Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung S.3
1.1. Historischer Entstehungshintergrund S.3
1.2. Einführung in die „Theodizee-Debatte“ S.4
2. Voltaires „ Candide ou l´optimisme“ und der Begriff des physischen und des
moralischen Übels S.5
2.1. Kleists Verkehrung des triadischen Modells S.7
2.2. Die Gesellschaftsutopie von Rousseau bei Kleist S.8
2.3. Natur und Gesellschaft S.9
3. Kants „Dialektik der Natur“ und der „D´Alembertsche Grundsatz“
S.11
4. Kleists Sinnkonstruktion- und Destruktion S.11
5. Ausblick S.12
6. Literatur S.14
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1. Einleitung
„Das Erdbeben in Chili“ von Heinrich von Kleist erschien 1807 erstmalig unter dem Titel „Jeronimo und Josephe. Eine Scene aus dem Erdbeben zu Chili, vom Jahr 1647“in der Zeitung „Morgenblatt für gebildete Stände“. Die Erzählung soll im folgenden vor dem Hintergrund der philosophisch-theologischen Theodizee-Diskussion interpretiert werden, die damals durch das Erdbeben von Lissabon von 1755 ausgelöst wurde, und die sich mit der Frage auseinandersetzte, „ob und wie das Erdbeben als Ausdruck göttlichen Willens zu verstehen sei“. Kleist, der mit den historischen und philosophischen Fakten vertraut war, ließ diese Diskussion unmittelbar in „ Das Erdbeben in Chili“ einfließen. Während er mit seiner Erzählung einen eigenständigen Beitrag zum Inhalt der Debatte leistet, soll nachgewiesen werden, dass er grundlegende Positionen von Leibniz, Voltaire, Rousseau und Kant aufgriff und literarisch problematisierte. Zum anderen sollen diejenigen Aspekte, die Kleist der vorgegebenen Diskussion hinzufügte, verdeutlicht werden. „Das Erdbeben in Chili“ ist dabei nicht als philosophischer, sondern als literarischer Text zu verstehen und dementsprechend zu behandeln. Kleists „Erdbeben“ bewegt sich in der Dialektik von Kultur und Natur, von Mensch und Gesellschaft, von Teleologie und Kontingenz. Nach der der Hausarbeit zugrundeliegenden These, die im einzelnen erörtert werden soll, wird die Darstellung des Geschehens begriffen als Absage an einen metaphysisch verbürgten Sinn, den der Mensch erfassen kann.
1.1.Entstehungshintergrund von Kleists „Erdbeben in Chili“
Bis heute ist nicht vollständig rekonstruiert, welche historischen Quellen Kleist im einzelnen für seine Erzählung „Das Erdbeben in Chili“ auswertete. Es besteht aber kein Zweifel darüber, dass das berühmte Erdbeben in Lissabon 1755 und die nachfolgende philosophisch-theologische Debatte Kleist als inhaltlicher Bezugspunkt für das „Erdbeben“ dienten. Dennoch verlegte er den Schauplatz seiner Erzählung nach Santiago, Chile, und übernahm historische und geographische Angaben über das Erdbeben in Santiago vom 13.Mai 1647 in seiner Erzählung übernahm. Da Kleist selbst nie in Südamerika gewesen ist, nimmt man an, dass er seine Kenntnisse über Chile und das Erdbeben aus zeitgenössischen Reiseberichten, einschlägigen Zeitschriftenartikeln sowie durch eigene Quellenstudien gewann, wobei im 18.Jahrhundert insbesondere die
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Erdbebendarstellungen von Frezier, Vidaurre und Molina verbreitet waren. Von der Schilderung des Erdbebens in Santiago übernahm er an entscheidenden Fakten den Umstand der Erhaltung der Kirche sowie die Predigt des Bischofs. Die Entscheidung Kleists, das Geschehen in Chile stattfinden zu lassen, ist vermutlich in der traditionellen spanisch- iberoamerikanischen „Verquickung von kirchlichem und staatlichem Rechtsvollzug“ 1 , der Inquisition, und der großen Macht der katholischen Kirche, zu suchen, die in der Konzeption des „Erdbebens“ die Funktion der Gegeninstanz zur Naturgewalt einnimmt. 1.2.Einführung in die Theodizee-Debatte 1756
