Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung: Nach 18 Jahren Einheit in den Köpfen? S.3
2 Theoretischer Grundlage S.4
2.1 Definition Politische Kultur S.4
2.2 Sozialisationhypothese S.5
2.3 Situationshypothese S.5
2.4 Verbindung von Sozialisations- und Situationshypothese S.5
3 Die Aktivität der deutschen Bürger im Vergleich S.7
3.1 Politisches Interesses S.7
3.2 Politikwissen S.7
3.2.1 Objektives Politikwissen S.10
3.2.2 Subjektives Politikwissen S.11
3.3 Politikbeurteilung S.12
3.3.1 Bewertung der Systemperformanz S.13
3.3.2 Bewertung des Systems im Allgemeinen S.16
3.4 Beteiligungsbereitschaft S.19
3.5 Aktives Handeln S.21
4 Fazit S.25
2
1 Nach 18 Jahren: „Einheit in den Köpfen“?
Der Fall der Mauer im November 1989 war der Startschuss einer rasanten Entwicklung die am 3. Oktober 1990 in der offiziellen Wiedervereinigung Deutschlands endete. Enden ist hierbei jedoch nicht der richtige Begriff, denn noch 18 Jahre nach diesen Ereignissen ist die Frage nach der „Einheit in den Köpfen“ allgegenwärtig. Gibt es in Deutschland heute (noch immer) zwei unterschiedliche politische Kulturen? Diese Frage beschäftigt selbst 18 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung zahlreiche Menschen. Um sie zu beantworten, muss man sich zunächst klar machen, was unter dem Begriff überhaupt zu verstehen ist, denn politische Kultur kann durchaus grundverschiedene Bedeutungen haben.
Da eine synoptische Erfassung „der“ politischen Kultur aufgrund der Komplexität des Begriffs nicht möglich scheint, ist es notwendig sich auf einzelne Teilbereiche, die als Indikatoren dienen, zu konzentrieren. 1 In dieser Arbeit steht das bürgerliche Engagement als Grundpfeiler eines demokratischen Gesellschaftssystem im Blickpunkt. Es beeinhaltet politisches Interesse, Politikwissen, Beurteilung von real praktizierter Politik und des Systems im Allgemeinen, sowie die Handlungsbereitschaft und das aktive Handeln an sich.
Ziel ist es, neben der Darstellung von Differenzen, Ähnlichkeiten und Entwicklungen, vor allem deren Ursachen aufzuzeigen, um ein besseres Verständnis für die Unterschiede in der politischen Kultur zwischen West- und Ostdeutschland zu bekommen, denn Differenzen erklären sich selten aus sich selbst heraus. 2
1 Thumfart, Aleexander (2001): S.6
2 Patzelt, Werner (2007): S.8
3
2 Theoretische Grundlage
2.1 Definition: Politische Kultur
Um sich mit den Unterschieden der politischen Kultur in Ost- und Westdeutschland zu beschäftigen ist es sinnvoll zunächst eine Definition des Begriffs vorzunehmen, da der Begriff der politischen Kultur keineswegs ein klare und eindeutige Bedeutung hat, wie man vielleicht vermuten mag. Um Missverständnissen vorzubeugen, muss deshalb zunächst geklärt werden in welchem Verständnis politische Kultur im Folgenden verwendet wird. „Wir haben für eine neue politische Kultur gekämpft und wir haben gewonnen“. 3 So äußerte sich die SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti nach dem vermeintlichen Sieg bei den Landtagswahlen im Januar 2008. In eine ähnliche Bedeutungsrichtung geht der vor allem in Polit-Talk-Shows häufig zitierte Ausspruch „es fehle an politischer Kultur“. Dies sind Beispiele für die Bedeutung des Begriffs politische Kultur im allgemeinen Sprachgebrauch, der einen besonders stilvollen und moralischen Umgang mit politischer Macht bezeichnet. 4
Dies ist klar zu trennen vom wissenschaftlichen Begriff. Doch welche Bedeutung hat der wissenschaftliche Begriff der politischen Kultur? Hier beginnen bereits die Probleme der politischen Kulturforschung. Denn sie ist keineswegs eine einheitliche Forschungsrichtung mit einem klar vorgegebenem Konzept und einheitlicher Methodik. 5 Eingeführt wurde der Begriff im Rahmen der Studie „The Civic Culture“ von Almond und Verba, die 1963 erschien. Sie definierten politische Kultur vor allem als Einstellungen der Individuen gegenüber politischen Objekten (zum Beispiel den staatlichen Institutionen). Von Bedeutung sind jedoch nicht die individuellen Orientierungsmuster des Einzelnen, sondern deren Verteilung innerhalb der Gesamtgesellschaft. 6 Erfasst werden diese Einstellungen vor allem durch Umfrageforschung.
