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Bei einer Betrachtung der Rock- und Popmusik in Deutschland in der Schule muss die Band Keimzeit nicht unbedingt außen vor gelassen werden. Die Brüder Leisegang und ihre über die Jahre teilweise ausgewechselten Bandkollegen haben die deutsche Musiklandschaft möglicherweise nicht entscheidend geprägt, spielten aber besonders in der DDR eine nicht unbedeutende Rolle. Im Dschungel des Musikmarktes in Deutschland, der in den 90er Jahren immer dichter zu werden schien, wurden Keimzeit dann nicht zuletzt durch ihren Hit „Kling Klang“ von einem größeren Publikum wahrgenommen; doch auch ihre Zusammenarbeit mit dem Produzenten Franz Plasa Ende der 90er Jahre brachte sie in den bittersüßen Genuss, viele neue Fans zu gewinnen und gleichzeitig mehrere langjährige zu verlieren, die mit dem neuen - „angepassten“ - Stil nichts mehr anzufangen wussten. Die beeindruckende musikalische Entwicklung ist einer der Faktoren für die Betrachtungswürdigkeit der Band, da sich Keimzeit im Laufe ihrer Karriere neu definiert haben, und das bei gleich bleibendem intellektuellen Anspruch. Oder haben sie sich tatsächlich nur dem Markt angepasst, um überhaupt auf dem gesamtdeutschen musikalischen Umschlagplatz Fuß behalten zu können? Gegründet 1980 in Brandenburg, fernab von großen Städten, in denen die Musikszene tobt, probte die Band „Jogger“ im Elternhaus. Die jugendlichen Geschwister Norbert, Hartmut, Roland und Marion Leisegang konnten sich in der letzten Dekade der Vorwendezeit in der DDR einen bedeutsamen Namen machen (ab November 1982 als „Keimzeit“) und erarbeiteten sich ihren Bekanntheitsgrad schrittweise von Lütte aus, bis sie von der Jury der Kulturverantwortlichen der DDR erstmals eingestuft wurden und so bereits 1981 das Zertifikat der Mittelstufe erhalten, was ihnen gestattete, Konzerte zu geben und dadurch Geld einzunehmen. Fünf Jahre später erhalten sie die Einstufung der „Sonderklasse“, was ihren Honorarsatz erheblich erhöhte. Der Staat belohnte sie außerdem mit Urkunden und Auszeichnungen wie „Hervorragendes Amateurtanzorchester der DDR“ und dem „Förderpreis des Zentralhauses für Kulturarbeit der DDR“, allerdings nicht, ohne vorher die Kapelle als verboten eingestuft zu haben, da sie pazifistische Texte unter das Volk bringen:
„KINDERLIED“
Es tut unheimlich weh, wenn ich Kinder seh Die mit Gewehren zielen und mit Panzern spielen Soldaten aus Plaste gehen dabei dann drauf Soldaten aus Plaste stehen immer wieder auf
2
[…]
Es tut unheimlich weh, wenn ich am Ende sie seh Wie sie für Vaterland und Orden sinnlos morden Lebende Menschen gehen dabei dann drauf 1 Doch wenn wir erstmal tot sind, stehen wir nie wieder auf
Eine Amateurband waren sie tatsächlich immer noch, jedenfalls den Begrifflichkeiten des Kultusministeriums der DDR zufolge. Dieser Status, trotz Sonderklasse, bedeutete, dass das Musizieren nur in der Freizeit erfolgte, neben dem Beruf, den sie auszuüben verpflichtet waren. Gerade hier lag das nächste Problem, denn es war gerade der Texter und Sänger, der seinem Auftrag als Lehrer für Mathematik und Physik nicht nachkam. 2
Trotz dieser Auseinandersetzungen mit dem Staat konnten Keimzeit sich als gefragte Live-Band etablieren und wurden im gesamten ostdeutschen Gebiet unter anderem berühmt für ihre fünf bis sechs Stunden langen Konzerte. Neben Bands wie City, den Puhdys und Karat wurden Keimzeit vergleichsweise jedoch eher als Geheimtipp gehandelt, „ohne Platten und Radiopräsenz“. 3 Kurios in der Geschichte der Band ist auch die Art der Übernachtung während der Tourneen. Während der Konzerte fragte die Band schlichtweg die Konzertbesucher, ob sie einen Schlafplatz zur Verfügung hätten. Auf diese Weise konnte man viel Geld für neue Technik ansparen, und so konnten Keimzeit ihr Equipment stetig verbessern, während andere Bands einen großen Teil ihres Budgets normalerweise in Hotelzimmer und ähnliches investierten. Dieses Verfahren wandten sie bis Mitte der 90er an. Das Konzertleben von Keimzeit ist in der Tat wohl das, was die Band vorrangig definiert. In den mehrstündigen Konzerten heute kommen in der Regel alle Besucher auf ihren Geschmack, da das Programm nie einseitig gestaltet ist und immer eine gute Mischung von alten Klassikern und neuem Material dargeboten wird. Die Intensität der Tourneen zeigt, dass Keimzeit eindeutig gut beschäftigt und auch gefragt sind, im Osten immer noch deutlich mehr als im Westen Deutschlands. Schon Ende der 80er, als die Tourneen also noch auf das DDR-Gebiet beschränkt waren, waren 120 Konzerte pro Jahr die Norm. 4 Heute, wie am Anfang ihrer Karriere nehmen sich die Bandmitglieder immer noch nach jedem Konzert die Zeit, sich mit Fans zu unterhalten und bleiben so, wie es scheint, auf dem Boden der Tatsachen,
