Inhalt
1. Einleitung 3
2. Kommunikation in Medien und Presse. 7
2.1. Kommunikation: Begriffsklärung 7
2.2. Zeichentheorie. 11
2.3. Mediale Kommunikation 14
2.4. Publizistik / Medienwissenschaft. 20
2.5. Mediensprache und Kritik. 21
2.5.1. Allgemeines zur Mediensprache 23
2.5.2. Funktionen von Mediensprache 25
2.5.3. Praktische Anwendung der linguistischen Medienforschung 27
2.5.4. Mediengeschichte und Sprachwandel 33
2.5.5. Presse und Pressesprache 36
2.5.6. Pressekritik. 39
3. Die spanische Presse - Geschichte und Sprache 48
3.1. Geschichte 48
3.2. Sprache: Lenguaje periodístico. 53
3.2.1. Heterogenität des Kodes 58
3.2.2. Heterogenität der Inhalte. 59
3.2.3. Kontaminierung’ des lenguaje periodístico. 61
3.3. Verwendung des Spanischen in der Presse 64
3.3.1. Grafische Ebene 65
3.3.2. Phonische Ebene 65
3.3.3. Morphosyntaktische Ebene 66
3.3.4. Lexikalische Ebene 74
3.3.5. Anmerkungen zur Syntax. 78
4. Schluss 81
5. Literatur. 83
5.1. Verwendete Zeitungen und Illustrierte. 83
5.2. Sekundärliteratur 83
2
1. Einleitung
Efectivamente, como sostienen algunos investigadores, el estudio del lenguaje de la prensa, por su poder difusor y de fijación, puede aportar datos de un gran interés lingüístico: estos son indicativos del mayor o menor grado de acatamiento hacia las normas que rigen el funcionamiento de la lengua y revelan tendencias que pueden ayudar a predecir posibles alteraciones del sistema y ciertas desviaciones de los usos. 1
Sprachwissenschaftliche Untersuchungen von Massenmedien bieten eine Fülle von Anhaltspunkten für Forschungen über die Sprache eines Landes oder einer Gesellschaft. Dennoch werden solche Untersuchungen in der an sich reichhaltigen Forschung über Massenkommunikation und Massenmedien meist vernachlässigt. Wenn sie stattfinden, dann überwiegend einseitig und oft nur in Form von Kritikwas nach Erich Straßner durchaus „zu begrüßen ist, wenn die analytischen Grundlagen der Interpretation auch stimmig sind“ 2 . Eine solche Kritik kann aber natürlich nicht alleine den Anspruch einer umfassenden Beschäftigung mit Sprache in den Medien erfüllen.
Kritik an der Presse- und allgemeinen Mediensprache gehört laut Jürgen Wilke vielmehr zur „moralisierend-kulturpessimistischen Abwehr“ 3 neuer Medien durch die Forschungselite. Die Medien ermöglichen ja im positiven Sinne auch der breiten Masse einen Zugang zum Wissen, der ihr früher verwehrt war, sie popularisieren das Wissen sozusagen. Dass diese Tatsache positive wie negative Folgen haben kann, steht außer Frage. Der Einfluss, den die Medien damit auf den Sprachgebrauch in der Gesellschaft haben - wo genau sie also Sprache nur wiedergeben und wo sie selbige mitgestalten -, ist Wilkes Ansicht nach außerdem immer noch weitgehend ungeklärt. 4 Dabei gilt es auch zu beachten, dass die Presse, ebenso wie alle anderen Medien, nicht primär zur Sprachpflege geschaffen wurde. 5
1 Humberto Hernández (2004): El mensaje en los medios. A propósito del estudio lingüístico de la prensa regional canaria. Madrid: Iberoamericana, 197.
2 Erich Straßner (1981): „Sprache in Massenmedien - Ein Forschungsüberblick“, in: Günter Bentele (Hg.): Semiotik und Massenmedien. München: Ölschläger, 57-74, hier 65.
3 Jürgen Wilke (1981): „Sprache in den Massenmedien - Anforderungen an die Wissenschaften“, in: Günter Bentele (Hg.): Semiotik und Massenmedien. München: Ölschläger, 75-80, hier 75.
