I
Abbildungsverzeichnis
Tabellenverzeichnis
0 Einleitung. 1
A THEORETISCHER TEIL
1 Die Bedeutung von Vertrauen. 3
1.1 Der Begriff des Vertrauens. 3
1.2 Bedeutung von Vertrauen in der Gesellschaft 5
1.3 Bedeutung von Vertrauen für Kinder 8
2 Was ist Vertrauen? 10
2.1 Definitionsvorschläge zum Begriff „Vertrauen“ 10
2.2 Vertrauen und Misstrauen. 13
2.3 Vertrauen als soziale Einstellung. 14
2.4 Merkmale von Vertrauen. 14
2.4.1 Risiko. 14
2.4.2 Beziehungsdauer. 14
2.4.3 Reziprozität. 15
2.4.4 Bereichsspezifität 16
2.4.5 Situative Bedingungen. 16
2.4.6 Soziodemographische Merkmale des Vertrauens. 17
2.5 Vertrauen im Interaktionsprozess 18
3 Theoretische Ansätze zu „Vertrauen“ 19
3.1 Rahmentheorie des interpersonalen Vertrauens
nach Schweer. 19
3.2 Funktionalistischer Ansatz nach Luhmann. 20
3.3 Soziale Lerntheorie nach Rotter 21
II
3.4 Sozial-kognitive Entwicklung nach Selman 22
3.5 Psychoanalytischer Ansatz nach Erikson. 23
3.6 „Erwartungs x Wert-Modell“ 24
3.7 Attributionstheoretischer Ansatz 24
3.8 Dissonanztheorie. 25
4 Vertrauen als Prozess 26
4.1 Aufbau von Vertrauen 26
4.2 Störungen beim Aufbau von Vertrauen. 27
4.3 Verlust von Vertrauen. 29
5 Vertrauensentwicklung in der Kindheit. 31
5.1 Die Entwicklung der Beziehungen und des kind-
lichen Selbst. 31
5.2 Die Eltern-Kind-Beziehung und die innere
Organisation des Kindes. 33
5.3 Selbstkonzept und Selbstvertrauen. 38
5.4 Freundschaftsbeziehungen in der Kindheit 39
5.5 Vertrauensbildung in der Schule. 41
5.5.1 Bedingungen im Vertrauensprozess zwischen
Lehrenden und Lernenden. 42
5.5.2 Lehrerverhalten und Lehrer als Vorbild. 43
5.5.3 Zeit für Schülerinnen, Schüler und Eltern. 46
5.5.4 Vertrauensbildung in der Schulklasse. 47
5.5.5 Gesamtschulischer Kontext. 49
6 Pädagogische Förderung von Vertrauen in An-
lehnung an das Konzept des sozialen Lernens. 51
6.1 Begriffsbestimmung und Beschreibung von
sozialem Lernen. 51
6.2 Notwendigkeit und Chancen sozialen Lernens im
Primarbereich 53
III
6.3 Zielbereiche sozialen Lernens. 56
6.4 Soziales Lernen im Unterricht. 61
6.5 Pädagogische Möglichkeiten. 64
6.6 Lehrerverhalten. 64
6.7 Die Bedeutung von sozialer Anerkennung für den
Sch üler. 66
7 Zusammenfassung 67
IV
B EMPIRISCHER TEIL
8 Portrait der Klasse. 72
9 Entwicklung der Unterrichtseinheit 74
10 Beschreibung der Untersuchungsinstrumente. 75
10.1 Soziometrische Befragung. 75
10.2 Vertrauensinterview 76
10.3 Lehrerbefragung 78
11 Evaluation der ersten Erhebung 81
11.1 Soziomatrix 1. 81
11.1.1 Überblick. 81
11.1.2 Mittel- und Randsummenwerte. 83
11.1.3 Auswertung. 84
11.2 Soziogramme zur Soziomatrix 1 86
11.2.1 Soziogramm 1: Mädchengruppe 86
11.2.2 Soziogramm 2: Jungengruppe 87
11.2.3 Beschreibung der Soziogramme. 88
11.3 Soziomatrix 2. 90
11.3.1 Überblick. 90
11.3.2 Mittel- und Randsummenwerte. 92
11.3.3 Auswertung. 93
11.4 Soziogramme zur Soziomatrix 2. 94
11.4.1 Soziogramm 3: Mädchengruppe. 94
11.4.2 Soziogramm 4: Jungengruppe. 95
11.4.3 Beschreibung der Soziogramme und Vergleich mit
den tatsächlichen Vertrauensbeziehungen 96
11.5 Vertrauensinterview 99
V
12 Dokumentation der Unterrichtseinheit zum
Thema „Vertrauen“ 128
12.1 Unterrichtsstunde 1 128
12.1.1 Unterrichtsziele. 128
12.1.2 Tabellarische Verlaufsplanung. 130
12.1.3 Reflexion. 133
12.2 Unterrichtsstunde 2. 134
12.2.1 Unterrichtsziele. 134
12.2.2 Tabellarische Verlaufsplanung. 136
12.2.3 Reflexion. 142
12.3 Unterrichtsstunde 3. 145
12.3.1 Unterrichtsziele. 145
12.3.2 Tabellarische Verlaufsplanung. 146
12.3.3 Reflexion. 149
12.4 Unterrichtsstunden 4 150
12.4.1 Unterrichtsziele. 150
12.4.2 Tabellarische Verlaufsplanung. 151
12.4.3 Reflexion. 156
12.5 Unterrichtsstunde 5. 157
12.5.1 Unterrichtsziele. 157
12.5.2 Tabellarische Verlaufsplanung. 158
12.5.3 Reflexion. 162
12.6 Unterrichtsstunde 6. 163
12.6.1 Unterrichtsziele. 163
12.6.2 Tabellarische Verlaufsplanung. 164
12.6.3 Reflexion. 167
12.7 Unterrichtsstunden 7 168
12.7.1 Unterrichtsziele. 168
12.7.2 Tabellarische Verlaufsplanung. 169
12.7.3 Reflexion. 172
12.8 Unterrichtsstunden 8 und 9 174
12.8.1 Unterrichtsziele 174
VI
12.8.2 Tabellarische Verlaufsplanung. 176
12.8.3 Reflexion. 182
13 Evaluation der zweiten Erhebung. 183
13.1 Soziomatrix 3. 183
13.1.1 Überblick 183
13.1.2 Mittel- und Randsummenwerte. 185
13.1.3 Auswertung. 186
13.2 Soziogramme zur Soziomatrix 3. 187
13.2.1 Soziogramm 5: Mädchengruppe. 187
13.2.2 Soziogramm 6: Jungengruppe. 188
13.2.3 Beschreibung der Soziogramme. 189
13.3 Soziomatrix 4. 191
13.3.1 Überblick. 191
13.3.2 Mittel- und Randsummenwerte. 193
13.3.3 Auswertung. 194
13.4 Soziogramme zur Soziomatrix 4. 195
13.4.1 Soziogramm 7: Mädchengruppe. 195
13.4.2 Soziogramm 8: Jungengruppe 196
13.4.3 Beschreibung der Soziogramme und Vergleich mit
den tatsächlichen Vertrauensbeziehungen 197
13.5 Vertrauensinterview 200
14 Vergleich der soziometrischen Daten aus der
ersten und zweiten Erhebung. 222
14.1 Vergleichstabellen. 222
14.1.1 Soziometrische Befragung. 222
14.1.2 Soziometrische Typen. 223
14.1.3 Qualität der Aussagen. 224
14.2 Auswertung 231
15 Zusammenfassung und Ausblick 234
VII
16 Literaturverzeichnis. 237
17 Anhang 241
VIII
Abbildungsverzeichnis
Abbildung Seite
Abb. 1: Definitionen von Vertrauen.
Abb. 2: Versuch einer graphischen Darstellung der Struktur
des Zielkataloges.
