Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung, Forschungsdiskussion, Fragestellung. 3
2. Hauptteil 5
2.1 Das Ritterideal des „milites christiani“ und seine Widerspiegelung im
„Palästinalied“ 5
2.2 Die Sprecherrolle eines „milites christiani“ - Kulturgeschichtliche Hintergründe
und mögliche Motive Walthers 11
3. Abschlussbetrachtung 15
4. Bibliographie. 17
4.1 Monographien und Herausgeberschaften 17
4.2 Zeitschriftenartikel. 19
2
1. Einleitung, Forschungsdiskussion, Fragestellung
Über das sogenannte „Palästinalied“ Walthers von der Vogelweide existiert ein umfangreiches Korpus an wissenschaftlichen Beiträgen. Das dominierende Thema der vergangenen Forschungsdiskussionen war die Frage nach der wahren Anzahl und der Echtheit der insgesamt 12 überlieferten Strophen. Seit der Arbeit von Volker Schupp 1 aus dem Jahre 1964, die den Aufbau und den Inhalt des „Palästinaliedes“ glaubwürdig auf die „Sieben-Siegel-Reihen der Apokalypse“ der geistlichen Literatur bzw. auf das Leben und die Passion Jesu zurückgeführt hat, darf dieser Diskurs als beendet angesehen werden. Den Ergebnissen Schupps folgend habe ich für meine Untersuchung den überlieferten Gesamtkanon des Liedes auf die Strophen L 14, 38 / L 15, 6 / L 15, 13 / L 15, 20 / L 15, 27 / L 15, 34 / L 16,1 / L 16, 8 und L 16, 29 beschränkt. Mit dem breiten wissenschaftlichen Konsens zur Strophenanzahl bzw. -echtheit haben die Mediävisten das Interesse am „Palästinalied“ fast völlig verloren. Auslöser hierfür mögen die fehlenden Kenntnisse zur chronologischen und damit kontextuellen Einordnung des Liedes gewesen sein. Ein gewisses Aufsehen erregte die Entdeckung, dass es sich bei Walthers religiösem Lied um eine metrisch-melodische Kontrafaktur des provenzalischen Minneliedes „Lanquan li jorn son lonc en mai“ von Jaufre Rudel handelt. 2 Die Bewertung dieser Feststellung ist jedoch sehr schwierig, weitläufig und nach der mir vorliegenden Literatur noch nicht vollständig abgeschlossen. Neben diesen fundamentalen Erkenntnissen existieren verschiedenste
Interpretations- und Deutungsversuche des „Palästinaliedes“, die thematisch um den religiösen Tenor des Textes kreisen 3 .
Christa Ortmann hat im Jahr 2001 eine Untersuchung des lyrischen Ich im „Palästinalied“ vorgelegt. 4 Ausgangspunkt ihrer Analyse ist die Sprecherrolle eines „Pilgers“ im Heiligen Land. Die Identifizierung des von Walther installierten Sprechers mit einem ritterlichen Kreuzfahrer lehnte Ortmann mit dem Verweis auf die Strophe L 124, 35 der sogenannten „Elegie“ ab. Dieser Rückschluss wird auf den ersten Blick
1 Schupp, Walther: Septenar und Bauform. Studien zur „Auslegung des Vaterunser“, zu „De VII Sigillis“ und zum
„Palästinalied“ Walthers von der Vogelweide. Berlin 1964.
2 Ranawake, Silvia: Walther von der Vogelweide und die Trobadors. Zu den Liedern mit Kreuzzugsthematik und
ihrem literarischem Umfeld. In: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen 151 (1999), S. 4.
3 Ingebrand, Hermann: Interpretation zur Kreuzzugslyrik Friedrichs von Hausen, Albrechts von Johansdorf,
Heinrichs von Rugge, Hartmanns von Aue und Walters von der Vogelweide. Frankfurt am Main 1966. Heintz,
Magdalene: Studien zur Religiosität Walthers von der Vogelweide. Frankfurt am Main 1968.
