Inhaltsverzeichnis
ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS IV
ABBILDUNGSVERZEICHNIS VI
TABELLENVERZEICHNIS VIII
1 EINLEITUNG. 1
1.1 Einführung in den Gegenstand der Arbeit 1
1.2 Fragestellung und Zielsetzung der Studie 3
1.3 Aufbau der Arbeit. 5
2 RAHMENBEDINGUNGEN DES SCHULSPORTS IN FRANKREICH UND IN
DEUTSCHLAND 7
2.1 Französischer Sportunterricht und Union Nationale du Sport Scolaire 7
2.2 Qualifikation französischer Sportlehrer. 10
2.3 Sportunterricht in Deutschland 12
2.4 Qualifikation deutscher Sportlehrer 13
3 EMPIRISCHER TEIL. 16
3.1 Überblick zum Forschungsdesign 16
3.2 Auswahl der Stichprobe. 17
3.3 Messinstrumente 17
3.4 Datenverarbeitung und -auswertung 18
4 ERGEBNISSE DER SCHÜLERBEFRAGUNG UND DISKUSSION. 20
4.1 Beschreibung der Stichprobe 20
4.2 Das französische Sportsystem aus Schülersicht. 22
4.2.1 Zum Sportverhalten französischer Schüler. 22
4.2.2 Wettkampfteilnahme in Schule und Verein. 25
4.2.3 Das außerunterrichtliche Sportangebot aus Schülersicht. 27
4.3 Sportunterricht aus Schülersicht. 28
II
4.3.1 Zeitlicher Umfang des Sportunterrichts 28
4.3.2 Orte und Inhalte des Sportunterrichts. 31
4.3.3 Wunschsportarten für den Sportunterricht. 33
4.3.4 Zufriedenheit im Sportunterricht 34
4.3.5 Bedeutung des Sportunterrichts aus Schülersicht. 37
4.3.6 Ist-Zustand des Sportunterrichts aus Schülersicht 39
4.3.7 Änderungswünsche für den Sportunterricht 43
4.4 Sportlehrer aus Schülersicht 46
4.5 Zusammenfassung der Schülerbefragungsergebnisse 52
5 ERGEBNISDARSTELLUNG DER LEHRERBEFRAGUNG UND DISKUSSION 55
5.1 Beschreibung der Stichprobe 55
5.2 Die Arbeitsbelastung des Sportlehrers 59
5.3 Sportunterricht aus Lehrersicht 61
5.3.1 Orte und Inhalte des Sportunterrichts aus Lehrersicht 61
5.3.2 Qualität und Effektivität des Sportunterrichts aus Lehrersicht 65
5.4 Das außerunterrichtliche Sportangebot aus Lehrersicht 69
5.5 Lehrkompetenz im Fach Sport. 71
5.6 Unterrichtskonzepte. 74
5.7 Zusammenfassung der Lehrerbefragungsergebnisse 78
6 AUSBLICK 80
LITERATURVERZEICHNIS 83
SONSTIGE QUELLEN 88
ANHANG 89
III
Abkürzungsverzeichnis
Abb. Abbildung
AG Arbeitsgemeinschft
Anm. d. Verf. Anmerkung des Verfassers
BI Bewegungsintensität
BMI Body Mass Index
bspw. beispielsweise
bzw. beziehungsweise
dB Dezibel
d.h. das heißt
Dr. Doktor
EPS Education Physique et Sportive
GEW Gewerkschaft, Erziehung und Wissenschaft
Hrsg. Herausgeber
KiGGS Kinder- und Jugendgesundheitssurvey
M Mittelwert
OMS Organisation mondiale de la Santé
Prof. Professor
sächs. sächsische
SL Sportlehrer
SPSS Statistical Package for the Social Sciences
SU Sportunterricht
SV Sportverein
Tab. Tabelle
TU Technische Universität
u.a. unter anderem
UNSS Union Nationale du Sport Scolaire
IV
vgl. vergleiche
WHO Weltgesundheitsorganisation
Wissenschaftliches Institut der Ärzte Deutschlands WIAD
z.B. zum Beispiel
z.T. zum Teil
V
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 4-1/Abbildung 4-2 : Anzahl der befragten Schüler differenziert nach Geschlecht,
Klassenstufe und Schulart.
Abbildung 4-3: Anzahl der einzelnen Sportnoten des letzten Schulzeugnisses Geschlecht21
Abbildung 4-4: Sportnote letztes Zeugnis Wie gerne treibst du Sport?
Abbildung 4-5: Vereinsmitgliedschaft Geschlecht.
Abbildung 4-6: Vereinsmitgliedschaft Klassenstufe
Abbildung 4-7: Sportliche Aktivität von Vereinsmitgliedern und Nichtvereinsmitgliedern pro
Woche
Abbildung 4-8: Geschlecht außerschulische Wettkämpfe
Abbildung 4-9: Schulart außerschulische Wettkämpfe
Abbildung 4-10: Wettkampfhäufigkeit Vereinsmitgliedschaft (Frankreich)
Abbildung 4-11: Außerunterrichtliche Sportangebote aus Schülersicht
Abbildung 4-12:Teilnahme an einem Sportlager/-exkursion
Abbildung 4-13: Teilnahme an einem Sportprojekt
Abbildung 4-14: Klassenstufe wöchentlicher Sportunterricht.
Abbildung 4-15: Mittelwerte von „Wie häufig werden folgende Sportarten
Abbildung 4-16: Ergebnisse der franz. Schulsportstudie
Abbildung 4-17: Ergebnisse der sächs. Schulsportstudie
Abbildung 4-18: Sinnaspekte für den Sportunterricht aus Schülersicht
Abbildung 4-19: Ist-Zustand des französischen Sportunterrichts Teil I
Abbildung 4-20: Ist-Zustand des französischen Sportunterrichts Teil II
Abbildung 4-21: Was gefällt dir momentan nicht an deinem Sportunterricht?