Im Laufe der Zeit wurden vermehrt kritische Stimmen laut, und es haben sich weitere wissenschaftliche Definitionen von politischer Kultur herausgebildet.
3 ARD: Wahlsendung vom 27.1.2008
4 Martin und Sylvia Greiffenhagen: Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik,
www.bpb.de
5 Thumfahrt, Alexander (2001), S.7
6 Vgl. Almond/Verba (1963): S.14-15
4
Hier wäre vor allem Karl Rohe zu nennen. Für Ihn geht die traditionelle Definition nicht weit genug. Er definiert politische Kultur als grundlegende Vorstellungen darüber was Politik ist, sein kann und sein soll. Hier wiederum besteht das Problem der traditionellen Methodik der Survey-Forschung, da Vorstellungen zu komplex sind, um in einer einfachen Umfrage erfasst zu werden. Den traditionellen Forschungsansatz der empirischen Sozialforschung sieht Rohe, trotz aller Kritik, nicht als vollkommen überflüssig an. Die gemessenen Einstellungen und Meinungen müssten aber behutsam interpretiert werden, um an den Kern der politischen Kultur, im Sinne von weiter gefassten „Weltbildern“ oder „ungeschriebenen Verfassungen“, heranzuführen. 7 In dieser Arbeit, finden zwar hauptsächlich die traditionellen Survey-Methoden Verwendung, es soll jedoch, wie Eingangs erwähnt, nicht nur um die bloße Darstellung der Daten, sondern vor allem um deren Ursachen, Zusammenhänge und Bedeutungen gehen.
Warum ist die Politische-Kultur-Forschung für die Politikwissenschaft interessant? Die Antwort auf diese Frage ist der Zusammenhang von politischer Kultur und politischer Struktur, der eine zentrale These der Forschungsrichtung darstellt. Eine starke Kongruenz garantiert demnach ein hohes Maß an Systemstabilität. Da politische Kultur kein starr feststehendes Phänomen ist und zudem die gemessenen Einstellungen und Meinungen zum Teil starken temporären Schwankungen unterliegen, sind vor allem Trends und langfristige Entwicklungen von Bedeutung. Deshalb ist es sinnvoll, nicht nur einen synchronen Vergleich der aktuellen Orientierungen vorzunehmen, sondern auch diachron vorzugehen, um Entwicklungen abzuzeichnen und möglicherweise Prognosen geben zu können. Besonders im hier untersuchten Fall des relativ jungen Prozesses der deutschen Wiedervereinigung ist dies sinnvoll, da er zwar auf struktureller Seite relativ schnell und konsequent vollzogen wurde, die kulturelle Vereinigung, wie sich im Folgenden zeigen wird, jedoch ein längerfristiger Prozess ist.
2.2. Sozialisationshypothese
Dass Unterschiede bezüglich der politischen Kultur in Ost- und Westdeutschland vorhanden sind ist den meisten bewusst. Von Interesse ist deshalb nicht ob sondern wo
7 Rohe, Karl (1994): S.3
5
und vor allem warum es diese Unterschiede noch immer gibt. Die Sozialisationshypothese ist ein häufig verwendeter theoretischer Ansatz zur Erklärung der unterschiedlichen politischen Kulturen in Ost- und Westdeutschland. Ihre Befürworter gehen davon aus, dass sich bestimmte Aspekte der politischen Kultur, selbst bei veränderten politischen Verhältnissen und Erfahrungen hartnäckig behaupten können. 8 Als Beispiele werden hier entsprechende Untersuchungen in kommunistischen Ländern genannt. Die politische Kultur in Ostdeutschland wäre demnach weiterhin vor allem durch die Zeit der DDR, also durch das sozialistische System, geprägt (~sozialisiert). 9 Die Unterschiede in der politischen Kultur stellen quasi ein Überbleibsel der Zeit vor der Wende dar. Sollte die Sozialisationshypothese zutreffend sein, müssten Unterschiede bereits zu Beginn der Wiedervereinigung zu finden sein und danach, aufgrund ihrer hartnäckigen Verankerung, relativ konstant bleiben.
