Inhaltsverzeichnis.....................................................................................................................................I
1. Einleitung. 1
Teil I: Wandel der Psychogenese
2. Identität und Persönlichkeit. 2
2.1. Zur Entstehung und Funktion des Identitätsstandards einer Person. 2
2.1.1. Der Ansatz des symbolischen Interaktionismus. 3
2.1.2. Psychodynamische Erklärungsansätze. 4
2.2. Zur Bedeutung von Identität, Persönlichkeit, Charakter und Identitätsstandard. 5
3. Wandel der Inditätsstandards. 6
3.1. Der anale Identitätsstandard. 6
3.2. Der narzisstische Identitätsstandard. 7
3.3. Gründe und Anzeichen für den Wandel vom analen zum narzisstischen
Identit ätsstandard. 10
4. Bedeutung der Selbstdarstellung im Wandel. 12
4.1. Selbstdarstellung zum Anzeigen der Funktionen einer sozialen Rolle. 13
4.2. Selbstdarstellung zur Befriedigung des Bedürfnis nach Anerkennung. 14
Teil II: Wandel der Soziogenese
5. Wandel der Gesellschaft. 18
5.1. Gruppenorientierte Vergesellschaftung. 19
5.1.1. Gruppenorientierte Vergesllschaftung im privaten Bereich. 20
5.1.2. Gruppenorientierte Vergesllschaftung im öffentlichen Bereich. 21
5.2. Netzwerkorientierte Vergesellschaftung. 22
5.2.1. Netzwerkorientierte Vergesellschaftung im privaten Bereich. 23
5.2.2. Netzwerkorientierte Vergesellschaftung im öffentlichen Bereich. 24
5.3. Gründe und Anzeichen für den Wandel. 25
6. Soziale Netzwerke. 27
6.1. Entstehung von virtuellen Raum. 29
6.2. Entstehung von Netzwerken in virtuellen Räumen. 31
I
Teil III: Selbstdarstellung im virtuellen Netzwerkraum
7. Inhaltliche Beschreibung des Internetportals „studiVZ“ 32
7.1. Vorgehensweise. 32
7.1.1. Definition des „studiVZ“ als Netzwerk in einem virtuellen Raum 32
7.1.2. Beschreibung von virtuellen Räumen des „studiVZ“ mit dem SIS-Modell. 35
7.1.2.1. Beschreibung der Proportionen der virtuellen Räume und der
digital verkörperten sozialen Güter. 35
7.1.2.2. Beschreibung des institutionellen Rahmens des Gesamtraumes. 38
7.1.2.3. Symbolanalyse der Benutzeroberfläche des Gesamtraumes. 39
7.2. Morphologie, Interaktions- und Kommunikationskriterien des „studiVZ“ 40
7.2.1. Morphologie 40
7.2.2. Interaktions- und Kommunikationskriterien. 41
7.3. Beschreibung des Modus der Selbstdarstellung nach Goffman. 43
8. Hypothesen zur Selbstdarstellung im Zusammenhang mit den Funktionen
des „studiVZ“ 44
8.1. Selbstdarstellung zur Befriedigung des Bedürfnis nach Geselligkeit. 45
8.2. Selbstdarstellung zur Befriedigung des Bedürfnis nach Selbstbeschreibung. 47
9. Zusammenfassung. 49
Anlage
Nr. 1: Literatur- und Quellenangabe. II
Nr. 2: Tabellenverzeichnis. VIII
Nr. 3: AGBs des „studiVZ“ VIII
Nr. 4: Verhaltenskodex des „studiVZ“ XXI
Nr. 5: Tabellarisch dargestellte Einstellungen zur Privatsphäre (Tabelle 3) XXIV
Nr. 6: Zugangsdaten des Erkundungsprofils. XXV
Nr. 7: Beschreibung der Navigation durch das Erkundungsprofil. XXVI
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1. Einleitung
„Ich arbeite beruflich mit zumeist jungen Erwachsenen (ab 18 J.) und schaue ganz gern in den einschlägigen Foren mal nach, was die lieben Kleinen da so treiben. Zum einen ist der sorglose Umgang mit Informationen erschreckend und zum anderen bin ich über die Fotos der Frauen wirklich entsetzt“ („Sehnsuchtsvolle“ 2005: User der Brigitte.de Community.). Dieses Zitat verdeutlicht, dass sich die Grenzen zwischen Verhüllung und Enthüllung der Persönlichkeit grundlegend verschoben haben. Die Verfasserin dieses Forum Eintrags ist entsetzt über die scheinbar unreflektierte Veröffentlichung von persönlichen Informationen und Fotos, ihrer „lieben Kleinen“. Für diese scheint jedoch ein solches Vorgehen ebenso selbstverständlich wie alltäglich zu sein. Dieser Wandel im Modus der Selbstdarstellung ist thematischer Kern meiner Ausarbeitung. Ich nähere mich ihm in drei Schritten. Im ersten Teil beschäftige ich mich mit dem Wandel der Psychogenese, also mit dem Veränderungsprozess der Persönlichkeitsstruktur der Individuen, um die Gründe für die veränderte Bedeutung der Selbstdarstellung zu skizzieren.