Abbildung 4-22: „Wenn du etwas an deinem Sportunterricht ändern könntest, was wäre
das?“
Abbildung 4-23: „Inwieweit treffen folgende Aussagen auf deinen Sportlehrer zu?“
Abbildung 4-24: Altersstruktur französischer Sportlehrer aus Schülersicht
Abbildung 4-25: „Wie zufrieden bist du mit dem Sportlehrer?“
Abbildung 4-26: „Wie stark hat Sportlehrer/-unterricht dich beeinflusst in Freizeit Sport zu
treiben?“
Abbildung 4-27: Vergleich beider Studien bezüglich der Motivation durch
Abbildung 5-1: Geschlechterverteilung der Sportlehrer
Abbildung 5-2: Geschlecht Schulform.
Abbildung 5-3: Anzahl der Unterrichtsstunden pro Woche französischer Sportlehrer
Abbildung 5-4: Mittelwerte für: „Wie oft findet der Sportunterricht an folgenden Orten statt?“
VI
Abbildung 5-5: Mittelwerte für: „Wie oft unterrichten Sie folgende Sportarten?“
Abbildung 5-6: „Folgende Probleme hindern mich daran, einen guten
Abbildung 5-7: (Sehr) bedeutende Aspekte für einen guten Sportunterricht (Zustimmung in
Prozent)
Abbildung 5-8: Außerunterrichtliche Sportangebote
Abbildung 5-9: Lehrkompetenz der französischen Sportlehrer
Abbildung 5-10: Mittelwerte: Lehrkompetenzen sächsischer & französischer Sportlehrer
Abbildung 5-11: Unterrichtskonzepte und ihre Anwendung im Unterricht laut indirekter
Befragung.
Abbildung 5-12: Unterrichtskonzepte und ihre Anwendung im Unterricht laut direkter
Befragung.
VII
Tabellenverzeichnis
Tabelle 2-1: Angebote der UNSS und Anzahl der teilnehmenden Schüler 2005/06. 8
Tabelle 2-2: Verteilung der Sportarten in der UNSS 2005/06 9
Tabelle 4-1: Zusammenhang zwischen sportlicher Aktivität & sportlichen Selbstkonzepten22
Tabelle 4-2: Item: „Wie oft treibst du in deiner Freizeit Sport?“ 23
Tabelle 4-3: Sportartpräferenzen der befragten französischen Schüler im Sportunterricht31
Tabelle 4-4: Wunschsportarten für den Unterricht in Sachsen. 33
Tabelle 4-5: Wunschsportarten für den Unterricht in Orléans-Tours. 33
Tabelle 4-6: Zufriedenheit im Sportunterricht Zufriedenheit mit dem Sportlehrer 36
Tabelle 4-7: Zufriedenheit im Sportunterricht Wie gern treibst du Sport? 36
Tabelle 5-1: Altersverteilung der Sportlehrer. 55
Tabelle 5-2: Berufserfahrung französischer Sportlehrer 56
Tabelle 5-3: Rahmenbedingungen des SU in Frankreich aus Lehrersicht. 64
VIII
1 Einleitung
1.1 Einführung in den Gegenstand der Arbeit
Die neueste Studie (März 2007) der International Association for the Study of Obesity (IASO) brachte erschreckende Ergebnisse zum Vorschein: „Die Deutschen sind die dicksten Europäer!“ Demnach sind 75,4 Prozent der Männer und 58,9 Prozent der Frauen 1 > 25) bzw. fettleibig 2 (BMI > 30). Im Vergleich dazu sind die Werte für übergewichtig (BMI
die französische Bevölkerung nach eigenen Angaben mit einem BMI über 25 für rund 36
Prozent der Frauen und 48 Prozent der Männer eher niedrig (vgl. Anlage 1, S. 91). Laut WHO gehört Fettleibigkeit (Adipositas) und ihre Folgeerkrankungen (Diabetes, Herz- Kreislaufschäden, Schlaganfall, Krebs, hormonelle Störungen, Gelenkschäden oder De- pressionen) in den Industriestaaten zu den häufigsten Todesursachen. Zudem leiden immer mehr Menschen an allergischen Reaktionen, chronischen Leiden, psychischen Problemen und Verhaltensauffälligkeiten. Um hier eine Verbesserung anzustreben, ist vor allem der Gesundheits- und Bewegungsstatus von Kindern und Jugendlichen zu untersuchen. Besonders, da die Fettleibigkeits- und Übergewichtsrate auch bei europäischen
Heranwachsenden immer mehr ansteigt. Die Hauptfaktoren für Fettleibigkeit bei Kindern und Jugendlichen sind Ernährung, Grad der körperlichen Aktivität und Grad der sitzenden 3 Tätigkeiten (z.B. Schulstunden, Fernsehen und Computerspielen).
Dass sich Kinder und Jugendliche in einer zunehmenden „Sitzwelt“ (9h liegen, 9h sitzen, 5h stehen, 1h bewegen, 15-30 min Sport treiben) befinden, hat die Brettschneider Studie von 4 führt in jedem Falle zu 2005 ergeben. Die daraus resultierende negative Energiebilanz 5 Studie (2003) stellte Übergewicht oder sogar zu Fettleibigkeit. Auch die WIAD-AOK-DSB eine sich stetig verschlechternde Gesundheit bei den Heranwachsenden fest, die durch den zunehmenden Medienkonsum und den daraus resultierenden abnehmenden Bewegungspensum, sowie durch schlechte Essgewohnheiten und durch psychosoziale Stressfaktoren begünstigt wird. Ein konstanter Rückgang der körperlichen Leistungsfähigkeit und eine Beeinträchtigung von Lebensqualität und Sozialverhalten gehen damit einher.
1 Der BMI ergibt sich aus dem Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch das Quadrat der Körpergröße
in Meter. Ein BMI größer als 25 gilt laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Übergewicht. Liegt
der BMI über 30, sprechen Ärzte von krankhafter Fettleibigkeit bzw. Adipositas.-
C30602E5305B~ATpl~Ecommon~Scontent.html [Stand: 29.06.2007]
2 fettleibig = adipös
3 Vgl. http://www.eufic.org/article/de/ernahrungsbedingte- [Stand: 22.05.2007]
4 Negative Energiebilanz bedeutet, dass man mehr Energie in Form von Kilokalorien zu sich nimmt, als
der Körper umsetzen kann. - Anm. d. Verf.
