Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung 3
2. Erste Phase (Von der Gründung Israels bis zum Anfang der 60er Jahre) 4
3. Zweite Phase (Anfang der 60er bis Ende der 70er / Anfang der 80er Jahre) 6
4. Dritte Phase (Ende der 70er / Anfang der 80er bis heute) 7
4.1. Holocaust in der Politik 8
4.2. Verstärkte mediale Thematisierung 9
4.3. Holocaust in Forschung und Erziehung. 10
4.4. Religion und Holocaust. 12
4.5. Vierte Phase? - Amerikanisierte und kosmopolitisierte Erinnerung. 13
4.6. Erinnerungs- und Umgangsformen. 15
5. Schlußbemerkungen. 18
6. Literatur: 22
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1. Einleitung
Israel, dessen Existenz in dieser Form zweifelsohne mit dem Mord von Millionen jüdischer Menschen durch die Nationalsozialisten nicht zu trennen ist, steht ganz besonders vor der Frage, wie man mit diesem schrecklichen Ereignis umgehen kann, soll oder muß, gerade in seinen ersten Jahren, als ein Großteil der Bevölkerung Überlebende des Holocaust waren und als das Land, welches von Anfang an den Anspruch erhoben hat, der einzig legitime Erbe der Opfer zu sein 1 und als dieser auch von anderen Staaten anerkannt wird. Ein geschichtliches Ereignis unterliegt immer der Diskrepanz zu seiner Gestaltung im Gedächtnis des Kollektivs. Das wirft in Israel, als dem „Land der Erben“ und immer noch in einer besonderen politischen Stellung, heute noch eindringlich die Frage nach dem Umgang mit dem „kaum zu Beschreibenden“ auf und vor allem. welche Schlußfolgerungen für das aktuelle Geschehen gezogen werden.
Es soll der Frage nachgegangen werden, wie der Diskurs über den Holocaust in Israel zu den verschiedenen Zeiten gestaltet war, welche Bedeutung er hatte und welcher Entwicklung er unterlag. „Richtschnur“ dafür ist die Einteilung der Entwicklung nach Zimmermann, der die Holocaustrezeption in drei Phasen einteilt. 2 Andere Autoren gliedern und benennen diese zwar nicht so konkret, allerdings stellen sie die selben Wandlungen oder wichtigen Ereignisse, die zu einer Änderung führten, fest. Einen Schritt weiter gehen Levy und Sznaider, deren Phaseneinteilung der von Zimmermann entspricht, nur das sie die dritte noch einmal unterteilen und die letzten Jahre als die Zeit der Universalisierung bzw. der Kosmopolitisierung charakterisieren. 3 Da sich diese Charakterisierung nur bei ihnen findet, beschäftigt sich ein Kapitel der dritten Phase gesondert mit diesem Aspekt. Eine Erklärung mag sein, daß die für diese Arbeit wesentlichen Texte, vor allem von Zimmermann und Zuckermann, zeitlich einige Jahre früher liegen, aber auch in neueren, wenn auch nicht so ausführlichen Texten, wird nicht in annähernd ähnlicher Form auf die Frage von Kosmopolitisierung und Universalisierung eingegangen. Besonderen Wert soll auf die dritte Phase gelegt werden, da hier zum einen der
1 Beispielsweise in einem Memorandum an die Alliierten 1951. Vgl. Weitz, Yechiam: Ben Gurions Weg zum „Anderen Deutschland“ 1952-1963, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 48 (2000), S. 225-279, S. 258 f (im folgenden zitiert als Weitz).
2 Wobei er darauf hinweist, daß sich in jeder Phase genügend Ausnahmen finden und der Übergang zwischen ihnen fließend stattfand. Vgl. Zimmermann, Moshe: Israels Umgang mit dem Holocaust, in: Steininger, Rolf: Der Umgang mit dem Holocaust: Europa - USA - Israel, Wien/Köln/Weimar 1994. S. 387 - 406, S. 392 (im folgenden zitiert als: Zimmermann: Israels Umgang)
3 Vgl. Levy, Daniel / Sznaider, Natan: Erinnerung im globalen Zeitalter: Der Holocaust, Frankfurt am Main 2001, S. 29 (im folgenden zitiert als: Levy/Sznaider).
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Schwerpunkt in den wissenschaftlichen Darstellungen liegt, zum anderen aber auch die stärkste Entwicklung zu verzeichnen ist.
2. Erste Phase (Von der Gründung Israels bis zum Anfang der 60er Jahre)
In der ersten Zeit des Staates Israels, der 1948 gegründet wurde, stand die Selbstbehauptung Israels im Vordergrund. In dem jungen Staat wollte man die Geschichte des Holocaust verdrängen, auch wenn man sie eigentlich nicht ignorieren konnte, da sie Teil des Selbstverständnisses war. Immerhin bestand die Mehrheit der Bevölkerung aus Überlebenden des Holocaust. Doch die Diskrepanz zwischen der Shoah und dem, was Israel repräsentieren sollte, war zu groß. Israel stand für Stärke, militärisches Vorgehen und Unabhängigkeit. Die Shoah hingegen wurde als Schwäche, Tod, Untertänigkeit gedeutet. Nach Natan Sznaider wurde unterschieden zwischen dem „dort”, der Vernichtung der Juden in Europa und dem „Hier”, dem neugegründetem Staat. 4 Die Shoah wurde zur Geschichte der anderen Juden, die es bis 1939 nicht geschafft hatten, nach Palästina zu emigrieren. Der neue Staat galt als „rigoroser Gegenpol eines von Opfermentalität geprägten Geschichtsbewußtsein“. 5 Dabei entstand der Begriff des „Neuen Juden“, der im krassen Gegensatz zu allem stand, was „unter dem „Dias-pora-Konzept“ subsumiert wurde. 6
In der Unabhängigkeitserklärung Israels aus dem Jahre 1948 steht die Shoah „nur” als einer von sechs gleichwertigen Gründen für die Notwendigkeit, den Staat Israel zu gründen. Dem entsprechend gedachte man von offizieller Seite erst Jahre nach dem Krieg dem Holocaust. Im Jahre 1951 verabschiedete das israelische Parlament eine Resolution, die den 27. Nissan als den „Tag der Erinnerung an die Märtyrer und Helden des Holocaust” festlegt. Schon der Name verdeutlicht, daß neben den Opfern die Betonung vor allem auf den jüdischen Wider-standskämpfern liegt. Der Gedenktag liegt mitten in den sogenannten Omer-Tagen, in denen traditionelle Israelis der Ermordung der Juden durch die Kreuzfahrer erinnern. Zusätzlich liegt der Tag noch eingebettet zwischen dem Gedenktag für den Aufstand im Warschauer Ghetto und dem israelischen Unabhängigkeitstag. Dadurch wurden, laut Sznaider die verschiedenen Elemente miteinander verbunden: „Die unendliche jüdische Verfolgungsgeschichte, der Wi-
4 Vgl.Sznaider, Natan: Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg. Berichte zur Geschichte der Erinnerung. Israel, in: Volkhard Knigge (Hrsg.): Verbrechen erinnern. Die Auseinandersetzung mit Holocaust und Völker-mord, München 2002, S. 186 (im folgenden zitiert als: Sznaider: Israel).
5 Zuckermann, Moshe: Zweierlei Holocaust. Der Holocaust in den politischen Kulturen Israels und Deutsch-
lands, Göttingen 1998, S. 69 (im folgenden zitiert als: Zuckermann: Zweierlei Holocaust).
6 ebenda.
