herber Angst. Wahrnehmung und Darstellung von Gewalt im 17. Jahrhundert, Göttingen 1997, 24-42, hier 32.
8 Vgl. Michaela Hohkamp: Grausamkeit blutet, Gerechtigkeit zwackt. Überlegungen zu Grenzziehungen
zwischen legitimer und nicht-legitimer Gewalt, in: Magnus Eriksson / Barbara Krug-Richter (Hg.): Streitkulturen. Gewalt, Konflikt und Kommunikation in der ländlichen Gesellschaft (16.-19. Jahrhundert), Köln
2003, 59-79, hier 78.
9 Vgl. Markus Meumann: Herrschaft oder Tyrannis? Zur Legitimität von Gewalt bei militärischer Besetzung, in:
Claudia Ulbrich u.a. (Hg.): Gewalt in der Frühen Neuzeit. Beiträge zur 5. Tagung der Arbeitsgemeinschaft Frühe Neuzeit im VHD, Berlin 2005, 173-188, hier 181.
10 Vgl. Claudia Ulbrich u.a. (Hg.): Gewalt in der Frühen Neuzeit. Beiträge zur 5. Tagung der
Arbeitsgemeinschaft Frühe Neuzeit im VHD (Historische Forschungen 81), Berlin 2005, 9-14, hier 12.
11 Vgl. Hohkamp: Grausamkeit blutet, Gerechtigkeit zwackt, 65.
12 Vgl. Pröve: Violentia und Potestas, 34.
13 Vgl. Horst Carl: Gewalttätigkeit und Herrschaftsverdichtung. Die Rolle und Funktion organisierter Gewalt in
der Frühen Neuzeit, in: Claudia Ulbrich u.a. (Hg.): Gewalt in der Frühen Neuzeit. Beiträge zur 5. Tagung der Arbeitsgemeinschaft Frühe Neuzeit im VHD (Historische Forschungen 81), Berlin 2005, 141-144, hier 141f.
14 Vgl. Pröve: Gewalt und Herrschaft, 806.
15 Vgl. Meumann: Herrschaft oder Tyrannis, 179.
16 Vgl. Krusenstjern: Buchhalter ihres Lebens, 144.
17 Vgl. Vgl. Benigna von Krusenstjern / Hans Medick: Zwischen Alltag und Katastrophe. Der Dreißigjährige
Krieg aus der Nähe (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 148), Göttingen 1999, 28.
18 Vgl. Meumann: Herrschaft oder Tyrannis, 174.
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1.3 Schreibende Söldner
Auch Söldner berichteten im 17. Jahrhundert über ihre Erlebnisse. Blickt man aber auf die Zeit des Dreißigjährigen Krieges und sucht dort den einfachen, schreibenden Söldner, so wird die Quellenlage merklich dünner. Gewiss, es gibt derartige Selbstzeugnisse, doch entweder sind sie allzu fragmentarisch oder der Krieg findet darin praktisch keine Erwähnung. 19 Oder aber die Schriften wurden von ranghohen Adeligen verfasst. 20 Damit kommt dem zu Beginn genannten Tagebuch eines unbekannten Söldners eine herausragende Bedeutung zu. Welche Rolle die Gewalt im Leben dieses Söldners genau spielte, soll nun untersucht werden.
2 Gewalt im Leben des unbekannten Söldners
Im Leben des Söldners gehörte Gewalt ohne Frage zur alltäglichen Erfahrung. Schließlich hatte er den Kriegsdienst zum Beruf und die Gewaltausübung damit zum Handwerk gemacht 21 - er tötete für Lohn und Brot. 22 So zog der Söldner der Gewalt quasi nach.