Abb. 3: Soziogramm 1.
Abb. 4: Soziogramm 2.
Abb. 5: Soziogramm 3.
Abb. 6: Soziogramm 4.
Abb. 7: Soziogramm 5.
Abb. 8: Soziogramm 6.
Abb. 9: Soziogramm 7.
Abb 10: Soziogramm 8
IX
Tabellenverzeichnis
Tabelle Seite
Tab. 1: Konkrete Zielsetzungen in der Sozialerziehung
(Ministerium für Kultus, Jugend und Sport, 2006,
S. 9) ............................................................................... 61
Tab. 2: Soziomatrix 1, Überblick.............................................. 81
Tab. 3: Soziomatrix 1, Randsummenwerte.............................. 83
Tab. 4: Soziomatrix 1, soziometrische Typen......................... 85
Tab. 5: Soziomatrix 2, Überblick............................................... 90
Tab. 6: Soziomatrix 2, Randsummenwerte.............................. 92
Tab. 7: Soziomatrix 2, soziometrische Typen......................... 93
Tab. 8: Vertrauensinterview zum Zeitpunkt 1, Fragen 1 bis 4 99
Tab. 9: Vertrauensinterview zum Zeitpunkt 1, Fragen 5 bis 7 111
Tab. 10: Rangliste zum Zeitpunkt 1............................................ 126
Tab. 11: Tabellarische Verlaufsplanung der 1. Unterrichts-
stunde............................................................................. 130
Tab. 12: Tabellarische Verlaufsplanung der 2. Unterrichts-
stunde............................................................................. 136
Tab. 13: Tabellarische Verlaufsplanung der 3. Unterrichts-
stunde............................................................................. 146
Tab. 14: Tabellarische Verlaufsplanung der 4. Unterrichts-
stunde............................................................................. 151
X
Tab. 15: Tabellarische Verlaufsplanung der 5. Unterrichts-
stunde............................................................................. 158
Tab. 16: Tabellarische Verlaufsplanung der 6. Unterrichts-
stunde............................................................................. 164
Tab. 17: Tabellarische Verlaufsplanung der 7. Unterrichts-
stunde............................................................................. 169
Tab. 18: Tabellarische Verlaufsplanung der 8. und 9. Unter-
richtsstunde................................................................... 176
Tab. 19: Soziomatrix 3, Überblick............................................... 183
Tab. 20: Soziomatrix 3, Randsummenwerte.............................. 185
Tab. 21: Soziomatrix 3, soziometrische Typen......................... 186
Tab. 22: Soziomatrix 4, Überblick............................................... 191
Tab. 23: Soziomatrix 4, Randsummenwerte.............................. 193
Tab. 24: Soziomatrix 4, soziometrische Typen......................... 194
Tab. 25: Vertrauensinterview zum Zeitpunkt 2, Fragen 1 bis 4 200
Tab. 26: Vertrauensinterview zum Zeitpunkt 2, Fragen 5 bis 7 209
Tab. 27: Rangliste zum Zeitpunkt 2............................................ 220
Tab. 28: Vergleichswerte der soziometrischen Befragung...... 222
Tab. 29: Vergleich der Anzahl der soziometrischen Typen..... 223
Tab. 30: Qualität der Aussagen zum Zeitpunkt 1...................... 224
Tab. 31: Qualität der Aussagen zum Zeitpunkt 2...................... 227
Tab. 32: Summe der Zustimmungswerte................................... 230
1
Anmerkung:
Zur Vereinfachung werden die weiblichen Formen, z.B. Schülerin, Schülerinnen, usw. teilweise ausgelassen und nur die männlichen Formen benutzt.
0 Einleitung
Vertrauen spielt in allen Lebensbereichen eine bedeutende und nicht wegzudenkende Rolle. Es ist Voraussetzung für zwischenmenschliche Beziehungen in Familie, Partnerschaft, Ehe, Freizeit, Arbeitswelt, Schule, Gesellschaft usw. Von ihm hängt zu einem großen Teil das Gelingen oder Scheitern zwischenmenschlicher Interaktionen und Beziehungen ab.
Auch im schulischen Bereich ist Vertrauen äußerst wichtig und bildet die Basis eines guten Lern- und Lehrklimas. Eine einheitliche Definition gibt es allerdings nicht, da Vertrauen so komplex und universal ist, dass zu viele Assoziationen möglich sind. Diese Arbeit geht im theoretischen Teil auf die Bedeutung von Vertrauen in der Gesellschaft und für Kinder ein. Sie stellt verschiedene Definitionsvorschläge und Merkmale von Vertrauen sowie theoretische Ansätze vor, um einen Einblick in die Entwicklungen und Wissensstände zu liefern. Des Weiteren bezieht sie sich auf den Prozess beim Vertrauensaufbau, auf den Vertrauensverlust und die Störungen, die auf die Entwicklung von Vertrauensbeziehungen einwirken. Weitere wichtige Kapitel stellen die Kapitel 5 und 6 des theoretischen Teils dar, in denen auf die Entwicklung von Vertrauen in der Kindheit und die pädagogische Förderung von Vertrauen in Anlehnung an das soziale Lernen ausführlich eingegangen wird.
Im theoretischen Teil der Examensarbeit werden eine Vielzahl von Ergebnissen interessanter Studien und Theorien wiedergegeben.
2
Der anschließende empirische Teil dieser Arbeit stützt sich auf die Ergebnisse einer soziometrischen Befragung, eines Interviews und der durchgeführten Unterrichtseinheit in einem 3. Schuljahr mit 21 Kindern. Die soziometrische Befragung sowie das Interview fanden bei jedem Kind einzeln vor und nach der Unterrichtseinheit statt. Die Kapitel 8 und 9 beschreiben vorwiegend die Entwicklung der Unterrichtseinheit und die Untersuchungsinstrumente. Die Kapitel 10 bis 12 konzentrieren sich auf die Ergebnisse und die Auswertung der Untersuchungen und des Unterrichts, während sich das Kapitel 13 auf den Vergleich der Ergebnisse und der Erkenntnisse der ersten und zweiten Erhebung bezieht.
3
A THEORETISCHER TEIL
1 Die Bedeutung von Vertrauen
1.1 Der Begriff des Vertrauens
Vertrauen als alltägliches Phänomen begegnet uns in allen Lebensbereichen, zum Beispiel in der Partnerschaft, in der Familie, im Gesundheitssystem, in Situationen in der Arbeitswelt, in gesellschaftlichen Bereichen usw. und als Vertrauen in die eigene Person. (Schweer, 1997c, S. 10)
Vertrauen kann nach Debrunner (1964, S. 96ff.) unterteilt werden in das Vertrauen in sich selbst und das Vertrauen in die Welt. Das Vertrauen in sich selbst meint das Selbstvertrauen, das Vertrauen in das eigene Können und das eigene Durchsetzungsvermögen. Es bedeutet, seinen Entscheidungen treu zu bleiben und das Bewusstsein zu besitzen, einen Anteil an den sozialen und kulturellen Normen und Werten der Gesellschaft zu haben und in der Gemeinschaft als redlich und aufrichtig zu gelten. Das Vertrauen in die Welt bedeutet, an die Gültigkeit und die Wichtigkeit der „sozial-kulturellen Wertewelt“ (Debrunner, 1964, S. 96), an Aufrichtigkeit und Verlässlichkeit anderer zu glauben. (Debrunner, 1964, S. 96f.)
