Inhalt
1. Einleitung 1
2. Umgang mit der NS-Vergangenheit nach 1945 5
3. Nach der Wiedervereinigung:
Erneute Selbstwahrnehmung als Opfer 12
4. Fazit 20
Literaturangaben
II
1. EINLEITUNG
Nach dem mit der Wiedervereinigung Deutschlands einhergehenden gesellschaftlichen Umbruch trat auch der Erinnerungsdiskurs zur nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands in eine neue Phase. Aleida Assmann hat zurecht festgestellt: „noch nie zuvor hat sich eine Zeit, eine Nation, eine Generation so reflektiert und reflektierend mit sich selber und ihrer Herkunft befasst“ wie nach 1989/90. 1 Seit den neunziger Jahren ist das Thema Nationalsozialismus medial präsenter und emotionaler umstritten als je zuvor, so dass Dan Diner mit Recht vom Nationalsozialismus als „gestauter Zeit“ gesprochen hat, einem Ereignis, das sich mit zunehmender zeitlicher Distanz immer weiter ausdehnt. 2 In den Fokus des öffentlichen Erinnerungsdiskurses, in dessen Zentrum spätestens seit den achtziger Jahren die Judenvernichtung stand, trat vor der Jahrtausendwende ein weiterer Aspekt: die Thematisierung des eigenen, deutschen Leids.
Dieser Wandel ist jedoch weniger, wie zunächst scheinen mag, Manifestation neuer Souveränität in der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit. Vielmehr knüpft er an bekannte Muster an, die bereits aus der Erinnerungstradition der Nachkriegszeit und der fünfziger Jahre in der Bundesrepublik 3 bekannt sind, jedoch anschließend jahrzehntelang zwar den privaten Bereich dominierten, in der Öffentlichkeit jedoch wenig Aufmerksamkeit fanden. Der unmittelbaren Nachkriegszeit mit den Kriegsverbrecherprozessen der Alliierten folgte in den fünfziger Jahren die so genannte „Vergangenheitspolitik“, aus der diese Verinnerlichung hervorging. Norbert Frei beschreibt sie als „eine Phase größerer Milde für die Individuen, die gewissermaßen erst die Basis für einen offeneren Umgang mit der Vergangenheit schuf: die Phase der Amnestie- oder Vergangenheitspolitik,
1 Aleida Assmann / Ute Frevert, Geschichtsvergessenheit - Geschichtsversessenheit. Vom Umgang mit deutschen Vergangenheiten, Stuttgart 1999, S. 40.
2 Dan Diner, „Anthropologisierung des Leidens“, Interview, in: Phase 2, Nr. 09, Herbst 2003. Vgl. auch Norbert Frei, 1945 und wir. Das Dritte Reich im Bewusstsein der Deutschen, München 2005, S. 7f.
3 Die Einbeziehung der entsprechenden Auseinandersetzung auf dem Gebiet der SBZ bzw. DDR ist an dieser Stelle nicht möglich. Dazu jedoch z.B. Jeffrey Herf, Zweierlei Erinnerung. Die NS-Vergangenheit im geteilten Deutschland, Berlin 1998, sowie Klaus Naumann (Hg.), Nachkrieg in Deutschland, Hamburg 2001.
1
deren politische Fehler und moralische Versäumnisse das geistige Klima der Bundesrepublik nachhaltig prägten“. 4 Hier wird bereits deutlich, dass die Form der Auseinandersetzung in dieser ersten Phase inzwischen eine radikale Neubewertung erfahren hat. So scheint zunächst überraschend, dass dennoch in jüngster Zeit an aus den fünfziger Jahren bekannte Muster angeknüpft wird, zumal sich zuvor in der Öffentlichkeit lange hartnäckig das Bild von der „Unfähigkeit zu trauern“ hielt, die der vom Nationalsozialismus betroffenen Generation zugesprochen wurde und in deren Folge diese Zeit mit einem Verhaltenspektrum von Ausreden, Leugnen, Schweigen und Vertuschen bis hin zur verzerrten Selbstdeklarierung als Opfer oder gar
WiderstandssympathisantIn assoziiert wurde. 5 De facto gibt es aber eine Vielzahl von Quellen wie diversen Publikationen, die belegen, wie präsent die Wahrnehmung als Opfer war, und anhand derer Parallelen zum heutigen Diskurs aufgezeigt werden können. 6 Diese Parallelen sind im Umgang bei weitem nicht kongruent; schließlich findet die heutige Auseinandersetzung vor völlig anderen Voraussetzungen und anderem Bewusstsein statt. Umso interessanter ist also die Frage nach dem „Wie“ und „Warum jetzt“ dieser Veräußerlichung der lange privaten Wahrnehmung. Um die Parallelen darzulegen und zu deuten, wird im Folgenden zunächst der entsprechende Umgang in den westlichen Besatzungszonen bzw. der Bundesrepublik während der Nachkriegszeit und fünfziger Jahre skizziert. Anschließend werde ich die Parallelen im Hinblick auf den Diskursverlauf seit der Wiedervereinigung herausstellen und zu erklären versuchen. Im Mittelpunkt der Untersuchung des Diskurses in beiden Betrachtungszeiträumen steht die Präsenz der Thematisierung und Wahrnehmung eigenen Leids und des eigenen Opferstatus.
