II a Charakterisierung der Familie und Lebenssituation 4
II b Rudolf Franz’ Kritik bezüglich des Widerstandes
gegen die Obrigkeit, Parteizugehörigkeit und Blasphemie 7
IV a Zusammenfassung, Deutungsansätze 9
IV b Fragen 10
I Betrachtung des Originalmärchens
Hänsel und Gretel sind die Kinder eines armen Holzfällers, der mit •
seiner zweiten Frau im Wald lebt
als die Not zu groß wird, überredet die Stiefmutter ihren Mann, die •
beiden Kinder nach der Arbeit im Wald zurück zu lassen; der Holzfäller führt die beiden am nächsten Tag in den Wald, Hänsel hat die Eltern belauscht, und er und Gretel legen eine Spur aus kleinen weißen Steinen
der zweite Versuch gelingt, weil Hänsel und Gretel nur eine Scheibe •
Brot dabei haben, legen sich eine Spur aus Krümeln, doch die wird von Vögeln gefressen
die Kinder finden nicht nach Hause und verirren sich •
sie finden ein Häuschen aus Brot, Kuchen und Zucker; die hungrigen •
Kinder brechen sich ein paar Stückchen ab
jedoch lebt darin eine Hexe, die die beiden ins Haus lockt. Sie ruft: •
„Knusper knusper Knäuschen, wer knuspert an mei'm Häuschen?“ - „DerWind, der Wind, das himmlische Kind“, antworten die Kinder Gretel wird zur Dienstmagd und Hänsel in einem Käfig gehalten und • gemästet
Hänsel soll fett werden, was die Hexe täglich überprüft; aber Hänsel •
streckt ihr nur immer einen kleinen Knochen entgegen im Glauben der Junge werde nicht dicker, verliert die Hexe die Geduld • und will ihn sofort braten
Gretel soll in den Ofen gucken, um zu sehen, ob der schon heiß genug •
ist, aber sie behauptet zu klein zu sein, sodass die Hexe selbst nachsehen muss, woraufhin Gretel sie hineinstößt die Kinder nehmen alles Wertvolle aus dem Hexenhaus mit und finden •
den Weg zurück nach hause; die Stiefmutter ist inzwischen gestorben
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und die Familie lebte bis an ihr Lebens Ende, da sie nun genug zu essen hatte
Motiv des Stiefmuttermärchens; dabei sind die Rabenmutter und die •
Hexe oft dieselbe Person darstellen (sie sterben auch gleichzeitig) in der Urfassung der Brüder Grimm, ist es noch die eigene Mutter, was •
dem Märchen eine eher sozialkritische Bedeutung gibt. Die Kinder werden ausgesetzt, weil die Familie verhungert.
Familie ist unzufrieden und undankbar; sie könne sich alle zwei Tage •
satt essen und ist doch nicht glücklich, weil sie im Verband organisiert ist
Sie müssen halt die „gefräßigen“ Bebel, Singer, Luxenburg „mästen“, •
und sie werden nicht einmal fett
Zwei Kinder: Hänsel und Gretel, die gewöhnlichen Namen deuten •
schon an, wie gewöhnlich die Kinder sind
Die Eltern haben nichts für sich selbst, sodass der Vater die Mutter •
aufhetzt; Mutter hat Idee, die Kinder auszusetzen Kinder sind heuchlerisch und verlogen; Beispiel: sie tun nur so, als ob • sie schlafen
Gretel „flennt“; Hänsel stiehlt die schönsten Steine aus dem •
Nachbargarten, verheimlicht Dinge wie er es vom Vater gelernt hat = beide sind schön „frühverdorben“ Vater belügt Kinder und setzt sie im Wald aus •
Sie widersetzen sich, ignorieren Obrigkeiten •
Kinder sind faul, sie schlafen bis Mittag •
4
Kinder sind unartig und „ungeraten“; die gestohlenen Steine verhalfen •
ihnen, den Weg zurück nach hause zu finden
der erste Versuch, die Kinder auszusetzen scheitert, sodass die Mutter •
beim zweiten Mal „heimtückisch“ die Tür verschließt, damit Hänsel nicht wieder Steine stehlen kann
der „dumme“ Junge hinterlegt diesmal Brotkrumen, die von Vögeln •
gefressen; Kinder aus gutem Hause hätten das Brot ohnehin für sich behalten („töricht gehandelt“)