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derstand gegen die Nazis und die Unabhängigkeit des Staates Israel.“ 7 Der gesetzliche Rahmen für die Begehung dieses Tages wurde allerdings erst acht Jahre später festgelegt. 8 Von weiterer Bedeutung in diesen Jahren war zum einen das Gesetz „Law of Holocaust and Heroism Remambrance - Yad Vashem” 9 , welches den zentralen Gedenkeinrichtungen Israels die offizielle Befugnis erteilte, an den Holocaust zu erinnern, und das Wiedergutmachungsabkommen mit Deutschland aus dem Jahre 1952. Dieses Abkommen löste eine heftige Debatte aus. Es standen sich die Interessen des Staates und die Ehrung der Überlebenden gegenüber. Ben Gurion äußerte in diesem Zusammenhang: „Jetzt sind wir ein souveräner Staat. Ein Staat beschäftigt sich nicht mit Mystizismus, er muß politisch Stellung beziehen.“ 10 Die Interessen des Staates, verankert im „Hier und Jetzt” setzten sich durch, was laut Sznaider die meisten Überlebenden akzeptierten. 11
Jedoch standen dem Schweigen von offizieller Seite von Anfang an „private” Bekundungen über Verlust und Schmerz gegenüber. Dies war naheliegend, da der überwiegende Teil der Bevölkerung aus Überlebenden des Holocaust bestand. Zeitungen und Radio unterstützen die Suche nach vermißten Angehörigen und Menschen gedachten im kleinen, nicht-offiziellen Rahmen verlorener Freunde und Familienangehöriger. Ein Beispiel dafür ist ein Mahnmal, welches deutsch-jüdische Flüchtlinge in ihrer Synagoge in Shavei-Zion errichteten. Dieses Mahnmal war zum Gedenken an 134 ihrer früheren Nachbarn, welche es nicht geschafft hatten Deutschland rechtzeitig zu verlassen, errichtet worden. 12 Gerade auch von religiöser Seite wurde schon in der Anfangszeit Israels Erinnerungsarbeit unternommen. So organisierte z. B. das israelische Rabbinat eine Beisetzung der Asche aus dem KZ Flossenbürgen. Für die offizielle Politik hingegen war der Holocaust etwas, dessen man sich schämen mußte. Der als Schwäche empfundene Holocaust paßte nicht zu dem kämpferischen, starken Bild, welches man abgeben wollte.
Zuckermann sieht den Beginn der Mythenbildung schon in dieser Zeit. Da der Holocaust in dem Sein des Kollektivs keinen Platz hatte, aber man daß „Memento“ aus ideologischen Gründen allerdings erhalten mußte, sollte die Erinnerung an den Holocaust nicht allzu tief in die Gestaltung der kollektiven Selbstbestimmung eindringen. 13 Wie schwer dies steuerbar sei,
7 Sznaider: Israel, S. 187.
8 An diesem Tag bleiben Vergnügungsstätten geschlossen und morgens ertönt ein zweiminütiger Signalton im ganzen Land.
9 Dieses Gesetz wurde 1953 beschlossen.
10 Weitz, S. 260.
11 Sznaider: Israel, S. 187 f.
12 Vgl. Young, James E.: Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg. Berichte zur Gegenwart der Erinnerung. Israel, in: Knigge, Volkhard (Hrsg.): Verbrechen erinnern. Die Auseinandersetzung mit Holocaust und Völker-mord, München 2002, S. 274 (im folgenden zitiert als: Young).
13 Vgl. Zuckermann: Zweierlei Holocaust, S. 25.
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zeige sich darin, daß „weder die Rationalisierungsstrategien des Einzelnen noch die Ideologie des Kollektivs letztlich die latente, vermeintlich unmerkliche Fortwirkung des Holocaust im Unbewußten zu eliminieren vermögen. In der Sphäre des Kollektiven hat dieses Muster weitreichende Folgen.“ 14
3. Zweite Phase (Anfang der 60er bis Ende der 70er / Anfang der 80er Jah-
re)
Als ein zentrales Ereignis und als Auftakt dieser Phase gilt der Prozeß gegen Eichmann, der 1961 in Jerusalem stattfand und der zu einem wesentlichen Element der israelischen Identität wurde. 15 Dieser Prozeß wurde als erstes großes Medienereignis inszeniert und sollte das Vertrauen in die Notwendigkeit des Staates Israel stärken. Laut Zuckermann wollte der Staat Israel damit den „Vollzug historischer Gerechtigkeit gekoppelt mit einer ‚Dennoch-Deklaration‘ des jüdischen Volkes manifestieren.“ 16 Ben Gurion sagte dazu: „Wichtig ist nicht die Strafe, sondern die Tatsache, daß der Prozeß stattfindet, und zwar hier in Jerusalem.“ 17
Es trat jedoch ein nicht erwarteter Nebeneffekt ein, nämlich daß zum ersten mal in der Geschichte Israels private Erinnerungen öffentlich wurden. Am eindrucksvollsten deutlich wurde dies bei dem Zusammenbruch des Zeugen Ka-Zetnik vor Gericht. Tom Segev schrieb dazu: „Ganz Israel hielt den Atem an. Es war der dramatischste Moment in dem Prozeß, einer der dramatischsten Augenblicke in der Geschichte des Landes.“ 18 Entgegen dem bisherigen Umgang mit dem Holocaust waren diese Erinnerungen vor allem geprägt durch Verletzlichkeit, Schwäche und Tod, was im Widerspruch zu der „nationalen Aufrechthaltung“ 19 stand. Nach Moshe Zimmermann steht während dieser Phase die Information im Vordergrund und es ist der Beginn einer wissenschaftlichen und öffentlichen Diskussion um die Shoah. 20 Zur gleichen Zeit kommen zahlreiche Emigranten aus arabischen Ländern nach Israel. Man betrachtete sowohl die Gruppe der arabischen Juden als auch die der europäischen Juden als
14 ebenda, S. 24.
15 Nicht so bei Zimmermann. Er sieht den Eichmann-Prozeß nicht als das entscheidende Ereignis. Für ihn spielen vor allem die Kriege während der zweiten Phase und auch im Übergang zur dritten Phase eine entscheidende Rolle. Vgl. Zimmermann: Vom Jischuw zum Staat, S. 49.
16 Zuckermann. Zweierlei Holocaust, S. 25.
17 Segev, Tom: Die zwei Gesichter des Eichmann-Prozesses, in Le Monde diplomatique vom 12. April 2001, S.
14 (im folgenden zitiert als: Segev: Zwei Gesichter).
18 Segev, Tom: Die siebte Million. Der Holocaust und Israels Politik der Erinnerung, Reinbeck bei Hamburg 1995, S. 11 (im folgenden zitiert als: Segev: Siebte Million).
19 Zuckermann: Zweierlei Holocaust, S. 26.
20 Vgl. Zimmermann: Vom Jischuw zum Staat, S. 48.
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Opfer des weltweiten Antisemitismus. Indem man den Holocaust auf den arabisch - israelischen Konflikt übertrug, wurde der Holocaust zum Verbindungsglied. Häufig wurden die Araber als die „Nachfolger der Nazis” bezeichnet. 21 Der Sechs-Tage-Krieg 1967 machte daraus eine dauerhaft Staatsideologie. Nach diesem erfolgreichen Krieg war das Selbstbewußtsein Israels als eine Nation, die auf Dauer bestehen würde, gestärkt. Laut Zimmermann zog man in Israel Vergleiche zwischen dem Krieg 1967, dem Yom-Kippur-Krieg 1973 und dem 2. Weltkrieg. Man sah die Unterschiede zwischen den Israelis und den Juden in der Diaspora, aber auch, daß es Ähnlichkeiten gab. Daraus entwickelte sich ein großes Interesse, sich mehr mit den Einzelheiten der Shoah zu beschäftigen. 22
Der Antisemitismus entwickelte sich zur zentralen Erklärung und der Holocaust wurde zum rein jüdischen Problem erklärt. Dabei trugen die kriegerischen Erfahrungen viel zur Einstellung der Israelis zur Shoah bei. Der Libanonkrieg 1982 und später vor allem der erste Golfkrieg erinnerten noch stärker an den Zweiten Weltkrieg. Die Bevölkerung lebte in Angst vor den Raketenangriffen und vor dem Giftgas, dazu waren sie der Situation ohne einen „heldenhaften” Verteidigungskampf ausgeliefert. So wurde der Holocaust mehr und mehr zum zentralen Erlebnis des israelischen Kollektivs, obwohl die Mehrheit die Shoah nicht miterlebt hatte. 23 Endgültig hat sich der Unterschied zwischen den europäischen Juden und den orientalischen Juden in Israel vor allem in der dritten Phase der Mythologisierung, durch den zeitlichen Abstand zum Holocaust und der Kriegszeit, abgeschwächt. 24
4. Dritte Phase (Ende der 70er / Anfang der 80er bis heute)
Der Beginn der dritten Phase wird von Zimmermann nicht klar abgegrenzt. Es gibt keine besonderen punktuellen Ereignisse, die einen Übergang charakterisieren. Entscheidend für diesen Zeitabschnitt ist aber, daß bei den meisten Menschen in Israel kein direkter persönlicher Kontakt mehr zum historischen Ereignis vorhanden ist. Zimmermann spricht von einer Mythologisierung, die aber nicht absichtlich historische Tatsachen fälschen wolle. Aufgrund der zeitlichen Distanz zum Holocaust sind die Menschen heute auf sekundäre Überlieferungsträger angewiesen. Durch diesen Verlust an Unmittelbarkeit kommt es zur Entstehung histori-
