Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
1.1 Vorgehensweise 3
1.2 Forschungsstand 5
2. Freizeit 9
2.1 Migranten in der Freizeitsoziologie 12
2.2 Freizeit von Frauen 13
2.3 Freizeit in der Türkei 13
3. Kultur 14
4. Integration 16
5. Die These vom Kulturkonflikt 25
6. Erziehung in türkischen Familien 26
7. Zur sozialen Konstruktion von Geschlecht und Ethnie 31
7.1. Ethnie 31
7.2 Geschlecht 32
7..3 Geschlechterkonstruktionen in der Türkei, in Deutschland und in der 34
Migration 34
7.3.1 Geschlechterrollen in der Türkei 35
7.3.2 Geschlechterrollen unter türkischen Migranten in Deutschland 39
7.3.3 Geschlechterrollen in Deutschland 43
7.3.4 Zur Rolle der Frau im Islam 45
8. Die Lebenslage und Rahmenbedingungen der Freizeitgestaltung von türkischen Mädchen und jungen Frauen 46
8.1 Wohn- und Familiensituation 47
8.2 Bildung und Erwerbstätigkeit 50
8.3 Finanzielle Rahmenbedingungen 52 8.4 Zeitbudget 52
9. Freizeitkontakte 54
9.1 Inner- und interethnische Freundschaften 54
9.2 Geschlechtsgemischte Gruppen 62 9.3 Freizeit in der Familie 64
9.4 Sprache im Freundeskreis 65
9.5 Ethnisch orientierte Cliquenformationen 67
9.5.1 Türkische Street Gangs 68
9.5.2 Die türkischen Powergirls 69
10. Freizeitaktivitäten 73
10.1 Freizeitaktivitäten im Überblick 73 10.2 Freizeiträume 75
10.3 Diskotheken und Musikszenen 78 10.4 Fernsehnutzung 80 10.5 Sport 82
10.6 Vereine und Organisationen 88
10.7 Organisierte Freizeitangebote - Angebote für Mädchen 90
11. Fazit 93
Literaturverzeichnis 98
Tabellenverzeichnis 110
1. Einleitung
Vorweg gesagt: Die Gruppe der türkischen Mädchen und jungen Frauen ist in sich äußerst heterogen. Sie setzt sich zusammen aus Personen verschiedener Schichten, Milieus, Konfessionen und regionaler Herkunft (mit entsprechend unterschiedlichen regionalen Traditionen), sie unterscheiden sich in der Wanderungsgeschichte ihrer Familien. Sie nach ihrer türkischen Herkunft differenziert zu untersuchen ist damit nur eine von vielen Möglichkeiten.
In den Medien, Alltagsdeutungen, sowie Teilen der wissenschaftlichen Literatur dienen türkische Frauen als Symbol für mangelnde Integration. Ihr „Anderssein“ bezüglich Verhalten, Kleidung und Stellung in der Familie wird thematisiert in integrationsbezogenen Diskussionen um das Kopftuch, Ehrenmorde, islamischen Fundamentalismus etc.
In diesem Zusammenhang wird Migranten mit türkischem Migrationshintergrund zugeschrieben, dass ihre Geschlechterrollen deutlich unterschiedlich sind von denen „der“ deutschen bzw. westlichen Kultur. Dies wird als Integrationshemmnis und Anzeichen mangelnder Integrationsbereitschaft gedeutet. Teilweise ausgeblendet werden hierbei die Veränderungen von Werten und Normen, die Familien und Individuen durch Migrationsprozesse erfahren.
Thematisiert wird das Anderssein „der“ türkischen Mädchen und Frauen auch in Bezug auf das Freizeitverhalten:
„Sie dürfen nicht nur nicht tanzen, sondern auch nicht an Klassenfahrten teilnehmen, nicht ins Kino oder ins Cafe gehen, nicht alleine spazieren gehen. Es werden nur die notwendigen Kontakte wie Schulbesuch, eventuell Einkaufen und Behördengänge zugelassen. Hingegen nehmen die Verpflichtungen im Haushalt einschließlich der Versorgung kleinerer Kinder zu. Für die meisten türkischen Mädchen sind Freizeitkontakte mit einem Freund undenkbar; einige von ihnen dürfen sich innerhalb einer Gruppe bewegen; längst nicht alle Mädchen dürfen mit der Freundin ein Kino besuchen und noch weniger mit einer nach Geschlecht gemischten Gruppe ins Kino gehen; kaum ein Mädchen darf in die Disko […]. Die Mädchen sind auf Freizeitbetäti
1
gungen mit ihren Eltern verwiesen, wie gemeinsam spazieren gehen und Besuche von Verwandten […].“ 1
Die heute in Deutschland lebenden Mädchen und jungen Frauen mit türkischem Migrationshintergrund kennen das Herkunftsland ihrer Eltern überwiegend nur noch als Urlaubsland 2 . Sie wachsen in „der“ deutschen Kultur auf, sind aber in der familiären Sozialisation von kulturellen Einflüssen des Herkunftskontextes ihrer Eltern beeinflusst. Dabei übernehmen sie - auch in ihrem Freizeitverhalten - kulturelle Werte, Praktiken und Gewohnheiten beider Länder bzw. Kulturen. Der Aspekt des Freizeitverhaltens ist in diesem Zusammenhang interessant bezüglich:
• kultureller Integration: Ablehnung und Annahme von kulturellen Praktiken und Gewohnheiten des Herkunfts- und Aufnahmelandes; Sprache im Freundeskreis; Auswirkungen von ethnisch-kulturell unterschiedlichen Geschlechterrollenverständnissen auf die Gestaltung der Freizeit;
• Umgang mit verschiedenen kulturellen Einflüssen und Gegensätzen;
• Vermischung türkischer und deutscher kultureller Praktiken und Gewohnheiten zu einem neuen Stil der Freizeitgestaltung;
• sozialer Integration: inner- und interethnische Freizeitkontakte;
Freizeitverhalten kann also als ein Integrationsindikator dienen. In der vorliegenden Arbeit soll anhand des Freizeitverhaltens überprüft werden, ob das am weitesten verbreitete Muster der Integration türkischer Mädchen und junger Frauen die Mehrfachintegration im Sinne der Eingebundenheit in beide Gesellschaften bzw. Kulturen ist. Im Weiteren ist zu untersuchen, ob und inwieweit sich kulturell unterschiedliche Geschlechterrollenverständnisse auf die Freizeitgestaltung türkischer Mädchen und junger Frauen auswirken. In Bezug auf Geschlechterrollen kann Freizeitverhalten widerspiegeln, inwiefern spezifische Geschlechter(rollen)-Konstruktionen, die bestimmten Ethnien zugeschrieben werden, auch von den Angehörigen dieser - in diesem Fall türkischen - Ethnie als Selbstzuschreibung und im Alltagshandeln vorzufinden sind.
