Inhaltsverzeichnis
Einleitung 4
1. J. L. Moreno und die Entstehung des Psychodramas. 5
2. Theoretische Grundlagen des Psychodramas. 7
2.1. Das triadische System. 7
2.2. Spontanität und Kreativität 8
2.3. Tele 9
2.4. Rollentheorie 10
3. Methoden des Psychodramas 11
3.1. Instrumente im Psychodrama 11
3.1.1. Bühne 11
3.1.2. Protagonist 12
3.1.3. Therapeutischer Leiter 12
3.1.4. Hilfs-Ichs. 12
3.1.5. Publikum 13
3.2. Ablauf einer Psychodramasitzung 13
3.2.1. Erwärmungsphase 14
3.2.2. Spielphase 14
3.2.3. Integrationsphase 15
3.3. Handlungstechniken in der Spielphase. 16
3.3.1. Rollentausch. 16
3.3.2. Doppeln. 17
3.3.3. Spiegeln. 17
3.3.4. Selbstgespräch. 17
2
4. Aggressionen 18
4.1. Was ist Aggression. 18
4.2. Theorien zur Entstehung von Aggressionen 19
4.2.1. Triebtheorie. 19
4.2.2. Frustrations-Aggressions-Theorie. 20
4.2.3. Lerntheorie. 22
4.2.4. Stressbewältigungstheorie. 23
5. Psychodramaarbeit mit aggressiven Jugendlichen 24
5.1. Das Jugendalter. 24
5.2. Rahmenbedingungen 25
5.2.1. Gruppengröße und Zusammensetzung der Gruppe 26
5.2.2. Co-Leiter 27
5.2.3. Gruppenregeln. 27
5.3. Besonderheiten im Ablauf. 28
5.3.1. Erwärmung. 28
5.3.2. Spielphase 30
5.3.3. Integrationsphase 31
5.4. Nutzeffekt der Klienten 32
5.4.1. Stressoren anders bewerten. 33
5.4.2. Aggressionshemmungen fördern 34
5.4.3. Erweiterung des Rollenrepertoires. 34
Ausblick. 35
Literaturverzeichnis. 36
3
Einleitung
Die Zunahme aggressiven Verhaltens unter Jugendlichen ist heutzutage in aller Munde. Fast täglich wird in den Medien über gewalttätige Jugendliche berichtet, deren Straftaten immer brutalere Ausmaße anzunehmen scheinen. Dass die Gesellschaft die Aggressivität mancher Jugendlichen momentan als ein brisantes Problem betrachtet, sieht man insbesondere an der aktuellen Debatte um eine Verschärfung des Jugendstrafrechts, sowie an den unzähligen Medienberichten über Programme für so genannte ‚Aussteiger’, welche den amerikanischen Boot-Camps ähneln. Neben diesen Programmen, welche die Jugendlichen meist aus ihrem alten Leben herausreißen, existiert jedoch auch eine große Anzahl anderer Anti-Aggressions-Trainings, an welchen Jugendliche einmal oder mehrmals wöchentlich teilnehmen können. Solch eine Art von Training stellt das Psychodrama dar, welches in der Arbeit mit aggressiven Jugendlichen unter anderem von Roger Schaller im Kinderheim Bachtelen in Grenchen erfolgreich eingesetzt wird. Während meiner Literaturrecherche musste ich jedoch erkennen, dass das Psychodrama hinsichtlich dieses Aspekts bis heute kaum betrachtet wurde.