21 Vgl.Levy/Sznaider, S. 122.
22 Vgl. Zimmermann: Vom Jischuw zum Staat, S. 49.
23 Vgl. ebenda, S. 49 f.
24 Vgl. Zimmermann: Israels Umgang, S. 402 f. Laut einer Umfrage an Lehrerseminaren im Jahre 1992 würden achtzig Prozent der Befragten der Aussage zustimmen: „Wie sind alle Überlebende des Holocaust.“ Vgl. Segev: Siebte Million, S. 672.
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scher Mythen. 25 Von Bedeutung seien nicht Kenntnisse, sondern die Art, wie Kenntnisse vermittelt werden und wie man sie instrumentalisiere. 26 Dabei ist für Zimmermann der Begriff Instrumentalisierung in diesem Zusammenhang nicht negativ besetzt, da es seiner Ansicht nach keine Tatsachen gibt und somit Instrumentalisierung zum Lernen aus der Geschichte gehöre. 27 Auch Zuckermann betont, daß erinnerte Vergangenheit zwangsläufig von aktuellen Bedürfnissen vereinnahmt wird und insofern ideologisiert wird, als es zu einer Entfernung, meist auch Entfremdung. des Wesen dessen, was geschah, kommt. 28
Entscheidend an der dritten Phase ist ebenfalls, daß das Thema Holocaust alle Lebensbereiche durchdrungen hat. Das bedeutet auf der einen Seite eine Zunahme der Beschäftigung und Auseinandersetzung mit dem Holocaust und auf der anderen Seite auch eine verstärkte Instrumentalisierung für die verschiedensten Anliegen.
4.1. Holocaust in der Politik
In öffentlichen Diskussionen findet man den Holocaust als immer wiederkehrendes Element. Von Politikern wird häufig ein Bezug zum Holocaust geschaffen, um die eigenen Forderungen zu unterstreichen. So bezeichnete beispielsweise Ariel Sharon die Grenzen von 1967 als „Auschwitzgrenzen“ oder Attacken gegen Juden werden in der orthodoxen Presse als „nazistisch“ bezeichnet. 29 Gerade wenn es um die Palästinenserpolitik oder sie Sicherheit Israels geht, wird immer wieder der Holocaust herangezogen, durchaus um völlig gegensätzliche Positionen zu untermauern. So hat 1987 der israelische Richter Mosche Landau, unter Berufung auf die schmerzliche Vergangenheit der Juden, die Anwendung von Folter gegen „Feinde“ legalisiert. Dagegen hat der israelische Professor Jeschajahu Leibowitz mit genau der selben Berufung auf die Vergangenheit versucht, diese Legalisierung zu verhindern. 30 Doch muß an dieser Stelle erwähnt werden, daß nicht nur die israelische, sondern auch die palästinensische Seite den Holocaust als Argumentationshilfe für ihre aktuellen Ziele nutzt. In manchen arabischen Geschichtsbüchern wird der Holocaust gar nicht erst erwähnt und in
25
Vgl. Zimmermann: Israels Umgang, S. 390 f.
26 Zimmermann sieht seine These gestützt durch verschiedene Umfragen, die u. a. sein Institut durchgeführt hat. Diese bringen zum Ausdruck, daß zu einem nicht unerheblichen Teil, die Befragten das als Realität sehen, was dem stereotypen Bild am ehesten entspricht, beispielsweise, daß nach Umfragen etwa die Hälfte der Israelis Österreich nicht mit der Vergangenheit des Nationalsozialismus assoziieren und die DDR „positiver“ bewertet wurde als die BRD. Vgl. Zimmermann: Vom Jischuw zum Staat, S. 51. Zimmermann: Israels Umgang, S. 404 ff.
27 Vgl. Zimmermann: Vom Jischuw zum Staat, S. 45.
28 Vgl. Zuckermann: Zweierlei Holocaust, S. 10, S. 171.
29 Vgl. Zimmermann: Israels Umgang, S. 388.
30 Vgl. Todorov, Tzvetan: Vom guten und schlechten Gebrauch der Geschichte, in: Le Monde diplomatique vom 12. April 2001,S 14-15, S. 15 (im folgenden zitiert als: Todorov).
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der arabisch-wissenschaftlichen Literatur hat dessen Ignorierung Tradition. 31 Einerseits wird Holocaust von arabischer Seite ignoriert, andererseits aber auch als eigene Argumentationshilfe verwendet. Es gäbe, so Bishara, die Tendenz, das Leiden der Palästinenser mit dem der Juden zu vergleichen, und dazu sei es notwendig, das Ausmaß des Holocaust zu vermindern. 32 Zudem vergleiche die palästinensische Propaganda Israels Taten des öfteren mit denen der Nazis. Ähnliche Vergleiche kommen auch von israelischer Seite. Beispielsweise bezeichnete Avraham Scharir, ehemaliger Minister für Tourismus und Justiz, beim Besuch von Auschwitz, Israels „Insistieren auf Sicherheit“ als eine „nationale Moral“. Zu Arafat äußert er: „Wenn man die Aufschrift am Tor zu Auschwitz ‚Arbeit macht frei‘ liest, kann man sich vorstellen, welche Art von ‚Befreiung‘ uns Arafat bescherte, gelänge es ihm, sein Vorhaben zu realisieren.“ 33 Amos Oz sagte dazu: „Hier nennt jeder jeden Hitler.“ 34 Von grundlegender Bedeutung ist der Umgang mit dem Holocaust nicht nur im politischen Tagesgeschäft, sondern er ist heute die wesentliche Legitimationsideolgie für die Existenz des Staates Israel. Eine besondere Lage, wie Segev betont, da andere Nationen nicht diesem „Rechtfertigungszwang“ für ihre Existenz unterliegen. 35 Da der Holocaust heute zur entscheidenden Grundlage des Staates erklärt wird und die anderen, religiösen Gründe aus der Unabhängigkeitserklärung in den Hintergrund gerückt wurden, kann man zu Recht, wie Zuckermann, von einem säkular-historischen Motiv sprechen. 36
4.2. Verstärkte mediale Thematisierung
Gegen Ende der 60er Jahre nahm das israelische Fernsehen seinen Dienst auf. Es beeinflußte damals wie heute stark die öffentliche Meinung und das Thema Holocaust wurde und wird auch dort behandelt. Schon in den siebziger Jahren griff es bei zahlreichen Konflikt- und Gewaltereignissen immer wieder den Holocaust auf. Auch die Ausstrahlung der amerikanischen Serie „Holocaust“ 1978 war bedeutsam, auch wenn trotz hoher Zuschauerzahlen die öffentliche Beachtung gering war. Laut Levy/Sznaider wurden die mediale Repräsentation und ihre Schöpfer damit zu Gegenexperten der wissenschaftlichen Aufarbeitung. 37 Einen besonderen Aufschwung erhielt die Präsenz des Holocaust in den Medien durch den politischen Wechsel
31 Vgl. Bishara, Azmi: Die Araber und der Holocaust. Die Problematisierung einer Konjunktion, in: Steininger, Rolf: Der Umgang mit dem Holocaust: Europa - USA - Israel, Wien/Köln/Weimar 1994. S. 407 - 429, S. 421 f (im folgenden zitiert als: Bishara).