Im zweiten Teil beschreibe ich Konsequenzen die sich durch diese Veränderung der Identitätsstandards ergeben und Auswirkungen auf die Art und Weise von Selbstdarstellung haben. Ich beleuchte den Trend zu einer neuen Form der Vergesellschaftung, beschäftige mich also mit dem Stand der Soziogenese. In diesem Zusammenhang beleuchte ich den Wandel von der gruppenorientierten zur netzwerkorientierten Vergesellschaftung. Zudem beschäftige ich mich mit der Entstehung von realen und virtuellen Raum. Im dritten Teil nehme ich eine inhaltsanalytische Beschreibung des „studiVZ“ vor. Dieses Internetportal wurde im Oktober 2005 gegründet und war ursprünglich für Studenten gedacht. Prinzipiell besteht aber für jeden die Möglichkeit dieses Angebot kostenlos zu nutzen. Nach Angaben des Betreibers zählte das „studiVZ“ im Jahr 2007 4 Millionen registrierte Benutzer (vgl. Hensen 2007). Erweitert wurde das Angebot zur Vernetzung im Februar 2008, durch die Verlinkung des „studiVZ“ mit dem Internetportal „meinVZ“ (3 Millionen registrierte Benutzer), das sich an Privatleute wendet die nicht oder nicht mehr studieren (vgl. Frankfurter Neue Presse: 2008). Aus den Ergebnissen dieser Analyse leite ich Hypothesen zur Bedeutung der Selbtsdarstellung im „studiVZ“ ab. Sie bilden das Ergebnis dieser Arbeit. Zudem soll die Beschreibung des „studiVZ“ aufzeigen, dass sich Muster der narzisstischen Persönlichkeitsstruktur nicht nur auf reale Räume übertragen lassen, sondern auch auf virtuelle Netzwerkräume: „Die Muster der Persönlichkeitsstruktur lassen sich auf den Siedlungsraum übertragen“ (Schubert 2002: 166).
Ich habe dieses Thema gewählt, weil es eng mit dem Prozess der Identitätsfindung des Individuums einhergeht (vgl. Sennett 1983: 143, Goffman 1969: 232).
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Es soll klar werden, dass die Selbstdarstellung des Individuums nicht nur dazu dient Anteile seiner Identität zu präsentieren, sondern dass diesem Vorgang selbst eine identitätsstiftende Wirkung inne wohnen kann.
Teil I: Wandel der Psychogenese
„Jede Gesellschaft reproduziert ihre Kultur - ihre Normen, ihre Grundvoraussetzungen, ihre Art und Weise des Ordnens und Wertens von Erfahrungen - im Individuum, im Medium Persönlichkeit“ (Lasch 1995: 63).
Um den gewandelten Modus der Selbstdarstellung näher zu beleuchten, ist es notwendig zunächst die Wandlung der Charaktere, die sich darstellen, zu beschreiben. Dem entsprechend sind die Anzeichen für die Entwicklung vom analen Identitätsstandard des
19. Jahrhunderts, zum narzisstisch geprägten der Postmoderne Gegenstand des ersten Teils.
2. Identität und Persönlichkeit des Selbst
Die allgemeine Vorstellung, dass wir uns selbst vor anderen darstellen, ist kaum neu; was (...) betont werden sollte ist die Tatsache, dass gerade die Struktur unseres Selbst unter dem Gesichtspunkt der Darstellung betrachtet werden kann“ (Goffman 1969: 230). Dieser Aussage liegt die Erkenntnis zugrunde, dass der Modus der Selbstdarstellung einen Hinweis auf den Stand der Psychogenese gibt. Wie Goffman (1969) diesen Erkenntnisgewinn beschreibt, rezipiere ich unter Punkt 3. Im Folgenden gebe ich einen Überblick über zwei für diese Ausarbeitung relevante Erklärungsansätze zur Entstehung und Funktion von Identität, da es, beschäftigt man sich mit der Selbstdarstellung von Nöten ist zu beschreiben, wofür der Begriff des Selbst steht. Zudem ist dieser Einblick notwendig, um die Wechselwirkung zwischen der Darstellung von Merkmalen einer Identität (vgl. Punkt 2.2.) und der identitätsstiftenden Wirkung dieser Darstellung zu unterstreichen bzw. um im Verlauf der Ausarbeitung wieder Bezug auf diesen Kreislauf nehmen zu können.
2.1. Erklärungsansätze zur Entstehung und Funktion der Identität einer Person Für den Begriff der Identität existiert keine einheitliche Begriffsbestimmung. Ich habe eine Definition ausgewählt, die mit dem Thema dieser Arbeit korrespondiert: „Identität definiert eine Person als einmalig und unverwechselbar und zwar in zweierlei Hinsicht: Durch das Individuum und durch die soziale Umgebung“ (Rosenbach 2005). Die Definition findet Anwendung, da ihr die Erkenntnis zugrunde liegt, dass Identität sowohl vom Individuum selbst entworfen als ihm auch durch dessen soziale Umgebung zugeschrieben wird. Gesellschaft und Individuum sind prozesshaft verbunden. In diesem Zusammenhang ist auf Erikson (1973: 143, 260; zitiert in Sennett 1983: 143) hinzuweisen, welcher die Identität als „Schnittpunkt zwischen dem was eine Person sein will, und dem was die Welt ihr zu sein
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gestattet“, beschreibt. In diesem Sinne formen sich die Menschen als Interakteure gegenseitig ihre Identität (vgl. Punkt 2.1.1.), um die Situation in der sie handeln zu bestimmen und die Ziele des oder der Mitmenschen, die an einer Interaktion beteiligt sind, abschätzen zu können. Wenn ich von einer Interaktion spreche, so impliziere ich damit die Existenz von mehreren personalen Identitäten. Damit meine ich, dass sich ein Mensch an unterschiedlichen Orten zu unterschiedlichen Zeiten seiner jeweiligen gesellschaftlichen Funktion entsprechend darstellen kann (vgl. Punkt 2.2.).
Ergänzen möchte ich diese Begriffsbestimmung durch die von John Locke (vgl. Wiedemann 2007), welche die Identität der Person nicht in dessen substanzieller Einheit sieht, sondern als Produkt der auf sich bezogenen Vorstellungen.
In diesem Zusammenhang spielt die Verinnerlichung gesellschaftlicher Werte, als Grundlage der auf sich bezogenen Vorstellungen, eine entscheidende Rolle. Wie diese durch Internalisierung zu einem Teil des eigenen Wesens werden, beschreibe ich mit Hilfe der folgenden Erklärungsansätze.
