Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Anfänge der Nachrichtenwert-Theorie 1
3. Weiterentwicklung der Nachrichtenwerttheorie. 4
4. Auswahl des geeigneten Nachrichtenfaktorenkataloges 6
5. Der Fall Marco W. 8
6. Analyse des Falls Marco W. 8
7. Fazit. 10
Literaturverzeichnis 12
Anhang 14
1. Einleitung
Am 23.6.2007 berichtete unter anderem die BILD- Zeitung über den Fall des 17jährigen Marco W. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits seit 73 Tagen in türkischer Haft, weil ihn die Eltern einer minderjährigen Urlaubsbekanntschaft des sexuellen Missbrauchs angeklagt hatten. 1
Der Fall bekam in Deutschland große Aufmerksamkeit in den Medien. Da es zahlreiche ähnliche Fälle gibt, denen weit weniger Beachtung geschenkt wird, soll im Folgenden untersucht werden, welche besonderen Merkmale Grund für die Publikationsentscheidung sein könnten. Welche Einflussfaktoren spielten im Selektionsprozess der Journalisten eine Rolle? Warum wurde dem Ereignis eine so große Aufmerksamkeit zuteil? Und warum wurde der Fall erst zehn Wochen nach der Inhaftierung von Marco W. für publikationswürdig befunden? Diese Fragen sollen mit Hilfe der Theorien der europäischen Kommunikations-forschung geklärt werden. Aus den vier wesentlichen Forschungsrichtungen „Gatekeeper-Forschung“, „News-Bias-Forschung“, dem „Framing-Konzept“ und der „Nachrichtenwert-Theorie“ soll letztere in dieser Arbeit herangezogen werden um die gestellten Fragen zu klären. Zunächst werden die theoretischen Anfänge sowie ihre Weiterentwicklung und empirische Validität aufgeführt. Diese soll insofern Beachtung finden, da geprüft werden soll, inwieweit sich die Publikation des Ereignisses Marco W. mithilfe der Nachrichtenwert-Theorie erklären lässt. Sofern dies möglich ist, soll schließlich eine Antwort auf die eingangs gestellten Fragen gegeben werden.
2. Anfänge der Nachrichtenwert-Theorie
„Die Nachrichtenwert-Theorie beschäftigt sich im Gegensatz zur ‚Gatekeeper’-Forschung nicht mit den Eigenschaften der Journalisten [...], sondern setzt bei den Medieninhalten an, von denen auf die Selektionskriterien der Journalisten ge- schlossen wird” 2 . Das erste konkrete Konzept hierzu lieferte Walter Lippmann.
1 Godau, J. (u.a.) [2007]: Verbotene Strandliebe. Deutscher Junge (17) in Türken- Knast. In: BILD-Zeitung, [Nr. 144], [S. 3].
2 Kunczik, Michael/Zipfel, Astrid (2001): Publizistik. Ein Studienhandbuch. Köln/Weimar/Wien: Böhlau Verlag, 2., durchgesehene und aktualisierte Auflage, S. 245.
1
1922 erschien dessen Arbeit “öffentliche Meinung”, in der Lippmann davon ausgeht, dass es unmöglich sei, die komplexe Realität vollständig zu erfassen. 3 Daher tendierten Menschen dazu, sie durch Stereotypen zu vereinfachen. 4 Für Journalisten bedeute dies, dass sie bei der Nachrichtenselektion bestimmte “news values” 5 festlegen. Diese Nachrichtenwerte bezeichnen spezifische Merkmale eines Ereignisses, die es für Journalisten berichtenswert machen. Die Festlegung dieser Nachrichtenwerte führt nach Lippmann zu einer Verzerrung. So stellt auch Joachim Friedrich Staab fest: „Nachrichten spiegeln nicht die Realität [wider], sondern sind das Ergebnis von Selektionsentscheidungen.“ 6
Wichtig ist hier zu bemerken, dass sich in der deutschsprachigen Forschung die Begriffe Nachrichtenfaktoren und Nachrichtenwerte herausgebildet haben. So gewinnt ein Ereignis durch eine starke Ausprägung vieler Nachrichtenfaktoren an Nachrichtenwert, also an Publikationswürdigkeit für den Journalisten, wobei Schulz Nachrichtenfaktoren für vergleichbar mit den Stereotypen hält. 7 Eilders stellt fest, dass der Nachrichtenwert „auf der Konstruktebene angesiedelt” ist, „die Nachrichtenfaktoren stellen die Indikatoren dazu dar.” 8 Lippmann nennt folgende Eigenschaften von Ereignissen, die den Nachrichtenwert determinieren, also die ersten in der Wissenschaft genannten Nachrichtenfaktoren: „Ungewöhnlichkeit des Geschehens”, „Bezug zu bereits eingeführten Themen”, „zeitliche Begrenzung”, „Einfachheit”, „Konsequenzen” (Relevanz, Schaden, Nutzen), „Beteiligung bekannter Personen” oder „Entfernung vom Ereignisort zum Verbreitungsgebiet des Mediums”. Je mehr dieser Faktoren ein Ereignis enthält und je stärker diese ausgeprägt sind, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es in den Medien berücksichtigt wird.