32 ebenda, S. 428 f.
33 Zuckermann: Zweierlei Holocaust, S. 32 f.
34 Oz, Amos: Hier nennt jeder jeden Hitler, in: Spiegel Spezial Nr. 2. Juden und Deutsche, 1992, S. 137 - 139, S. 137.
35 Vgl. Segev: Siebte Million, S. 670.
36 Vgl. Zuckermann: Zweierlei Holocaust, S. 22.
37 Vgl. Levy/Sznaider, S. 112.
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1977. Der neue Ministerpräsident Begin und sein Nachfolger Schamir argumentierten „allgegenwärtig“ mit dem Holocaust und die Wechselwirkung zwischen Politik und Medien war für die Meinungsbildung während der dritten Phase von entscheidender Bedeutung. 38 Seit Anfang der 80er Jahre ist der Holocaust nicht mehr aus der öffentlichen Tagesordnung, d. h. der Medien und der Alltagspolitik, wegzudenken. 39
Ein Beispiel für den starken Einfluß der Medien sieht Zimmermann in den Reaktionen in Israel auf die Ausschreitungen 1992 gegen Asylbewerber in Deutschland. Heftige Reaktionen, bis zum Boykottaufruf gegen Deutschland, erfolgten erst, als im israelischen Fernsehen eine Sendung ausgestrahlt wurde, die den Eindruck erweckte, die Ausschreitungen hätten vor allem einen antisemitischen Hintergrund. 40
4.3. Holocaust in Forschung und Erziehung
Die Forschungen zum Holocaust haben in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen. Es gibt keine Universität in Israel ohne einen Holocaustlehrstuhl und mit der Zeit wurden immer mehr Einzelheiten der Shoah zu Untersuchungsaspekten. Laut Segev habe nicht nur die Quantität zugenommen, sondern auch die Wissenschaftlichkeit. Die israelische Geschichtswissenschaft habe fast eine ganze Generation gebraucht, um Historiker hervorzubringen, die den Holocaust von ihrer persönlichen Biographie trennten, was zu Anfang, aufgrund der Nähe, wohl kaum möglich gewesen sei. 41 Jedoch hat die wissenschaftliche Auseinandersetzung eher einen geringen und indirekten Einfluß auf die oft stereotypen Bilder des kollektiven Bewußtseins, die währende der verschiedenen Phasen vorherrschten. 42 Auch eine Reflexion des eigenen Umgangs mit der Geschichte des Holocaust kam erst spät auf. Das erst umfassende Werk dazu war „Die siebte Million“ von Tom Segev, welches 1991 in Israel erschien. 43 In der Erziehung spielt die Erinnerung an den Holocaust seit Anfang der achtziger Jahre eine bedeutende Rolle. 1980 wurde das Pflichterziehungsgesetz geändert und der Holocaust wurde zum Pflichtpensum in Schulen und muß seit dem 1/3 des Jahrespensums in Geschichte betragen. Dazu wird er auch noch in anderen Fächern, wie Literatur, zum Thema und ist damit die
38 Vgl. Zimmermann: Israels Umgang, S. 398 f.
39 Das den Medien ein bedeutender Einfluß auf das Holocaust-Bewußtsein und die Holocaust-Rezeption in Israel zugesprochen werden müsse, sehen Wilke u. a. durch ihre Inhaltsanalyse der Presseberichterstattung über Holocaust und NS-Prozesse in Israel und Deutschland bestätigt. Vgl. Wilke, Jürgen; Schenk, Birgit; Cohen, Akiba A., Zemach, Tamar: Holocaust und NS-Prozesse. Die Presseberichterstattung in Israel und Deutschland zwischen Aneignung und Abwehr (= Medien in Geschichte und Gegenwart, Bd. 3), Köln 1995, S. 150.
40 Vgl. Zimmermann: Israels Umgang, S. 405.
41 Vgl. Segev: Siebte Million, S. 610. Auch Zuckermann bewertet die Holocaust-Geschichtsschreibung in Israel als „auf dem höchsten Niveau“. Zuckermann, Moshe: Perspektiven der Holocaust-Rezeption in Israel und Deutschland, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Nr. 14 vom 27.03. 1998, S. 19 - 29, S. 23.
42 Vgl. Zimmermann: Israels Umgang, S. 399.
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am intensivsten behandelte historische Epoche. Die vorherigen Phasen waren dadurch gekennzeichnet, daß der Holocaust in der Schule einen untergeordneten Stellenwert hatte. Die Wirkung auf Jugendliche ist laut einer Studie deutlich. In Befragungen stellte man fest: „Die Relevanz des Holocaust und seine Präsenz als bedeutungsvolles Ereignis für die jüdische Gegenwart und Zukunft ist unter Jugendlichen in Israel mit der Zeit stärker geworden.“ 44 Die Schulbücher, die heute in Israel verwendet werden, sind laut Zimmermann von wissenschaftlicher Qualität und nehmen immer wieder Fakten oder Themen auf, die an bestimmten Mythen der jüdischen Geschichte rütteln. 45 Das und Versuche, die Curricula zu ändern, führten in den vergangenen Jahren nicht nur zu Auseinandersetzungen, sondern es gelang ihnen letztendlich auch nicht, das oft stereotype Bild des Holocaust und des Antisemitismus zu überwinden. 46
Eine ganz besondere Stellung bei der Erziehung nimmt der sogenannte „Marsch der Leben-den2 ein. Es handelt sich um Jugendfahrten nach Polen, organisiert vom Erziehungsministerium, um dort die „Orte des Schreckens“, wie Auschwitz oder Treblinka, zu besuchen. Dabei geht es nicht nur um einen Besuch oder Informationen, wie aus dem Titel ersichtlich wird. Avraham Scharir äußerte sich folgendermaßen über den „Marsch der Lebenden“: „Jeder Junge und jedes Mädchen müssen Auschwitz besuchen. Von dort werden sie zurückkehren durchdrungen vom Gefühl der Notwendigkeit und der Wichtigkeit eines Heimatlandes.“ 47 Daß es nicht nur um die Bedeutung der Nation geht, verdeutlicht die Aussage eines Organisa-tors dieser Fahrten: „Sie fahren als Israelis und kehren als Juden zurück.“ 48 Diese Fahrten sind wichtiger Bestandteil der Einheitserzeugung des israelischen Kollektivs. Dies scheint auch eine Umfrage unter Jugendlichen zu bestätigen, laut der neun von zehn Jugendlichen nach einer solchen Fahrt, durch dieses „jüdische Erlebnis“, sich in ihrer Identität als Israeli bestärkt fühlen. 49 Levy und Sznaider gehen allerdings davon aus, daß trotz aller Absichten und Wirkungen die Jugendlichen zurückkommen, wie sie gegangen sind. Gemeint ist, daß die bildungspolitischen „patriotischen“ Ziele nicht unbedingt eintreten. Dadurch, daß Jugendliche
43 Vgl. Segev: Siebte Million.
44 Zimmermann: Israels Umgang, S. 389.
45 Das die nicht immer so war, verdeutlicht eine Aussage des Vorsitzenden des Ausschuß, der die Änderungen 1980 entwarf: „Der Holocaust muß in erster Linie erfühlt werden und er muß als Tatsache an und für sich erfühlt werden, nicht als Teil eines größeren historischen Zusammenhangs, nicht im Rahmen einer wissenschaftlichen Analyse.“ Segev: Siebte Million, S. 631.
46 Vgl. Zimmermann: Israels Umgang, S. 400 f; Zimmermann, Moshe: Goliaths Falle. Israelis und Palästinenser im Würgegriff, Berlin 2004.