In der folgenden Abhandlung möchte ich darstellen, inwiefern das Psychodrama eine Möglichkeit darstellt, mit aggressiven Jugendlichen zu arbeiten, unter der Zielsetzung, deren aggressives Verhalten für die Zukunft einzuschränken. Hierzu beleuchte ich zunächst die Entstehung des Psychodramas um anschließend auf die verschiedenen theoretischen Grundlagen einzugehen, auf welchen Moreno die Methode des Psychodramas aufgebaut hat. Im Anschluss stelle ich unter dem Kapitel ‚Methoden des Psychodramas’ die verschiedenen Instrumente des Psychodramas, den üblichen Ablauf einer Psychodramasitzung, sowie die wichtigsten Handlungstechniken, welche meist in der Spielphase des Psychodramas verwendet werden, dar. In der nachfolgenden Spezifizierung des Begriffes ‚Aggression’, stütze ich mich überwiegend auf Nolting, welcher ein umfassendes Buch hierzu geschrieben hat. Im letzten Abschnitt erläutere ich schließlich das Psychodrama mit aggressiven Jugendlichen. Zunächst lege ich hierzu die besondere entwicklungsspezifische Situation von Jugendlichen allgemein dar. Danach gehe ich darauf ein, welche Rahmenbedingungen beim Psychodrama mit aggressiven Jugendlichen eingehalten werden sollten und welche Besonderheiten sich aus der besonderen Problematik für den Ablauf des Psychodramas ergeben. Anknüpfend konkretisiere ich, welcher Nutzeffekt sich aus der Psychodramaarbeit für das Klientel ‚aggressive Jugendliche’ ergeben kann. Zum Schluss gebe ich noch einen
4
Ausblick darüber, ob und inwiefern das Psychodrama ein sinnvolles Training darstellt, um aggressive Jugendliche bei einer Modifikation ihres Verhaltens zu unterstützen.
Um einen guten Lesefluss zu ermöglichen, habe ich überwiegend männliche Bezeichnungen gewählt und alle Zitate der neuen Rechtschreibung angepasst. Wo Unterschiede im Sinn vorliegen würden, wurden die Zitate allerdings in der alten Schreibung belassen.
1. J. L. Moreno und die Entstehung des Psychodramas
Der Begründer des Psychodramas Jakob Levy Moreno, wird, laut seiner Geburtsurkunde 1 , am 18. Mai 1889 in Bukarest geboren und zieht im Alter von fünf Jahren mit seinen Eltern nach Wien. Weshalb er in seinen Büchern den 20. Mai 1892 als Geburtsjahr angibt und meint, er sei in einer stürmischen Nacht auf einem Schiff auf dem schwarzen Meer geboren, ist bis heute nicht geklärt. Über die erstmalige Durchführung des Psychodramas berichtet Moreno in seinem vielfach zitierten Erlebnis im Alter von fünf Jahren: Seine Eltern waren ausgegangen und er beschloss mit den Nachbarskindern im Kellerraum des Hauses ‚Lieber Gott’ zu spielen. Der Himmel wurde gebaut, indem die Kinder Stühle auf einem Tisch übereinander stapelten, bis die Decke erreicht war und Moreno in seiner „göttlichen Rolle“ den höchsten Punkt erklimmte. Die anderen Kinder sangen und flügelten als Engel um das Gebilde herum. Das erste Psychodrama Morenos, „in dem [er] gleichzeitig als Leiter und Protagonist handelte“, fand damit sein Ende, dass eines der Kinder ihn aufforderte ebenfalls zu fliegen. Er breitete seine Arme aus und fand sich mit einem gebrochenen Arm auf dem Boden wieder. 2
1910 studiert Moreno an der Wiener Universität Medizin und verbringt seine Freizeit damit, im Park Kindern märchenhafte Geschichten zu erzählen und mit ihnen spontane Aufführungen zu veranstalten. Er promoviert 1917 zum Doktor der Medizin und wirkt von da an bis 1924 als Amtsarzt in Bad Vöslau. 3 Moreno verliert jedoch nie sein Interesse für das freie Spiel, da er überzeugt ist, dass es „die kreativen Potenziale des Menschen freisetzen und ihn zu Freiheit und Schöpfertum zurückführen kann“ und stereotype Verhaltensmuster dadurch „durchbrochen und mittels Freisetzung von Spontaneität durch authentischen
1 vgl. Moreno (1982), S. 70, Fußnote 2
2 vgl. ebd., S.70-71
3 vgl. ebd, S.71