2.1.1. Der Ansatz des symbolischen Interaktionismus
Um zu verstehen, wie die Identitäten des Individuums Bedeutung gewinnen, empfiehlt sich der Ansatz des symbolischen Interaktionismus.
Er stammt aus der amerikanischen Philosophie und geht auf George Herbert Mead zurück. Herbert Blumer (1973) hat diesen Ansatz aufgegriffen und weiterentwickelt. Die folgenden drei Anschauungen sind das Fundament des symbolischen Interaktionismus:
1. Das Handeln der Menschen „Dingen“ gegenüber vollzieht sich auf der Bedeutungsgrundlage, die diese Dinge für den Menschen haben. Unter „Dinge“ wird im symbolischen Interaktionismus alles subsumiert, was der Mensch in seiner Umwelt wahrnimmt. Das Spektrum beinhaltet materielle Dinge (wie z.B. ein Baum), soziale Dinge (wie z.B. Freunde und Eltern) und gesellschaftliche Dinge (wie z.B. Institutionen) (vgl. Blumer 1973: 80). 2. Durch die soziale Interaktionen mit Mitmenschen entstehen diese Bedeutungen. 3. Modifiziert werden die Bedeutungen der Dinge durch interpretative Prozesse während ihrer Benutzung, also während der Auseinandersetzung mit den Dingen, die uns im Alltag oder während einer Interaktion begegnen. (nach Blumer 1973: 81)
Für Mead (1934) beinhalten Interaktionen das Präsentieren von Gesten, sowie die Reaktionen auf die Bedeutung solcher Gesten.
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Gesten, als Bestandteil des sozialen Handelns, geben dem Wahrnehmenden einen Anhaltspunkt auf die der Handlung zugrunde liegenden Motivation, dessen der die Geste anzeigte. Das Präsentieren von Gesten ist also ein Bestandteil der Selbstdarstellung. Blumer (1973) nennt als Bedingung für den Austausch von Gesten die gegenseitige Rollenübernahme. Um sich sicher zu sein, dass die Bedeutung einer angezeigten Geste dem anderen richtig übermittelt wird, muss man sich in dessen Lage versetzen. Der symbolische Interaktionismus geht davon aus, das der Mensch sich selbst zum Objekt machen kann. Das heißt, dass sich der Mensch von außen beobachten kann, indem er sich entweder in andere Menschen hinein versetzt (Rollenübernahme) um sich aus dieser Perspektive selbst zu betrachten, oder auf sich selbst bezogen handelt. Mead (1934) unterteilte zum besseren Verständnis dieses Vorgangs das Individuum in zwei Bereiche, das „I“ und das „Me“. Diese zwei Stufen des Selbst stehen in Wechselwirkung zueinander. Das „I“ reagiert auch für den Handelnden selbst spontan und nicht prognostizierbar auf soziale Situationen. Das „Me“ wiederum beinhaltet verinnerlichte Reaktionen unserer Mitmenschen, die das spontane Verhalten des „I“ einer ständigen kritischen Prüfung unterziehen. Daraus ergibt sich wiederum die Schlussfolgerung, dass sich Individuum und Gesellschaft gegenseitig beeinflussen (vgl. Punkt 2). Die jeweilige gesellschaftliche Gruppe verleiht dem Individuum seine Identität, indem die „signifikanten Anderen“ Einfluss auf deren Ausformung haben (Blumer 1973: 82).
Diese signifikanten Anderen sind vom Individuum emotional besetzt und es steht mit diesem in der Regel in einer andauernden Interaktion.
2.1.2. Psychodynamische Erklärungsansätze
In psychodynamischen Theorien wird die Funktion des „Me“ mit der Bezeichnung „Ich-Ideal“ beschrieben. Auch dieses gilt als Produkt gesellschaftlicher Wertvorstellungen: „Das Über-Ich beinhaltet aber auch das Ich-Ideal, das nach Perfektion und der Realisierung verinnerlichter Ideale strebt“ (Altenthan u.a. 1983: 381).
Das Individuum strebt danach, verinnerlichte Ideale zu verwirklichen und von der Außenwelt an Hand dieser Wertvorstellungen als Person definiert zu werden. Dieses Handeln ist Teil des „Realitätsprinzips“:
An Stelle der Verdrängung, (...), trat die unpatreiische Urteilsfällung, welche entscheiden sollte, ob eine bestimmte Vorstellung wahr oder falsch ist, das heißt im Einklang mit der Realität sei oder nicht“ (Freud 1911: 233).
Dieser Einklang bezüglich der Vorstellungen des Individuums über die eigene Identität mit den Eindrücken seiner sozialen Umwel ist notwendig, damit die individuelle Konstruktion von Realität innerhalb einer Interaktion zwischen verschiedenen Personen keine Differenzen aufweist (vgl. Zimbardo/Gerrig 2004: 210).