47 Zuckermann: Zweierlei Holocaust, S. 33.
48 Sznaider: Israel, S. 194.
49 Vgl. Segev: Siebte Million, S. 672.
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aus ihrer gewohnten Umgebung herausgeholt werden, fingen sie eher an zu überlegen, was der Holocaust für sie persönlich bedeute. 50
4.4. Religion und Holocaust
Als sich die Erinnerung an den Holocaust wandelte und von einem Zeichen der schmachvollen Schwäche zu einer laut Sznaider „geheiligten Erinnerung“ wurde, nahm der Holocaust einen Platz in der jüdischen Geschichte ein als ein weiteres Beispiel der Jahrtausende andauernden jüdischen Verfolgung. Das war laut Sznaider ein wichtiges Verbindungsglied zwischen den viel religiöseren Immigranten aus den arabischen Ländern und den europäischen Juden. Er sieht in dem Wandel Israels von einem streng säkularem Staat zu einem halb-religiösem Staat eine Erleichterung des Holocaust mit einer halbreligiösen Bedeutung. Deutlich zu Erkennen sei dies auch daran, daß religiöse Symbole eine größere Legitimation erhalten haben. 51 Zimmermann sieht einen weiteren Beleg darin, daß mittlerweile vermehrt Forschungsthemen mit einem Bezug zur Religion aufgegriffen würden, wie z. B. „Das religiöse Leben während des 2. Weltkrieg“. 52 Laut Segev sei die Alltäglichkeit des Holocaust unter anderem damit zu erklären, daß man in Israel mehr seine jüdischen Wurzeln und seine Religiösität entdecke. 53
Die israelische Orthodoxie versuche außerdem verstärkt, das Holocaustgedenken für sich in Anspruch zu nehmen, indem sie etwa der Opfer des Holocaust nicht an seinem ursprünglichem Tag gedenken, sondern an einem religiösem Fastentag. 54 Von Bedeutung ist laut Zimmermann und Zuckermann der unterschiedliche Anspruch an die Lehren aus dem Holocaust und den daraus resultierenden Schlußfolgerungen für das Hier und Heute zwischen säkularen und religiösen Juden. 55 Nach Zimmermann vertreten die religiösen Israelis bei der Lehre aus der Shoah eher eine nationale oder zionistische Position, während man bei nicht-religiösen Israelis eher die universale Lehre und Schlußfolgerungen vorfinden würde. 56
50 Vgl. Levy/Sznaider, S. 163 f, 194.
51 Vgl. Sznaider: Israel, S. 191.
52 Vgl. Zimmermann: Israels Umgang, S. 395.
53 Vgl. Segev: Zwei Gesichter, S. 15.
54 Vgl. Segev, Siebte Million, S. 577; Zimmermann: Israels Umgang, S. 397.
55 Vgl. Zuckermann: Zweierlei Holocaust, S. 173; Zimmermann: Vom Jischuw zum Staat, S. 53.
56 Vgl. Zimmermann: Vom Jischuw zum Staat, S. 53.
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4.5. Vierte Phase? - Amerikanisierte und kosmopolitisierte Erinnerung
Zimmermann und Segev weisen darauf hin, daß die Entwicklung der Holocaustrezeption auch in anderen Ländern vergleichbar wie in Israel vonstatten ging. Laut Zimmermann kam es auch außerhalb Israels zu einer mythologisierenden Phase. 57
Segev geht sogar davon aus, daß eine Amerikanisierung ihren Beitrag zu dieser Entwicklung in Israel beigetragen habe, da in den achtziger Jahren auch in den jüdischen Gemeinden in Amerika und anderen Ländern der Holocaust zum zentralen Element der Identität wurde. Segev stellt die Theorie auf, daß das „nationale Gedächtnis“ den „identitätsstiftenden Mythos“ neben anderen Tendenzen aus Amerika übernommen habe. Einen Beleg dafür sieht er in der heutigen vermehrten Darstellung von Einzelschicksalen aus der Zeit des Holocaust. Er sieht darin ein Symptom für den „wachsenden typisch amerikanischen Individualismus“. 58
Levy/Sznaider grenzen sich ausdrücklich von der meist negativ gemeinten Verwendung des Begriffes „Amerikanisierung des Holocaust“ ab. Die häufig kritisierte Kommerzialisierung und Trivialisierung bewerten sie als einen „wichtigen Beitrag zur Entstehung eines kosmopolitischen Gedächtnisses.“ 59
Eine „Amerikanisierung“ könne eine weitere Perspektive einbringen. Gedenkstätten in Israel und Deutschland seien zwangsläufig partikular. Die Rolle eines unbeteiligten Zeugen erlaube den Menschen eine andere, neue Perspektive einzunehmen. Für israelische Menschen bedeute das die Möglichkeit, die Monopolisierung des Holocaust durch den Staat aus diesem herauszulösen und zu universalisieren und humanisieren. 60
Im Ende des Kalten Krieges, so Sznaider, lag der Beginn eines neuen globalen Systems. Der Antikommunismus verschwand und die internationale militärische Zusammenarbeit mußte auf einer neuen Grundlage reorganisiert werden. Als moralischer Wert habe der Holocaust eine zentrale Rolle bei der Reorganisation gespielt. 61 Ein wichtiges Beispiel ist für ihn der Kosovo-Konflikt. Dieser sei in Israel von vielen verschiedenen Perspektiven aufgegriffen worden. Die aus der ehemaligen UdSSR eingewanderten Juden identifizierten sich mit den Serben, die Kosmopoliten mit der NATO, die Palästinenser und Teile der israelischen Linken wiesen das Bild des Holocaust zurück und verglichen das Elend der Kosovaren mit dem der Palästinenser. Von größter Bedeutung sei jedoch gewesen, daß Israel kein Monopol mehr auf
57 Vgl. Zimmermann: Israels Umgang, S. 392.
58 Segev: Zwei Gesichter, S. 15.
59 Levy/Sznaider, S. 155.
60 Vgl. ebenda, S. 176.
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die Interpretation des Holocausts gehabt hätte. Sie sei zum Gemeingut der ganzen Welt ge-worden. 62 Für Levy und Sznaider liegt ein wesentlicher Moment des Kosovokonflikts in der Universalisierung des Holocaust. Die Solidarisierung mit den Kosovaren habe vielen Juden in Israel ermöglicht, ihr partikularistisches Gedächtnis des Holocaust mit dem universalen und kosmopolitischen Humanismus zu verbinden. 63
Auch kulturell komme es zu einer globalisierten Erinnerung. Seit Spielbergs „Schindlers Liste“ ist der Holocaust aus der Kulurindustrie nicht mehr wegzudenken, und das nicht nur in den USA. Schindlers Liste spreche die Zuschauer individuell an. Hier liegt für Levy und Sznaider ein wesentlicher Moment: Der einzelne könne sich auf unterschiedliche Weise identifizieren. Wie auch das Holocaust Memorial Museum, welches im selben Jahr errichtet wurde, kann der Film eine positive Botschaft vermitteln: Man kann Menschen retten, wenn man will. Moralisches Verhalten ist individuell, man kann sich dafür entscheiden. 64 In Israel war der Film umstritten, aber durchaus ein Publikumserfolg. Levy/Sznaider sehen seine essentielle Bedeutung vor allem darin, daß das Deutungsmonopol des Staates gebrochen wurde. Globale und nationale Faktoren könnten gleichzeitig und nebeneinander existieren. 65 Spielberg oder auch Benigni vermischten sich mit den lokalen Formen, nationale und ethische Erinnerungen an den Holocaust würden immer mehr mit den übernationalen Erinnerungen verwoben. 66 Kritischer betrachtet dies Zuckermann. Er sieht in Produkten wie Schindlers Liste, auch wenn die Absicht und Motivation integer gewesen seien mögen, eine „unterhaltende Veralltäglichung“ dessen, was kaum ausgedrückt werden könne. Kommerzialisierung und Vermarktung stünden zwangsweise im Vordergrund, so daß selbst minimaler Respekt vor dem Übergang von Wirklichkeit zur Fiktion bzw. umgekehrt fehlen würde. So würden beispielsweise Kostüme, Herstellung, Schauspieler, die ganze Produktion oft mehr in den Vordergrund gestellt als die eigentliche Handlung, um die es gehe. Die dominante Kultur habe Auschwitz in eine „Konsumware“ verwandelt, „deren Tauschwert sich mittlerweile in der Hollywoodschen Oscar-Statue (...) verkörpert. Barbarei stelle sich nicht mehr als Frage einer in „Ideologie widergespiegelten Praxis, sondern als die Praxis einer gewordener Ideologie.“ 67
61 Vgl. Sznaider: Israel, S. 193.
62 Vgl. Sznaider: Israel, S. 193. Ähnlich auch bei Zimmermann: Israels Umgang, S. 392.
63 Vgl. Levy/Sznaider, S. 188, 196 f.
64 Vgl. ebenda, S. 157 - 160.
65 Vgl. ebenda, S. 161f.
66 Vgl. Sznaider: Israel, S. 185, S. 196.
67 Zuckermann: Zweierlei Holocaust, S. 14 ff. Mit diesen Formulierungen bezieht sich Zuckermann eindeutig auf die Kulturindustrie-Konzeption Adornos. Vgl. Zuckermann, Moshe: Faschismus, autoritärer Charakter und Kulturindustrie, in: jour fixe-initiative berlin(Hrsg.): Theorie des Faschismus - Kritik der Gesellschaft, Münster 2000, S. 77-90.