5
Selbstausdruck erweitert werden.“ 1 Er veranstaltet am 1. April 1921 im Komödienhaus in Wien sein erstes öffentliches Stegreiftheater, welches jedoch in einem Fiasko endet:
„Er schlug vor das Thema des ‚Königsromans’ frei zu behandeln. Es gab weder Schauspieler noch
ein Regiebuch noch einen Handlungsentwurf. Auf der leeren Bühne stand lediglich ein mit Samt
bezogener Sessel, einem Königsthron ähnlich, auf dem eine vergoldete Krone lag.[…] Jedem stand
es frei, auf die Bühne zu kommen und als König zu agieren. Zwischen 19 und 22 Uhr (so lange dauerte die Aufführung) kam allerdings niemand auf die Bühne.“ 2 Da sein Experiment von der Öffentlichkeit nicht angenommen wird, gründet Moreno stattdessen „das ‚Stegreiftheater’ (1921) in der Maysedergasse, nahe der Wiener Oper.“ 3 Durch ein weiteres Experiment, welches er an einer seiner Schauspielerinnen ausführt, die sich in der Öffentlichkeit zurückhalten kann, in der Ehe hingegen schreckliche Wutanfälle bekommt und sich nicht mehr unter Kontrolle hat, entdeckte Moreno „welche therapeutischen Möglichkeiten, im Ausspielen, im aktiven und strukturierten Ausleben von seelischen Konfliktsituationen liegen.“ 4 Moreno lässt die Schauspielerin die Rollen von cholerischen, ordinären und einfachen Frauen spielen, in denen sie ihr impulsives Temperament einsetzen kann. Dies führt bei der jungen Frau zu einer tiefen Erleichterung und zu erheblichen Verbesserungen in ihrem Leben: „Ihr Eheleben wurde in dieser Zeit spürbar friedlicher und ihre Wutausbrüche seltener, kürzer und weniger heftig. Manchmal musste sie sogar mitten in einem Anfall lachen, weil ihr ähnliche, auf der Bühne gespielte Szenen einfielen.“ 5 In Österreich gelingt es Moreno jedoch nicht bei der Verbreitung seines therapeutischen Ansatzes einen Erfolg zu verzeichnen.
„Der Abgang seiner Stegreifschauspieler, die zum traditionellen Theater zurückkehrten, der Misserfolg seiner Bücher […] bewogen Moreno 1926 [eigentlich 21.12.1925 6 ] zu dem Entschluss in
die Vereinigten Staaten auszuwandern […] Moreno findet im amerikanischen Volk, das durch seine
an Pioniertaten reiche Vergangenheit und seine pragmatische Philosophie auf die Psychologie des
Handelns vorbereitet ist, einen hervorragend geeigneten Boden für das Psychodrama.[…] Von 1929
bis 1931 werden dreimal pro Woche in der Carnegie Hall öffentliche Veranstaltungen von
kollektivem Stergreiftheater abgehalten: ein Zuschauer bringt sein Problem auf die Bühne statt es im
Geheimen jemandem in seinem Sprechzimmer anzuvertrauen, und die Anwesenden nehmen spontan am Spiel teil.“ 7
Trotz diesem Erfolg widmet sich Moreno in den Staaten zunächst der Entwicklung seiner Soziometrie und stellt sein, in Wien entwickeltes Konzept der ‚Gruppenpsychotherapie’ „erstmals 1932 beim Jahrestreffen der American Psychiatric Association sowie [in] einer
1 vgl. von Ameln/Gerstmann/Kramer (2004), S.199
2 Scategni (1994), S.33
3 Moreno (1973), S.14
4 ebd., S.14
5 Scategni (1994), S.34
6 von Ameln/Gerstmann/Kramer (2004), S.200
7 Anzieu (1984), S.31
6
Publikation aus demselben Jahr“ 1 offiziell vor. Die psychodramatische Bewegung schreitet derweil fort: „1936 wurde das erste therapeutische Psychodrama-Theater für Moreno in […] Bacon im Staate New York gebaut.“ 2 Moreno „gründet die Gesellschaft für Psychodrama und Gruppenpsychotherapie und zwei Trainingsakademien in Beacon und New York“ und „1946 erscheint ‚Psychodrama, Band 1’ in Morenos eigenem Verlag ‚Beacon House’.“ 3 1974 erleidet Moreno mehrere kleine Schlaganfälle und wird bettlägerig. Das Leben wird für Moreno zu einer Qual, da er sich nicht mehr frei bewegen kann, er Schwierigkeiten beim Sprechen hat und das Essen ihm Schmerzen bereitet. Er beschließt, „das Ende nicht hinauszuzögern. Von da an aß er nicht mehr und trank nur noch klares Wasser. […] Moreno starb am 14.Mai 1974.“ 4