Krampen (1997, S. 42) hingegen unterteilt Vertrauen in die Bereiche Zukunftsvertrauen, Selbstvertrauen und interpersonales Vertrauen, die aufeinander aufbauen. In der frühen Kindheit entwickelt sich das Vertrauen in Bezugspersonen des Nahbereichs, sekundäre Fürsorgepersonen, anschließend in fremde Menschen und Bereiche und schließlich in die Medien und öffentliche Personen und Bereiche. Die Kinder suchen emotionale und psychosoziale Sicherheit. Im weiteren Verlauf kommt im Vorschul- und Primarschulalter das Selbstvertrauen hinzu. Hier spielen die Beziehungen zu Peers,
4
Lehrenden, Erziehenden, Freunden, Eltern, Vorbildern und Idolen aus den Medien eine wichtige Rolle. Es findet ein Modell-Lernen statt, bei dem die Kinder Handlungen und Handlungsergebnisse vergleichen. Im Jugendalter schließlich entwickelt sich das Zukunftsvertrauen, das die eigene Zukunft, die Zukunft der Familie, der Freunde, der Gesellschaft und der Menschheit beinhaltet. In dieser Phase werden eigene Pläne, Ziele, Erwartungen und Werte festgelegt. Diese Bereiche und die Erfahrungen darin beeinflussen das zukünftige Umgehen mit Vertrauen. (Krampen, 1997, S. 42)
Positive Erfahrungen mit Vertrauen sind bedeutsam, da die Vertrauenswürdigkeit eine der am meisten geschätzten Charakterzüge des Menschen ist und Vertrauen eine wichtige Beziehungskomponente in pädagogischen, therapeutischen und unternehmerischen Bereichen ist. In nahezu allen Definitionsvorschlägen zum Konzept „Vertrauen“ finden sich die Elemente Risiko, positive Bewertung und positive Erwartungshaltung wieder. Einer Vertrauensperson wird trotz eines Risikos, dass sie eine Verhaltensalternative wählt, die für den Vertrauenden negativ sein könnte, positiv bewertet, wobei der Person positive Persönlichkeitseigenschaften zugeschrieben werden. Dies ist auf die erwartete für den Vertrauenden wohlwollende Verhaltensalternative zurückzuführen. (Koller, 1997, S. 13f.)
Vertrauen ist also von Gewissheit und Sicherheit zu unterscheiden, denn, wenn etwas gewiss oder sicher ist, braucht das Individuum nicht zu vertrauen, weil es ein sicheres Wissen besitzt. Allerdings ist die Misstrauensfähigkeit, die sich erst im Kindesalter entwickelt, sobald das Kind zu zweifeln beginnt, eine Bedingung für Vertrauen. (Strasser & Voswinkel, 1997, S. 218) Vertrauen bedeutet aber nicht, völlig kritiklos zu sein oder gewonnenes Vertrauen zuerst bekennen zu müssen, es kann sich auch in unreflektiertem Handeln zeigen. Es entsteht nicht nur durch
5
äußere, sondern auch durch innere Beweggründe und durch bereits gemachte Erfahrungen, die zu als selbstverständlich empfundenen Erwartungen werden. (Debrunner, 1964, S. 96ff.)
1.2 Bedeutung von Vertrauen in der Gesellschaft
Die positiven Konsequenzen von Vertrauen liegen für die Gesellschaft darin, dass vertrauensvolle Menschen weniger lügen, weniger betrügen und weniger stehlen und eher bereit sind, anderen Personen eine zweite Chance zu geben. Vertrauen bringt demnach gesellschaftlich erwünschte Verhaltensweisen mit sich. (Koller, 1997, S. 16)
Vertrauen spielt jedoch auch in der Politik eine entscheidende Rolle, zumal ein eher schwindendes Vertrauen in die Politik selbst und in die Komplexität gesellschaftlicher Verhältnisse festzustellen ist. Dabei binden sich die Mitglieder der Gesellschaft immer weniger an Staat und Institutionen und glauben weniger an Werte und Visionen, obwohl Vertrauen eine notwendige Grundlage gesellschaftlicher Integration ist.
Da sich in einer komplexen und dynamischen Gesellschaft die vertraute Welt in die Zukunft hinein fortsetzt und sich das Bewährte nicht immer wieder wiederholt, kann Vertrauen nicht mehr nur auf Vertrautheit beruhen. In der Moderne kann der Interaktion mit Fremdem und mit Fremden nicht ausgewichen werden, sodass Vertrauen auch Unbekanntem entgegengebracht werden muss. Viele Personen sind uns nur als Funktions- und Rollenträger bekannt oder die kulturellen Unterschiede beschränken das gegenseitige Verstehen. Gegebenheiten, die in früheren Gesellschaften, bei denen Vertrauen vor allem Familienmitgliedern, Nachbarn oder
6
Verwandten auf Grund von ähnlichen Werten und Welten geschenkt wurde, nicht zum Tragen kamen.
Vertrauen orientiert sich in der Moderne an verschiedenen Mechanismen wie Kalkulierbarkeit von Verhalten, Risikostreuung und sozialer Einbettung.
Durch die Kalkulierbarkeit des Verhaltens wird das Risiko des Vertrauens durch eine gewisse Wahrscheinlichkeit minimiert. Häufig wird hier auf Grund von Alternativlosigkeit und Gewohnheit vertraut, weil man für sich und das Gegenüber keine andere Verhaltensmöglichkeit erkennt. Es wird vertraut, weil man in ähnlichen Situationen immer schon vertraut hat oder weil sich das Gegenüber gewöhnlich immer so verhält. Häufig ist diese Kalkulierbarkeit auch bei Unternehmen wie McDonalds, Levis, Holiday-Inn-Ketten, usw. anzutreffen, die der Gesellschaft eine gewisse Sicherheit durch Standardisierungen, Vorhersagbarkeit und Gleichförmigkeit bieten.
Bei der Risikostreuung trägt ein Individuum das Risiko der Enttäuschung nicht alleine, weil andere genauso handeln und deshalb das gleiche Risiko tragen oder weil ihm von anderen ein Teil des Risikos abgenommen wird. Eine Form der Risikostreuung ist die Nachahmung, bei der man vertraut, weil andere auch vertrauen. Eine weitere ist die Übertragung von Vertrauen, die, anders als bei der Nachahmung, eine Verpflichtung beinhaltet, die eingehalten werden soll. Vorzufinden ist dies z.B. bei Vertrauensagenturen, die in den verschiedensten Lebensbereichen beratend wirken. Den Agenten wird die Erwartung in ihre besseren Kenntnisse und Ressourcen entgegengebracht und daher vertraut. Durch Selbstbürgschaften und Zertifizierungen versichern Personen oder Institutionen der Allgemeinheit ihre Kompetenz und Vertrauenswürdigkeit. Durch institutionalisierte Vertrauenssysteme, bei denen sich Vernetzungen von Vertrauensbeziehungen gebildet und institutionell verfestigt haben, wird das Vertrauen in die Institutionen gefördert.
7
Lässt die Fähigkeit der Organisation nach, kann es leicht zu Krisen des Vertrauenssystems kommen.
Skandale können politisches Vertrauen hingegen stabilisieren und bestätigen, denn sie zeigen, dass Misstrauen erforderlich und Vertrauen riskant ist und dass die Verfehlung aufgedeckt und geahndet wurde. Es bleibt jedoch die Fragilität der Vertrauenssysteme. Vertrauensagenturen sind anfällig für Korruption und werden daher immer mit Skepsis betrachtet, da die Zuverlässigkeit unkontrollierbar ist.
Auch eine soziale Einbettung wirkt vertrauensfördernd. Auf Grund des Wandels der Werte, der Sozialstruktur und der Gesellschaft verschwinden traditionelle Werthaltungen und die Zugehörigkeiten zu Familie, Kirche und Partei werden weniger oder lösen sich ganz auf. Es fehlen Orientierungskraft und Identifikationsmöglichkeiten, weshalb der Kommunikationsbedarf und die Suche nach Alternativen steigen. Die Beziehungen innerhalb selbstgewählter Netzwerke wie Clubs, Sekten, Freundeskreis usw. nehmen zu, sind aber unbeständiger und risiko- und enttäuschungsreicher als die herkömmlichen familiären, polischen und sozialen Beziehungen. Der Widerspruch liegt in dem leistungsgesellschaftlichen Denken und der Relevanz des „sozialen Kapitals“, dessen Ressourcen auf der Zugehörigkeit zu einer Gruppe beruhen und mit Normen und sozialem Vertrauen verankert sind. Die soziale Einbettung kann als eine Rückbettung des Vertrauens und sozialer Beziehungen verstanden werden. Die persönlichen Kontakte ergänzen zweckbestimmte Beziehungen, was sich in Studien als wichtig herausstellte und die Vertrauenswürdigkeit des Geschäftspartners besser beurteilen lässt. (Strasser & Voswinkel, 1997, S. 217ff.)