3 Ebd., S.246.
4 Vgl. Lippmann, Walter (1922): Public Opinion. New York.
5 Ebd., 348.
6 Staab, Joachim Friedrich (1990): Nachrichtenwert-Theorie. Formale Struktur und empirischer Gehalt. Freiburg/München [=Alber-Broschur Kommunikation; 17]; S. 41.
7 Schulz, Winfried (2000): Nachricht. In Noelle-Neumann, Elisabeth/ Schulz, Winfried/Wilke, Jürgen (Hrsg.): (Fischer Lexikon) Publizistik Massenkommunikation. Frankfurt a.M.: Fischer, 2. aktualisierte, vollständig überarbeitete und ergänzte Auflage, S. 361.
8 Eilders, Christiane (1997): Nachrichtenfaktoren und Rezeption. Eine empirische Analyse zur Auswahl und Verarbeitung politischer Information. Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 26.
2
Erst 1965 fand eine Fortsetzung der Nachrichtenwerttheorie durch Einar Östgaard statt. Einar Östgaard begründete in seinem Artikel „Factors Influencing the Flow of News” 9 die europäische Forschungstradition der Nachrichtenwerttheorie. Diese Faktoren 10 werden von Östgaard in interne und externe unterschieden. „Extraneous [factors]“ entstehen durch politischen und wirtschaftlichen Einfluss (zum Beispiel durch Zensur; finanzielle Sanktionen/Subventionen), die den Nachrichtenfluss von außen beeinflussen 11 . Interne Faktoren sind nach Östgaard „audience-oriented [factors]“, bestimmen also die Publikationswürdigkeit im Hinblick auf das Publikum 12 . Diese sind:
1. Simplifikation: Nachrichten werden im Hinblick auf Ereignisse mit leicht verständlichem Inhalt selektiert. je simpler die Nachricht, desto höher die Wahrscheinlichkeit veröffentlicht zu werden. 13
2. Identifikation: „Die Aufmerksamkeit des Publikums erhalten vor allem Berichte, […], die diesem wohl bekannt sind.“ 14 Die daraus folgende Vertrautheit kann durch geringe Distanz zum Rezipienten (sowohl in geografischer, kultureller als auch zeitlicher Hinsicht) oder durch die Einbeziehung von Nationen oder Personen mit hohem sozialem Rang, bzw. durch eine Personalisierung erzeugt werden. Je größer die Identifikation, desto größer die
Publikationswahrscheinlichkeit.
3. Sensationalismus: Ereignisse werden aufgrund ihres Spannungsreichtums publiziert, also beispielsweise Katastrophen und Unglücke, die Elemente wie Emotionalität enthalten beziehungsweise hervorrufen. Je stärker der sensationalistische Gehalt ist, umso eher wird das Ereignis Teil des Medieninteresses.
9 Östgaard, Einar: Factors Influencing the Flow of News. In: Journal of Peace Research 2 (1965); S. 39-63.
10 Siehe Anhang, Tabelle.
11 vgl. Östgaard (1965): 40ff
12 Ebd., 45ff.
13 Ebd., 25.
14 Maier, Michaela (2003): Nachrichtenfaktoren - Stand der Forschung. In: Ders./Ruhrmann, Georg u.a.: Der Wert von Nachrichten im deutschen Fernsehen. Ein Modell zur Validierung von Nachrichtenfaktoren. Opladen: Leske und Budrich, S. 30.
3
Arbeit zitieren:
Mattias Wohlleben, 2007, Nachrichtenwert-Theorie, München, GRIN Verlag GmbH
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