4 Wilke 1981:75.
5 Ebd., 78.
3
Für diese Arbeit wurde unter den für Untersuchungen der spanischen Sprache zur Auswahl stehenden Massenmedien die Presse ausgewählt. Sie bietet sich einerseits an, weil sie als Druckerzeugnis leicht dokumentier- und archivierbar ist und deshalb für sprachwissenschaftliche Betrachtungen besonders geeignetes Material zur Verfügung stellt. Andererseits ist sie als Produkt des Buchdrucks aber auch das älteste Massenmedium im heutigen Sinne. So ist sie auch bei der Betrachtung der geschichtlichen Entwicklung von Kommunikation in allen westlichen Ländern Europas eines der zentralsten Elemente. Vom Zeitpunkt ihres Entstehens an war sie die essentiellste Übertragungsmethode von und für Massenkultur, und bis zum Erscheinen der audiovisuellen Medien auch die einzige. 6
Eines der frühesten Zeugnisse der Pressekritik ist ein überaus Positives: Kaspar Stieler verteidigte 1695 in „Zeitungs Lust und Nutz“ 7 die Presse gegen Angriffe und gegen den Vorwurf, sie verursache einen Verfall der Sprache. Den Anfang der modernen Forschung über Pressesprache machte in Deutschland Anfang 1893 I. Sabin mit „Die Sprache der Presse und des Parlaments“ 8 . Darin wies er auf die Notwendigkeit der Differenzierung von Pressesprache sowie auf mit ihr verbundene Erscheinungen wie Nominalisierungen, Neologismen, Formeln und Klischees hin. Erst 1938 wurden seine Forschungsansätze mit „Die Zeitungssprache“ von Franz Kiener und einer Arbeit mit dem gleichen Titel von Franz Rodens 9 fortgeführt. In beiden Werken erhoben die Autoren den Anspruch auf allgemeingültige Aussagen hinsichtlich ihres Themas, was aber in diesem Zusammenhang kaum möglich ist, wie in Abschnitt 2.5. dieser Arbeit zu sehen sein wird. Ebenfalls kritisch betrachtet werden sollte der Einsatz von statistischen Analysemethoden für den Versuch, anhand von Worthäufigkeiten oder ähnlichen, eigentlich zu vielschichtigen Faktoren allgemeingültige Regeln herzuleiten. 10
6 Josep Lluís Gómez Mompart (1989): „¿Existió en España prensa de masas? La prensa en torno a 1900“, in: Jesús Timoteo Álvarez (Hg.): Historia de los medios de comunicación en España. Periodismo, imagen y publicidad (1900-1990). Barcelona: Ariel Comunicación, 27-40, hier 27.
7 Nach Wilke 1981:75. Wilke gibt als Erstveröffentlichungsjahr 1965 an, wobei es sich aber um einen Zahlendreher handeln muss.
8 I. Sabin (1893): Die Sprache der Presse und des Parlaments. Kiel: Lipsius u. Tischer (= Deutsche Schriften für Literatur und Kunst 2, Band 6).
9 Franz Kiener (1938): Die Zeitungssprache. Eine Deutung ihrer psychologischen Grundlagen. Würzburg: Trilitsch sowie Franz Rodens (1938): Die Zeitungssprache. Bonn: Röhrscheid.
10 Straßner 1981:58-60.
4
Aus diesem Grund findet bis heute eine sprachwissenschaftlich orientierte Forschung im Bereich der Medienkommunikation eher punktuell und mit Hilfe von bestimmten eingeschränkten Korpora statt. 11 Sie kann sich dabei kaum auf Kooperationen mit Fachgebieten wie der Medienwissenschaft stützen - eine interdisziplinäre Forschung findet in diesem Bereich noch kaum statt. Straßner diagnostiziert deshalb in seinem Forschungsüberblick: „Linguisten arbeiten also offensichtlich alleine, unverdrossen oder verdrossen an Problemen, die wie bei Rezeptionsanalysen kaum jemals von einzelnen bewältigt werden können.“ Dabei verwenden sie zwar eine Vielzahl von Methoden, hauptsächlich konzentrieren sie sich aber auf „Sprachstatistik, Lexik, Syntax, neuerdings auf Handlungstheorien und Kommunikationsbeschreibungen“, kaum auf Semantik. 12 Deshalb stützen sich die sprachwissenschaftlichen Untersuchungen der spanischen Presse in dieser Arbeit auf bestehende Publikationen zu diesem Thema, die ihrerseits auf der früheren Forschung von anderen Linguisten basieren. So kann aus den Forschungsergebnissen einzelner, ursprünglich isolierter linguistischer Arbeiten eine umfassendere Darstellung entstehen.