8
1.3 Bedeutung von Vertrauen für Kinder
Der soziometrische Status der Lernenden in der Klasse, der auch von Vertrauen abhängig ist, ist von großer Bedeutung für die soziale Integration der Kinder. Stöckli (1997) teilt die Kinder in 6 verschiedene Gruppen ein: die Beliebten, die Abgelehnten, die wiederum in aggressive oder isoliert-ängstliche Jungen und aggressive Mädchen unterteilt werden, die Kontroversen, die Unbeachteten, die Mittleren und die Anderen. Ein Positionswechsel ist jeder Zeit möglich und zeigt „die Flexibilität der sozialen Wahrnehmung“ (Stöckli, 1997, S. 155). Genießt das Kind wenig oder kaum Vertrauen und gehört z.B. zu der Gruppe der Abgelehnten, dann ist auch das Empfinden von Einsamkeit und die soziale Unzufriedenheit bei dem entsprechenden Kind sehr hoch, sogar höher als bei allen restlichen Gruppen. Ähnlich geht es auch der Gruppe der Unbeachteten. Der Unterschied zwischen Mädchen und Jungen ist, dass sich bei Jungen Einsamkeitsgefühle verstärken, wenn sie glauben, an Beliebtheit verloren zu haben, und sich bei Mädchen der Verlust von Zweierbeziehungen negativ auf die Einsamkeitsgefühle auswirkt. Gegenseitige Sympathien mit gegenseitigem Vertrauen hingegen bewirken bei Kindern ein Gefühl von Integriertheit.
Für die Beziehung unter den Grundschulkindern und Freundschaften ist Vertrauen eine entscheidende Voraussetzung. „Der Austausch von geheimen Mitteilungen, das Halten von Versprechen und das damit zusammenhängende Vertrauen in die Verschwiegenheit, Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit anderer bilden einen zentralen Aspekt von Gleichaltrigenbeziehungen“ (Stöckli, 1997, S. 161). In Mädchenbeziehungen sind eine größere Bedeutung von Selbstöffnungen und Intimität und eine Bevorzugung von Beziehungen des eigenen Geschlechts festzustellen.
9
Mädchen und Jungen erwarten ab einem bestimmten Alter eine Gegenseitigkeit, was sehr gut in der Entwicklung von Vertrauens-vorstellungen zu erkennen ist, die immer mehr zu beiderseitiger Bereitschaft, intime Aspekte preiszugeben, tendieren. Zwischen 9 und 12 Jahren ist es für die Kinder sehr bedeutsam, dass Geheimnisse nicht weitergesagt werden. Ab dem Alter von 12 Jahren verlassen die Lernenden dieses Niveau und erreichen ab 15 Jahren den Anspruch, Vertrauen auf den persönlichen Intimbereich zu erweitern.
Zehn- und Elfjährigen glauben nur in geringem Maß an vertrauenswürdige Mitschüler. In Befragungen wurde heraus-gefunden, dass nur 6,2% der 404 befragten Kinder glauben, dass die Mitschüler ehrlich sind, sogar 28,9% sind überzeugt, dass die anderen Kinder nie die Wahrheit sagen. Fast die Hälfte sagt aus, dass es nie oder selten möglich ist, den Mitschülern Geheimnisse anzuvertrauen. Optimistisch sind nur 16,8%, die glauben, immer jemandem ein Geheimnis anvertrauen zu können. Schwierig für das Kind, das die Vertrauenswürdigkeit anderer Kinder anzweifelt, ist die Tatsache, dass diese es dann eher ausgrenzen und nicht mit ihm zusammen sein möchten. Bei wenig vertrauensvollen Kindern ist außerdem zu beobachten, dass ihre Selbstwahrnehmung problematischer ist und ihre sozialen Annäherungen zurückhaltender sind. Starkes soziales Misstrauen vergrößert die Einsamkeit des Kindes und beeinträchtigt die Qualität des Sozialverhaltens. Es ist also deutlich zu erkennen, dass fehlendes Vertrauen bezüglich der Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit von Mitschülern den persönlichen und sozialen Bereich z.B. in Form von Isolation oder Misstrauen beeinträchtigt. Laut Untersuchungen erfahren Abgelehnte von ihren Eltern weniger emotionale Wärme, Feinfühligkeit, Unterstützung und Motivation als beliebte Kinder, was von der Schule allein kaum aufzufangen ist. (Stöckli, 1997, S. 155ff.)
10
2 Was ist Vertrauen?
Der Ursprung des Begriffs liegt im Wort „treu“, dessen Bedeutung „wahr, echt, ehrlich, richtig, stark, fest“ ist. Trauen meinte ursprünglich „fest werden“ und wurde dann im Sinne von „glauben, hoffen und zutrauen“ verwendet. (Breslauer, 1989, S. 108)
2.1 Definitionsvorschläge zum Begriff „Vertrauen“
Für Vertrauen gibt es unzählige verschiedene Definitionen. In dieser Auswahl geht es um vertrauensvolle Erwartungshaltungen, Vertrauen, das auf gegenseitiger Anerkennung, Kommunikation und sozialer Interaktion beruht, und um Vertrauen als Ergebnis einer Beziehungsarbeit.
„Im deutschen Wörterbuch (Wahrig, 1997, S. 1317, zit. nach Scheuerer-Englisch & Zimmermann, 1997, S. 27) wird das Verb mit folgenden Begriffen umschrieben: „Das Vertrauen zu jemandem haben, daß [sic] er sich in bestimmter Weise verhält“, „jemanden für zuverlässig halten“, „auf etwas hoffen, etwas bestimmt erwarten“. Damit stellt Vertrauen zunächst eine Erwartung an eine andere Person im Rahmen einer Beziehung dar. Inhaltlich ist der Begriff eng verknüpft mit der Zuversicht auf Geborgenheit, Sicherheit, Schutz, Verläßlichkeit [sic] und Einschätzbarkeit.“
„Vertrauen ist ein Mechanismus der Informationsreduktion. Vertrauen ist in die Zukunft gerichtet und liegt dann vor, wenn eine vertrauensvolle Erwartung den Ausschlag für die Entscheidung gibt. Vertrauen ist eine riskante Vorleistung und immer ein Wagnis, eine Mischung aus Wissen und Nichtwissen. Es ist letztlich auch unbegründbar, Gründe lassen sich aber immer finden und dienen der Rechtfertigung sich selbst und anderen gegenüber.“ (Koller, 1997, S. 19)
11
„Vertrauen ist ein zwischenmenschliches Verhältnis des gegenseitigen Anerkennens. Das soziale Bedingtsein von Vertrauen wird nicht dadurch aufgehoben, daß [sic] es auf Sachen, Vorgänge, Verfahrensweisen, auf Gott oder auf sich selbst bezogen sein kann. Denn es gibt kein Sach-, Gott- oder Selbstvertrauen, das nicht in sozialer Interaktion und Kommunikation zumindest seinen Anfang gefunden hat.“ (Breslauer, 1989, S. 108)
„Vertrauen ist das Produkt einer Beziehungsarbeit zwischen dem Akteur und seiner Umwelt, welches den Akteur vor sozialer und psychischer Verausgabung schützt.“ (Dederichs, 1997, S. 65)
Weitere Definitionsvorschläge macht Petermann (1996, S. 15) in der folgenden Abbildung:
13
2.2 Vertrauen und Misstrauen
Anderen zu vertrauen bedeutet, überzeugt davon zu sein, dass sie die eigene Person bedingungslos annehmen und ihr ehrlich und wirksam Beistand leisten, wenn es nötig ist. (Breslauer, 1989, S. 108ff.)