2.1 Versuch einer Lebensbeschreibung
Die Identität des Söldners, dessen Aufzeichnungen die Jahre 1625-1649 beschreiben, kann nicht zweifelsfrei geklärt werden. 23 Er muss aber über einen Bildungsgrad verfügt haben, der deutlich über dem des durchschnittlichen Söldners lag. Dies zeigt sich nicht nur daran, dass er seine Erlebnisse überhaupt niederschrieb, 24 sondern unter anderem auch dort, wo er Kenntnisse über die Wilhelm-Tell-Sage oder die Bibel offenbart. 25 Er kämpfte abwechselnd in venezianischen, ligistischen oder schwedischen Diensten und zog fast 25 Jahre lang quer durch Mitteleuropa. 26 So wurde sein Leben durch das „Prinzip Unbeständigkeit“ 27 bestimmt, denn nicht nur die Fahne wechselte - auch Beuteglück und Nahrungssituation schwankten ständig. 28 In diesem unsteten Alltag bildete die Familie des Söldners die wichtigste soziale
19 Vgl. Peter Burschel: Himmelreich und Hölle. Ein Söldner, sein Tagebuch und die Ordnungen des Krieges, in: Benigna v. Krusenstjern / Hans Medick (Hg.): Zwischen Alltag und Katastrophe. Der Dreißigjährige Krieg aus der Nähe (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 148), Göttingen 1999, 181-194, hier 182.
20 Vgl. Pröve: Violentia und Potestas, 29.
21 Vgl. Pröve: Violentia und Potestas, 31.
22 Vgl. Michael Sikora: Söldner - historische Annäherung an einen Kriegstypus, in: Geschichte und Gesellschaft
29, 2003, 210-238, hier 218.
23 Vgl. Peters: Söldnerleben, 23-26. Peters vermutet hinter dem Unbekannten einen Rheinländer namens Peter Hagendorf.
24 Vgl. Dinges: Soldatenkörper in der Frühen Neuzeit. Erfahrungen mit einem unzureichend geschützten, formierten und verletzten Körper in Selbstzeugnissen, in: Richard van Dülmen (Hg.): Körper-Geschichten (Studien zur historischen Kulturforschung V), Frankfurt am Main 1996, 71-98, hier 72.
25 Peters: Söldnerleben, 13 bzw. 41.
26 Vgl. Pröve: Violentia und Potestas, 31.
27 Peters: Söldnerleben, 223.
28 Ebd., 223f.
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Größe, 29 sie folgte ihm wohin er auch ging. Zwei Mal heiratete der Söldner und zeugte fünf Kinder, von denen zwei überlebten.
2.2 Militärische Gewalt
Der Bericht ist durchzogen von gewaltvollen Erlebnissen. So half der Söldner unter anderem bei der Zerstörung der Stadt Colmar samt der umliegenden Felder mit 30 , zerstörte das Kölner Land 31 und beteiligte sich aktiv an der Verwüstung von Magdeburg im Jahre 1628. 32 Und war eine Schlacht geschlagen, dann kam es darüber hinaus immer wieder zu Plünderungen. 33 Freilich blieb es nicht immer bei der Täterrolle - gelegentlich wurde der Söldner auch selbst zum Opfer militärischer Gewalt: Bei der Erstürmung Magdeburgs trug er schwere Verwundungen davon und überlebte nur mit knapper Not. 34
2.3 Zivile Gewalt
Wo nicht gekämpft wurde, konnte ebenso Gefahr für Leib und Leben drohen - etwa bei Prügeleien, die sich durchaus nicht selten unter den Söldnern zutrugen. 35 Von einer solchen berichtet auch der Söldner. Sie endet damit, dass er einem Kameraden „grossen schaden zugefhuget, durch den arm“ 36 . Ein andermal, so schreibt er, hätten ihn drei Bauern überfallen, auf ihn „wagker, zu schlagen“ 37 und ihm gestohlen, was er am Leibe trug. So wird das Leben des Söldners in großem Maße von Gewalt bestimmt. Und auch hier gilt das schon angesprochene Prinzip der Unbeständigkeit: Mal ging die Gewalt von ihm aus, mal erlitt er sie. Der Söldner musste damit leben, dass er sich vor allem in Kriegszeiten in ständiger „Spannung zwischen Tötung und Getötet-Werden“ 38 befand.
3 Die Bewertung der Gewalt
Es bleibt festzuhalten, dass der Söldner von Berufswegen her zuallererst Akteur des Krieges war. Die daraus resultierende und aktiv verübte Gewalt musste in irgendeiner Weise legitimiert werden. 39 Wie der Söldner sein Handeln konkret legitimierte, soll nun genauer untersucht werden.