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Levy und Sznaider sehen in der Kosmopolitisierung und Universalisierung eine derart entscheidende Neuformierung, daß sie daraus eine vierte Phase der Holocaustrezeption, beginnend Ende der neunziger Jahre, machen. 68 In der Kosmopolitisierung werde die erfundene Gemeinschaft der Nation in Frage gestellt, es gehe nicht mehr um Freund oder Feind, sondern nur noch um Opfer. Die Nation werde nicht mehr in einem heroischen Narrativ erzählt, gedacht oder erinnert, sondern durch skeptische Erinnerungen an die Vergangenheit, die das Eigene nicht mehr beschönigen könne. 69 Universalismus und Partikularismus schlössen sich nicht mehr aus. Beides existiere gleichzeitig, „die Sehnsucht nach territorialer Unabhängigkeit und universaler Botschaft der Diaspora, die Juden als Kosmopoliten und als Volk“. 70
4.6. Erinnerungs- und Umgangsformen
Nach Tom Segev ist eine tiefergehende Debatte um den Holocaust und die Frage nach dem Umgang mit dieser Erinnerung in Israel eher selten. Für die Mehrheit der Bevölkerung seien die Schrecken einfach ein Teil der Biographie bzw. integrativer Bestandteil der kollektiven Identität. Auch wenn man fast täglich einen Bezug zum Holocaust, z. B. in den Medien, finde, würden nur wenige Israelis das Erinnern als solches reflektieren. 71 Zuckermann vertritt ebenfalls diese Position. Er geht davon aus das Israel den Holocaust von Anfang an verdrängt habe,
„während es das mythische Bild des Holocaust (späterhin zum nahezu abgegriffenen Routineausdruck degradiert) als einen gleichsam säkular-historischen ‚Beweis‘ für die Berechtigung der Gründung, aber auch der bestimmten Entwicklung des zionistischen Staates in all seinen Phasen - samt der Okkupation seit 1967 mit ihren diversen Auswirkungen - vereinnahmte. Einer solchen Auffassung zufolge hat sich Israel nie mit der human universellen, also überjüdisch moralischen Bedeutung des Holocaust als historischem Ereignis von gesamtzivilisatorischer Bedeutung auseinandergesetzt, sondern instrumentalisierte ihn durchgehend bei der vornehmlich interessengeleiteten Verfolgung seiner partikularen, d. h. ideologischen - seiner universellen Dimension
wesenhaft fremden - Ziele.“ 72
68 Levy/Sznaider, S. 19.
69 ebenda, S. 220.
70 ebenda, S. 162.
71 Segev: Zwei Gesichter, S. 15.
72 Zuckermann: Zweierlei Holocaust, S.22. Darin sieht Zuckermann auch eine Bedeutung der Begrifflichkeit „Zweierlei Holocaust“. Gemeint ist auf der einen Seite das Wesen dessen, was geschah, und auf der anderen Seite die heutige Entfremdung davon.
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Ähnlich sprechen auch Sznaider und Zimmermann von einer vorherrschenden „Tabuisierung“, an der, so Zimmermann, allmählich gerüttelt werde. 73 Allerdings geht Zuckermann davon aus, daß Israel nicht so leicht „diese letzte, ach so theatralische Bastion des ideologischen „Mementos“ aufgeben werde, da es ihm von Anfang an nicht gegeben war, den Holocaust in seiner „Wesenheit zu erinnern“. 74
Segev sieht im wesentlichen zwei Gruppen in diesem Diskurs. Die eine betone die nationalpartikulare, die andere die universell-überjüdische Lehre des Holocaust. 75 Wie kompliziert und vielfältig der Umgang mit dem Holocaust ist, kann man an den mannigfaltigen, oft divergierenden Erinnerungsformen beobachten. Grundlegend dafür ist aber vor allem auch die sehr gemischte Bevölkerungsstruktur Israels. Europäischstämmige und orientalische Juden, russische Einwanderer, deren jüdischer Status oft zivilrechtlich nicht anerkannt wird 76 , und gegen die von einem Großteil der Bevölkerung Ressentiments herrschen; Palästinenser, Araber und weitere Bevölkerungsgruppen prägen die Gesellschaft, die Kultur und auch die Erinnerungskultur. Levy und Sznaider sprechen in dem Zusammenhang von einem nicht multikulturellem, sondern pluralistischen Kultursystem. Es würden kulturelle Identitäten geschaffen, die sich jenseits des „nationalen Containers“ abspielten. Auch die Holocausterinnerungen seien davon betroffen, das Repertoire weite sich aus: universalisiert, individualisiert, pluralisiert, ignoriert. 77 Zahlreiche Gruppen seien zunächst aus der offiziellen Erinnerungskultur ausgeschlossen, früher die orientalischen oder andere nicht-europäische Juden, heute vor allem die Palästinenser und Araber auf israelischem Gebiet. Diese würden sich auf ihre Weise an der Erinnerungskultur beteiligen. Die Menschen wählten Elemente aus verschiedenen kulturellen Traditionen und verschmelzten diese zu neuen kulturellen Metaphern. Sznaider weist an dieser Stelle noch auf die amerikanische bzw. kosmopolite Holocaust-Perspektive, beispielsweise durch Spielberg oder Benigni hin, die sich mit der israelischen Gedächtnisform vermische. 78
Die Holocaustrezeption muß jedoch noch auf anderen Ebenen unterschieden werden. Laut Young verwehrt sich gerade die neue Generation gegen die Tendenz der althergebrachten
73 Vgl. Sznaider: Israel, S. 194; Zimmermann: Vom Jischuw zum Staat, S. 53.
74 Vgl. Zuckermann: Zweierlei Holocaust, S. 28.
75 Vgl. Segev: Zwei Gesichter, S. 15.
76 Vgl. Zimmermann, Moshe; Heumann, Pierre: Das blockierte Land: Innerisraelische Grabenkämpfe, in: Weltwoche Nr. 5/01 vom 1.2.2001. Zitiert von: http://www.antisemitismus.net/antisemitismus/
antizionismus/texte/zimmermann-07-1.htm, Download: 26.09.04. Elisabeth Beck-Gernsheim erläutert den komplizierten Status, nach dem allen Menschen anderer Länder die Zuflucht nach Israel ermöglicht wird, die auf-grund ihres Judentums verfolgt werden, aber die trotzdem nicht im religiösen Sinne anerkannt werden, da sie beispielsweise „nur“ einen jüdischen Vater haben. Vgl. Beck-Gernsheim, Elisabeth: Juden, Deutsche und andere Erinnerungslandschaften. Im Dschungel der ethnischen Kategorien, Frankfurt am Main 1999, S.146 - 164.