4 Ortmann, Christa: Walthers werdekeit. Zur Typologie des „Palästinaliedes“. In: Ragotzky, Hedda / Vollmann-
Profe, Gisela / Wolf, Gerhard: Fragen der Liedinterpretation. Stuttgart 2001.
3
durchaus vom rein religiösen Tenor des Liedes bestätigt. Auch im Standardwerk zur Kreuzzugsdichtung von Wentzlaff-Eggebert wird jeglicher Bezug zum Höfisch-Ritterlichen abgelehnt. 5
Betrachtet man aber das im Umfeld der Kreuzzüge entstandene Ritterideal des „milites christiani“, also einen Ritter im Auftrag der Christenheit, so kann bereits mit dieser Begrifflichkeit eine gewisse Verbindung zwischen religiösem Charakter des „Palästinaliedes“ und einer eventuellen ritterlich-christlichen Sprecherrolle unterstellt werden. Bei Durchsicht der mir zur Verfügung stehenden Literatur fiel auf, dass der zu analysierende Text noch nie unter dieser Prämisse betrachtet wurde, obwohl der Umfang der Schriften zur Thematik des neuen Ritterideals im 11., 12. und 13. Jahrhundert nahezu bibliotheksfüllend ist. Die vorliegende Hausarbeit will daher eine Interpretation des „Palästinaliedes“ mit einer angenommenen Sprecherrolle und Perspektive eines „milites christiani“ versuchen. Hieraus ergeben sich folgende richtungsweisende Fragestellungen: 1. Wie definierte sich das neue Ritterideal des „milites christiani“ und welche Indizien bzw. Merkmale lassen sich hierfür im „Palästinalied“ nachweisen? 2. Welche kulturgeschichtlichen Einflüsse können auf die Entstehung, die inhaltliche Verfassung und das scheinbar paradoxe Motiv Walthers zur Installierung einer Sprechrolle mit ritterlich-christlichem Hintergrund eingewirkt haben, wenn man die latenten Auseinandersetzungen zwischen römischer Kurie und deutschem Kaiserhaus bedenkt?
5 Wentzlaff-Eggebert, Friedrich-Wilhelm: Kreuzzugsdichtung des Mittelalters. Studien zu ihrer geschichtlichen und
dichterischen Wirklichkeit. Berlin 1960, S. 240.
4
2. Hauptteil
2.1 Das Ritterideal des „milites christiani“ und seine Widerspiegelung im
„Palästinalied“
Das ritterliche Ideal des „milites christiani“ kann kontextuell in den kirchlichen bzw. päpstlichen Reform- und Emanzipationsprozess sowie in die allgemeine Tendenz der eschatologischen Volksfrömmigkeit des 11. und 12. Jahrhunderts eingeordnet werden 6 . Die Hintergründe und Motive dieser Entwicklung sind äußerst komplex und reichen von der endgültigen Christianisierung des europäischen Adels über den Versuch der römischen Kurie auf vermehrten weltlichen Einfluss 7 bis zur Verhängung des „Gottesfriedens“ 8 zur Überwindung des ausufernden Fehdewesens und Raubrittertums. Konkreter sind dahingegen die daraus folgenden Konsequenzen für die europäische Ritterschaft, wobei der Kreuzzugsbewegung und der ihr innewohnenden Ideologie eine bedeutende katalysierende Wirkung zukam. Zum einen erhielt der Waffengang unter dem Banner des Kreuzes die Lesart eines Gottesdienstes und das Versprechen auf vollständigen Sündenablass. Zum anderen löste sich durch das Prinzip des Kriegers im Namen Gottes das traditionelle Gesellschaftsbild der drei Ordnungen teilweise auf 9 , da der neu entstandene „milites christiani“ quasi sowohl den Stand des „bellatores“ als auch den des „oratores“ verkörperte. Christliche Werte und klösterliche Lebensregeln hielten Einzug in die ritterliche Welt, deren Veränderung und Hinwendung zum verinnerlichten Glauben sich u. a. im nahezu liturgischen Ritual der Schwertleite offenbarte 10 . Prototypische Vertreter des monastisch-lebenden Waffenträgers waren bekanntlich die Mitglieder der verschiedenen Ritterorden, die sich im Verlauf des 12. Jahrhunderts im Heiligen Land bildeten. Auch wenn längst nicht alle Kreuzfahrer ihr Leben durch die strengen Regeln des Benedikt von Nursia beeinflussen ließen, entstand ein neues Ritterideal, das sich primär durch das Vasallenverhältnis zu Gott und erst sekundär durch das zum jeweiligen Territorial- oder Lehnsherren auszeichnete. Betrachtet man hierzu den Tenor und die weitreichende Rezeption der Kreuzzugspredigten eines Bernhard
6 Cardini, Franco: Der Krieger und der Ritter. In: Le Goff, Jacques (Hg.). Der Mensch des Mittelalters. Frankfurt
am Main / New York. 1990, S. 90-91.