Fehlt das Vertrauen, bedeutet dies nicht gleichzeitig, dass der Person misstraut wird. Misstrauen ist dadurch gekennzeichnet, dass ein Gefühl gegenüber jemandem empfunden wird, dass dieser unehrlich ist, versteckte Motive und Intentionen für sein Verhalten und sein Vorgehen hat und falsche Motive vorgibt. (Bierhoff & Buck, 1997, S. 99f.)
Misstrauische Personen räumen ihrem Gegenüber keinen positiven Vorschuss ein, der so lange anhält, bis Gegenbeweise erbracht sind, sondern gehen von einer allmählichen und langan-dauernden Vertrauensentwicklung aus. Häufig weisen sie auf Grund dessen Kooperationsangebote von vertrauenswürdigen Menschen sogar zurück. (Petermann, 1996,S. 54f.)
Erst im Nachhinein, im Anschluss an eine Situation oder ein Geschehen, lässt sich feststellen, ob eine Person vertrauenswürdig ist und ob das eingegangene Risiko eines Misserfolges gerechtfertigt war. In diesem Sinne ist es auf die Zukunft gerichtet. Es bezieht sich aber auch auf die Vergangenheit, da Erfahrungen und Erwartungen in jeder neuen Vertrauenssituation berücksichtigt werden und eine wichtige Rolle spielen.
Es muss im sozialen Umfeld unterschieden werden zwischen Menschen, die ehrlich, kompetent, aufmerksam und verlässlich sind, und Personen, die manipulieren, inkompetent und nachlässig sind, und somit, wer zu den Personen des Vertrauens und wer zu den Personen des Misstrauens gehört. (Bierhoff & Buck, 1997, S. 99f.)
14
2.3 Vertrauen als soziale Einstellung
Vergangene Sozialisationserfahrungen einer Person führen dazu, dass Vertrauen eine soziale Einstellung ist. Vertrauen weist als soziale Einstellung eine kognitive, eine emotionale und eine behaviorale Komponente auf. Der kognitive Bestandteil beinhaltet das Wissen über den Interaktionspartner, die emotionale Komponente umfasst die Gefühle und Empfindungen gegenüber einer Person und der behaviorale Aspekt bezieht sich auf das dem Interaktionspartner entgegengebrachte, offene Verhalten. Wird Vertrauen als soziale Einstellung verstanden, beinhaltet es auch die drei Komponenten einer sozialen Einstellung. (Schweer & Padberg, 2002, S. 9f.)
2.4 Merkmale von Vertrauen
2.4.1 Risiko
Ein Kernmerkmal des Vertrauens ist das damit verbundene risikoreiche Verhalten. Für den Vertrauenden besteht immer ein gewisses Risiko, dass der Interaktionspartner sich in der Vertrauenssituation für eine Handlung entscheidet, die sein Vertrauen enttäuschen könnte. Die Gefahr und Ungewissheit, dass der Interaktionspartner das Vertrauen missbraucht, besteht zunächst jedoch für denjenigen, der den Vertrauensvorschuss in einer Beziehung, in der sich das Vertrauen zwischen den Personen noch entwickelt, leistet.
(Schweer & Padberg, 2002, S. 13; Schweer & Padberg, 2004, S. 5)
2.4.2 Beziehungsdauer
Die Beziehungsdauer ist ein wesentlicher Aspekt von stabilen Vertrauensbeziehungen, da diese sich nur über eine gewisse Zeit
15
entwickeln können. Die Situation der ersten Begegnung, in der schon die ersten Grundlagen für eine eventuelle vertrauensvolle Beziehung durch das Wahrnehmen von vielen, positiv bewerteten Handlungen gelegt werden, ist entscheidend. Diese erste Bewertung führt zu einer höheren Wahrscheinlichkeit einer Vertrauensbeziehung, wobei sich diese positiven Merkmale in einer Reihe von Interaktionserfahrungen im Laufe der Zeit wiederholen, bestätigen und festigen müssen, damit die Beziehung stabil wird. Möglich ist auch, dass der erste Eindruck revidiert werden muss, weil sich die Person bezüglich des negativen oder positiven Eindrucks zu dem Gegenüber geirrt hat. Da dies nur ungern getan und zugegeben wird, ist der erste Kontakt von äußerster Wichtigkeit.
(Schweer & Padberg, 2002, S. 15; Schweer & Padberg, 2004, S. 5) Aber auch bezüglich der vorherigen Erfahrungen mit dem Interaktionspartner spielt die Beziehungsdauer bzw. die Zeit eine wichtige Rolle. Daher stellt sich gegenseitiges Vertrauen als stabile Einstellung erst in einer späteren Entwicklungsstufe der Beziehung ein. (Schweer, 1996, S. 5)
2.4.3 Reziprozität
Hat eine Person schon einen Vertrauensvorschuss geleistet, erwartet sie, dass ihr Gegenüber eine ebenso vertrauensfördernde Handlung zeigt. Vertrauen kann sich daher nur zweiseitig, nicht einseitig entwickeln. (Schweer & Padberg, 2004, S. 5) Um dem Gegenüber seine eigene Vertrauenswürdigkeit zu bestätigen, setzt das Individuum als Vorleistung Kraft, Zeit und Mühe in die Beziehung ein. Je größer die Bereitschaft zu dieser Investition ist, desto eher ist der Interaktionspartner zur Gegenleistung bzw. zur Reaktion mit eigenen Vertrauenshandlungen bereit, solange er keine Eigennützigkeit im Verhalten des anderen vermutet. (Schweer, 1996, S. 4f.)
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Ist keine Eigennützigkeit erkennbar, fühlt sich der Interaktionspartner aus Dankbarkeit und Anerkennung verpflichtet, die Vertrauens-handlung zu erwidern. Das Individuum sieht dann das dem Partner entgegengebrachte Vertrauen als gerechtfertigt an und vertraut ihm weiterhin. (Schweer & Padberg, 2002, S. 16)
2.4.4 Bereichsspezifität
Bereichsspezifität bedeutet, dass die Entwicklung von vertrauensvollen Beziehungen nicht in allen Lebensbereichen in gleichem Maße für möglich gehalten wird. Von Studierenden für sehr gut möglich eingeschätzt wird sie bei intimen Beziehungen und bei Beziehungen zwischen Lehrern und Schülern. Für möglich gehalten werden vertrauensvolle Beziehungen zwischen Mitarbeitern und ihren Vorgesetzten und für eher nicht möglich eingeschätzt werden die Beziehungen zwischen Politikern und Wählern. Dabei kommt es jedoch auch auf die Vorerfahrungen der einzelnen Personen an, die von generalisierten Einstellungen geprägt sind. (Schweer & Padberg, 2002, S. 18f.; Schweer & Padberg, 2004, S. 5)
2.4.5 Situative Bedingungen
Vertrauen ist situativen Bedingungen unterworfen, die es im Wechselspiel mit personalen Bedingungen stabilisieren oder verändern. Die Komponente „Freiwilligkeit und Machtverteilung innerhalb der Beziehung“ (Schweer & Padberg, 2002, S. 20) ist bei einer freiwilligen Beziehung oder einer Zwangsbeziehung von Bedeutung, was im Kapitel 5 unter 5.6.1 noch genauer erläutert wird. Der Aspekt der Beziehungsdauer, die sich entweder über einen längeren oder einen kürzeren Zeitraum erstrecken kann, ist bereits in Kapitel 2 unter 2.4.2 näher erörtert, wobei andauernde Beziehungen eine größere Chance haben, Vertrauen aufzubauen.
