Vorwort
Der Verfasser dieser Diplomarbeit interessiert sich bereits seit vielen Jahren für die Arbeiten Niklas Luhmanns zu einer allgemeinen Sys-temtheorie. Durch das Studium an der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln eröffneten sich zahlreiche Möglichkeiten, das bislang erworbene Wissen durch entsprechende Lehrveranstaltungen zu erweitern und auf andere Studieninhalte zu reflektieren. Der systemtheoretischen Konzeption von Bewusstsein kam hier ein besonderes Interesse zu. Bedingt durch die gewählte Fächerkombination Psychologie / Psychiatrie und allgemeiner Heilpädagogik, in denen theoretische Ansätze dieser Art bislang wenig adaptiert wurden, eröffnete die Systemtheorie alternative Sichten auf komplexe Sachverhalte und traditionelle Theoriemodelle. Als Literaturarbeit konzeptioniert, soll diese Diplomarbeit die Ausführungen Luhmanns zu dem systemtheoretischen Sonderfall des psychischen Systems zusammenhängend ver- deutlichen.
Inhaltsverzeichnis II
Inhaltsverzeichnis
VORWORT I
INHALTSVERZEICHNIS II
ABBILDUNGSVERZEICHNIS V
ABK ÜRZUNGSVERZEICHNIS VI
1 EINLEITUNG 1
2 BEGRIFFLICHKEITEN DER SYSTEMTHEORIE 2
2.1 Der Begriff der Autopoiesis 2
2.1.1 Autopoiesis nach Maturana und Varela 2
2.1.2 Autopoiesis nach Luhmann 4
2.2 Psychische Systeme 6
2.3 Emergenz 7
2.4 Strukturelle Kopplung / Interpenetration 8
2.5 Komplexität 10
2.5.1 Kontingenz 11
2.5.2 Doppelte Kontingenz 12
2.6 Sinn 13
2.7 Kommunikation und Wahrnehmung 14
2.8 Zeit, Struktur und Prozess 17
2.9 Beobachtung und „Blinder Fleck“ 18
2.10 Realität durch Selbst- und Fremdreferenz 20
Inhaltsverzeichnis III
3 AUTOPOIETISCHE GENESE PSYCHISCHER SYSTEME 22
3.1 Autopoietisches Bewusstseinssystem versus Subjektbegriff 22
3.2 Konsequenzen der Geschlossenheit psychischer Systeme 24
3.2.1 Beobachtung und Teilnahme an Kommunikation 25
3.2.1.1 Operation der Beobachtung 25
3.2.1.1.1 Alter Ego 26
3.2.1.1.2 Paradoxie der Selbstreferenz 27
3.2.1.2 Teilnahme an Kommunikation als Kontakt 29
3.3 Erzeugung und Reproduktion von Gedankenereignissen 29
3.4 Entstehung und Formung des Bewusstseins 32
3.4.1 Bi-Stabilität und „crossing“ 33
3.4.2 Bedingte Fremdreferenz und Resonanz 33
3.4.3 Trivialmaschine versus Nicht-Trivialmaschine 34
3.4.3.1 Selbstintendierung, Ich, Identität 37
3.5 Kommunikation, Sprache und Bewusstsein 39
3.6 Erwartungen des Bewusstseins 42
3.7 Individuum: Differenz von Bewusstsein und Leben 43
3.7.1 Das Bewusstsein des „Beobachtetwerdens“ 45
3.8 Autopoietische Genese 47
4 SOZIALISATION UND ERZIEHUNG DES BEWUSSTSEINS 47
4.1 Sozialisation nach Luhmann 47
4.2 Selbstsozialisation 48
4.2.1 Voraussetzungen für die Erfassung von Erwartungen 49
4.2.2 Abweichung und Konformität 51
4.3 Individualität durch Abweichung sozialer Normen 51
Inhaltsverzeichnis IV
4.4 Erziehung 52
5 FAZIT 56
LITERATURVERZEICHNIS 61
Abbildungsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Strukturelle Kopplung operativ-geschlossener Systeme
Abbildung 2: Louis Kaufmans gekrümmter Pfeil
Abbildung 3: Trivialmaschine
Abbildung 4: Nicht-Trivialmaschine
Abbildung 5: Selbsterfahrung durch Selbstintendierung
1 Einleitung
Vor dem Hintergrund einer allgemeingültigen Theorie autopoietischer Systeme befasst sich die vorliegende Arbeit mit den Ausführungen Niklas Luhmanns über die Autopoiesis des Bewusstseins und deren Besonderheit in der Systemtheorie. So können psychische Systeme fortan als operationell-geschlossene, selbstreferentiell-sinnhaft operierende Systeme, getrennt von einem in der Umwelt befindlichen Gehirn definiert werden. Luhmanns systemtheoretische Sichtweise bietet, wie im Verlauf dieser Arbeit ersichtlich werden wird, präzise Funktionsmodelle des Bewusstseins an, ohne auf nicht näher erklärbare ontologische Begrifflichkeiten zurückgreifen zu müssen.