1 Boos-Nünning 1986, S. 80
2 Von den in Deutschland lebenden „ausländischen“ Jugendlichen sind ¾ hier geboren
(Fuhrer / Uslucan 2005a, S. 9)
2
Wenn man über Freizeit und Integration sprechen möchte ist eine Definition des Integrationsbegriffes unabdingbar. Integration wird in der politischen Diskussion als Leistung der in Deutschland lebenden Migranten eingefordert. Hierbei ist von einer Anpassung an die deutsche Kultur oder sogar von Anerkennung und Übernahme der deutschen „Leitkultur“ die Rede - ohne weitgehende Klärung, was diese deutsche (Leit-)Kultur beinhalten und bedeuten soll. Diese Anpassungsleistung wird lediglich von Menschen mit Migrationshintergrund erwartet; Personen ohne Migrationshin-tergrund werden - auch wenn sie in Ihrem Lebensstil, ihrem Verhalten, ihrer sozialen, politischen und kulturellen Einbindung weitgehend am Rande der Gesellschaft stehen - aus der Integrationsdiskussion ausgeblendet. Die Forderung nach Integration ist also eine Erwartung, die sich ausschließlich an Menschen richtet, die aufgrund ihrer Staatsangehörigkeit oder ihrer ethnischen Zugehörigkeit als „anders“ definiert werden.
Freizeitverhalten als Integrationsindikator zu verwenden wäre problematisch, da unklar bleibt, was Anpassung an die deutsche Kultur und was in diesem Zusammenhang konkret Integration bedeuten soll. Integration kann jedoch als ein Prozess oder Zustand verstanden werden, der verschiedene Dimensionen beinhaltet, die im Einzelnen beleuchtet werden können. Dabei ist zu bedenken, dass Integration nicht ausschließlich auf Integration bzw. Assimilation in die Aufnahmegesellschaft hinauslaufen muss, sondern Integration auch in Form der Binnenintegration in Migrantencommunities oder auch als transnationale Integration - in mehrere Gesellschaften gleichzeitig erfolgen kann.
1.1 Vorgehensweise
Im Rahmen meiner Arbeit werde ich mich - angelehnt an verschiedene hier verwendete Mehrthemenuntersuchungen - auf die Altersgruppe von 15-30jährigen beschränken. Dies ist die Phase in der üblicherweise eine Ablösung vom Elternhaus erfolgt und Freizeit eigenständig geplant und verbracht werden kann. In die Analyse werden Mädchen und junge Frauen mit türkischem Migrationshintergrund unabhängig davon, wo diese geboren sind und welche Staatsbürgerschaft sie besitzen, einbezogen.
Die häufig genutzte Einteilung in „erste“ „zweite“ oder „dritte Generation“ wird hierbei nicht verwenden. Die Verwendung impliziert, dass es sich bei den in der Bundesrepublik Deutschland lebenden türkischstämmigen Frauen und Mädchen aus-
3
schließlich um Nachfahren einer bestimmten Generation der zwischen 1961 und 1973 nach Deutschland eingewanderten Arbeitsmigranten handelt. Bei der Verwendung des Begriffs der zweiten / dritten Generation wird ausgeblendet, dass der Zuzug von türkischen Migranten nach dem Anwerbestopp 1973 nicht beendet war 3 . Türkische Migranten kamen nach 1973 durch die Möglichkeit des Familienzuzugs sowie als Asylbewerber nach Deutschland. Daher ist eine Vielzahl von Generationenkonstellationen möglich: die EnkelInnen der Arbeitsmigranten der ersten Generation können inzwischen das Erwachsenenalter erreicht haben, gehören zur dritten Generation und können selbst schon Töchter und Söhne im Kleinkindalter haben, die der vierten Generation zuzurechnen wären. Eine in der Türkei geborene Kurdin, die erst vor wenigen Jahren als Asylbewerberin nach Deutschland kam, wäre wiederum als „erste“ Generation zu betrachten 4 . Auch ist es schwierig von Generationen zu sprechen, wenn Kinder aus Ehen hervorgehen, bei denen ein Ehepartner ein Nachfahre der Arbeitsmigranten ist, und somit der zweiten Generation angehörte, während der andere Ehepartner aus der Türkei stammt und erst vor kurzer Zeit nach Deutschland eingereist ist. Der Begriff der zweiten oder dritten Generation wäre eine unzulässige Verallgemeinerung und verschleiert die Pluralität von Wanderungsgeschichten der in Deutschland lebenden Migranten.
In der vorliegenden Arbeit beginne ich mit der Klärung der zugrundeliegenden zentralen Begriffe: Es wird zu Beginn der Begriff der Freizeit definiert und kurz auf Migranten in der Freizeitsoziologie eingegangen, die Einschränkungen der Freizeit von Frauen erörtert und ein Überblick über die Freizeitgestaltung im ländlichen Bereich der Türkei gegeben.
Es folgen weitere grundlegende Begriffe: Eine Definition des Kulturbegriffes, die in Kapitel 3 erfolgt ist unabdingbar, wenn man über kulturelle Unterschiede zwischen verschiedenen Gesellschaften oder Bevölkerungsgruppen schreibt. Im vierten Kapitel wird eine eingehende Beschreibung des Integrationsbegriffes gegeben, um anschließend auf die These vom Kulturkonflikt und die Erziehung in türkischen Familien einzugehen. Der Kulturkonflikt wird ebenso wie die Erziehung in türkischen Familien häufig als belastend und integrationshemmend für türkische Mädchen dargestellt,
3 Haubner, 2005, S.5
4 In der Untersuchung „Viele Welten leben“ geben 80 % der türkischen jungen Frauen als Einreise-
grund (der Eltern) „Anwerbung als Arbeitnehmer“ an, 2 % Flucht und Asyl, 18 % sonstige Gründe.
Boos-Nünning / Karakaşoğlu 2005, S. 65
4
die Erziehung schränke den Handlungsspielraum türkischer Mädchen erheblich ein. Im siebten Kapitel folgt auf die Definition von Geschlecht und Ethnie eine eingehende Beschreibung von Genderkonstruktionen in der Türkei, in Deutschland und unter türkischen Migranten. Diese sind wichtig, um verschiedene Wertmuster- und vorstellungen nachvollziehen zu können, nach denen sich türkische Mädchen und junge Frauen und / oder ihre Eltern richten.