Besondere Berücksichtigung erfährt hierbei „El español en los medios de comunicación” von Maria Victoria Romero Gualda 13 . Die Arbeit basiert auf Untersuchungen Lázaro Carreters und anderer Linguisten sowie auf eigenen Beobachtungen und überzeugt trotz ihrer teilweise dogmatisch anmutenden Argumentation durch ihre übersichtliche Struktur, die für die Ausführungen in dieser Arbeit größtenteils übernommen wurde. Aufgrund der bei Romero Gualda sowie allgemein bisher in der Forschung relativ geringen Berücksichtigung von semantischen Aspekten in der spanischen Presse werden sie auch im Rahmen dieser Arbeit meist ausgeklammert. Sie grundlegender zu untersuchen bleibt aber eine wichtige Aufgabe für die sprachwissenschaftliche Medienforschung - nicht nur in Bezug auf die spanische Presse.
11 Straßner 1981: 65.
12 Straßner schließt seine Beobachtungen mit den Worten: „Soweit mein - sicher subjektiv gefärbterÜberblick über den Forschungsstand, wobei es auch möglich wäre, daß ich in der Isolation der schwäbischen Provinz wichtige Entwicklungen oder Aspekte übersehen oder verdrängt habe“ (ebd.). Diese Aussage liefert neben der humorvollen Wirkung, die sie beabsichtigt, auch ein Indiz dafür, dass nicht nur ein Überblick über das Thema Medienforschung schwierig ist, sondern auch über linguistische Arbeiten in diesem Forschungsbereich, obwohl diese wie erwähnt oft eher zu kurz kommen - da sie so vielfältig sind.
13 Maria Victoria Romero Gualda (1993): El español en los medios de comunicación. Madrid: Arco Libros.
5
Für eine Annäherung an die Thematik dieser Arbeit ist es notwendig, auf einige Grundlagen der Kommunikation, und dabei vor allem der medialen, näher einzugehen. Zu diesem Zweck wird in Kapitel 2 zunächst die Kommunikationstheorie im Allgemeinen beleuchtet, dann die
Medienkommunikation im Speziellen und schließlich die Mediensprache als ihr linguistischer Aspekt. Mit den Ausführungen zur Pressesprache als einzelner Bestandteil der Mediensprache sowie zur Pressekritik als entscheidendes Element bisheriger linguistischer Betrachtungen zum gegebenen Untersuchungsbereich soll anschließend ihre Zuordnung in einen größeren Zusammenhang ermöglicht werden. In Kapitel 3 wird schließlich ein Überblick über die Geschichte der spanischen Presse gegeben, um dann - zunächst mit einigen allgemeinen Zusammenhängen und schließlich mit detaillierteren Aspekten - zu ihrer sprachwissenschaftlichen Untersuchung überzugehen.
6
2. Kommunikation in Medien und Presse
Kommunikation gilt als einer der wichtigsten Bestandteile für die so genannte „postmoderne Übergangsgesellschaft“ 14 . Sie wird als eine grundlegende Substanz des Menschen angesehen und unterscheidet ihn insofern von anderen Lebewesen, als dass es zum menschlichen Streben gehört, Kommunikation zu erweitern, zu verstetigen und ständig zu verbessern. Daraus ergibt sich eine fortwährende Weiter-und Neuentwicklung von Technologien und Geräten, die diesem Zweck dienen sollen.
2.1. Kommunikation: Begriffsklärung
Der Begriff der Kommunikation muss als sehr weitreichend angesehen werden, da seine Erweiterungen und Differenzierungen mittlerweile kaum mehr überschaubar sind. Die folgenden Beispiele sollen das illustrieren:
- Ein Moderator im Hörfunk zum Korrespondenten: „Hallo, ich kann Sie nicht mehr verstehen, die Leitung wird immer schlechter…. Hallo, es hat keinen Sinn mehr, wir wählen Sie nochmals neu an. Dazwischen spielen wir eine Musik…“
- Ein Hamburger Tourist zur bayerischen Wirtin: „Ich weiß zwar, dass Sie auch Deutsch sprechen, aber ich kann Sie leider nicht verstehen. Englisch fällt mir noch leichter als Ihr Dialekt.“
- Eine Frauenrechtlerin: „Männer und Frauen haben verschiedene Sprachen. Sie reden oft aneinander vorbei, und vielfach verstehen sie nichts voneinander.“
- Aus einer Fachzeitschrift: „Moderne IT-Systeme sind kommunikationsfähig: Routineaufgaben erledigen sie selbständig, die rufen die Daten selbständig bei den Hosts ab und übermitteln sie automatisch an die angewählten Interfaces.“
- Moderne Unternehmen entdecken Kommunikation als wichtiges Instrument der Sicherung und Verbreitung des Know-how ihrer Mitarbeiter, als weichen
14 Nach Hans-Dieter Kübler (2003): Kommunikation und Medien - eine Einführung. Münster: Lit, 7.
7
Faktor der Effizienz und Produktivitätssteigerung, als Instrument des Personalmanagements.