Da eine detaillierte Ausarbeitung der elementaren Definitionen den Rahmen dieser Diplomarbeit übersteigen würde, geht der Verfasser davon aus, dass sich der Leser bereits mit den Grundzügen der Sys-temtheorie nach Luhmann befasst hat. Nach einer Einführung ausgewählter Grundbegriffe, wird eingehend auf das Kernthema der autopoietischen Genese psychischer Systeme eingegangen, um daraufhin die Möglichkeiten der Individualisierung durch abweichendes Verhalten, sowie Sozialisation und Erziehung eines geschlossenen Be- wusstseinssystems zu betrachten.
2 Begrifflichkeiten der Systemtheorie
2.1 Der Begriff der Autopoiesis
Das Kunstwort „Autopoiesis“, (auch „autopoietisch“ oder „Autopoiesie“), DOWJULHFK .ú2)" ÄVHOEVW³ XQG & ÄVFKDIIHQ³ EHGHXWHW VRYLHO ZLH „Selbsterzeugung“ oder „Selbstherstellung“. Geprägt wurde dieser Begriff in den sechziger und siebziger Jahren, von dem chilenischen Biologen und Neurophysiologen Humberto Maturana.
2.1.1 Autopoiesis nach Maturana und Varela
Zusammen mit seinem Kollegen Francisco Varela nutzt Humberto Maturana den Begriff der Autopoiesis zur Beschreibung der Organisation von Leben. Beide definieren fortan ein Organisationsprinzip, dass frei von teleologischen Überlegungen und Annahmen für alle Lebewesen gelten und eindeutig auf chemische und physikalische Prozesse zurückgeführt werden kann. Maturana und Varela beschreiben ihre Überlegungen wie folgt:
“Eine autopoietische Maschine ist eine Maschine, die als ein Netzwerk von Prozessen der Produktion (Transformation und Destruktion) von Bestandteilen organisiert (als Einheit definiert) ist, das die Bestandteile erzeugt, welche 1. aufgrund ihrer Interaktionen und Transformationen kontinuierlich eben dieses Netzwerk an Prozessen (Relationen), das sie erzeugte, neu generieren und verwirklichen, und die 2. dieses Netzwerk (die Maschine) als eine konkrete Einheit in dem Raum, in dem diese Bestandteile existieren, konstruieren, indem sie den topologischen Bereich seiner Verwirklichung als Netzwerk bestimmen.” 1
Wenngleich diese Definition im Wortlaut der Kybernetik verfasst wurde, sind autopoietische Systeme bei Maturana und Varela lebende Sys-
1 Maturana, 1982, S.170-235.
teme, die sich selbst durch einen interaktiven, zirkulären Prozess, durch ihre eigene fortlaufende Operation, produzieren und erhalten. In diesem Prozess der Selbsterzeugung konstituiert sich gleichermaßen die Differenz von System und Umwelt. Maturana und Varela haben dieses Konzept anhand einer Zelle verdeutlicht, die sich durch die Zellmembrane von ihrer Umwelt abgrenzt und ständig die Bestandteile ihrer Existenz selbst hervorbringt. Entsprechend definieren Maturana und Varela die autopoietische Organisation allgemein:
“…durch ein Netzwerk der Produktion von Bestandteilen, die 1. rekursiv an dem selben Netzwerk der Produktion von Bestandteilen mitwirken, das auch diese Bestandteile produziert, und die 2. das Netzwerk der Produktion als eine Einheit in dem Raum verwirklichen, in dem die Be-standteile sich finden.“ 2
Die beiden Autoren möchten betont wissen, dass autopoietische Systeme geschlossene Systeme sind. Vielzellige Organismen bezeichnet Maturana als autopoietische Systeme zweiter Ordnung. Obwohl operationell geschlossen, sind autopoietische Systeme nicht als autarke Einheit von ihrer Umwelt anzusehen, sondern gehen Bindungen ein, die als strukturelle Kopplung bezeichnet werden. Zu dieser Begrifflichkeit und deren Auswirkungen auf die Systemtheorie, wird an späterer Stelle noch gezielt eingegangen. 3
Im Gegensatz zu vielen Adaptionen des Begriffs der Autopoiesis, insistierte Humberto Maturana stets darauf, diesen Begriff ausschließlich für die Betrachtung von Leben in einer Zelle oder mehrzelligen Organismen zu nutzen. Dennoch greift der Bielefelder Soziologe Niklas Luhmann diesen Begriff auf und macht ihn, wenngleich erheblich erweitert, zum zentralen Begriff seines systemtheoretischen Theoriegebäudes.