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2.2. Zur Bedeutung von Identität, Persönlichkeit, Charakter und Identitätsstandard Identität wird unter anderem durch die gegenseitige Interpretation von Merkmalen und Bedeutungen im Handeln und Verhalten der an einer Interaktion beteiligten Menschen
gebildet. So kann eine Person hinsichtlich ihrer Absichten und Ziele, die sie als Darsteller von Eigenschaften der jeweiligen sozialen Rolle verfolgt, definiert werden. An die Eigenschaften einer sozialen Rolle sind Erwartungen geknüpft. Möchte der Träger der Rolle diese Erwartungen erfüllen, so hat er ein „situationsspezifisches Verhalten“ an den Tag zu legen, welches der Gesamtheit von Eigenschaften der jeweiligen Rolle entspricht (Sennett 1983: 56). Die Zuschauer der Darstellung dieser Eigenschaften neigen dazu, deren Inhalt dem wahren Charakter der jeweiligen Person zuzuschreiben (vgl. Goffman 1969: 73). Hier ist aber eine Grenze zum wahren Selbst zu ziehen, da ein Individuum Darsteller mehrerer Rollen sein kann, also Träger mehrerer personaler Identitäten ist und dementsprechend verschiedene Eigenschaften, die der jeweiligen Rolle entsprechen, willkürlich abbildet (vgl. Punkt 2.1.). Diese müssen aber nicht zwangsläufig Teil seines Wesens sein (vgl. Punkt 4.1.). Der Begriff Person kommt aus dem lateinischen und bedeutet Maske und Charakter (vgl. Der kleine Duden 1998). Ich verwende den Begriff in doppelter Hinsicht. Zum einen als Set von Masken, die das Individuums benutzt um bestimmte Rollen mit ihren jeweiligen Eigenschaften, willkürlich darzustellen. Dieses bildet einen Teil der Persönlichkeit. Zum anderen gehe ich davon aus, dass das Individuum nicht nur die Eigenschaften der jeweiligen Rolle darstellt, sondern das es auch bestimmte Eigenschaften, die ein Teil seines Wesens geworden sind oder immer waren, unabhängig davon ob sie Teil der jeweiligen Rolle sind oder nicht, während des Darstellens einer Rolle unwillkürlich auslebt. Diese willkürlich bzw. unwillkürlich dargestellten Attribute verstehe ich als weitere Teile der Persönlichkeit und zugleich als wichtige Elemente für die Konstitution des Charakters: „Charakter (...): Gesamtheit der geistig seelischen Eigenschaften eines Menschen, seine Wesensart; der Mensch als Träger bestimmter Wesenszüge“ (Der kleine Duden: 1998).
Wie ich unter Punkt 2.1. aufgezeigt habe, geht der Identität der jeweilig darzustellenden Rolle ein Aushandlungsprozeß voraus, in dessen Verlauf das Individuum die Eigenschaften der Rolle, die es darstellt, interpretiert und ihnen so eine Bedeutung verleiht. Diese Bedeutungen füllen die Eigenschaften der jeweiligen sozialen Rolle für das Individuum mit Inhalt. Ich sehe sie als Identitätsmerkmale an, die sich das Individuum aneignen kann, um sein Selbst zu bilden. Die Gemeinsamkeiten der Identitätssmerkmale bilden den Identitätsstandard, sozusagen die Richtschnur zur Bildung bzw. zum Erhalt des Selbst. Das Selbst verstehe ich nicht als fest stehende geistige Formation. Sondern ich pflichte der Idee bei, dass die Individuen „multiple“ Identitäten aufweisen. (vgl. Turkle 1998: 287).
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„(...) Menschen erleben Identität als ein Reportoire von Rollen, die sich mischen und anpassen lassen und über deren verschiedene Anforderungen verhandelt werden muss“ (Turkle 1998: 289).
Da das Ich-Ideal das Produkt gesellschaftlicher Wertvorstellungen ist (vgl. Punkt 2.1.), und dieses die Bildung von personalen Identitäten, deren gemeinsame Eigenschaften den Identitätsstandard bilden, beeinflusst, lassen sich von diesem Rückschlüsse auf gesellschaftliche Wertvorstellungen ziehen (vgl. Lasch 1995: 63). In diesem Zusammenhang ist auf Durckheim zu verweisen:
„Die Persönlichkeit ist das vergesellschaftete Individuum“ (Durkheim 1895 : 114 ff.).
3. Wandel der Identitätsstandards
Ausgehend von der Erkenntnis, dass die Wesenszüge der Menschen einer Gesellschaft in gebündelter Form pathologisch in Erscheinung treten (vgl. Lasch 1995: 62 f., Dörte-Finger 1981: 186), schildere ich im Folgenden die Entstehung und die pathologischen Merkmale des analen und des narzisstischen Identitätsstandards. Darauf aufbauend beschreibe Anzeichen für die Veränderung der Persönlichkeitsstruktur der Menschen.
3.1. Der anale Identitätsstandard Entstehung
Freud (1914: 402-410) fand heraus, dass Kinder im Wesentlichen drei Phasen der kognitiven Empfänglichkeit durchleben. Die erste Stufe ist durch eine inaktive Aufnahme von Reizen aus der Umwelt gekennzeichnet, die zweite Stufe zeichnet sich durch eine rücksichtslose und dem eigenen Leib zuführende Rezeption von Stimuli aus. Am Ende der Kindheit durchläuft der Mensch das dritte Stadium, welches von Freud den Namen „anal-erotische Phase“ erhielt (ebd.: 403). Mit dem Erlebnis der ersten Darmentleerung geht für das Kind der Konflikt zwischen Einhalten oder Abgeben einher. Genauer gesagt entsteht zum ersten Mal das Gefühl ein Stück der eigenen Körperlichkeit zu verlieren (ebd.: 409). Dieser Konflikt kann sich durch Reaktionsbildung und Sublimierung in Wesenszüge niederschlagen, die sich als zwanghaftes Verhalten bezeichnen lassen. Freud (ebd.: 403 f) ordnete diesem Verhalten folgenden Charaktereigenschaften zu: „Geiz, Pedanterie und Eigensinn“. Wenn sich diese Eigenschaften gleichzeitig im Wesen eines Menschen verbinden, spricht man vom „Analcharakter“. Pathologische Merkmale
Hauptmerkmale des analen Charakters sind die hervorgehobenen moralischen Vorstellungen des Über-Ichs, welche zum Ordnungsprinzip im Verhalten der Gesellschaft des 19. Jahr-hunderts wurden (vgl. Fromm 1979: 85).