2.2 Situationshyopthese
Vertreter der Situationshypothese stellen den Effekt der DDR-Sozialisation auf die politische Kultur in den Hintergrund. Für sie steht dagegen die aktuelle Situation mit dem neuen politischen System im Vordergrund. Es ist also die aktuelle Situation die entscheidend ist für die Ausprägung der politischen Kultur. 10 Eine veränderte wirtschaftliche, politische oder gesellschaftliche Situation kann folglich zu einer Veränderung der Einstellungen und Meinungen führen, und langfristig sogar die tiefgründigeren Vorstellungen, einer Gesellschaft verändern.
2.3 Verknüpfung von Sozialisations- und Situationshypothese
In vielen Fällen liegt die Wahrheit in der Mitte. So lassen sich beide Ansätze verknüpfen. Die politische Kultur der ostdeutschen Gesellschaft ist demnach zum einen weiterhin durch die DDR-Sozialisation geprägt. Dies schließt jedoch nicht aus, dass auch die aktuellen Entwicklungen Einfluss nehmen. So ist es durchaus möglich, dass Einstellungen und Vorstellungen durch die DDR-Sozialisation geprägt wurden und
8 Almond, Gabriel A. (1987): S.33
9 Neller, Katja (2006): S.27
10 Ebd.: S.28
6
weiter existieren, sich jedoch durch die aktuelle Situation (teilweise) ändern können. 11 Der Vorteil der Verknüpfung beider Thesen liegt darin, dass es nur auf diese Weise möglich ist, anfängliche Unterschiede, die zusammen mit einer späteren Ausdifferenzierung oder Annäherung auftreten, zu erklären. Die Frage ist hier nicht entweder Sozialisation während der DDR, oder Situation heute, sondern zu welchen Teilen beide Faktoren zur aktuellen politischen Kultur beitragen.
3 Die „Aktivität“ der deutschen Bürger im Vergleich
Da der aktive Bürger als Voraussetzung für eine gut funktionierende Demokratie angesehen wird 12 , sollen im folgenden Abschnitt eventuelle Unterschiede in der politischen Kultur bezüglich der „Aktivität“ der Bürger untersucht werden. Hierzu gehören fünf Teilbereiche, die kausal zusammenhängen: Politisches Interesse, Politikwissen, Beurteilung politischer Sachverhalte, Handlungsbereitschaft und aktives Handeln. Zu Beginn steht das Politikinteresse, denn ohne ein Interesse eignet man sich in der Regel kein Politikwissen an. Dieses ist aber notwendig um Sachverhalte zu verstehen und zu beurteilen. Handlungsbereitschaft, als Voraussetzung für das Handeln, stellt sich wiederum erst ein, wenn man ein Thema als handelnswert beurteilt.
3.1 Politisches Interesse
Wie bereits erwähnt ist politisches Interesse der Grundstein aktiver Bürger, denn ohne politisches Interesse ist eine politische Beteiligung schlecht vorstellbar, und ohne politische Beteiligung gibt es keine demokratische Mitbestimmung der Bürger im politischen Prozess. 13
Wie unterscheidet sich das politische Interesse in Ost- und Westdeutschland und wie hat es sich seit der Wiedervereinigung entwickelt? Diese Frage soll im Folgenden Abschnitt beantwortet werden. Hierzu werden die Umfragedaten der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS) genutzt, da sich diese aufgrund der regelmäßigen und frühzeitigen Erhebung gut zur Untersuchung eignen.
11 Neller, Katja (2006): S.28/29
12 Gabriel, Oscar (2006): S. 107
13 Vgl. Niedermayer, Oskar (2001)
7
Arbeit zitieren:
Michael Herrmann, 2008, Einheit in den Köpfen? Die politische Kultur in Ost- und Westdeutschland, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
"Beschluss für Reisen und ständige Ausreise aus der DDR" vom...