29 Vgl. Burschel: Himmelreich und Hölle, 189.
30 Peters: Söldnerleben, 56.
31 Ebd., 103.
32 Ebd., 46f.
33 Ebd., 59.
34 Ebd., 47.
35 Vgl. Dinges: Soldatenkörper, 80.
36 Peters: Söldnerleben, 90.
37 Ebd., 103.
38 Dinges: Soldatenkörper, 98.
39 Vgl. Ulbrich u.a.: Gewalt in der frühen Neuzeit, 12.
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3.1 Legitimation und Delegitimation
Eine Legitimierungsstrategie für Gewalt bestand darin, dass man sie im Namen der Obrigkeit, also der potestas verübte. Solche Gewalt wurde wie schon beschrieben per se als legitime Herrschaftsdurchsetzung gesehen. Auch der Söldner legitimiert Gewalt auf diese Weise. Die Stadt Lüttich beispielweise hat nach seiner Aussage „den Churfursten nicht wollen gehorsam sein“ 40 - ein illegitimes Verhalten. Trocken bilanziert der Söldner die Folgen: Die Stadt wird zerstört. Ebenso wird ein Dorf samt 1000 Bauern vernichtet, weil diese sich „so mechtieg gewehret“ 41 . Widerstand gegen die potestas - in diesem Falle schlicht die überlegenen Söldner - ist hier ausreichend Rechtfertigung für Gewalt.
3.2 Gewalt abseits moralischer Bewertung
Der weitaus größere Teil der geschilderten militärischen Auseinandersetzungen wird gar nicht gerechtfertigt. In vielen Fällen könnte dennoch eine nicht extra verbalisierte, aber implizite Legitimität angenommen werden. Denn prinzipiell war legitim, was militärisch notwendig erschien. 42 Es ist die Kriegslogik, die damit nicht nur das Töten des Feindes rechtfertigte, sondern zudem auch den Akt der Verwüstung.
Plünderungen erwähnt der Söldner immer wieder, und so gut wie nie werden sie gerechtfertig. Er sieht sich auch nicht in der Pflicht, eine Begründung für den Frauenraub zu geben. 43 Ein Söldner im Dienst darf eben Gewalt anwenden. 44 So wird auch den Bewohnern der schon erwähnten Stadt Colmar ohne genannten Grund das Getreide vernichtet. Aber weil der Söldner solche Plünderungen in derart großer Zahl schildert entsteht der Eindruck, der Schreiber legitimiere hier nicht implizit, sondern gar nicht. Im fehlt offensichtlich schlicht das Unrechtsbewusstein. 45 Für einen Söldner war die Frage nach dem Warum des Krieges ohnehin prinzipiell überflüssig. So wird man weniger von impliziter Legitimation ausgehen als vielmehr vom überwiegenden Fehlen einer solchen.
40 Peters: Söldnerleben, 73f.
41 Ebd., 74.
42 Vgl. Pröve: Violentia und Potestas, 40.
43 Peters: Söldnerleben, 62f.
44 Vgl. Maren Lorenz: Besatzung als Landesherrschaft und methodisches Problem. Wann ist Gewalt Gewalt? Physische Konflikte zwischen schwedischem Militär und Einwohnern Vorpommerns und Bremen-Verdens in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, in: Claudia Ulbrich u.a. (Hg.): Gewalt in der Frühen Neuzeit. Beiträge zur 5. Tagung der Arbeitsgemeinschaft Frühe Neuzeit im VHD (Historische Forschungen 81), Berlin 2005, 155-
172, hier 171.
45 Vgl. Johannes Burkhardt: ‚Ist noch ein Ort, dahin der Krieg nicht kommen sey?’ Katastrophenerfahrungen und Kriegsstrategien auf dem deutschen Kriegsschauplatz, in: Horst Lademacher/Simon Groenveld (Hg.): Krieg und Kultur. Die Rezeption von Krieg und Frieden in der Niederländischen Republik und im Deutschen Reich 1568-
1648, Münster 1998, 3-19, hier 7.
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4 Die Sprache der Gewalt
Da der Söldner den kriegerischen Zustand mehr oder weniger dauerhaft erlebte, stellt sich die Frage, wie er mit der erlebten und verübten Gewalt umging. Rückschlüsse hierauf könnte der nun folgende Blick auf die sprachliche Realisierung der Gewalt ermöglichen.