2 Maturana, 1982, S. 158.
3 Siehe hierzu Kapitel 2.3.
2.1.2 Autopoiesis nach Luhmann
In seinem Aufsatz zur Autopoiesis des Bewusstseins 4 hebt Luhmann hervor:
“Als autopoietisch wollen wir Systeme bezeichnen, die die Elemente, aus denen sie bestehen, durch Elemente, aus denen sie bestehen, selbst produzieren und reproduzie- 5 ren.”
Luhmann weitet den Begriff der Autopoiesis aus, indem er ihn auf andere Systemarten, wie beispielsweise dem psychischen und sozialen System, anwendet. Zwar bedingen soziale wie auch psychische Systeme Leben, doch führt diese Feststellung nicht zu der logischen Konsequenz, dass diese Systeme auch „lebende“ Systeme sind. Durch die Einbeziehung von Elementen wird der Aspekt der Reproduktion eines Systems unterstrichen, da diese nur möglich ist, wenn Elemente oder Ereignisse im bestehenden System zeitweise erneuert werden müssen. Reproduktion heißt in diesem Zusammenhang auch die Reproduktion von Systemgrenzen, durch Zustandsbestimmung interner und externer Bedingungen. Insofern bedeutet Autopoiesis bei Luhmann, die Produktion des Systems durch sich selbst. 6 Geschlossenheit und Autonomie eines Systems heißt jedoch nicht, dass es ohne energetischen oder materiellen Unterbau autark funktioniert und somit keinerlei Relationen zur Umwelt existieren. Diese Relationen bestehen, doch sind sie in anderen Realitätsdimensionen vorzufinden als die Autopoiesis selbst. Durch die organisationelle Geschlossenheit autopoietischer Systeme, ist ein Input oder Output von Einheit in das bzw. aus dem jeweiligen System nicht möglich. 7 Ein Konzept selbstreferentiell-geschlossener
4 Vgl. Luhmann, 1995, S. 55 - 122.
5 Luhmann, 1995, Band 6, S. 56.
6 Vgl. Luhmann, 1998a, S. 97, sowie Luhmann, 1992, S. 289.
7 Vgl. Luhmann, 1995, S.56.
Systeme widerspricht der Luhmannschen Theorie nach nicht dem Anspruch der Umweltoffenheit solcher Systeme. Umweltoffenheit ist eher als eine erweiterte Form des Umweltkontaktes zu betrachten, da erst mit ihr die für das System erfassbare Umweltkomplexität möglich wird. Auch hier weicht Luhmann von dem ursprünglichen Konzept der Autopoiesis nach Maturana und Varela ab, die zur Herstellung von System / Umweltbeziehungen einen Beobachter in Form eines anderen Systems erforderlich sahen.
Aufbauend auf dieser Grundlage setzt Luhmann die Begriffe Beobachtung 8 und Selbstbeobachtung 9 auf die Ebene einer allgemeinen Systemtheorie und verbindet sie mit dem von ihm erneuerten Begriff der Autopoiesis. Durch diese Neuanordnung wird Selbstbeobachtung zu einer bedingenden Komponente für die autopoietische Reproduktion, auf deren Basis sich nun neuropysiologische und organische Systeme von Sinn 10 konstitutierenden bzw. sinnhaft operierenden Systemen wie dem psychischen und sozialen System unterscheiden lassen. Alle benannten Systeme prozessieren nach dem konstituierenden Gesetz der Selbstreferenz. Dennoch unterscheiden sich sinnhafte Systeme grundsätzlich dadurch, dass sie Systemgrenzen und Umwelten, durch Selbstbeobachtung und Internalisierung der Differenz von System und Umwelt, in ihre Reproduktion einbeziehen können. Luhmann führt hierzu aus:
“Gerade auf dieser Grundlage ergibt sich dann die Möglichkeit, organische und neurophysiologische Systeme (Zellen, Nervensysteme, Immunsysteme usw.) von Sinn konstituierenden psychischen und sozialen Systemen zu unterscheiden…[…]…Sie nehmen für die Prozesse selbstreferentieller Systeme (nicht: an sich!) Sinn an, so daß