Das Erdbeben in Lissabon entwickelte sich durch die nachfolgende Theodizee- Debatte zu einem Ereignis von weltgeschichtlichem Rang. Vor dem Erdbeben war in der europäischen Aufklärung Gottfried Wilhelm Leibniz´„Lehre des Optimismus“ vorherrschend, die er in seinen Essays zur Theodizee 1710 vertrat. Leibniz bezeichnete die Welt als die „beste aller möglichen Welten“, in der sich partikulär vorhandenes Übel im Zusammenhang eines größeren Ganzen relativiert. Diese Sichtweise wurde durch das Erdbeben in Lissabon fragwürdig. Die Theodizee, die Rechtfertigung eines Gottes trotz vorhandenen Übels, geriet angesichts des Ausmaßes des Grauens durch die Naturkatastrophe in die Kritik. Leibniz´ Theorie von der besten aller möglichen Welten erschien durch die Ereignisse plötzlich in Frage gestellt und führte zu der Diskussion, ob und wie sich das Erdbeben als Ausdruck göttlichen Willens verstehen lasse. Die Debatte leitete den Übergang vom fundierten Optimismus zum aufgeklärten Skeptizismus ein und bereitete in letzter Konsequenz der Abschaffung Gottes den Weg. Als einer der ersten äußerte sich Voltaire 1756, bis dato selbst ein überzeugter Anhänger des radikalen metaphysischen Optimismus von Pope, in seinem Gedicht „Poème sur le desastre de Lisbonne“ zu den Konsequenzen der Katastrophe. Seine Kritik richtete sich hauptsächlich gegen das „Prinzip der Notwendigkeit“ [des Übels in der Welt]. Besonders scharf griff er Popes radikales Axiom „Alles ist gut wie es ist“ an, und er forderte die unbeschönigte Anerkennung des irdischen Leids. Da Voltaire dennoch an Gott festhielt, blieben die zerstörerischen Naturphänomene rätselhaft und unerklärbar. Rousseau und Kant glaubten ebenfalls an die Existenz eines Gottes, lehnten aber theologische und metaphysische Spekulationen über den Sinn der Naturkatastrophe ab. Für Rousseau stellte
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sich nicht das Problem der Rechtfertigung des in der Welt vorhandenen Übels, welches Voltaire aufwarf, da die Vollkommenheit göttlichen Schaffens außer Zweifel steht. Damit sieht Rousseau den streitbaren Punkt allein in der Frage nach dem Dasein Gottes. Zudem weist Rousseau, ähnlich wie Kant, auf die Selbstverantwortlichkeit und Mitschuld des Menschen an seinem Schicksal hin. Kant zufolge manifestiert sich in den Naturgesetzen Gottes seine Schöpfungsmacht, woraus folgt, dass alle natürlichen Phänomene ihren Sinn haben. Die einzelnen Positionen werden im Folgenden anhand von Kleists Erzählung näher erläutert.
2.Voltaires „Candide ou l´Optimisme » und der Begriff des „moralischen“ und „natürlichen Übels“
Kleists „Erdbeben“ knüpft an die inhaltlichen Momente von Voltaires „Candide“ an. Voltaire verfasste seinen Roman „Candide ou l`Optimisme » als satirisch-zynische Antwort auf Rousseaus abwiegelnde Stellungnahme zu seinem Gedicht « Poème sur le desastre de Lisbonne“. Der Roman erschien 1759 anonym. Der Protagonist Candide, der von seinem Lehrer, dem „Optimismus-Philosophen Pangloss“ (hinter dem sich Leibnitz verbirgt) geleitet wird, hält darin trotz nicht endender Missgeschicke und Katastrophen an seiner These von der besten aller möglichen Welten fest. Die beiden geraten in das Erdbeben von Lissabon, überleben und werden von der Inquisition aufgrund ihrer „Alles ist gut“-Parole aufgegriffen und Pangloss zur Verhütung weiterer Unglücke hingerichtet. Eine wichtige Parallele zu Kleists Erzählung ist darin zu sehen, dass im „Candide“ sowie im „Erdbeben von Chili“ auf das Überstehen der Naturkatastrophe, in beiden Fällen dem Erdbeben von Lissabon, der Mord durch die Inquisition bzw. durch die vom Priester aufgestachelte Menge folgt, und sich folgerichtig das Problem der Rechtfertigung des Übels in der Welt stellt. Voltaire sowie Kleist spielen hier mit der philosophischen Begrifflichkeit Leibniz´, der das Übel der Welt in metaphysisches, physisches und moralisches Übel einteilte. Das physische Übel („mal physique“) meint nach Leibniz natürliche Erscheinungen, zu denen das Erdbeben und andere Naturkatastrophen zählen; das moralische Übel („mal moral“) bezeichnet die Sünde des Menschen, der zwar mit Freiheit ausgestattet ist, sich aufgrund seiner Unvollkommenheit jedoch versündigt. Während Voltaire im „Candide“ auf das natürliche Übel das moralische Übel folgen lässt, werden die Begriffe bei Kleist durch die Darstellung verschiedener Perspektiven auf das
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Arbeit zitieren:
Claudia Schöll, 2002, „Das Erdbeben in Chili“ und Kleists Rezeption der Theodizee - Debatte von 1756, München, GRIN Verlag GmbH
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