4.1 Dokumentarischer Stil
Betrachtet man die Sprache, mit der die Gewalt im Tagebuch beschieben wird, so erscheint diese seltsam emotionslos. 46 Der Tod der eigenen Vorgesetzten etwa wird nüchtern festgehalten, wie sich bei der Belagerung Magdeburgs zeigt, wo gleich zwei Hauptmänner hinter einander „todt geschossen“ 47 werden. Im Unterschied zu den Todesfällen in der Familie, 48 enthält sich der Söldner bei der Kommentierung militärischer Verluste jeglicher Trauerformeln. Stattdessen dokumentiert er vornehmlich und in nüchternem Ton die Truppenstärke, den Kriegsverlauf sowie die Verluste der Kriegsparteien. 49 Dieser trockene Erzählstil führt hier und da zu grotesken Effekten, etwa wenn der Söldner sieben böse Menschen verbrennen sieht und wenige Zeilen später das Pumpernickel der Region lobt. 50 An dieser Stelle darf allerdings nicht vergessen werden, dass die überwiegende Mehrheit der Selbstzeugnisse des Dreißigjährigen Krieges buchhalterischen Charakter haben, 51 und der dokumentarische Schreibstil des Söldners somit übliche Praxis war.
4.2 Verrohung und Zynismus
Dennoch schlägt sich die alltägliche Ausübung von Gewalt, die Handwerk war, 52 auch in der Sprache nieder. So raubt der Söldner in Pforzheim ein Mädchen, sie wird „herausgefuhret“ 53 . Dabei ist zu bemerken, dass der Sohn des Söldners wenig später auch etwas herausführt, und zwar eine Kuh. Frau und Kuh scheinen in des Söldners Augen dieselbe Wertigkeit zu haben, beides ist schlicht Beute. Und mit knappen, derben Worte berichtet er von einem Kanoneneinschlag in seiner unmittelbaren Nähe. Dieser habe einem Mann und einer Frau „alle 4 fusse, dichte, am arsse weggeschossen“ 54 . Nur ein einziges Mal bekundet der Söldner
46 Vgl. Pröve: Violentia und Potestas, 37f. Für Pröve ist dies in Söldnertagebüchern des 17. Jahrhunderts typisches Phänomen.
47 Peters: Söldnerleben, 46.
48 Ebd., 43.
49 Peters: Söldnerleben, 53.
50 Ebd., 137.
51 Vgl. Krusenstjern: Buchhalter ihres Lebens, 139f.
52 Vgl. Pröve: Violentia und Potestas, S. 31.
53 Peters: Söldnerleben, 63.
54 Ebd., 76.
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bei einer militärischen Auseinandersetzung „von herdtzen leit“, 55 und zwar bei der Zerstörung Magdeburgs. Allerdings reut ihn die brennende Stadt nur, weil er heimatliche Gefühle für sie empfindet.
Ungleich öfter kommentiert der Söldner die erlebte und verübte Gewalt mit einer gehörigen Portion Zynismus. Er gibt an, bei Straubing seien sie von den feindlichen Schweden „wilkommen geheissen“ 56 worden, oder berichtet vom braven Spiel mit den Kanonen. 57 Seine schwere Verwundung vor Magdeburg bezeichnet er gar als seine „beute“ 58 und kommentiert die verheerende Niederlage bei Leipzig mit sarkastischem Ton: „was wir In der altmargk, gefressen haben, haben wir Redelich must wieder kodzen fur leiebcig.“ 59 Er spottet zudem, wenn er meint, er habe vor Wohldenberg „eingeerntet, Aber es ist des pauren nudtz nicht gewessen“ 60 .
4.3 Verdrängungsmechanismen
Schildert der Söldner die mitverübten Gewalttaten, so versteckt er sich fast ausschließlich hinter dem Kollektiv der Truppe, etwa wenn er über die Städte und Dörfer bei Lüttich meint: „die haben wir meisten teils alle geplundert“ 61 bzw. angibt: „so haben wir das dorff, angezundet“ 62 . Oder er gibt schlicht die Verantwortung an den Befehlshaber ab, wie im Falle der Zerstörung einer Brücke: „die hat der gödtze, lassen weg // brennen“ 63 . Zuweilen schafft der Söldner auch Distanz durch Passivkonstruktionen, wenn er bei einen erneuten Frauenraub meint: Alhir habe Ich fur meine beute, ein huebsses medelien bekommen“ 64 . Oder er verwendet euphemistische Formulierungen, so wie bei der Schlacht um Freiburg. Dort sind die umgekommenen Männer schlicht „geblieben“ 65 , andernorts sind sie „siedtzen blieben“ 66 . Die größte Verdrängung aber und zweifellos eine bemerkenswerte Beobach-tung, die man über das Tagebuch des Söldners machen kann, ist diese: Obwohl das Töten sein Handwerk war, schildert der Söldner keinen einzigen von ihm begangenen Tötungsakt explizit. Gewiss ist der Söldner aktiv, berichtet etwa über die Eroberung zweier Schanzen des Feindes: „die