5 Diese Studie ist eine Zusammenarbeit zwischen der Krankenkasse AOK und dem Deutschen
Sportbund unter der Leitung des Wissenschaftlichen Instituts der Ärzte Deutschlands. - Anm. d. Verf.
1
Mangelnde Aufmerksamkeit, Hyperaktivität, Aggressivität, Ängste und Depressionen treten ebenfalls verstärkt auf. Vorbeugungsmaßnahmen sind daher dringend nötig. Seit Jahren wird jedoch über solche diskutiert, ohne dass konkrete Aktionen ins Leben gerufen wurden. Auch zahlreiche europäische Studien (z.B. Brettschneider Studie 2005, WIAD-Studie 2000, OMS 2005) belegen die Wichtigkeit präventiver Maßnahmen. Um möglichst alle Kinder und Jugendlichen verschiedener sozialer Schichten zu erreichen, bietet die Schule einen idealen Zugang. Hier verbringen sie eine beträchtliche Zeit ihres Lebens und können daher zu einer gesundheitsbewussten Lebensweise erzogen werden. Es wäre z.B. möglich, Unterrichtseinheiten zu den Themen Gesundheit und Lebensführung in die Lehrpläne einzubinden, um Kinder und Jugendliche schon frühzeitig für ihre Gesundheit zu sensibilisieren. Eine Umsetzung für solche Projekte ist jedoch noch nicht absehbar. Aus diesem Grund ist es vor allem der Schulsport, der der „wachsenden körperlichen Inaktivität im Alltag“ (Brettschneider 2005, 38) entgegenwirken kann.
Dass sich täglicher Sportunterricht positiv auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen auswirken könnte, ist unumstritten. Jedoch ist die Umsetzung, u.a. auf Grund der Befürchtung, dies könnte sich negativ auf die akademische Leistung auswirken, schwierig. Zwar sind nach wie vor Eltern und Familienangehörige die wichtigsten Ressourcen, um richtiges Ess-, und Bewegungsverhalten zu fördern, sie dienen aber oftmals auch als schlechtes Vorbild oder unterschätzen die Bedeutung einer schlechten Lebensweise für die Zukunft ihrer Kinder. Demzufolge bietet die Schule ein gutes Umfeld um präventiv wirksam zu werden. Doch inwiefern europäische Schulen qualitativ in der Lage sind für die Gesundheit unserer Kinder etwas zu leisten, ist fraglich. Nach wie vor steht der Schulsport unter ständiger Kritik.
Sportpädagogen sprechen von einer „Vergreisung der Sportlehrerschaft“ (u.a. Nagengast 1995, 121), während junge Sportlehrer darauf warten, unterrichten zu dürfen. Politiker diskutieren darüber, dass die tägliche Sportstunde machbar sein muss, sind aber nicht in der Lage, dies per Gesetz zu verabschieden. Laut WIAD (2003) ist die Berücksichtigung von Sportartpräferenzen ein wichtiger Ansatz, um die sportmotorische Leistungsfähigkeit der Heranwachsenden zu verbessern. Trotzdem sind die Inhalte und Methoden des Sportunterrichts nach wie vor veraltet und die Lehrpläne bieten kaum Platz, um auf die Wünsche der Schüler eingehen zu können.
Inwieweit sich die Schulsportqualität Frankreichs von der Deutschlands unterscheidet, soll in dieser Arbeit näher thematisiert werden. Interessanterweise, liegt Frankreich laut den Ergebnissen der WHO bezüglich des Übergewichts und der Fettleibigkeit in europäischen Ländern (2007) auf dem vorletzten Platz, während Deutschland die Rangliste anführt. Ob nun hieraus Rückschlüsse auf den Schulsport beider Länder gezogen werden können, soll geklärt werden. Besonders die Qualifikation der französischen, sowie der deutschen
2
Sportlehrer spielt dabei eine nicht minder zu beachtende Rolle. Auch die unterschiedlichen Schul- und Sportsysteme beider Länder müssen in weitere Betrachtungen mit eingebunden werden.
Die vorliegende Studie beruht auf einer schriftlichen Befragung französischer Sportlehrer und -lehrerinnen der Sekundarstufe I und II, sowie von französischen Schülern und Schülerinnen der Klassenstufe 6, 10 und 12 aus dem Akademiebezirk Orléans-Tours und steht im Vergleich zur sächsischen Schulsportstudie (2004).
1.2 Fragestellung und Zielsetzung der Studie
Das Thema „Gesundheitserziehung“ ist bereits seit Mitte der 80er Jahre in sportpädagogischen Zeitschriften, Sammelbänden und Monographien aktuell. Gesundheit und körperliches Wohlbefinden nehmen von Jahr zu Jahr an Wertigkeit zu und haben einen ganz besonderen Stellenwert in unserer Gesellschaft. Wer wünscht sich nicht an Geburtstagen oder für das kommende Jahr Gesundheit und Wohlbefinden? Auch das zunehmende Medieninteresse am Gesundheitsthema und die Entstehung zahlreicher informeller Sportanlagen (Fitnesscenter, Tennisanlagen, Skipisten, etc.) zeigen nicht zuletzt, dass die gesellschaftliche Wertschätzung für unsere Gesundheit rapide steigt. Trotzdem verdeutlichen Studien (u.a. KiGGS 2007) immer wieder, wie es tatsächlich um die Gesundheit und Fitness unserer Gesellschaft bestellt ist.
