Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Epitaphien 3
2.1 Die „Tradition“ des Redens 3
2.2 Die Dreiteilung der Begräbniszeremonie 4
2.3 Ungewisse Ursprünge 5
2.4 Der „Standard“-Epitaphios 6
3 Der Epitaphios des Perikles 7
3.1 Zeit und Ort der Abfassung 7
3.2 Lob auf Athen 8
3.3 Kult und Rechtfertigung 10
3.4 Hymnus oder Belehrung? 12
4 Schluß 14
Quellen 15
Literatur 15
1 Einleitung
Athenische Reden hatten schon immer fasziniert. Nirgendwo sonst kann man in dieser Detailfülle Geschichtliches, Gesellschaftliches und Religiöses erfahren und gleichzeitig ist man selten der Verfälschung, Schönfärberei so stark ausgeliefert. Lange wußte man nicht recht, wie man mit einem Thukydides umzugehen hatte, der sich einerseits der Objektivität verp¤ichtet hatte, sie andererseits aber in dem Loblied des Perikles auf Athen, den Epitaphios von 431, zu vergessen schien. Eine so propagandistische Selbstbeweihräucherung paßte nicht recht in das Bild von Thukydides. In dieser Arbeit soll es darum gehen, warum Thukydides Perikles diese Rede sprechen ließ, ja auch darum, warum Perikles in Thukydides Verständnis diese Rede halten mußte.
Es soll kurz die Motivation, die hinter den Epitaphien allgemein steckte, beleuchtet und erklärt werden. Die religiösen und politischen Beweggründe für die Notwendigkeit dieser Reden soll herausgestellt werden.
2 Epitaphien
2.1 Die „Tradition“ des Redens
Die Epitaphien, die Gefallenenreden, sind erst erschließbar, wenn man sich die Bedeutung des Redens und des Redners in der athenischen Demokratie bewusst macht. Die Rede hat die Athener nicht nur direkt in ihrem politischen Denken geprägt, die Rede gilt „als die Grundlage der politischen Tätigkeit“ 1 . Die Rede ist das, was die Meinung der Menschen in Athen formte, allein durch die Rede - war es eine gute und mitreißende - hatte der Redner die Chance, die Volksversammlung hinter sich zu bringen, als „Demagoge“ das Volk zu beein¤ussen. Der Redner ist ho politeuomenos, der Bürger, der von seinem Bürgerrecht Gebrauch macht 2 .
1 Bleicken, Jochen: Die athenische Demokratie, Paderborn, 1986, S. 137: B. nennt „Der Staat der Athener“ als Quelle, sowie Aristophanes, der in den „Rittern“ sagt, in Marathon hätten sich die Athener das Recht
erkämpft, mit der Zunge zu streiten.
2 Hansen, Mogens Herman: The Athenian democracy in the Age of Demosthenes, Oxford, 1991, S. 268.
3
Thukydides läßt fast alle Gedanken, Vorschläge und Thesen, die in eine Auseinandersetzungen führen in der Form der Rede erscheinen, und auch Perikles selbst legt er es in II, 40, 5 in den Mund: „Denn wir sehen nicht im Wort eine Gefahr fürs Tun, wohl aber darin, sich nicht durch Reden zuerst zu belehren, ehe man zur nötigen Tat schreitet.“ 3 Wie sehr sich allerdings die Reden bei Thukydides von sonstigen uns erhaltenen Reden unterscheiden, wird sich im Folgenden noch zeigen.
In den athenischen Reden kommt die Selbstauffassung der Athener, ihr Verständnis von Staat, Politik, und Demokratie zur Geltung, aber auch ihre Ideale, ihre Religiosität und Verwurzelung mit der Tradition. Die Reden der Athener sind voll von politischen Aus-einandersetzungen, doch ebenso zeigt sich in ihnen überzogene Propaganda und Verherrlichung des eigenen Staates. Dabei kam es dem antiken Leser oder Zuhörer in erster Linie gar nicht so sehr auf die eigentliche Kontroverse an, sondern vielmehr - da er die Rede als Kunstwerk und den Redner als Künstler ansah - auf sprachliche Eleganz und eine schlüssige, anschauliche Beweisführung. Nach diesem Prinzip sprach auch der Redner: Gern vernachlässigte er den Wahrheitsgehalt seiner Ausführungen zugunsten einer ausgeklügelten Rethorik 4 . Schon hier soll festgestellt werden, daß man nicht erwarten darf, Reden als tatsächliche so gehaltene vor sich zu haben. Etliche antike Autoren erfanden £ktive Reden für die Veranschaulichung ihrer politischen oder philosophischen Meinung. Auch der hier behandelte Epitaphios des Perikles muß von diesem Hintergrund ausgehend untersucht werden.
2.2 Die Dreiteilung der Begräbniszeremonie
Die Gefallenenreden standen nicht allein, sondern waren eingebunden in einen festen religiösen Ritus. Dieser Ritus fand einmal im Jahr, laut Thukydides im Winter, zu Ehren der im vergangenen Jahr Gefallenen statt. Unterteilt war die Zeremonie in drei Teile: Drei Tage vor der Beisetzung wurden die Toten öffentlich aufgebahrt (prothesis), und jeder hatte damit die Möglichkeit, den Seinen Spenden darzubringen. Am Tage der Beerdigung wurden die Toten in Särgen - jedem Stamm einer - in einer Prozession (ekphora) zum
3 Nach der Übersetzung von Georg Peter Landmann
4 Gigon, Olof: Das hellenische Erbe, in: Propyläen Weltgeschichte, hrsg. von Golo Mann et al., Griechenland, Die Hellenistische Welt, Band 3.2, Frankfurt/Main, 1962, S. 660.