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Die Interaktionen zwischen Personen werden vom organisatorischen Umfeld und den dortigen Rahmenbedingungen mitbestimmt. Beispiele hierfür sind die Beziehungen zwischen Arzt und Patient, zwischen Lehrer und Schüler, zwischen Vorgesetztem und Mitarbeiter. Die Rahmenbedingungen gestalten sich unterschiedlich: Es gelten die Bedingungen eines Krankenhauses, einer Schule oder eines Unternehmensumfeldes. (Schweer & Padberg, 2002, S. 22)
2.4.6 Soziodemographische Merkmale des Vertrauens
Diese Merkmale beruhen auf einer Untersuchung von Bierhoff & Buck mit 181 Erwachsenen im Jahre 1983.
Geschlechtsspezifische Unterschiede:
Frauen werden ungefähr genauso häufig als Vertrauenspersonen gewählt wie Männer. Der Unterschied, der jedoch nicht schwerwiegend ist, besteht darin, dass Frauen etwas häufiger in höheren und mittleren Vertrauensstufen zu finden sind, während Männer öfter als Vertrauenspersonen in geringen Vertrauensstufen gewählt werden.
Alter und soziale Schicht der Vertrauensperson:
Die Vertrauensstufen, eingeteilt in „gering, mittel und hoch“, wirken sich nicht signifikant auf die Altersverteilung oder die soziale Schicht der gewählten Vertrauenspersonen aus.
Sozialbeziehungen:
Auf der hohen Vertrauensstufe sind Ehegatten, Freunde und Lebensgefährten bei Frauen wie bei Männern deutlich überrepräsentiert, während Studien- und Arbeitskollegen dort völlig unterrepräsentiert sind, auf der niedrigen Vertrauensstufe aber klare Favoriten sind. Beziehungen in Berufs-, Ausbildungs- und Studien-
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bereichen treten also eindeutig im niedrigen Vertrauensbereich auf, während enge Beziehungen, die von Intimität geprägt sind, im höheren Vertrauensbereich anzutreffen sind. Generell ist die Tendenz festzustellen, dass Gleiches sich zu Gleichem gesellt, was das Alter, das Geschlecht und die sozialen Beziehungen angeht. (Bierhoff & Buck, 1997, S. 105ff.)
2.5 Vertrauen im Interaktionsprozess
Vertrauenshandlungen sind beispielsweise selbstexplorative oder beziehungsorientierte Äußerungen, das Bitten um Hilfe oder Feedback.
Unter selbstexplorativen Äußerungen einer Person versteht man das Mitteilen von sehr persönlichen Angaben, die Schwächen offen legen können, die vom Gegenüber für eigene Zwecke missbraucht oder weitererzählt werden könnten.
Beziehungsorientierte Äußerungen thematisieren die Beziehung von Interaktionspartnern in Form von Bewertungen, Stellungnahmen und Interpretationen.
Auch das Bitten um Hilfe durch direktes Fragen oder Auffordern stellt eine Vertrauenshandlung dar, die ganz offen die eigene Schwäche, Verletzbarkeit und auch eine gewisse Abhängigkeit vom Interaktionspartner zeigt.
Mit der Bitte um ein Feedback fordert eine Person den Interaktionspartner dazu auf, seine Meinung zu Einstellungen, Handlungsabsichten und Verhaltensweisen dieser Person zu äußern. Da das Risiko und die Ungewissheit bei einer solchen Bitte relativ groß sind, weil die Reaktion des Gegenübers nur schwer einzuschätzen ist, liegt hier ebenso eine Vertrauenshandlung vor. (Schweer, 1996, S. 76ff.)
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3 Theoretische Ansätze
3.1 Rahmentheorie des interpersonalen Vertrauens nach Schweer
Schweer (1997b, S. 203ff.) geht bei der Entwicklung von Vertrauen von einem Zusammenwirken von personalen und situativen Bedingungen aus.
Im personalen Bereich kommt es auf die persönliche Vertrauenstendenz an. Ist diese positiv, werden vertrauenswürdige Verhaltensweisen des Gegenübers verstärkt wahrgenommen, wodurch das subjektiv gewonnene Bild bereits in eine bestimmte Richtung gelenkt wird. Diese persönliche Vertrauenstendenz kann jedoch bezüglich verschiedener Lebensbereiche variieren. Ein weiterer Aspekt der personalen Bedingungen ist die persönliche Erwartungshaltung. Entspricht der Interaktionspartner den Erwartungen des Wahrnehmenden an eine vertrauenswürdige Person, wird dieser auch vertrauenswürdiger eingeschätzt. Entscheidend ist also, ob der Interaktionspartner mit der eigenen impliziten Vertrauensvorstellung übereinstimmt, nicht die objektive Wirklichkeit. Für den situativen Bereich sind die Machtverhältnisse innerhalb einer Beziehung, die relative Beziehungsdauer, der Grad der Freiwilligkeit einer Beziehung und die Kommunikationsstruktur relevant. Rangunterschiedliche Beziehungen, eine festgelegte Beziehungsdauer, ein festgesetzter Fortbestand einer Beziehung, wenig offene Kommunikation usw. können sich z.B. äußerst negativ auf die Entwicklung von Vertrauen auswirken.
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3.2 Der funktionalistische Ansatz von Luhmann
Luhmann geht davon aus, dass der Mensch nicht in der Lage ist, den ununterbrochenen Informationszufluss zu verarbeiten. Vertrauen sieht er als einen Mechanismus der Informationsreduktion an. Frühere Erfahrungen werden in drei Schritten in die Zukunft übertragen. Bei der Teilverlagerung der Problematik von außen nach innen werden äußere Unsicherheiten durch die innere Sicherheit ersetzt. Für das Lernen sind die Fähigkeit des Individuums zur Ich/Du-Differenzierung, das Selbstvertrauen und die Fähigkeit, von sich auf andere zu schließen, nötig. Im letzten Schritt, der symbolischen Kontrolle, wird über Rückkoppelungsschleifen überprüft, ob das entgegengebrachte Vertrauen gerechtfertigt ist. Hierbei dienen Symbole als Anhaltspunkte, da eine Kontrolle der gesamten Faktenlage nicht möglich ist. Auch bei diesem Ansatz spielt das Risiko, an das die Entwicklung von persönlichem Vertrauen gebunden ist, eine wichtige Rolle, denn der Interaktionspartner hat die Möglichkeit, frei von Normen zu sein und anders zu handeln.
„Wird Vertrauen bestätigt, so stabilisiert sich die Zuschreibung positiver Eigenschaften und erleichtert positive Erwartungen für die Zukunft.“ (Koller, 1997, S. 20)
Luhmanns Ansatz ist eine Zusammenstellung von Überlegungen aus unterschiedlichen Denktraditionen, keine homogene Theorie. Trotz seiner teils vagen, teils überflüssigen Ausführungen liefert er fundierte Argumente für die common-sense Vorstellung, dass ein Leben ohne Vertrauen nicht möglich ist. (Koller, 1997, S. 20)
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3.3 Soziale Lerntheorie nach Rotter
Nach Rotter ist interpersonales Vertrauen (interpersonal trust) „die Erwartung, sich auf verbale oder schriftliche Versprechen eines Individuums oder einer Gruppe verlassen zu können“ (Koller, 1997, S. 15).
Die Erwartungen können hierbei spezifisch oder generalisiert sein. Spezifische Erwartungen beruhen auf konkreten Erfahrungen in einer bestimmten Situation oder mit einer bestimmten Person, während generalisierte Erwartungen aus einer Vielzahl von Erfahrungen in ähnlichen Situationen über einen größeren Zeitraum entstehen, sich zu einem stabilen Persönlichkeitsmerkmal verfestigen und einen umso stärkeren Einfluss ausüben, je neuartiger und ungewohnter die aktuelle Situation ist.