- Aus der Zoologie: „Die Fledermäuse verfügen über ein eigenes, recht differenziertes Kommunikationssystem. Sie senden Ultraschallwellen aus und nehmen das zurückkommende Echo wieder auf (Echolot).“
- In der Gruppentherapie: „Unser Körper besitzt eine eigene Sprache, mit der wir Wahrnehmungen, Empfindungen, Regungen und Gefühle meist unwillkürlich ausdrücken. Wir müssen diese Sprache kennen- und mit ihr umgehen lernen. Denn auf sie reagieren die anderen ebenso intuitiv. Erst wenn wir uns dieser Körpersprache bewusst sind, können wir erkennen, wie wir auf andere wirken, und können am Ende diese Wirkungen beeinflussen.“ 15
Es wird deutlich, dass das Thema zwar überall ‚Kommunikation’ ist, aber die Bedeutung des Begriffs sich teilweise stark voneinander unterscheidet.
Etymologisch gesehen stammt Kommunikation vom lateinischen com-munis ab, was gemeinsam verpflichtet bedeutet. Durch den angehängten Agens-Suffix c[a], ‚machen’ (von facere), wird die semantische Richtung angedeutet, was aber „die Bandbreite gegenwärtiger Definitionen und Verwendungen weder gänzlich abdecken noch erklären“ kann. Der semantische Kern von Kommunikation liegt „zwischen oberflächlicher, zweckdienlicher Verständigung und tieferem Verständnis“. Darüber herrscht so lange eine „vage Übereinstimmung“, wie der Begriff nicht für eine ganz bestimmte Verwendung reklamiert wird. 16
Kommunikation ist ein Phänomen und ein Begriff des Alltags. Menschen kommunizieren fast ständig und sind sich dessen auch bewusst, denn sie reflektieren darüber in Form von Metakommunikation. Kommunikation ist an sich labil und beinhaltet ein Risikopotential, andererseits würde ohne sie das Menschsein gestört sein oder gar absterben. Kommunikationsstörungen sind gleichermaßen Ursache und Folge persönlicher und sozialer Desorientierung; sie müssen unter Umständen
15 Nach Kübler 2003:7f.
16 Ebd., 8.
8
therapiert werden. Kommunikation ist außerdem mühsam: sie gelingt seltener, als dass sie misslingt. 17 Das bedeutet: Je komplexer eine Gesellschaft sozial strukturiert ist, umso häufiger können Verständigungsprobleme auftreten. Eine erfolgreiche Kommunikation setzt eine symmetrische Beziehung und wechselseitigen Austausch voraus. Bei einseitiger Kommunikation werden Nachrichten zwar von Empfängern aufgenommen, aber es besteht die Gefahr, dass diese sie nicht wie beabsichtigt verstehen. 18 Aus den verschiedenen Branchen, die mit Erzeugung, Verbreitung, Unterrichtung und Therapie von Kommunikation öffentlich wie privat in Zusammenhang stehen - von Journalismus und Werbung über Kommunikations-, Rhetorik- und Schreibtraining bis hin zur Gesprächstherapie -, sind so mittlerweile fest etablierte Wirtschaftszweige geworden. 19
Kommunikationsbegriffe können aber auch in einem technischen Sinne verstanden werden. Sie stehen dann in Zusammenhang mit der rasanten Entwicklung von Kommunikationstechniken, die Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem Telegraf einsetzte und anschließend Schritt für Schritt erweitert wurde; zunächst mit Erfindungen wie dem Telefon, später dann den Massenmedien und derzeit der Mikroelektronik und Netztechnik. Durch die vielfältigen Herausbildungen von Schrift, zurückgehend auf die Erfindung des Drucks als erste mechanische Reproduktion von Schrift, haben so in der Vergangenheit mehrere einschneidende Kommunikationsrevolutionen stattgefunden.
Darüber hinaus kann das Kommunikationsverständnis auch wissenschaftlicher Natur sein. In dieser Funktion liefert es Erkenntnisse über persönliche und soziale Relevanz, also Bedeutung und Macht von Kommunikation. Wie bereits erläutert, ist die Kommunikationsfähigkeit eine derjenigen Begabungen des Menschen, die ihn von anderen Lebewesen unterscheiden lässt. Kommunikationsfähigkeit ist ein wichtiger Teil seiner Sozialität, was die Gesellschaft zu einem strukturierten, beständigen Gefüge von Kommunikationsbeziehungen macht.
17 Kübler 2003:9.
18 Peter Hunziker ( 2 1996): Medien, Kommunikation und Gesellschaft. Einführung in die Soziologie der Massenkommunikation. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1-2.
