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Inhalt
I. Marie Louise von Österreich (Biografie) 3
II. Die Genese der Statue der „Concordia“ 7
III. Die „Concordia“ als Spiegelbild der Charaktereigenschaften Marie Louises und als
Spiegelbild geschichtlicher Zusammenhänge. 10
IV. Überlegungen zu möglichen Vorbildern zur Statue der „Concordia“ 12
1.1. Marie Louise - eine Annäherung an Juno 12
1.2. Die Marmorstatuette der „Tellus“ („Terra Mater“) als mögliches Vorbild für die „Concor-
dia “ 16
2.1. Canovas „Italia-Begriff“, dargelegt am Beispiel des „Alfieri“-Monuments von 1806-10 17
2.2. Marie Louise von Österreich als Symbol für ein vereintes und unabhängiges Italien 21
V. Abbildungsnachweis 23
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I. Marie Louise von Österreich (Biografie)
Der italienische Bildhauer Antonio Canova (1757-1822) ist lange als eine unpolitische Figur betrachtet worden. Diese traditionelle Sichtweise musste längst revidiert werden, denn die Analyse einer Vielzahl von Quellen enthüllt, dass der Künstler sehr wohl ein politisches Bewusstsein besaß, wie vor allem auch seine 1810 von Napoleon Bonaparte in Auftrag gegebene Statue der Marie Louise von Österreich (Abb. 1) beweist. Das Werk ist eng mit den Ideen und Ansichten Canovas und der turbulenten Zeit, in der er das Kunstwerk ausführte, zu sehen.
Nur wenige Monate vor der Auftragsvergabe der Statue an den italienischen Bildhauer hatte die Prokuratrauung zwischen Napoleon und der österreichischen Kaisertochter Marie Louise am 11. März 1810 in der Augustinerkirche in Wien stattgefunden. Erzherzog Karl
4
vertrat in Abwesenheit Napoleons den einstigen Gegner. Der Kaiser selbst traf erst am 27. März bei Compiègne mit seiner neuen Gemahlin zusammen. Am 1. April wurde in St. Cloud die Zivilehe geschlossen, am Tag darauf in der Kapelle des Louvre die kirchliche Trauung vollzogen. 1 Die Erzherzogin von Österreich wurde die Frau des Mannes, den sie wenige Wochen zuvor noch gehasst und verachtet hatte. Noch zu Beginn des Jahres 1810 schrieb sie an die Gräfin Colloredo: "... ich werde gewiß nicht das Opfer der Politik sein!" 2 Und doch sollte gerade sie das Opfer sein, das ihr Vater, Franz I., Kaiser von Österreich, der Politik schuldig zu sein glaubte. Denn er und sein Minister Metternich sahen in einer Familienverbindung mit dem Kaiser der Franzosen eine Stütze zur Erhaltung des Reiches. Marie Louise sollte die Frau des "Bonaparte", des "Korsen", des "Antichrists", des Schreckgespenstes ihrer eigenen Kindheit werden. 3
Metternich hatte bereits seit 1807 eine Heirat des Hauses Habsburg mit Napoleon ins Auge gefasst. Er verfolgte den Plan, ein gutes Verhältnis zwischen Österreich und Frankreich zu schaffen, um für den tief erschütterten Staat eine Ruhepause für den Wiederaufbau zu gewinnen. 4
Auch in Frankreich war eine solche Verbindung seit Jahren ein vielfach gehegter Wunsch. Dieser Wunsch entsprach Napoleons Ehrgeiz, sich mit einem alten Thron Europas zu verbinden, um seine Isolation zu beseitigen und seine Herrschaft entsprechend zu verankern. Besonders seit den wichtigen politischen Erfolgen des Jahres 1805 bestand ein wesentliches Ziel der Politik Napoleons darin, sich gleichberechtigt mit den anderen europäischen Herrschern zu fühlen. Ein sichtbarer Ausdruck dieser Gesinnung