55 Ebd., 25.
56 Ebd., 53.
57 Ebd., 111.
58 Ebd., 47.
59 Peters: Söldnerleben, 51.
60 Ebd., 100. Vgl. hierzu die Anmerkung Peters’, 244.
61 Ebd., 74.
62 Ebd., 75.
63 Ebd., 86.
64 Ebd., 59.
65 Ebd., 114.
66 Ebd., 75.
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habe Ich helffen einnehmen“ 67 und bei der Erstürmung von Magdeburg gibt er an, er sei „mit sturmer handt“ 68 ohne Schaden in die Stadt gekommen. Diese Formulierungen zeugen sicher von Mord und Totschlag - aber eben nur indirekt. Und im zweiten Beispiel ist es zudem bloß die Hand, die mordet, eine verharmlosende Personifizierung hinter der sich das „Täter-Ich“ zurückzieht und so auf sprachlichem Wege Verantwortung abgibt. Wenn ein Soldat oder Befehlshaber der eigenen Truppe getötet wird, findet dies durchaus im Text Erwähnung. Die eigene, im Kampf verübte Gewalt aber bleibt nur angedeutet - sie wird verdrängt. Und so wird auch das Elend rings umher verdrängt, und nicht etwa kaum wahrgenommen, wie Peters meint. 69
Zusammenfassung
Das Tagebuch des namenlosen Söldners ist das Selbstzeugnis eines Mannes, der seinen Lebensunterhalt verdiente, indem er anderen Gewalt antat. 70 Er tötete von Berufswegen, deshalb unterscheidet sich sein Tagebuch erheblich von anderen zeitgenössischen Selbstzeugnissen. Viele Chronisten bekundeten immer wieder ihre Unfähigkeit, den grausamen Krieg angemessen in Worte fassen zu können 71 - der Söldner hingegen artikuliert eine solche Unfähigkeit zu keiner Zeit. Wie ein roter Faden zieht sich die Gewalt dennoch durch sein Tagebuch, die Schlachten sind allgegenwärtig, genauso wie Plünderungen und Massensterben.
Hier und da rechtfertigt der Söldner das Töten, zumeist aber spielen solcherlei Legitimationen keine Rolle, zu selbstverständlich wird Gewalt erlebt und ausgeübt. Stattdessen berichtet der Söldner in nüchternem Dokumentarstil von der alltäglichen Katastrophe und ist, was die militärischen Auseinadersetzungen angeht, in seiner Sprache verroht und zynisch. Gleichwohl verdrängt er die Gewalt. Das erzählende Ich mordet niemals explizit, bedient sich hier einer verhüllenden, verharmlosenden Sprache. So distanziert sich der Söldner von seiner Täterrolle
- obgleich diese regelmäßig sein Leben bestimmte.
67 Ebd., 75.
68 Ebd., 47.
69 Vgl. Peters: Söldnerleben, 228.
70 Vgl. Burschel: Himmelreich und Hölle, S. 181.
71 Vgl. Krusenstjern: Buchhalter ihres Lebens, S. 143.
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Quellen- und Literaturverzeichnis
Quellenverzeichnis
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Quote paper:
Lars Gewehr, 2006, „so haben wir das dorff, angezundet vndt lassen brenen“ - Gewalt im Tagebuch eines unbekannten Söldners aus dem Dreißigjährigen Krieg, Munich, GRIN Publishing GmbH
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Lars Gewehr's text „so haben wir das dorff, angezundet vndt lassen brenen“ - Gewalt im Tagebuch eines unbekannten Söldners aus dem Dreißigjährigen Krieg is now available as a printed book
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