1 Christian Hentschel, Keimzeit: Das Buch (Berlin: Schwarzkopf & Schwarzkopf, 2005) 92.
2 Vgl. Hentschel, Keimzeit, 80-90.
3 Michael Rauhut, Rock in der DDR (Bundeszentrale für politische Bildung, 2002) 140.
4 Hentschel, Keimzeit, 118.
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trotz des gestiegenen Bekanntheitsgrades und der vor allem in
„alternativen“ Kreisen steigenden Popularität. Die „Wende“ brachte für die ostdeutschen Bands vor allem die Möglichkeit mit sich, Platten im westlichen Teil Deutschlands aufnehmen zu können, was einerseits zu einer Horizonterweiterung beitrug und außerdem natürlich die Möglichkeiten einer erweiterten Nutzung der neuesten Aufnahme- und Editionstechnologien vergrößerte. Während der 26 Jahre Bandgeschichte haben Keimzeit es geschafft, ihren eigenen Weg zu gehen, zunächst ohne Rücksicht auf den Zeitgeist, später mit Betonung auf demselben. Die ersten Jahre, als reine Live-Band ohne Plattenvertrag, waren musikalisch vorrangig geprägt von Jazz und anderen verwandten Stilen, so auch Latino-Elementen, Rumba, Swing, Blues und Ska. In den ersten Alben sucht man vergebens nach der Art Rock, wie er von anderen ostdeutschen Bands interpretiert wurde. 1998 jedoch brachte eine extreme Stilwende mit sich. Nachdem die Band über ein Jahr lang versucht hatte, Franz Plasa als Produzenten zu gewinnen, willigte dieser ein und leitete so mit Im elektromagnetischen Feld ein neues Kapitel der Keimzeit-Geschichte ein. Der seichte Blues und Jazz mit Walking Bass, der während der vergangenen 20 Jahre ihre Bühnenakustik ausmachte, wich nun härteren Gitarrensounds, einer präsenteren Schlagzeugspur und dichterem Klang insgesamt. Vor allem aber klingen die Alben seither mehr dem Mainstream angeglichen. Das bedeutete eine Zunahme der Anhängerschaft in den Kreisen, die generell der deutschen Rockmusik wohlwollend gegenübertraten, aber gleichzeitig auch eine Ablehnung von Seiten der alten Fans. Daraus geht nicht unbedingt hervor, dass die Verkaufszahlen stiegen, aber der Bekanntheitsgrad wohl schon. Die Anpassung an die vorherrschende Musikschiene scheint auch provoziert zu haben, dass das Durchschnittsalter der Anhängerschaft sank.
Die Keimzeitsche Musik der letzten Dekade scheint in gewisser Weise gereift zu sein, ernster und schwerer als zuvor. Das spricht nicht alle Hörer an, und die, die mit Keimzeit „groß“ geworden sind, suchen in den Platten von heute vergebens nach Nachfolgern des Soundtracks ihrer 80er und frühen 90er. Doch „[e]ine Band sollte den Mut haben, zu ihrem Publikum offen zu sagen: Hört auch das neue Material, macht euch vertraut mit dem, wozu wir jetzt stehen. Geht mit uns diesen Weg, nehmt es an. Oder eben nicht“ (Norbert Leisegang). 5
5 Hentschel, Keimzeit, 205.
Arbeit zitieren:
Cornelia Richter, 2006, Bunte Scherben im elektromagnetischen Irrenhaus, München, GRIN Verlag GmbH
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