Vor allem im Kindes- und Jugendalter machen sich körperliche Schwächen und Gesund- heitsdefizite bemerkbar. Kinder und Jugendliche sind heutzutage anfälliger für chronische Krankheiten, bekommen frühzeitig Haltungsschäden und sind häufiger adipös, als etwa in den 60er und 70er Jahren. Dies liegt vor allem an den „Veränderungen in der räumlichen und sozialen Umwelt“ (Brettschneider, Schierz 1993, S. 5). Wachsende Technisierung und Modernisierung, die Tendenz zur Kleinfamilie sowie der Verlust gefestigter Sozialstrukturen führen nicht zuletzt zu einer verstärkten Individualisierung (vgl. ebenda). Auch das kindliche Bewegungsverhalten wird immer mehr erschwert. Auf Grund der er- höhten Verkehrssituation und zunehmender Angst der Eltern vor Gewaltverbrechen ist das Spielen und Bewegen im Freien schon lange nicht mehr so hemmungslos wie es einst war und Spielplätze sind für Kinder oftmals weniger spannend als Comicserien im Fernsehen. Da auch in den Schulen die Bewegungszeiten eher verkürzt als erweitert wurden, sind diese schon lange kein Ausgleich mehr für Computer, Fernsehen und Video. Das, was also in Kindheit und Jugend versäumt wird, lässt sich nur sehr schwer im Erwachsenenalter aufholen. Demnach ist es nicht verwunderlich, dass sich die Lebensqualität trotz einer „Ausbreitung der Sportkultur“ (ebenda, S. 7) durch den Bewegungsmangel im Alltag
3
verschlechtert. Es ist daher nötig, Kindern und Jugendlichen einen positiven Zugang zu Sport und Bewegung zu geben bzw. ihnen eine positive Einstellung dazu anzuerziehen. Als Vorbild dienen dabei in erster Linie Eltern, Familienangehörige, sowie Freunde und Bekannte. Aber auch Lehrer fungieren eine beträchtliche Zeit im Leben von Kindern und Jugendlichen als Bezugspersonen und Vorbilder. Laut WIAD Studie (2003) treiben die Kinder aktiver Eltern signifikant häufiger Sport und ihre Leistungsfähigkeit ist als positiv zu betrachten. Sollte es jedoch nicht allgemein gelingen, die Fitnessdefizite der heutigen Heranwachsenden auszugleichen, werden sportmotorisch immer schwächere Generationen nachwachsen (vgl. WIAD 2003). Da man sich diesbezüglich nicht allein auf das Verantwortungsbewusstsein der Eltern und Erziehungsberechtigten verlassen kann, ist zudem die Institution Schule besonders gefordert. Der Sportunterricht steht allerdings seit einigen Jahren unter starkem Legitimationsdruck. Man bemängelt u.a., dass:
- die erzieherische Funktion stark zurückgetreten ist (vgl. Nagengast 1995)
- die „Monotonie kaum zu überbieten“ sei (Pietsch 1995, 122)
- die Rahmenbedingungen immer schlechter werden (vgl. Elias 1995).
Was der Schulsport in Deutschland derzeitig leistet, wurde noch nicht von allen Bundesländern mittels repräsentativer Befragungen untersucht. Die Professur für Sportpädagogik und -didaktik der Technischen Universität Chemnitz führte allerdings bereits in den Jahren 1996/97 und 2002/03 eine Untersuchung zum Thema „Schulsport zwischen Leistungsoptimierung und Bewegungsförderung“ an sächsischen Schulen durch. Dank Lehrer- und Schülerbefragungen konnten hier Rückschlüsse auf die Qualität des Sportunterrichts gezogen werden.
Um die Ergebnisse nicht nur bundesweit, sondern auch über die Landesgrenze hinaus besser einstufen zu können, erfolgte im Jahr 2005/06 eine ähnliche Befragung in der französischen Akademie Orléans-Tours. Die französische Schulsportstudie soll die Unterschiede beider Schul- und Sportsysteme näher analysieren und Vor- bzw. Nachteile herausfiltern. Dabei werden die Rahmenbedingungen des Schulsports und die Qualifikationen der Sportlehrer Frankreichs und Deutschlands untersucht.
Der Autorin ist es weiterhin wichtig, sowohl die Seite der französischen Schüler, als auch die Seite der französischen Lehrer detailliert zu betrachten. Das heißt, dass das Sportverhalten der Kinder und Jugendlichen, sowie die Art der Einbindung des Sports in den Schulalltag von Bedeutung sind. Wie urteilen Schüler über ihren Sportunterricht? Wie ist ihre Zufriedenheit? Was erwarten sie von ihrem Sportunterricht und wovon werden sie motiviert bzw. demotiviert, Sport zu treiben?
4
Des Weiteren sollen die Arbeitsbelastungen der Sportlehrer näher erläutert werden, um so einen besseren Einblick in das Berufsfeld zu bekommen. Auch ist es von Bedeutung zu erfahren, was französische Sportlehrkräfte daran hindert einen optimalen Sportunterricht zu gestalten und ihren Schülern Spaß und Freude daran zu vermitteln. Inwieweit ihre individuelle Lehrkompetenz und Qualifikation darauf Einfluss nimmt, und welche Unterrichtskonzepte für den französischen Schulsport eine Rolle spielen, soll abschließend geklärt werden.
Im Rahmen dieser wissenschaftlichen Arbeit wird versucht, auf diese Fragen Antworten zu finden und Verbesserungsvorschläge für den Schulsport zu unterbreiten.
1.3 Aufbau der Arbeit
Im Anschluss an dieses erste Kapitel werden zunächst die Rahmenbedingungen des Schulsports in Frankreich und in Deutschland dargestellt. Es gilt unter anderem zu klären, wie das Schulsystem und besonders der Sportunterrichts Frankreichs aufgebaut ist, was die « Union Nationale du Sport Scolaire » (UNSS) für den außerunterrichtlichen Sport leistet und ob sich hier Vorteile gegenüber dem deutschen Schul- und Sportsystem zeigen. Es wird erwartet, dass die Einbindung des Sports in das französische Schulsystem besser funktioniert als in Deutschland. Des Weiteren soll auf die Ausbildung der Sportlehrer beider Länder eingegangen werden, um daraus möglicherweise eine bessere Qualifikation der französischen Lehrer abzuleiten.