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Zwanghafte Vorstellung existierten bspw. zur Identität. Man betrachtete sie als nach innen geleitet (vgl. Riesmann 1958). Das heißt, die eine feste „Kernidentität“ als solche zeichnete den Menschen aus. Rollenwechsel waren durch die stärkere Gruppenbindung des analen Charakters (vgl. Punkt 5.1.) einer stärkeren sozialen Kontrolle unterworfen (vgl. Turkle 1998: 289). Als ein weiteres Beispiel zwanghaften Verhaltens ist die Darstellung von überdurchschnittlichen Fleiß zu nennen (vgl. Lasch 1995: 94). Da zwanghafte Störungen vor Hundert Jahren gehäuft auftraten, kann man darauf schließen, dass die Menschen dieser Zeit vom analen Identitätsstandard geprägt waren (vgl. Lasch l.c.: 66).
3.2. Der narzisstische Identitätsstandard
Zwanghafte oder hysterische Persönlichkeitsstörungen treten heutzutage kaum noch auf (vgl. Sennett 1983: 22). Dafür häufen sich undurchsichtige Beeinträchtigungen des Gemüts vieler Menschen, für die die Dominanz des narzisstischen Anteils der menschlichen Persönlichkeit als Begründung angeführt wird (vgl. Lasch 1995: 66 f.).
„In den letzten fünfundzwanzig Jahren ist der Patient, der den Psychiater nicht mehr mit scharf umrissenen Symptomen, sondern mit diffusen Verstimmungen konfrontiert, immer häufiger geworden“ (Lasch 1995: 66). Entstehung
Nach Sigmund Freud (1914: 138 ff.) ist Narzissmus ein Zustand der menschlichen Persönlichkeit, der durch triebhaften Autoerotismus geprägt ist. Er unterscheidet zwei Formen: Den primären und den sekundären Narzissmus. Die erste Form korrespondiert mit dem Entwicklungsstadium eines Säuglings, der noch nicht zwischen sich und seiner Umwelt unterscheiden kann. Dem entsprechend besteht für einen Erwachsenen mit einer primären narzisstischen Störung die Gefahr, keine Distanz zwischen sich und seiner Umwelt herstellen zu können. Ein weiteres Anzeichen der primär narzisstischen Störung ist die Überschätzung des eigenen Selbst.
Der sekundäre Narzissmus geht als Störung aus dem frühkindlichen Erleben, von einer Person, zu der eine enge Bindung besteht, wiederholt allen gelassen zu worden zu sein, hervor. Durch solche Erfahrungen, werden Empfindungen, Triebe und Begehrlichkeiten, die auf andere Individuen gerichtet waren, auf das eigene Selbst zurück bezogen. Dem entsprechend zeigen Erwachsene, die an einer sekundären narzisstischen Störung leiden, ein brüchiges Selbstbewusstsein auf, das von der Bestätigung der sie umgebenden Personen abhängt. Unabhängig von solchen Beeinträchtigungen in der frühkindlichen Entwicklung ist die Bestrebung nach Entfaltung und Präsentation der Persönlichkeit, die ich als Anzeichen für den narzisstischen Identitätsstandard begreife, zu einer gesellschaftlichen Wertvorstellung ge-worden.
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Sie wird auch von Menschen ausgelebt, die in ihrer Entwicklung nicht von solchen Beeinträchtigungen heim gesucht wurden. Wie lässt sich das erklären? Ein Hinweis findet sich bei Fromm (1979). Er geht davon aus, dass die Charakterbildung das Produkt „der zwischenmenschlichen Konstellationen in den ersten Lebensjahren und vor allem der auf sie einwirkenden gesellschaftlichen Bedingungen ist“ (ebd.: 85). In diesem Zusammenhang ist auf Elias (1987: 210) zu verweisen, der als ein wesentliches Merkmal der entwickelteren Gesellschaften die Tatsache beschreibt, dass die Menschen ihrer „Ich-Identität“ mehr Bedeutung beimessen als einer „Wir-Identität“ und dass sie diese unter anderem benutzen, um sich von anderen abzugrenzen. Dieses Ausleben der Merkmale einer Ich-Identität durch enge Bezugspersonen sind als einwirkende Bedingungen in den ersten Lebensjahren zu verstehen, die die Persönlichkeitsbildung eines Kindes beeinflussen können. Auch in diesem Sinne beeinflusst die Soziogenese die Psychogenese. Lasch (1995: 69) schreibt in diesem Zusammenhang: „Verinnerlichte Imagines anderer Menschen, die in frühester Jugend im Unterbewusstsein gespeichert werden, werden auch zu Bildern des eigenen Selbst.“ Pathologische Merkmale
Zu den undurchsichtigen Beeinträchtigungen des Gemüts gehören vor allem die Empfindungen sich leer zu fühlen, verbunden mit dem Gefühl stets etwas Besseres erreichen zu können als das was man hat (sowohl im materiellen als auch im sozialen Bereich) und ein Selbstwertgefühl, dass Achterbahn fährt weil es von der Bewunderung der anderen abhängt und mit dieser steht und fällt (vgl. Sennett 1983: 22 f.).
Lasch (1995: 30, 79 f.) weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Welt für den Narzissten ein „Spiegel“ ist, an dem er nur insofern interessiert ist, wie er sein eigenes Image reflektiert, um es auf eventuelle Mängel, die mit dem grandiosen Selbst unvereinbar sind, zu überprüfen. Für den narzisstisch geprägten Menschen haben die Interaktionen mit Mitmenschen nicht mehr an sich eine Bedeutung. Sondern bedeutend sind Interaktionen, die für das Individuum relevant sind, z.B. wenn sie dem Selbst Gratifikationen bescheren (vgl. Sennett 1983: 22).