Auf den ersten Teil in dem die theoretischen Grundlagen erörtert wurden folgt der zweite empirische Teil auf Literaturbasis. Zunächst werden die Lebenssituation von türkischen Mädchen und jungen Frauen sowie die objektiven Rahmenbedingungen der Freizeitgestaltung dargestellt, die den Handlungsspielraum erweitern oder beschränken können. Im neunten und zehnten Kapitel schließlich geht es um das Freizeitverhalten türkischer Mädchen und junger Frauen in Deutschland: Zunächst werden ihre Freizeitkontakte, inner- und interethnisch, geschlechtsgemischt und geschlechtshomogen, sowie die Bedeutung von Familienmitgliedern als Freizeitpartner besprochen. Hierbei wird auch der Sprachgebrauch im Freundeskreis mit einbezogen. Das Kapitel „Freizeitkontakte“ endet mit einer Darstellung ethnisch orientierter Cliquenformationen: Hier stelle ich zunächst türkische Street Gangs dar, die sich zwar ausschließlich aus männlichen Jugendlichen zusammensetzen, jedoch wird sich hierdurch den Geschlechterkonstruktionen von türkischen jungen männlichen Migranten, die sich in ihren Rollenbildern stark am Herkunftskontext orientieren, genähert. Als Kontrast stelle ich darauf folgend eine ethnisch orientierte Cliquenformation mit ausschließlich weiblichen Mitgliedern vor: die „türkischen Powergirls“. Diese sind weder an traditionell türkischen, noch an deutschen Werten orientiert und entwerfen ihre Geschlechterrollen im transkulturellen Kontext neu. Im zehnten Kapitel stelle ich schließlich die Freizeitaktivitäten türkischer Mädchen und junger Frauen dar. Ich beginne mit einem Überblick über Freizeitaktivitäten und Freizeiträumen und stelle das Freizeitverhalten anhand von fünf Beispielen eingehender vor: Diskotheken und Musikszenen, Fernsehnutzung, Sport, Vereine und organisierte Freizeitangebote.
1.2 Forschungsstand
In den letzten Jahren wurde das Freizeitverhalten türkischer Mädchen und junger Frauen in der Literatur nicht mehr explizit, sondern nur noch als Unteraspekt in groß angelegten Mehrthemenuntersuchungen erforscht. Aktuelle Daten zum Freizeitver-
5
halten finden sich in groß angelegten Mehrthemenuntersuchungen. Über die in dieser Arbeit am häufigsten genutzten Daten - zur allgemeinen Lebenssituation wie zum Freizeitverhalten - möchte ich hier einen kurzen Überblick geben:
Tabelle 1: Verwendete Mehrthemenuntersuchung
Bevor ich mit dem theoretischen Teil der Arbeit beginne, gebe ich nun noch einen kurzen Rückblick über bisherige Studien zum Thema geben: Das Freizeitverhalten türkischer Mädchen und junger Frauen ist bisher in zahlreichen Untersuchungen angeschnitten worden. Es existieren zwei Veröffentlichungen, die sich explizit mit der Freizeit türkischer Mädchen beschäftigen, beide sind älteren Datums: Zum einen „Sozial-kulturelle Probleme junger Türkinnen in der Bundesrepublik Deutschland mit einer Studie zum Freizeitverhalten türkischer Mädchen in Köln“, einer qualitati-
5 ImDatenbestand sind 148 Fälle enthalten von Personen mit deutscher Staatsbürgerschaft, die sich
selbst aber aufgrund ihrer Abstammung als Türken / Italiener definieren. Diese Fälle wurden jedoch in
die Auswertung nicht mit einbezogen.
6 Der vollständige Titel der Studie lautet: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Ju-
gend: „Viele Welten leben - Lebenslagen von jungen Frauen mit griechischem, italienischem, jugos-lawischem, türkischem und Aussiedlerhintergrund"
7 Neben dem überdurchschnittlichen Bildungsniveau das die Stichprobe verzerrt, (Boos-Nünning /
Karakaşoğlu 2005, S.4) werden durch den Ausschluss verheirateter Frauen vermutlich besonders jene
aus der Stichprobe herausgefiltert, die besonders traditionelle Wertvorstellungen haben. Insbesondere
bei türkischen Frauen, die ein im Durchschnitt früheres Heiratsalter haben, ist dieser Filter bedenklich.
Dies mag ein Faktor für manche Ergebnisse der Studie sein - so bewerten auch die türkischen Befrag-
ten arrangierte Ehen überwiegend eher negativ (ebd. S. 255)- ein fragliches Ergebnis vor dem Hinter-
grund des Ausschlusses derer, die früh geheiratet haben.
6
ven Studie von Pia Weische-Alexa aus dem Jahr 1977. Bei der zweiten Veröffentlichung handelt es sich um „Türkische Mädchen und Freizeit“ von Petra Pfänder und Fügen Turhan (1990).
Die Studie von Weische-Alexa aus dem Jahr 1977 untersucht das Freizeitverhalten anhand einer Stichprobe von 100 Schülerinnen im Alter von 13 bis 17 Jahren in Köln 8 . Hauptergebnisse der Arbeit sind:
Türkische Mädchen müssen aufgrund der traditionellen Rollenstruktur in ihren Familien schon früh Aufgaben im Haushalt übernehmen. Die Hälfte der Mädchen muss regelmäßig Geschwister betreuen, fast alle befragten Mädchen sind fast täglich oder zumindest mehrmals wöchentlich mit Haushaltsarbeit betraut. Sechs der befragen Mädchen versorgen den Haushalt sogar alleine 9 .
Verbote der Eltern orientieren sich an Normen des Herkunftskontextes und schränken die Bewegungsfreiheit ein: ¾ der Mädchen halten sich nach Einbruch der Dunkelheit nicht draußen auf; Freundschaften mit Jungen nehmen mit zunehmendem Alter (ab der Pubertät) ab 10 . Allerdings geben 37 % der Mädchen an, einen Freund zu haben - oder schon einmal gehabt zu haben. Freizeitaktivitäten sind zum Teil an „traditionellen Normen“ orientiert (Aussteuererstellung, Verwandtenbesuche), die Mädchen verbringen ihre Freizeit aber auch mit jugendgemäße Freizeitaktivitäten wie Musikhören, Fernsehen, Lesen. Peer-group-orientierte Kontakte 11 sind seltener als familienorientierte Kontakte. Es bestehen überwiegend Einzelkontakte zu Freundinnen, Kontakte zu Gruppen von Gleichaltrigen sind äußerst selten, da diese zumeist geschlechtsgemischt und gemischtethnisch sind 12 .
Die Freizeitaktivitäten werden häufig selbst eingeschränkt, um Konflikte mit den Eltern zu vermeiden. Dies bezieht sich besonders auf die Ablehnung interethnischer Freizeitkontakte. Türkische Mädchen beschränken sich daher häufig auf individuelle Freizeitaktivitäten. 13
8 Weische-Alexa 1980, S. 5
9 Weische-Alexa 1980, S. 223 und 165
10 Weische-Alexa 1980, S. 224 f. und 210 f.
11 Unter „Peers“ versteht man die Gleichaltrigengruppe von Kindern und Jugendlichen.
Schäfers 1998a , S. 24
12 Weische-Alexa 1980, S. 225 f.
13 Weische-Alexa 1980, S. 226 f.
7
Freizeitgewohnheiten deutscher Mädchen erfreuen sich auch bei türkischen großer Beliebtheit: Das Lesen der Bravo und die Beschäftigung mit Popstars ist weit verbreitet, moderne Tänze werden begeistert aufgenommen, obwohl Besuche von Tanzveranstaltungen eher selten sind. Die Bekleidung unterscheidet sich nicht von der deutscher Mädchen, das Kopftuch wird nur von wenigen Mädchen getragen. Der Wunsch nach Jugendgruppen und Cliquen ist in hohem Maße vorhanden, wie der Wunsch nach Freizeitaktivitäten die auch deutsche Jugendliche interessieren. Diesen Wünschen sind durch die Eltern enge Grenzen gesetzt. Das Freizeitverhalten bleibt daher familienzentriert 14 .