8 Siehe hierzu Kapitel 2.8.
9 Siehe hierzu Kapitel 2.9 ff.
10 Siehe hierzu Kapitel 2.5.
solche Systeme mit der Differenz von System und Umwelt intern operieren können.“ 11
2.2 Psychische Systeme
Das psychische System oder Bewusstsein ist nicht zu verwechseln mit dem Gehirn, welches ein eigenes System darstellt. Beide Systeme sind füreinander nicht zugänglich und arbeiten völlig überschneidungsfrei. Bewusstsein kann jedoch nicht ohne neurophysiologische Prozesse gebildet werden und benötigt daher das Gehirn als notwendige Umweltbedingung. Das Bewusstsein stellt gegenüber dem Gehirn eine höhere bzw. emergente Ordnungsebene dar. Beide Systeme sind strukturell gekoppelt und versorgen sich gegenseitig mit Komplexität.
Zu den Begriffen Emergenz und strukturelle Kopplung wird in den folgenden beiden Kapiteln noch erklärend Bezug genommen. Psychische und soziale Systeme haben sich in einem coevolutionären Prozess entwickelt und bedingen sich daher gegenseitig als Umwelt. Als evolutionäre Errungenschaft brachten beide Systeme „Sinn“ als unausweichliche und unnegierbare Form ihrer Komplexität hervor.
Zunächst kann das theoretische Konstrukt der geschlossenen selbstreferentiellen Reproduktion direkt auf das psychische System angewendet werden. Versteht man das Bewusstsein als ein aus Gedanken und Vorstellungen bestehendes und sich selbst konstituierendes geschlossenes System, welches unaufhörlich aus Gedankenelementen neue Gedankenelemente rekursiv generiert, ist das Bewusstseinschon per Definition - ein autopoietisches System. Luhmann verschärft die Bedingung der Reproduktion dadurch, dass er den Faktor Zeit einbringt und das Zeitmoment der Elemente mit Ereignissen beschreibt. Aufgrund der temporalen Natur von Ereignissen, verweisen diese noch direkter auf die Notwendigkeit der Reproduktion. Ereignisse sind, dies
11 Luhmann, 1987, S. 64.
scheint immanent, zeitlich begrenzt, da es ohne zeitliche Determinanten keinen Entstehungsmoment für ein Ereignis gäbe. Im Falle des psychischen Systems, sind Gedanken und Vorstellungen rekursive Ereignisse des Bewusstseins, deren temporale Determinanten ein Intervall eines sinnhaften Kontinuums sind. Folglich wird das psychische System zum Selbsterhalt gezwungen, indem es Gedanken aus Gedanken produziert, die im Moment des Auftauchens bereits wieder entschwinden. Das Bewusstseinssystem besteht als Selbsttransformation 12 und dient in seiner Eigenschaft der Anpassung an Umweltbedingungen was letztlich wiederum der Kontinuität der eigenen Autopoiesis dient.
2.3 Emergenz
Emergenz steht in Luhmanns Theorie zunächst für eine höhere Ordnungsebene. Am Beispiel Gehirn / Bewusstsein besetzt das Bewusstsein eine emergente Ordnungsebene zum Gehirn, da es eine eigene strukturelle Komplexität besitzt und damit seine eigene Autopoiesis fortführt, die jedoch nicht unmittelbar auf die Eigenschaft seiner biologischen Komponente (Gehirn) zurückzuführen ist. Die Emergenz autopoietischer Systeme führt zu spezifischen Relationen zueinander, die nicht direkt durch die Kognition 13 des Systems stattfinden. Dies wäre nur eine interne Kognitionsleistung des Systems und somit nicht relevant für das jeweils andere System. Emergente Systeme sind in ihrer Eigenkomplexität unabhängig von ihrem Materialunterbau, können also von geringerer Komplexität sein als Systeme niederer Ordnung, was auch bedeutet, dass die notwendige Komplexität eines Systems nicht vorgegeben ist. 14 Vor diesem Hintergrund stellt Luhmann fest:
12 Vgl. Luhmann, 1995, S.57.
13 Vgl. Luhmann, 1998a, S. 120 ff.
14 Vgl. Luhmann, 1987, S. 44.
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Alexander Baumann, 2008, Die autopoietische Genese psychischer Systeme - Eine systemtheoretische Betrachtung, München, GRIN Verlag GmbH
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