Um Gratifikationen zu erhalten, benutzt das vom narzisstischen Identitätsstandard geprägte Individuum seine Fähigkeit „zwischenmenschliche Beziehungen zu manipulieren“, die es trotz „seines inneren Leidens besitzt“ (Lasch 1995: 75).
Paradoxerweise genau dann, wenn es sie erhalten hat, kann die Person die diese Beachtung „verabreichte“ schlimmstenfalls uninteressant oder gar abgewertet werden (vgl. Lasch 1995: 68). Sennett (1983: 22) stellt in diesem Zusammenhang fest:
„Der Narzissmus besitzt also die doppelte Eigenschaft, die Versenkung in die Bedürfnisse des Selbst zu verstärken und zugleich ihre Erfüllung zu blockieren“.
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Die Abhängigkeit von Bewunderung durch andere entsteht durch deren „Abwertung“ sowie der reduzierten „Neugier“ ihnen gegenüber, wodurch „wirkliche geistige Auseinandersetzungen“ mit der Umwelt nicht stattfinden (Lasch 1995: 70). Dadurch hat das Individuum wenig „Sublimierungsmöglichkeiten“ und bleibt deswegen von der Bewunderung der anderen abhängig (ebd.). Zudem kommt es aufgrund der andauernden Beschäftigung mit dem eigenen Selbst dazu, dass „es uns ungemein schwer fällt uns selbst oder anderen ein klares Bild davon zu machen, woraus unsere Persönlichkeit besteht“ (Sennett 1983: 16). So werden Visionen vom Selbst die aus Erfahrungen, Gefühlen und Reizen des physischen und psychischen Apparats entstanden sind, für das Individuum zum Repräsentant der Persönlichkeit bzw. zum Ich-Ideal (vgl. Punkt 2.1.2.) und nehmen dadurch eine Vormachtstellung im Aufbau des Geisteszustandes ein (vgl. Volkan/Ast 1994: 13 ff.). Die Liebe dem eigenen Selbst gegenüber ist übersteigert, wodurch das Ich-Ideal zu hoch angesetzt wird. Dies führt zu einer Subjektivierung der Selbstdarstellung. Sie dient nicht mehr nur als Ordnungsprinzip der Situation einer Interaktion (vgl. Goffman 1969: 221) und als Mittel der Abgrenzung zwischen der privaten und öffentlichen Sphäre (vgl. Sennett 1983: 25), sondern ist im wahrsten Sinne des Wortes auch zum Selbstzweck geworden (vgl. Punkt 4.2.). Lasch (1995: 61 f.) teilt die mit dem „pathologischen Narzissmus assoziierten Charakterzüge“ wie folgt ein:
Eine menschliche Persönlichkeit, die solche Eigenschaften an den Tag legt, ist dem entsprechend vom narzisstischen Identitätsstandard geprägt. Ein weiteres Merkmal dieses Identitätsstandards ist die „ironische Distanzierung als Flucht vor Routine“ (Lasch 1995: 142 f.).
Durch diese Methode kann das vom narzisstischen Identitätsstandard geprägte Individuum ein Gefühl der Belanglosigkeit kompensieren, welches der Alltag mit seinen immer wiederkehrenden Abläufen hervor bringen kann. Da die psychischen Störungen, die mit dem Narzissmus korrelieren, zugenommen haben (vgl. Sennett 1983: 22), kann man auf eine Verbreitung dieses Identitätsstandards schließen.
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3.3. Gründe und Anzeichen für den Wandel vom analen zum narzisstischen Identitätsstandard
Anzeichen eines solchen Wandels lassen sich an der Bedeutungsverschiebung zwischen der öffentlichen und der privaten Sphäre erkennen. Sennett (vgl. 1983: 31) sieht einen Verfall des öffentlichen Lebens, der seinerseits auch die private Sphäre des Individuums in Mitleidenschaft gezogen hat, im Wesentlichen darin begründet, dass die Menschen ihr Handeln in der Öffentlichkeit nicht mehr von Konventionen ordnen lassen. Diese Konventionen entsprechen in übersteigerter Form den zwanghaften moralischen Ansprüchen des analen Charakters (vgl. Punkt 3.1.), insofern, als dass die Menschen daran glaubten, durch die Unterdrückung von „Ansprüchen der Natur“ aus dem „´Menschentier` ein gesellschaftliches Wesen“ machen zu können (Sennett 1983: 35). Eine Übereinkunft, die noch im 18. Jahrhundert Gültigkeit hatte, war, dass man die Gefühle während das Spielens einer sozialen Rolle darstellt und nicht verkörpert (ebd.: 64). Diese Distanz zu den Empfindungen des eigenen Selbst, schuf in der Öffentlichkeit eine wirkliche Geselligkeit, da sich die Menschen benahmen, wie sie sich durch ihre Gesten (vgl. Punkt 2.1.1.) darstellten und nicht wie sie sind bzw. sich gerade fühlten. Dem entsprechend war die Interaktion nicht von kurzweiligen Stimmungsschwankungen der Interakteure beeinträchtigt.