Kinder heulten und schliefen hungrig im Wald ein („wie richtige • Strolche“)
am nächsten Tag stahlen sie Beeren, um sich damit vollzufressen •
die gierigen Kinder trafen auf ein Häuschen aus Brot, Kandis und •
Eierkuchen und aßen selbstverständlich ganz unbescheiden vom Eierkuchendach und den Kandisfenstern
als eine Stimme fragte, wer dort sei, antworteten die Kinder „verlogen“, •
es sei der Wind und aßen weiter („weil sie als richtige Sozialdemokratenkinder eben nie genug kriegen konnten“) als eine alte Dame aus dem Haus kommt, erschrecken sie feige und •
erfüllt von schlechtem Gewissen („wie solche Kinder sind“) die Dame lud sie ein, tischte ihnen gute Sachen auf, und nachdem sie •
sich für einen kurzen Moment genierten, stopften sie sich die Bäuche voll, ohne sich auch nur zu bedanken die Dame bot ihnen zwei Betten an, obwohl eins vollkommen • ausreichend gewesen wäre
im Häuschen: Gretel musste Hausarbeiten verrichten, und die Dame •
machte vom Züchtigungsrecht gebrauch, wie es ihr zustand, doch die ungeratenen Kinder weinten und schrien nur Gretel schmiedete einen grausamen Plan: die alte Dame, die nur Brot •
backen wollte, und Gretel darum bat, in den Ofen zu schauen, ob das
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Brot schon braun sei, musste selber in den Ofen, da Gretel sich dumm stellte („vielleicht war sie’s auch wirklich“); „schändlich“ schob Gretel sie in den Ofen und schlug die Eisentür hinter ihr zu und befreite den Bruder
die verdorbenen Kinder freuten sich über ihre Taten, klatschten in die •
Hände und tanzten = die Frucht sozialdemokratischer Kindererziehung Kinder durchsuchten das Haus auf Wertgegenstände und nahmen mit, • was sie finden konnten:
[…] sie durchsuchten auch noch das Haus von oben bis unten
und stahlen, was sie kriegen konnten: einen Strumpf mit
Goldstücken, ein Sparkassenbuch über hunderttausend Mark
und den ganzen wertvollen Schmuck der alten Dame. Dann
stieg Hänsel auf das Dach, hielt Umschau und merkte sich die
Richtung, in der sie gehen mussten, um aus dem Walde zu
kommen. Wahrscheinlich war das aber nur ein Vorwand und er
wollte in Wirklichkeit nachsehen, ob nicht unter den
Eierkuchendachziegeln noch mehr Geld versteckt wäre. 1
sie fanden zurück nach hause, als die Eltern gerade des Kindesmordes • wegen abgeführt werden
die Kinder belogen den Gendarmen, sie hätten sich nur verirrt und die •
Familie lebte glücklich, freute sich über die Beute und spendete auch noch einen Großteil der Partei: Mit einem Teil des gestohlen Geldes, das sie einfach
unterschlugen, unterstützten sie die sozialdemokratische
Parteikasse […] Dann kauften sie sich das Schloss Bebels am
Züricher See und lebten herrlich und in Freuden. So machen es
die Sozialdemokraten, um reich zu werden. 2
sie machen ein Feuer im Wald •
Eltern haben Angst vor der Polizei, schon allein wegen der Partei •
Gestohlene Kieselsteine helfen ihnen; das Verbrechen macht sich für • sie bezahlt
Kinder stehlen Erd- und Waldbeeren ohne Erlaubnisschein zum • Pflücken
die verdorbenen Kinder konnten nur mit Androhung der Polizei zur • Ruhe gebracht werden
Gretel ermordet die fromme alte Dame und macht sich der •
Gefangenenbefreiung schuldig die Kinder belügen den Gendarmen •
Parteizugehörigkeit
Eltern sind im Verband der Land-, Wald-, und Weinbergarbeiter • organisiert
- zahlen gewaltigen Beitrag von 50 Mark in die sozialdemokratische Kasse
- spenden das Geld der alten Dame an die Parteikasse
Blasphemie
Kieselsteine zerstören Gottes schönes Werk •
Gottloser Vater verteilt sonntags zur Kirchzeit Flugblätter •