19 Kübler 2003:9.
9
Die Kommunikationstheorie ist außerdem eine Grundlage der Sozialwissenschaft. Die funktional-strukturelle Systemtheorie des Soziologen Niklas Luhmann beinhaltet Kommunikation als zentralen Systembegriff. 20 Systeme aktualisieren demnach nicht nur Kommunikation, sondern konstituieren sich dadurch und differenzieren sich voneinander.
Kommunikation kann ferner intentionale und wertende Implikationen beinhalten. Damit steht sie nicht nur als eher neutraler Begriff für den Austausch und die Interaktion von Menschen durch Symbole wie Sprache, Mimik oder Gestik, sondern sie enthält auch wertende Aspekte, die aus den erstrebenswerten Zielen der Verständigung hervorgehen: dem Verstehen, dem Einigwerden, der Harmonie und dem Vertrauen. Da Menschen diese Ziele unentwegt anstreben und dabei immer wieder teilweise oder gänzlich scheitern, ist dies eine besonders interessante Seite der Kommunikation.
Hinter der an sich neutralen Bedeutung von Kommunikation lassen sich zudem Ziele wie die Überzeugung von Menschen zu einer bestimmten Handlung oder Auffassung verbergen, wie dies beispielsweise Werbung und Propaganda verfolgen. Kommunikation kann Emotionen erzeugen und durch Suggestion Produktivität und Einsatzbereitschaft fördern.
Begründungen für die Bedeutung von Kommunikation sind allgemein das Ergebnis von makrostrukturellen, also gesamtgesellschaftlichen Analysen. Da aus modernen Industriegesellschaften komplexe Dienstleistungs- und Informationsgesellschaften werden, sind folglich elementare Rohstoffe und Produktionsfaktoren nicht mehr nur materielle Dinge oder Kapital und Arbeit, sondern auch Informationen, Ideen, Konzeptionen, Problemlösungen, Daten, Kalkulationen sowie Hard- und Software. Materielle Güter werden hingegen in weniger entwickelten Ländern hergestellt. 21
Anhand dieser Ausführungen wird deutlich, dass es in der Wissenschaft unterschiedliche Vorstellungen zum Kommunikationsbegriff gibt. 1977 fand der
20 In Niklas Luhmann (1984): Soziale Systeme - Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt/Main: Suhrkamp.
21 Kübler 2003:9-10.
10
Kommunikationswissenschaftler Klaus Merten bereits 160 verschiedene Definitionen, die er in seiner Dissertation anhand einer systematischen Begriffs- und Prozessanalyse herausstellte. Er favorisierte dabei die folgende Definition: Kommunikation ist Interaktion erweitert durch sechs Kriterien:
1. Reziprozität (Wechselseitigkeit),
2. Intentionalität,
3. Anwesenheit,
4. Sprachlichkeit,
5. Wirkung,
6. Reflexivität (Rückbezüglichkeit).
Von diesen war für ihn die Reflexivität das wichtigste und allgemeinste Kriterium. 22 Einen Konsens über die Definition von Kommunikation konnte sich bis heute aber nicht herausbilden.
2.2. Zeichentheorie
Die menschliche Erfahrungswelt besteht zu einem großen Teil aus Objekten und Ereignissen mit symbolischer Bedeutung. Solche Zeichen sind nicht nur welche, die Botschaften übermitteln sollen, sondern auch andere Sachverhalte, die von der Natur oder von Menschen hervorgebracht werden. Symbolische Bedeutungssysteme der menschlichen Lebenswelt reichen etwa von der Aufforderung zur Benutzung eines Stuhls bis hin zu Kunstwerken oder wissenschaftlichen Abhandlungen. Der Mensch übernimmt Verhaltensweise und Erfahrungen anderer Menschen mittels Symbolen und integriert sich so in die Gesellschaft. Soziale Regelungen werden symbolisch übermittelt. „Die Auseinandersetzung mit der Umwelt über Symbole ist geradezu das Kennzeichen des menschlichen Handelns und Denkens.“ 23 Symbole bilden zusammenhängende Systeme, die -vereinfachend, systematisierend,
verallgemeinernd oder interpretierend - aufeinander verweisen. Eine symbolische Aussage repräsentiert eine Bedeutung, wobei die Zuordnung aber selten eindeutig ist und die symbolische Aussage oft komplexer als der repräsentierte Gegenstand. „Die
22 Klaus Merten nach Kübler 2003:11.
23 Hunziker 2 1996:51.
11
hohe Komplexität der modernen Sozialwelt rührt nicht zuletzt daher, daß sie aus einer Vielzahl sich überschneidender und sich aufeinander beziehender Symbolsysteme besteht.“ 24
Zeichen sind also Elemente, aus denen eine Nachricht besteht. Sie sind Verständigungsmittel und stellen den Bezug auf das Bezeichnete her. Zeichencharakter erhalten sie erst durch den Konsens der Kommunikationspartner. Kommunikative Zeichen befinden sich immer in Systemen und sind sinnlich wahrnehmbar, also hörbar, sichtbar oder tastbar. Ein Zeichensystem kann auch in ein anderes übersetzt werden; so sind Noten die Übersetzung von auditiven in visuelle Zeichen. Für eine erfolgreiche Verständigung müssen Zeichensysteme weitgehend übereinstimmen. Sie sind kulturell und historisch gebunden.