Zerstört wurde dieses Prinzip durch das im 19. Jahrhundert entstandene und bis heute gültige Verständnis der Persönlichkeit als „einmaliger und einzigartiger Ausdruck individueller Charakterzüge“, welches zum Glauben führte, dass Äußerlichkeiten „unwillentlich das Innere eines Menschen ausdrücken“ (Lasch 1995: 140). Dieser Glaube führte wiederum zu einem „Rückzug aus dem Gefühl“, welches sich in der Entstehung des Schweigen als Schutzfunktion vor unwillkürlichen Gefühlsäußerungen im öffentlichen Handeln, äußerte (Sennett 1983: 44). Folge dieser öffentlichen Stille ist, trotz deren Sichtbarkeit, die Isolation der Individuen im öffentlichen Raum. Zur Kompensation dieser Isolation entsteht die Tendenz bei den Menschen sich vor Fremden, mit denen sie näher in Kontakt treten möchten, „zu entblößen“, also eine Maske, die in früheren Zeiten für einen zwanglosen Umgang gesorgt hat, fallen zu lassen oder erst gar nicht aufzusetzen (ebd.: 30). Ähnlich wie Sennett (1983: 30 f.) beschreibt Lasch (1995: 16) dieses Anzeichen für den Wandel vom analen zum narzisstischen Identitätsstandard in dem er darlegt, dass der zeitgenössische Mensch dahin tendiert, die Verhaltensweisen der Vergangenheit, und hier insbesondere die Verwendung von Konventionen und Ritualen als Ordnungsprinzipien des öffentlichen Handelns, zu banalisieren. Dies hängt damit zusammen, dass ab dem 18. Jahrhundert zwischenmenschliche Beziehungen vom „Prinzip“ Freiheit „strukturiert“ wurden, eine Vorgehensweise, die sich nicht mit der „Idee der Konvention“ vereinbaren ließ (Sennett 1983: 134).
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Ich halte diese historische Herleitung insofern sinnvoll für die Erklärung des Wandels der Identitätsstandards, als dass sie am Beispiel des öffentlichen Handelns, die Eigenschaften der beiden Identitätsstandards anschaulich skizziert. Die analen Charakterzüge bringen ein zwanghaftes Verhalten in der Öffentlichkeit hervor, dass sich in wirksamen Konventionen der Selbstdarstellung niederschlägt. Die vom narzisstischen Identitätsstandard geprägten Individuen legen hingegen viel Wert auf unmittelbare individuelle Freiheit was dazu führt, dass diese Konventionen abgewertet werden.
Lasch (1995: 14 f.) nennt folgende weitere Anzeichen für den Wandel der Identitätsstandards: Zum einen sei der „vom Konkurrenzdenken geprägte Individualismus“ untergegangen. Die Konsequenz dieses Untergangs ist, dass sich die Gesetzmäßigkeiten des Individualismus zuspitzten, mit der Folge, dass ein „Krieg aller gegen alle“ entstand und das „natürliche Streben nach Glück“ die Individuen in die „narzisstische Selbstbeschäftigung“ getrieben hat (ebd.). Zum anderen beschreibt er die Bestrebung des analen Identitätsstandards, finanzielle Rücklagen zu bilden (Charaktereigenschaft: Geiz [vgl. Punkt 3.1.]) im Vergleich zur Lust am Konsum der Menschen heutzutage (Charaktereigenschaft: Unzufriedenheit mit dem Erreichten [vgl. Punkt 3.2]). Auch sei der narzisstische Charakter hinsichtlich der Einhaltung von Normen bestechlicher als der Zwangscharakter, da er diese nicht verinnerlicht. (vgl. Lasch l.c.: 15 f.). Ich denke diese Aussage ist insofern verkürzt, als dass nicht die Möglichkeit der „Wertesynthese“, ein Verfahren bei dem das Individuum traditionelle und moderne Werte je nach Bedarf verknüpft, berücksichtigt wurde (vgl. Klages 2001: 10 ff.). Schließlich ist noch darauf hinzuweisen, dass Lasch (1995: 57) Sennett vorwirft, bei der Rekonstruktion des Wandels der Indentitätsstandards, Ursache und Wirkung zu verwechseln. Dies begründet er mit Sennetts Annahme, dass die gegenwärtige Beschäftigung der Menschen mit ihrem eigenen Selbst aus dem Eintritt der Privatsphäre in die Öffentlichkeit resultiert (vgl. Sennett 1983: 57 f.). Sennett berücksichtigt aber nur ungenügend „in welch vielfältiger Art und Weise“ die private und die öffentliche Sphäre „immer und überall ineinander verflochten sind“ (ebd.). Auch Bahrdt (1961: 79) erkennt diese enge Verknüpfung zwischen beiden Sphären, wenn er schreibt:
„(...) daß (...) Öffentlichkeit und Privatheit in einem Wechselverhältnis stehen, ja geradezu einander voraussetzen.“
Allerdings sieht er nicht nur die Gefahr, dass die Öffentlichkeit durch private Verhaltensweisen denaturiert wird, sondern er beschreibt dass dieser Prozess auch anders herum verlaufen kann:
„Die Zerstörung der Privatsphäre durch totale Öffentlichkeit gefährdet jene Distanz, die gerade konstitutiv für die Öffentlichkeit selbst ist“ (Bahrdt 1961: 80).
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In diesem Zusammenhang fokussiert Lasch auf die Ökonomisierung der privaten Bindungen, welche zu ungestümen Auseinandersetzungen führt (vgl. 1995: 57). Ökonomische Einflüsse sieht Lasch durch das „Spektakel“ der Medien hervorgerufen, die „narzisstische Träume von Ruhm und Ehre“ befördern (1995: 45). Ich denke eine Folge dieser Entwicklung ist die Entstehung von offenen unverbindlichen Beziehungen, welche nebenbei dem Bestreben nach Selbstverwirklichung entgegenkommen.
Zudem bin ich der Meinung, dass diese Öffentlichkeit im eigenen Wohnzimmer die ohnehin schon gelockerten Beziehungen in primären und informellen Gruppen und Netzwerken weiter verflüssigen kann (vgl. Punkt 5.3.). Zwischenmenschliche Beziehungen die eigentlich tiefe Vertraulichkeit bieten könnten, werden so durch Oberflächlichkeit dominiert. Dadurch wird die Privatheit ihrer Funktion für das Individuum beraubt, sich in engen und vertraulichen Beziehungen selbst zu finden.