7 Verwiesen sei auf das durch Papst Gregor VII. begründete Prinzip des „militia petri“ : Erdmann, Carl: Fortbildung
des populären Kreuzzugsgedankens. In: Borst, Arno: Das Rittertum im Mittelalter. Darmstadt 1989, S. 49ff.
8 Bumke, Joachim: Studien zum Ritterbegriff im 12. und 13. Jahrhundert. Heidelberg 1977, S. 110-111.
9 Duby, Georges: Die drei Ordnungen. Das Weltbild des Feudalismus. Übersetzt von Grete Osterwald. Frankfurt
am Main 1981, S. 391.
10 Ebenda, S. 113.
5
von Clairvaux 11 , so erscheint die „militia christi“ , die Entäußerung und Demut des Ritters im Dienste Gottes, als das markanteste Merkmal des europäischen Ritterideals im 12. und 13. Jahrhundert. Hierbei darf aber nicht vergessen werden, dass neben dem sakralisierten der weltliche Lebensraum 12 , symbolisiert durch höfische Kultur und Feudalität, weiterhin existierte, obwohl dieser sich der Ausschließlichkeit des Glaubens im idealen Dasein eines „milites christiani“ unterwerfen musste. Diese Tendenz erkennend setzten die geistigen Schöpfer eines mönchischen Kämpfers Christi dem der Kurie unterstellten Ordensritter ein säkularisiertes Pendant hinzu, das sowohl dem Dienst gegenüber der Kirche als auch gegenüber dem Lehnsherrn gerecht werden konnte. Während die Mitglieder der Ritterorden in ihrem Habitus einzig den christlich-monastischen Werten des religiösen Lebensraumes folgten, eröffnete sich für die im weltlichen verwurzelte Ritterschaft latente Dilemma einer Dopplung der Wertesysteme, deren gemeinsame Schnittmenge die „militia christi“ definierte.
Praktisch erfolgte diese Alternative des bewaffneten Sündenablasses durch die Teilnahme an einem Kreuzzug oder durch den befristeten Diensteintritt in ein Vasallenverhältnis in den Kreuzfahrerstaaten. Bernhard von Clairvaux hat die Mission dieses weltlichen „milites christiani“ mit der Metapher des doppelten Feindes und doppelten Kampfes gegen reale Gegner und religiöse Sündhaftigkeit synthetisiert 13 und mit dem Modell des Ordensritters gleichgesetzt. Aber auch in diesem ritterlichen Ideal blieb trotz aller säkularer Prägung die göttliche Ordo die unumstritten höchste Instanz.
In diesem Sinne kann das lyrische Ich des „Palästinaliedes“ mit seinem religiösen Charakter durchaus der Rolle eines „milites christiani“ entsprechen. Obwohl direkte und konkrete Hinweise im „Palästinalied“ selbst fehlen, weisen bestimmte Formulierungen und Ausdrucksweisen auf eine ritterliche Sprechrolle im Geiste Bernhards von Clairvaux. Die in der wissenschaftlichen Literatur aufgezeigten antithetischen, allegorischen, typologischen und komparativen
Argumentationsmuster 14 , die Walther nutzte, um das Verhältnis zwischen Sakralem
11 Wentzlaff-Eggebert, Friedrich-Wilhelm: Kreuzzugsdichtung des Mittelalters. Studien zu ihrer geschichtlichen
und dichterischen Wirklichkeit. Berlin 1960, S. 17ff.