Für Gesellschaft und Individuum entstehen durch Vertrauen positive Konsequenzen. Für die Gesellschaft bedeutet dies, wie bereits in 1.2 erwähnt, vertrauensvollere und ehrlichere Bürger, die weniger betrügen oder stehlen, die bereit sind, anderen eine zweite Chance zu geben, und staatlichen Institutionen eher vertrauen. Für das vertrauende Individuum bestehen die positiven Konsequenzen darin, dass es glücklicher, angepasster, weniger leichtgläubig und weniger konfliktbelastet ist, auf andere glücklicher und moralischer wirkt und als Freund bevorzugt wird. Ebenso kann ein vertrauensvoller Mensch sich anderen gegenüber mehr öffnen und ist besser in der Lage, Mimik und Gestik des Gegenübers zu entschlüsseln. Dadurch, dass Vertrauen mit sozial erwünschten Verhaltensweisen einherzugehen scheint, ist es äußerst schwierig zu unterscheiden, ob die Ursache für einen bestimmten Effekt Vertrauen oder soziale Erwünschtheit ist. Ebenso kritisch zu sehen ist die reduzierte Zugangsweise bei der Erforschung sozialpsychologischer
Phänomene mittels stabiler interindividueller Unterschiede, die viele
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Fragen bezüglich der Mechanismen, der Veränderungen und der Funktion eines psychologischen Phänomens auslassen. (Koller, 1997, S. 15f.)
3.4 Sozial-kognitive Entwicklung nach Selman
Nach den entwicklungspsychologischen Ergebnissen entwickelt sich Vertrauen in fünf Stufen, wobei das Vertrauen in den verschiedenen Stadien nach unterschiedlichen Gesichtspunkten beurteilt wird. In der Stufe 0, in der die Kinder 3-5 Jahre alt sind, spielen wahrgenommene körperliche Fähigkeiten bei der Einschätzung der Vertrauenswürdigkeit eine große Rolle. Der Stufe 1, in der wahrgenommene Absichten des Gegenübers für einen selbst als Merkmale für Vertrauen angesehen werden, gehören fünf- bis elfjährige Kinder an. Mit 7-14 Jahren befinden sich die Kinder in der Stufe 2, wo Gegenseitigkeit und ein fairer Austausch die Grundlagen für Vertrauen bilden. Erst auf dieser Stufe kommt es zu vertrauensvollem Verhalten. In der 3. Stufe, also im Alter von 12 Jahren bis hin zum Erwachsenenalter, ist Vertrauen „vom Glauben an die Beständigkeit einer Freundschaft, in der Partner durch „dick und dünn“ gehen“ (Petermann, 1996, S. 51), geprägt. Die Stufe 4 betrifft das Jugend- und Erwachsenenalter. Hier kommt der Fähigkeit, offen zu sein für Veränderungen und Wachstum auf Grund der Stabilität der Freundschaftsbeziehung, eine besondere Bedeutung zu. Zu ausgereiften vertrauensvollen Bedingungen kommt es also erst in den Stufen 3 und 4.
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3.5 Psychoanalytischer Ansatz nach Erikson
Für Erikson ist die Glaubwürdigkeit der anderen und die eigene Zuverlässigkeit wichtig, damit Vertrauen und somit das Gefühl, sich auf jemanden verlassen zu können, entsteht. Im Zusammenhang mit seinem Stufenmodell der Ich-Entwicklung spricht Erikson im ersten Lebensjahr des Kindes von Ur-Vertrauen als Gegenpol zu empfundenem Ur-Misstrauen, wobei diese Erfahrungen beim Kleinkind unbewusst ablaufen. Für Erikson ist das Ur-Vertrauen die „zeitlich erste und gleichzeitig auch substantiell wichtigste Komponente der gesunden Persönlichkeit“ (Schweer, 1996, S. 11). Es entsteht ein allgemeiner Zustand des Vertrauens durch die feste Wechselbeziehung zwischen der äußeren Welt, in der vertraute und zuverlässige Dinge und Personen immer wieder erscheinen, und der inneren Welt, in der erinnerte Empfindungen und Bilder wiederholt auftauchen und voraussehbar werden. Besonders die Mutter wird vom Kind als zuverlässige Person empfunden und liefert ihm innere Gewissheit. Zunächst aber kann das Kind auf Grund der fehlenden zeitlichen Vorstellung nicht abschätzen, ob die Mutter und somit die sichere Basis wiederkommt, und befindet sich in einer psychosozialen Krise, die es positiv bewältigt oder die es überfordert. Weitere Aspekte der Theorie Eriksons sind die Autonomie gegen Scham und Zweifel im 2. und 3. Lebensjahr und die Initiative gegen Schuldgefühle im 4. und 5. Lebensjahr.
(Scheuerer-Englisch & Zimmermann, 1997, S. 27, Schweer, 1996, S. 11f.)
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3.6 „Erwartungs x Wert-Modell“
Bei diesem Modell geht Deutsch von einem Vertrauen aus Zuversicht aus. Eine vertrauensvolle Entscheidung wird dann getroffen, wenn die subjektive Wahrscheinlichkeit einer positiven Konsequenz größer ist als die einer negativen. Ausschlaggebend für diese Entscheidung sind eigene oder fremde Erfahrungen in gleichen oder ähnlichen Situationen. Ebenso förderlich für den Aufbau von Vertrauen sind Kommunikation, durch die die Vertrauenswürdigkeit des Senders und die Vertrauensbereitschaft des Empfängers ansteigen können, und die Anwesenheit Dritter. Die Balancetheorie von Heider besagt nämlich, dass eine vertrauensvolle Beziehung von zwei Personen gefördert wird, wenn sie eine gleiche Einstellung zu einer dritten Person haben. Bei diesem rationalen Menschenbild des „Erwartungs x Wert-Modells“, bei dem der Mensch durch Abwägen der Konsequenzen eine möglichst risikofreie Entscheidung trifft, bleibt jedoch leider offen, ob die Vertrauensdeterminanten uneingeschränkte Gültigkeit haben, da Elemente wie Verzweiflung, Unwissenheit, Impulsivität, Kooperation aus dem Motiv der gemeinsamen Gewinnmaximierung usw. nicht berücksichtigt werden. (Koller, 1997, S. 14f.)
3.7 Attributionstheoretischer Ansatz
Eine grundlegende These im Zusammenhang mit diesem Ansatz besagt, dass nach dem Aufwertungsprinzip einer Person eine bestimmte Eigenschaft zugeschrieben wird, wenn sie trotz einer hemmend wirkenden Ursache in einer bestimmten Situation eine Verhaltensweise gezeigt hat. Umgekehrt gilt nach dem Abwertungs- prinzip, dass das Zuschreiben einer bestimmten Eigenschaft nicht
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eindeutig möglich ist, wenn eine Verhaltensweise durch eine bestimmte Situation begünstigt wird. Allerdings sind die Zusammenhänge zwischen Attribution und Vertrauen bzw. Misstrauen noch nicht vollständig geklärt. (Koller, 1997, S. 17f.)
3.8 Dissonanztheorie
Unter kognitiver Dissonanz versteht man einen unangenehmen Spannungszustand, der entsteht, wenn Erkenntnisse gleichzeitig auftreten, aber nicht zueinander passen. Das Individuum bemüht sich dann, den Spannungszustand durch eine Umformung der Erkenntnisse abzubauen. Die kognitive Dissonanz entsteht auch in Vertrauenssituationen, wobei sie durch die Aufwertung des Gegenübers abgebaut wird und sich der Vertrauende trotz eines Risikos für die Interaktion entscheidet. Je risikoreicher die Entscheidung ist, desto größer sind die Aufwertung des Interaktionspartners und das Vertrauen. (Koller, 1997, S. 20f.)