2. Theoretische Grundlagen des Psychodramas
2.1. Das triadische System
In seinem bekanntesten Buch ‚Gruppenpsychotherapie und Psychodrama’ definiert Moreno das Psychodrama folgendermaßen: „Drama ist ein griechisches Wort und bedeutet ‚Handlung’ (oder etwas, was geschieht). Psychodrama kann als diejenige Methode bezeichnet werden, welche die Wahrheit der Seele durch Handeln ergründet.“ 5 Seine Idee ist, „dass Probleme im Zusammenleben mit anderen Menschen entstehen und dass sie deshalb am besten in der Auseinandersetzung mit anderen Menschen wieder zu lösen seien.“ 6 Er beschreibt das Psychodrama als „Tiefentherapie der Gruppe“, welches anfängt, „wo die Gruppenpsychotherapie aufhört und [sie erweitert], um sie wirksamer zu machen.“ 7
Die Gruppenpsychotherapie, die also in einem engen Zusammenhang mit dem Psychodrama steht, definiert Moreno wie folgt: „eine Methode, welche die zwischenmenschlichen
1 von Ameln/Gerstmann/Kramer (2004), S.225
2 Scategni (1994), S.36
3 von Ameln/Gerstmann/Kramer (2004), S.202
4 vgl. Barz (1988), S.22-23
5 Moreno (1973), S.77
6 Zeintlinger-Hochreiter (1996), S. 35
7 Moreno (1973), S.76
7
Beziehungen und die psychischen Probleme mehrerer Individuen einer Gruppe bewusst im Rahmen empirischer Wissenschaft behandelt.“ 1
Die Soziometrie, deren Entwicklung Moreno sich mehrere Jahre widmete, befasst sich „sowohl mit der Erhebung und Darstellung als auch mit der Analyse zwischenmenschlicher Beziehungen“ 2 Ihr wichtigstes Instrument ist der soziometrische Test, eine „Methode der Erforschung sozialer Strukturen durch Messung der Anziehung und Abstoßung, die zwischen den Angehörigen einer Gruppe bestehen.“ 3 Diese Messung erfolgt dadurch, dass die Angehörigen der Gruppe aufgefordert werden, „andere Individuen ihrer eigenen oder einer anderen Gruppe zu wählen.“ 4
Das Psychodrama, die Gruppenpsychotherapie und die Soziometrie, fasst Moreno unter dem Begriff ‚triadisches System’ zusammen:
„Moreno hat die unlösliche Verbundenheit dieser drei Elemente immer wieder betont: das szenische
Spiel [Psychodrama], das sich mit der individuellen Wirklichkeit des Patienten in seiner Gegenwart,
Vergangenheit und Zukunft diagnostisch und therapeutisch befasst, die Soziometrie und
Sozioanalyse als diagnostisches Instrument zur Untersuchung von gruppendynamischen Prozessen
und die Gruppenpsychotherapie als therapeutische Methode zur Behandlung der Pathologie des
Individuums in der Gruppe und durch die Gruppe und zur Behandlung von pathologischen Zuständen, die sich in der Gruppe selbst, d.h. in ihrem Sozialgefüge, vorfinden.“ 5
2.2. Spontanität und Kreativität
Für Moreno sind die wichtigsten Bestandteile des Kosmos Kreativität und Spontaneität: „Kreativität gehört in die Kategorie der Substanz - sie ist die Ursubstanz; Spontaneität gehört in die Kategorie der Katalysatoren - sie ist der Erzkatalysator.“ 6 Somit sind Kreativität und Spontaneität, als die Basis und der Beschleuniger aller schöpferischen Prozesse. Moreno bewegt sich „auf dem urreligiösen Grunde, von welchem aus der Mensch als ein Abbild und Teil der kosmischen Trias gesehen wird, als Geschöpf der kosmischen Kreativität“ 7 und somit sind in seinem Menschenbild Kreativität und Spontanität auch im Menschen als kosmischem Wesen angelegt. Dass der Mensch Spontaneität nur für seine Handlungen braucht, ist nach Moreno ein Trugschluss: Sie „kann bei einem Menschen ebenso präsent
1 Moreno (1973), S.52
2 Zeintlinger-Hochreiter (1996), S.177
3 Moreno (1973), S.20
4 ebd., S.20
5 Petzold (1978), S.78-79
6 Moreno (1974), S.12
7 vgl. Leutz (1986), S.55
8
Arbeit zitieren:
Julia Weiß, 2008, Psychodramaarbeit mit aggressiven Jugendlichen, München, GRIN Verlag GmbH
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