Die Untersuchung von Pfänder und Turhan von 1990 thematisiert die Teilnahme türkischer Mädchen an Angeboten der Jugendarbeit. In Gesprächen mit 15 Mädchen im Alter von 14-18 Jahren (zusammen mit deren Eltern), die bisher an Angeboten der Jugendarbeit teilgenommen haben, sowie weiteren 15 die dies noch nicht getan haben, versuchen die Autorinnen zu ergründen, worauf die Unterrepräsentation türkischer Mädchen in der Jugendarbeit (insbesondere nach Erreichen der Pubertät) zurückzuführen ist 15 .
Nach den Ergebnissen dieser Studie wird die Freizeitgestaltung eingeschränkt durch:
Verbot am Abend bzw. im Dunkeln etwas zu unternehmen
das Verhalten der Mädchen muss für die Eltern kontrollierbar sein, d.h. sie wollen zumindest wissen, was ihre Töchter machen. Häufig wird die Freizeit deshalb - und wegen der beengten Wohnsituation - in unmittelbarer Nähe der Wohnung verbracht
Die Eltern legen auffallend hohen Wert darauf, die Freundinnen ihrer Töchter wie auch deren Eltern persönlich zu kennen.
Unkontrollierbare Kontakte zu Jungen werden abgelehnt, es sei denn es handelt sich um Verwandte. 16
14 Weische-Alexa 1980, S. 227 f.
15 Pfänder / Turhan 1990, S. I
16 Pfänder / Turhan 1990, S. 39
8
Die meisten Mädchen sind zur Mithilfe im Haushalt verpflichtet, sie nimmt aber keinen zentralen Stellenwert ein. Zumeist muss nur dann ein größerer Teil der Haushaltsarbeit übernommen werden, wenn die Mutter voll berufstätig ist 17 .
Die Nichtteilnahme an Angeboten der Jugendarbeit hat verschiedene Gründe: persönliche Motive (keine Interesse an den Angeboten), objektive Rahmenbedingungen (wenig Zeit), und auch Verbote der Eltern 18 . Folgende Rahmenbedingungen sollten gegeben sein, um die Teilnahme zu fördern: Nahegelegener Veranstaltungsort, reine Mädchengruppen, vertrauenswürdiger Träger, Angebote für alle Familienmitglieder 19 , sinnvolle Angebote, bei denen etwas gelernt werden kann 20 .
Aufgrund des Alters dieser Studien können durch diese nur noch bedingt Rückschlüsse auf die Lebensrealität der heute in Deutschland aufwachsenden Mädchen mit türkischem Migrationshintergrund gezogen werden.
2. Freizeit
Im Rahmen des vorliegenden Themas bedarf es einer Definition des Freizeitbegriffes. Zunächst scheint uns der Begriff der Freizeit einfach zu fassen: Als Freizeit erscheint uns jene Zeit, die nicht durch Erwerbstätigkeit, Schule oder Ausbildung besetzt ist. Es gibt Tätigkeiten, die der Freizeit eindeutig zuzuordnen sind, wie z.B. der Besuch eines Schwimmbads, Lokal- und Cafébesuche, Fernsehen, Sport etc. 21 . Bei näherer Betrachtung finden sich jedoch Grenzbereiche: Sind Tätigkeiten wie Putzen, Einkaufen und Reparaturen im Haushalt dem Freizeitbereich zuzuordnen? Diese Tätigkeiten müssen erledigt werden, sind in ihrer Art, ihrem Umfang, dem dafür gewählten Zeitpunkt und im Umfang der aufgewandten Zeit weniger fremdbestimmt als Erwerbsarbeit, Schule und Ausbildung. Opaschowski verwendet hierfür den Begriff der Obligationszeit. Gemeint ist also die „Erfüllung obligatorischer Alltagsaufgaben“.
17 Pfänder / Turhan 1990, S. 32
18 Pfänder / Turhan 1990, S. 55
19 Pfänder / Turhan 1990, S. 59
20 Pfänder / Turhan 1990, S. 50
21 Opaschowski 2006, S. 26
9
Hierunter fasst er:
- Haushalts- und Reparaturarbeiten,
- Einkäufe und Konsumentscheidungen,
- Behördengänge,
- Erledigungen und Besorgungen,
- familiäre und soziale Verpflichtungen,
- gemeinnützige Tätigkeiten und Freiwilligenarbeit. 22
Auch innerhalb der Obligationszeit ist das Maß an Verpflichtung einer weiten Spannbreite unterworfen: Während ein Behördengang irgendwann erledigt werden muss und die Nichterledigung im Normalfall Konsequenzen (auch finanzieller Art) nach sich zieht, können andere obligatorische Verpflichtungen nicht erfüllt oder auf einen späteren Zeitpunkt verlegt werden. Hier sind die Konsequenzen eher sozialer Art. Wer das Putzen im Haushalt weitgehend aufgibt, wird möglicherweise irgendwann keinen Besuch mehr empfangen wollen oder können, wer Einladungen häufig nicht wahrnimmt, wird zukünftig wahrscheinlich weniger Einladungen erhalten. Als Freizeit bezeichne ich im Weiteren die Zeit, die frei von Berufs- und Lernarbeit sowie obligatorischen Alltagsaufgaben ist und nach eigenen Vorstellungen gestaltet werden kann 23 . Die Übergänge zwischen Frei- und Obligationszeit müssen hierbei fließend und nicht klar abgrenzbar bleiben. Es lässt sich lediglich feststellen, dass, je weniger eine Tätigkeit Züge von Notwendigkeit, Zwang oder Verpflichtung trägt, um so eher der Freizeit zuzurechnen ist.