war die bewusste Knüpfung verwandtschaftlicher Bande mit den in Europa regierenden Fürstenhäusern im Sinne einer konsequenten Heiratspolitik. Napoleon sah zu Recht das von ihm begründete Kaiserreich an ihn persönlich gebunden und mit seinem Schicksal untrennbar verknüpft. Sein Streben nach Anerkennung und Legitimation wie der Wille, einen legitimen Nachfolger zu zeugen, veranlassten ihn zur Scheidung von seiner ersten Frau, Josephine, um anschließend in den angesehensten europäischen Fürstenhäusern - Russland und Österreichauf Brautschau zu gehen. Im Doppelspiel um die Vorherrschaft in Europa fiel die Entscheidung zu Gunsten Österreichs. Der französische Außenminister Talleyrand zog Erkundigungen über Erzherzogin Marie Louise, Tochter von Franz I., ein, die gerade achtzehn
1 Fournier, August: Napoleon I. Eine Biographie von August Fournier in drei Teilbänden. 2. Bd. Der Kampf
um die Weltherrschaft. Hg. v. Theophile Sauvageot. Essen o.J., S. 318f.
2 Aretz, Gertrude: Die Frauen um Napoleon. Zürich/Dresden 1912, S. 373.
3 Ebd., S. 372.
4 Ebd., S. 374, Anm.
5
Jahre alt war und aus einem Haus stammte, das Nachkommenschaft geradezu verbürgte. 5 Die junge Kaiserin gebar am 20. März 1811 einen Sohn. Napoleon hatte nun endlich einen Thronerben. Das Kind erhielt den Namen Napoleon Franz Karl Joseph und den Titel "König von Rom". 6
Ab 1812 war Marie Louise mehr und mehr von Napoleon auf Grund seiner Kriegszüge getrennt. Im Frühjahr 1813 zog Napoleon in den Krieg nach Deutschland. Der Kaiser hatte seine Frau zuvor am 30. März zur Regentin eingesetzt. Als Regentschaftsrat stand ihr der Herzog von Parma, Erzkanzler Jean-Jacques Cambacérès, zur Seite, durch dessen Hände alle Angelegenheiten gingen. 7
Im Herbst 1813 kehrte Napoleon aus dem Feldzug zurück. Doch nur drei Monate durfte er sich Ruhe im Familienkreis gönnen. Denn nun überschritten die Allierten die Grenzen Frankreichs. Bonaparte rief, ehe er aufs Neue ins Feld zog, am 22. Januar 1814 im Marschallsaal der Tuilerien die Offiziere der Nationalgarde zusammen und empfahl die Kaiserin und seinen Sohn ihrer Obhut an. 8 Napoleons ältester Bruder Joseph und Talleyrand versuchten Marie Louise nach Napoleons Abreise zu überreden, Paris mit dem kleinen König von Rom zu verlassen. Die Offiziere der Nationalgarde dagegen, die dem Kaiser versprochen hatten, seinen Sohn und seine Gattin zu beschützen, baten sie, in Paris zu bleiben, um die Moral der Bevölkerung durch ihre Anwesenheit zu stärken. Doch Joseph und Talley-rand beharrten auf ihrer Abreise, und Marie Louise ließ sich schließlich von ihren beiden Ratgebern leiten. Die Kaiserin der Franzosen verließ Paris am 26. März 1814. 9 In Blois empfing sie die vernichtende Nachricht von der Abdankung Napoleons. Napoleon empfahl ihr in einem Brief, sich nun wieder ganz auf ihren Vater zu verlassen und sich unter dessen Schutz zu stellen. 10 Die Zusammenkunft mit dem Vater am 16. April 1814 in Fontainebleau stellte die entscheidende Wende in ihrem Leben dar. Sie glaubte sich bei ihrem Vater am sichersten aufgehoben und war überzeugt, dass er nur das Beste für sie und ihren Sohn wünschte. Doch der Wille des Vaters war gleichbedeutend mit der Politik der Alliierten. 11 Unter seinem Geleit reiste sie durch die Schweiz nach Wien, indes Napoleon seine Fahrt nach Elba antrat. 12