Deswegen treten in der Öffentlichkeit gehäuft Verhaltensweisen auf, die früher der privaten Sphäre zugeschrieben wurden, da die statusunsicheren Individuen nun in diesem Bereich nicht mehr distanziert zum eigenen Ich handeln, sondern versuchen ihr Ich im öffentlichen Leben darzustellen, um sich Selbst zu finden. Mit gehäuft meine ich die steigende Tendenz solche Verhaltensweisen an den Tag zu legen. Ich sehe in diesem Zusammenhang das Verhalten der Individuen allerdings nicht als Spielball der öffentlichen und privaten Sphäre an. Vielmehr gehe ich davon aus, dass der Mensch bewusst, je nachdem in welcher Konstellation von Interaktionspartnern er sich befindet und abhängig von der Motivation die seinem Verhalten in dieser Situation zugrunde liegt, entscheiden kann, entweder private oder öffentliche Verhaltensweisen zu benutzen.
4. Bedeutung der Selbstdarstellung im Wandel
Unverbindlichkeit in Beziehungen zu anderen und der Verzicht auf Konventionen im Umgang mit ihnen bedeutet zwar für das Individuum ein Höchstmaß an Freiheit aber zugleich auch eine reduzierte Qualität des zwischenmenschlichen Austausches. Welche Folge hat diese Reduzierung? Von Aristoteles stammt der Satz:
„Der Mensch wird seiner Selbst auf dem Weg über andere inne. (...) Er (Anm. d. Verf.: Der Andere) ist wie ein Spiegel der Selbsterkenntnis“ (Aristoteles, zitiert in: Gadamer 1991: 404). Wenn Interaktionen zwischen Menschen unter anderem ein Werkzeug zur Erkenntnis des wahren Selbst sind, so verliert das Individuum diesen Erkenntnisgewinn, wenn die Beziehungen unkonventionellen und dadurch oft auch kurzweiligen Charakter annehmen, weil sich so kein wirklicher Erfahrungs- und Meinungsaustausch entfalten kann. Kurz gesagt, verliert der Einzelne ein Reservoir an Möglichkeiten sich selbst zu spiegeln.
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Damit meine ich die Reaktionen der Anderen auf sein Verhalten, welche ihm dazu dienen, Anteile seines Selbst zu erkennen. Wie hängt die Tätigkeit der Selbstdarstellung mit diesem Erkenntnisgewinn zusammen?
4.1. Selbstdarstellung zum Anzeigen der Funktionen einer sozialen Rolle
Um ein grundlegendes Verständnis zu den Funktionen der Selbstdarstellung zu schaffen, rezipiere ich im Folgenden die Ausarbeitung von Erving Goffman (1969) zu diesem Thema. Seiner Theorie stelle ich die Ansichten Sennetts (1983) gegenüber. Beide Autoren verwenden Begriffe aus der Theaterkunst um das zwischenmenschliche Schauspiel zu beschreiben. In dieser Ausarbeitung benutze ich das Vokabular im Sinne Goffmans. Ich werde es unter Punkt 7.3. auf die Möglichkeiten der Selbstdarstellung im „studiVZ“ übertragen. Bei Goffman (1969) ist vom Menschen als Schauspieler die Rede. Als Schauspieler spielt er soziale Rollen. Er stellt sich auf der Vorderbühne dar.
„Wenn wir eine bestimmte Darstellung als Bezugspunkt wählen, wird es sich manchmal empfehlen, für die Region, in der die Vorstellung stattfindet, den Ausdruck ´Vorderbühne` zu verwenden“ (Goffman 1969: 100).
Der Begriff der Fassade beschreibt „ein standardisiertes Ausdrucksrepertoire, das der Einzelne in seiner Vorstellung bewusst oder unbewusst verwendet“ (Goffman 1969: 23). Die Fassade ist geteilt in „Erscheinung und Verhalten“, wobei der erste Teil den Status verrät und der zweite die Rolle anzeigt“ (ebd: 25). Ein Teil der Fassade sind Bühnenbilder, die meist unbeweglich im geographischen Sinne“ sind (ebd.). Auf der Bühne können sowohl Einzelne agieren als auch Individuen miteinander interagieren. Die Interaktion ist für Goffman eine wechselseitige Beeinflussung“ (vgl. Goffman l.c.: 18) innerhalb einer Situation, die er einerseits als „vom Einzelnen entworfen“ und andererseits als „integralen Bestandteil einer Darstellung“ (ebd.: 72) beschreibt. Wenn mehrere Individuen gemeinsam „eine Rolle aufbauen“ bilden sie ein Ensemble (ebd.: 75). Das Publikum schaut nicht nur zu, sondern kann den Darsteller schützen. Zum Beispiel indem es Unstimmigkeiten zwischen dem erweckten Eindruck und der Realität „taktvoll“ übersieht (ebd.: 210). Eindrücke werden durch Selbstdarstellung erweckt. Goffman (1969: 23) verwendet den Begriff der Selbstdarstellung: „(...) zur Bezeichnung des Gesamtverhaltens eines Einzelnen (...), das er in Gegenwart einer bestimmten Gruppe von Zuschauern zeigt und das Einfluß auf diese Zuschauer hat“ Hier stimmt er mit Sennett (vgl. 1983: 55) überein, indem er die Schauspielerei des Menschen als Mittel zur Herstellung von Glaubwürdigkeit beschreibt, durch die letztlich auch das Publikum beeinflusst werden kann. Beide Autoren leiten von dieser Aussage die Erkenntnis ab, dass von den „Einzelrollen“ des Darstellers nicht auf sein „Wesen“ geschlossen werden kann (Sennett 1983: 146, Goffman 1969: 73).
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Arbeit zitieren:
M.A. Michael Noack, 2008, Selbstdarstellung im virtuellen Netzwerkraum - Selbstdarstellung im Internet am Beispiel des studiVZ, München, GRIN Verlag GmbH
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