Die Zeichentheorie besteht aus mehreren Einzelbereichen:
- Die Syntaktik beinhaltet die Bestimmung einzelner Elemente und ihrer formalen Beziehungen untereinander.
- Die Semantik beschäftigt sich mit der Bedeutung von Zeichen und dem Zusammenhang zwischen einem Zeichen und dem von ihm dargestelltem Objekt. Zeichen sind oft vieldeutig und brauchen einen Zusammenhang um verstanden zu werden.
- In der Sigmatik geht es um die allgemeine Beziehung zwischen Zeichen und Objekt und die Unterscheidung von Bezügen (Ikonie, Index, Symbole 25 ).
- Die Pragmatik beschreibt schließlich die Beziehung von einem Zeichen zu seinem Adressat oder Betrachter, also die funktionale Zweckorientierung von Zeichen, mit denen eine bestimmte Wirkung beabsichtigt wird. Diese Wirkung kann von der eigentlichen Intention des Senders durchaus abweichen. 26
Für die Verständlichkeit von Zeichen gibt es nach Schulz von Thun die folgenden vier Kriterien:
24 Ebd., 50.
25 Erläuterungen dieser Begriffe siehe Bernward Hoffmann (2000): Kommunikation und Medien. Einführung und Praxis aus (sozial-)pädagogischer Perspektive. Münster: Waxmann, 41.
26 Hoffmann 2000:41.
12
- Einfachheit (in der sprachlichen Formulierung),
- Gliederung - Ordnung (im Aufbau des Textes),
- Kürze - Prägnanz (statt weitschweifiger Ausführlichkeit),
- Zusätzliche Stimulanz (anregende Stilmittel - auch didaktisch eingesetzte Medien). 27
Außerdem besteht das so genannte Nachrichtenquadrat aus vier wesentlichensowohl sprachlichen als auch nichtsprachlichen - Aspekten einer Nachricht:
1. Sachaspekt: Inhalt der Information
2. Beziehungsaspekt: Beziehung des Senders zum Empfänger
3. Selbstoffenbarungsaspekt: Ich-Botschaft des Senders
4. Appellaspekt: Beabsichtigte Wirkung beim Empfänger
Im Beispielsatz „Du meinst, Du weißt alles besser!?“ lassen sich diese vier Aspekte wie folgt aufgliedern: Der Sachinhalt ist: Du hältst Dich für sehr klug. Unter dem Beziehungsaspekt wird ausgesagt: Ich möchte von Dir nicht belehrt werden. Die Selbstmitteilung ist: Ich bin verärgert und der Appell: Spiel Dich nicht so auf. 28
Kommunikatives Handeln ist die bewusste und zielgerichtete Ausführung von Bedeutungsvermittlung. Personen, die an Kommunikationsvorgängen beteiligt sind, sind sich nicht unbedingt immer bewusst, welche Ziele und Interessen ihre Kommunikationspartner haben. „In vielen Versuchen der kommunikativen Beeinflussung - etwa in der Werbung - wird eine solche Klärung nicht angestrebt, oft wird sie sogar bewußt vermieden.“ Für eine erfolgreiche Bedeutungsübermittlung müssen die beteiligten Kommunikationspartner über gemeinsame Zeichen verfügen, das heißt dass hinter Zeichen für alle Beteiligten der gleiche Sinn steht. Symbolsysteme sind so die Voraussetzung für erfolgreiches soziales Handeln (nach der soziologischen Handlungstheorie): „Dem kommunikativen Handeln liegt in der Regel ein größeres System von Symbolen zugrunde. Solche Symbolsysteme nennt man ‚Sprachen’“. 29