77 Vgl. Levy/Sznaider: S. 168.
78 Vgl. Sznaider: Israel, S. 195 f.
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Holocousterinnerung. Für sie habe der „Tag der Erinnerung an die Märtyrer und Helden des Holocaust” unterschiedliche Bedeutungen und werde daher heute vielfältiger begangen. 79 Auch Zimmermann sieht einen Unterschied zwischen den Generationen. Die jüngere Generation sehe die Geschichte differenzierter. 80 Das dieser Änderung durchaus Rechnung getragen würde, sieht Young in der Ausrichtung der Gedenkstätte Yad Vashem. Dort habe man die historische Ausstellung vollständig umgestaltet und beziehe nun auch die andere Opfergruppen des Nationalsozialismus ein. 81
Allerdings sieht Zimmermann als die wichtigste Unterscheidung jene, schon in Kapitel 4.4. beschriebene, zwischen religiösen mit einer nationalen Ausrichtung der Lehre und nichtreligiösen Juden, bei denen man eher die universale Lehre und Schlußfolgerungen vorfinden würde. 82 Auch Zuckermann unterscheidet zwischen zionistisch-säkularer und orthodoxreligiöser Narration und den ethnischen Gruppierungen. Er geht davon aus, daß sich diese partikularen Interessen der israelischen Holocaust-Rezeption nach außen hin (also allem nichtisraelischen bzw. nichtjüdischen gegenüber) im Jüdisch aufheben. 83 Auf der einen Seite werde das Holocaust-Gedenken zunehmend fragmentiert und damit immer mehr in „lebensweltliche Individualkategorien“ übertragen, auf der anderen Seite werde weiter das Staatsideologische des Holocaust perpetuiert. Er veranschaulicht die Parzellierung des Gedenken an Anzeigen zum Holocaust-Gedenktag in einer der zentralen Tageszeitungen im April 2001. Dort gab es auf einer Seite vier Anzeigen: Die eine von Yad Vashem, zur zentralen staatlichen Feier, eine alternative, bei der auch Homosexuelle, politische Gefangene und sogar eine Deutsche reden sollten, eine aschkenasische Feier auf jiddisch und eine Anzeige mit einem Demonstrationsaufruf von Holocaustüberlebenden gegen den Staat, die anklagte, daß ihre Wiedergutmachungsgelder verschleudert würden. 84
Seit einigen Jahren gibt es auch eine Auseinandersetzung über den Umgang mit dem Holocaust. Für Aufsehen sorgte ein Artikel von Yehuda Elkana, selbst ein Holocaustüberlebender, überschrieben mit „Ein Lob der Vergeßlichkeit“. 85 Er bezeichnet den Versuch, den Holocaust mit Gewalt in das Bewußtsein des Israelis einzuprägen, als die größte Gefahr für die Zukunft. Sich stets an den Holocaust erinnern zu müssen, könne als Aufruf zum ewigen Haß gegen
79 Vgl. Young, S. 282.
80 Vgl. Zimmermann: Vom Jischuw zum Staat, S. 52 f.
81 Vgl. Young, S. 279.
82 Vgl. Zimmermann: Vom Jischuw zum Staat, S. 53, auch bei Zuckermann: Zweierlei Holocaust, S. 173.
83 Vgl. Zuckermann: Zweierlei Holocaust, S. 172 f.
84 Vgl. Jacob, Sven: Israel - eine partikularisierte Gesellschaft. Gespräch mit dem israelischen Historiker und Soziologen Moshe Zuckermann, in: Kommune, Bd. 20 (2002), 4, S. 44-49, S. 48.
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andere interpretiert werden. Er plädiert dafür, daß die anderen „Völker“ über ihre Formen der Erinnerung entscheiden, aber „Wir hingegen müssen vergessen“. 86 Nicht ganz so gewaltig sind die Impulse, die unter anderem von den sogenannten „Neuen Historikern“ oder auch „Postzionisten“, wie z. B. Tom Segev, Benny Morris oder Moshe Zuckermann, eingebracht wurden. Wesentlicher Kritikpunkt ist der staatliche und instrumentalisierte Umgang mit dem Holocaust. In diesem Zusammenhang kritisieren sie vor allem das „Unrecht an den Palästinensern“ und die „kolonialen Praktiken der Zionisten.“ 87 Eine elementare Forderung ist die Aufgabe der partikular-jüdischen Sicht zugunsten einer universal-humanistischen. Aus dem spezifisch jüdischen Schicksal müsse ein allgemeine moralische Forderung werden, daß Auschwitz sich nicht, für niemanden, wiederhole. 88 Wie zu erwarten, führte dies zu heftigen Auseinandersetzungen und Diskussionen um die neuen Historiker und auch außerhalb Israels. Young beispielsweise findet die Arbeit der Neuen Historiker wichtig. Sie machten den Weg frei für eine langsam entstehende Begründung ihrer nationalen Existenz, indem sie wieder jene Ereignisse ins Gedächtnis riefen, die „diese Mythen verschleiert“ hätten. 89 Auch in deutschen Zeitungen, wie FR, FAZ oder die Welt diskutiert man dieses Thema konträr. 90 Besonders schwere Kritik kommt von dem österreichischen Journalist Karl Pfeifer. Dieser wirft den Neuen Historikern vor sie würden die Geschichte umschreiben, betrieben Quellenfälschung und Quellenuntedrückung, handelten geltungssüchtig, nachlässig und selbsttäuschend. Sie würden die Shoah verharmlosen um Israels Politik zu kritisieren. 91
5. Schlußbemerkungen
Bei Betrachtung der verschiedenen Rezeptionsebenen, wie Kultur oder Politik, wird deutlich, daß der Holocaust über die Jahre einen stetig größer werdenden Raum eingenommen hat. Neben einem quantitativen Anstieg wuchs auch für das Bewußtsein des israelischen Kollektivs und des Individuums die Bedeutsamkeit des Holocaust. Laut Zimmermann wurde die Shoah um so stärker zum zentralen Punkt des Selbstverständnisses und Selbstbewußtseins der Israe-
85 DerArtikel von Elkana erschien am 02..03. 1988 in der israelischen Tageszeitung Ha’arez.
86 Vgl. Young, S. 283f; Zimmermann: Israels Umgang, S.402.
87 Vgl. Levy/Sznaider, s. 137f; Young, S. 284 f.
88 Vgl. Zuckermann: Zweierlei Holocaust, S. 176.
89 Vgl. Young, S. 285.
90 Vgl. Günther, Inge: Entzauberung des Zionismus. Israels neue Historiker betrieben palästinensische Heimat-kunde und wagten zu fragen, was keiner wissen wollte, in. FR, zitiert nach: http://www.fr-aktuell.de/uebersicht/alle_dossiers/zeitgeschichte/50_jahre_israel/?cnt=15551, Download 26.09.034); Vgl. Croitoru, Joseph: Verlorene Hoffnung, in: FAZ Nr. 122 vom 27.05.04, S. 39;
Vgl. Sznaider, Natan: Adieu, zionistische Moral. Warum sich Benny Morris, einst Stichwortgeber der israelischen Linken, heute zur Vertreibung der Palästinenser bekennt, in: Die Welt vom 06.03.04, zitiert nach: http://www.welt.de/data/2004/03/06/246894.html, Download: 26.09.04.