12 Hiestand, Rudolf: Kreuzzug und höfisches Leben. In: Kaiser, Gert / Müller, Jan-Dirk (Hg.): Höfische Literatur,
Hofgesellschaft, Höfische Lebensform um 1200. Kolloquium am Zentrum für Interdisziplinäre Forschung der
Universität Bielefel ( 3. bis 5. November 1983). Düsseldorf 1986, S. 177.
13 Oberste, Jörg: Rittertum der Kreuzzugszeit in religiösen Deutungen. Zur Konstruktion von Gesellschaftsbildern
im 12. Jahrhundert. In: Francia 27/1 (2000), S.77.
14 Schupp, Walther: Septenar und Bauform. Studien zur „Auslegung des Vaterunser“, zu „De VII Sigillis“ und zum
„Palästinalied“ Walthers von der Vogelweide. Berlin 1964, S. 101ff.
6
Arbeit zitieren:
Christoph Effenberger, 2004, Das "Palästinalied" Walthers von der Vogelweide, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Vorstellung und Kritik verschiedener Interpretationen der Erzählung &q...
Hausarbeit (Hauptseminar), 21 Seiten
Das Palästinalied von Walther von der Vogelweide
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Seminararbeit, 16 Seiten
Die Kreuzzugslieder Walthers zwischen dogmatischer Sinnbestimmung, pol...
Hausarbeit (Hauptseminar), 33 Seiten
Die 'Elegie' Walthers von der Vogelweide im Vergleich mit früh...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit (Hauptseminar), 21 Seiten
Musik und deren gesellschaftliche Funktion in der faschistischen Ideol...
Hausarbeit, 21 Seiten
Patrick Süßkind 'Das Parfum' - Darstellung der Hauptfigur durc...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 15 Seiten
Der Götz und der Urgötz - Ein Vergleich
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 26 Seiten
„Owê war sint verswunden alliu mîniu jâr!“ - Eine Analyse des Gedichte...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit (Hauptseminar), 15 Seiten
Stundenentwurf zu Patrick Süskind: Das Parfum
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Unterrichtsentwurf, 23 Seiten
Pierre de Ronsard und die Dichtung der Pléiade
Romanistik - Französisch - Literatur
Seminararbeit, 25 Seiten
Das Nibelungenlied - Hagen und Siegfried
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Seminararbeit, 16 Seiten
Die Entstehung der griechischen Tragödie
Klassische Philologie - Gräzistik - Literatur
Hausarbeit, 14 Seiten
Die Demokratisierung der Literaturkritik im Internet
Voraussetzungen, Formen und Fo...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Masterarbeit, 49 Seiten
Das Absolute - Die höchste Idee bei Platon und Plotin
Philosophie - Philosophie der Antike
Seminararbeit, 42 Seiten
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
'Don Karlos', ein Freundschaftsdesaster - eine didaktische Ana...
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Hausarbeit (Hauptseminar), 29 Seiten
Der Rhythmus in Goethes 'Willkommen und Abschied' und 'Gan...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 16 Seiten
Christoph Effenberger's Text Das "Palästinalied" Walthers von der Vogelweide ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Christoph Effenberger hat den Text Das "Palästinalied" Walthers von der Vogelweide veröffentlicht
Christoph Effenberger hat einen neuen Text hochgeladen
Walther von der Vogelweide und die Literaturtheorie
Neun Modellanalysen von "Nemt,...
Johannes Keller, Lydia Miklautsch
Die ,Reinmar-Lieder' Walthers von der Vogelweide
Literarische Kommunikation als...
Ricarda Bauschke
Selected Writings of C.F.W. Walther Volume 5 Walther on the Church
C. Fw Walther, Aug R. Suelflow, John M. Drickamer
0 Kommentare