In Kapitel 3 folgt eine Erläuterung der angewandten Methoden für die empirische Untersuchung des Themas. Dabei wird auf das Forschungsdesign und die Methodik, auf die Auswahl der Stichproben, sowie auf die Messinstrumente näher eingegangen. Außerdem wird die Art der Datenverarbeitung und -auswertung näher beschrieben. Kapitel 4 und 5 bilden das Herzstück der Arbeit. In Kapitel 4 werden die Ergebnisse der französischen Schülerbefragung betrachtet und diskutiert. Zunächst erfolgt dabei die Beschreibung der Schülerstichprobe, sowie des französischen Sportsystems mittels Analyse des Sportverhaltens der Schüler in Schule und Verein und einer Untersuchung der außerunterrichtlichen Sportangebote. Anschließend wird der Sportunterricht aus Sicht der Schüler näher betrachtet. Dabei soll insbesondere auf seine Bedeutung für die Schüler, sowie auf seinen derzeitigen Ist-Zustand und auf die Wünsche der Schüler für ihren Sportunterricht eingegangen werden. Dem folgen, ebenfalls aus Sicht der Schüler, eine Beschreibung der Sportlehrer und eine Zusammenfassung des gesamten Kapitels. Die Ergebnisse der französischen Sportlehrerbefragung werden in Kapitel 5 nach folgenden Aspekten dargestellt und diskutiert: Zuerst möchte die Verfasserin näher auf die soziodemo-
5
graphischen Daten der befragten Sportlehrer eingehen und beschreibt anschließend die tägliche Arbeitsbelastung eines Sportlehrers. Es folgt eine Darstellung des Schulsportsystems aus Sicht der Lehrer anhand der Orte und Inhalte, sowie der Qualität und Effektivität des Sportunterrichts und des außerunterrichtlichen Sportangebots. Daraufhin soll die Lehrkompetenz der Sportlehrer bewertet und ihre Unterrichtskonzepte aufgezeigt werden. Auch hier erfolgt abschließend eine Zusammenfassung des Kapitels. Sowohl die Ergebnisse der französischen Schülerbefragung, als auch die der französischen Lehrerbefragung, werden im Laufe der Arbeit mit denen der sächsischen Schulsportstudie verglichen. Auf diese Weise kann die Hypothese, dass das französische Schul- und Sportsystem gegenüber dem Deutschen klare Vorteile aufweist, gefestigt oder widerlegt werden.
Im letzten Kapitel der Arbeit werden die wichtigsten Gedanken der Autorin zusammengefasst und ein Ausblick für die Weiterentwicklung des Schulsports gegeben.
6
2 Rahmenbedingungen des Schulsports in Frankreich und in Deutschland
2.1 Französischer Sportunterricht und Union Nationale du Sport Sco-
Dem deutschen Begriff Sportunterricht entspricht in Frankreich der Begriff « éducation physique et sportive » für körperliche und sportliche Erziehung. Meist benutzt man die Abkürzung « EPS. », wobei jeder Buchstabe einzeln ausgesprochen wird. Im Gegensatz zu Deutschland ist Frankreich ein zentralistischer Staat. Demnach ist das Schul- und Hochschulwesen im ganzen Land gleich und wird vom Erziehungsministerium (Ministère de l’Éducation Nationale) in Paris geregelt. Das Land wird jedoch in 28 so genannte Akademien unterteilt, die jeweils von einem « recteur » geleitet werden. Unterrichtsorganisa-tionen, Lehrpläne, Personalwesen und Haushaltsplanung werden zentral vom Ministerium bestimmt. Im Wesentlichen lässt sich das Bildungssystem auch hier in Elementarschule (Vorschule = école maternelle, Grundschule = école primaire), Sekundarschule I und II (Collège, Lycée) und Hochschule (Université) unterteilen. Als Ganztagsschule organisiert (ca. 8.00-17.00 Uhr), liegt die Gesamtstundenzahl pro Jahr etwas höher als in Deutschland. In Frankreich findet, anders als in Deutschland, an den Collèges Mittwoch- und Samstagvormittag Unterricht statt. An den Lycéen ist mittwochs schulfrei.
In der Grundschule können dabei offiziell 5 Stunden pro Woche, im Collège und am Lycée 4 Stunden EPS durchgeführt werden, wobei eine Schulstunde 55 Minuten lang dauert. Auch hier liegt die tatsächlich erteilte Stundenanzahl jedoch niedriger. Am Collège werden bereits ab der 2. Klasse (cinquième) jeweils 3 Stunden und am Lycée noch 2 Stunden Sport unterrichtet (vgl. Treutlein und Pigeassou, 1997). Auch die reine Unterrichtszeit ist oft aus organisatorischen und örtlichen Gründen geringer.
Als besonders interessant ist die Rolle der insgesamt rund 9500 « Associations Sportives » (Schulsportvereine) unter der Leitung der « Union Nationale du Sport Scolaire », kurz UNSS, (Schulsportverband) zu erachten. Diese organisieren offiziell seit 1975 unter der Betreuung von hauptamtlichen Beauftragten u.a. Schulwettkämpfe, Turniere und Regionalsportfeste, sowie einmal pro Jahr die nationalen Schulsportspiele (Jeux Nationaux). Die « Jeux Nationaux » beinhalten in einem Jahr Individualsportarten und im nächsten Jahr Mannschaftssportarten und haben bis zu 8000 Teilnehmer (vgl. Sportunterricht, 48, Heft 12). Es handelt sich hierbei um eine freiwillige Schulsportaktivität, an der die Schüler und Schülerinnen ab dem Collège mittwochnachmittags, in fast allen sportlichen Disziplinen, teilnehmen können.
7
Die folgende Tabelle listet einige der angebotenen Sportarten mit Teilnehmerzahlen für das 6 Schuljahr 2005/06 auf:
Tabelle 2-1: Angebote der UNSS und Anzahl der teilnehmenden Schüler 2005/06
Die französischen Sportlehrer werden daher zu ihren 17 Unterrichtsstunden pro Woche mit bis zu 3 Stunden zusätzlich für die Betreuung der « Association Sportive » und der Wettkämpfe im Rahmen der UNSS verpflichtet. Bemerkenswert ist außerdem, dass der Großteil der Wettkampf- und Schiedsrichter aus ausgebildeten Schüler und Schülerinnen besteht (vgl. Sportunterricht, 48, Heft 12). In dieser Gruppierung konnte im Jahr 2005/06 eine 7 Steigerung von rund 40.000 auf 42.283 verzeichnet werden .