Besonders deutlich wird die Schwierigkeit der Grenzziehung zwischen „Freizeit“ und „Nicht-Freizeit“ bei Hausfrauen (und, wenn auch immer noch die Ausnahme, Hausmännern). Hier gibt es keine klare zeitliche Abgrenzung. Freizeit, Haushaltsarbeitszeit, Obligationszeit und Freizeit gehen nahtlos ineinander über. Bei der Betreuung von Kindern sind auch geschlechtsspezifische Unterschiede auszumachen. Während die nicht berufstätige Hausfrau die Kinderbetreuung der Pflichterfüllung zurechnet, wird sie bei berufstätigen Männern und Frauen eher der Obliga-
22 Opaschowski2006, S. 34
23 Des Weiteren können verschiedene Formen der Freizeit unterschieden werden: Tagesfreizeit (Feier-
abend), Wochenfreizeit (arbeitsfreie Tage), Jahresfreizeit (Urlaub, Ferien), Freie Zeit in einer Lebens-phase (z.B. Sabbatjahr, Freisemester), Altersfreizeit, Zwangsfreizeit (Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit,
Krankheit etc.); vgl. Blanke / Ehling / Schwarz 1996 S. 221
10
tions- oder Freizeit zugerechnet 24 . Freizeit hat auch eine subjektive Komponente: Wer ein Kind betreut und mit ihm z.B. ein Eis essen geht, kann dies als Freizeit betrachten - oder als Pflichterfüllung. Im Grenzbereich zwischen Freizeit, Haushaltsarbeitszeit und Obligationszeit findet sich hier auch die Einordnung von Bereitschaftszeiten, in denen man jederzeit für die Betreuung von Kindern verfügbar sein muss, aber keine aktive Kinderbetreuung ausübt.
Freizeit hat ebenfalls finanzielle Aspekte, das Maß an freier Zeit und die Gestaltungsspielräume sind nach Einkommen bzw. Schicht unterschiedlich. Das Sprich-wort „Zeit kann man nicht kaufen“ ist unzutreffend. Viele Tätigkeiten, die während der Obligationszeit erledigt werden müssen sind käuflich und delegierbar, an Haushaltshilfen, Tagesmütter und Babysitter, durch Erledigungen von Einkäufen über das Internet etc. Ein hohes Einkommen kann helfen ein höheres Maß an Freizeit gewinnen zu können; dem kann jedoch ein höheres Maß an Zeit, das für Erwerbsarbeit aufgewandt werden muss, entgegenstehen.
Auch die Gestaltungsspielräume innerhalb der Freizeit sind nach Einkommen unterschiedlich. Während untere Einkommensgruppen auf Freizeitbeschäftigungen mit geringerem finanziellem Aufwand angewiesen sind, sind die Gestaltungsspielräume von höheren Einkommensgruppen größer. Die häufigere Teilnahme an finanziell aufwändigeren Angeboten der Freizeitindustrie steht ihnen, sofern die Zeit zur Teilnahme vorhanden ist, offen.
Mit den finanziellen Möglichkeiten hängt auch ein weiterer Aspekt der Freizeitgestaltung zusammen: das örtliche Umfeld und der räumliche Aktionsradius. Größerer finanzieller Spielraum erweitert die Wahlmöglichkeiten des Wohnortes, bei dessen Wahl auch die Attraktivität von am Ort vorhandenen Freizeitmöglichkeiten eine Rolle spielen kann. Ebenso sind Entfernungen leichter überbrückbar, die Möglichkeiten der Mobilität sind weniger beschränkt, sei es in Bezug auf die häufige Nutzung des Autos, die Erweiterung der Möglichkeit von (Fern-)Reisen. Auch die eigentliche Wohnsituation hat Auswirkungen auf die Freizeitgestaltung. Enge Wohnverhältnisse lassen Freizeitbeschäftigungen außerhalb der eigenen Wohnung attraktiver erscheinen - eine großzügigere Wohnsituation lässt eine größere Bandbreite von Möglichkeiten innerhalb der eigenen vier Wände zu.
Der räumliche Aspekt der Freizeit ist nicht nur finanziell determiniert. Die räumliche Distanz zu Bekannten, Freunden und Familie ist durch moderne Kommunikations-
24 Opaschowski2006, S. 26
11
und Transportmittel teils überbrückbar, das Vorhandensein dieser Bezugspersonen in erreichbarer Nähe hat Einfluss auf die Freizeitgestaltung - es ermöglicht intensivere und häufigere Kontakte und gemeinsames Gestalten der Freizeit. Zugleich kann dies aber auch durch soziale Kontrolle einschränkend wirken.
Die Möglichkeiten der Freizeitgestaltung werden durch objektive Rahmenbedingungen beeinflusst und sind folglich abhängig von:
- dem Umfang an freier Zeit, der nach Erledigung der Erwerbs-, Ausbildungs-oder Schulzeit verbleibt;
- den zu erledigenden obligatorischen Alltagsaufgaben;
- den sozialen Verpflichtungen - in Abhängigkeit vom Ausmaß des sozialen Drucks bezüglich der Erledigung dieser Verpflichtungen;
- den finanziellen Möglichkeiten und der materiellen Ausstattung;
- sozialen Kontakten - Familie, Freunde, Beziehung etc. erweitern und beschränken die Möglichkeiten der Freizeitgestaltung;
- vorhandenen Angebote sozialer Einrichtungen;
- räumlichen Aspekten: Aktionsradius, Wohnumfeld, Wohnsituation.
2.1 Migranten in der Freizeitsoziologie
Die Freizeitgestaltung von Migranten ist ein in der Freizeitsoziologie bisher weitgehend ausgeblendeter Forschungsbereich. So findet sich z.B. bei Prahl lediglich ein kurzes Kapitel zur Freizeit von Ausländern. Es wird nicht auf Forschungen zum Thema verwiesen, sondern lediglich angeführt, dass Wohnung und Wohnumfeld für die Freizeit ausschlaggebend sind. Somit ergeben sich für Ausländer durch durchschnittlich geringere Wohnungsgröße und schlechtere Infrastruktur geringere Handlungsspielräume 25 . Es werden lediglich objektive Gegebenheiten erörtert, kulturelle Gewohnheiten, Werte und Normen werden ausgeblendet - es besteht auf diesem Gebiet eine Forschungslücke in der Freizeitsoziologie. Die Freizeit von Migranten wird in anderen Forschungsbereichen untersucht, in der Sozialarbeit und -pädagogik, oder auch der Migrationssoziologie.
25 Prahl 2002, S. 274
12
2.2 Freizeit von Frauen
Eingehender als das Freizeitverhalten von Migranten wurden bisher die Unterschiede im Freizeitverhalten von Männern und Frauen erforscht. Frauen sind stärker durch die Doppelbelastung von Haushalt und Beruf eingeschränkt und können ihre Freizeit weniger deutlich von Familienarbeitszeit abgrenzen. Freizeit von Frauen ist, sobald ein Haushalt geführt oder Kinder betreut werden müssen, kaum von der Obligations-und Haushaltsarbeitszeit zu trennen, Freizeitaktivitäten in der Familie finden überwiegend innerhäuslich statt 26 . Doch nicht nur Haushalts- und Betreuungsarbeit schränken die Freizeit und den Bewegungsradius von Frauen ein. Sicherheitsüberlegungen spielen eine große Rolle, weitgehend unabhängig von der wirklichen Wahrscheinlichkeit Opfer einer Straftat zu werden 27 . Frauen neigen eher als Männer dazu, ihren Bewegungsradius selbst einzuschränken, ihre Freizeit stärker zu planen, insbesondere nach Einbruch der Dunkelheit öffentliche Verkehrsmittel, Parks und andere als unsicher empfundene Gebiete zu meiden - sie lernen schon früh sich entsprechend zu verhalten 28 .