27 Schulz von Thun zit. nach Hoffmann 2000:42.
28 Schulz von Thun zit. nach Hoffmann 2000:42f.
29 Hunziker 2 1996:2.
13
Wichtige Produzenten solcher Zeichensysteme sind die Massenmedien, die Orientierungshilfen geben und die Komplexität der Welt verständlicher machen wollen. Aufgrund der Mehrdeutigkeit von Zeichensystemen können Empfänger Medienbotschaften jedoch ganz unterschiedlich aufnehmen. Vereinfachungen und Weglassungen sind bei Nachrichten unerlässlich, was aber die Bedeutung je nach Empfänger variieren lassen kann. Der Empfänger will entweder einen Ersatz für die eigene Teilnahme an einem Ereignis, bereits bekannte Informationen bestätigen und präzisieren, oder er will sich unterhalten lassen. Für seine Distanz zu den in den Medien vermittelten Inhalten sind das Vorwissen und die intellektuelle Kompetenz eines Rezipienten genauso entscheidend wie die emotionale Verfassung, die Motivationslage, die soziale Situation der Mediennutzung, die Gestaltungsform der Aussage oder das Umfeld. Bei Medienanalysen muss dies stets berücksichtigt werden. 30
Einer der bekanntesten Sätze aus der Kommunikationstheorie lautet: „Man kann nicht nicht kommunizieren“ 31 . Denn Kommunikation besteht nicht nur aus ihren Inhalten, sondern auch aus paraverbalen Aspekten wie der Sprachqualität - Tonfall, Lautstärke etc. - und nonverbalen wie der Körpersprache. In der schriftlichen Kommunikation fallen einige dieser Aspekte weg, dafür treten andere hinzu, die in der mündlichen wiederum nicht möglich sind. Dadurch, dass der Beziehungsaspekt den Inhaltsaspekt bestimmt, stellt er eine Metakommunikation dar. 32
2.3. Mediale Kommunikation
„Die Wahl des Mediums verändert den Kommunikationsprozess.“ 33 Mediale Kommunikation stellt meist eine Art von Massenkommunikation dar. Für ihre Realisierung sind technische Übermittlungs- und Speichermedien vonnöten. 34
30 Ebd., 49-51.
31 Paul Watzlawick u.a. (1969): Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Störungen, Paradoxien. Stuttgart/Bern: Huber, 53.
32 Hoffmann 2000:45.
33 Ebd., 59.
34 Hunziker 2 1996:6-8.
14
Mediale Kommunikation unterscheidet sich von unmittelbarer interpersoneller Kommunikation insofern, als kommunikative Vorgänge trotz räumlicher und zeitlicher Distanz stattfinden. Erstmals wurde dies durch Entstehung der Schrift möglich. Die ersten Zeitungen entstanden häufig durch das Bedürfnis nach neuen Formen des öffentlichen Austausches. „Mit der Zeit wurde Massenkommunikation aber selbst zu einem äußerst komplexen System, dessen Komplexität es zu reduzieren gilt […].“ 35 Ebenso wie bei interpersoneller gibt es auch bei medialer Kommunikation einen Kommunikatoren, der ein bestimmtes Ziel verfolgt, weswegen die Aussage kodiert - zum Beispiel in Form von Sprache oder Bildern -und über ein Medium übertragen wird, damit der Empfänger, oder vielmehr „eine relativ unbegrenzte Zahl von Empfängern“, sie wieder entschlüsseln kann. 36
Zur Unterscheidung zwischen medialer und interpersonaler Kommunikation bietet die Laswell-Formel 37 folgende Anhaltspunkte:
- Warum? Intention, Absicht, Zweck der Kommunikation. Bei direktpersonaler und medialer im Wesentlichen gleich, bei medialer aber mit fiktivem Gegenüber.
- Wann, wo, unter welchen Umständen? Soziostruktur, räumlicher, zeitlicher, situativer Zusammenhang. Er spielt für Kommunikation eine wichtige Rolle. Zu medialer Kommunikation gehören die Produktions- und die Rezeptionssituationen, zwischen denen das Medienprodukt liegt.
- Wer? Psychostruktur des Senders. Bei medialer Kommunikation ist der Sender oft keine einzelne Person, also liegt eine „unreale Partnersituation“.
- Worüber? Objekt, Gegenstand der Kommunikation.
- Was? Inhalt der Kommunikation, auch nonverbal. Die klassische Inhaltseinteilung bei Medienaussagen ist die nach Information, Bildung oder Unterhaltung. Hier unterscheiden sich die Kommunikationssysteme nicht prinzipiell.
35 Hoffmann 2000:54.
36 Ebd., 54-55.
37 „Die Laswell-Formel ist ein vom US-amerikanischen Kommunikationswissenschaftler Harold D. Laswell 1948 in einer griffigen Formel festgehaltenes Modell der Massenkommunikation, an welchem sich das Lern- und Forschungsfeld der Kommunikationswissenschaft aufspannen lässt. Who says what in which channel to whom with what effect.” (http://www.enzyklopaedie.org/Laswell-Formel).