5 Fournier, S. 314.
6 Aretz, S. 403.
7 Ebd., S. 409.
8 Ebd., S. 410f.
9 Ebd., S. 413.
10 Ebd., S. 414.
11 Ebd., S. 414f.
12 Ebd., S. 416.
6
Auch nach Napoleons spektakulärer Flucht von Elba kam Marie Louise nicht zu ihrem Mann zurück, so wie er es sich erhofft hatte. Noch während seiner Verbannung auf St. Helena war Napoleon davon überzeugt, dass Marie Louise ihm Treue bis zu seinem Tod bewahren werde. Er wusste nicht, dass sie längst eine morganatische Verbindung mit General Neipperg eingegangen war und diesem bereits mehrere Kinder geboren hatte. 13 Als sie vom Tod ihres ehemaligen Gatten auf St. Helena erfuhr, schrieb sie an Frau von Crenneville:
"... Ich gestehe, es hat mich tief erschüttert. Obwohl ich für ihn in keiner Weise jemals ein leidenschaftliches Gefühl empfunden habe, so kann ich doch nicht vergessen, daß er der Vater meines Sohnes ist. Weit davon entfernt, mich schlecht behandelt zu haben, wie die Leute glauben, hat er mir stets die größte Achtung und Rücksicht erwiesen, das einzige, was man in einer aus Politik geschlossenen
Ehe wünschen kann ..." 14
Bis heute ist unsere Vorstellung von der Ehefrau Napoleons mit der lebhaften, intelligenten Josephine verbunden, weniger mit der zweiten Gemahlin Marie Louise. Sie war eine eher durchschnittliche Frau, der allein ihre Rolle als Pfand im diplomatischen Ringen zwischen Wien und Paris eine historische Bedeutung gab. Viele ihrer Biographen haben ihr eine arrogante Haltung und Gleichgültigkeit gegenüber der Größe ihres Gatten zum Vorwurf gemacht. Auch habe sie nicht verstanden, wie Kaiserin Josephine die Sympathien ihrer Untertanen jedes Standes zu gewinnen. Jedoch vermochte sie sich durch die Aufrichtigkeit, mit der sie von ihrem Auftreten in der Öffentlichkeit sprach, zu rechtfertigen. Sie erfüllte ihre Pflichten als Herrscherin nur mit der allergrößten Mühe. Jeder Empfang war ihr eine Qual. 15 Sie hasste es, Aufmerksamkeiten auf sich zu lenken, weil es sie "verlegen machte", dass sie nicht wusste, wohin sie sich "verkriechen sollte". 16 Ihre zuvor geführte Statistenrolle am Wiener Hof hatte sie in keiner Weise auf die Position vorbereitet, die sie in Frankreich erwartete und die angeborene Veranlagungen, die keine Erziehung ersetzen konnte, erforderlich machten. 17
13 Ebd., S. 420.
14 Aretz, Gertrude: Marie Louise. Erzherzogin von Österreich, Kaiserin der Franzosen, Herzogin von Parma,
Piacenza und Guastalla. Bremen/Wien 1936, S. 290.
15 Bourgoing, Jean de: Das Herz der Kaiserin. Die Ehe Napoleons mit Marie-Louise. Nach unveröffentlichten
und vergessenen Dokumenten. Berlin/Essen/Leipzig 1937, S. 51f.
16 Ebd., S. 162f.
17 Ebd., S. 52.
Arbeit zitieren:
Dr. Maria Anna Flecken, 2008, Marie Louise von Österreich: "Concordia" oder die Fantasie der Einheit Italiens?, München, GRIN Verlag GmbH
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