Inhalt
Einleitung. 1
Plural Society: Kolonialismus und Multikulturalität 5
1.1 „Tropische Wirtschaft und Pluralistische Gesellschaft“ von J. Furnivall 5
1.2 „The Growth of a Plural Society in Malaya“ von M. Freedman 11
1.3 Kritische Analyse. 17
Bibliographie 21
Anhang 22
Plural Society: Kolonialismus und Multikulturalität 1
Einleitung
Im Mittelpunkt der vorliegenden Arbeit stehen zwei Artikel, namentlich „The Growth Of a Plural Society“ von M. Freedman (emeritierter Professor für Ethnologie) aus dem Jahre 1966, sowie „Tropische Wirtschaft und Pluralistische Gesellschaft“ von J. Furnivall (1878-1960, britischer Kolonialbeamter, vor allem in Burma), der 1970 erschien.
Der inhaltlichen Darlegung respektive einer kritischen Analyse dieser Texte, der wesentlichen Elemente des im Anschluss folgenden Hauptteils, soll jedoch an dieser Stelle eine Definition von Begriffen wie Kolonialismus und Plural Society vorangestellt werden, da sie für den weiteren Verlauf von elementarer Bedeutung sind.
Was bedeutet Kolonialismus?
Kolonialismus lässt sich definieren als eine auf Erwerb, Ausbeutung und Erhaltung von Kolonien gerichtete Politik und die sie legitimierende Ideologie. Allgemeiner gesprochen als eine Fremdherrschaft mit charakteristischen Strukturen.
In den internationalen Beziehungen wird mit dem Begriff des Kolonialismus die Politik zahlreicher europäischer Staaten, der USA und Japans gegenüber Völkern und Ländern v.a. in Afrika, Asien, Süd- und Mittelamerika zwischen dem Ende des 15. und der Mitte des 20.Jh. bezeichnet. In der Zeit des Imperialismus (seit dem letzten Viertel des 19.Jh.) erlebte der Kolonialismus seine volle Ausprägung als internationales Kolonialsystem. Schon Phöniker, Griechen, Römer, Chinesen, Araber, Türken und andere verfolgten eine Politik kolonialer Ausdehnung. Von weltgeschichtlicher Bedeutung wurde die neuzeitliche Kolonisation der europäischen See- und Handelsmächte, die mit der Entdeckung Amerikas (1492) und der Auffindung des Seewegs nach Ostindien (1498) einsetzte. Im Zeitalter der Entdeckungen (15./16.Jh.) errichteten die damals führenden Seemächte, Portugal und Spanien, später in erster Linie Großbritannien, Frankreich und die Niederlande, Kolonien in Gebieten außerhalb Europas.
Mit der militärischen Sicherung, der verkehrsmäßigen Erschließung, der ökonomischen Beherrschung und der rechtlichen Anbindung an die Kolonialmacht entwickelten sich, meist unter Anwendung politisch-militärischer Gewalt, seit dem 16.Jh. die großen Kolonialreiche. • Eng verschmolzen mit dem Kolonialismus war die Idee der christlichen Missionierung (insbesondere in den spanischen Kolonien). Im Zuge einer stärkeren Säkularisierung europäischen Denkens verknüpfte sich der Gedanke der Christianisierung seit dem 18.Jh. immer stärker mit dem Motiv der »Modernisierung«
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der »primitiven« Völker. 1 [vgl. MEYERS GROSSES TASCHENLEXIKON (BAND 12) 2001 : 76-78 und OSTERHAMMEL 2001]
Die Tendenz der kolonisierten Völker zur Zusammenarbeit mit den Kolonialmächten fand Ausdruck in der Übernahme von Funktionen im besonderen im Verwaltungs- und Wirtschaftsbereich, sowie in der Annahme von Kulturimpulsen. Dabei entstand nicht selten eine neue Bildungselite.
Mit Ausnahme Lateinamerikas, wo die ehemaligen Kolonien bereits im 19.Jh. ihre staatliche Selbstständigkeit errungen hatten, geriet das System der direkten Kolonialherrschaft in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg im Rahmen einer entscheidend veränderten politischen Weltkonstellation in seine abschließende Krise.
Die Ergebnisse von Dekolonialisierungsprozessen waren widersprüchlich: Einerseits wurden die neuen Nationalstaaten ein wichtiger Faktor in der Weltpolitik (so die blockfreien Staaten), andererseits hinterließ der Kolonialismus in Form von neokolonialer Abhängigkeit, Armut und Unterentwicklung politische, wirtschaftliche, sozialpsychologische und kulturelle Strukturen, die für die Dritte Welt (bis heute) als charakteristisch gelten ( so der Nord-Süd-Konflikt).
Bei direktem politischen Machtverlust konnten die früheren Kolonialmächte (sowie die USA) ihre vorwiegend ökonomische Vormachtstellung in der Dritten Welt jedoch weitgehend behaupten ( im modernen Gewand als Neokolonialismus bezeichnet).
Als Haupt-Typen von Kolonien neuzeitlicher europäischer Staaten lassen sich bezeichnen: • Siedlungs-Kolonien: Sie dienten der Aufnahme von Auswanderern aus dem ( zumeist dicht bevölkerten) Mutterland, wobei entweder die Siedler die einheimische Bevölkerung fast völlig verdrängten ( so in Nordamerika) oder als herrschende Schicht den Hauptteil des Wirtschaftsertrags und der politischen Macht in Anspruch nahmen (z.B. Spanisch- und Portugiesisch-Amerika, Französisch-Algerien). Meist militärisch flankiert. Frühe Ansätze zur Selbstregierung der Kolonisten unter Missachtung der Rechte und Interessen der indigenen Bevölkerung. Eine Vermischung mit Einheimischen wurde meist abgelehnt. Koloniale Präsenz primär in Gestalt dauerhaft ansässiger Farmer.