Da die französischen Schulen Ganztagsschulen sind und Sportvereine für Schüler und Schülerinnen daher nicht die gleiche Bedeutung haben können, wie in Deutschland, spielen schulische Wettkämpfe der UNSS eine große Rolle in Frankreich. Die Mitgliederzahlen steigen von Jahr zu Jahr an und man erreichte 2005/06 bereits die Millionengrenze. Um für Kinder und Jugendliche noch attraktiver zu werden, bemüht sich die UNSS, die verschiedensten Sportarten anzubieten und Trendsportarten aufzugreifen.
6 Vgl. http://www.unss.org/presentation_UNSS/presentation.html [Stand: 25.05.2007]
7 Vgl. http://www.unss.org/presentation_UNSS/presentation.html [Stand: 25.05.2007]
8
So findet man mittlerweile auch Yoga, Snowboarding, Skateboarding, Inline Skating, Surfen, Squash, Capoeira, etc. in den Programmen der UNSS (vgl. ebenda).
Bei der Verteilung der Sportarten liegen allerdings die Mannschaftsportarten nach wie vor an erster Stelle (vgl. Tabelle 2-1 und Tabelle 2-2):
Tabelle 2-2: Verteilung der Sportarten in der UNSS 2005/06
Nachdem die Richtlinien des französischen Schulsports von 1967 den Sportlehrern viel Spielraum bei der Auswahl ihrer Ziele ließen und sich vor allem an die spitzensportliche Bewegung orientierten, entstanden in den 70er, 80er und 90er Jahren neue pädagogische Ansätze. In den 70er Jahren strebten Sportpädagogen nach einer stärkeren Berücksichtigung emotionaler, affektiver und sozialer Aspekte im Sportunterricht. Auch die Integration kognitiver und psychomotorischer Lernziele wurde mehr und mehr gefordert. Nach vielen Jahren der Diskussion über Bildungsziele und Bildungsinhalte entstanden im Jahre 1985/86 neue Richtlinien für den französischen Schulsport. Hier wurde nun das lernende Subjekt in den Mittelpunkt gestellt und die Didaktik ein neues Teilgebiet der Pädagogik. Des Weiteren wurden einheitliche Bewertungsmaßstäbe und Benotungskriterien entwickelt. Demnach fließt seither vor allem das Niveau der Voraussetzung, der Grad der Beherrschung motorischer Handlungen und das gezeigte Wissen des Schülers mit in die Bewertung ein. Hingegen war vorher der einzige Bezugspunkt das Bewegungsideal des Spitzensportlers (vgl. Pigeassou und Perrot 1999).
Ein anderer nicht minder zu beachtender Punkt in der Darstellung des französischen Schulsports ist die Qualifikation der Sportlehrer. Im folgenden Abschnitt wird darauf näher eingegangen.
9
2.2 Qualifikation französischer Sportlehrer
8 In Frankreich gibt es drei Typen von Hochschulen: die Grandes Ecoles , die Universitäten 9 und die Fachhochschulen . Statt anhand des Numerus clausus wie in Deutschland selektiert man in Frankreich mittels zahlreicher Prüfungen während des Studiums. Außerdem wird in 10 kann Frankreich lediglich ein Fach studiert. Mit Abschluss des Baccalauréat oder kurz bac 11 man bereits nach dem Grundstudium (2 Jahre) mit dem Diplom D.E.U.G. , auch « bac+2 »
genannt, die Hochschule verlassen. Das dritte Studienjahr wird mit der Licence und das vierte Jahr mit der Maîtrise (Magister) beendet.
Nach den jeweiligen Abschlüssen müssen die Studenten für Lehramt einen so genannten Concours absolvieren. Der Concours ist eine Prüfung mit hohen Niveaus, die im Normalfall aus so vielen Kandidaten besteht, wie Stellen zu besetzen sind (vgl. Große 1996). Die Lehramtsstudiengänge wurden 1986 und 1991 neu reformiert und das Niveau abermals angehoben, so dass auch Vor- und Grundschullehrer seitdem, nach Abschluss der Licence, den Concours bestreiten müssen. Der Concours nach dem vierten Studienjahr wird 12 genannt und dient als gültiger Abschluss für das Lehren im Sekundarbereich. C.A.P.E.S.
Die Staatsprüfung für Gymnasiallehrer und Dozenten an Hochschulen, auch l’agrégation genannt, setzt die Maîtrise als Zulassung voraus. Der hierfür existierende Concours wird als besonders schwer eingestuft und die Erfolgsquote liegt meist bei unter 20 Prozent. Alle Lehramtsstudenten durchlaufen somit das gleiche Grundstudium und spezialisieren sich erst nach 2 Jahren auf die jeweiligen Schulformen. Außerdem werden sie nach dem bestandenen Concours für 1 bis 2 Jahre als « professeur stagiaire » (Referendar) eingesetzt. Zwar sind die Gehälter der verschiedenen Lehrämter angeglichen, die Pflichtstundenanzahl ist jedoch verschieden. Während der Grundschullehrer 27 Stunden pro Woche halten muss, haben die Lehrkräfte der Sekundarstufe I und II 17 und Sportlehrer 17+3 Stunden pro Woche (vgl. Treutlein und Pigeassou 1997).
Eine weitere Studienrichtung, die sich in den letzten Jahren etablieren konnte, ist die Sportwissenschaft. Die Anerkennung der Sportwissenschaft erfolgte auch in Frankreich etwa um 1972, als die Verwissenschaftlichung des Sports, vor allem durch das Stattfinden der Olympischen Spiele, nach und nach vorangetrieben wurde. Seither entstanden neben dem traditionellen Lehramtsstudiengang weitere Studiengänge im Bereich des Sports.
8 Es handelt sich hierbei um Elitehochschulen für die begabtesten Abiturienten, die sich vor allem auf
Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung spezialisieren. - Anm. d. Verf.