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lis, je weiter sie in die Vergangenheit rückt. Andere Aspekte der israelischen Identität rückten mehr in den Hintergrund. Heute wird, nach Befragungen, der Holocaust als das entscheidende Ereignis der jüdischen Geschichte angesehen. Daß sich diese Sichtweise in einem jahrzehntelangem Prozeß entwickelt hat, zeigen vergleichbare Studien zum Stellenwert des Holocaust aus den Jahren 1965 bis 1990. 92 Levy und Sznaider betonen, daß Israel den benötigten Rahmen für ein kollektives Gedenken in seiner Anfangszeit nicht hatte. 93 Sowohl die „ursprüngliche Unterdrückung“ als auch das heutige „Geheiligte Gedenken“ seien Ausdrucksformen des israelischen Selbstverständnisses und Israels Stellung in der Welt. Mit der Änderung dieser Umstände habe sich auch Israels Verhältnis zum Holocaust gewandelt. 94 Wenn auch Nuancen variieren, ist der Tenor der hier vorliegenden Autoren immer derselbe: Kritik an der Mythologisierung - der Entfremdung von dem eigentlichen Geschehen - und der Instrumentalisierung zu unterschiedlichen Zwecken, oft herangezogen zur Bekräftigung völlig konträrer Aussagen. Segev weist jedoch daraufhin, daß man die israelische Erinnerung an den Holocaust nicht als reines Propagandainstrument bezeichnen könne. Er bezeichnet solche Aussagen als „bösartig oder dumm oder beides“. 95
Es stellt sich die Frage nach dem geeigneten Umgang mit dem Ereignis Holocaust. Bei den israelischen Autoren stehen zwei Begrifflichkeiten im Vordergrund: Universalisierung versus Partikularisierung. Wobei klar darauf verwiesen werden muß, daß Universalisierung hier nicht eine Verallgemeinerung, eine verharmlosende Übertragung auf andere historische Ereignisse oder eine Infragestellung der Singularität des Ereignis Holocaust meint. Laut Segev können und sollen die Israelis den Holocaust nicht vergessen. Er appelliert, die richtigen Schlußfolgerungen zu ziehen. Die Wahrung der Demokratie, die Bekämpfung von Rassismus und der Schutz der Menschenrechte sei die Aufgabe der „Siebten Million“. 96 Zuckermann fordert, daß der Holocaust gerade wegen seiner einzigartigen Erscheinung nicht „mythologisierend enthistorisiert“ und vor allem nicht durch eine Ideologie partikular vereinnahmt werden dürfe. 97 Er müsse zum nie mehr wegzudenkendem historischen Warnsignal werden, „das als solches eben nicht als vergleichbares Phänomen ‚ausharrt‘, sondern unentwegt auf die Möglichkeit menschlicher Barbarei verweist.“ 98 Nur die Trennung von dem Anspruch auf die Singularität des Holocaust mache es dem Menschen möglich, „dem kategori-
91 Vgl.Pfeifer, Karl: Neue Historiker schreiben die Geschichte um, in: Rosch Haschana Nr. 5763 (2002), zitiert nach www.contextxxi.at/html/lesen/archiv/cxxi0256_2.html, Download: 26.09.04. 92 Vgl. Zimmermann: Israels Umgang, S. 389.
93 Vgl. Levy/Sznaider, S. 103.
94 Sznaider: Israel, S. 189.
95 Segev: Zwei Gesichter, S. 15.
96 Vgl. Segev: Siebte Million, S. 673 f.
97 Vgl. Zuckermann: Zweierlei Holocaust, S. 179.
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schen Imperativ folgen zu können: ihr Denken und Handeln so einzurichten, daß nichts Ähnliches geschehe, daß Auschwitz sich nicht wiederhole“. 99 Zuckermann kritisiert, daß sowohl in Deutschland als eben auch in Israel die eigentliche universale Dimension des Holocaust zu kurz komme. Diese müsse einhergehen mit einer „auf die Zukunft ausgerichteten moralisch-emanzipatorischen Obligation“. Wichtig sei dabei, daß man in erster Linie derer gedenke, „die den unsäglichen Preis der Barbarei bezahlten“. 100 Aus dem spezifisch jüdischen Schicksal müsse ein allgemeine moralische Forderung gefolgert werden, daß Auschwitz sich nicht wiederhole. 101
Ähnlich äußert sich auch Todorov. Er geht der Frage nach, wie man sowohl die Banalisierung als auch die Sakralisierung, die die Einbeziehung nicht betroffener Personengruppen verhindert, vermeiden kann. Auch er sieht den Ansatz der Erinnerungsarbeit darin, vom Besonderen auf das Universelle zu schließen, also nicht einfach Parallelen in der Geschichte zu suchen und miteinander zu vergleichen, was beispielsweise während der letzten Kriege in Jugoslawien häufig von westlichen Politikern getan worden ist. Nicht selten wurde dort der Vergleich von Milosevic und Hitler getätigt. 102 Die Lehre, die man aus der Vergangenheit ziehe, müsse ihre Legitimation aus sich selbst schöpfen und nicht aus einer Erinnerung, die als heilig betrachtet werde. Der Gebrauch des Gedächtnisses müsse einer gerechten Sache dienen und dürfe nicht eigene Interessen fördern. Für diese Gerechtigkeit sei Gleichheit unabdingbar. Das heißt beispielsweise Taten von Regierungen nach den selben Maßstäben zu beurteilen, egal welchen Status die jeweilig Regierung innehabe. 103 Ebenso wesentlich für die Gerechtigkeit sei die Anerkennung eines Menschenrechtes auf Würde. Deutlich werde ihm das unter anderem an der in Kapitel 4.1. erläuterten Auseinandersetzung um Folter in Israel. Befürworter und Gegner der Legalisierung von Folter verweisen beide auf den Holocaust. Todorov zieht daraus den Schluß, daß man einzig nach ethischen und rechtlichen Prinzipien urteilen soll und nicht mit Verweis auf die Vergangenheit. 104
Levy und Sznaider sehen die heutige Zeit bereits als die Phase der Universalisierung und der globalisierten Erinnerung. Die kosmopolitisierende Welt brauche ein kosmopolitisches Ge- 98 ebenda.
99 Zuckermann: Zweierlei Holocaust, S. 179 f. Zuckermann bezieht sich hier, wie so oft in seinen Ausführungen auf Adorno. Vgl. Adorno, Theodor W.: Erziehung nach Auschwitz, in: Kadelbach, Gerd (Hrsg.):Erziehung zur Mündigkeit. Vorträge und Gespräche mit Helmut Becker 1959-1969, Frankfurt am Main 1971, S. 88-105.
100 Zuckermann: Zweierlei Holocaust, S. 175 f.
101 Vgl. Zuckermann: Zweierlei Holocaust, S. 176.
102 Vgl. z. B. Schwab-Trapp, Michael: Kriegsdiskurse. Die politische Kultur des Krieges im Wandel 1991-1999, Opladen 2002, S. 284 f.
103 Vgl. Todorov, S. 14.
104 ebenda, S. 15.
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dächtnis. Damit sei nicht ein Kollektivgedenken der globalen Zivilgesellschaft gemeint, sondern ein Sammelsurium fragmentierter Erinnerungen, die um den Holocaust zirkulieren. Keiner der Beteiligten könne sich dieser neuen Erinnerungspolitik entziehen. 105 Die Erinnerungen an den Holocaust würden die nationalstaatlichen Grenzen aufbrechen, so Levy/Sznaider. 106 Zuckermann äußert sich dagegen staatskritischer, die interessensgeleitete Behandlung der Erinnerung an den Holocaust ist für ihn ein a priori des Staates. Schließlich sei sein Ziel die Erhaltung des Staates mit all seinen Gewalt- und Herrschaftsmechanismen. 107 Von daher dürfe sich die zu umsetzende politische Handlung, die sich aus dem Andenken ergebe, nicht staatskonform und schon gar nicht staatsideologiekonform begreifen. Sie müsse sich sogar ganz im Gegenteil eine „immerwährende kritische Haltung gegenüber den verdinglichenden Übergriffen der (staatlichen) Ideologie wahren.“ 108
Es bleiben jedoch Fragen offen. Beispielsweise die von Zuckermann geforderte Besinnung auf das „Wesenhafte“ wirft das Problem auf, wer denn entscheidet was das wesentliche des Holocaust sei. Wo wird die Erinnerung der Vergangenheit gerecht und wo fängt Instrumentalisierung an? Wer hat das Recht darüber zu befinden? Wenn die Absichten und die Vorstellung der Autoren sicher rechtschaffend und plausibel sind, bleibt das Problem der praktischen Umsetzung. Die Frage nach dem Umgang mit dem Holocaust ist sicher noch lange ein Streitthema und wahrscheinlich wird es nie den einen goldenen Weg geben.
105
Vgl. Levy/Sznaider, S. 233-235.
106 Vgl. ebenda, S. 235.
107 „Ideologie wohnt von jeher das Repressive inne, und die Ideologie eines Staates ist repressiv im Sinne der Herrschaft, das heißt also: im Sinne der unabdingbaren Selbsterhaltung.“ Zuckermann, Zweierlei Holocaust, S. 177.
108 Zuckermann: Zweierlei Holocaust, S. 178
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Arbeit zitieren:
Sara Lohoff, 2004, Die Rezeption des Holocaust in Israel, München, GRIN Verlag GmbH
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