Eine Quellenanalyse
Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg
Hausarbeit, 36 Seiten
Die Wiedereröffnung der Universitäten in der sowjetisch besetzten Zone...
Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg
Bachelorarbeit, 78 Seiten
Sozialstrukturelle und sozialkulturelle Erklärungsansätze von Wahlverh...
Die Auswirkungen von soziologi...
Politik - Politische Systeme - Politisches System Deutschlands
Hausarbeit, 20 Seiten
Das Krügertelegramm vom 03. Januar 1896 und dessen Folgen
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Hausarbeit (Hauptseminar), 23 Seiten
Das deutsche und polnische Schulsystem im Vergleich
Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation
Seminararbeit, 70 Seiten
Das Attentat auf August Friedrich Ferdinand von Kotzebue
Hausarbeit (Hauptseminar), 48 Seiten
Universität als Unternehmen: Ranking als Evaluationsinstrument
BWL - Unternehmensführung, Management, Organisation
Seminararbeit, 22 Seiten
Die SED zwischen dem VI. und VIII. Parteitag
Geschichte Europa - and. Länder - Neueste Geschichte, Europäische Einigung
Hausarbeit (Hauptseminar), 40 Seiten
Kunstfreiheit und Persönlichkeitsrecht: Welche Grenzen zieht das Persö...
Medienrecht, Kunstfreiheit, al...
Jura - Medienrecht, Multimediarecht, Urheberrecht
Examensarbeit, 74 Seiten
Gibt es ein jugendspezifisches Wahlverhalten?
Politik - Politische Systeme - Politisches System Deutschlands
Diplomarbeit, 99 Seiten
Printmedien online - crossmediale Konzepte der Tageszeitungen im Inter...
Eine Analyse der erfolgreichen...
Medien / Kommunikation - Multimedia, Internet, neue Technologien
Hausarbeit, 18 Seiten
Der Aufbau eines kommunalen Haushalts mit Beispielen aus Mecklenburg-V...
Politik - Politische Systeme - Politisches System Deutschlands
Seminararbeit, 22 Seiten
Das Demokratiedefizit in der Europäischen Union
Die Gewaltenteilung und Govern...
Politik - Internationale Politik - Thema: Europäische Union
Essay, 11 Seiten
Die ideologisch-programmatische Modernisierung der Labour Party
Politik - Internationale Politik - Region: Westeuropa
Hausarbeit (Hauptseminar), 28 Seiten
Auswirkungen Sozialer Herkunft - Eine Untersuchung am ALLBUS 2000
Soziologie - Methodologie und Methoden
Hausarbeit, 28 Seiten
Der Neorealismus nach Kenneth Waltz und Neue Kriege
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Essay, 15 Seiten
Der lange Weg Burmas bis zur Unabhängigkeit im Jahr 1948
Politik - Internationale Politik - Region: Südasien
Hausarbeit (Hauptseminar), 44 Seiten
Michael Herrmann's Text Einheit in den Köpfen? Die politische Kultur in Ost- und Westdeutschland ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Michael Herrmann hat den Text Einheit in den Köpfen? Die politische Kultur in Ost- und Westdeutschland veröffentlicht
Michael Herrmann hat einen neuen Text hochgeladen
Die Bevölkerung in Ost- und Westdeutschland
Demografische, gesellschaftlic...
Rembrandt Scholz, Marc Luy, Insa Cassens
Kinderarmut in Ost- und Westdeutschland
Christoph Butterwegge, Michael Klundt, Matthias Belke-Zeng
Die Konzepte "staatliche Einheit" und "einheitliche Macht" in der russ...
Der Einfluss des Gemeinschafts...
Caroline von Gall
Leben in Ost- und Westdeutschland
Eine sozialwissenschaftliche B...
Peter Krause, Ilona Ostner
Die Konstruktion nationaler Identität in Ost- und Westdeutschland währ...
Eine Diskursanalyse deutsch-de...
Anja Lemke
Die Dekonstruktion der Demokratie durch die Kultur
Der Bürgerkrieg auf Sri Lanka
Mirjam Weiberg-Salzmann
0 Kommentare