2.3 Freizeit in der Türkei
Im ländlichen Bereich der Türkei gibt es - wie wohl in allen agrarisch geprägten Armutsgesellschaften - keine genaue Trennung der Arbeits- und Freizeit, auch die Bereiche Arbeit und Wohnen sind örtlich kaum getrennt. Die Zeit ist weitgehend ausgefüllt mit dem Erwirtschaften des zum Leben notwendigen und der häuslichen Pflichten 29 . „Freizeit“ im Verständnis westlicher Gesellschaften gibt es daher nicht. Freizeitangebote und Freizeittreffpunkte sind, insbesondere für Frauen und Jugendliche, kaum vorhanden. Der Kontakt zu Menschen des Dorfes ist eng, es ist daher weniger notwendig, wie in Gesellschaften, in denen der Lebensunterhalt vorwiegend durch Erwerbsarbeit erwirtschaftet wird, Freizeitkontakte durch verabredete Treffen zu organisieren und aufrechtzuerhalten. Die zentralen Bezugsgruppen sind keine Freundeskreise oder Cliquen, aus denen man sich aufgrund von Sympathie oder gemeinsamer Interessen trifft, sondern die Dorfgemeinschaft und Verwandtschaft. Die
26 Opaschowski 2006, S. 85
27 Männer werden wesentlich häufiger Opfer männlicher Gewalt als Frauen (Herrmann 2003, S. 16),
allerdings ist die Art der Straftaten eine andere - Frauen werden häufiger Opfer von sexualisierten
Gewaltstraftaten;.
28 Opaschowski 2006, S. 121
29 Pfänder / Turhan, S. 4
13
Orte an denen man gemeinsame Zeit verbringt, sind für Männer Tee- 30 und Volkshäuser, Frauen treffen sich im privaten Raum 31 . Hierbei sind die Aktivitäten der Männer in ihren Treffpunkten klarer dem Freizeitbereich zuzuordnen, da Frauen auch beim Zusammensitzen im privaten Raum häufig weiteren Hand- und Haushaltsarbeiten nachgehen. Eine Jugendphase mit Hinwendung zur Peer-group und Aktivitäten ohne die Familie fehlt auch aufgrund des frühen Beginns der Familienphase weitgehend, daher gibt es kaum für Jugendliche typische Freizeitbeschäftigungen 32 .
Zwar sind die Veröffentlichungen auf die sich diese Aussagen beziehen älteren Datums und es dürfte sich - insbesondere durch die Verbreitung des Fernsehens - inzwischen einiges geändert haben, jedoch stammen die in den 60er- und 70er Jahren zugewanderten Arbeitsmigranten vorwiegend aus dem ländlichen Bereich der Türkei 33 und haben aktuelle Änderungen dort selbst kaum noch miterlebt. Dieser Hinter-grund kann einige Konflikte erklären, die diese mit ihren Kindern in Bezug auf deren Freizeitgestaltung haben.
3. Kultur
In der Diskussion um die Integration geht es auch immer um kulturelle Distanzen zwischen der einheimischen Bevölkerung und Migranten. Um über Kulturkonflikte, kulturelle Distanzen oder Gemeinsamkeiten, über kulturelle Integration reden zu können, ist eine Klärung des Begriffes „Kultur“ notwendig. Kultur wird häufig wenn es um Integration, Anpassung an eine Leitkultur oder um Kulturkonflikte geht, als etwas homogenes, statisches betrachtet, das bestimmten Bevölkerungsgruppen zugeschrieben wird. Hierbei wird übersehen, dass sowohl die deutsche als auch die türkische Kultur nichts Unveränderbares ist, was jeweils alle Angehörigen dieser Staaten gemeinsam haben.
Was also verbirgt sich also hinter dem Begriff der Kultur? Kultur kann nach Auernheimer verstanden werden als „ein Orientierungssystem mit einem gemeinsamen
30 Gemeint sind „Kahvehane“, also Kaffeehäuser, die im Deutschen üblicherweise als Teestuben be-
zeichnet werden. Es handelt sich um Cafes zumeist ohne Alkoholausschank. Ceylan 2006, S. 181
31 Pfänder / Turhan, S. 5
32 Weische-Alexa, 1980, S. 109.
33 Scheinhardt 1980, S. 36; Viele der aus ländlichen Regionen stammenden Migranten waren vor der
Einreise nach Deutschland aber auch Binnenmigranten und gehörten somit eher zu den sozial benach-
teiligten Bevölkerungsgruppen der türkischen Städte (Herwartz-Emden, 1995, S. 111).
14
Repertoire an Symboldeutungen, Kommunikations- und Repräsentationsmittel.“ 34 Kultur ist also etwas, was Bevölkerungsgruppen gemeinsam haben können, jedoch nicht an nationalstaatliche Grenzen gebunden ist. Komplexe Gesellschaften bestehen aus vielen Kulturen, auch wenn in allen diesen Teil- oder Subkulturen gemeinsame Elemente zu finden sind 35 . Nieke geht von einem „gesellschafts- und kulturübergreifenden Universalismus“ aus, von „gleichen Grundelementen in allen Kulturen mit ähnlichem Organisationsgrad“ 36 . Mit andere Worten: Es mag sein, dass ein Bochumer Großstadtbewohner (abgesehen von der Sprache) mehr „Kultur“ mit einem Einwohner von Istanbul gemeinsam hat als mit einem bayrischen Bergbauern. Insofern ist es wenig hilfreich von „der“ türkischen oder „der“ deutschen Kultur zu reden. Tendenziell lassen sich höchstens Tendenzen festmachen, die regional, und nicht nach Nationalstaat, differenziert werden müssen 37 . So ist die (kulturell konstruierte) Frauenrolle im ländlichen Raum der Türkei tendenziell eine andere als in den Großstädten (siehe Kap. 7.3.1).
Kultur wird durch Erziehung und Sozialisation vermittelt. Das heißt, dass Kultur prinzipiell wandelbar ist, sie ist nicht statisch und verändert sich unter Bedingungen des gesellschaftlichen Wandels - wobei Migration einen sehr raschen gesellschaftlichen Wandel - den örtlichen Wechsel in ein Umfeld mit einem anderen Orientierungssystem bedeutet. In welche Richtung der kulturelle Wandel im Migrationsprozess geht ist hierbei offen: Ob es eine Annäherung an kulturelle Muster des An-kunftslandes gibt, ob die Herkunftskultur stärker betont wird, oder ob beide Kulturen miteinander zu etwas völlig Neuem verbunden werden.