Im Hinblick auf den Opferdiskurs sei vorweg auf eine Problematik verwiesen. Es ist hinlänglich bekannt, dass sich die Kategorien „TäterIn“ und „Opfer“ - vermeintlich eine Dichotomie - keineswegs ausschließen. TäterInnen
4 Norbert Frei, „Amnestiepolitik in den Anfangsjahren der Bundesrepublik“, in: Gary Smith / Avishai Margalit (Hg.), Amnestie oder die Politik der Erinnerung in der Demokratie, Frankfurt/M. 1996, S. 137.
5 Diese Annahme wurde geprägt durch die beiden Psychoanalytiker Alexander und Margarete Mitscherlich in: Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens, München 1967.
6 Vgl. Robert G. Moeller, War Stories. The Search for a Usable Past in the Federal Republic of Germany, in: The American Historical Review, 101/4 (1996), 1008-1048.
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können auch Opfer sein und Opfer bisweilen zu TäterInnen werden. So geht die Begründung, mit der die Erinnerung an deutsche Opfer von Anfang an als illegitim deklariert wurde, darüber hinaus. Deutsche seien in solchem Maß zu TäterInnen geworden, dass dahinter jeglicher Anspruch, eigener Opfer ausgiebig erinnern zu dürfen, zurücktreten müsse. Dies impliziert die häufig geäußerte Befürchtung, mit zunehmender Aufmerksamkeit für den Opferdiskurs könne dieser leicht eine dem Diskurs über die Vernichtung der europäischen Juden diametral entgegengesetzte, optionale Narrative oder gar Antithese werden und in Konkurrenz zu diesem zu treten, womit Banalisierung, Revision und Aufrechnung einhergehen könnten. Dies trifft besonders auf den Diskurs der Nachkriegszeit und fünfziger Jahre zu; Erinnerung an Deutsche als Opfer diente immer auch der Entlastung. Heute tritt in Deutschland neben eigenen Opferansprüchen auch die Erinnerung an stalinistische Verbrechen in teilweise relativierende Konkurrenz zur Judenvernichtung. 7 Für die heutige Auseinandersetzung bleibt zu hoffen, dass die Erinnerungslandschaft den Herausforderungen gewachsen und in der Lage ist, Verharmlosung oder Unwahrheiten nicht mit Authentizität zu verwechseln, damit diese Facetten zur Bereicherung werden. Inwiefern dies auch auf Einzelpersonen zutrifft, ist eine andere Frage, die an dieser Stelle nicht erläutert werden kann; doch ist die Befürchtung bei Weitem nicht aus der Luft gegriffen. 8 Vorsicht ist gerade da geboten, wo im kollektiven Gedächtnis eine Art „allgemeines Leid“ postuliert wird - dies ist meines Erachtens kaschierter Revisionismus. Dan Diner brachte diesen Aspekt auf den Punkt, als er der „Tendenz der Enthistorisierung zugunsten einer Anthropologisierung von Leid“ Entkontextualisierung vorwarf, was wiederum die vorangegangene Ursache ausblende. 9 Auch ist kritisch, dass durch diesen Blickwinkel den wenigen noch lebenden Opfern nationalsozialistischer Vernichtung „immer mehr Deutsche gegenüber [stehen],
7 Dazu exemplarisch Stéphane Courtois et al. (Hg.), Das Schwarzbuch des Kommunismus -Unterdrückung, Verbrechen und Terror. München 2004, und die dazu gehörige Kontroverse.