9 Diese bieten ein zweijähriges Kurzstudium mit starker berufspraktischer Orientierung und
Spezialisierung. - Große 1996
10 Gemeint ist das französische Abitur.
11 Diplôme d’Etudes Universitaires Générales
12 Abkürzung für «Certificat d’Aptitude au Professorat de l’Enseignement Secondaire»
10
Auf Grund des Ein-Fach-Studiums gibt es in Frankreich zudem eine bessere Ausdifferenzierung der Sportwissenschaften als in Deutschland. Bezüglich des Studiums im Fach Sport kann man sich nach den im Grundstudium vermittelten allgemeinen Grundlagen im Hauptstudium u.a. auf einen der folgenden Schwerpunkte spezialisieren:
- Lehramt
- Leistungssport
- Behindertensport
- Rehabilitation oder
- Sportmanagement.
Anders als in Deutschland erfolgt in Frankreich erst nach Beendigung des Grundstudiums (D.E.U.G.) eine Trennung der verschiedenen Studiengänge. Nach dem Studiengang „Lehramt“ weist laut Hébrard (1992) vor allem der Studiengang „Sportmanagement“ die höchste Belegung auf.
Der Weg des Sportlehrers führt nach dem Abitur über die dreijährige universitäre Ausbildung 13 zur Licence und schließt nach einem weiteren Jahr mit dem Concours des der S.T.A.P.S.
14 ab. Im Vergleich zum Lehramtsstudium an deutschen Hochschulen, steht in C.A.P.E.P.S.
Frankreich das „Streben nach hoher (sportlicher) Fachkompetenz“ und einem hohen Umfang an Sportpraxis vor Didaktik und Pädagogik (Treutlein und Pigeassou 1997, 46). Nach den französischen Hochschulinstituten für die Ausbildung von Lehrkräften (IUFM) definiert sich eine professionelle Lehrkraft durch (Altet 1998):
- eine Wissensbasis und professionelles Handeln
- die Fähigkeit in komplexen Situationen zu handeln und interagieren
- Autonomie und persönliche Verantwortlichkeit
- eine Beziehung zu kollektiven Normen
- die Zugehörigkeit zu einer Gruppe
Professionelles Handeln im Lehrberuf ist jedoch aus Sicht der Autorin ein Prozess und entwickelt sich über mehrere Jahre.
Damit die Unterschiede zum deutschen Sportunterricht und zur Qualität deutscher Sportlehrer besser ersichtlich sind, sollen sich die folgenden zwei Abschnitte mit dem deutschen Schul- und Sportsystem befassen.
13 Abkürzung für «Sciences et techniques des activités physiques et sportives»
14 Abkürzung für «Certificat d’Aptitude au Professorat d’Education physique et sportive»
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2.3 Sportunterricht in Deutschland
In der Bundesrepublik Deutschland untersteht das gesamte Schulwesen dem Staat. Die öffentlichen Schulen fallen jedoch, anders als in Frankreich, in den Kompetenzbereich der einzelnen Bundesländer, wodurch die konkrete Gestaltung des Schulwesens unterschiedlich ist. Die jeweiligen Kultusministerien tragen die Verantwortung für die Unterrichtsinhalte, für die Schulaufsicht, und für das Personal. Demnach werden auch Abschlussprüfungen (z.B.
das Abitur) nicht zentral erstellt, sondern sind je nach Bundesland verschieden. Die Kommunen sind darüber hinaus selbst für die Ausstattung der Schulen zuständig. Das deutsche Bildungssystem lässt sich, ähnlich wie in Frankreich, in Primarstufe (Grundschule), Sekundarstufe I (bis 10. Klasse) und Sekundarstufe II (gymnasiale Ober- stufe) unterteilen. Nach der vierjährigen Grundschulzeit stehen den Schülern mehrere Schultypen zur Verfügung:
- Hauptschule
- Realschule
- Gymnasium
- Gesamtschule
- Privatschule
- Waldorfschule
- Sonderschule
Der Sportunterricht ist, wie in Frankreich, auch in Deutschland für alle Schüler Pflichtfach und findet in der Regel im Klassenverband statt, wobei in den höheren Klassenstufen Mädchen und Jungen getrennt Unterricht haben (vgl. Brodtmann 1984). In der Sekundarstufe II besteht zudem die Möglichkeit Vertiefungssportarten zu wählen. Die deutsche Schulstunde hat eine Länge von 45 Minuten, so dass die Sportstunden oftmals zusammengelegt werden, damit eine gewisse Effektivität gewährleistet ist. Im Durchschnitt haben deutsche Schüler zwei bis drei Stunden Sport pro Woche (vgl. WIAD 2003). Die Eingliederung des Sportunterrichts in den Stundenplan erfolgt dabei nicht aus sportdidaktischen, sondern aus organisatorischen Gründen (vgl. Brodtmann 1984). Die Lehrpläne für den Schulsport werden ebenfalls von den einzelnen Kultusministerien der 16 Bundesländer erstellt, wodurch sich die Inhalte des Sportunterrichts leicht unterscheiden. Der allgemeine Auftrag des Schulsports ist es, den Schülern „Bewegung, Spiel und Sport als ein wichtiges Erlebnis- und Handlungsfeld selbständig und verantwortungsbewusst zu erschließen.“ (Helmke 1995, 207)
Bezüglich der Kooperation zwischen Schulen und Sportvereinen zeigte sich in der deutschen Sprint Studie (2005), dass 78 Prozent aller befragten Schulen mit einem oder mehreren
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Sportvereinen zusammenarbeiten. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) dient dabei als Dachverband der Landessportbünde und koordiniert zahlreiche Aktivitäten u.a. auch im Schulsport.
Aus Sicht der Autorin eignet sich das zentral geregelte Schulwesen Frankreichs und dessen Organisation als Ganztagsschule besser die Qualität des Schulsports zu optimieren, als das Schulsystem im föderalistischen Deutschland. Ein weiterer positiver Aspekt des Sportsystems Frankreichs ist die Existenz eines staatlichen Schulsportvereins. Zwar fördert auch der DOSB eine Kooperation zwischen Schule und Sportverein, schafft es aber nach Ansicht der Verfasserin nicht wie die UNSS den Sport als wichtigen Bestandteil in die Schule einzubinden.