Wenn Kultur so verstanden wird, wie Auernheimer es definiert, so könnte von einem Kulturkonflikt nur dann die Rede sein, wenn das Orientierungssystem nur einer Gesellschaft angenommen und verstanden wird. In Deutschland aufgewachsene MigrantInnen sind in beiden Gesellschaften sozialisiert worden - sie kennen daher die „Symboldeutungen, Kommunikations- und Repräsentationsmittel“ beider Gesellschaften - die Kenntnis einer Kultur schließt die Kenntnis einer zweiten nicht aus. Zum Kulturkonflikt kann es nur dann kommen, wenn den Eltern nur das eine türkische Orientierungssystem bekannt ist und sie von ihren Kindern verlangen, sich aus-
34 Auernheimer2003, S. 110
35 Nieke 2000, S. 47 f.
36 Nieke 2000, S. 48
37 Neben regionalen Gemeinsamkeiten können „Kulturen“ auch z.B. an Konfessionen oder Schichten
gebunden sein - Kultur muss keinerlei geographischen Grenzen haben, die Übergänge zwischen „Kul-
turen“ sind fließend.
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schließlich für die türkische Kultur zu entscheiden.
Auf die Verbindung zweier Kulturen verweisen verschiedenste Begriffe: Interkulturell, bikulturell, multikulturell, transkulturell. Während Multikulturalität die Wandelbarkeit von Kulturen ausblendet, verweist Interkulturalität darauf, dass Kulturen als Resultat menschlicher Beziehungen zu sehen sind. Transkulturalität betont den dynamischen Aspekt, die Bewegung, das Jenseits der kulturellen Dichotomie, also die Möglichkeit Elemente zweier Kulturen zu verbinden, woraus mehr als nur die Kombination beider entstehen kann 38 . Transkulturell meint im Gegensatz zum Transnationalen nicht die Verbindung zweier Gesellschaften bzw. Nationen miteinander (die in sich verschiedenste Kulturen vereinigen können), sondern die Verbindung von zwei oder mehr Kulturen.
Der Alltag von Jugendlichen mit Migrationshintergrund ist geprägt von „transkultureller Transfer- und Übersetzungsarbeit“, sie haben zumeist gelernt mit der Vielfältigkeit kultureller Selbstverständnisse, Wissenformen und Praktiken umzugehen 39 , wobei der transkulturelle Alltag auch von Widersprüchlichkeiten und Konflikten geprägt sein kann. Das Verbinden von Elementen zweiter Kulturen ist nicht als Integrationshemmnis zu sehen - Integration meint nicht die Aufgabe der Herkunftskultur, sondern die Möglichkeit beide Kulturen zu wertschätzen, beide Orientierungssysteme zu verstehen und den Alltag transkulturell zu leben.
4. Integration
Um über Freizeitverhalten in Bezug auf Integration sprechen zu können, bedarf es einer Klärung dieses Begriffes. Allgemein versteht man in der Soziologie unter Integration den „Prozess der Bildung von Ganzheiten (Einheiten) aus Teilen, speziell von sozialen Systeme aus Elementen.“ 40 . Diese sehr weite Definition bedarf einer Konkretisierung in Bezug auf die Integration von Einwanderern. Um über Integration sprechen zu können, muss die Vielschichtigkeit des Begriffs und die mit dem Begriff verbundenen Theorien und Begrifflichkeiten erläutert werden. Der Begriff der Integration ist in seiner Verwendung und Definition (sowie seiner Abgrenzung zu ver-wandten Begriffen) nicht eindeutig. Ikonomu führt hierzu aus: „Der Tatsache, dass
38 Guitiérrez Rodriguez 2003, S. 91
39 Guitiérrez Rodriguez 2003, S. 81
40 Peuckert 1998, S.151
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der Terminus sowohl für einen Prozess wie auch für einen Zustand, für die unterschiedlichen Betrachtungsebenen von Theorie und Praxis, sowohl für Individuen, Gruppen, Institutionen und Systeme verwendet wird, hat jeder Definitionsversuch Rechnung zu tragen.“ 41
In der Migrationssoziologie sowie in der wissenschaftlichen wie öffentlichen Diskussion wird das Verhältnis des Einwanderers zur Einwanderungsgesellschaft mithilfe einer Vielzahl von in ihrer Bedeutung ähnlichen oder gleichen Begriffen diskutiert, zwischen denen nicht unbedingt trennscharf unterschieden werden kann: Integration, Assimilation, Anpassung, Akkulturation, Enkulturation, Eingliederung, Inkorporation, Akkomodation, Adaption; oder bei Misslingen derselben: Isolation, Segregation, Separation, Marginalisierung.
Um den Begriff der Integration zunächst von dem der Assimilation abgrenzen zu können, ist es hilfreich, sich die verschiedenen Ergebnisse von Eingliederungsprozessen (hier wird der Begriff der Akkulturation verwendet) bzw. die verschiedenen Strategien im Rahmen des Akkulturationsprozesses anhand einer Tabelle zu verdeutlichen:
Tabelle 2: Akkulturationsstrategien nach Berry
national Review 46, 1/1997, S. 9., zit nach: Trebbe/ Weiß 2007, S. 137
Deutlich wird hier der Unterschied zwischen Assimilierung und Integration. Assimilierung meint die Abwendung von der Herkunftsgesellschaft und ihrer Kultur bei gleichzeitiger Übernahme der Kultur der Ankunftsgesellschaft. Integration hingegen zielt nicht auf die völlige Anpassung an beide Gesellschaften / Kulturen, sondern auf ein positives Verhältnis zu Ankunfts- und Herkunftsgesellschaft, die Wertschätzung beider Kulturen und den erfolgreichen Umgang mit Widersprüchen - in diesem Sinne kann auch von Mehrfachintegration gesprochen werden. Ausgeblendet werden im Rahmen der Integrations-Diskussion die Veränderungen, die die Aufnahmegesell- 41 Ikonomu1989, S. 265
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schaft durch die Einwanderung erfährt. Wenn Integration, nach der allgemeinen Definition, die Bildung von Ganzheiten aus Teilen meint, muss der Prozess der Angleichung nicht auf eine Seite beschränkt bleiben.