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4 Vertrauens als Prozess
Vertrauen kann auf unterschiedlichen Prozessen basieren, wie schon aus den verschiedenen theoretischen Ansätzen zu ersehen war. Zum einen kann es einen rationalen Prozess, bei dem Vertrauen ein Produkt von Erfahrungen und Erlebnissen ist, zur Grundlage haben, zum anderen kann es auf einem irrationalen Prozess beruhen, wobei Vertrauen eine Vorleistung oder ein Wunschdenken darstellt. Es liegen aber auch schon seit den Anfängen der Sozialpsychologie Ergebnisse vor, die das Zusammenspiel von Erfahrung und Wunschdenken erörtern. (Koller, 1997, S. 21)
4.1 Aufbau von Vertrauen
Der Aufbau von Vertrauen beruht auf einer Mischung von Erfahrung und Wunschdenken.
Die Zweideutigkeit oder auch das Risiko in einer Vertrauenssituation bedeutet für den Vertrauenden eine mangelnde Kontrolle und keine vorhersagbaren Konsequenzen, da sich positive Erfahrungen nicht zwangsweise bestätigen müssen. Es wird ein positiver Ausgang erhofft, der für das Individuum das für ihn definierte Interaktionsziel ist. Die Wichtigkeit des Interaktionsziels ist gleichzusetzen mit dessen Attraktivität, die variabel ist. Das Vertrauen übernimmt dabei die Funktion, in einer objektiv unsicheren Situation das Gefühl einer relativen Sicherheit zu liefern, wodurch die empfundene Hilflosigkeit in den Hintergrund tritt. (Koller, 1997, S. 22)
Entsteht Vertrauen in einer risikoreichen Situation, so wirkt sich dies positiv auf spätere Interaktionen aus, in denen eine Entscheidung für neue oder noch risikoreichere Situationen leichter ist. Vertrauen kann
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so zur Routine werden, was sich als problematisch erweist, denn die Erreichung des Ziels wird generell angenommen, das Risiko sinkt dadurch automatisch und die positiven Eigenschaften des Gegenübers treten in den Hintergrund. (Koller, 1997, S. 23f.)
Petermann (1996, S. 115ff.) stellt in seinem Buch „Psychologie des Vertrauens“ das „Drei-Phasen-Modell des Vertrauensaufbaus“ vor. In der Phase 1, in der eine verständnisvolle Kommunikation hergestellt wird, sind intensive Zuwendung, Konzentration auf den Partner, das Registrieren und Rückmelden von Veränderungen in Mimik, Körperhaltung und im sprachlichen Verhalten, das uneingeschränkte Zuhören und der Blickkontakt von Bedeutung. Bei Familienmitgliedern kommt noch der Körperkontakt hinzu. Die 2. Phase beinhaltet den Abbau bedrohlicher Handlungen. Um nicht bedrohlich oder beängstigend auf das Gegenüber, das Vertrauen gewinnen soll, zu wirken, muss das eigene Handeln für es durchschaubar, berechenbar und eindeutig und nicht zu spontan oder emotional sein. Hilfreich hierfür ist ein Feedback über das eigene Verhalten, das dem Interaktionspartner Sicherheit und Orientierung verschafft.
In der Phase 3 wird Vertrauen gezielt aufgebaut. Dies kann z.B. geschehen, indem man dem Partner Kompetenzen durch die Übertragung anspruchsvoller Aufgaben abgibt und dieser dadurch merkt, dass ihm etwas zugetraut wird. Kompetenzen und Selbstvertrauen, das Bedingung für Vertrauen ist, können nur in der selbstständigen Bewältigung von Anforderungen entstehen.
4.2 Störungen beim Aufbau von Vertrauen
Angst stellt eine erhebliche Störung beim Aufbau von Vertrauen dar, denn nur wenn Menschen sich in einer positiven Stimmungslage
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befinden, die bei ängstlichen Personen nicht vorzufinden ist, kann sich Vertrauen entwickeln. Bei ängstlichen Kindern ist zu beobachten, dass sie gegenüber den Eltern und Erziehern sehr anhänglich sind und ihnen vertrauen, es auf Grund von mangelndem Selbstvertrauen aber nicht wagen, mit anderen Kindern oder Erwachsenen in Kontakt zu treten. (Debrunner, 1964, S. 63)
Zur Überwindung dieses Phänomens, die nur durch die Stärkung des Vertrauens zu erreichen ist, ist es zunächst in einem ersten Schritt erforderlich, die Angst zu überwinden und Selbstvertrauen aufzubauen. Dies ist aber nur möglich, wenn das Kind auch Vertrauen in die Welt fasst. Ist dies nicht der Fall, muss für das Kind ein umfassendes Vertrauen des Erziehers in das kulturell-soziale Leben und in das Kind selbst spürbar werden, damit es sich als Teil einer umfassenden Beziehung fühlen kann. (Debrunner, 1964, S. 100ff.) Umgekehrt besitzen aggressive Kinder ein sehr großes Selbstvertrauen, wirken selbstständiger und aktiver, vertrauen dafür aber den Erziehern weniger und werden von anderen Kindern seltener als vertrauenswürdig eingeschätzt. (Debrunner, 1964, S. 63ff.)
Eine weitere Störung beim Vertrauensaufbau und der Vertiefung von Vertrauen verursachen ständig wechselnde oder schlechte Vorbilder in der Kindheit, die z.B. „unreifes“ Vertrauen oder eine nicht vertrauenserweckende Lebensweise vorleben anstatt lebendige Beziehungen über das Kind hinaus zur kulturellen Welt zu pflegen. Es wirkt sich negativ auf die Vertrauensbindungen von Kindern aus, wenn die Vertrauensbindungen des Erziehers zu sich oder zur Welt gestört sind. (Debrunner, 1964, S. 101f.)
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4.3 Verlust von Vertrauen
Wird ein Individuum enttäuscht, wenn es dem Interaktionspartner vertraut hat, ist das Vertrauen verletzt. Dies kann auf unterschiedliche Art und Weise geschehen. Beispiele sind das Weitererzählen von Geheimnissen, das Ausnutzen der Situation für eigene Zwecke, das Bloßstellen der Person vor anderen, das Ignorieren des Hilfesuchenden, usw.
Vertrauensschwund ist jedoch nicht gleichzusetzen mit Misstrauen, Misstrauen ist auch nicht das Gegenteil von Vertrauen. Die Person vertraut dem Gegenüber nun entweder nicht mehr so sehr oder gar nicht mehr. (Schweer & Padberg, 2002, S. 32f.)
Auch für den Vertrauensverlust beschreibt Petermann (1996, S. 120ff.) ein „Drei-Phasen-Modell“, wobei in allen drei Phasen Vertrauen zerstört werden kann.
Die Phase 1 beinhaltet das Zerstören einer vertrauensvollen Kommunikation durch zu starke Selbstbezogenheit, Selbstdarstellung oder unzureichende Beachtung des Partners und seiner Bedürfnisse, was zu einer Bevormundung und einer zu starken Einschränkung der Entscheidungsfreiheit des anderen führen kann. In der Phase 2, in der bedrohliche Handlungen möglich sind, ist das bedrohliche Verhalten oft unabsichtlich, für den Partner allerdings unberechenbar. Zu viele oder zu wenige Ratschläge verunsichern ihn, das Fehlen von Rückmeldungen führt zu Desorientierung, ein einseitiges Feedback zu Bedrohung.
Die 3. Phase stellt den gezielten Vertrauensbruch dar, bei dem Zynismus und Abwertungen der Fähigkeiten des Interaktionspartners die Oberhand gewinnen, was die Hilflosigkeit des Gegenübers verstärkt und es zur Passivität verleitet. Als Konsequenz treten Verhaltensunsicherheiten und der Zerfall des Selbstvertrauens auf,
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Sabrina Kläs, 2007, Vertrauen zwischen Grundschulkindern - Entwicklung und Erprobung von unterrichtlichen Möglichkeiten, München, GRIN Verlag GmbH
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