8 Dass Aufrechnung zwecks Selbstentlastung und selbstgefällige Darstellung eigener Biografien von Anfang an eine Rolle spielten, so bereits während der Entnazifizierungsprozesse, zeigt Aleida Assmann, Zur (Un)vereinbarkeit von Leid und Schuld in der deutschen Erinnerungsgeschichte, in: Karolina Jeftic, Jean-Baptiste Joly (Hg.), Erinnern und Vergessen. Zur Darstellbarkeit von Traumata, Dettingen/Erms 2005, 117-131, hier S. 125. Es folgt eine interessante Analyse der Konkurrenz und des gegenseitigen Blockierens dieser Antagonismen anhand von Beispielen (125-7).
9 Vgl. Interview mit Dan Diner (Anm. 2).
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die sich ihrerseits als Opfer begreifen“. 10 Umso dringender muss das Mit- und Nebeneinander beider Erinnerungen im Diskurs um die Deutung der Vergangenheit permanent neu ausgehandelt werden. Zu verhindern ist der deutsche Opferdiskurs nicht, sollte er auch nicht sein, denn zu stark sind tradierte Leidensgeschichten mit Geschichtsbildern verwoben und zu lange waren sie auf das Familiengedächtnis beschränkt. Dennoch sollte die Frage nach „Verträglichkeit“ nicht aus dem Blickfeld geraten. Im Folgenden spreche ich zunächst von „Erweiterung“ und „Diversifikation“, nicht „Verschiebung“ der Perspektive, weil sich trotz solcher Befürchtungen nicht abzeichnet, dass der Judenvernichtung ihre Singularität und ihr Status als Zivilisationsbruch abgesprochen wird. Inwiefern dennoch eine gewisse Verschiebung feststellbar ist, wird bei Betrachtung der jüngeren Diskurserweiterung behandelt.
10 Frei, 1945, S. 16.
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2. UMGANG MIT DER NS-VERGANGENHEIT NACH 1945
Nach der bedingungslosen Kapitulation, in der unmittelbaren Nachkriegszeit, nahmen sich die Deutschen zunächst als Verlierer und Opfer wahr. Im offiziellen Erinnerungsdiskurs standen zwar Juden an erster Stelle, doch die Wahrnehmung der deutschen Bevölkerung wurde von an Deutschen begangenen Verbrechen dominiert. Der Diskurs um die unmittelbare Vergangenheit wurde nicht wie in der nachfolgenden Generation von „1933“, sondern „1945“ beherrscht. Vor dem Hintergrund der Unfähigkeit, mit der erdrückenden Asymmetrie von Opfern und TäterInnen umgehen zu können, rückten vor allem die Leiden der zwölf Millionen Flüchtlinge und Vertriebenen aus Osteuropa, von denen zu Beginn der fünfziger Jahre rund zwei Drittel in der Bundesrepublik lebten, und den rückkehrenden Kriegsgefangenen in den Mittelpunkt der Debatten. Das zunächst private Trauern um deren Leiderfahrung wurde anhand der Allgegenwärtigkeit und Vergleichbarkeit bald zum kollektiven Trauern und der private Diskurs zum öffentlichen Diskurs, womit eine verkürzte Sicht bezüglich der Ursachen des Leids, also der vorangegangenen deutschen Aggression, einherging. 11 Die von den alliierten Besatzern verordnete und durchgeführte Entnazifizierung in Form von Strafprozessen entkräftete diese Opferwahrnehmung nicht, sondern verstärkte sie um das Gefühl, durch angebliche „Siegerjustiz“ zur Rechtfertigung gezwungen zu werden. Distanzierung und Selbstkritik blieben vor diesem Hintergrund weitgehend aus und im Klima von Nürnberger Prozessen, Berlinkrise, Währungsreform und Gründung der BRD setzten die fünfziger Jahre ein.
Sie sind einerseits geprägt von der ideologischen und personellen Entnazifizierung und dem Übergang zu Demokratie, andererseits durch die gesellschaftliche Integration der TäterInnen und MitläuferInnen. Für die Politik und die alliierten Besatzer war mit den Nürnberger Prozessen ein Zeichen gesetzt und der Nationalsozialismus als System zerschlagen. Während im Ausland die Erinnerung an die Judenvernichtung und eigene Opfer dominierte
11 Siehe Moeller, War Stories, 1010-13.
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Arbeit zitieren:
Theresia Knuth, 2008, Der aktuelle deutsche Opferdiskurs und seine Wurzeln in der Nachkriegszeit, München, GRIN Verlag GmbH
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