Wenn Personen oder Gruppen daraufhin untersucht werden sollen, ob oder inwieweit sie integriert sind, zeigt sich die Problematik und Vielschichtigkeit des Begriffes: Eine beruflich erfolgreiche Migrantin mit Hochschulabschluss gilt zunächst einmal als (in das Wirtschaftssystem) integriert, wird aber dann als nicht integriert (bzgl. Werte / Kultur) wahrgenommen, wenn sie dabei ein Kopftuch trägt. Der Begriff der Integration ist an sich für Forschungszwecke eher schwierig zu handhaben. Um den Begriff der Integration 42 fassen und für wissenschaftliche Forschung anwendbar machen zu können, halte ich es für sinnvoll, Gruppen und Personen nicht in ihrer Gänze als „integriert“, „weniger integriert“ oder „nicht integriert“ zu sehen, sondern den Begriff in einzelne zu untersuchende Dimensionen bzw. Problemebenen aufzuspalten:
„"Soziale Dimension":[…] Zugang zu Primärgruppen wie Gleichaltrigengruppen; Nachbarschaft; Familien; Vereine; Kollegen- und Freundeskreise,“ 43
„"Kulturelle Dimension" […] En- und Akkulturation in das gesellschaftliche Normensystem, in Rollenerwartungen und […] bei Migranten, in Lebensgewohnheiten, Werte und Sprache der Aufnahmegesellschaft;“ 44
„"Persönliche" (oder "identifikatorische") Dimension, d.h. Identifikation mit der [Aufnahme-] Gesellschaft, und - besonders bei Migranten - Re-Stabilisierung des durch Wanderung destabilisierten Persönlichkeitssystems.“ 45
42 Anette Treibel lehnt die Verwendung des Begriffs der Integration ab: „Den Integrationsbegriff
bewerte ich aufgrund seiner politisch-normativen Verwendung einerseits (…) und der heterogenen
soziologischen Bedeutung andererseits als zu unspezifisch. Stattdessen verwende ich den Begriff der
Eingliederung.“, (Treibel 2003, S. 153); Pries bevorzugt die Verwendung des Begriffes „Inkorporati-
on“: „dieser Begriff scheint neutraler und weniger wertbeladen als Ausdrücke wie Assimilation, An-
passung und Integration.“ (Pries 2005a, S. 36)
43 Bendit 1999
44 Bendit 1999
45 Bendit 1999
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„"Strukturelle Dimension", d.h. Gleichheit der sozialen und politischen Rechte und Gleichverteilung der Mitglieder unterschiedlicher sozialer und ethnischer Gruppen auf das Positionssystem der Aufnahmegesellschaft (Chancengleichheit) [dies beinhaltet auch den Zugang zu Arbeitsmarkt und Einkommen]“ 46
Der Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit soll auf der sozialen, kulturellen und iden-tifikatorischen Dimension liegen. Bezüglich des Freizeitverhaltens können folgende Indikatoren für die verschiedenen Integrationsdimensionen relevant sein:
Soziale Dimension: Inner- und interethnische Freizeitkontakte; Kulturelle Dimension: Übernahme von Lebens- und Freizeitgewohnheiten sowie Werten und Normen (auch bezüglich Geschlechterrollen); Identifikatorische Dimension: ethnische Zugehörigkeitsdefinition; diese kann eng mit der Wahl von inner- und interethnischen Freizeitkontakten verknüpft sein;
Die strukturelle Dimension soll im Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht an sich untersucht werden, kann aber u.U. als erklärender Faktor dienen, insofern z.B. geringes Einkommen oder niedrige Position im Berufsleben Einfluss auf die Gestaltungsmöglichkeiten in der Freizeit haben.
Integration wird häufig als Leistung betrachtet, die Migranten selbst zu erbringen haben. Ausgeblendet wird in einer solchen Sichtweise die Offenheit der Aufnahmegesellschaft gegenüber den Einwanderern. Der Integrationsprozess hat erst dann „sein Ziel erreicht, wenn die Eingewanderten sich in derselben Weise wie die Stammbevölkerung als zugehörig definieren und als zugehörig anerkannt werden.“ 47 . Wem Rechte aufgrund der anderen Staatsbürgerschaft verwehrt werden, wer im alltäglichen Leben Diskriminierungen ausgesetzt ist, kurz, wer als „anders“ definiert wird, kann die erwartete Integrationsleistung nicht oder nur schwer erbringen - bezüglich des Freizeitverhaltens ist also auch die Frage nach der Offenheit der deutschen peer-group gegenüber interethnischen Kontakten zu stellen. Unterschieden werden kann, wenn es um Integration geht, auch zwischen „inneren
46 Bendit 1999
47 Hoffmann, 1996 ,S. 245
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Zuständen“ und „äußerem Verhalten“ 48 . „Innere Zustände“ meint die Identifikation eines Individuums mit einer Gruppe, beziehen sich also auf Zugehörigkeitsdefinitionen, die sich im „äußeren Verhalten“ widerspiegeln. Inneren Zuständen kann sich empirisch genähert werden über Fragen nach Zugehörigkeit zu einer Bevölkerungsgruppe, einem Staat, einer Ethnie. Äußeres Verhalten spiegelt diese Zugehörigkeitsdefinitionen, indem Vorstellungen und Konstruktionen von z.B. „deutsch-sein“, „türkisch-sein“ oder auch „Deutsch-Türke-sein“ mit bestimmten Wertvorstellungen und Verhaltensweisen verbunden werden und im Alltagsleben Auswirkungen auf konkretes Handeln - auch auf das Freizeitverhalten - haben.
In der wissenschaftlichen, kaum in der öffentlichen Diskussion wird auch die Möglichkeit der Binnenintegration diskutiert. Elwert stellt hierzu die These auf: „Eine starke Integration der fremdkulturellen Einwanderer in ihre eigenen sozialen Zusammenhänge innerhalb der aufnehmenden Gesellschaft - eine Binnenintegration also - ist unter bestimmten Bedingungen ein positiver Faktor für ihre Integration in die aufnehmende Gesellschaft.“ 49 In der Theorie kann man sich zunächst durchaus die Frage stellen: Wo ist das Problem, wenn Zuwanderer unter sich bleiben: Es entstehen Netzwerke, Vereine, ethnische Ökonomien, es bestehen keine Sprachprobleme innerhalb der ethnischen Community und Migranten können sich gegenseitig Alltagswissen bezüglich der Ankunftsgesellschaft und ihrer Institutionen vermitteln. Dies sind Argumente, die in der Zeit direkt nach der Einreise sicherlich Gültigkeit haben - Binnenintegration bringt jedoch auf Dauer Probleme mit sich: Die Aufstiegsmöglichkeiten in ethnischen Ökonomien sind begrenzt, Werte und Normen sowie Institutionen der Ankunftsgesellschaft können ohne Kontakt zu Einheimischen nur unzureichend verstanden werden, eine Identifikation mit dem Ankunftsland bleibt aus. Der Blickwinkel auf Integrationsprozesse wird jedoch ein anderer, wenn man Binnenintegration mitdenkt: Das Fehlen von Kontakt zur einheimischen Bevölkerung muss nicht zwangsläufig als Zustand der Desintegration gedeutet werden. Migranten sind, wenn sie nicht in die Ankunftsgesellschaft integriert sind, nicht per se desintegriert, sie sind eben anders integriert, eben in eine ethnische Community.
Die Eingliederung von Einwanderern wurde in den Anfängen der soziologischen Migrationsforschung im Rahmen verschiedener Sequenz- und Zyklenmodelle häufig als weitgehend linearer - in Abfolge verschiedener Phasen verlaufender - Prozess
48 Friedrichs / Jagodzinski 1999, S. 10
49 Elwert 1982, S. 2
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Arbeit zitieren:
Katrin Wilde, 2007, Freizeit – Integration – Gender - Zum Freizeitverhalten türkischer Mädchen und junger Frauen, München, GRIN Verlag GmbH
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