15
- Wodurch? Zeichensystem und Übertragungsmedium der Kommunikation. Das Medium kann sowohl technischer als auch nichttechnischer Natur sein. Zeichensysteme hängen vom Kanal ab (bei Radio zum Beispiel akustisch)
- Wie? Form, Dramaturgie und Methode, wobei Medien vielfältigere Möglichkeiten haben.
- Zu wem? Psychostruktur des Empfängers. Er kann bei medialer Kommunikation keine direkte, unmittelbare Rückmeldung geben, nur indirekt durch Änderung seines Rezeptionsverhaltens, also durch selektive Wahrnehmung.
- Mit welcher Wirkung? Ziele des Senders und Erwartungen des Empfängers, durch metakommunikative Akte erfahrbar. 38
Der Begriff der medialen Kommunikation zeigt, dass zwischen direkter Individual-und (technisch) medialisierter, indirekter Massenkommunikation eine Verwischung stattfindet. Es ergeben sich so ganz neue, interdisziplinäre Forschungsfelder. Der Unterschied zwischen Kommunikations- und Publizistikwissenschaft zur Medienwissenschaft besteht ohnehin nur aus unterschiedlichen historischen Wurzeln sowie verschiedenen methodischen Herangehensweisen, nicht aber aus Anforderungen des Gegenstandsfeldes. Letztlich kann Kommunikation mit all ihren Bedeutungen auch nicht optimal in einer einzigen Disziplin beschrieben werden. Daher sind alle Sozial- und Geisteswissenschaften zugleich auch Kommunikationswissenschaften, explizit wie implizit, sie verfügen dabei lediglich über eigene Zugänge und Methoden. 39 Überlappungen lassen sich kaum vermeiden und sind in vielen Fällen auch wünschenswert, um diesen umfassenden Forschungsbereich besser greifbar zu machen.
Geschichtlich betrachtet konnten mit der Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert schriftlich fixierte Kommunikationsinhalte erstmals für Massen hergestellt und verbreitet werden. Eine wesentliche Ausweitung des Publikums fand aber erst im 18. Jahrhundert statt, da immer mehr Leute lesen lernten. Mit Presse und Trivialromanen entstanden Massenmedien im heutigen Sinne im 19.
38 Nach Hoffmann 2000:56.
39 Kübler 2003:3.
16
Jahrhundert. Elektronische Medien wie Radio und Fernsehen folgten dann im 20. Jahrhundert. Sie erleichterten die Massenkommunikation, da für den Empfang von Sendungen zwar technische Geräte, aber keine besonderen Fähigkeiten - die über das normale Kommunikationsverhalten hinausgehen - bei den Empfängern vorhanden sein mussten.
Kommunikatoren oder Sender sind in der Regel komplexe Organisationen, während bei den Rezipienten oder Empfängern der Grad an Organisiertheit gering ist und sie im Gegenteil meist isoliert sind. Die meisten Menschen konsumieren Medien überdies eher beiläufig. Die weniger organisierten und spezialisierten Rezipienten sind in der Folge den Senderorganisationen unterlegen; es herrscht ein Machtgefälle zwischen Sendern und Empfängern. Die Sender gestalten den
Kommunikationsprozess aktiv, während die Empfänger daran eher passiv beteiligt sind. Für eine erfolgreiche Kommunikation brauchen die daran Beteiligten deshalb bestimmte Vorstellungen ihrer - bewusst oder unbewusst wahrgenommenen -Gegenüber. 40
Grundzüge solcher Vorstellungen können sich für die Medienproduzenten zum Beispiel aus Informationen über die Konsumenten und deren Reaktion ergeben, also aus der Publikumsforschung. Darüber hinaus entwickeln sie auch ein subjektives Bild von ihren Empfängern, basierend auf eigenen Erlebnissen und Äußerungen im Bekanntenkreis. Das hierbei zusammengefügte Ergebnis weicht jedoch nicht selten vom tatsächlichen Durchschnittskonsumenten ab. Empfänger hingegen fassen Medienproduzenten oft gar nicht als Kommunikatoren auf, sondern halten die Medieninhalte für Realität. „Sie neigen also dazu - ohne sich dessen immer klar bewußt zu sein -, die medial vermittelten Kommunikationsinhalte zur Stabilisierung sowohl ihres Selbstbildes als auch ihres Weltbildes zu benutzen.“ 41
40 Hunziker 2 1996:6f.
41 Ebd., 8.
17
Arbeit zitieren:
Antje Lehmann, 2005, Die Sprache in der spanischen Presse, München, GRIN Verlag GmbH
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