4
Friedhof Kerameikos gebracht. Jeder, der wollte, konnte an der Prozession teilnehmen, nach Meinung Loraux, die Frauen jedoch nicht 5 . Das Trauern und Wehklagen scheint zumindest den Frauen „vorbehalten“, ja sogar fester und gelenkter Bestandteil der ganzen Zeremonie gewesen zu sein. Nach der eigentlichen Beerdigung (taphos) hatte ein zuvor von der Stadt gewählter Redner eine Lobrede auf die Toten zu halten, den Epitaphios. Erst damit war die Bestattung abgeschlossen.
2.3 Ungewisse Ursprünge
Ab welchem Zeitpunkt Gefallenenreden fester Bestandteil der Begräbniszeremonie wurden, ist nicht zufriedenstellend zu klären. Überhaupt ist unbekannt, wann erstmals öffentliche Bestattungen eingeführt wurden. Thukydides schreibt in diesem Zusammenhang, daß alle im Kriege Gefallenen in Kerameikos beigesetzt wurden, bis auf die von Marathon, die an Ort und Stelle begraben worden waren 6 . Man könnte daraus schließen, daß öffentliche Begräbnisse Gefallener zumindest seit Marathon (490 v. Chr.) üblich waren. Ob hier allerdings schon Reden zu Ehren der Toten gehalten wurden ist nicht bekannt. Strasburger argumentiert, daß gerade weil Thukydides die in den Epitaphien angewandte Selbstbeweihräucherung der Athener leid sei (II 36, 6), und zudem noch in der attischen Tragödie eine ähnliche Tradition zu erkennen sei, Form und Aufbau der Epitaphien schon lange vorher dem thukydideischen Epitaphios festgestanden haben müssen 7 . Jacoby hingegen datiert die ersten athenischen Epitaphien auf 456 v.Chr. und beruft sich dabei auf Diodor 11, 33, 3 8 . Sicher ist jedoch, daß Staatsbegräbnisse bis in ins erste vorchristliche Jahrhundert gang und gäbe waren.
Alle uns erhaltenen Epitaphien stamme aus der Zeit nach Thukydides. Hier wären beispielsweise die Gefallenenreden des Demosthenes, Platons, Isokrates und Aristides zu nennen.
5 Loraux, N.: Die Trauer der Mütter, Frankfurt/Main, 1992, S. 32f.
6 Thuk. II 34, 5.
7 Strasburger, Hermann: Thukydides und die politische Selbstdarstellung der Athener (1958), in: Thukydides, hrsg. von Hans Herter, Darmstadt, 1968, S. 504.
8 s.a. Kakridis, Johannes, Theoph.: Der Thukydideische Epitaphios, Ein stilistischer Kommentar, München, 1961.
5
Arbeit zitieren:
Markus Horeld, 1997, Der Epitaphios des Perikles - Eine Interpretation der Gefallenenrede von 431 v. Chr. (Thuk. II, 35-46), München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike
Seminararbeit, 18 Seiten
Die attische Demokratie in der Leichenrede des Perikles auf die Gefall...
Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike
Seminararbeit, 18 Seiten
Thukydides - der Geschichtschreiber des Peloponnesischen Krieges
Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike
Seminararbeit, 13 Seiten
Die athenische Demokratie in der Ära des Perikles
Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike
Hausarbeit (Hauptseminar), 44 Seiten
Schulpraktische Studien - Beobachtungen pädagogischer Situationen im R...
Hausarbeit (Hauptseminar), 20 Seiten
Die Funktion der Krankheit in Hartmanns von Aue "Der arme Heinric...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit, 16 Seiten
Carl Schmitt und die Theorie des Freund-Feind-Schemas
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Seminararbeit, 15 Seiten
Romantische Elemente in Tiecks 'Runenberg'
Deutsch - Deutsch als Fremdsprache / Zweitsprache
Hausarbeit, 21 Seiten
Supp'd Full With Horrors - Änderungen und ihre Aussage in Roman Po...
Hausarbeit (Hauptseminar), 29 Seiten
Vernunft vs. Affekt. Zur dramentheoretischen Entwicklung von Gottsched...
Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen
Hausarbeit, 15 Seiten
Lessings "Emila Galotti" als aristotelisches Drama
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 24 Seiten
Geowissenschaften / Geographie - Bevölkerungsgeographie, Stadt- u. Raumplanung
Seminararbeit, 13 Seiten
„Der blonde Eckbert“ von Ludwig Tieck - Eine Erzähltextanalyse
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 12 Seiten
Praxisansätze zum selbstgesteuerten Lernen im Sport
Sport - Sportpädagogik, Didaktik
Seminararbeit, 13 Seiten
Über die Lepra des armen Heinrich
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit, 17 Seiten
Orientierungspraktikum an der Jens-Nydahl-Grundschule in Berlin-Kreuzb...
Praktikumsbericht / -arbeit, 25 Seiten
Der Aufstieg und das Ende von Parteien in der Weimarer Republik und de...
Hausarbeit, 12 Seiten
Gemischte Charaktere in Gotthold E. Lessings 'Emilia Galotti'
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 18 Seiten
Perikles und die attische Demokratie
Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike
Hausarbeit (Hauptseminar), 31 Seiten
Markus Horeld hat den Text Der Epitaphios des Perikles - Eine Interpretation der Gefallenenrede von 431 v. Chr. (Thuk. II, 35-46) veröffentlicht
Markus Horeld hat einen neuen Text hochgeladen
Kursheft Geschichte. Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der USA. Schüle...
Von der Industrialisierung bis...
Wolfgang Jäger
ETUDES SUR LES EVANGILES SYNOP
J DuPont
Celebratory Volume Dedicated t...
Chris Cornelis, Glad Deschrijver, Mike Nachtegael, Steven Schockaert, Yun Shi
0 Kommentare