1 Insbesondere in der Anfangszeit der akademischen Disziplin existierten enge Verflechtungen zwischen
Ethnologie und Kolonialismus.
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Drei Varianten:
a) “neuenglischer” Typ: Verdrängung, teilweise Vernichtung der ökonomisch
b) „afrikanischer“ Typ: ökonomische Abhängigkeit von einheimischer Arbeitskraft. Beispiele: Algerien, Südafrika.
c) „karibischer“ Typ: Import von landfremden Arbeitssklaven. Beispiele: Jamaika, St. Dominique, Kuba, Brasilien.
• Wirtschafts-Kolonien/ Beherrschungskolonien: Wurden erworben, um Reichtümer in das Mutterland zu überführen (z.B. Gold aus Spanisch-Amerika), das Mutterland mit Rohstoffen für seine Industrie zu versorgen (z.B. Baumwolle aus Ägypten) und um Absatzmärkte (Käufer von Fertigwaren) und günstige Investitionsbedingungen für Kapital aus dem Mutterland zu sichern (z.B. Indien im 19.Jh.). Waren zumeist das Resultat militärischer Eroberung, oft nach längeren Phasen eines nicht landnehmenden Kontakts. Meist autokratisch durch das Mutterland (Gouverneurssystem) regiert, mit Elementen paternalistischer Fürsorge für die einheimische Bevölkerung.
• Militär-Kolonien oder Stützpunktkolonien: Wurden vorwiegend aus strategischen Gründen angestrebt, bis 1945 v.a. in Form von Flottenstützpunkten, heute vielfach auch als Flugzeugbasen (z.B. Malta, Gibraltar). Auch zur indirekten kommerziellen Erschließung eines Hinterlandes.
• Straf-Kolonien: Dienten der Unterbringung von Sträflingen (New South Wales, Cayenne, Neukaledonien). [vgl. MEYERS GROSSES TASCHENLEXIKON (BAND 12) 2001 : 76-78 und OSTERHAMMEL 2001]
Kurzum:
Kolonialismus ist eine Herrschaftsbeziehung zwischen Kollektiven, bei welcher die fundamentalen Entscheidungen über die Lebensform der Kolonisierten durch eine kulturell andersartige und kaum anpassungswillige Minderheit von Kolonialherren unter vorrangiger Berücksichtigung externer Interessen getroffen und tatsächlich durchgesetzt werden. Damit verbinden sich in der Neuzeit sendungsideologische
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Rechtfertigungsdoktrinen, die auf der Überzeugung der Kolonialherren von ihrer eigenen kulturellen Höherwertigkeit beruhen. [OSTERHAMMEL 2001:21]
Eine der folgenschwersten Wirkungen des Kolonialismus war sein Beitrag zur Universalisierung des europäischen Staatenkonzepts. Der koloniale Staat des 19. und 20. Jh. war das Gegenteil der meisten kolonisierten Länder: Ein säkularisierter, militärisch gestützter Verwaltungsstaat. Eine in späteren Zeiten wichtige Ursache von Konflikten waren/ sind z.B. die Einführung des Territorialprinzips und damit einhergehende, zumeist willkürliche Grenzziehungen, in deren Folge es zu riesigen Mobilitätsbewegungen kam.
Nach OSTERHAMMEL liegt eine wesentliche Ursache der Probleme von unabhängig gewordenen Staaten in der Unterschiedlichkeit von Territorialstaat und Nationalstaat begründet:
Die Emanzipationsführer, denen der bürokratische Territorialstaat schließlich zufiel, interpretierten ihn dann als Nationalstaat, oft sogar als Staat der Mehrheitsnationalität. Aus dieser getrennten Genealogie des territorialen und des nationalen Prinzips, aus ihrem Mangel an Kongruenz erklären sich nicht wenige der ethnisch-religiösen Konflikte der Gegenwart. Hatten die europäischen Kolonialmächte - wie alle Verwalter von Imperien - die Buntscheckigkeit von „plural societies“ geduldet oder im Sinne des „Divide-et-Impera“ - Prinzips gefördert, so übernahm die postkoloniale Politik vielfach die homogenisierten Ausschließlichkeitsansprüche des europäischen Nationenkonzepts: „ein Staat- eine Nation“. So entstanden Nationalstaaten, die nicht durch „gewachsene“ Nationen gefüllt und getragen waren. [2001:77]
Wenden wir uns nun der Definition des soeben verwendeten Begriffs der „plural society“ zu, dem eigentlichen Thema dieser Arbeit:
Die Lehre der „Plural Society“ gilt als Theorie von hohem Anspruch. Sie wurde von John S. Furnivall, einem britischen Kolonialbeamten, vor allem am Beispiel Burmas, wo er lange Zeit tätig war, entwickelt.
Laut ihm bedeutet „plural society“ „eine Gesellschaft, in der zwei oder mehr Elemente oder soziale Ordnungen nebeneinander innerhalb ein und derselben politischen Einheit leben, ohne sich zu vermischen.“ [OSTERHAMMEL 2001:98-99]
In dieser Gesellschaft verfolge jedes der Elemente eigene Ziele und Wertvorstellungen; es fehlten übergeordnete Bande, etwa religiöser Natur. Die Gesellschaft besitze keinen
Arbeit zitieren:
Marc Hanke, 2003, Plural Society - Kolonialismus und Multikulturalität, München, GRIN Verlag GmbH
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