2.4 Qualifikation deutscher Sportlehrer
In Deutschland gliedert sich das Hochschulwesen in Universität, Fachhochschule und Berufsakademie. Mit Abschluss des Abiturs bzw. der Fachhochschulreife steht der tertiäre Bildungsweg für jeden offen. Bestimmte Studienfächer, wie z. B. das Lehramtsstudium, werden durch den so genannten Numerus clausus beschränkt. Die Zulassungskriterien ergeben sich dabei u. a. aus der Abiturnote, der Anzahl der Wartesemester und fachspezifischen Tests.
Um in Deutschland an staatlichen Schulen als Lehrer tätig zu werden, muss ein Lehramtsstudium absolviert werden. Dabei werden in der Regel zwei (oder mehr) Studienfächer miteinander gekoppelt und nach folgenden Bereichen unterteilt:
- Fachwissenschaft
- Fachdidaktik
- Fachpraxis
Der fachwissenschaftliche Teil eines Sportstudiums beinhaltet Bewegungs- und Trainingswissenschaften, Sportmedizin, Sportpsychologie und -soziologie, sowie Sportgeschichte. Der fachdidaktische Bereich thematisiert Bildungs- und Erziehungsprozesse und vermittelt Strategien zur Umsetzung von Unterrichtsinhalten. Die fachpraktische Ausbildung besteht aus festgelegten Grundsportarten, sowie Wahlsportarten und sportartübergreifenden Themenfeldern. Nach Beendigung des Grundstudiums wählen die zukünftigen Lehrkräfte 15 zwei Sportarten als Schwerpunkte für ihren späteren Unterricht. In der Regel umfasst das Lehramtstudium 8 Fachsemester und schließt mit dem Staatsexamen. Zudem ist anschließend eine zweijährige Referendarzeit zu absolvieren. Da sich viele deutsche Lehramtstudenten vor allem auf das Unterrichten an Gymnasien und Realschulen spezialisieren, ist die Qualität des Sportunterrichts an Grund- und Hauptschulen
15 http://ifs-tud.de/ifs/Studium/Lehramt/studienordnung.html [Stand: 09.07.2007]
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mangelhaft. Wolf-Dietrich Brettschneider weißt in der Sprint Studie (2005) darauf hin, dass dort ein hoher Prozentsatz der Lehrer fachfremd unterrichtet und an den Grundschulen die Hälfte aller Lehrer keine Sport-Ausbildung hat. Des Weiteren zeigte die Studie, dass die deutschen Sportlehrer überaltert sind (Altersgruppe der 45-60-Jährigen am meisten vertreten), wodurch die Qualität des Sportunterrichts ebenfalls beeinträchtigt wird. Auch die Ergebnisse der PISA Studie 2006 zeigten, dass in der Qualifikation und Ausbildung der Lehrkräfte Veränderungen notwendig sind.
Eine professionelle Lehrkraft ist laut Habel (2004, 34) „eine psychisch gesunde, von ihrer Selbstwirksamkeit überzeugte Persönlichkeit, die ihren Beruf mit realistischen Zielen, kompetent in Theorie und Praxis und öffentlich ausübt.“ Die Voraussetzungen und Ausbildungsschwerpunkte des Sportlehrers in Deutschland unterscheiden sich demnach nicht so sehr von denen in Frankreich. Allerdings können sich deutsche Lehrer auf Grund des Zweifachstudiums nicht gleichermaßen in einem Fach spezialisieren, wie französische Lehrer und sind somit auch in ihrem späteren Berufsalltag organisatorisch mehr gefordert. Worin genau sich die Inhalte des Studiums unterscheiden und welche Auswirkungen dies auf die Qualität des Lehrerberufes beider Länder nimmt, kann in dieser Arbeit nicht näher thematisiert werden, da es den Rahmen sprengen würde. In Bezug auf die Ausbildung, Qualifikation und Professionalität der Sportlehrer liegen jedoch sowohl in Frankreich, als auch in Deutschland, Anspruch und Wirklichkeit weit auseinander. Zwar werden zukünftige Sportlehrer in beiden Ländern kompetent auf theoretische Inhalte und praktische Umsetzung des Sportunterrichts vorbereitet, bekommen jedoch nur ungenügend die für den Schulalltag nötige Handlungssicherheit vermittelt. Themen wie z.B. der Umgang mit schwachen, demotivierten oder verhaltensauffälligen Schülern werden in der Lehrerausbildung nur am Rande besprochen oder fehlen gänzlich (Elias 1995). Aus Gesprächen mit deutschen Lehramtsstudenten wurde der Verfasserin ebenfalls bestätigt, dass die Problematik eines Unterrichts in heterogenen Klassen nur ungenügend während des Studiums thematisiert wird. So ist es nicht ungewöhnlich, wenn sich Sportlehrer/-innen zu sehr an fachlichen Dingen orientieren und der Schüler als Individuum in den Hintergrund gerät.
Dieser fachzentrierte Unterricht bewirkt wiederum, dass er an den Schülern vorbei geht (vgl. Berndt 1989). Selbst ein fachlich hoch qualifizierter Sportlehrer lernt erst im Schulalltag mit den verschiedenen Situationen umzugehen, sich darauf einzustellen und seinen Unterricht kreativ zu gestalten.
Inwiefern diese Aussagen auf die befragten Sportlehrkräfte der Akademie Orleáns-Tours zutreffen, wird aus den in Kapitel 4 und 5 dargestellten Ergebnissen hervorgehen. Dabei soll besonders darauf eingegangen werden, wie zufrieden die Schüler mit ihren Sportlehrern sind und wie sich die Sportlehrer selbst bezüglich ihrer Lehrkompetenz einschätzen. Der nun
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folgende Abschnitt stellt die angewandten empirischen Methoden dieser Untersuchung näher vor und beschreibt zudem deren zeitlichen Verlauf.
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Arbeit zitieren:
Kristin Freitag, 2007, Die Qualität des Schulsports in der französischen Region Loiret - Eine Studie im Vergleich zur sächsischen Schulsportstudie 2004, München, GRIN Verlag GmbH
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