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„Holzfrevel“; sie stehlen Reisig und entzünden Feuer •
Hänsel zerbröselt das Brot („die schöne Gottesgabe“) •
im Haus der frommen alten Dame, schlafen die Kinder ein, ohne zu •
beten; um sie zu bestrafen, sperrte die Dame die Kinder am nächsten morgen ein
das Märchen ist eben nie irgendein Märchen, es ist immer ein ganz •
bestimmtes Märchen, dessen Geschichte jeder zu kennen glaubt
Märchen erscheinen zeitlos populär: die fantastische Verkleidung der •
Lebensweltlichkeit ermöglicht dem Autoren gerade auch unangenehme Themen wie Tod, Missbrauch, Pubertäts- und Adoleszenzkrisen, politische Missstände in scheinbar unverfänglicher Gattung zu vermitteln
Schutzmauer um den Leser: alles Menschliche kommt in der •
Märchensprache und im Bereich des Wunderbaren unter, so dass der Leser zunächst eine beruhigende Mauer um sich aufbauen kann, in dem Glauben, das diese Dinge nichts mit ihm persönlich zu tun hätten Natürlich haben sie viel mit der Lebenswelt des Lesers zu tun. Und die Universalität des bestimmten Artikels (als Kontrapunkt zur Singularität) macht anthroposophische Grundmuster und -ängste deutlich:
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-personale Universalität: Geschichten in Märchen können theoretisch jedem widerfahren
-lokale Universalität: das Dorf, der Fluss, das Häuschen im Wald...
-temporale Universalität: "Es war einmal..."
Rudolf Franz rückt allerdings von einer absoluten Märchenwelt ab; •
durch konkrete Hinweise auf damals aktuelle politische Gegebenheiten zieht er den Leser in seine eigene Realität, in der er sich mit den konkreten, vom Autor aufgezeigten, Problemen befassen muss = jeder Leser ist also zwangsläufig genötigt, eine Identifikation mit einem oder mehrerer der Märchenprotagonisten vorzunehmen, wodurch er auch gleichermaßen empfänglich für die Kritik ist
Rudolf Franz unternimmt hier eine Satire eines berühmten •
Volksmärchens; kein Kunstmärchen, da: -kein fixierter Ort -keine künstlerische Sprache -keine mehrdimensionalen Charaktere -kein komplexes Weltbild Merkmale des typischen Märchens sind: •
-Held muss eine Aufgabe lösen -magische Requisiten -Zahlen-/Natursymbolik
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-Bezug zu Mythen/Transzendenz
-symbolträchtiges Verhalten und dadurch Bewältigen alltäglicher Probleme
Rudolf Franz unternimmt eine Abkehr vom klassischen Volksmärchen •
der Gebrüder Grimm, die vor allem bei Kindern beliebt sind:
Mehr und mehr hat sich in den Herzen unserer vaterländisch
gesinnten Jugend ein Abscheu gegen jene Sorte von Märchen
eingenistet, die z.B. vor langen Jahren von den
sozialdemokratischen ‚Historikern’ Jakob und Wilhelm Grimm
herausgegeben worden sind und zahllose Bearbeitungen
erfahren haben, ohne dass sich ein Herausgeber bemüßigt
gesehen hätte, der gehässigen Manier, in der die ‚Genossen’
Grimm die Dinge durch ihre rote Parteibrille betrachtet haben,
zu Leibe zu gehen und die maßlos verhetzenden
Verleumdungen dieser roten Brüder gebührend
zurückzuweisen. Alles Hohe und Heilige wird da in den Staub
gezerrt. Monarchie, Besitz, Religion - nichts wird verschont. 3
Märchen enden prinzipiell gut; das Gute siegt stets über das Böse •
untypischerweise siegt hier das Böse über das Gute, die fromme alte •
Dame, die es nur gut meinte, verbrennt qualvoll all die Bösartigkeiten machen sich bezahlt und bleiben ungestraft •
Arbeit zitieren:
Irina Kirova, 2007, Rudolf Franz' "Hänsel und Gretel", München, GRIN Verlag GmbH
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